{"id":78,"date":"2016-04-14T11:54:05","date_gmt":"2016-04-14T09:54:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zflprojekte.de\/interim\/?p=78"},"modified":"2025-09-10T10:39:55","modified_gmt":"2025-09-10T08:39:55","slug":"realismus-fur-das-21-jahrhundert-ii-serielle-gewalt-in-roberto-bolanos-roman-2666-ulrich-plass-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2016\/04\/14\/realismus-fur-das-21-jahrhundert-ii-serielle-gewalt-in-roberto-bolanos-roman-2666-ulrich-plass-2\/","title":{"rendered":"Ulrich Plass: REALISMUS F\u00dcR DAS 21. JAHRHUNDERT (II): Serielle Gewalt in Roberto Bola\u00f1os Roman 2666"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><em>\u201eDie Tote erschien auf einer kleinen Brache in der Siedlung Las Flores. Sie trug ein wei\u00dfes, lang\u00e4rmeliges Hemd und einen gelben, knielangen Rock h\u00f6herer Konfektionsgr\u00f6\u00dfe.\u201c<\/em><a href=\"#_edn1\" name=\"_ednref1\">[1]<\/a><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">So beginnt der \u201eTeil von den Verbrechen\u201c in Roberto Bola\u00f1os Roman <em>2666<\/em>. Hinter diesen zwei sachlich klingenden S\u00e4tzen verbirgt sich eine ambitionierte realistische Poetik. Durch den unbeirrbaren Blick auf eine Serie von horrenden Gewaltverbrechen soll die komplexe Struktur einer transnationalen, sp\u00e4tkapitalistischen Wirklichkeit ans Licht gebracht werden, die sich einer rein gegenst\u00e4ndlichen Anschauung entzieht und bestenfalls in Metaphern von Kreisl\u00e4ufen, Transaktionen und Kapitalfl\u00fcssen (136) vorstellbar ist. Die realistische Leistung des \u201eTeils von den Verbrechen\u201c besteht nun darin, dass <em>eine<\/em> Schicht dieser sozio-\u00f6konomischen Wirklichkeit, die in beinahe sofortige Vergessenheit zu fallen droht (688), den Leser_innen immer wieder aufs Neue <em>interessant<\/em> gemacht wird \u2013 und zwar allein durch ihre minimal variierte Wiederholung.<\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: helvetica;\"> <!--more--><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Die Literaturwissenschaftlerin Sianne Ngai hat die zuerst von Friedrich Schlegel theoretisierte Roman-\u00c4sthetik des \u201eInteressanten\u201c mit der von stetiger Bewegung und Austauschbarkeit beherrschten Sph\u00e4re der Waren- und Informationszirkulation in Verbindung gebracht. Keine andere \u00e4sthetische Kategorie entspreche der Alltagspraxis der Zirkulation besser als die serielle, ruhelose und realistische \u00c4sthetik des Interessanten: \u201eAlways connected to the relatively small surprise of information or variation from an existing norm, the interesting marks a tension between the unknown and the already known and is generally bound up with a desire to know and document reality.\u201c<a href=\"#_edn2\" name=\"_ednref2\">[2]<\/a> Das Interessante, folgert Ngai in ihrer Schlegel-Lekt\u00fcre, sei eine realistische \u00c4sthetik, die sich von anderen Formen des \u00c4sthetischen durch ihren unbestimmten oder minimalen Affekt, ihre strukturelle und funktionale Allgemeinheit, ihre Serialit\u00e4t, ihren Eklektizismus und ihre Rekursivit\u00e4t unterscheide.<a href=\"#_edn3\" name=\"_ednref3\">[3]<\/a> Bola\u00f1os Roman verk\u00f6rpert genau diese Eigenschaften einer realistischen Darstellung, durch welche die Sph\u00e4re der Zirkulation gegenst\u00e4ndlich in Erscheinung tritt. Sie tut dies jedoch nur insofern, als das konkret Gegenst\u00e4ndliche einer retroaktiven diskursiven Erl\u00e4uterung bedarf, denn die Toten sprechen nicht:<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><em>\u201eSie [die ermordeten Frauen] verschwinden. L\u00f6sen sich in Luft auf, von einem Moment auf den anderen. Und nach einiger Zeit tauchen ihre K\u00f6rper in der W\u00fcste wieder auf.