{"id":50,"date":"2016-04-14T11:53:33","date_gmt":"2016-04-14T09:53:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zflprojekte.de\/interim\/?p=50"},"modified":"2025-03-04T16:21:36","modified_gmt":"2025-03-04T14:21:36","slug":"realismus-fur-das-21-jahrhundert-i-die-wiederkehr-der-dorfgeschichte-natalie-moser","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2016\/04\/14\/realismus-fur-das-21-jahrhundert-i-die-wiederkehr-der-dorfgeschichte-natalie-moser\/","title":{"rendered":"Natalie Moser: REALISMUS F\u00dcR DAS 21. JAHRHUNDERT (I): Die Wiederkehr der Dorfgeschichte"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Aktualit\u00e4t und Relevanz realistischer Schreibverfahren in der Gegenwartsliteratur anhand einer Dorfgeschichte zu veranschaulichen, klingt erst einmal nicht nach einer guten Idee. Gerade die Dorfgeschichten haben der realistischen Prosa des 19. Jahrhunderts den Ruf eingetragen, altbacken, naiv und kitschig zu sein. Schauplatz der Handlungen ist \u00fcblicherweise ein b\u00e4uerlich-d\u00f6rfliches Milieu, das detailreich und mit R\u00fcckgriff auf Oppositionspaare wie gut vs. b\u00f6se beschrieben wird. Als formpr\u00e4gend gelten die heute kaum noch bekannten <em>Schwarzw\u00e4lder Dorfgeschichten<\/em> Berthold Auerbachs (1843 ff.). Aber die Literaturwissenschaft hat gerade dieses Thema j\u00fcngst neu f\u00fcr sich entdeckt.<a href=\"#_edn1\" name=\"_ednref1\">[1]<\/a><\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"> <!--more--><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Darin folgt sie einem Trend der Gegenwartsliteratur, denn Autoren wie beispielsweise Sa\u0161a Stani\u0161i\u0107 \u2013 in seinem Roman <em>Vor dem Fest<\/em> (2014) wird das Dorf zum Protagonisten \u2013, Juli Zeh mit dem gerade erschienenen Roman <em>Unterleuten<\/em> (2016) oder Josef Haslinger haben das Genre der Dorfgeschichte aktualisiert. Die Diffamierung realistischer Prosa wurde auch von Daniel Kehlmann schon aus den Angeln gehoben: \u201eDie wirkliche Frage, die auch die Zukunft der Literatur ber\u00fchrt, ist nicht die Frage Erz\u00e4hlen oder Nicht-Erz\u00e4hlen, sondern die des Realismus. Es ist einfach nicht so: Realismus = Erz\u00e4hlen = altmodisch und andererseits Nicht-Erz\u00e4hlen = Sprachkritik = modern. Das sind Gleichungen, in denen kein einziges Glied stimmt.\u201c<a href=\"#_edn2\" name=\"_ednref2\">[2]<\/a> Wie sich der Antagonismus von realistisch vs. (post-)modern im Text aufbrechen l\u00e4sst, soll in der Lekt\u00fcre einer Erz\u00e4hlung Haslingers \u00fcberpr\u00fcft werden, in der der \u00f6sterreichische Schriftsteller bewusst auf das Erz\u00e4hlschema der Dorfgeschichte zur\u00fcckgriff.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">In Haslingers Erz\u00e4hlung <em>fiona und ferdinand<\/em> (2006) versucht ein namenloser Ich-Erz\u00e4hler auf Wunsch seiner Mutter in seinem Geburtsort, einem Dorf an der \u00f6sterreichisch-tschechischen Grenze, die Gem\u00fcter der Dorfbev\u00f6lkerung zu beruhigen. Diese waren infolge eines makabren Fundes (Menschenknochen in einer Truhe) und die dadurch ausgel\u00f6sten Ger\u00fcchte in Erregung geraten. Der Erz\u00e4hler erinnert sich an seine Kindheit und Jugendzeit, erf\u00e4hrt von seiner Mutter Details aus