{"id":481,"date":"2017-07-20T10:30:25","date_gmt":"2017-07-20T08:30:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/?p=481"},"modified":"2025-03-04T15:28:57","modified_gmt":"2025-03-04T13:28:57","slug":"philip-van-der-eijk-uta-kornmeier-ueber-text-und-sachquellen-zur-antiken-medizin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2017\/07\/20\/philip-van-der-eijk-uta-kornmeier-ueber-text-und-sachquellen-zur-antiken-medizin\/","title":{"rendered":"Philip van der Eijk \/ Uta Kornmeier: \u00dcBER TEXT- UND SACHQUELLEN ZUR ANTIKEN MEDIZIN"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Unsere wichtigsten Informationsquellen zur antiken Medizin sind Texte und Artefakte, arch\u00e4ologische und anthropologische \u00dcberreste (wie etwa Skelette, mumifiziertes menschliches Gewebe, Nahrungsreste oder Spuren von Lebensgewohnheiten). Im Laufe der Zeit sind jedoch viele dieser Belege durch Feuereinwirkung oder Verfall aufgrund ung\u00fcnstiger Umweltbedingungen, oder auch, weil die Zeugnisse verlegt wurden und nicht mehr auffindbar waren, verloren gegangen oder stark besch\u00e4digt worden. Um herauszufinden, wie Menschen in der antiken Welt \u00fcber die Seele und den K\u00f6rper dachten und wie sie es mit Gesundheit und Krankheit hielten, m\u00fcssen Medizin- und Philosophiehistoriker deshalb Detektivarbeit leisten: Auf der Basis fragmentarischen Materials gilt es, relevante Hinweise aufzusp\u00fcren und die Vergangenheit zu rekonstruieren. Vergegenw\u00e4rtigt man sich dabei, dass einige Quellen mehr als 2.000 Jahre alt sind, ist es erstaunlich, wie genau die vorfindbaren Informationen sein k\u00f6nnen und wie nahe wir damit an die Vorstellungen antiker Menschen herankommen k\u00f6nnen.<!--more--><\/span><\/p>\n<h2><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif; color: #e63348;\"><strong>Schriftliche Quellen<\/strong><\/span><\/h2>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">In der Antike hielten viele \u00c4rzte ihre Beobachtungen, Diagnosen und therapeutischen Ratschl\u00e4ge schriftlich fest. Sie verfassten Fallgeschichten der Patienten, die sie untersucht und behandelt hatten, sammelten diese Befunde und entwickelten auf der Grundlage ihrer Zusammenstellungen allgemeinere Theorien. Zudem schrieben sie Abhandlungen, in welchen sie ihre Ansichten \u00fcber K\u00f6rper und Seele, \u00fcber die Gesundheit sowie die Ursachen und Behandlungen von Krankheiten niederlegten. Die Entwicklung der griechischen und lateinischen medizinischen Literatur stellte einen wesentlichen Faktor in der Vermittlung und Erl\u00e4uterung von Ideen f\u00fcr Patienten und Sch\u00fcler der Medizin dar. Philosophen hielten ihre Auffassungen ebenfalls in Form von Dialogtexten und Traktaten fest, die dann dem Studium in Philosophenschulen dienten.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Bevor im Mittelalter das Papier eingef\u00fchrt wurde, nutzten die Menschen Schreibtafeln \u2013 h\u00f6lzerne, mit einer d\u00fcnnen Wachsschicht gef\u00fcllte Rahmen \u2013 und Papyrus, ein papierartiges Material aus der Faser der Papyruspflanze, als Schreibgrundlage. Au\u00dferdem verwandten sie Pergament, also aufgearbeitete Tierhaut und banden die Seiten in Form eines Kodex, dem Vorl\u00e4ufer unseres Buches mit festem Einband, zusammen. Texte wurden von Hand durch Schreiber (meist Sklaven) kopiert. Einige \u00c4rzte, wie etwa Hippokrates und Galen, erlangten eine derartige Ber\u00fchmtheit, dass ihre Schriften in zahlreichen Kopien von Generation zu Generation weitergereicht wurden und als Lehrb\u00fccher in der medizinischen Ausbildung \u00fcber viele Jahrhunderte