{"id":473,"date":"2017-07-13T12:00:49","date_gmt":"2017-07-13T10:00:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/?p=473"},"modified":"2025-03-04T15:30:29","modified_gmt":"2025-03-04T13:30:29","slug":"falko-schmieder-von-engeln-und-toren-zu-gloria-gaynors-i-will-survive","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2017\/07\/13\/falko-schmieder-von-engeln-und-toren-zu-gloria-gaynors-i-will-survive\/","title":{"rendered":"Falko Schmieder: VON ENGELN UND TOREN. Zu Gloria Gaynors \u00bbI will survive\u00ab"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Es war nicht das erste Mal, dass der Begriff des \u00dcberlebens in die Welt des Entertainments eingef\u00fchrt wurde, aber Gloria Gaynors Disco-Hit <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=7SxqJsYFL-Q\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><em>I Will Survive<\/em><\/a> aus dem Jahr 1978 markiert doch eine Z\u00e4\u00adsur. Wie Titel, Leitmotiv und Formsprache des Songs verweist auch das Vokabular, in dem sein durchschlagender Erfolg be\u00adschrieben worden ist, auf die Aktualit\u00e4t eines unheimlich ge\u00adwordenen Erbes. Der Beginn der modernen Geschichte, die den Konnex von Fun und Survival stiften hilft, l\u00e4sst sich datieren auf Darwins Ersetzung der Bezeichnung \u00bbnatural selection\u00ab durch den Ausdruck \u00bbsurvival of the fittest\u00ab, der ihm \u00bbbesser und zuweilen ebenso bequem\u00ab wie jener erschien. Dies wird f\u00fcr lange Zeit das letzte Mal gewesen sein, dass die Verwendung des Ausdrucks \u00bbsurvival\u00ab als \u00bbbequem\u00ab angesehen wurde. Mit seiner \u00dcbertragung auf das Feld der Kultur und des Sozialen wurde er zu einem biopolitischen Kampfbegriff, der im Namen der Vollstreckung nat\u00fcrlicher Gesetze Praxen der Ausgrenzung oder Ausrottung von Menschen legitimieren half.<!--more--><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Die Erben der Geschichtsphilosophie haben das Konzept am\u00fcsiert aufgenommen \u2013 als indirekte Anerkennung der modernen Gesellschaft als ein \u00bbgeistiges Tierreich\u00ab (Hegel), in dem sich in Form einer \u00bbzweiten Natur\u00ab die Blindheit der ersten reproduziere. Unm\u00f6glich ist eine solche Rezeption ge\u00adworden, seit die Nazis die eliminatorischen Implikationen des Konzepts exekutierten, indem sie die Juden zur \u203aGegenrasse\u2039 erkl\u00e4rten, die der Vernichtung bestimmt war. Doch noch Hans Blumenberg hat nach der Niederschlagung des Nationalsozialismus am Konzept des Survival festgehalten. Dessen \u00dcbertragung auf die Menschen als biologische Wesen hat er zwar vehement abgelehnt, aber zur Erkl\u00e4rung der Entwicklung und des Erhalts technischer und kultureller Ph\u00e4nomene schien ihm der Begriff unverzichtbar. Seine \u00e4sthetische Anthropolo\u00adgie fasst die Kunst des \u00dcberlebens als Gewinn an Distanz ge\u00adgen\u00fcber dem \u203aAbsolutismus der Wirklichkeit\u2039 auf. Allerdings unterschl\u00e4gt die einfache Trennung des Erbes in positive und verwerfenswerte Aspekte die Dialektik und geschichtliche Erb\u00adlast des Survival-Begriffs, die auf die Dialektik der Aufkl\u00e4rung insgesamt verweist.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Ein Beispiel im Kleinen liefert Gloria Gaynors <em>I Will Survive<\/em>, das es bis in die Dance Music Hall of Fame geschafft hat. Der Song erz\u00e4hlt die Geschichte einer Frau, die von ihrem Liebha\u00adber verlassen wurde und einen psychischen Zusammenbruch erleidet. Die weiteren Strophen handeln von der Selbstbewusstwerdung dieser Frau, die ihre Vergangenheit durcharbeitet, sich auf ihre St\u00e4rken besinnt und sich schlie\u00dflich von dem Mann, der sie wieder zu umgarnen sucht, trennt, um ein neues Leben zu beginnen:<\/span><\/p>\n<blockquote><p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><em>I will survive!<\/em><\/span><\/p><\/blockquote>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Die selbstbewusst, fast triumphierend vorgetragene Geschichte einer Emanzipation wiederholt sich auf der Ebene der kollektiven Aneignung des Songs. Die Plattenfirma hatte das St\u00fcck auf die B-Seite der Single <em>Substitute <\/em>gesetzt, die DJs in den Clubs aber entschieden sich anders und drehten die Platte um. <em>I Will Survive <\/em>eroberte im Nu die internationalen Charts. Ein Grund f\u00fcr den Erfolg dieses Songs, in dem sich Elemente von Neg\u00adro Spiritual, Gospel und Black Music wiederfinden, war seine Tauglichkeit als Projektionsfl\u00e4che f\u00fcr verschiedene zeitgen\u00f6ssi\u00adsche Emanzipationsbewegungen wie die der schwarzen Frauen, der Schwulen und der Feministinnen. Dass die in dem Lied erz\u00e4hlte Emanzipationsgeschichte zu einer anhaltenden Triumphgeschichte im musikalischen Mainstream werden konnte, verdankt sich der innovativen Reproduktion musikalischer Klischees, ohne die es keinen Popsong geben kann.