der Vergangenheit und trifft sich mit seinem Jugendfreund, dessen Vater des Mordes verd\u00e4chtigt wird. Am Ende der Erz\u00e4hlung reist er ab, jedoch ohne dass er eine eigene, schl\u00fcssige Erz\u00e4hlung von den Ereignissen in der Vergangenheit entwickeln konnte. Erz\u00e4hlt wird haupts\u00e4chlich, welchen Reim sich verschiedene Personen auf Ereignisse machen und welche Muster und Gattungen sie zu diesem Zweck in Anspruch nehmen. Schon die ersten Zeilen von Haslingers Erz\u00e4hlung rufen den Duktus realistischen Erz\u00e4hlens des 19. Jahrhunderts herauf:<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><em>als die angeh\u00f6rigen des verstorbenen bachmaier, eines frommen mannes, dessen hals bei lebendigem leib verfault war, die alten m\u00f6bel durchst\u00f6berten, um ein hochgeschlossenes hemd f\u00fcr die leiche zu suchen, stie\u00dfen sie auf eine versperrte truhe. sie \u00f6ffneten sie mit montiereisen und fanden zu ihrem entsetzen unter pferdedecken und abgetragener w\u00e4sche einen in zeitungspapier eingewickelten stapel von knochen. menschenknochen, wie sich schnell herausstellte. ohne irgendeine beh\u00f6rde damit zu bel\u00e4stigen, \u00fcbergaben sie die gebeine dem pfarrer, der sie, obwohl er wusste, dass es die sterblichen \u00fcberreste von kommunisten sein k\u00f6nnten, einsegnete und an der friedhofsmauer vergrub<\/em>.<a href=\"#_edn3\" name=\"_ednref3\">[3]<\/a><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Diese Erz\u00e4hlung berichtet vom Ausgraben alter Knochen und ihrer Bestattung am Rande des Friedhofs, wodurch eine Krise \u00fcberwunden und die kollektive Erinnerung restabilisiert wird. In Form einer Erz\u00e4hlung in der Erz\u00e4hlung wird damit auf ein wichtiges Erz\u00e4hlschema des literarischen Realismus des 19. Jahrhunderts hingewiesen: Eine Norm wird verletzt bzw. eine Grenze \u00fcberschritten, was eine Krise ausl\u00f6st. Daraufhin werden Anstrengungen unternommen, die St\u00f6rung des Systems zu beheben und die Normalit\u00e4t wieder herzustellen. Entscheidend ist dabei, dass der Prozess der Renormalisierung kein intrinsisches Ende hat und sp\u00e4testens am Ende des Textes abbrechen muss.<a href=\"#_edn4\" name=\"_ednref4\">[4]<\/a> Dies erkl\u00e4rt die mitunter abrupten Enden realistischer Erz\u00e4hlungen wie z.B. Theodor Fontanes Dorf- und Kriminalgeschichte <em>Unterm Birnbaum<\/em>, deren Protagonisten allesamt entsorgt werden. \u201aEine Leiche im Keller zu haben\u2018, diese Redewendung greift Fontanes Text sowohl in w\u00f6rtlicher \u2013 die Leiche des T\u00e4ters und des Opfers im zum Gef\u00e4ngnis gewordenen Keller \u2013 als auch in \u00fcbertragener Hinsicht auf: Der narrative Renormalisierungsprozess vollzieht sich als Grenzziehung zwischen Leben und Tod; die sichtbaren Produkte dieses Prozesses sind die Leichen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Bei Haslinger schlie\u00dfen sich dieser ersten Erz\u00e4hlung weitere an, die das Schema von Ordnung, Krise und Renormalisierung sozusagen in Serie aufgreifen, variieren und problematisieren:<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><em>nach einigem hin und her einigten wir [der junge Ich-Erz\u00e4hler und sein Freund franz] uns auf ein liebespaar, das freiwillig