{"id":504,"date":"2017-09-18T10:13:26","date_gmt":"2017-09-18T08:13:26","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/?p=504"},"modified":"2025-03-04T15:26:11","modified_gmt":"2025-03-04T13:26:11","slug":"tatjana-petzer-architektur-der-einheit-berlins-fernsehturm","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2017\/09\/18\/tatjana-petzer-architektur-der-einheit-berlins-fernsehturm\/","title":{"rendered":"Tatjana Petzer: ARCHITEKTUR DER EINHEIT &#8211; Berlins Fernsehturm"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"http:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/Einheitsbild.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-520 alignright\" src=\"http:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/Einheitsbild-300x225.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/Einheitsbild-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/Einheitsbild-768x576.jpg 768w, https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/Einheitsbild-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/Einheitsbild.jpg 1200w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 85vw, 300px\" \/><\/a>Am 3. Oktober begeht der 1969 eingeweihte Berliner Fernsehturm seinen Jahrestag [Abb. 1: Berliner Fernsehturm, im Vordergrund das Deutsche Historische Museum]. Seit einigen Jahren wird hier in dem auf 207\u00a0m H\u00f6he gelegenen Drehrestaurant Sphere, ehemals Tele-Caf\u00e9, das \u00bbEinheits-Men\u00fc\u00ab aus kulinarischen Ost- und West-Spezialit\u00e4ten serviert. Dass das einstige Wahrzeichen der DDR nach dem Mauerfall rasch zum Symbol des wiedervereinten Deutschlands avancierte, verdankt es nicht allein seinem heutigen Betreiber, der Deutschen Telekom, die mit eindrucksvollen Au\u00dfenverkleidungen der Turmkugel zu besonderen Anl\u00e4ssen auch f\u00fcr Deutschland wirbt. Es ist die in der Tradition von Kugelbauten stehende sph\u00e4rische Konstruktion selbst, die eine architektonische Vision gesellschaftlicher Einheit verk\u00f6rpert.<!--more--><\/span><\/p>\n<h4><span style=\"color: #e63348; font-family: helvetica;\"><strong>Neues Zentrum <\/strong><\/span><\/h4>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Nach der Gr\u00fcndung der DDR galt es, das Gebiet um das im Krieg zerst\u00f6rte Stadtschloss gem\u00e4\u00df den Prinzipien des sozialistischen St\u00e4dtebaus umzugestalten. Hier sollte der politische Mittelpunkt Ost-Berlins entstehen, wo Aufm\u00e4rsche und Volksfeiern stattfinden konnten, gerahmt von einer monumentalen Silhouette und einem zentralen\u00a0 Regierungsgeb\u00e4ude am Ufer der Spree. Ein f\u00fchrender Entwurf daf\u00fcr stammte von Richard Paulick, der in der Vorkriegszeit Assistent bei Walter Gropius gewesen war, sich als DDR-Architekt aber vom Modernismus verabschieden musste. Sein massives Regierungshochhaus orientierte sich am Vorbild von Boris Iofans Entwurf des f\u00fcr das Stadtzentrum des Neuen Moskau geplanten \u00bbPalasts der Sowjets\u00ab von 1934, den Stalin pers\u00f6nlich in H\u00f6he und Gestaltung ver\u00e4ndert hatte. Mit 415\u00a0m sollte der Palast als h\u00f6chstes Geb\u00e4ude der Welt das Empire State Building in New York abl\u00f6sen; doch der Bau kam nicht \u00fcber das Fundament hinaus und wurde in den 1950er Jahren verworfen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Unter Druck geriet die DDR-Regierung durch den st\u00e4dtebaulichen Wettbewerb \u00bbHauptstadt Berlin\u00ab, den der West-Berliner Senat und der Deutsche Bundestag am 26. Oktober 1955 beschlossen und f\u00fcr 1957\/58 ausgeschrieben hatte. An renommierte Architekten wie Le Corbusier in Paris, Hans Scharoun in Berlin und