{"id":556,"date":"2017-10-23T10:00:11","date_gmt":"2017-10-23T08:00:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/?p=556"},"modified":"2025-03-04T15:22:58","modified_gmt":"2025-03-04T13:22:58","slug":"daniel-weidner-die-welt-ist-nicht-genug-ottmar-ette-ueber-die-literaturen-der-welt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2017\/10\/23\/daniel-weidner-die-welt-ist-nicht-genug-ottmar-ette-ueber-die-literaturen-der-welt\/","title":{"rendered":"Daniel Weidner: DIE WELT IST NICHT GENUG. Ottmar Ette \u00fcber die \u00bbLiteraturen der Welt\u00ab"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: helvetica;\">\u203aWeltliteratur\u2039 ist heute in aller Munde. L\u00e4ngst bezeichnet der Ausdruck nicht mehr einfach eine Menge von Texten, sondern steht f\u00fcr einen Diskurs \u00fcber das Selbstverst\u00e4ndnis der Literaturwissenschaft jenseits der Nationalphilologien. Vor allem im angloamerikanischen Raum wird <em>world literature<\/em> hei\u00df diskutiert, und inzwischen nimmt die Diskussion auch in Deutschland Fahrt auf: Das n\u00e4chste DFG-Symposium der Literaturwissenschaft, Flaggschiff der Disziplin, wird den Titel \u00bbVergleichende Weltliteraturen\u00ab tragen. Verhandelt werden dabei wohl kaum die Literaturen verschiedener Welten \u2013 Romane der Marsianer \u2026 \u2013, auch wird hoffentlich nicht einfach das Thema \u00fcber den komparatistischen Leisten gezogen, sondern es werden verschiedene Konzepte und Diskurse der Weltliteratur verglichen werden. Ein solches Konzept entwirft auch Ottmar Ettes j\u00fcngster Band <em>WeltFraktale. Wege durch die Literaturen der Welt<\/em> (Stuttgart: Metzler, 2017). <!--more-->Er konzipiert Weltliteratur aus der Perspektive einer Literaturwissenschaft als Lebenswissenschaft \u2013 einem Projekt, zu dem der Autor bereits zahlreiche Arbeiten vorgelegt hat. Denn wenn Literatur das Wissen des Lebens und des Lebendigen in ganz besonderer Weise erlebbar machen k\u00f6nne, dann k\u00f6nne sie auch ein Wissen von den Komplexit\u00e4ten und Asymmetrien der modernen Welt fortgeschrittener Globalisierung vermitteln. In <em>WeltFraktale <\/em>wird das Lebenswissen der Literaturen der Welt an einer Reihe von Aufs\u00e4tzen zur Reiseliteratur, zu neuen transnationalen Schreibweisen und zu transnationalen Kulturtheorien exemplifiziert, die sich locker um einige programmatische \u00dcberlegungen gruppieren, um die es im Folgenden vor allem gehen soll.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"http:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Ette-Welt.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-558 alignleft\" src=\"http:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Ette-Welt-198x300.jpg\" alt=\"\" width=\"198\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Ette-Welt-198x300.jpg 198w, https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Ette-Welt-768x1166.jpg 768w, https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Ette-Welt-674x1024.jpg 674w, https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Ette-Welt.jpg 827w\" sizes=\"auto, (max-width: 198px) 85vw, 198px\" \/><\/a>Es ist kein Zufall, dass es sich bei <em>WeltFraktale<\/em> um einen Beitrag aus der Romanistik handelt, war diese doch in der deutschen Tradition immer schon exzentrisch zum nationalphilologischen Projekt aufgestellt. Ette beruft sich denn auch explizit auf die Tradition gro\u00dfer Romanisten, insbesondere auf Erich Auerbach, dem der erste Aufsatz dieses Buches gewidmet ist. Dabei verschr\u00e4nkt Ette Biographie und Methodenreflexion wie auch Literatur und ihre Wissenschaft: Auerbach habe Literatur in ihrem Bezug zum Leben verstehen wollen und sei dabei einer \u00bbEthik des Philologen\u00ab (10) gefolgt, er habe \u00bbim Bewusstsein der Ausb\u00fcrgerung zum Weltb\u00fcrger geschrieben\u00ab (34) und eine \u203aarchipelische Schreibweise\u2039 entwickelt, die der Pluralit\u00e4t von Literaturen auch in der Darstellung gerecht werde. Das klingt zwar sch\u00f6n, es f\u00e4llt aber auch auf, wie wenig Ette das wohl bemerkenswerteste Moment von Auerbachs Werk thematisiert: sein weites Ausgreifen in Mittelalter und Antike sowie die Bedeutung religi\u00f6ser Bez\u00fcge f\u00fcr sein Werk, etwa im R\u00fcckgang auf die biblischen