in den tod gegangen war. wir nannten die beiden fiona und ferdinand [\u2026] der waldviertler ferdl und die sommerfrischlerin fiona hatten in ihrer verbotenen liebe keinen ausweg gesehen und deshalb den tod gesucht. von allen versto\u00dfen. wir waren die einzigen, die sie auf erden noch hatten. sie konnten nur erl\u00f6st werden, wenn wir sie zusammensetzten, wei\u00df bemalten und ankleideten. [\u2026] die knochen waren verfault. sie zerbr\u00f6selten. die geschichte, die wir uns ausgedacht hatten, funktionierte nicht. die beiden lie\u00dfen sich von uns nicht erl\u00f6sen. und so suchten wir nach einer neuen geschichte und erkl\u00e4rten fiona und ferdinand zu feinden. wir beschlossen, auf sie zu schie\u00dfen. <\/em>(FF, 46)<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Da sich die Wirklichkeit dem Erz\u00e4hl-Muster der Liebesgeschichte nicht f\u00fcgen will \u2013 Gottfried Kellers <em>Romeo und Julia auf dem Dorfe<\/em> geht auch im 21. Jahrhundert nicht gut aus \u2013, erfinden die beiden Knaben eine Kriminal- oder Kriegsgeschichte und schie\u00dfen nach Ma\u00dfgabe dieser Gattungen auf die Skelette. In den Erz\u00e4hlungen werden die Opfer- und T\u00e4terrollen jeweils neu zugewiesen; das aufgerufene Genre entscheidet dar\u00fcber, was Wirklichkeit war oder ist. Das gilt auch f\u00fcr die Erz\u00e4hlungen der Dorfbev\u00f6lkerung. Sie versuchen zwischen zwei ungekl\u00e4rten Ereignissen im Dorf Zusammenhang zu stiften, zum einen der Vergewaltigung und Ermordung einer Dorfbewohnerin durch zwei M\u00e4nner im Jahr 1945 und zum anderen den zwei Skeletten auf einem Acker. Je nach Erz\u00e4hlerin oder Erz\u00e4hler sind die Skelette hier mal Opfer und mal T\u00e4ter. Auch der Schluss des Textes unterstreicht die erz\u00e4hlperspektivische Gebundenheit des Wirklichen:<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><em>ich ging die friedhofsmauer entlang, bis ich auf einen mit steinen umringten, kleinen erdhaufen stie\u00df, in dem ein holzkreuz steckte. es wirkte wie das grab eines babys.<\/em><\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"> <em>ich ritzte fiona &amp; ferdinand in den sand. als ich schon im auto sa\u00df und gestartet hatte, stieg ich noch einmal aus und lief zur\u00fcck. ich l\u00f6schte mit den schuhsohlen die buchstaben wieder aus.<\/em> (FF, 64)<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Der Erz\u00e4hler wiederholt den Benennungsakt aus der Kindheit, zerst\u00f6rt dann aber die Markierung des Grabes wieder. Das imaginierte Liebespaar wird erinnert, die Spuren dieser Erinnerungsarbeit werden aber sogleich wieder verwischt. Der Text bricht schlie\u00dflich ab, ohne dass die Herkunft der Skelette gekl\u00e4rt wurde, die M\u00f6rder der Dorfbewohnerin identifiziert wurden und ohne dass sich eine der Erz\u00e4hlungen in der Erz\u00e4hlung hatte durchsetzen k\u00f6nnen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Haslingers Erz\u00e4hlung <em>fiona und ferdinand<\/em> ist in der Tat eine Dorfgeschichte, die auf realistische Erz\u00e4hlmuster und Textverfahren zur\u00fcckgreift. Dazu geh\u00f6rt auch der Detailrealismus. Der Zustand der Leichen, welche der Ich-Erz\u00e4hler mit seinem Freund beim Spielen auf dem Acker entdeckt hat, wird mit