{"id":705,"date":"2018-04-04T15:15:02","date_gmt":"2018-04-04T13:15:02","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/?p=705"},"modified":"2025-03-03T15:23:42","modified_gmt":"2025-03-03T13:23:42","slug":"claude-haas-zur-aktualitaet-des-dreissigjaehrigen-krieges-i-uebungsplatz-fuer-strategisches-denken-herfried-muenklers-studie-der-dreissigjaehrige-krieg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2018\/04\/04\/claude-haas-zur-aktualitaet-des-dreissigjaehrigen-krieges-i-uebungsplatz-fuer-strategisches-denken-herfried-muenklers-studie-der-dreissigjaehrige-krieg\/","title":{"rendered":"Claude Haas: ZUR AKTUALIT\u00c4T DES DREISSIGJ\u00c4HRIGEN KRIEGES (I): \u00dcbungsplatz f\u00fcr strategisches Denken \u2013 Herfried M\u00fcnklers Studie \u00bbDer Drei\u00dfigj\u00e4hrige Krieg\u00ab"},"content":{"rendered":"<h4><span style=\"color: #e63348; font-family: helvetica;\">Die Zucht der Wissenschaft und die Kriegsbeuten der Literatur<\/span><\/h4>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Anders als die Wissenschaft darf die Literatur mit historischen Stoffen einen denkbar freien Umgang pflegen. Schlie\u00dflich steht sie beinahe schon in der Pflicht, diese immer auch zu aktualisieren. Wo etwa der Historiker sich einer (und sei es fantasmatischen) Objektivit\u00e4t verschreibt, er seine Gegenst\u00e4nde um ihrer selbst willen ordnet, verkn\u00fcpft und sie behutsam auf M\u00f6glichkeiten einer koh\u00e4renten Entwicklung hin abklopft, darf der Schriftsteller den Laden der Geschichte hemmungslos pl\u00fcndern. Grunds\u00e4tzlich stellt er die Vergangenheit in den Dienst der Darstellung zeitgen\u00f6ssischer Konstellationen oder Konflikte. Dies gilt in herausragender Art f\u00fcr literarische Anverwandlungen des Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Kriegs (1618\u20131648).<!--more--><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">So spielte bereits Friedrich Schiller in seiner Dramentrilogie um <em><i>Wallenstein<\/i><\/em> von 1799 genuin legitimationspolitische Probleme des sp\u00e4ten 18. Jahrhunderts durch und antizipierte im Gewand des b\u00f6hmischen Feldherrn u.a. Napoleon. Kein Wunder also, dass Schillers literarischer Wallenstein zu dem Wallenstein seiner eigenen historischen \u2013 mithin \u203awissenschaftlichen\u2039 \u2013 Schrift \u00fcber den Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieg kaum noch Ber\u00fchrungspunkte aufweisen konnte. In der Weimarer Republik wiederum entwarf Alfred D\u00f6blin in einem stilistisch arg \u00fcberkandidelten <em><i>Wallenstein<\/i><\/em>-Roman am Beispiel des Herzogs von Friedland ein Herrschaftsmodell, das frappierende \u00c4hnlichkeiten mit der Milit\u00e4rdiktatur Erich Ludendorffs aufwies. Und in den sp\u00e4ten 1930er Jahren versuchte sich Bert Brecht in den Tr\u00fcmmern des Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Kriegs mit seiner <em><i>Mutter Courage<\/i><\/em> den Zweiten Weltkrieg in kapitalismuskritischer Perspektive auszumalen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"http:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/M\u00fcnkler.