Texte, im gro\u00dfen Bogen der figuralen Darstellung oder der Ambivalenz der \u00bbirdischen Welt\u00ab \u2013 auf den ersten Blick ein Pleonasmus \u2013, als deren Dichter Auerbach Dante vorstellt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">W\u00e4hrend Ette diese Fragen der \u203aWeltlichkeit\u2039 von Literatur kaum thematisiert, distanziert er sich an anderer Stelle deutlich von Auerbachs explizitem Konzept einer \u00bbPhilologie der Weltliteratur\u00ab, die sich ausschlie\u00dflich an europ\u00e4ischen Ma\u00dfst\u00e4ben und einem auf Europa hin zentrierten Raum orientiere. Es bed\u00fcrfe daher einer \u00bb\u00dcbersetzung und Umstrukturierung f\u00fcr Gegenwart und Zukunft\u00ab (37): Ette schl\u00e4gt daher vor, nicht mehr von \u203aWeltliteratur\u2039 zu reden, da dieser Begriff an eine vergangene Phase der Globalisierung gebunden sei, sondern \u00bbin einem offeneren, viellogischen Sinne von Literaturen der Welt\u00ab (37), die aus einer \u00bbVektorisierung aller Bez\u00fcge\u00ab (59) hervorgingen und die Raumgeschichte durch eine Bewegungsgeschichte zu erg\u00e4nzen h\u00e4tten.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Was bedeutet nun diese Umakzentuierung? Wer die Debatte verfolgt hat, d\u00fcrfte skeptisch sein gegen\u00fcber den allzu verbreiteten \u00dcberbietungsgesten, von denen auch Ettes Text alles andere als frei ist. Anderen Positionen vorzuwerfen, sie w\u00fcrden \u00bbnoch\u00ab auf substantielle Identit\u00e4ten oder auf organologische Metaphern zur\u00fcckgreifen, hat oft einen leise oberlehrerhaften Ton; noch mehr Bewegung, Differenz, Vielstimmigkeit zu fordern, sorgt ebenfalls kaum f\u00fcr Pr\u00e4gnanz. Interessanter an Ettes Entwurf ist ein anderes, fast im Vor\u00fcbergehen entwickeltes Moment, das seine Ideen der \u00bbLiteraturen der Welt\u00ab nicht mit einem \u203aNoch mehr\u2039, sondern mit einem Mangel assoziiert. Es sei gerade das Problem der Weltliteratur, dass sie essentiell an eine Vorstellung von F\u00fclle gebunden sei \u2013 einer F\u00fclle von Texten, Autoren, Literaturen, die auch irgendwie zur Weltliteratur geh\u00f6ren werden, k\u00f6nnten, sollten:<\/span><\/p>\n<blockquote><p><span style=\"font-family: helvetica;\">\u00bbDie Begrifflichkeit der Literaturen der Welt setzt hingegen eine derartige F\u00fclle nicht voraus. In ihrem viellogischen Denken ist stets pr\u00e4sent, dass eine Vielzahl anderer Logiken noch immer nicht einbezogen sind, ja, dass die Pr\u00e4senz dieser noch unerforschten, unbekannten Logiken dem eigenen Diskurs und der je eigenen Konzeption von den Literaturen der Welt in grundlegender Weise fehlt. So steht der Diskurs von den Literaturen der Welt nicht im Zeichen der Falle einer F\u00fclle, sondern im Zeichen eines Fehlens, eines Mangels, einer Entbehrung, die durch keinerlei quantitative Anh\u00e4ufung \u00fcberspielt werden k\u00f6nnen. Denn in den nicht abschlie\u00dfbaren und r\u00e4umlich nicht begrenzbaren Literaturen der Welt er\u00f6ffnen sich diskontinuierliche Br\u00fcche und L\u00fccken\u00ab (66)<\/span><\/p><\/blockquote>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Das Viellogische bereichert nicht, es wei\u00df um St\u00f6rung und Mangel. Die Welt dieser Literaturen der Welt ist nicht einfach eine der offenen Vielfalt, sie hat vielmehr eine Horizontstruktur, in der alle momentane Geschlossenheit auf etwas verweist, das noch hinter dem Horizont ist \u2013 auf eine andere Welt, wie ja letztlich auch die \u203airdische Welt\u2039 von Auerbachs Dante sich eben nur verstehen lie\u00df als <em>eine<\/em> Welt, n\u00e4mlich diejenige, die zur\u00fcckbleibt, wo <em>jene <\/em>eigentliche Welt nicht mehr ist. Entscheidend ist freilich, dass dieses Fehlen, dieser Mangel, der eine Welt erst zur Welt macht, f\u00fcr Ette nicht nur im Modus des \u203aNoch nicht\u2039 existiert, sondern auch des \u203aNicht mehr\u2039 \u2013 erst das gibt seinem Weltbegriff die notwendige Sch\u00e4rfe jenseits einer Beschw\u00f6rung von noch mehr Vielfalt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Explizit formuliert wird das freilich nicht, es taucht aber hier und da in den materialen Untersuchungen des Bandes auf, etwa wenn Ette die lateinamerikanischen Autoren Jos\u00e9 Mart\u00ed und Fernando Ortiz