derselben Akribie beschrieben wie das Krauttreten des Erz\u00e4hlers in der m\u00fctterlichen K\u00fcche, in dem man auch ein Emblem des Auf-der-Stelle-Tretens der Erz\u00e4hlung sehen k\u00f6nnte. Solche Nahsicht auf individuelle und kollektive Krisen im nicht sehr idyllischen Dorf stellt die Erz\u00e4hlung aber auch in eine Reihe mit verkaufskr\u00e4ftigen, nach amerikanischen Vorbildern in Literatur und Filmmedien verfassten Erz\u00e4hlungen wie beispielsweise Haslingers eigene Romane <em>Opernball<\/em> (1995) und <em>Das Vaterspiel<\/em> (2000).<a href=\"#_edn5\" name=\"_ednref5\">[5]<\/a> Beide Romane verf\u00fcgen \u00fcber einen ausgepr\u00e4gten Spannungsbogen, bedienen souver\u00e4n unterschiedliche Genres wie Kriminalroman und Thriller, lieb\u00e4ugeln mit dem Journalismus und handeln bevorzugt von globalen Machenschaften. <em>fiona und ferdinand<\/em> deckt diese Rezeptur eines marktf\u00f6rmigen Realismus auf: Man nehme eine tragische Liebes- oder Kriminalgeschichte und variiere das Schema geringf\u00fcgig: <em>f<\/em> wie <em>f<\/em>iona und <em>f<\/em>erdinand, <em>f<\/em>rieda und <em>f<\/em>ranz etc. Die makabre Idee von frieda, den ungekl\u00e4rten Mord- und Vergewaltigungsfall mit ihrem Mann franz, dem Sohn des verstorbenen bachmaiers, nachzustellen und zu filmen, ist einmal mehr die Variation einer \u00e4lteren Geschichte. Mit der Formulierung \u201edein fr\u00fcherer freund\u201c (FF, 61) spielt franz gegen\u00fcber seiner Frau auf ihre Liaison mit seinem Jugendfreund an, sodass es sich wie bei der Erz\u00e4hlung von den verfeindeten, des Mordes verd\u00e4chtigten bachmaier-Br\u00fcdern um eine Rivalit\u00e4tsgeschichte handelt. Im Unterschied zum klassischen TV-Format <em>Aktenzeichen XY\u2026 ungel\u00f6st<\/em> stellt Haslinger keine Aufkl\u00e4rung des Falls in Aussicht, sondern blo\u00dfe Unterhaltung nach Schema F bzw. <em>f<\/em>.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Anhand von textinternen Erz\u00e4hlungen in Serie und konfligierenden Sinnstiftungen entautomatisiert Haslingers Erz\u00e4hlung das Verstehen dieses realistischen Textes, ohne das Muster einer realistischen Erz\u00e4hlung zu verlassen. Die handlungsarme Erz\u00e4hlung f\u00fchrt anhand eines Mikrokosmos vor, dass Erz\u00e4hlungen und Handlungen im Laufe der Erz\u00e4hlung ununterscheidbar werden, und sie zeigt, dass Erz\u00e4hlungen \u00fcber Wirklichkeiten in Gestalt von Handlungen auch Realit\u00e4t werden k\u00f6nnen. M\u00f6glich werden solche Kippfiguren \u00fcber das Motiv der Krise, die einerseits eine wesentliche Verlaufsform insbesondere des realistischen Erz\u00e4hlens darstellt und andererseits eine bestimmte Dramaturgie der Handlungen vorsieht. Anhand des \u201aaltmodischen\u2018 Formats der Dorfgeschichte greift Haslinger auf beides zur\u00fcck. So gelingt ihm eine unterhaltsame Erz\u00e4hlung, die gleichwohl nicht geschichtsvergessen ist und auch nicht vergessen hat, dass Wirklichkeit sich nur \u00fcber Zeichen erschlie\u00dft.