Adolf Ciborowski in Warschau war die Aufgabe herangetragen worden, die zerst\u00f6rte alte Stadtmitte, die bisher nicht wiederaufgebaut worden war, als ein modernes weltst\u00e4dtisches Zentrum der zuk\u00fcnftigen Hauptstadt Deutschlands zu gestalten, und zwar mit allen politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Einrichtungen einer geeinten deutschen Hauptstadt. Ohne R\u00fccksicht auf Sektorengrenzen reichte das Wettbewerbsgebiet vom Brandenburger Tor im Westen bis zum Alexanderplatz im Osten, vom Oranienburger Tor im Norden bis zum Mehringplatz im S\u00fcden. Aus den Entw\u00fcrfen stach der des franz\u00f6sischen Architekten Jean Faugeron hervor, der einen Fernsehturm mit dreiseitigem Turmschaft f\u00fcr die Berliner Friedrichstadt vorsah, umgeben von in Ellipsenform dicht gereihten Hochh\u00e4usern. Insbesondere der Schattenwurf in der Draufsicht des Entwurfs zeigt gro\u00dfe \u00c4hnlichkeit mit dem sp\u00e4teren Turm am Alexanderplatz.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Auf diese Wiedervereinigung am Rei\u00dfbrett reagierte Ost-Berlin am 7. Oktober 1959 seinerseits mit der Ausschreibung eines \u00bbInternationalen Ideenwettbewerbs zur sozialistischen Umgestaltung des Zentrums der Hauptstadt der DDR, Berlin\u00ab. Das Planungskollektiv um Gerhard Kosel, Staatssekret\u00e4r und stellvertretender Minister f\u00fcr Aufbau und Pr\u00e4sident der Deutschen Bauakademie, ver\u00f6ffentlichte dazu klare architektonische Richtlinien. Kosels eigener Vorschlag, ein monumentales Marx-Engels-Forum am Ost-Ufer der Spree zu errichten, das erste Entw\u00fcrfe um 1950 von Paulick wieder aufgriff und au\u00dfer Konkurrenz lief, nahm im Wettbewerb die ungek\u00fcrte Siegerposition ein. Einige Teilnehmer schlugen den Leitlinien der SED zum Trotz vor, auf den Hochhausmonolithen zugunsten einer symbolischen H\u00f6hendominante zu verzichten. Darunter war der Entwurf von Hermann Henselmann, seit 1953 Chefarchitekt beim Magistrat von Ost-Berlin, der ebenfalls au\u00dfer Konkurrenz lief. (Rainer Haubrichs Artikel <a href=\"https:\/\/www.welt.de\/kultur\/article3695085\/So-haette-Berlin-um-ein-Haar-ausgesehen.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">\u00bbSo h\u00e4tte Berlin um ein Haar ausgesehen\u00ab<\/a> enth\u00e4lt Bilder vom Regierungshochhaus und Henselmanns Modell.) Henselmann durchkreuzte die offizielle, nach Stalins Tod als unzeitgem\u00e4\u00df empfundene Leitarchitektur mit einer modernen Konzeption der Stadtmitte. Anstelle eines Monumentalbaus nach sowjetischem Muster schlug Henselmann eine verkehrsberuhigte Zentrumsinsel mit einem zentralen \u00bbForum der Nation\u00ab vor. Es handelte sich um einen dreigeteilten Komplex mit Parlamentsgeb\u00e4ude, das durch ein Wasserbecken mit einem futuristischen Bau an der \u00f6stlichen Seite verbunden war. Letzterer, eine in zwei Parabelb\u00f6gen eingeh\u00e4ngte Kundgebungshalle in Form eines leicht abgeschr\u00e4gten und abgeflachten Ellipsoids, trug den goldenen Schriftzug \u00bbProletarier aller L\u00e4nder, vereinigt euch!\u00ab Zum Westen hin sollte sich ein Marx-Engels-Denkmalensemble erheben: ein ca. 300\u00a0m hoher Fernsehturm, interpretiert als \u00bbTurm der Signale\u00ab, der die Bedeutung von \u00bbBr\u00fcder, zur Sonne, zur Freiheit, Br\u00fcder, zum Lichte empor\u00ab verk\u00f6rpern sollte, und zu dessen Fu\u00dfe eine aus einem roten Marmorblock bestehende Marx-Engels-Ehrenhalle. Die technische Skizze zeigt den Turm bereits mit einer Kugel, darin enthalten sind Fernseh- und UKW-Technik, die Drehmaschinerie sowie die Aussichts- und Restaurantetage. Deshalb gilt dieser Entwurf als Geburtsstunde des Berliner Fernsehturms. Doch 1959 war Henselmanns an westlich-modernistischer Architektur angelehnter Entwurf als politischer Affront verstanden worden und Anlass, den Berliner Chefarchitekten seiner Funktion zu entheben.