als Kulturtheoretiker liest. Deren \u00dcberlegungen zur Durchdringung von Kulturen in der \u203aCubanidad\u2039 sind schon an sich faszinierend und k\u00f6nnen den wahrlich nicht gro\u00dfen Kanon der transkulturellen Theorie bereichern. Es ist aber nicht nur die Betonung von Pluralit\u00e4t, Beweglichkeit, Durchdringung und Ambivalenz, die diese Theoreme so fruchtbar macht \u2013 Ette unterstreicht auch, dass sie immer auf das grundlegende Ereignis eines Einbruchs einer fremden Kultur bezogen bleiben: Sie erinnern an Zerst\u00f6rung und Enteignung, an einen Verlust, der wom\u00f6glich gerade als Verlust eine Welt konstituiert. Europa, so Ortiz, sei wie ein Hurrikan \u00fcber die Inselwelt hereingebrochen, und Ette kommentiert: \u00bbMit Bedacht entschied sich Ortiz wieder f\u00fcr das Element der Luft und nicht der Erde, w\u00e4hlte den Hurrikan als charakteristisches Element einer tropischen Natur zur Veranschaulichung eines Prozesses der Kultur, der schockartiger und brutaler nicht h\u00e4tte ausfallen k\u00f6nnen.\u00ab (326)<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">\u00bbLiteraturen der Welt\u00ab, so gelesen, ist also nicht blo\u00df eine neue und noch \u203aoffenere\u2039 und weniger \u203aeurozentrische\u2039 Fassung des Weltliteraturdiskurses, sondern die Konzeption einer Literatur, die daran erinnert, was fehlt und woran es mangelt in der Welt. Damit gewinnt auch das zentrale Bild des Fraktals eine neue Lesart: Dass die Literaturen der Welt sich unabl\u00e4ssig vervielfachen, weiterentwickeln, von schwer z\u00e4hmbarer Lebendigkeit sind \u2013 das ist nicht nur fr\u00f6hliche Vielfalt, sondern impliziert auch, dass die Urspr\u00fcnge dieser Literatur verloren sind, zerst\u00f6rt worden sind oder vielleicht selber zerst\u00f6rerisch waren. Erst wenn dieses Moment des Mangels mitgedacht wird, k\u00f6nnen die \u00bbLiteraturen der Welt\u00ab dann auch zum \u00bbRaum der Selbstbefragung und Selbstkritik\u00ab (66) werden, n\u00e4mlich einer Kritik, die nicht nur ihre Vorg\u00e4nger des \u203aEssentialismus\u2039 zeiht, sondern wei\u00df, dass auch die eigenen Verfahren mit der Welt und ihren Bewegungen zu tun haben und ihnen doch nie Gen\u00fcge tun k\u00f6nnen.<\/span><\/p>\n<p><span class=\"text\" style=\"font-family: helvetica;\"><span style=\"color: #e63348;\"><em><a style=\"color: #e63348;\" href=\"http:\/\/www.zfl-berlin.org\/person\/weidner.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Daniel Weidner<\/a> ist stellvertretender Direktor des ZfL und Professor am Institut f\u00fcr Kulturwissenschaft der Humboldt-Universit\u00e4t zu Berlin. Gemeinsam mit Mona K\u00f6rte leitet er am ZfL den Forschungsschwerpunkt \u00bb<a style=\"color: #e63348;\" href=\"http:\/\/www.zfl-berlin.org\/forschungsschwerpunkt-weltliteratur.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Weltliteratur<\/a>\u00ab.<\/em><\/span><br \/>\n<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><span style=\"font-weight: 400;\">VORGESCHLAGENE ZITIERWEISE: Daniel Weidner: Die Welt ist nicht genug. Ottmar Ette \u00fcber die \u00bbLiteraturen der Welt\u00ab, in: ZfL BLOG, 23.10.2017, [<a href=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2017\/10\/23\/daniel-weidner-die-welt-ist-nicht-genug-ottmar-ette-ueber-die-literaturen-der-welt\/\">https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2017\/10\/23\/daniel-weidner-die-welt-ist-nicht-genug-ottmar-ette-ueber-die-literaturen-der-welt\/<\/a><\/span><span style=\"font-weight: 400;\">].<\/span><span style=\"font-weight: 400;\"><br \/>\n<\/span><span style=\"font-weight: 400;\">DOI: <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20171021-01\">https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20171023-01<\/a><\/span><\/span><\/p>\n<p><script type=\"application\/ld+json\">\n{\n  \"@context\": \"http:\/\/schema.org\",\n  \"@type\": \"CreativeWork\",\n  \"@id\": \"https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20171021-01\",\n  \"url\": \"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2017\/10\/23\/daniel-weidner-die-welt-ist-nicht-genug-ottmar-ette-ueber-die-literaturen-der-welt\/\",\n  \"additionalType\": \"Blogpost\",\n  \"name\": \"DIE WELT IST NICHT GENUG. 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