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-709 alignright\" src=\"http:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/M\u00fcnkler-196x300.jpg\" alt=\"\" width=\"196\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/M\u00fcnkler-196x300.jpg 196w, https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/M\u00fcnkler.jpg 346w\" sizes=\"auto, (max-width: 196px) 85vw, 196px\" \/><\/a>Liest man vor diesem Hintergrund das ambitionierteste deutschsprachige Buch, das bislang zum Gedenkjahr 2018 \u00fcber den Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieg erschienen ist \u2013 Herfried M\u00fcnklers umfangreiche politikwissenschaftliche Studie <em><i>Der Drei\u00dfigj\u00e4hrige Krieg. Europ\u00e4ische Katastrophe, Deutsches Trauma 1618\u20131648 <\/i><\/em>(Berlin: Rowohlt 2017, 974 S.) <em><i>\u2013<\/i><\/em>, wird man sich zun\u00e4chst \u00fcberrascht sehen, dass er die g\u00e4ngige Arbeitsteilung zwischen Literatur und Wissenschaft in Sachen Gegenwartsbew\u00e4ltigung regelrecht auf den Kopf stellt. M\u00fcnkler erblickt just die wissenschaftliche Bedeutung des Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Kriegs in den erschreckenden Parallelen, die er zu den derzeitigen Kriegen im Nahen Osten und in Nordafrika erkennen lasse.<\/span><\/p>\n<h4><span style=\"color: #e63348; font-family: helvetica;\">\u00dcbungsplatz statt Antiquit\u00e4t<\/span><\/h4>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">M\u00fcnkler verwahrt sich ausdr\u00fccklich gegen eine selbstzufriedene Spezialforschung, die dem Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieg nur noch ein \u00bbantiquarisches Interesse\u00ab (21) zu entlocken vermag, und er mobilisiert sogar die Kantische \u00c4sthetik, wenn er seine Besch\u00e4ftigung mit dem Thema gerade nicht auf ein \u00bbinteresseloses Wohlgefallen\u00ab, sondern auf die \u00bbpolitischen Herausforderungen der Gegenwart\u00ab (820) zu gr\u00fcnden versucht. M\u00fcnkler l\u00e4sst solche \u203aHerausforderungen\u2039 auf die \u203aneuen\u2039 Kriege der letzten Jahre und Jahrzehnte zwar zulaufen, sie in ihnen aber keineswegs vollst\u00e4ndig aufgehen.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\"><sup>[1]<\/sup><\/a> Sein dezidiert gegenw\u00e4rtiger Blick auf den Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieg ist viel grunds\u00e4tzlicher, weil dieser wie kaum ein anderer dazu geeignet sei, \u00bbdem gravierenden Defizit an strategischem Denken in der politisch interessierten deutschen \u00d6ffentlichkeit\u00ab (37) abzuhelfen. Der Drei\u00dfigj\u00e4hrige Krieg bilde einen \u00bbvorz\u00fcgliche[n] \u00dcbungsplatz f\u00fcr strategisches Denken\u00ab (39). M\u00fcnkler l\u00e4sst keinen Zweifel daran, dass ein solcher \u203a\u00dcbungsplatz\u2039 heute dringend nottut, und dass er auch im 17. Jahrhundert bereits dringend notgetan h\u00e4tte. Denn dass die Gewalt seinerzeit komplett aus dem Ruder laufen und der Krieg sich regelrecht verselbst\u00e4ndigen konnte, resultiere auch aus einem zunehmenden \u00bbVerlust strategischer Ziele\u00ab (551).<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Hier m\u00f6gen zum einen Carl Schmitts Forderungen nach (vermeintlich) unideologischen und sauber \u203aeingehegten\u2039 Kriegen Pate stehen, zum anderen holt M\u00fcnkler sein Ansinnen nicht anhand rechtsontologischer, sondern anhand milit\u00e4rischer und politischer Kategorien ein. Bezeichnenderweise denkt er denn auch durchgehend lieber mit Clausewitz als mit Schmitt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Der intellektuelle Reiz seines Buchs besteht darin, das gesamte Kriegsgeschehen des fr\u00fchen 17. Jahrhunderts auf analytischer Ebene tats\u00e4chlich in einen strategischen \u203a\u00dcbungsplatz\u2039 verwandelt und mittels der Anleitung zur strategischen Einsicht doch nichts Geringeres als eine Gesamtdarstellung des Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Kriegs erbracht zu haben. Folglich l\u00e4sst sich die Studie m\u00fchelos auch als Einf\u00fchrung in ihren h\u00f6chst verwickelten Gegenstand