hinweg zum Einsatz kamen. In gleicher Weise entwickelten sich Platon und Aristoteles zu den f\u00fchrenden philosophischen Autorit\u00e4ten, und ihre Werke fanden \u00fcber die Grenzen der Philosophenschulen hinaus weite Verbreitung. Andere medizinische und philosophische Autoren waren bei der Absicherung ihres Expertenstatus weniger erfolgreich. Ihre Arbeiten gerieten allm\u00e4hlich in Vergessenheit, und wir wissen von ihnen heute nur noch indirekt durch Hinweise und Zitate in anderen Werken. In diesem Sinne ist Galen eine Hauptquelle etwa f\u00fcr Ansichten von Praxagoras, Herophilos, Erasistratos und die Stoiker, w\u00e4hrend Aristoteles ein wichtiger Gew\u00e4hrsmann f\u00fcr Ansichten \u00e4lterer Philosophen wie etwa Anaxagoras ist.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Viele Papyrustexte haben sich bis heute erhalten, weil sie in den g\u00fcnstigen klimatischen Bedingungen der \u00e4gyptischen W\u00fcste \u00fcberdauern konnten. Allerdings sind sie oft besch\u00e4digt oder aber auseinandergerissen, so dass wir die Texte manchmal erg\u00e4nzen m\u00fcssen, wenn ein Papyrus etwa nur in Bruchst\u00fccken vorliegt. Andere Texte haben in Gestalt mittelalterlicher Manuskripte, die in Klosterbibliotheken gefertigt wurden, \u00fcberlebt. Erst zu Beginn des 16. Jahrhunderts erschienen die ersten gedruckten Ausgaben der noch vorhandenen Werke von Hippokrates, Galen und Aristoteles. Sie sind das Endprodukt einer mehr als tausend Jahre w\u00e4hrenden manuellen \u00dcbermittlungstradition, in welcher viele Texte verloren gegangen sind und sich Fehler in die Kopien eingeschlichen haben, wodurch unterschiedliche Versionen ein und desselben Textes entstanden sind. In einigen F\u00e4llen kam der urspr\u00fcnglich in Griechisch oder Latein abgefasste Text abhanden, \u00fcberdauerte aber in Gestalt einer \u00dcbersetzung ins Arabische oder Syrische, da islamische \u00c4rzte und Philosophen gr\u00f6\u00dftes Interesse an der griechischen und r\u00f6mischen Medizin hatten. Betrachtet man hingegen die unzul\u00e4nglichen Bedingungen, unter welchen die Menschen lesen und schreiben mussten, und die zeitliche Distanz zwischen den sp\u00e4teren Kopien und den urspr\u00fcnglich abgefassten Texten, ist es erstaunlich, wie viele Schriften aus der Antike \u00fcberkommen sind und wie textgetreu die Manuskripte die Ausf\u00fchrungen der urspr\u00fcnglichen Autoren erhalten haben. Die Rekonstruktion dessen, was Pers\u00f6nlichkeiten wie Galen und Aristoteles geschrieben haben, basiert auf sorgf\u00e4ltigen Untersuchungen der vorhandenen Manuskripte. Sie ist die Aufgabe von Pal\u00e4ographen und Philologen. Die Ergebnisse ihrer Arbeit spiegeln sich in den kritischen Editionen wider, durch die wir die antiken Texte heutzutage lesen k\u00f6nnen. Manchmal tauchen aber auch neue Texte in staubigen byzantinischen B\u00e4nden auf: So wurde eine \u203apsychotherapeutische\u2039 Schrift Galens, die als verloren galt, erst vor zehn Jahren in einem fragilen Manuskript aus dem 15. Jahrhundert wiederentdeckt. Wegen eines Fehlers im Inhaltsverzeichnis des Manuskripts hatte sie niemand bemerkt!