\u201c<\/em> (382)<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Entscheidend f\u00fcr Bola\u00f1os \u201einteressantes\u201c Verfahren ist das m\u00fchselige detektivische Sammeln von Informationen, welches das Auffinden immer neuer Leichen begleitet. Anstatt spektakul\u00e4rer Enth\u00fcllungen und dramatischer Wendungen erfahren wir nur wie nebenbei, dass die Mordopfer keine Prostituierten sind, sondern vorwiegend Arbeiterinnen (382, 608, 616). Der ged\u00e4mpfte Affekt des \u201eblo\u00df Interessanten,\u201c der sich in Reaktion auf die Mitteilung solcher Informationen sowie die forensische Protokollierung des Auffindens der \u00fcber hundert Leichen einstellt, steht in einem Spannungsverh\u00e4ltnis zur eigentlichen Bedeutung, die Bola\u00f1o in seinen Notizen zum Roman dieser Mordserie zugemessen hat: Er hat sie n\u00e4mlich als eine Art \u201everborgenes Zentrum\u201c (1187) seines Werks bezeichnet, ein Zentrum, das anfangs nur bedrohlich umspielt, im dritten Teil atmosph\u00e4risch wird und im vierten Teil gegenst\u00e4ndlich allgegenw\u00e4rtig ist.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Bola\u00f1os insgesamt f\u00fcnfteiliger Roman bildet ein Geflecht aus l\u00e4ngeren, an unterschiedliche Genres angelehnten Erz\u00e4hlungen und k\u00fcrzeren, episodischen St\u00fccken, die um das zentrale Ph\u00e4nomen der Mordserie gruppiert sind. Die Romanhandlung beginnt in den europ\u00e4ischen Zentren London, Paris, Madrid und Turin, verschiebt sich jedoch bald zur globalen <a href=\"http:\/\/graduateinstitute.ch\/files\/live\/sites\/iheid\/files\/sites\/mia\/users\/Imene_Ajala\/public\/Global%20Trends\/wallerstein-semi-peripheral.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Semi-Peripherie<\/a>, n\u00e4mlich der Region unmittelbar s\u00fcdlich der mexikanischen Grenze zu den USA. Dort, in der Stadt Santa Teresa, vermuten die vier Protagonisten des ersten Teils, ihres Zeichens alle germanistische Literaturwissenschaftler, den Gegenstand ihrer akademischen Forschung und ihres Begehrens: den sich beharrlich vor der \u00d6ffentlichkeit verborgen haltenden Autor Benno von Archimboldi. \u00dcber die Stadt Santa Teresa wissen die Figuren nichts; vor ihrer Ankunft dort war ihnen nur mitgeteilt worden, sie sei \u201eziemlich gro\u00df\u201c und es \u201egibt Fabriken, und es gibt Probleme\u201c. Die vier Europ\u00e4er nehmen die mexikanische Stadt als \u201echaotisch\u201c (156) wahr: \u201edie Stadt kam ihnen vor wie ein riesiges Zigeuner- oder Fl\u00fcchtlingslager, deren Bewohner sich beim leisesten Signal in Bewegung setzen.\u201c (155) Schritt f\u00fcr Schritt entfernt sich Bola\u00f1os Erz\u00e4hlen von der Unachtsamkeit der selbstbezogenen Wahrnehmung der akademischen Protagonisten \u2013 und r\u00fcckt die Frauenmorde in den Blick. Zuerst erf\u00e4hrt der Leser davon nur in Form einer Nachricht in der italienischen Zeitung <em>Il Manifesto<\/em>. Im zweiten Teil des Romans h\u00e4ufen sich dann die Hinweise auf \u201edie Morde\u201c und \u201edie Verbrechen\u201c. Doch erst im dritten Teil werden sie programmatisch ins Zentrum des Erz\u00e4hlens ger\u00fcckt: \u201eNiemand schenkt den Morden Beachtung, dabei liegt in ihnen das Geheimnis der Welt verborgen.