{"id":721,"date":"2018-04-10T10:05:50","date_gmt":"2018-04-10T08:05:50","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/?p=721"},"modified":"2025-03-03T15:22:30","modified_gmt":"2025-03-03T13:22:30","slug":"eva-geulen-formen-des-ganzen-zfl-jahresthema-2018-19","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2018\/04\/10\/eva-geulen-formen-des-ganzen-zfl-jahresthema-2018-19\/","title":{"rendered":"Eva Geulen: FORMEN DES GANZEN. ZfL-Jahresthema 2018\/19"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Das neue Jahresthema des ZfL, <a href=\"http:\/\/www.zfl-berlin.org\/projekt\/formen-des-ganzen.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">FORMEN DES GANZEN<\/a>, kn\u00fcpft an das vorangegangene Jahresthema der <a href=\"http:\/\/www.zfl-berlin.org\/projekt\/diversitaet.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">DIVERSIT\u00c4T<\/a> in den Bereichen der Natur, des Sozialen und der Kultur mit einer gewissen Zwangsl\u00e4ufigkeit an. Denn wer sich mit der Vielfalt besch\u00e4ftigt, kann der Frage nach der Einheit der Vielfalt und damit nach dem Ganzen nicht ausweichen. So ist etwa das Schlagwort von der Biodiversit\u00e4t ein absolut inkludierender Begriff und damit Chiffre eines Ganzen. Allerdings wurden Ganzheitsvorstellungen im 20. Jahrhundert von Regimen in Anspruch genommen, die nicht zuf\u00e4llig \u203atotalit\u00e4r\u2039 hei\u00dfen. Auch deshalb stehen die heutigen Geisteswissenschaften dem Ganzen kritisch gegen\u00fcber. Jener Geist, der sie einmal als Wissenschaften binden und von den Naturwissenschaften unterscheiden sollte, geh\u00f6rt ja selbst zur Sippschaft unifizierender Begriffe, die ein Ganzes meinen oder behaupten.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a><!--more--><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">\u00bbDas Ganze ist das Unwahre.\u00ab<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> Der an Hegel anschlie\u00dfende und gegen ihn gerichtete Satz aus Adornos <em>Minima Moralia<\/em> d\u00fcrfte die b\u00fcndigste Formulierung des Affekts gegen das Ganze sein. Aber selbst er entr\u00e4t nicht der Zweideutigkeit: Wer vom Ganzen spricht, hat die Wahrheit (des Konkreten und Besonderen) bereits verraten. Der Satz besagt freilich auch, dass die Unwahrheit selbst das Ganze sei. Adorno hat das andernorts den \u00bbuniversalen Verblendungszusammenhang\u00ab<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> genannt und damit ein Ganzes negativ rehabilitiert. Ganz abweisen kann man das Ganze offenbar nicht. Davon ist aber heute nur selten, versch\u00e4mt oder verzagt die Rede.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Doch \u203adas Ganze\u2039 hat sich von selbst zur\u00fcckgemeldet: im Diskurs der Globalisierung und in globalen Ph\u00e4nomenen wie Klimawandel und Migration, in der R\u00fcckkehr der Religionen, des Volkes und der Nation, in Debatten um universelle Werte und Rechte, in der Favorisierung \u203aganzheitlicher\u2039 Ans\u00e4tze in Medizin und Psychologie. In der Theoriebildung haben verabschiedet geglaubte Gro\u00dfbegriffe wie Kapitalismus, Klasse, aber auch Ontologie Konjunktur, und als Big Data steht das Ganze virtuell und digital zur Verf\u00fcgung. Es gibt also dringlichen Anlass, dem Ganzen gerade jetzt nachzuforschen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Das <em>Ganze<\/em> (vordem auch die <em>G\u00e4nze<\/em>) ist im Deutschen die Substantivierung des Adjektivs <em>ganz<\/em>, das im Alt- und Mittelhochdeutschen \u203aheil\u2039, \u203aunversehrt\u2039 und \u203avollst\u00e4ndig\u2039 bedeutete. Schon die stark divergierenden \u00c4quivalente im Franz\u00f6sischen und Englischen weisen ein Bedeutungsspektrum auf, das von <em>integritas<\/em> und <em>perfectio<\/em> bis zur <em>soliditas<\/em> reicht. Im Franz\u00f6sischen ist <em>das Ganze<\/em> nicht nur <em>le tout<\/em>, sondern auch <em>l\u2019ensemble<\/em>, \u203adie Gesamtheit\u2039. Das englische <em>entirety<\/em> w\u00fcrden wir wohl mit Vollst\u00e4ndigkeit \u00fcbersetzen und von einer dar\u00fcber hinausgehenden Vollkommenheit unterscheiden. Diese kennt man als ein Attribut Gottes, das keine Liste je ersch\u00f6pfen kann. Mit der neuzeitlichen Philosophie sind andere Begriffe an die Systemstelle Gottes getreten: die Substanz mit ihren Modi (Spinoza), die pr\u00e4stabilierte Harmonie (Leibniz), die Natur oder die Kunst in der idealistischen Philosophie (Fichte, Schelling), das Absolute und die Totalit\u00e4t (Hegel), die Lebenswelt (Husserl), das Sein (Heidegger), negative Dialektik (Adorno), System und Umwelt (Luhmann).