{"id":644,"date":"2018-01-16T13:26:23","date_gmt":"2018-01-16T11:26:23","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/?p=644"},"modified":"2025-03-03T15:31:27","modified_gmt":"2025-03-03T13:31:27","slug":"eva-axer-kleineformen-ein-sammelband-eroeffnet-neue-medien-und-wissensgeschichtliche-perspektiven","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2018\/01\/16\/eva-axer-kleineformen-ein-sammelband-eroeffnet-neue-medien-und-wissensgeschichtliche-perspektiven\/","title":{"rendered":"Eva Axer: #KleineFormen. Ein Sammelband er\u00f6ffnet neue medien- und wissensgeschichtliche Perspektiven"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Als Blogeintrag darf man diesen Text zu den sogenannten kleinen Formen z\u00e4hlen, die Wert auf K\u00fcrze und Pr\u00e4gnanz legen. Allerdings beklagte bereits Alfred Polgar, der den Begriff der kleinen Form in den 1920er Jahren pr\u00e4gte, das folgenreiche Missverst\u00e4ndnis, dass ein Text, der sich in f\u00fcnf Minuten lesen l\u00e4sst, eine geeignete Lekt\u00fcre sei, wenn man nur f\u00fcnf Minuten Zeit hat (in der Stra\u00dfenbahn etwa oder in der Mittagspause). Kleine Formen seien, so Polgar, keineswegs literarische \u203aLeichtgewichte\u2039, sondern zeitgem\u00e4\u00dfe Literatur f\u00fcr ein hektisches Zeitalter. Dass literarische Verfahren der Verk\u00fcrzung gerade auch gegenteilige Effekte f\u00fcr die Rezeption haben k\u00f6nnen, die dann sehr viel mehr Zeit in Anspruch nimmt als die blo\u00dfe Lekt\u00fcre, war ihm nat\u00fcrlich bewusst.<!--more--><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Mittlerweile geh\u00f6rt der Begriff der kleinen Form (wie auch Andr\u00e9 Jolles\u2019 \u203aEinfache Formen\u2039) ganz selbstverst\u00e4ndlich zum Begriffsrepertoire der Literaturwissenschaften. Insofern hat eine wissenschaftliche Nobilitierung dieser Formen stattgefunden, die, wenn sie auch nicht alle Au\u00dfenseiter eines lange beh\u00fcteten disziplin\u00e4ren Kanons sind, doch eine Tendenz zur Randst\u00e4ndigkeit haben. Kleine Formen sind eben keine etablierten Gattungen. Der Begriff erlaubt daher, ein weites Feld gerade auch neuer oder emergierender Formen zum Gegenstand der literatur-, medien- und kulturwissenschaftlichen Untersuchung zu machen. In diesem Sinne betrachtet der Sammelband <a href=\"https:\/\/www.transcript-verlag.de\/978-3-8376-3556-0\/kurz-knapp\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>Kurz &amp; Knapp. Zur Mediengeschichte kleiner Formen vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart<\/em><\/a> (hg. v. Michael Gamper und Ruth Mayer, Bielefeld: Transcript 2017) nicht nur Apophthegmata, Aphorismen und R\u00e4tsel, sondern auch Tweets oder Smartphone-Videos.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><a href=\"http:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/kurzundknapp.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-661 alignright\" src=\"http:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/kurzundknapp-198x300.jpg\" alt=\"\" width=\"198\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/kurzundknapp-198x300.jpg 198w, https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/kurzundknapp.jpg 474w\" sizes=\"auto, (max-width: 198px) 85vw, 198px\" \/><\/a>K\u00fcrze gilt dabei als \u00bbexemplarische Figur der Moderne\u00ab (S. 9). Zwar hat sie mit der rhetorischen Kategorie der <em>brevitas <\/em>eine lange Tradition, und der Band greift bis in die Fr\u00fche Neuzeit zur\u00fcck (vgl. Maren J\u00e4ger). Aber erst seit der Moderne steht K\u00fcrze im Zeichen einer krisenhaften Beziehung von Subjekt und Zeit, die aktuell unter dem Stichwort Beschleunigung verhandelt wird. Auf Zeitknappheit und Beschleunigung haben Literatur- und Kunstschaffende in sehr verschiedenen Formaten und Medien reagiert und so die damit verbundenen gesellschaftlichen Prozesse mitgestaltet. Es ist daher sinnvoll, die kleinen Formen, wie hier geschehen, in eine breitere literatur- wie mediengeschichtliche Perspektive zu r\u00fccken.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Verschiedene Beitr\u00e4ge zeigen dabei auf, dass in kleinen Formen h\u00e4ufig auch Praktiken anderer Medien oder anderer kultureller Bereiche in den Blick genommen wurden, um deren zeitsensible und zeitsensibilisierende Verfahren zu emulieren, zu affirmieren oder sich davon abzusetzen. So hatte etwa die Chronofotografie gegen Ende des 19. Jahrhunderts eine Segmentierung von (Bewegungs-)Prozessen in einzelne Phasen m\u00f6glich gemacht (mit Auswirkungen u.a. auf die industrielle Produktion, die sich eine Rationalisierung der Arbeitsabl\u00e4ufe versprach). Die Prinzipien der Serialisierung und Wiederholung adaptierte auch Gertrude Stein f\u00fcr ihre Prosa (vgl. Heike Sch\u00e4fer). \u00dcber die Reihung zumeist kurzer und minimal variierter S\u00e4tze r\u00fcckte sie den gegenw\u00e4rtigen Moment in den Fokus. K\u00fcrze tritt so in den Dienst eines gedehnten und erweiterten Augenblicks.