lesen, denn den einschl\u00e4gigen Begebenheiten, Umst\u00e4nden und Akteuren r\u00e4umt sie noch einmal breiten Raum ein: dem J\u00fclicher Erbfolgestreit und dem Prager Fenstersturz; den ewigen religi\u00f6sen, konfessionellen und innerprotestantischen Querelen im Vorfeld wie im Verlauf des Kriegs; der Zerst\u00f6rung Magdeburgs und der Verw\u00fcstung unz\u00e4hliger anderer St\u00e4dte und D\u00f6rfer; den gro\u00dfen Feldherren von Tilly, Mansfeld und Christian von Braunschweig \u00fcber Wallenstein und Gustav Adolf bis hin zu Torstensson und Bernhard von Weimar; dem S\u00f6ldnerwesen und dem Geld als <em><i>\u00bbnervus rerum <\/i><\/em>des Krieges\u00ab (148); dem unseligen hegemonialen Machtgef\u00fcge zwischen Spanien, Frankreich und Heiligem R\u00f6mischen Reich Deutscher Nation ebenso wie den verfassungsrechtlichen und machtpolitischen Interessenskonflikten zwischen Kaiser und deutschen Kurf\u00fcrsten; den b\u00fcrgerkriegs\u00e4hnlichen und wiederholt aufflammenden Bauernaufst\u00e4nden; dem Regensburger F\u00fcrstentag und dem gescheiterten Prager Frieden; den den Krieg obligat begleitenden Krankheiten und Seuchen; ja selbst den literarischen und k\u00fcnstlerischen Bearbeitungen der Gewalt bei Grimmelshausen, Gryphius, Paul Gerhardt, Vel\u00e1zquez, Rubens, Callot oder Hans Ulrich Franck.<\/span><\/p>\n<h4><span style=\"color: #e63348; font-family: helvetica;\">Der Wissenschaftler als Feldherr und Stratege<\/span><\/h4>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Zu den narrativen H\u00f6hepunkten des Buches geh\u00f6ren dabei weit ausholende Beschreibungen der gro\u00dfen Schlachten am Wei\u00dfen Berg, in Breitenfeld, L\u00fctzen, Wittstock oder N\u00f6rdlingen, in denen M\u00fcnkler sich nicht scheut, den ber\u00fcchtigten panoramatischen Feldherrenblick einzunehmen und diesen mit der tendenziellen Blindheit des einfachen Soldaten verschiedentlich doch explizit zu flankieren (vgl. 494f.). Selbstverst\u00e4ndlich erfahren die Leser alles N\u00f6tige auch \u00fcber milit\u00e4rhistorische und technische Entwicklungen, von der Rolle mathematischer Berechnungen im Kontext einer grunds\u00e4tzlichen \u00bbVerwissenschaftlichung des Kriegs\u00ab (201) insbesondere bei der Belagerung von Festungen oder St\u00e4dten bis hin zum Aufkommen der Dragoner als neuer Kampfspezies.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Es ist aber erst das strategische Paradigma, mit dem M\u00fcnkler Ordnung auch dort in das verflochtene Geschehen bringt, wo eine solche den zeitgen\u00f6ssischen Akteuren gr\u00f6\u00dftenteils verborgen geblieben war. Er unterscheidet wiederholt drei Kriegstypen, die im Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieg in je unterschiedlicher Dichte interagieren und die seinen Verlauf oder sogar seine Phasen unterschiedlich strukturieren: den Verfassungskonflikt des Alten Reichs, den Hegemonialkrieg zwischen den damaligen Gro\u00dfm\u00e4chten und den Religionskrieg. Mit den b\u00fcrgerkriegs\u00e4hnlichen Zust\u00e4nden im Rahmen von Pl\u00fcnderungen, Belagerungen oder Aufst\u00e4nden kommt sporadisch sogar ein vierter Kriegstypus hinzu.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Wenn M\u00fcnkler gegen Ende seines Buches feststellt, die \u00bberste Herausforderung\u00ab des Westf\u00e4lischen Friedens habe darin bestanden, \u00bbdiese unterschiedlichen Kriegstypen und diversen Kriegsebenen voneinander zu trennen und so zu ordnen, dass sie verhandelbar wurden\u00ab (793), besteht eine sch\u00f6ne Pointe seiner Untersuchung darin, dass die Osnabr\u00fccker und M\u00fcnsteraner Gesandten nun endlich dort ankommen, wo M\u00fcnkler seit Beginn der Kampfhandlungen bereits war. Genau besehen hat er seinen Lesern den gesamten Kriegsverlauf als \u203aWestfale\u2039 vor Augen gestellt, denn eine saubere Entwirrung der genannten Ebenen bildet die Voraussetzung sowohl des Westf\u00e4lischen Friedens als auch der eigenen kriegsstrategischen Lektionen.