<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Das \u203aGanze\u2039 hat also viele Namen: Einheit, Totalit\u00e4t, Absolutes, aber auch Leben, Geist, Prozess oder System. Es ist nicht nur in seinen Begriffen, Metaphern und deren Geschichte zu untersuchen, sondern auch hinsichtlich verschiedener Zugangsweisen und Beobachtungsmodi. Dazu geh\u00f6ren die Schau im griechischen Sinne von <em>theoria<\/em> oder in dem der mittelalterlichen Mystik, das Konzept der <em>methexis<\/em>, der Teilhabe in ihren vor- und nachplatonischen Formen, verschiedene Deutungen von Integration, die \u00dcbersetzung (<em>translatio imperii<\/em> und <em>translatio studii<\/em>), szientifischer oder technischer Determinismus, die Hervorbringung des \u203aganzen Menschen\u2039 in modernen Bildungskonzepten, esoterischen Wissenschaften und politischen Bewegungen \u2013 hier wiederum oft mit totalit\u00e4ren Tendenzen, die \u203aden Menschen\u2039 in einem gr\u00f6\u00dferen Ganzen aufgehen lassen m\u00f6chten.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Nachdem das antike Konzept des Kosmos zerfallen war, vervielf\u00e4ltigten sich die Ganzheitsbegriffe. Damit verlor der neuzeitliche Mensch zwar seinen privilegierten Rang in der Sch\u00f6pfung, aber gerade die kopernikanische Wende versetzte ihn auch in die Lage, sich noch effektiver als zuvor die Erde und das All untertan zu machen. In dieser Erm\u00e4chtigung, das Ganze zu unterwerfen, sah Hannah Arendt das Erbe der Neuzeit in der Moderne fortwirken: in einer \u00bbnun wirklich ganz und gar \u203auniversal\u2039 und kosmisch gewordenen Wissenschaft, die die Prozesse des Weltalls in die Natur hineinleitet trotz des offenbaren Risikos, ihren Haushalt und damit das Menschengeschlecht selbst, das in diesen Haushalt gebannt ist, zu vernichten\u00ab.<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> Genau das zeigt sich in den totalit\u00e4ren Herrschaftsformen des 20. Jahrhunderts: Mit Totalitarismus hat man es Arendt zufolge immer dann zu tun, wenn politisches Handeln im Namen eines universalen Gesetzes der Natur oder der Geschichte auftritt.<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a> Dieser Ideologie sah sie die neue Form des Staatsterrors verschwistert, die den Anspruch erhob, <em>unmittelbar <\/em>die Vollstreckung des Gesetzes der Natur oder der Geschichte zu <em>sein<\/em>. Heute scheint sich die technologische Entwicklung eigengesetzlich als <em>digital disruption<\/em> zu vollziehen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Arendts \u00dcberlegung verdeutlicht, wie wichtig die Frage nach den <em>Formen<\/em> ist, in denen ein Ganzes sich artikuliert und zur Darstellung kommt. Solche FORMEN DES GANZEN stehen im Mittelpunkt unserer Besch\u00e4ftigung mit dem Thema: politische, symbolische, epistemische und nicht zuletzt literarische Formen. So ist das antike Versepos von jeher und besonders aus moderner Blickrichtung als Ausdruck einer Ganzheit oder Totalit\u00e4t betrachtet worden, die der Moderne nicht mehr m\u00f6glich sei.<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a> Doch Epen \u2013 moderne wie antike \u2013 zeichnen sich durch Redundanzen, Digressionen und Spr\u00fcnge aus, die sowohl Einheit wie Ganzheit vermissen lassen. Umgekehrt versuchen kleinere Formen wie das Beispiel und die Fallgeschichte ihre Partikularit\u00e4t auf die eine oder andere Weise zu \u00fcberschreiten, und im Besonderen, Einzelnen oder Kleinsten ein Ganzes in den Blick zu r\u00fccken. Wie verh\u00e4lt sich das Ganze zu seinen Formen, und was stellen die Formen mit dem Ganzen an? Das wird, die aktuelle Situation fest im Blick, Gegenstand der Jahrestagung des ZfL sein. Mit \u00bbEpos und Episode\u00ab wird sich <a href=\"http:\/\/www.zfl-berlin.org\/veranstaltungen-detail\/items\/epos-und-episode.