{"id":53,"date":"2016-04-14T11:52:54","date_gmt":"2016-04-14T09:52:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zflprojekte.de\/interim\/?p=53"},"modified":"2025-03-04T16:22:47","modified_gmt":"2025-03-04T14:22:47","slug":"realismus-revisited-eva-geulen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2016\/04\/14\/realismus-revisited-eva-geulen\/","title":{"rendered":"Eva Geulen: REALISMUS REVISITED"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: helvetica;\">W\u00e4hrend sich unsere Wirklichkeit medial, technologisch und politisch rasant wandelt, macht Realismus wieder von sich reden. In der Philosophie liest man vom spekulativen oder neuen Realismus, Politiker werben um mehr Realismus, in den Sozialwissenschaften beginnt man am Primat des Konstruktivismus zu zweifeln, und auch in der Literatur hat Realismus Konjunktur. Das <em>Semesterthema des <a href=\"http:\/\/www.zfl-berlin.org\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">ZfL<\/a><\/em> widmet sich der R\u00fcckkehr des Realismus und seinen unterschiedlichen Manifestationen. Dabei geht es uns nicht nur um Sichtung und Analyse der aktuellen Realismus-Diskurse, sondern auch um ihre mehr oder weniger latenten Vorgeschichten. In ihnen spielt der k\u00fcnstlerische Realismus seit langem eine besondere Rolle.<\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: helvetica;\"> <!--more--><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">In der philosophischen und theologischen Tradition ging es mit dem Realismus-Problem um die Frage, ob beobachterunabh\u00e4ngige Wirklichkeiten existieren und als solche erkannt werden k\u00f6nnen. In der Kunst untersteht die Frage ihres Verh\u00e4ltnisses zur Wirklichkeit anderen Bedingungen. Es geht weniger darum, ob Wirklichkeit erkannt oder dargestellt werden k\u00f6nne, sondern wie. Folglich hat der Realismusbegriff in \u00e4sthetischen Zusammenh\u00e4ngen ein sehr breites Bedeutungsspektrum entwickelt. Es reicht von Abbildungs-, Nachahmungs- und Verkl\u00e4rungstheoremen \u00fcber Fragen der Rhetorik (<em>res<\/em> und <em>verba<\/em>), Stillehre und Gattungstheorie (<em>genera dicendi<\/em>, Prosa vs. Poesie, Romanpoetik) bis zu Diskussionen um politisch-gesellschaftliche M\u00f6glichkeiten, Aufgaben und Effekte k\u00fcnstlerischer Produktion und Rezeption (etwa in der Expressionismus-Debatte deutscher Exilanten Mitte der 1930er Jahre).<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Seit dank Dantes ingeni\u00f6ser Stilmischung die Literatur gewordenen Toten der \u201eDivina Commedia\u201c die Lebenden an Wirklichkeit und Lebendigkeit \u00fcbertrafen,<a href=\"#_edn1\" name=\"_ednref1\">[1]<\/a> trat Realismus in fast schon regelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden als Problem oder Programm in Erscheinung: Es geht um den figuralen, poetischen, programmatischen, b\u00fcrgerlichen, sozialistischen, magischen, neuen, \u00e4sthetischen, spekulativen Realismus, \u201aborder-realism\u2018 der Peripherien im Zeitalter der Globalisierung; es geht um korrelierende Gegenbegriffe wie Nominalismus, Materialismus, Idealismus, Romantik, Naturalismus, Expressionismus, Konstruktivismus, Virtualit\u00e4t. Im Namen des Realismus wird die Frage nach dem Verh\u00e4ltnis der Literatur und der K\u00fcnste als einer \u201eWeise des Weltgestaltens\u201c (Georg Luk\u00e1cs) zu einer Wirklichkeit gestellt, die dann als ihr Vorbild, Abbild oder Gegenbild erscheinen kann, als Stoff, Medium, M\u00f6glichkeit, Referenz, Autorit\u00e4t, Telos.