<\/span><\/p>\n<h4><span style=\"font-family: helvetica;\"><strong>Turmbau zu Berlin<\/strong><\/span><\/h4>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Anfang der 1960er Jahre befanden sich zwei prominente DDR-Hauptstadtprojekte in einer Sackgasse. Die weiter verfolgten Entw\u00fcrfe f\u00fcr das Regierungshochhaus unter der Bezeichnung \u00bbZentrales Geb\u00e4ude\u00ab sahen nun die Erweiterung der Spree vor und in deren Mitte, umgeben von Wasser, die Volkskammer samt einer 90m hohen gl\u00e4sernen \u00dcberkuppelung. Die Kuppelbauten immanente Machtsymbolik wurde dabei durch die Materialwahl Glas als Zeichen f\u00fcr Transparenz in der parlamentarischen Arbeit in einer Demokratie verkn\u00fcpft. Auf diese Vorschl\u00e4ge f\u00fcr den Marx-Engels-Platz konnte man sich jedoch nicht einigen, und da der Nutzen in Hinblick auf die bereits bestehenden Regierungsgeb\u00e4ude fraglich erschien, wurde das Bauvorhaben zur\u00fcckgestellt. Das zweite Projekt, das sich bereits in der Bauphase befand, der Ost-Berliner Funk- und Fernsehturm, sollte das signaltechnische Empfangs- und Frequenzproblem l\u00f6sen und die DDR-B\u00fcrger dem Einfluss westlicher Sender entziehen. Bauvorhaben an den Standorten M\u00fcggelberge (wo der Turm aber den Sch\u00f6nefelder Flugverkehr behindert h\u00e4tte) und im Volkspark Friedrichshain (wo man den mit 360\u00a0m aus allen Berliner Bezirken sichtbaren Turm bereits als \u00bbWahrzeichen der vereinigten Stadt Berlin\u00ab visionierte) waren abgebrochen worden. Der Mauerbau hatte die volkswirtschaftlichen Ressourcen strapaziert, umso deutlicher traten die Dringlichkeit, den funktechnischen Missstand zu \u00fcberwinden, sowie die Notwendigkeit eines baupolitischen Zeichens hervor.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Pragmatische und ideologische Bed\u00fcrfnisse wurden schlie\u00dflich befriedigt, als der Alexanderplatz zum Standort des Funk- und Fernsehturms der DDR bestimmt wurde und damit auch den alles \u00fcberragenden Monumentalbau in der Funktion der st\u00e4dtebaulichen H\u00f6hendominante beerbte. Am Fernsehturm wurde nun das ge\u00e4nderte st\u00e4dtepolitische Leitbild ablesbar. Zusammen mit dem rund um den Alexanderplatz errichteten Ensemble von Verwaltungsbauten (Haus der Elektroindustrie, Haus des Reisens, Haus der Statistik, Verlagshochhaus, Haus des Lehrers) hatte er eine repr\u00e4sentative Funktion und legte Zeugnis von der Stellung von Technik und Medienindustrie im sozialistischen Staat ab.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Das Bauvorhaben wurde im September 1964 vom Politb\u00fcro der SED beschlossen, mit der Gesamtleitung wurde Kosel beauftragt. Unter den Mitverantwortlichen war auch der wieder eingesetzte Henselmann, dessen Projektierungsgruppe den f\u00fcr den Standort Friedrichshain konzipierten Turm nun entsprechend f\u00fcr das Stadtzentrum umarbeiten sollte, so dass dieser in Funktion und Gestalt dort zur bauk\u00fcnstlerischen Stadtkrone werden konnte. Beide, Kosel wie Henselmann, wollten einen Turmkopf in dynamischer Kugelform und nicht in Form eines Zylinders, der inzwischen nach dem Stuttgarter Vorbild f\u00fcr Funkt\u00fcrme weltweit \u00fcblich geworden war. Begr\u00fcndet wurde die Kugelform \u00e4sthetisch \u2013 nur eine neue Form konnte auch zum einpr\u00e4gsamen Wahrzeichen werden \u2013 und vor allem funktionell \u2013 die Kugelform ist im Vergleich zum Zylinder