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">die diesj\u00e4hrige Sommerakademie des ZfL<\/a> besch\u00e4ftigen. Was die Formung und Formatierung des Ganzen in den Wissenschaften betrifft, so verfahren alte und junge Enzyklop\u00e4dien zwar selektiv, beanspruchen aber doch Vollst\u00e4ndigkeit oder suggerieren sie, etwa durch Lemmatisierung von A bis Z. Auch die zur Zeit in den Geisteswissenschaften omnipr\u00e4senten Handb\u00fccher versprechen Einsichten in ein Ganzes. Mit diesem und \u00e4hnlichen Formaten wird sich im ZfL <a href=\"http:\/\/www.zfl-berlin.org\/projekt\/publikationsformate-in-den-kulturwissenschaften.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">eine Arbeitsgruppe im Forschungsschwerpunkt IV<\/a> auseinandersetzen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Nicht das Ganze des Ganzen<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a> ist der Fluchtpunkt unserer historisch breiten und interdisziplin\u00e4ren Arbeit, sondern die Vielfalt seiner Formen. Auf sie bleibt das Ganze auch dort angewiesen, wo es sich, wie heute, als unabweisbar zur\u00fcckmeldet und aufdr\u00e4ngt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Vgl. Friedrich A. Kittler: Einleitung, in: ders. (Hg.): Austreibung des Geistes aus den Geisteswissenschaften. Programme des Poststrukturalismus, Paderborn u.a. 1980, S. 7\u201314.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Theodor W. Adorno: Minima Moralia. Reflexionen aus dem besch\u00e4digten Leben (= Gesammelte Schriften, Bd. 4, hg. v. Rolf Tiedemann), Frankfurt a.M. 1980, S. 55.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Theodor W. Adorno: Negative Dialektik, in: ders.: Gesammelte Schriften, Bd. 6, hg. v. Rolf Tiedemann, Frankfurt a.M. 1973, S. 7\u2013412, hier S. 397.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Hannah Arendt: Vita Activa oder Vom t\u00e4tigen Leben, M\u00fcnchen <sup>6<\/sup>2007, S. 342.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> Vgl. Hannah Arendt: Ideologie und Terror: eine neue Staatsform, in: dies.: Elemente und Urspr\u00fcnge totaler Herrschaft. Antisemitismus, Imperialismus, Totalitarismus, M\u00fcnchen <sup>11<\/sup>2006, S. 944\u2013979.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> Vgl. Georg Luk\u00e1cs: Die Theorie des Romans. Ein geschichtsphilosophischer Versuch \u00fcber die Formen der gro\u00dfen Epik, Neuwied\/Berlin <sup>3<\/sup>1965, S. 23.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> Im 18. und 19. Jahrhundert wurde die Formel \u203adas Ganze\u2039 h\u00e4ufig f\u00fcr praktische Handb\u00fccher verwendet, vgl. etwa \u00bbDas Ganze der Landwirthschaft\u00ab von Ignaz von Halloy, Gr\u00e4tz 1804.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #e63348; font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><em><a href=\"http:\/\/www.zfl-berlin.org\/person\/geulen.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Eva Geulen<\/a> ist die Direktorin des ZfL.<\/em><\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><span style=\"font-weight: 400;\">VORGESCHLAGENE ZITIERWEISE: Eva Geulen: Formen des Ganzen. ZfL-Jahresthema 2018\/19, in: ZfL BLOG, 10.4.2018, [<a href=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2018\/04\/10\/eva-geulen-formen-des-ganzen-zfl-jahresthema-2018-19\/\">https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2018\/04\/10\/eva-geulen-formen-des-ganzen-zfl-jahresthema-2018-19\/<\/a><\/span><span style=\"font-weight: 400;\">].<\/span><span style=\"font-weight: 400;\"><br \/>\n<\/span><span style=\"font-weight: 400;\">DOI: <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20180410-01\">https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20180410-01<\/a><\/span><\/span><\/p>\n<p><script type=\"application\/ld+json\">\n{\n  \"@context\": \"http:\/\/schema.org\",\n  \"@type\": \"CreativeWork\",\n  \"@id\": \"https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20180410-01\",\n  \"url\": \"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2018\/04\/10\/eva-geulen-formen-des-ganzen-zfl-jahresthema-2018-19\/\",\n  \"additionalType\": \"Blogpost\",\n  \"name\": \"FORMEN DES GANZEN. 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