{"id":526,"date":"2017-09-25T10:00:36","date_gmt":"2017-09-25T08:00:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/?p=526"},"modified":"2025-03-04T15:24:18","modified_gmt":"2025-03-04T13:24:18","slug":"moritz-neuffer-gegen-dieses-68-zu-robert-stockhammer-1967-pop-grammatologie-und-politik-paderborn-fink-2017","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2017\/09\/25\/moritz-neuffer-gegen-dieses-68-zu-robert-stockhammer-1967-pop-grammatologie-und-politik-paderborn-fink-2017\/","title":{"rendered":"Moritz Neuffer: \u00bbGEGEN DIESES 68\u00ab. Zu Robert Stockhammer: 1967. Pop, Grammatologie und Politik"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: helvetica;\">1967 ver\u00f6ffentlicht die im New Yorker Chelsea Hotel lebende Schriftstellerin Valerie Solanas die ersten Mimeographien ihres Manifests zur Gr\u00fcndung der <em>Society for Cutting Up Men<\/em>. Darin ruft Solanas dazu auf, \u00bbdie Regierung zu st\u00fcrzen, das Geldsystem abzuschaffen, umfassende Automation einzuf\u00fchren und das m\u00e4nnliche Geschlecht zu vernichten\u00ab.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Ihre radikale Kritik patriarchaler Verh\u00e4ltnisse verbindet sie mit Ank\u00fcndigungen von Arbeitssabotage (\u00bbSCUM wird die verschiedensten Jobs annehmen und <em>nicht<\/em> arbeiten\u00ab) bis Mord (\u00bbSCUM wird alle M\u00e4nner t\u00f6ten, die nicht Mitglieder der M\u00e4nnerhilfstruppe sind\u00ab).<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> Gefragt, wie ernst sie das meine, antwortet Solanas einem Journalisten, sie sei \u00bbdead serious\u00ab.<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Der literaturwissenschaftlichen Diskussion gibt diese Antwort die Er\u00f6rterung der Gattungsfrage auf:<!--more--> Ist Solanas\u2019 \u00bbillicit performance\u00ab, die es bis heute schafft, maskulinistische Gem\u00fcter zu erregen, satirische Ideologiekritik, Sprachspiel, Programmschrift, Utopie, terroristischer Aufruf \u2013 oder alles zugleich?<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> Auf jeden Fall l\u00e4sst sich das Manifest, wie Morten Paul in einer Auseinandersetzung mit Alexander Garc\u00eda D\u00fcttmanns \u00bb(tod)ernster\u00ab Lekt\u00fcre desselben formuliert, als eine \u00bbArbeit an und mit der Sprache\u00ab, als \u00bbPolitik der Sprache\u00ab und \u00bbGegen-Hate-Speech\u00ab lesen.<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"http:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/Neuffer_Rez_Stockhammer_Bild.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-527 alignleft\" src=\"http:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/Neuffer_Rez_Stockhammer_Bild-188x300.png\" alt=\"\" width=\"188\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/Neuffer_Rez_Stockhammer_Bild-188x300.png 188w, https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/Neuffer_Rez_Stockhammer_Bild.png 197w\" sizes=\"auto, (max-width: 188px) 85vw, 188px\" \/><\/a>Als Arbeiterin an und mit der Sprache erscheint Valerie Solanas auch in Robert Stockhammers Buch <em>1967. Pop, Grammatologie und Politik <\/em>(Paderborn: Fink 2017). Das <em>SCUM Manifesto<\/em> ist darin eines der charakteristischen Zeugnisse aus dem titelgebenden Jahr, insofern mit ihm die Grenzen der \u00bbSprachsysteme\u00ab Kunst und Politik in Frage gestellt werden (S. 52). 1967, so die These des M\u00fcnchner Literaturwissenschaftlers, ist das Jahr, das einen M\u00f6glichkeitsraum \u00f6ffnet, in dem sich ein \u00bberweiterter Begriff von Politik\u00ab konstelliert. Um dies zu zeigen, liest, sieht und h\u00f6rt der Autor weitgehend bekannte zeitgen\u00f6ssische \u00bbArtefakte\u00ab noch einmal neu: die Flugbl\u00e4tter der <em>Kommune I<\/em>, die vor Gericht landen, Aktionen der <em>Provos<\/em> und der <em>Subversiven Aktion<\/em>, die Bildpolitik Godards, Bob Dylans \u203aDe-Synchronisierungen\u2039 von Stimme und Text oder die performativen Sprachspiele auf den Transparenten der Demonstrierenden. Sie alle sind Stockhammer zufolge Beispiele f\u00fcr eine \u00bbSondierung der Basisstruktur der Sprache\u00ab, womit sowohl deren Untersuchung als auch Neuerfindung gemeint ist.