effizienter, denn bei kleiner Oberfl\u00e4che erh\u00f6ht sich die Nutzfl\u00e4che f\u00fcr die Betriebsr\u00e4ume. Die Kugelkonstruktion, die letztlich im Politb\u00fcro im Februar 1965 vorgestellt und best\u00e4tigt wurde, war jedoch weder die von Henselmann von 1959, der sich diese mit Rubinen besetzt, rot strahlend vorgestellt hatte, noch die von Kosel von 1964, der sie vergoldet sehen wollte. Vielmehr handelte es sich um eine Kugel, der Architekten und Ingenieure des VEB Industrieprojektierung Ma\u00df, Form und Technik gegeben hatten. Rostfreier, aus Westdeutschland importierter Edelstahl diente als Au\u00dfenverkleidung, auf die aus Gr\u00fcnden der Stabilit\u00e4t kleine Pyramiden aufgesetzt wurden, um die Angriffsfl\u00e4che f\u00fcr Winde zu verringern.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"http:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/Alexanderplatz-Modell.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-507 alignleft\" src=\"http:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/Alexanderplatz-Modell-300x214.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"214\" srcset=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/Alexanderplatz-Modell-300x214.jpg 300w, https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/Alexanderplatz-Modell.jpg 640w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 85vw, 300px\" \/><\/a>Nach 53 Monaten Bauzeit konnte der Fernsehturm zum 20. Jahrestag der DDR er\u00f6ffnet werden [Abb. 2: Berliner Fernsehturm, Modell von 1969, Foto: Alter Jakob]. Ebenso wie Kosel und Henselmann, die wegen diverser Kostenexplosionen \u2013 der eine beim Turmbau, der andere beim Haus des Lehrers \u2013 in Ungnade gefallen waren, geriet der parteilose Architekt der Turmkugel vom VEB Industrieprojektierung Berlin, Fritz Dieter, wegen des sich im Sonnenlicht auf der Kugeloberfl\u00e4che abzeichnenden Kreuzes in Misskredit, obwohl man dieses vielleicht auch einfach als Plus des Sozialismus h\u00e4tte deuten k\u00f6nnen. Anstelle des \u00bbZentralen Geb\u00e4udes\u00ab wurde wenige Jahre sp\u00e4ter ein modernistischer Mehrzweckbau errichtet \u2013 der Palast der Republik.<\/span><\/p>\n<h4><span style=\"color: #e63348; font-family: helvetica;\"><strong>Kugelsymbol<\/strong><\/span><\/h4>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Die Kugel wird seit jeher als vollkommene Gestalt betrachtet, die Welt und Kosmos repr\u00e4sentiert. Konstruierte Sph\u00e4ren wie die Berliner Turmkugel verk\u00f6rpern architektonisch elementare Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten der Natur wie auch der Kultur: Ganzheit und Einheit. Die franz\u00f6sische Revolutionsarchitektur fand im Kugelbau die visuelle Repr\u00e4sentation der politischen Einheit einer Vielheit, einer Totalit\u00e4t ohne Hierarchie und damit den symbolischen Ausdruck der Volkssouver\u00e4nit\u00e4t. Daf\u00fcr stehen \u00c9tienne-Louis Boull\u00e9es unrealisiert gebliebene Entw\u00fcrfe \u00bbKenotaph f\u00fcr Newton\u00ab (1784), eine radikale Verk\u00f6rperung von Vollkommenheit, kosmischer Universalit\u00e4t und allseitiger Symmetrie, sowie \u00bbTempel der Vernunft oder der Natur\u00ab (ca. 1793), ein Versammlungsbau des Volkes.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Die Faszination f\u00fcr Kugelbauten verst\u00e4rkte sich in der ersten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts, doch kamen entsprechende Entw\u00fcrfe, abgesehen von Kuppeln und Halbsph\u00e4ren bei Sternwarten und Planetarien, oft nicht \u00fcber Skizze und Planungsstadium hinaus. Immer \u00f6fter riefen auch schwebende Kugeln Vorstellungen des Planetarischen und Globalen auf. Exemplarisch steht daf\u00fcr in der fr\u00fchsowjetischen Architektur Ivan Leonidovs Lebenswerk.