\u201c (464)<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Bola\u00f1os Santa Teresa ist ein wenig fiktionalisiertes Abbild des realen Ciudad Ju\u00e1rez, das sich <a href=\"https:\/\/www.google.com\/maps\/place\/Ciudad+Juarez,+Chihuahua,+Mexico\/@31.6537863,-106.5832922,11z\/data=!3m1!4b1!4m2!3m1!1s0x86e75ecb3d0b329d:0xb196100549c7974\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">unmittelbar an der Grenze<\/a> zum texanischen El Paso befindet. Mit der Einf\u00fchrung neoliberaler \u201eStrukturanpassungsma\u00dfnahmen\u201c nach der W\u00e4hrungskrise von 1982 und dem Inkrafttreten von NAFTA im Jahr 1994 (gefolgt von einem drastischen Wertverlust des mexikanischen Peso) wurde Ju\u00e1rez zum bevorzugten Standort von Montagebetrieben, sogenannten <a href=\"http:\/\/www.udel.edu\/leipzig\/texts2\/vox128.htm\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>Maquiladoras<\/em><\/a>. Dort werden importierte Einzelteile zu fertigen Produkten f\u00fcr den Export zusammengesetzt. Die <em>Maquila<\/em>-Industrie erlaubt es multinationalen Konzernen, ihre Waren unter f\u00fcr sie \u00e4u\u00dferst profitablen Bedingungen anfertigen zu lassen. Eine vorwiegend migrantische Arbeiterinnenschaft wird auf Flexibilit\u00e4t<a href=\"#_edn4\" name=\"_ednref4\">[4]<\/a> gedrillt und erh\u00e4lt L\u00f6hne, die kaum zum \u00dcberleben reichen \u2013 eine Tatsache, die im Roman von Yolanda Palacio, der \u201eLeiterin der Abteilung f\u00fcr Sexualdelikte von Santa Teresa\u201c so erl\u00e4utert wird: \u201eEine schlecht bezahlte, ausbeuterische Arbeit, f\u00fcrchterliche Arbeitszeiten und keine gewerkschaftliche Absicherung, aber wenigstens Arbeit, f\u00fcr viele Frauen, die aus Oaxaca oder Zacatecas kommen, ein Segen\u201c (752). Obwohl die aus \u00e4rmlichen, l\u00e4ndlichen Regionen zugewanderten Arbeiterinnen sich dank der Anstellung in den <em>Maquiladoras<\/em> zumindest vor\u00fcbergehend aus dem patriarchalen Haushalt gel\u00f6st haben, erh\u00f6ht gerade diese neue soziale Rolle die Gefahr, zum Opfer sexueller Gewalt zu werden:<a href=\"#_edn5\" name=\"_ednref5\">[5]<\/a> \u201eDas hei\u00dft, hier werden jeden Tag mehr als zehn Frauen vergewaltigt.\u201c (745) Was in dieser oder \u00e4hnlichen Statistiken nur abstrakt zum Ausdruck kommt, ist der Zusammenhang von struktureller und konkreter Gewalt. Die allm\u00e4hliche Veranschaulichung dieses Zusammenhangs ist die realistische Leistung von <em>2666. <\/em>Der Roman beschr\u00e4nkt sich nicht darauf, die Verbrechen an den <em>Maquiladora<\/em>-Arbeiterinnen als extreme Manifestation einer auf der Geschichte der massenhaften Vergewaltigung der indigenen mexikanischen Bev\u00f6lkerung durch die europ\u00e4ischen Kolonialherren (384) beruhenden Kultur des m\u00f6rderischen Machismo erscheinen zu lassen. Vielmehr konstruiert Bola\u00f1o ein kaleidoskopisches Bild der neoliberalen Verh\u00e4ltnisse. In ihm haben Aspekte wie das Ungleichgewicht von Arbeit und Kapital in Produktionsformen wie dem \u201eOffshoring\u201c ebenso ihren Ort wie die Verflechtung von Unternehmer-, <em>Narco<\/em>&#8211; und Staatsmacht (615, 710, 796, 818 f., 825, 833), die imperiale Hegemonie der USA \u00fcber Mexiko und die De-facto-Straffreiheit f\u00fcr Gewaltverbrechen (713). Die <em>Maquiladora<\/em>-Arbeiterinnen befinden sich nicht nur geografisch, sondern auch juristisch in einer Zone, in der sie schutzlos<a href=\"#_edn6\" name=\"_ednref6\">[6]<\/a> \u00a0verschiedenen Gewaltformen ausgesetzt sind: Der Gewalt ihrer Sexualpartner, der Drogenh\u00e4ndler, der Polizei und der S\u00f6hne privilegierter Familien. <em>2666<\/em> erz\u00e4hlt von einer Gesellschaft, in der die massenhafte Ermordung von Frauen kein Unfall ist, sondern fest zu einer geschichtlich weit zur\u00fcckreichenden Ausschlie\u00dfung ganzer Bev\u00f6lkerungssegmente aus dem Schutz von Politik und Justiz geh\u00f6rt (vgl. 355 f.).