<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a> Angesichts von Massenmedien und kulturindustrieller Integration erodieren vorhandene politische Begrifflichkeiten, und die Arbeit an und mit der Sprache ist gewisserma\u00dfen die Vorarbeit, die geleistet werden muss, bevor \u00fcberhaupt erst wieder \u00bbetwas Neues\u00ab gesagt werden kann (S. 9). Theoretisch flankiert wird die selbstreflexive \u00bbprise de parole\u00ab durch den Strukturalismus, die Semiologie und die Medientheorie, poetologisch durch Gedichte Peter Handkes oder Hans Magnus Enzensbergers Essays. Allen voran dient Jacques Derridas <em>Grammatologie<\/em> dem Autor als roter Faden und liefert ihm den Sammelbegriff f\u00fcr die virulente \u00bbReflexion auf Aussagevorrichtungen\u00ab, die eine \u00bbEntkopplung und Neukopplung von W\u00f6rtern und Dingen\u00ab zum Signum von <em>67<\/em> macht (S. 40f.).<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Die hier zitierten Formeln zur Charakterisierung des Jahres stammen teils aus dem zeitgen\u00f6ssischen Material, teils hat Stockhammer sie selbst entwickelt. Er schreibt die Geschichte des Jahres <em>mit<\/em> den Theorien und Zeitdiagnosen des Jahres, die ihrerseits zu den \u00bbArtefakten\u00ab geh\u00f6ren, die das Buch als repr\u00e4sentative \u00bbW\u00f6rter und Dinge\u00ab versammelt. Pr\u00e4sentiert werden vierundzwanzig Eintr\u00e4ge in einer nicht auf Vollst\u00e4ndigkeit angelegten enzyklop\u00e4dischen Form, die eher ein Spiel mit dieser Art der Darstellung ist, eine Collage, die sich aus politisch-sozialen Begriffen (Aktionismus, Mensch, Globalisierung), Bewegungsformen und -praktiken (Love-in, Jugend, Kinderladen\/Kommune) und medientechnischen Ph\u00e4nomenen (Farbfernsehen\/Fauxtographie, Linien, Pow\/Pr\u00e4zisionsschallpegelmesser) zusammensetzt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Nicht immer ist die Koh\u00e4renz der Eintr\u00e4ge sofort evident. Verbindende Momente sind die Wahrnehmungsweisen, die sich ver\u00e4ndern, die medialen Bedingungen dieser Ver\u00e4nderungen und die Bereitschaft handelnder Subjekte, sich auf Neues, Schwieriges und Experimentelles einzulassen: \u00bbRelativ viele Menschen waren in jenem Jahr bereit, Artefakte zu h\u00f6ren, zu sehen oder zu lesen, die angesichts der inzwischen wieder domestizierten H\u00f6r-, Seh- und Lesegewohnheiten heute wieder als outriert gelten\u00ab, schreibt Stockhammer und meint damit unter anderem \u00bbsehr lange Pop-St\u00fccke (die keine Songs mehr sind), ein Kunstwerk, das aus einer einzigen getrampelten Linie besteht, einen Film, der aus einem einzigen Zoom besteht, theoretische Schriften, welche den Tod des Autors im Intertext beschreiben\u00ab (S. 8).<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Bildet man den Umkehrschluss, m\u00f6gen darin Kulturpessimismus oder Nostalgie anklingen, doch Stockhammer versteht es, diese f\u00fcr eine geschichtstheoretische Intervention fruchtbar zu machen. Das Buch betreibt seine Arch\u00e4ologie von <em>67<\/em> \u2013 als Ereignis und Paradigma \u2013 weniger in einem methodischen als vielmehr in einem bildlich-taktilen Sinne; insofern, als <em>67<\/em> und das, was es bezeichnet, von etwas \u00bbzugesch\u00fcttet\u00ab worden sei, das Stockhammer <em>68<\/em> nennt. Formal ist dieses <em>68<\/em> im Unterschied zu <em>67<\/em> erst einmal das nachfolgende, bis in die Gegenwart reichende Paradigma, das die freigesetzte sprachliche Reflexivit\u00e4t und die Bereitschaft, sich auf Schwieriges einzulassen, wieder neutralisiert: Ein vereinfachendes \u00bbWeiterwursteln an blo\u00dfen Themen aus jener Zeit\u00ab, als langes Danach, als eine \u00c4ra der Sprachvergessenheit, der hier eine Chiffre gegeben wird. Stockhammers Buch, so klar formuliert es der Autor, ist \u00bbgegen dieses 68 geschrieben\u00ab (S. 42).