<\/span><\/p>\n<h4><span style=\"color: #e63348; font-family: helvetica;\">Die Fehler der Akteure und das Problem der Kontingenz<\/span><\/h4>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Diese Lektionen erteilt M\u00fcnkler unter anderem, indem er den Akteuren wiederholt strategische Fehler nachweist, die f\u00fcr sie selbst wie f\u00fcr das gesamte Kampfgeschehen verheerende Konsequenzen zeitigen sollten. So h\u00e4tten die in dem ber\u00fcchtigten Restitutionsedikt des Kaisers gipfelnden umfassenden Rekatholisierungsbestrebungen Habsburgs auf dem H\u00f6hepunkt seiner Macht zugleich bereits seinen Verfall eingeleitet und \u00bbdie Transformation milit\u00e4rischer Erfolge in politische Stabilit\u00e4t verhindert\u00ab (378). Auch die Schweden um Gustav Adolf sieht M\u00fcnkler nach ihrem gl\u00e4nzenden Sieg in Breitenfeld in einem \u00bbpolitisch-strategischen Dilemma\u00ab (511), weil ihnen der \u00bbZweck\u00ab der eigenen Kriegsf\u00fchrung \u2013 eine schwedische Vormacht an der Ostsee oder die Anf\u00fchrung des deutschen Protestantismus \u2013 von Anfang an nicht vollends klar gewesen sei. Und mitunter erregen auch milit\u00e4rische Operationen im engeren Sinn M\u00fcnklers strategisches Missfallen; L\u00fctzen etwa nennt er ungeniert eine \u00bbtaktisch uninspirierte Schlacht\u00ab (587).<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Eine Art Ableger der strategischen Reflexion stellen M\u00fcnklers \u00dcberlegungen zur Kontingenz und zu alternativen Handlungsverl\u00e4ufen des Krieges dar. So betrachtet er bereits dessen Ausbruch als \u00bbkeineswegs unvermeidlich\u00ab (119) und die traditionelle Unterscheidung zwischen \u203aUrsache\u2039 und \u203aAnlass\u2039 als falsche Suggestion. Die Interpretationen einer \u00bbZwangsl\u00e4ufigkeit des Kriegs und die seiner Kontingenz\u00ab st\u00fcnden \u00bbnebeneinander, und es ist kaum m\u00f6glich zu begr\u00fcnden, warum die eine der anderen \u00fcberlegen sein soll\u00ab (120). Beide \u00bbrelativiert[en]\u00ab zudem unsinnigerweise die \u00bbBedeutung von Entscheidungen\u00ab (ebd.). Die Dimension der politischen wie milit\u00e4rischen \u203aEntscheidung\u2039 systematisch zur\u00fcckgewonnen und sie vor strategischem Hintergrund konsequent abgewogen zu haben, stellt das unbestreitbare Verdienst von M\u00fcnklers Studie dar. Ihr Ziel einer \u00bbSchulung der politischen Urteilskraft\u00ab (ebd.) l\u00f6st sie auf diese Art vollumf\u00e4nglich ein. \u00dcber den permanenten Aufweis von Optionen, Alternativen, Fehlentscheidungen und verpassten Chancen bringt M\u00fcnkler die Totalit\u00e4t des Geschehens in den Blick und gewinnt im Diskurs der Wissenschaft so etwas wie den analytischen Oberbefehl \u00fcber den Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieg.<\/span><\/p>\n<h4><span style=\"color: #e63348; font-family: helvetica;\">Westfalen und seine Grenzen<\/span><\/h4>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Doch dass M\u00fcnkler diesen Oberbefehl immer schon aus \u203awestf\u00e4lischem\u2039 Geist gewinnt, \u00a0macht seine \u00dcberlegungen vor allem zu den Parallelen von Drei\u00dfigj\u00e4hrigem Krieg und heutigen Kriegen im Nahen Osten und in Nordafrika angreifbar. Zwar verf\u00e4hrt er mit territorialen und politischen Analogiebildungen \u2013 etwa zwischen Libyen und B\u00f6hmen \u2013 behutsam (vgl. 827) und warnt selbst unabl\u00e4ssig vor vorschnellen Identifikationen. Insofern kann man seinen Begriff des strategischen \u203a\u00dcbungsplatzes\u2039 in den Ausf\u00fchrungen gerade zu den heutigen Kriegen gar nicht ernst und w\u00f6rtlich genug nehmen. Es bleiben gleichwohl die von ihm selbst sorgf\u00e4ltig herauspr\u00e4parierten Kriegstypen, die eine Verbindung zwischen Drei\u00dfigj\u00e4hrigem Krieg und \u203aneuen\u2039 Kriegen sowohl nahelegen als auch konterkarieren.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Denn zu spezifisch waren wohl doch die Verfassungsprobleme des Alten Reichs und zu stark haben sie das Verh\u00e4ltnis zwischen Hegemonial- und Religionskriegen im 17. Jahrhundert gepr\u00e4gt, als dass sie sich \u00fcber vierhundert Jahre sp\u00e4ter in anderen kulturellen und politischen Konstellationen wiederfinden lassen k\u00f6nnten. Und so schl\u00fcssig die Unterstellung einer fatalen Verwicklung von Religions-, Hegemonial- und B\u00fcrgerkriegen mit Blick auf den Vorderen Orient auf den ersten Blick sein mag: \u203aReligion\u2039 ist nun einmal nichts anderes als eine genuin europ\u00e4ische, streng genommen sogar eine genuin aufkl\u00e4rerische Abstraktion. Damit werden sich Politik und \u203aReligion\u2039 au\u00dferhalb des \u203aWestens\u2039 auch nicht ohne weiteres entflechten lassen. Die Apologie einer strategischen Urteilskraft, die auf exakt dieser \u203aEntflechtung\u2039 beruht, droht hier schlechterdings ins Leere zu laufen. Aleppo oder Kabul sind keine Stadtteile von Osnabr\u00fcck.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Solche Einw\u00e4nde sind freilich banal und fallen hinter M\u00fcnklers politische, milit\u00e4rische wie strategische Raffinesse zur\u00fcck. Denn er mutma\u00dft ganz richtig, dass es nicht nur \u00c4hnlichkeiten, sondern auch Unterschiede zwischen vergangenen und heutigen Kriegen sind, aus denen sich analytisches Kapital l\u00e4sst (vgl. 843); und fulminant gezeigt hat er damit einhergehend fraglos auch, dass der Drei\u00dfigj\u00e4hrige Krieg nicht allein den Blick f\u00fcr die Gegenwart sch\u00e4rft, sondern dass heutige Kriege auch umgekehrt noch einmal wesentlich zu einem pr\u00e4ziseren Verst\u00e4ndnis des Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Kriegs beitragen k\u00f6nnen (vgl. 826). Das Bewusstsein daf\u00fcr, dass strategisches Denken im Kriegsfall allemal sinnvoller ist als jede Form einer \u00bbunbedingten Wertbindung\u00ab (38), wird man sp\u00e4testens nach der Lekt\u00fcre seiner Studie kaum noch ernsthaft bestreiten k\u00f6nnen.<\/span><\/p>\n<h4><span style=\"color: #e63348; font-family: helvetica;\">Das Kreuz mit der Strategie<\/span><\/h4>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Einerseits. Andererseits unterstellt M\u00fcnkler dem strategischen Denken an sich bereits potentiell disziplinierende Wirkungen, die seine eigene Untersuchung nicht immer beglaubigen kann. Denn es hat im Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieg an strategischen Meisterdenkern nicht gefehlt. Der versierteste d\u00fcrfte Kardinal Richelieu gewesen sein, der politische von religi\u00f6sen Interessen durchaus zu trennen vermochte, der als Regent des katholischen Frankreich den Krieg zwischen dem Kaiser und Schweden kr\u00e4ftig anheizte und sich auf die Seite des religi\u00f6sen Feindes schlug, um die politische Pr\u00e4dominanz Habsburgs zu brechen. In die N\u00e4he Richelieus r\u00fcckt M\u00fcnkler unter strategischen Gesichtspunkten faszinierenderweise und v\u00f6llig \u00fcberzeugend unz\u00e4hlige milit\u00e4rische wie politische \u00dcberlegungen ausgerechnet Wallensteins, und im Fall der Brandschatzung Magdeburgs konzediert er sogar, dass der General Tilly das schlimmste Massaker des ganzen Kriegs ebenfalls als \u00bbStrategem\u00ab (326) eingesetzt haben k\u00f6nnte.