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">In Zuge der kulturwissenschaftlichen Entgrenzung der Gegenst\u00e4nde und Bereicherung des geisteswissenschaftlichen F\u00e4cherkanons sind die Kardinalprobleme des Realismus in den K\u00fcnsten auf andere Gebiete abgewandert, wo sie unter neuen Voraussetzungen diskutiert werden: Poetologien des Wissens und Wissensgeschichte in der Literatur, New Historicism, Diskursgeschichte, Praxeologie, Evidenz-Theorien, vor allem aber die Bild- und die Medienwissenschaften haben die alten Fragen mit neuen Terminologien weitergef\u00fchrt, oft ohne zu wissen oder wissen zu wollen, was sie im Gep\u00e4ck haben.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Deshalb lohnt es sich, nicht nur die neuen, sondern auch die alten Realismus-Debatten, Realismus-Theorien und Realismus-Ph\u00e4nomene in den Blick zu nehmen, ihren Stand und ihre Anschlussf\u00e4higkeit unter den Bedingungen des F\u00e4cherwandels und interdisziplin\u00e4rer Schulung zu erproben. Dass das im Ausgang von der Literatur und ihrer Theoriebildung zum Realismus erfolgen soll, verdankt sich nicht nur der au\u00dferordentlichen Vielfalt dort entwickelter Realismus-Konzeptionen, sondern hat neben historischen auch systematische Gr\u00fcnde.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">In einem auf dem ersten Kolloquium der Gruppe \u201ePoetik und Hermeneutik\u201c gehaltenen Vortrag \u00fcber \u201eWirklichkeitsbegriff und M\u00f6glichkeit des Romans\u201c von 1963 (nachfolgend mit der Sigle WM zitiert) hat Hans Blumenberg der Literatur und den mit ihr besch\u00e4ftigten Wissenschaften eine Steilvorlage geliefert, deren Potential bis heute unausgesch\u00f6pft blieb: Was einer jeweiligen historischen Mitwelt als Wirklichkeit erscheint, kann in dieser weder formuliert noch philosophisch eingeholt werden, weil jeder Versuch schon unter den Bedingungen des selbst-verst\u00e4ndlichen Wirklichkeitsverst\u00e4ndnisses operiert. Blumenberg zeigt aber, dass in Kunst und ihrer Theorie dieses pr\u00e4dikativ nicht einholbare Selbst-Verst\u00e4ndnis den Stand der Implikation verl\u00e4sst, da seit Platon alle Kunst und ihre Theorie zu dem Satz sich h\u00e4tten verhalten m\u00fcssen, \u201eda\u00df die Dichter l\u00fcgen\u201c:<a href=\"#_edn2\" name=\"_ednref2\">[2]<\/a><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><em>Also gerade dadurch, da\u00df dem poetischen Gebilde von allem Anfang unserer Tradition an seine Wahrheit bestritten worden ist, ist die Theorie von der Dichtung zu einem systematischen Ort geworden, an dem der Wirklichkeitsbegriff kritisch hereinspielen und aus seiner pr\u00e4formierten Implikation heraustreten mu\u00df.<\/em> (WM, 10)<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Gegen das modernit\u00e4tstheoretische Dogma von der \u00dcberwindung des Mimesispostulates setzt Blumenbergs <em>longue dur\u00e9e<\/em> die Einsicht, dass die moderne Kunst \u201evon dem Zwang zur st\u00e4ndigen Widerlegung ihrer Abh\u00e4ngigkeit von der vorgegebenen Natur nicht freigeworden\u201c (WM, 26) sei. Gleichzeitig argumentiert er aber auch, dass insbesondere der Roman \u201ezur Aufhebung des Gegensatzes von Realit\u00e4t und Fiktion\u201c (WM, 27) vorgesto\u00dfen sei und sich dabei \u201eseine eigene M\u00f6glichkeit nicht als Fiktion von Realit\u00e4ten, sondern als <em>Fiktion der Realit\u00e4t von Realit\u00e4ten<\/em> zum Thema gemacht\u201c habe (ebd.). Damit h\u00e4tte der Roman mehr f\u00fcr die Erkennbarkeit der stets nur implizit verf\u00fcgbaren Wirklichkeitsbegriffe der Moderne geleistet als jedes Philosophem.