<a href=\"#_edn6\" name=\"_ednref6\">[6]<\/a> So vermag auch und gerade die vermeintlich altmodische Dorfgeschichte gut lesbare Auskunft \u00fcber komplexe Zusammenh\u00e4nge zu geben, indem sie sich mit der Tradition des Realismus auseinandersetzt und in sie einschreibt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Haslingers Dorfgeschichte k\u00f6nnte man insbesondere mit Blick auf die Schlussszene, in welcher der Erz\u00e4hler Buchstaben in den Sand ritzt und sie wieder verwischt, mit Moritz Ba\u00dflers Begriff des postmodernen Realismus beschreiben: Der postmodern-realistische Text, so Ba\u00dfler \u201eschreibt sich \u00fcber kulturell eingef\u00fchrte Frames und Skripte fort, vermeidet jedoch die Naturalisierung und stellt stattdessen die K\u00fcnstlichkeit seiner Zeichenverwendung aus\u201c.<a href=\"#_edn7\" name=\"_ednref7\">[7]<\/a> Die Kategorie des postmodernen Realismus orientiert sich aber immer noch an den zitierten Gleichungen \u201aRealismus = Erz\u00e4hlen = altmodisch\u2018 und \u201aNicht-Erz\u00e4hlen = Sprachkritik = modern\u2018. So entkommt der zeitgen\u00f6ssische realistische Text der Differenz zwischen Realismus und (Post-)Moderne nicht. Zum anderen betont die These von der Ausstellung der K\u00fcnstlichkeit den selbstreflexiven Aspekt des postmodernen Realismus. Aber ist das entscheidend? Obwohl Haslingers Dorfgeschichte auf das realistische Krisennarrativ ebenso zur\u00fcckgreift wie auf die Rezeptur marktf\u00f6rmiger zeitgen\u00f6ssischer Romane mit ihrem \u201everfilmbaren literarischen Qualit\u00e4tsrealismus nach internationalem Vorbild\u201c<a href=\"#_edn8\" name=\"_ednref8\">[8]<\/a>, blickt sie nicht von au\u00dferhalb auf die Tradition des realistischen Erz\u00e4hlens. Sie reizt deren M\u00f6glichkeiten vielmehr innerhalb eines \u00fcberschaubaren Formats aus, ohne die Selbstreflexivit\u00e4t in den Vordergrund zu stellen.<a href=\"#_edn9\" name=\"_ednref9\">[9]<\/a><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><em>Natalie Moser<\/em><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><a href=\"#_ednref1\" name=\"_edn1\">[1]<\/a> Vgl. Franco Moretti: Kurven, Karten, Stammb\u00e4ume. Abstrakte Modelle f\u00fcr die Literaturgeschichte, Frankfurt a.M. 2009, S. 47\u201381; Kerstin St\u00fcssel: Entlegene Orte, verschollene Subjekte, verdichtetes Wissen. Problematisches Erz\u00e4hlen zwischen Literatur und Massenmedien. In: Roland Berbig\/ Dirk G\u00f6ttsche (Hg.): Metropole, Provinz und Welt. Raum und Mobilit\u00e4t in der Literatur des Realismus, Berlin 2013, S. 237\u2013255; Marcus Twellmann: \u201aUeberbleibsel der \u00e4ltern Verfassung\u2018. Zur primitivistischen Imagination des Dorfes im 19. Jahrhundert. In: Werner Nell\/ Marc Weiland (Hg.): Imagin\u00e4re D\u00f6rfer. Zur Wiederkehr des D\u00f6rflichen in Literatur, Film und Lebenswelt, Bielefeld 2014, S. 225\u2013246.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><a href=\"#_ednref2\" name=\"_edn2\">[2]<\/a> Daniel Kehlmann: Erz\u00e4hlen ist im Idealfall ich-los. In: Helmut Gollner (Hg.): Die Wahrheit l\u00fcgen. Die Renaissance des Erz\u00e4hlens in der jungen \u00f6sterreichischen Literatur, Innsbruck 2005, S. 29\u201338, hier S. 31.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><a href=\"#_ednref3\" name=\"_edn3\">[3]<\/a> Josef Haslinger: fiona und ferdinand. In: Ders.: zugv\u00f6gel. erz\u00e4hlungen, Frankfurt a.M. 2006, S. 39\u201364, hier S. 39. Nachfolgend mit der Sigle FF zitiert.