<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Aber was (oder wer) ist \u00bbdieses 68\u00ab konkret? Eine von mehreren Antworten darauf findet sich in einem Abschnitt zur Begriffsgeschichte des \u00bbblinden Aktionismus\u00ab. Erstmals nachweisbar sei die Verbindung der zwei W\u00f6rter bei dem Kommunarden Fritz Teufel, der im August 1967 sein Unruhe stiftendes Verhalten so benannte. Nur kurz zuvor hatte J\u00fcrgen Habermas mit dem Vorwurf des \u00bbAktionismus\u00ab die Provokation als Protestform aufgrund ihres autoteleologischen Moments abgestraft (\u00bbMobilisierung[ ] allein um der Mobilisierung [&#8230;] willen\u00ab) und des politisch-rationalen Feldes verwiesen. Um Grenzziehungen geht es auch im Prozess um die Flugbl\u00e4tter der <em>Kommune I<\/em>, anl\u00e4sslich dessen einige namhafte Geisteswissenschaftler (Eberhard L\u00e4mmert, Peter Szondi, Jacob Taubes, Peter Wapnewski) Gutachten erstellten, in denen sie die Frage behandeln, ob die Kommune tats\u00e4chlich zur Begehung strafbarer Handlungen (\u00bbburn, ware-house, burn!\u00ab) aufgerufen habe, oder aber ob die Texte nicht mit Recht als Literatur in die Geschichte \u00e4sthetischer Avantgarden einzureihen w\u00e4ren. Dass nach den ersten Kaufhausbr\u00e4nden die Fortf\u00fchrung einer solchen Auseinandersetzung \u00fcber die Gegen\u00fcberstellung von Sprache und Welt nicht mehr m\u00f6glich gewesen sei, ist f\u00fcr Stockhammer Teil der \u00bbunseligen vermeintlichen Zwangsl\u00e4ufigkeit\u00ab der Geschichte von <em>68 <\/em>(S. 95).<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Die nach 1967 offenbar schnell wieder zum Erliegen gekommene \u00a0\u00bbEntkopplung und Neukopplung\u00ab von literarischer und politischer Sprache ist das Paradebeispiel f\u00fcr Vereinfachungen, Vernunftregime und Phantasielosigkeiten, mit denen das Paradigma <em>68<\/em> das Paradigma <em>67<\/em> unter sich begr\u00e4bt, im Falle des \u00bbAktionismus\u00ab eben derart, dass es \u00bbschon 1967 ein pejoratives Wort f\u00fcr <em>67<\/em> pr\u00e4gte (eben Aktionismus) und damit die Infragestellung bestehender Aussageformationen [\u2026] abbrach, um stattdessen blo\u00df wieder vorgeblich verst\u00e4ndliche Aussagen innerhalb der bestehenden Formationen einzufordern\u00ab (S. 42).<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">An weiteren Beispielen zeigt sich, dass Stockhammer sich nicht scheut, Disparates aneinanderzureihen, um das Gewicht seiner These zu pr\u00fcfen. Die Reterritorialisierung der antiautorit\u00e4ren P\u00e4dagogik in den Kinderl\u00e4den, linker Internationalismus, der sich \u2013 hier h\u00e4tte Fritz Teufel wieder eine Rolle spielen k\u00f6nnen<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a> \u2013 gegen Israel wendet, oder das Hissen der amerikanischen Nationalflagge auf dem Mond, das den Weltraum als utopischen Projektionsraum beendet: So weit voneinander entfernt liegen die Belege daf\u00fcr, dass die M\u00f6glichkeiten von <em>67<\/em> in <em>68<\/em> ver\u00f6den. Die Frage, warum eigentlich heute nicht mehr \u00bbrelativ viele Menschen\u00ab bereit sind, Schwieriges zu lesen, zu h\u00f6ren oder zu sehen, und wie kontingent oder aber selber zwangsl\u00e4ufig dieser Regress war, bleibt dabei unbeantwortet. Der historische Ort der Artefakte, die Stockhammer kurzweilig, sorgf\u00e4ltig und kenntnisreich zu beschreiben wei\u00df, ist somit genau \u2013 und nur \u2013 das, was diese Artefakte in ihrer Summe ausmachen: <em>67<\/em>.