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Das gibt hinreichend Anlass, die Literatur zum Ausgangspunkt f\u00fcr die Erneuerung der Frage nach dem Realismus zu machen und dabei, im Anschluss an Blumenberg, vor allem nach den Besonderheiten der jeweiligen Form zu fragen, in der das Verh\u00e4ltnis von Kunst und Wirklichkeit gestaltet und umgestaltet wird. In dieser Perspektive lassen sich dann auch Realismus-Konzeptionen anderswo erschlie\u00dfen und vergleichen: in anderen K\u00fcnsten und Medien, in der Philosophie, aber auch in der Politik, im Recht, in der Ethik und anderen Wissenschaften.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Bei unseren \u00dcberlegungen und Nachforschungen zum Realismus im Ausgang von der Literatur darf ein bereits erreichtes Reflexionsniveau allerdings nicht unterschritten werden. Realismus-Theorien und Realismus-Debatten von Auerbach \u00fcber Luk\u00e1cs bis in die Gegenwart zeichnen sich durch eine doppelte Einsicht aus: Auch die bestimmtesten Verfechter von Kunst als radikaler Gegenwelt bleiben auf eine Wirklichkeit bezogen, der sie sich entziehen oder gegen\u00fcberstellen. Umgekehrt wird man noch dem krassesten Abbild-Realismus nachweisen k\u00f6nnen, dass er die abgebildete Wirklichkeit erst herstellen muss und unvermittelter Wirklichkeitszugang durch die immer auch \u00e4sthetischen und rhetorischen Traditionen vermittelt bleibt, denen die Gefolgschaft verweigert wird: Alle Kunstautonomie war stets auch heteronom. Jeder Versuch, sie exklusiv auf ihre Eigen-Wirklichkeit zu verpflichten, blieb so auf Autonomiereserven oder Autonomieversprechen angewiesen wie das autonome Kunstwerk auf die Wirklichkeit als ihr Anderes.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Auf dem Hintergrund der Grundlagenkrise der Physik nach Planck und Einstein, die von den Zeitgenossen als \u201aWirklichkeitszertr\u00fcmmerung\u2018 erfahren worden war, beschw\u00f6rt Gottfried Benn (gewiss kein Realist im gel\u00e4ufigen Sinne) noch einmal, ironisch und heroisch zugleich, das Ideal autonomer Kunst:<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><em>Eine Wirklichkeit ist nicht vonn\u00f6ten,<\/em><\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: helvetica;\"> <em> ja es gibt sie garnicht, wenn ein Mann<\/em><\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: helvetica;\"> <em> aus dem Urmotiv der Flairs und Fl\u00f6ten<\/em><\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: helvetica;\"> <em> seine Existenz beweisen kann<\/em>.<a href=\"#_edn3\" name=\"_ednref3\">[3]<\/a><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Mit viriler Arroganz setzt sich ein privilegiertes Autorsubjekt in Szene \u2013 \u00a0und triumphal gleich \u00fcber alle m\u00f6glichen Wirklichkeiten hinweg. Aber der Rausch dieses \u00e4sthetischen Eigenblutdopings (D. Diederichsen) h\u00e4lt nicht lange vor. Kunst enth\u00fcllt sich als Sublimationsakt und hilflos-unbeholfenes Absehen von Wirklichkeiten. Mindestens als Mangel meldet sich die Wirklichkeit im Kunst-Kosmos zur\u00fcck:<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><em>Als ihm graute, schuf er einen Fetisch,<\/em><\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: helvetica;\"> <em> als er litt, entstand die Piet\u00e0,<\/em><\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: helvetica;\"> <em> als er spielte, malte er den Teetisch,<\/em><\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: helvetica;\"> <em>doch es war kein Tee zum Trinken da<\/em>.