<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Das politisch neutrale Wort \u201eFrauenmord\u201c wie auch der Begriff des \u201eLustmords\u201c verfehlen die gesellschaftlich systemische Dimension dieser Verbrechen. Im Spanischen spricht man vom <em>femicido<\/em> aber auch vom <em>feminicidio.<\/em><a href=\"#_edn7\" name=\"_ednref7\">[7]<\/a> Dieser aus dem feministischen politischen Aktivismus stammende Neologismus bezeichnet nicht nur die Tatsache der Ermordung einer Frau durch einen Mann, sondern auch deren symbolische Funktion: Am K\u00f6rper der toten Frau werden reale <em>Gender<\/em>-Gewaltverh\u00e4ltnisse noch einmal symbolisch wiederholt. Der Tod, den das Opfer erleidet, ist nicht nur ein biologischer, sondern auch ein gesellschaftlicher und politischer; durch ihn soll die Machtlosigkeit der Ermordeten als absolut und unver\u00e4nderbar in Erscheinung treten. Die Gewalt der <em>feminicidios<\/em> ist strukturell die Wiederholung allgemeiner gesellschaftlicher Gewalt am einzelnen K\u00f6rper. Durch diese Wiederholungsstruktur wird das Opfer entindividualisiert und verdinglicht. Diese gewaltsame Verdinglichung der Opfer spiegelt sich auch darin, dass Frauen h\u00e4ufig nur als \u201eNutten\u201c und \u201eHuren\u201c bezeichnet werden und die Polizisten von Santa Teresa sich gleich serienweise die entsetzlichsten misogynen Witze erz\u00e4hlen (730 f.).<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Die forensische Darstellungsform, derer sich Bola\u00f1o im vierten Teil von <em>2666<\/em> bedient, bringt durch die Unscheinbarkeit ihrer Beschreibungen die doppelte soziale Funktion der feminiziden Gewalt zum Ausdruck: Zum einen werden viele der ermordeten Frauen beinahe bis zur Unkenntlichkeit verst\u00fcmmelt und verschwinden so als Individuen. Zum anderen wird aber gerade diese Ausl\u00f6schung ihrer Identit\u00e4t durch eine ritualistische Zurichtung der Opfer sichtbar gemacht, als sei der Mord f\u00fcr ein T\u00e4ter-Publikum geschehen: \u201eEine der Br\u00fcste [der Ermordeten] hatte man fast vollst\u00e4ndig abgeschnitten, an der anderen fehlte die Brustwarze, sie war ihr abgebissen worden. Ihr K\u00f6rper lag am Eingang einer wilden M\u00fcllkippe namens El Chile.\u201c (613) Diese zwei S\u00e4tze demonstrieren Bola\u00f1os realistische Erz\u00e4hltechnik in nuce: Der Erz\u00e4hlton ist und bleibt vordergr\u00fcndig n\u00fcchtern. Ihre weiterreichende Bedeutung enth\u00fcllen diese zwei S\u00e4tze erst, als sich Verst\u00fcmmelung und Fundort wiederholen. Die T\u00e4ter demonstrieren damit sowohl die Ersetzbarkeit des gesch\u00e4ndeten K\u00f6rpers als auch ihre Macht, diesen als wertlosen Abfall zu behandeln und als solchen zu zeigen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Bola\u00f1os Roman bildet die serielle Qualit\u00e4t der <em>feminicidios <\/em>gewisserma\u00dfen mimetisch ab, indem er repetitiv das Auffinden der Ermordeten und die vermutliche Art ihres Todes beschreibt. Er verzichtet darauf, den einzelnen Morden ihren Platz in einer in sich geschlossenen Erz\u00e4hlung anzuweisen. Obwohl Bola\u00f1o mit Versatzst\u00fccken des Detektiv- und Kriminalromans operiert, verweigert sein Erz\u00e4hlen das