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Auch wenn die Genannten den Krieg \u2013 anders als M\u00fcnkler in seiner wissenschaftlichen Kommandozentrale \u2013 niemals als Ganzes in der Hand hatten, darf man an einer gewaltkanalisierenden Funktion von Strategie punktuell somit auch zweifeln. So wie sich im 17. Jahrhundert der Krieg verselbst\u00e4ndigt hatte, so verselbst\u00e4ndigt sich bei M\u00fcnkler streckenweise vielleicht der Glaube an einen (zu) kategorischen Sinngehalt der strategischen Vernunft. Zugute halten muss man ihm wiederum, dass er derart fundamentale Fragen aus dem Horizont seiner Studie nicht verbannt, sondern sich ihnen (selbst unterschwellig) permanent aussetzt.<\/span><\/p>\n<h4><span style=\"color: #e63348; font-family: helvetica;\">Wissenschaftliche Totenmemoria<\/span><\/h4>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Es gibt in M\u00fcnklers Buch aber auch noch andere, beinahe schon literarische Schichten. Obwohl er weder anthropologisch noch ethisch oder metaphysisch jemals ins Gef\u00fchlige abst\u00fcrzt und seine Urteile wie seine Sprache immer kristallklar bleiben, setzt er unbekannten Toten mitunter bescheidene Denkm\u00e4ler. So nennt er etwa die Namen zumindest vierer der insgesamt acht toten Kinder, die er den viel beachteten Tagebuchaufzeichnungen des S\u00f6ldners Peter Hagendorf entnimmt (vgl. 689). Auf diese Art verhilft er den im Krieg gestorbenen Kindern Hagendorfs im wissenschaftlichen Diskurs zu einer Art Grab. Die Grablegung von Kriegstoten, die in der Regel keinen Friedhof und keinen Ort hatten, geh\u00f6rt nun seit alters her zu den herausragenden Aufgaben der literarischen Tradition. Es bleibt abzuwarten, in welchem Ma\u00df und mit welchen Intentionen auch sie sich des Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Kriegs vierhundert Jahre nach seinem Beginn und dreihundertsiebzig Jahre nach seinem Ende noch einmal annehmen wird.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\"><sup>[1]<\/sup><\/a> Vgl. hierzu grundlegend auch Herfried M\u00fcnkler: Die Neuen Kriege, 3. Aufl., Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 2007.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #e63348;\"><em><span style=\"font-family: helvetica;\"><span class=\"text\">Der Germanist <\/span><a style=\"color: #e63348;\" href=\"http:\/\/www.zfl-berlin.org\/person\/haas.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><span class=\"text\">Claude Haas<\/span><\/a><\/span><span class=\"text\"><span style=\"font-family: helvetica;\"> leitet seit 2017 am ZfL das Forschungsprojekt <a style=\"color: #e63348;\" href=\"http:\/\/www.zfl-berlin.org\/projekt\/theoriebildung-im-medium-von-wissenschaftskritik.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Theoriebildung im Medium von Wissenschaftskritik<\/a>.