<a href=\"#_edn4\" name=\"_ednref4\">[4]<\/a><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Geht man davon aus, dass sich eine entsprechende Dialektik in allen Realismus-Theorien und Realismus-Programmen durchsetzt, dann sind andere Paradigmen und Analysemodelle zu entwickeln. Was k\u00f6nnte oder sollte Realismus unter den Bedingungen reziproker Verwiesenheit von Autonomie und Heteronomie hei\u00dfen? Und zwar nicht nur in der Kunst, sondern auch in anderen Sph\u00e4ren wie der Politik, der Ethik und der Wissenschaft? L\u00e4sst sich die wechselvolle Geschichte dieses Begriffs auch so rekonstruieren, dass man \u00fcber die erm\u00fcdende Dialektik von Autonomie und Heteronomie hinauskommt? Welche Folgen h\u00e4tte ein reformulierter Realismus f\u00fcr unser Moderneverst\u00e4ndnis? Was k\u00f6nnte er f\u00fcr eine globalisierte Welt leisten? Wie verh\u00e4lt sich das Realismus-Postulat zu medientheoretischen, bildwissenschaftlichen, praxeologischen und pragmatischen Perspektiven und Invektiven? Hat Realismus ein Recht (oder gerade kein Recht) zu Kritik, Zeitdiagnostik, zur Politik? Ist ein Realismus vonn\u00f6ten? Oder keiner da?<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"font-family: helvetica;\"><em>Eva Geulen<\/em><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ednref1\" name=\"_edn1\">[1]<\/a> Vgl. hierzu Erich Auerbach: Farinata und Cavalcante. In: Ders.: Mimesis. Dargestellte Wirklichkeit in der abendl\u00e4ndischen Literatur, T\u00fcbingen <sup>11<\/sup>2015, S. 167\u2013194.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ednref2\" name=\"_edn2\">[2]<\/a> Hans Blumenberg: Wirklichkeitsbegriff und M\u00f6glichkeit des Romans. In: Hans Robert Jau\u00df (Hg.): Nachahmung und Illusion. Kolloquium Gie\u00dfen Juni 1963<em>. <\/em>Vorlagen und Verhandlungen. 2., durchgesehene Auflage, M\u00fcnchen 1969, S. 9\u201327, hier S. 9.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ednref3\" name=\"_edn3\">[3]<\/a> Gottfried Benn: Wirklichkeit. In: Ders.: S\u00e4mtliche Werke, hg. v. Gerhard Schuster, Gedichte 1, Stuttgart 1986, S. 267.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ednref4\" name=\"_edn4\">[4]<\/a> Ebd.<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">VORGESCHLAGENE ZITIERWEISE: Eva Geulen: Realismus Revisited, in: ZfL BLOG, 14.4.2016, [<a href=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2016\/04\/14\/realismus-revisited-eva-geulen\/\">https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2016\/04\/14\/realismus-revisited-eva-geulen\/<\/a>].<\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: helvetica;\">DOI: <\/span><a href=\"https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20160414-02\"><span style=\"font-family: helvetica;\">https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20160414-02<\/span><\/a><\/p>\n<p><script type=\"application\/ld+json\">\n{\n  \"@context\": \"http:\/\/schema.org\",\n  \"@type\": \"CreativeWork\",\n  \"@id\": \"https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20160414-02\",\n  \"url\": \"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2016\/04\/14\/realismus-revisited-eva-geulen\/\",\n  \"additionalType\": \"Blogpost\",\n  \"name\": \"REALISMUS REVISITED\",\n  \"author\": {\n    \"name\": \"Eva Geulen\",\n    \"givenName\": \"Eva\",\n    \"familyName\": \"Geulen\",\n    \"@type\": \"Person\",\n    \"@id\": \"https:\/\/orcid.org\/0009-0004-3700-1661\"\n  },\n  \"inLanguage\": \"de\",\n  \"dateCreated\": \"2016-04-14\",\n  \"datePublished\": 2016,\n  \"schemaVersion\": \"http:\/\/datacite.org\/schema\/kernel-4\",\n  \"publisher\": {\n    \"@type\": \"Organization\",\n    \"name\": \"Leibniz-Zentrum f\u00fcr Literatur- und Kulturforschung \"\n  },\n  \"provider\": {\n    \"@type\": \"Organization\",\n    \"name\": \"datacite\"\n  }\n}\n<\/script><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>W\u00e4hrend sich unsere Wirklichkeit medial, technologisch und politisch rasant wandelt, macht Realismus wieder von sich reden. 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