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Die \u00e4sthetische Rohheit beginnt mit der Er\u00f6ffnungssequenz, die ohne Augenzwinkern pr\u00e4ludierende Gesten des Virtuo\u00adsentums klassischer Konzertmusik zitiert, um gleich darauf vom psychischen Zusammenbruch zu handeln. Im Weiteren vers\u00fc\u00dfen die Harfenarpeggios den Genuss des \u00dcberlebensmotivs, von dem der Song bis zum Finis nicht lassen kann. Auf diese Weise konstituiert sich ein musikalischer Triumphbogen als \u00e4sthetischer Schuldzusammenhang, der das Pendant zum Schuldzusammenhang des Lebendigen \u2013 im Sinne Walter Benjamins: des Mythos in Pr\u00e4senz, der gegenw\u00e4rtigen Vor\u00adwelt \u2013 bildet. Wie der Erfolgssong dem Gesetz des seriellen Gewinns gem\u00e4\u00df die Echos der Coverversionen nach sich zieht, treibt dieser Schuldzusammenhang immer neu verworfenes Leben \u2013 und damit kontinuierlich die Subjekte hervor, die der musikalischen Ermutigungsformeln ebenso bed\u00fcrfen wie sie den Laufpass verdienen, den das lyrische Ich im Lied dem auto\u00adrit\u00e4ren Typen erteilt. Dass die Mutationen der Musik aber nicht notwendig ins Offene f\u00fchren, zeigt Gaynor in einer sp\u00e4teren Fassung ihres Songs aus dem Jahr 1983, in dem sie die Zeile \u00bbEs brauchte all die St\u00e4rke, nicht zu sterben\u00ab in den Satz transformiert: \u00bbNur der Herr kann mir die St\u00e4rke geben, nicht zu sterben.\u00ab Der Frage, ob sie Homo\u00adsexualit\u00e4t als eine S\u00fcnde begreife, soll Gaynor, eine Ikone der Schwulen, ausgewichen sein.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Heute l\u00e4sst sich das Leitmotiv des Songs im Sinne eines Im\u00adperativs konkurrenz\u00f6konomischer Fitness (miss-)verstehen: als Formel der Anpassung an eine Gesellschaft, die unter dem Leitbegriff des \u00dcberlebens neu konzeptualisiert wird, weil die Einsicht d\u00e4mmerte, dass die Entwicklung der Gesellschaft in ihren bisherigen Formen nicht zukunftsf\u00e4hig ist. Zum Modus vivendi dieses neuen Selbstverst\u00e4ndnisses geh\u00f6ren die Survival-Touren ebenso wie die Urschrei-Therapien f\u00fcr die Gestressten, die in Dschungelcamps Abwechslung von ihren Alltagsroutinen suchen. Es ist keine feindliche \u00dcbernahme, dass die Melodie von <em>I will survive <\/em>heute in den Fu\u00dfballarenen zum Standardrepertoire der <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=QbWKvmsBQ9w\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Schlachtenbummler<\/a> geh\u00f6rt. Der Song, ich zitiere einen Fan, wird entweder gesungen, \u00bbwenn gar nichts mehr nach vorne geht\u00ab, oder dann, \u00bbwenn ein Tor gefallen ist\u00ab. Als der Fan noch kein Fan, sondern ein religi\u00f6ser Anh\u00e4nger war, wurde nicht das Fallen eines Tores, sondern die Herabkunft eines Engels erhofft. Ein sch\u00f6n herausgespieltes Tor ist aber immerhin etwas. Das Spiel hat so schlecht angefangen. Wenn aber einmal alle Toren gefallen sein werden, dann h\u00e4tte die Aufkl\u00e4rung doch noch gesiegt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Der Kulturwissenschaftler Falko Schmieder arbeitet im ZfL-Forschungsprojekt <a href=\"http:\/\/www.zfl-berlin.org\/begriffsgeschichte.html\">Theorie und Konzept einer interdisziplin\u00e4ren Begriffsgeschichte<\/a>. Sein Text erschien erstmals in <a href=\"http:\/\/www.zfl-berlin.org\/publikationen-detail\/items\/trajekte-extra-2010-also-singen-wir.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><em>Trajekte Extra, 2010. Also singen wir. 60 Beitr\u00e4ge zur Kulturgeschichte der Musik<\/em><\/a><em>.<\/em><\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">VORGESCHLAGENE ZITIERWEISE: Falko Schmieder: Von Engeln und Toren. Zu Gloria Gaynors \u00bbI will survive\u00ab, in: ZfL BLOG, 13.7.2017, [<a href=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2017\/07\/13\/falko-schmieder-von-engeln-und-toren-zu-gloria-gaynors-i-will-survive\/\">https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2017\/07\/13\/falko-schmieder-von-engeln-und-toren-zu-gloria-gaynors-i-will-survive\/<\/a>].<\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">DOI: <\/span><a href=\"https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20170713-01\"><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20170713-01<\/span><\/a><\/p>\n<p><script type=\"application\/ld+json\">\n{\n  \"@context\": \"http:\/\/schema.org\",\n  \"@type\": \"CreativeWork\",\n  \"@id\": \"https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20170713-01\",\n  \"url\": \"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2017\/07\/13\/falko-schmieder-von-engeln-und-toren-zu-gloria-gaynors-i-will-survive\/\",\n  \"additionalType\": \"Blogpost\",\n  \"name\": \"VON ENGELN UND TOREN. 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