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><a href=\"#_ednref4\" name=\"_edn4\">[4]<\/a> Michael Titzmann unterscheidet idealtypisch die Literatursysteme bzw. Epochen \u201aRealismus\u2018 und \u201aFr\u00fche Moderne\u2018 anhand der Funktion der Grenze innerhalb des jeweiligen Systems: Realistische Texte operieren mit Grenzziehungen und sind einer Logik der Differenz (insbesondere: Leben vs. Tod) verpflichtet, w\u00e4hrend Texte der Fr\u00fchen Moderne Grenzverschiebungen fokussieren und von einer Logik des Graduellen bestimmt werden (vgl. Michael Titzmann: \u201aGrenzziehung\u2018 vs. \u201aGrenztilgung\u2018. Zu einer fundamentalen Differenz der Literatursysteme \u201aRealismus\u2018 und \u201aFr\u00fche Moderne\u2018. In: Hans Krah\/ Claus-Michael Ort, Hg.: Weltentw\u00fcrfe in Literatur und Medien. Phantastische Wirklichkeiten und realistische Imaginationen. Festschrift f\u00fcr Marianne W\u00fcnsch, Kiel 2002, S. 181\u2013209, hier S. 201\u2013204). Das skizzierte Krisennarrativ (Normalit\u00e4t, St\u00f6rung und Renormalisierung) verk\u00f6rpert die bin\u00e4re Logik des realistischen Erz\u00e4hlens und deutet zugleich auf die fehlende Stoppregel des Erz\u00e4hlens hin.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><a href=\"#_ednref5\" name=\"_edn5\">[5]<\/a> In der neuen Erz\u00e4hl\u00e4sthetik des sogenannten amerikanischen Realismus \u2013 Stichwort <em>White Trash Noir <\/em>\u2013 nimmt das Dorf, konkreter Ort und Symbol zugleich, ebenfalls eine zentrale Rolle ein (vgl. Sascha Seiler: \u201aIm Hinterland\u2018. Das Dorf im Roman des neuen amerikanischen Realismus. In: Werner Nell\/ Marc Weiland, Hg.: Imagin\u00e4re D\u00f6rfer. Zur Wiederkehr des D\u00f6rflichen in Literatur, Film und Lebenswelt, Bielefeld 2014, S. 359\u2013371). \u2013 F\u00fcr konstruktive Hinweise danke ich zudem Ulrich Plass.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><a href=\"#_ednref6\" name=\"_edn6\">[6]<\/a> Vgl. Hans Vilmar Geppert: Der realistische Weg. Formen pragmatischen Erz\u00e4hlens bei Balzac, Dickens, Hardy, Keller, Raabe und anderen Autoren des 19. Jahrhunderts, T\u00fcbingen 1994.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><a href=\"#_ednref7\" name=\"_edn7\">[7]<\/a> Moritz Ba\u00dfler: Die Unendlichkeit des realistischen Erz\u00e4hlens. Eine kurze Geschichte moderner Textverfahren und die narrativen Optionen der Gegenwart. In: Carsten Rohde\/ Hansgeorg Schmidt-Bergmann (Hg.): Die Unendlichkeit des Erz\u00e4hlens. Der Roman in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur seit 1989, Bielefeld 2013, S. 27\u201345, hier S. 44.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><a href=\"#_ednref8\" name=\"_edn8\">[8]<\/a> Ebd., S. 29.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><a href=\"#_ednref9\" name=\"_edn9\">[9]<\/a> Zur unhinterfragten Konjunktur der Selbstreflexivit\u00e4t in den Literaturwissenschaften vgl. Eva Geulen\/ Peter Geimer: Was leistet Selbstreflexivit\u00e4t in Kunst, Literatur und ihren Wissenschaften? In: Deutsche Vierteljahrsschrift f\u00fcr Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte 89.4 (2015), S. 521\u2013533.