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"http:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/Leonidow-Moskau.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-508 alignright\" src=\"http:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/Leonidow-Moskau-300x209.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"209\" srcset=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/Leonidow-Moskau-300x209.jpg 300w, https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/Leonidow-Moskau.jpg 650w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 85vw, 300px\" \/><\/a>Den Anfang bildete dessen \u00bbLenin-Institut\u00ab (Diplomarbeit 1927) [Abb. 3], ein Ensemble aus Bibliothekshochhaus und einer scheinbar abhebenden Glaskugel, die als \u00bbwissenschaftlich-optisches Theater\u00ab, als Auditorium und Massenversammlungsraum mit Blick in den Kosmos dienen sollte. Es kulminierte in seiner Konzeption einer Stadt der Zukunft (1950er Jahre), in der schwebende Kugeln eine prominente Stellung einnahmen und deren Titel \u00bbSonnenstadt\u00ab an das gleichnamige utopische Gemeinwesen des italienischen Philosophen Tommaso Campanella von 1602, \u00bbLa citt\u00e0 del Sole\u00ab, erinnerte, sowie in dem f\u00fcr die Weltausstellung in Br\u00fcssel 1958 skizzierten Sitz der Vereinten Nationen in Kugelform.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"http:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/New-York.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-509 alignleft\" src=\"http:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/New-York-300x234.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"234\" srcset=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/New-York-300x234.jpg 300w, https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/New-York-768x599.jpg 768w, https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/New-York.jpg 904w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 85vw, 300px\" \/><\/a>Einer der wenigen tats\u00e4chlich realisierten Kugelbauten aus dieser Zeit wurde zum Wahrzeichen der Weltausstellung 1939\/1940 in New York [Abb. 4: 1939 World\u2019s Fair. Foto via New York Public Library]. Diese stand unter dem Motto \u00bbBuilding the World of Tomorrow, For Peace and Freedom \u2013 all Eyes to the Future\u00ab und hatte zum Thema, wie die Welt im Jahre 1960 aussehen k\u00f6nnte. Eine begehbare Kugel mit ca. 55\u00a0m Durchmesser, die Perisphere, diente als Ausstellungsraum f\u00fcr die von Henry Dreyfuss designte futuristische Metropole \u00bbDemocracity\u00ab und wurde gemeinsam mit der Trylon (Zusammensetzung aus <em>triangular<\/em> und <em>pylon<\/em>), einer ca. 186\u00a0m hohen Metallnadel mit dreieckigem Grundriss, als Themenensemble von den Architekten Wallace Harrison und J. Andr\u00e9 Fouilhoux entworfen. Allerdings handelte es sich noch um tempor\u00e4re Konstruktionen; sie wurden im Zweiten Weltkrieg abmontiert und dienten als Rohstoff f\u00fcr die Kriegswirtschaft.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Sp\u00e4tere Weltausstellungen boten immer wieder Gestaltungsr\u00e4ume f\u00fcr architektonische Sph\u00e4renkonstruktionen. Nicht zuletzt hatte der am 4. Oktober 1957 erfolgreich gestartete erste sowjetische Sputnik der Kugelform weiteren Symbolcharakter verliehen. So wurde beispielsweise f\u00fcr die \u00bbCentury 21 Exposition\u00ab von 1962 in Seattle die Space Needle, ein 184m hoher Aussichts- und Restaurantturm, errichtet. R.