<\/span> <\/span><\/em><\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><span style=\"font-weight: 400;\">VORGESCHLAGENE ZITIERWEISE: Claude Haas: Zur Aktualit\u00e4t des Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieges (I): \u00dcbungsplatz f\u00fcr strategisches Denken \u2013 Herfried M\u00fcnklers Studie \u00bbDer Drei\u00dfigj\u00e4hrige Krieg\u00ab, in: ZfL BLOG, 4.4.2018, [<a href=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2018\/04\/04\/claude-haas-zur-aktualitaet-des-dreissigjaehrigen-krieges-i-uebungsplatz-fuer-strategisches-denken-herfried-muenklers-studie-der-dreissigjaehrige-krieg\/\">https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2018\/04\/04\/claude-haas-zur-aktualitaet-des-dreissigjaehrigen-krieges-i-uebungsplatz-fuer-strategisches-denken-herfried-muenklers-studie-der-dreissigjaehrige-krieg\/<\/a><\/span><span style=\"font-weight: 400;\">].<\/span><span style=\"font-weight: 400;\"><br \/>\n<\/span><span style=\"font-weight: 400;\">DOI: <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20180404-01\">https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20180404-01<\/a><\/span><\/span><\/p>\n<p><script type=\"application\/ld+json\">\n{\n  \"@context\": \"http:\/\/schema.org\",\n  \"@type\": \"CreativeWork\",\n  \"@id\": \"https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20180404-01\",\n  \"url\": \"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2018\/04\/04\/claude-haas-zur-aktualitaet-des-dreissigjaehrigen-krieges-i-uebungsplatz-fuer-strategisches-denken-herfried-muenklers-studie-der-dreissigjaehrige-krieg\/\",\n  \"additionalType\": \"Blogpost\",\n  \"name\": \"ZUR AKTUALIT\u00c4T DES DREISSIGJ\u00c4HRIGEN KRIEGES (I): \u00dcbungsplatz f\u00fcr strategisches Denken \u2013 Herfried M\u00fcnklers Studie \u00bbDer Drei\u00dfigj\u00e4hrige Krieg\u00ab\",\n  \"author\": {\n    \"name\": \"Claude Haas\",\n    \"givenName\": \"Claude Haas\",\n    \"@type\": \"Person\",\n    \"@id\": \"https:\/\/orcid.org\/0009-0007-4753-4543\"\n  },\n  \"inLanguage\": \"de\",\n  \"dateCreated\": \"2018-04-04\",\n  \"datePublished\": 2018,\n  \"schemaVersion\": \"http:\/\/datacite.org\/schema\/kernel-4\",\n  \"publisher\": {\n    \"@type\": \"Organization\",\n    \"name\": \"Leibniz-Zentrum f\u00fcr Literatur- und Kulturforschung \"\n  },\n  \"provider\": {\n    \"@type\": \"Organization\",\n    \"name\": \"datacite\"\n  }\n}\n<\/script><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Zucht der Wissenschaft und die Kriegsbeuten der Literatur Anders als die Wissenschaft darf die Literatur mit historischen Stoffen einen denkbar freien Umgang pflegen. Schlie\u00dflich steht sie beinahe schon in der Pflicht, diese immer auch zu aktualisieren. Wo etwa der Historiker sich einer (und sei es fantasmatischen) Objektivit\u00e4t verschreibt, er seine Gegenst\u00e4nde um ihrer selbst <a class=\"read-more-link\" href=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2018\/04\/04\/claude-haas-zur-aktualitaet-des-dreissigjaehrigen-krieges-i-uebungsplatz-fuer-strategisches-denken-herfried-muenklers-studie-der-dreissigjaehrige-krieg\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[19],"tags":[169,174,171,173,172,170],"class_list":["post-705","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-lektueren","tag-dreissigjaehriger-krieg","tag-herfried-muenkler","tag-krieg","tag-religion","tag-strategie","tag-wallenstein"],"post_mailing_queue_ids":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/705","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=705"}],"version-history":[{"count":10,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/705\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3664,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/705\/revisions\/3664"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=705"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=705"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=705"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}