<\/span><\/p>\n<h2><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif; color: #e63348;\"><strong>\u00dcbersetzung und Interpretation<\/strong><\/span><\/h2>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Die \u00dcberbr\u00fcckung der Gedankenwelt zwischen Altertum und Gegenwart ist aber nicht nur eine Frage der Restaurierung und Rekonstruktion antiker Texte. Es geht auch um \u00dcbersetzung, Interpretation und Kontextualisierung. \u00c4rzte in der Antike standen vor der Herausforderung, ein medizinisches Vokabular erfinden zu m\u00fcssen, zun\u00e4chst in Griechisch, dann in Latein. Sie mussten eine eigene Terminologie erarbeiten, die ihre Beobachtungen und Auffassungen \u00fcber K\u00f6rperteile, Symptome und Krankheiten sachgerecht wiedergab. In gleicher Weise entwickelten Philosophen ausgefeilte Konzepte und Fachbegriffe, um die Feinheiten ihrer Theorien und gedanklichen Unterscheidungen zu vermitteln. Viele dieser Ausdr\u00fccke finden wir bis heute in unseren modernen Sprachen, auch wenn sich die Bedeutung der Worte oft gewandelt hat. So bedeutet das griechische Wort <em>organon<\/em>, von dem sich unsere Bezeichnung Organ ableitet, im urspr\u00fcnglichen Wortsinn \u203aInstrument\u2039 oder \u203aWerkzeug\u2039. Wenn Galen sagt, der K\u00f6rper sei das <em>organon<\/em> der Seele, meint er, dass die Seele den K\u00f6rper als Instrument oder Werkzeug nutzt, um ihre Aufgaben umzusetzen und ihre Ziele zu erreichen; der heutige Gebrauch des medizinischen Ausdrucks Organ unterscheidet sich davon grundlegend. In \u00e4hnlicher Weise haben viele Bezeichnungen f\u00fcr Krankheiten einen Bedeutungswandel erfahren: So ist zum Beispiel das, was man in der Antike unter Typhus verstand, nicht das Gleiche, was man in der heutigen Medizin als ein Thyphusfieber ansieht, und unser Wort Melancholie bedeutet etwas ganz anderes als das griechische <em>melancholia<\/em>. Wenn wir somit antike Texte lesen, m\u00fcssen wir vorsichtig sein und versuchen, sie in ihren eigenen Begrifflichkeiten und innerhalb ihres historischen Kontextes zu verstehen. Das Gleiche trifft auf antike philosophische Texte zu: So wird etwa das griechische Wort <em>phantasia<\/em> \u00fcblicherweise mit Einbildung \u00fcbersetzt, ein Begriff, der oft auf den visuellen Bereich eingeschr\u00e4nkt verstanden wird. \u00dcberdies suggeriert er einen kreativen Aspekt, der urspr\u00fcnglich im Ausdruck nicht beabsichtigt war. Das griechische Wort bedeutet eher Vorstellung und kann sich auch auf einen Einfluss aus anderen Sinnesbereichen \u2013 wie H\u00f6ren, Riechen, Schmecken, Tasten \u2013 beziehen. Bisweilen k\u00f6nnen diese Begriffe wegen der Geschichte ihres Gebrauchs in verschiedenen Sprachen auch alle m\u00f6glichen unterschiedlichen Assoziationen hervorrufen: <em>soul<\/em> und <em>mind<\/em> sind gute Beispiele im Englischen, Seele und Geist analog im Deutschen.<\/span><\/p>\n<h2><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif; color: #e63348;\"><strong>Materielle \u00dcberreste von Sachzeugen <\/strong><\/span><\/h2>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">W\u00e4hrend uns medizinische und philosophische Texte relativ gute Einblicke in antike Vorstellungen vom Leben, von der Seele und dem K\u00f6rper gew\u00e4hren, bieten Objekte und Bilder eine andere Sicht der Dinge. So k\u00f6nnen wir von Gegenst\u00e4nden, wie etwa chirurgischen Instrumenten, K\u00f6rperteilvotiven und Vasenmalereien, sehr viel \u00fcber die konkrete Anwendung medizinischer Behandlungsma\u00dfnahmen lernen, \u00fcber die Bilder, die sich die Menschen vom K\u00f6rperinneren machten, und wie sie in ihrem Alltag als m\u00f6gliche Patienten dem Arzt gegen\u00fcbertraten \u2013 weniger jedoch \u00fcber die zugrundeliegende K\u00f6rper- und Seelenkonzeption.