<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">VORGESCHLAGENE ZITIERWEISE: Natalie Moser: Realismus f\u00fcr das 21. Jahrhundert (I): Die Wiederkehr der Dorfgeschichte, in: ZfL BLOG, 14.4.2016, [<a href=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2016\/04\/14\/realismus-fur-das-21-jahrhundert-i-die-wiederkehr-der-dorfgeschichte-natalie-moser\/\">https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2016\/04\/14\/realismus-fur-das-21-jahrhundert-i-die-wiederkehr-der-dorfgeschichte-natalie-moser\/<\/a>].<\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">DOI: <\/span><a href=\"https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20160414-03\"><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20160414-03<\/span><\/a><\/p>\n<p><script type=\"application\/ld+json\">\n{\n  \"@context\": \"http:\/\/schema.org\",\n  \"@type\": \"CreativeWork\",\n  \"@id\": \"https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20160414-03\",\n  \"url\": \"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2016\/04\/14\/realismus-fur-das-21-jahrhundert-i-die-wiederkehr-der-dorfgeschichte-natalie-moser\/\",\n  \"additionalType\": \"Blogpost\",\n  \"name\": \"REALISMUS F\u00dcR DAS 21. JAHRHUNDERT (I): Die Wiederkehr der Dorfgeschichte\",\n  \"author\": {\n    \"name\": \"Natalie Moser\",\n    \"givenName\": \"Natalie\",\n    \"familyName\": \"Moser\",\n    \"@type\": \"Person\"\n  },\n  \"inLanguage\": \"de\",\n  \"dateCreated\": \"2016-04-14\",\n  \"datePublished\": 2016,\n  \"schemaVersion\": \"http:\/\/datacite.org\/schema\/kernel-4\",\n  \"publisher\": {\n    \"@type\": \"Organization\",\n    \"name\": \"Leibniz-Zentrum f\u00fcr Literatur- und Kulturforschung \"\n  },\n  \"provider\": {\n    \"@type\": \"Organization\",\n    \"name\": \"datacite\"\n  }\n}\n<\/script><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aktualit\u00e4t und Relevanz realistischer Schreibverfahren in der Gegenwartsliteratur anhand einer Dorfgeschichte zu veranschaulichen, klingt erst einmal nicht nach einer guten Idee. Gerade die Dorfgeschichten haben der realistischen Prosa des 19. Jahrhunderts den Ruf eingetragen, altbacken, naiv und kitschig zu sein. Schauplatz der Handlungen ist \u00fcblicherweise ein b\u00e4uerlich-d\u00f6rfliches Milieu, das detailreich und mit R\u00fcckgriff auf Oppositionspaare <a class=\"read-more-link\" href=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2016\/04\/14\/realismus-fur-das-21-jahrhundert-i-die-wiederkehr-der-dorfgeschichte-natalie-moser\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[20,19],"tags":[5,7,6,8,2],"class_list":["post-50","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-jahresthema-realismus","category-lektueren","tag-dorfgeschichte","tag-fiona-und-ferdinand","tag-haslinger","tag-narrativik","tag-realismus"],"post_mailing_queue_ids":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/50","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=50"}],"version-history":[{"count":19,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/50\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3704,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/50\/revisions\/3704"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=50"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=50"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=50"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}