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Das l\u00e4sst die Kernaussage, die jene vergangene Zukunft mit ihrer Nachgeschichte kontrastiert, so reizvoll wie unabgesichert wirken. Einerseits nimmt das Buch das annum 1967 als solches zwar ernst, liefert ein wertvolles Quellen- und Literaturverzeichnis und setzt sich auch dezidiert in ein Verh\u00e4ltnis zu anderen Jahres- und Jubil\u00e4umshistoriographien.<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">[8]<\/a> Dabei gibt es starke Momente, wenn etwa (Un-)Gleichzeitigkeiten und Parallelit\u00e4ten zwischen deutschem <em>67<\/em> und franz\u00f6sischem <em>Mai 68<\/em> differenziert betrachtet werden. Andererseits aber weist es die Aufgabe von sich, Vor- oder Nachgeschichten dessen zu erz\u00e4hlen, was sich 1967 als Ereignis konstelliert und in Artefakten manifestiert. Das dekonstruktive Moment in Theorie, Politik und Kunst, das hier identifiziert wird, wird so weder in seiner Genese noch in seinem Nachleben historisiert. Gerade weil die Dekonstruktion in Stockhammers Narrativ so eine prominente Rolle spielt, h\u00e4tte es sich etwa gelohnt, Fragen von De- oder Reakademisierung von Theorie ins Spiel zu bringen. Stellvertretend hei\u00dft es am Ende des Eintrags <em>Flugbl\u00e4tter<\/em>, nachdem der Autor den Moment der Schlie\u00dfung von <em>67<\/em> in Form der Beendigung der Debatte \u00fcber die Literarizit\u00e4t der Kommune-Schriften geschildert hat, \u00fcber die weitere Nachgeschichte: \u00bbDiese Geschichte interessiert hier aber nicht.\u00ab (S. 42)<br \/>\n<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Das ist zwar verst\u00e4ndlich, doch interessieren damit auch solche Artefakte und Diskussionen nicht mehr, die nach 1967 den Geist von <em>67<\/em>, den Stockhammer so sch\u00e4tzt, festhalten, aufgreifen oder weiterentwickeln \u2013 in Kunst, Theorie und Politik gleicherma\u00dfen. Entsprechend bleibt auch offen, wie dieses sprachvergessene, verwaltende, weiterwurstelnde und das Verh\u00e4ltnis von W\u00f6rtern und Dingen simplifizierende <em>68<\/em> denn nun \u2013 abgesehen von breit gestreuten, eher assoziativ verkn\u00fcpften Beispielen \u2013 auf den Begriff zu bringen w\u00e4re. Denn <em>68<\/em> reicht hier in etwa von Habermas bis zur AfD, insofern das Ideal der kommunikativen Vernunft des einen und die unbek\u00fcmmert vorgetragenen \u00bbAnti-68er-Clich\u00e9s\u00ab (S. 39) der anderen als Symptome ein und derselben sprachunsensiblen \u00c4ra auftreten.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Vielleicht muss man Stockhammer zugestehen, mit solch harten und ihrerseits vereinfachenden Urteilen seinen eigenen Text mit einer Dosis jener Performativit\u00e4t auszustatten, wie er ihn in Valerie Solanas\u2019 <em>SCUM Manifesto<\/em> und anderen Texten aus dem Jahr 1967 gefunden hat. Als materialsensible Intervention und Arch\u00e4ologie von komplexen Sprach- und Weltverh\u00e4ltnissen l\u00e4sst sich <em>Pop, Grammatologie und Politik<\/em> jedoch auch als geschickter vorweggenommener Einwand zur bald eintreffenden Literatur des n\u00e4chsten Jubil\u00e4umsjahres verstehen. Das Buch stellt den R\u00fcckblicken auf das Jahr 1968 \u2013 \u00bbMythos, Chiffre und Z\u00e4sur\u00ab (Kraushaar) \u2013 sowie der routinierten Diskussion \u00fcber seine \u203aFolgen\u2039 und deren Zwangsl\u00e4ufigkeit eine Perspektive auf Versch\u00fcttetes voran. Diese Versch\u00fcttungen werden in Forschung und Debatte im schlechteren Falle fortgeschrieben, im besseren Falle aufgezeigt. Historiographie, darauf weist das Buch hin, kann zwar den Anspruch verfolgen, Bergungsarbeit zu leisten, geht aber das Risiko ein, eigene Versch\u00fcttungen, im Sinne der genannten Vereinfachungen, zu produzieren.