\u00a0Buckminster Fuller baute f\u00fcr die Expo &#8217;67 in Montreal den amerikanischen Pavillon in Form einer gewaltigen geod\u00e4tischen Kuppel, die aus einem falt- und zerlegbaren Raumfachwerk aus Stahlr\u00f6hren konstruiert war. Diese Bauweise basiert auf Fullers Designwissenschaft, der Synergetik, die er in den Dienst einer Vision stellte: eines durch modernste Transport- und Kommunikationsmedien geeinten Planeten, den er explizit \u00bbRaumschiff Erde\u00ab nannte.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Als die schwebende und um ihre eigene Achse rotierende Kugel am Alexanderplatz projektiert wurde, waren derartige Elemente also bereits Bestandteil der modernen Architektursprache in Ost und West. Henselmanns \u00bbTurm der Signale\u00ab und der sp\u00e4tere Fernsehturm, auch \u00bbSpree-Sputnik\u00ab genannt, kn\u00fcpften zweifellos an die in der Kugelform verankerte Fortschritts- und Weltraumsymbolik an. Das Besondere war, dass mit der Kugel im neuen Stadtzentrum von Ost-Berlin eine begehbare kulturelle Partizipationssph\u00e4re der Egalit\u00e4t geschaffen wurde: ein gesellschaftlicher Treffpunkt und ein optisches H\u00f6hentheater mit Blick nach Ost und West, das auf \u00fcber 200\u00a0m H\u00f6he die durch den Mauerbau zementierte Teilung der Stadt quasi aufhob. Heute ist das h\u00f6chste Bauwerk Deutschlands weniger Wallfahrtsort f\u00fcr Ostalgiker als internationales Wahrzeichen der Bundesrepublik und ihrer Hauptstadt. Form und Funktion entsprechen modernen Einheitssymboliken: der Gemeinschaftskultur, symbolisiert etwa durch die im Rahmen der WM-Kampagne 2006 vorgenommene Umdekoration der Turmkugel zum Riesenfu\u00dfball, und \u2013 anders als zu Zeiten des Kalten Krieges, als der Fernsehturm noch Ort der Zentralisierung von Information zur einheitlichen Meinungsbildung und Abschottung war \u2013 dem regionalen Kommunikationsnetzwerk sowie der medientechnologischen Vision einer globalisierten Welt, in die sich die universale Konstruktion nach dem Mauerfall nahtlos einf\u00fcgte.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><span style=\"color: #e63348;\">Literatur<br \/>\n<\/span>Selim O. Chan-Magomedow: <em>Pioniere der sowjetischen Architektur <\/em>(Dresden: Verlag der Kunst 1983).<\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: helvetica;\"> Susanne von Falkenhausen: <em>Kugelbauvisionen. Kulturgeschichte einer Bauform von der Franz\u00f6sischen Revolution bis zum Medienzeitalter<\/em> (Bielefeld: Transcript 2008).<\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: helvetica;\"> Bruno Flierl: <em>Gebaute DDR. \u00dcber Stadtplaner, Architekten und die Macht<\/em> (Berlin: Verlag f\u00fcr Bauwesen 1998).<\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: helvetica;\"> Elmar Kossel: <em>Hermann Henselmann und die Moderne. Eine Studie zur Modernerezeption in der Architektur der DDR<\/em> (K\u00f6nigstein: Langewiesche 2013).<\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: helvetica;\"> Joachim Krausse, Claude Lichtenstein (Hg.): <em>Your Private Sky. R. Buckminster Fuller <\/em>(2 Bde., Baden: M\u00fcller 1999\/2001).<\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: helvetica;\"> Peter M\u00fcller: <em>Symbol mit Aussicht. Die Geschichte des Berliner Fernsehturms<\/em> (Berlin: Verlag f\u00fcr Bauwesen, 2. Aufl. 2000).<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #e63348; font-family: helvetica;\"><em><span class=\"text\">Die Literaturwissenschaftlerin und Slawistin <a style=\"color: #e63348;\" href=\"http:\/\/www.zfl-berlin.org\/person\/petzer.