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Die arch\u00e4ologischen \u00dcberreste mit direktestem Bezug zur Medizin sind die Werkzeuge des Arztes. Allerdings m\u00fcssen wir hier mit unseren Interpretationen vorsichtig sein, da die gefundenen Instrumente nicht ausschlie\u00dflich f\u00fcr den medizinischen Einsatz gefertigt wurden. Arch\u00e4ologen haben diese St\u00fccke bisweilen sehr unterschiedlich gedeutet: Spatel und Messer k\u00f6nnen im Rahmen einer arch\u00e4ologischen Grabung, bei der der Kontext noch nicht gekl\u00e4rt ist, ebenso gut als medizinische Instrumente oder chirurgische Messer gedeutet werden, wie als Objekte aus der K\u00fcche, einer Maler- oder T\u00f6pferwerkstatt oder als Toilettenartikel. \u00dcberdies haben lediglich Teile, die aus Metalllegierungen wie Bronze oder Messing bestehen, \u00fcberdauert, wohingegen Instrumente aus Eisen, wie etwa Zahnrei\u00dfzangen oder Skalpellklingen, \u00fcberwiegend verrostet und zerfallen und somit verloren gegangen sind. Andererseits liegt ein medizinischer Zusammenhang etlicher der gesichert \u00fcberkommenen Instrumente nahe, zumal sich ihre Form \u00fcber die letzten zweitausend Jahre hinweg kaum ver\u00e4ndert hat, wie etwa im Fall des gyn\u00e4kologischen Spekulums.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Unsere besten arch\u00e4ologischen Quellen zur medizinischen Antike verdanken wir dem Begr\u00e4bnisritual aus der r\u00f6mischen Kaiserzeit, bei dem man dem Verstorbenen einen Teil seines Besitzes ins Grab mitgab. Der vielleicht spektakul\u00e4rste derartige Fund ist das Grab eines Arztes in Bingen am Rhein im Jahr 1924. Neben der Urne des Kremierten stie\u00dfen die Ausgr\u00e4ber auf eine gro\u00dfe Bronzeschale mit einem Bestand von an die sechzig Objekten, wobei es sich zumeist eindeutig um medizinische Instrumente handelte. Unter den St\u00fccken fanden sich dreizehn Skalpelle, wovon einige noch weitgehend intakte Klingen aufwiesen, drei Schr\u00f6pfk\u00f6pfe inklusive eines mit Weinranken verzierten St\u00e4nders sowie ein Instrumentenset, um L\u00f6cher in den Sch\u00e4del zu bohren. In einem anderen Grab in der fr\u00fcheren r\u00f6mischen Siedlung von Wehringen bei Augsburg wurde ein Lederetui mit sechs chirurgischen Instrumenten gefunden sowie ein in mehrere F\u00e4cher unterteiltes K\u00e4stchen, das sogar noch Reste von Medizin enthielt. Obwohl das Wehringer Instrumentarium relativ klein ist, vereinigt es eine typische Zusammenstellung von Werkzeugen f\u00fcr vielf\u00e4ltige medizinische Anwendungsm\u00f6glichkeiten: Knochenheber, Skalpelle mit unterschiedlich geformten Klingen, Haken und Zangen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">\u00c4hnliche Instrumentarien des praktischen Mediziners oder Chirurgen lassen sich auch auf plastischen Werken wie etwa dem in der Ausstellung als Abguss gezeigten Grabrelief eines Arztes finden. Wir kennen etliche derartige Werke, die \u00c4rzte mit medizinischen Instrumenten als ihren Attributen darstellen, so etwa das <a href=\"http:\/\/www.britishmuseum.org\/research\/collection_online\/collection_object_details\/collection_image_gallery.aspx?partid=1&amp;assetid=469128001&amp;objectid=399641\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Relief des Arztes \u00bbJason, auch genannt Decimus aus Acharnes\u00ab<\/a>. F\u00fcr jene Betrachter, die die Inschrift nicht lesen oder die Abbildung eines Arztes, der einen Patienten untersucht, nicht erkennen konnten, kennzeichnete ein riesiger Schr\u00f6pfkopf an der rechten Seite die Profession. Manchmal wurden die Werkzeuge aus der praktischen T\u00e4tigkeit des Arztes noch durch B\u00fccher oder Schriftrollen erg\u00e4nzt, um die intellektuelle oder philosophische Seite der Medizin gleicherma\u00dfen zum Ausdruck zu bringen. Die \u00c4rzte sind in diesen Kunstwerken f\u00fcr gew\u00f6hnlich als Einzelpersonen dargestellt oder als Individuen, die einen Patienten vorsichtig ber\u00fchren. Wenn \u00c4rzte bei der Aus\u00fcbung eines operativen Eingriffs ins Bild gesetzt sind, werden sie als Milit\u00e4r\u00e4rzte gekennzeichnet, die \u2013 oft mit einem Bezug zur Mythologie \u2013 Pfeile aus dem K\u00f6rper eines Soldaten entfernen oder seine Wunden versorgen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Obschon wir aus Anmerkungen in ihren Schriften wissen, dass antike \u00c4rzte und Philosophen bisweilen auch Bilder vom K\u00f6rperinneren anfertigten, haben sich keine solche erhalten. Was derartigen Darstellungen am n\u00e4chsten kommt, sind anatomische Votivgaben. Die Praxis, Bilder von erkrankten K\u00f6rperteilen in Tempeln, die Heilg\u00f6ttern geweiht waren, zu hinterlassen, war in den antiken Kulturen weit verbreitet. F\u00fcr gew\u00f6hnlich repr\u00e4sentieren diese Votive jedoch leicht zug\u00e4ngliche \u00e4u\u00dferliche K\u00f6rperstrukturen, wie etwa Ohren oder F\u00fc\u00dfe. Votive innerer Organe gelten als eine Besonderheit der Etrusker: In ihren Heiligt\u00fcmern nahe Rom fand man hunderte von Terrakotta-Votiven, die Eingeweide des Ober- und Unterbauchs zeigten. Obgleich die Organe sehr stilisiert und hinsichtlich ihrer Lage teilweise schematisch wiedergegeben sind, werden die Topographie des K\u00f6rperinneren ann\u00e4hernd korrekt und die Organform durchaus nachvollziehbar festgehalten. Da die meisten dieser Votive in Modeln (Druckformen) gepresst wurden, waren sie rasch und ohne gro\u00dfen Aufwand herzustellen. Allerdings bleibt unklar, wie sich die Handwerker, die die Originale f\u00fcr die Herstellung der Formen schufen, ihre anatomischen Kenntnisse erwarben. Griffen sie f\u00fcr die Bildgebung auf Beobachtungen von Tieropfern oder Tiersektionen zur\u00fcck? Oder wurden die Werke durch einen geschulten Arzt autorisiert, um sie dann durch Kopien zu verbreiten? Obgleich sich die hippokratische Medizin unabh\u00e4ngig von den Heilkulten entwickelte, existierten beide Formen der Medizin offenkundig parallel \u00fcber die gesamte Zeit der Antike hinweg.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Trotz des hohen sozialen Ansehens und der intellektuellen Bedeutung des \u00e4rztlichen Berufsstandes fand er keinen bildlichen Niederschlag in der griechischen Vasenmalerei. Sogar bei dem am h\u00e4ufigsten reproduzierten Bildmotiv mit einer antiken medizinischen Handlung in diesem Genre handelt es sich um eine mythologische Szene: <a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Akhilleus_Patroklos_Antikensammlung_Berlin_F2278.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Achilles verbindet den verwundeten Patroklos<\/a>. Dieses Bild bringt eher die enge Beziehung der beiden Heroen zum Ausdruck, als eine genau beobachtete Darstellung einer professionellen Wundversorgung, zumal Achilles es fertigbringt, den Verband so anzulegen, dass beide Enden parallel zueinander gef\u00fchrt aufeinander treffen und daher nicht miteinander verknotet werden k\u00f6nnen. Alles in allem bietet die antike Vasenmalerei, obgleich sie als Quelle f\u00fcr zahlreiche Aspekte des antiken Lebens dient, nicht viele Informationen zur praktischen Aus\u00fcbung der Medizin. Allerdings gew\u00e4hrt sie durch die Wiedergaben von Alltagsszenen durchaus Einblicke in die gro\u00dfen Zusammenh\u00e4nge, in welchen Medizin in der Antike ausge\u00fcbt wurde.<\/span><\/p>\n<p><em><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif; color: #e63348;\">Die Kunsthistorikerin <a href=\"http:\/\/www.zfl-berlin.org\/person\/kornmeier.