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Gleich mehrere der 17 Beitr\u00e4ge verhandeln das Verh\u00e4ltnis bzw. die Konkurrenz von Literatur und dem sehr viel schneller zu rezipierenden Bild. W\u00e4hrend im 18. Jahrhundert lange Debatten \u00fcber die medialen Besonderheiten von Bild und Literatur gef\u00fchrt wurden (vgl. dazu Janine Firges), zeigt der Band, dass Verfahren wie die Serialisierung in sehr unterschiedlichen Medien Anwendung finden und nicht nur \u00e4sthetische, sondern auch gesellschaftliche Effekte erzeugen. Heutzutage spielen dabei vor allem die sozialen Medien und ihre M\u00f6glichkeiten zur Interaktion und Verkn\u00fcpfung sowie zur weiten Verbreitung von schnell konsumierbaren Inhalten eine besondere Rolle, die uns zu \u203arezipierenden Prosumern\u2039 machen (vgl. Elke Rentmeister).<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit diesen aktuellen Formen ist zu begr\u00fc\u00dfen, und Ruth Mayer und Michael Gamper heben in ihrer erfreulich instruktiven Einleitung gerade auch auf die Frage ab, wie kleine Formen unsere kulturellen Wissensbest\u00e4nde erzeugen, verbinden oder trennen und distribuieren. Neben der mediengeschichtlichen Perspektive r\u00fccken Mayer und Gamper einen spezifischen Zusammenhang von Wissen und Erz\u00e4hlen in den Vordergrund. Der Begriff des Erz\u00e4hlens wird von ihnen einerseits recht weit gefasst, andererseits auf die Verfahren der Verknappung und Verdichtung verpflichtet, die zur \u00bbWissenskondensation\u00ab (S. 12) beitragen. Besonders einleuchtend sind ihre Beobachtungen dazu, wie dies zu einer Verzeitlichung und Dynamisierung von Wissen in kleinen Formen beitr\u00e4gt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Dass allerdings die Untersuchung von Formen vor dem Hintergrund eines starken Formbegriffs in eine ganz andere Richtung f\u00fchren kann als ausgehend von einem medien\u00fcbergreifenden Begriff des Erz\u00e4hlens, zeigt der (gewiss angejahrte) Ansatz von Andr\u00e9 Jolles, der die je spezifischen formalen Eigenheiten seiner verschiedenen Gegenst\u00e4nde en d\u00e9tail zu beschreiben suchte. Anders gesagt: Es ist fraglich, ob der Fokus auf das Erz\u00e4hlen in allen F\u00e4llen geeignet ist, die literarische bzw. mediale Spezifik des jeweiligen Gegenstandes herauszustellen. Positiv vermerkt sei jedoch, dass der Fokus auf die Beziehung von Erz\u00e4hlen und Wissen einen roten Faden durch die Beitr\u00e4ge zieht, den man in vielen Sammelpublikationen vermisst.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Das Fazit (kurz &amp; knapp): Der Band er\u00f6ffnet sowohl in historischer wie in medialer Perspektive eine breitere Auseinandersetzung mit dem Feld der kleinen Formen und erweitert damit Gegenstandsbereich und methodischen Zugang.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif; color: #e63348;\"><em><span class=\"text\">Die Germanistin <a style=\"color: #e63348;\" href=\"http:\/\/www.zfl-berlin.org\/person\/axer.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Eva Axer<\/a>\u00a0<\/span><span class=\"text\"> leitet seit 2017 am ZfL das Forschungsprojekt\u00a0<a style=\"color: #e63348;\" href=\"http:\/\/www.zfl-berlin.org\/projekt\/formen-und-funktionen-von-weltverhaeltnissen.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Formen und Funktionen von Weltverh\u00e4ltnissen<\/a>.<\/span><\/em><\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><span style=\"font-weight: 400;\">VORGESCHLAGENE ZITIERWEISE: Eva Axer: #KleineFormen. Ein Sammelband er\u00f6ffnet neue medien- und wissensgeschichtliche Perspektiven, in: ZfL BLOG, 16.1.2018, [<a href=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2018\/01\/16\/eva-axer-kleineformen-ein-sammelband-eroeffnet-neue-medien-und-wissensgeschichtliche-perspektiven\/\">https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2018\/01\/16\/eva-axer-kleineformen-ein-sammelband-eroeffnet-neue-medien-und-wissensgeschichtliche-perspektiven\/<\/a><\/span><span style=\"font-weight: 400;\">].<\/span><span style=\"font-weight: 400;\"><br \/>\n<\/span><span style=\"font-weight: 400;\">DOI:<\/span> <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20180116-01\">https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20180116-01<\/a><\/span><\/p>\n<p><script type=\"application\/ld+json\">\n{\n  \"@context\": \"http:\/\/schema.org\",\n  \"@type\": \"CreativeWork\",\n  \"@id\": \"https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20180116-01\",\n  \"url\": \"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2018\/01\/16\/eva-axer-kleineformen-ein-sammelband-eroeffnet-neue-medien-und-wissensgeschichtliche-perspektiven\/\",\n  \"additionalType\": \"Blogpost\",\n  \"name\": \"#KleineFormen. 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