<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">[9]<\/a> Unter diesem Blickwinkel l\u00e4sst sich Stockhammers emphatische Herausforderung von <em>68<\/em> durch <em>67<\/em> auch als Anstiftung zur \u00bbReflexion auf Aussagevorrichtungen\u00ab der historischen Geisteswissenschaften selbst verstehen.<br \/>\n<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Valerie Solanas: SCUM. Manifest der Gesellschaft zur Vernichtung der M\u00e4nner, Frankfurt a.M. 1969, S. 24.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Ebd., S. 68f.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Zitiert in Steven Watson: Factory Made. Warhol and the Sixties, New York 2003, S. 353.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Laura Winkiel spricht von einer \u00bbillicit performance, a mockery of the \u203aserious\u2039 speech acts of patriarchy\u00ab (The Sweet Assassin and the Performative Politics of <em>SCUM Manifesto<\/em>, in: The Queer Sixties, hg. v. Patricia Juliana Smith, London 1990, S. 62-85, hier S. 69). Die Soziologin Ginette Castro bezeichnete den Text sp\u00e4ter als Parodie der Freud\u2019schen Psychoanalyse, dessen Absurdit\u00e4t dazu diene, die Absurdit\u00e4t einer Theorie sichtbar zu machen, die dem Patriarchat wissenschaftliche Legitimation verliehen habe (American Feminism. A Contemporary History, New York, London 1990 [frz. Orig. 1984], S. 90).<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> Morten Paul: Rezension zu Alexander Garc\u00eda D\u00fcttmann: Gegen die Selbsterhaltung. Ernst und Unernst des Denkens, <a href=\"http:\/\/www.theoriekritik.ch\/?p=3195\">www.theoriekritik.ch<\/a>, 8.2.2017. Der Begriff der \u00bbGegen-Hate-Speech\u00ab geht zur\u00fcck auf Avital Ronell: Deviant Payback: The Aims of Valerie Solanas, in: Valerie Solanas: Scum Manifesto. London, New York 2004, S. 11. Dar\u00fcber hinaus gilt Morten Paul Dank f\u00fcr Anregungen und Kritik zu dieser Rezension.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> Der Begriff der \u00bbSondierung der Bassistruktur der Sprache\u00ab stammt von Walter H\u00f6llerer: Der Autor, die Sprache des Alltags und die Sprache des Kalk\u00fcls, in: Akzente 14 (1967) 3, S. 211-216, hier S. 213.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> Vgl. zur Debatte um den linken Antisemitismus und Teufels m\u00f6gliche Beteiligung an antij\u00fcdischen Anschl\u00e4gen Wolfgang Kraushaar: \u00bbWann endlich beginnt bei Euch der Kampf gegen die heilige Kuh Israel?\u00ab M\u00fcnchen 1970: \u00fcber die antisemitischen Wurzeln des deutschen Terrorismus, Reinbek 2013. Dazu die Entgegnung von Gerd Koenen: Mutma\u00dfungen \u00fcber Fritz. Wie antisemitisch war die Linke? Eine Lekt\u00fcre des neuen Buchs von Wolfgang Kraushaar, in: <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2013\/10\/Wolfgang-Kraushaar-Linke-Antisemitismus-Terrorismus\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">DIE ZEIT<\/a>, 28.2.2013.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> Stockhammer bezieht sich, abgesehen von einschl\u00e4giger 1968-Forschung, z.B. derjenigen Ingrid Gilcher-Holteys oder Wolfgang Kraushaars, auf Monographien und Sammelb\u00e4nde von Florian Illies (zu 1913), Hans-Ulrich Gumbrecht (zu 1926), Antoine Compagnon, Jon Savage und Frank Sch\u00e4fer (zu 1966).