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Uta Kornmeier<\/a> leitet am ZfL das DFG-Forschungsprojekt \u00bbIntime Bilder. Die Geschichte kunsthistorischer Radiographie\u00ab, Philip van der Eijk ist Professor f\u00fcr Klassische Altertumswissenschaften und Wissenschaftsgeschichte an der Humboldt-Universit\u00e4t zu Berlin. Ihr gemeinser Text ist dem 2016 auf Englisch erschienenen Ausstellungskatalog <a style=\"color: #e63348;\" href=\"http:\/\/edition-topoi.org\/books\/details\/the-soul-is-an-octopus\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">\u00bbThe Soul is an Octopus. Ancient Ideas of Life and the Body\u00ab<\/a>, herausgegeben von Uta Kornmeier, entnommen.<\/span><\/em><br \/>\n<em><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif; color: #e63348;\">Die erstmals im Berliner Medizinhistorischen Museum der Charit\u00e9 pr\u00e4sentierte und von Uta Kornmeier kuratierte Ausstellung \u00bbDie Seele ist ein Oktopus. Antike Vorstellungen vom belebten K\u00f6rper\u00ab des <a href=\"http:\/\/www.topoi.org\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Exzellenzclusters Topoi<\/a> wird ab dem 20. Juli 2017 im <a style=\"color: #e63348;\" href=\"http:\/\/www.dmm-ingolstadt.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Deutschen Medizinhistorischen Museum in Ingolstadt<\/a> gezeigt.<\/span><\/em><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">VORGESCHLAGENE ZITIERWEISE: Philip van der Eijk \/ Uta Kornmeier: \u00dcber Text- und Sachquellen zur antiken Medizin, in: ZfL BLOG, 20.7.2017, [<a href=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2017\/07\/20\/philip-van-der-eijk-uta-kornmeier-ueber-text-und-sachquellen-zur-antiken-medizin\/\">https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2017\/07\/20\/philip-van-der-eijk-uta-kornmeier-ueber-text-und-sachquellen-zur-antiken-medizin\/<\/a>].<\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">DOI: <\/span><a href=\"https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20170720-01\"><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20170720-01<\/span><\/a><\/p>\n<p><script type=\"application\/ld+json\">\n{\n  \"@context\": \"http:\/\/schema.org\",\n  \"@type\": \"CreativeWork\",\n  \"@id\": \"https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20170720-01\",\n  \"url\": \"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2017\/07\/20\/philip-van-der-eijk-uta-kornmeier-ueber-text-und-sachquellen-zur-antiken-medizin\/\",\n  \"additionalType\": \"Blogpost\",\n  \"name\": \"\u00dcBER TEXT- UND SACHQUELLEN ZUR ANTIKEN MEDIZIN\",\n  \"author\": [\n    {\n      \"name\": \"Philip van der Eijk\",\n      \"givenName\": \"Philip\",\n      \"familyName\": \"van der Eijk\",\n      \"@type\": \"Person\"\n    },\n    {\n      \"name\": \"Uta Kornmeier\",\n      \"givenName\": \"Uta\",\n      \"familyName\": \"Kornmeier\",\n      \"@type\": \"Person\",\n      \"@id\": \"https:\/\/orcid.org\/0009-0008-5873-1558\"\n    }\n  ],\n  \"inLanguage\": \"de\",\n  \"dateCreated\": \"2017-07-20\",\n  \"datePublished\": 2017,\n  \"schemaVersion\": \"http:\/\/datacite.org\/schema\/kernel-4\",\n  \"publisher\": {\n    \"@type\": \"Organization\",\n    \"name\": \"Leibniz-Zentrum f\u00fcr Literatur- und Kulturforschung \"\n  },\n  \"provider\": {\n    \"@type\": \"Organization\",\n    \"name\": \"datacite\"\n  }\n}\n<\/script><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unsere wichtigsten Informationsquellen zur antiken Medizin sind Texte und Artefakte, arch\u00e4ologische und anthropologische \u00dcberreste (wie etwa Skelette, mumifiziertes menschliches Gewebe, Nahrungsreste oder Spuren von Lebensgewohnheiten). 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