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Tatjana Petzer<\/a> arbeitet als Dilthey-Fellow am ZfL mit dem Forschungsprojekt <a style=\"color: #e63348;\" href=\"http:\/\/www.zfl-berlin.org\/projekt\/synergie.html\">Wissensgeschichte der Synergie<\/a>. Im Wintersemester 2017\/18 vertritt sie <\/span>am Seminar f\u00fcr Slavistik der Martin-Luther-Universit\u00e4t Halle-Wittenberg die <span class=\"text\"><span style=\"color: #e63348;\">Professur f\u00fcr Slavistische Kulturwissenschaft.<\/span><\/span><span class=\"text\"><br \/>\n<\/span><\/em><\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">VORGESCHLAGENE ZITIERWEISE: Tatjana Petzer: Architektur der Einheit \u2013 Berlins Fernsehturm, in: ZfL BLOG, 18.9.2017, [<a href=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2017\/09\/18\/tatjana-petzer-architektur-der-einheit-berlins-fernsehturm\/\">https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2017\/09\/18\/tatjana-petzer-architektur-der-einheit-berlins-fernsehturm\/<\/a>].<\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: helvetica;\">DOI: <\/span><a href=\"https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20170918-01\"><span style=\"font-family: helvetica;\">https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20170918-01<\/span><\/a><\/p>\n<p><script type=\"application\/ld+json\">\n{\n  \"@context\": \"http:\/\/schema.org\",\n  \"@type\": \"CreativeWork\",\n  \"@id\": \"https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20170918-01\",\n  \"url\": \"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2017\/09\/18\/tatjana-petzer-architektur-der-einheit-berlins-fernsehturm\/\",\n  \"additionalType\": \"Blogpost\",\n  \"name\": \"ARCHITEKTUR DER EINHEIT \u2013 Berlins Fernsehturm\",\n  \"author\": {\n    \"name\": \"Tatjana Petzer\",\n    \"givenName\": \"Tatjana\",\n    \"familyName\": \"Petzer\",\n    \"@type\": \"Person\"\n  },\n  \"inLanguage\": \"de\",\n  \"dateCreated\": \"2017-09-18\",\n  \"datePublished\": 2017,\n  \"publisher\": {\n    \"@type\": \"Organization\",\n    \"name\": \"Leibniz-Zentrum f\u00fcr Literatur- und Kulturforschung \"\n  },\n  \"provider\": {\n    \"@type\": \"Organization\",\n    \"name\": \"datacite\"\n  }\n}\n<\/script><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 3. Oktober begeht der 1969 eingeweihte Berliner Fernsehturm seinen Jahrestag [Abb. 1: Berliner Fernsehturm, im Vordergrund das Deutsche Historische Museum]. Seit einigen Jahren wird hier in dem auf 207\u00a0m H\u00f6he gelegenen Drehrestaurant Sphere, ehemals Tele-Caf\u00e9, das \u00bbEinheits-Men\u00fc\u00ab aus kulinarischen Ost- und West-Spezialit\u00e4ten serviert. Dass das einstige Wahrzeichen der DDR nach dem Mauerfall rasch zum <a class=\"read-more-link\" href=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2017\/09\/18\/tatjana-petzer-architektur-der-einheit-berlins-fernsehturm\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[18],"tags":[101,99,98,100,378],"class_list":["post-504","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-ad-hoc","tag-architektur","tag-berlin","tag-einheit","tag-fernsehturm","tag-stadtgeschichte"],"post_mailing_queue_ids":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/504","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=504"}],"version-history":[{"count":18,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/504\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3679,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/504\/revisions\/3679"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=504"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=504"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=504"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}