<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[9]<\/a> Mit diesen Intentionen l\u00e4sst sich das besprochene Buch auch in aktuelle Diskussionen theoriegeschichtlicher Forschung einreihen: So bespricht Patrick Eiden-Offe in seiner j\u00fcngst erschienen Studie die Motivlage einer \u00bbRettungshistoriographie\u00ab (Die Poesie der Klasse. Romantischer Antikapitalismus und die Erfindung des Proletariats, Berlin 2017, S. 31-33), w\u00e4hrend Robert Zwarg &#8222;eine Historisierung der Kritischen Theorie mit ihren eigenen Mitteln, eingedenk ihrer Intentionen&#8220; vorschl\u00e4gt (Die Kritische Theorie in Amerika. Das Nachleben einer Tradition, G\u00f6ttingen 2017, S. 39).<br \/>\n<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #e63348;\"><em><span class=\"text\" style=\"font-family: helvetica;\">Der Historiker <a href=\"http:\/\/www.zfl-berlin.org\/person\/neuffer.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Moritz Neuffer<\/a> ist seit 2017 Stipendiat des <a style=\"color: #e63348;\" href=\"http:\/\/www.zfl-berlin.org\/doktorandenprogramm.html\">Doktorandenprogramms<\/a> des ZfL mit seinem Dissertationsvorhaben <a style=\"color: #e63348;\" href=\"http:\/\/www.zfl-berlin.org\/projekt\/die-journalistische-form-der-theorie.html\">Die journalistische Form der Theorie. Zur intellektuellen Publizistik der 1950er bis 1970er Jahre.<\/a><\/span><\/em><\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><span style=\"font-weight: 400;\">VORGESCHLAGENE ZITIERWEISE: Moritz Neuffer: \u00bbGegen dieses 68\u00ab. Zu Robert Stockhammer: 1967. Pop, Grammatologie und Politik, in: ZfL BLOG, 25.9.2017, [<a href=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2017\/09\/25\/moritz-neuffer-gegen-dieses-68-zu-robert-stockhammer-1967-pop-grammatologie-und-politik-paderborn-fink-2017\/\">https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2017\/09\/25\/moritz-neuffer-gegen-dieses-68-zu-robert-stockhammer-1967-pop-grammatologie-und-politik-paderborn-fink-2017\/<\/a>].<br \/>\n<\/span><span style=\"font-weight: 400;\">DOI: <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20170925-01\">https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20170925-01<\/a><\/span><\/span><\/p>\n<p><script type=\"application\/ld+json\">\n{\n  \"@context\": \"http:\/\/schema.org\",\n  \"@type\": \"CreativeWork\",\n  \"@id\": \"https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20170925-01\",\n  \"url\": \"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2017\/09\/25\/moritz-neuffer-gegen-dieses-68-zu-robert-stockhammer-1967-pop-grammatologie-und-politik-paderborn-fink-2017\/\",\n  \"additionalType\": \"Blogpost\",\n  \"name\": \"\u00bbGEGEN DIESES 68\u00ab. 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Darin ruft Solanas dazu auf, \u00bbdie Regierung zu st\u00fcrzen, das Geldsystem abzuschaffen, umfassende Automation einzuf\u00fchren und das m\u00e4nnliche Geschlecht zu vernichten\u00ab.[1] Ihre radikale Kritik patriarchaler Verh\u00e4ltnisse verbindet sie mit Ank\u00fcndigungen <a class=\"read-more-link\" href=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2017\/09\/25\/moritz-neuffer-gegen-dieses-68-zu-robert-stockhammer-1967-pop-grammatologie-und-politik-paderborn-fink-2017\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[21,19],"tags":[104,102,103],"class_list":["post-526","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-einblick","category-lektueren","tag-historiographie","tag-robert-stockhammer","tag-theoriegeschichte"],"post_mailing_queue_ids":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/526","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=526"}],"version-history":[{"count":14,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/526\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3678,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/526\/revisions\/3678"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=526"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=526"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=526"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}