Begehren nach Aufkl\u00e4rung bis zum Schluss \u2013 und bleibt damit der Wirklichkeit treu. Erst 2015 kam es in Ciudad Ju\u00e1rez erstmals zur <a href=\"https:\/\/jungle.world\/artikel\/2015\/32\/frauenmorde-mit-system\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Verurteilung von T\u00e4tern<\/a>. Das ist nicht allein auf die Inkompetenz und m\u00f6gliche Komplizenschaft der ermittelnden Polizei zur\u00fcckzuf\u00fchren, sondern auf die \u00dcbermacht und Wirkm\u00e4chtigkeit miteinander verbundener sozio-\u00f6konomischer und kultureller Faktoren.<a href=\"#_edn8\" name=\"_ednref8\">[8]<\/a> Diese sind im \u201enarrativen\u201c Modell einer Einzelt\u00e4terschaft nicht zu erfassen:<a href=\"#_edn9\" name=\"_ednref9\">[9]<\/a> \u201eAlle sind darin verwickelt.\u201c (457)<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Im Dienst von Bola\u00f1os realistischer Poetik stehen auch die Fiktionalisierungen. Mit Bezug auf den Fund der ersten Leiche hei\u00dft es: \u201eDas geschah 1993. Januar 1993. Seit diesem Vorfall begann man, die Frauenmorde zu z\u00e4hlen. Vermutlich hatte es schon vorher Morde gegeben. Die erste Tote hie\u00df Esperanza G\u00f3mez Salda\u00f1a und war dreizehn Jahre alt. Vermutlich war sie nicht die Erste.\u201c (467) Bola\u00f1o \u00e4ndert zwar den Namen der Toten, deren reales Vorbild <a href=\"http:\/\/www.washingtonpost.com\/wp-dyn\/content\/article\/2007\/05\/08\/AR2007050801995.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Alma Chavira Farel<\/a> hie\u00df, nicht aber ihr Alter und den Zeitpunkt, an dem man ihre Leiche entdeckte. In der Rolle des Chronisten, in die der Erz\u00e4hler hier schl\u00fcpft, dr\u00fcckt sich Machtlosigkeit aus: Zwar setzt er der Ermordeten durch die Nennung ihres Namens und das Datieren ihres Todes ein bescheidenes Denkmal. Aber das tut er im ohnm\u00e4chtigen Wissen darum, dass die Setzung eines vermeintlichen \u201eAnfangs\u201c dieser Mordserie lediglich ein Zugest\u00e4ndnis an ihre datenm\u00e4\u00dfige Erfassbarkeit ist:<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><em> \u201eVielleicht aus Bequemlichkeit, weil sie das erste Mordopfer des Jahres 1993 war, f\u00fchrt sie die Liste an. Obwohl sicherlich bereits 1992 Frauen ermordet wurden. Frauen, die nicht auf die Liste kamen oder die nie gefunden wurden, die man anonym in der W\u00fcste verscharrt oder deren Asche man in tiefer Nacht verstreut hat, wenn nicht einmal der, der sie verstreut, wei\u00df, wo genau er sich befindet.\u201c<\/em> (468)<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Die im Roman erw\u00e4hnten <em>Maquiladoras<\/em> tragen mitunter fast satirisch anmutend fiktive Namen: \u201eMultizone West\u201c (474), \u201eOverworld\u201c, \u201eCountry&amp;SeaTech\u201c (608), \u201e<a href=\"http:\/\/www00.unibg.it\/dati\/bacheca\/676\/54571.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Interzone-Berny<\/a>\u201c (759) oder \u201eMaderas de Mexico, wo M\u00f6bel im Kolonial- und Landhausstil hergestellt wurden, die in die USA und nach Kanada exportiert wurden\u201c (544). Insofern diese Namen wie unfreiwillig komische Amerika-Fantasien aus den L\u00e4ndern der globalen Peripherie klingen, erinnern sie den Leser an das Auseinanderklaffen der Sph\u00e4ren von Produktion und Konsumption: Was s\u00fcdlich der Grenze unter ausbeuterischen Bedingungen produziert wird, wird n\u00f6rdlich der Grenze als Ausdruck eines gl\u00fccklichen Lebens konsumiert. Durch so einfache Mittel wie das Erfinden von Fabrik-Namen r\u00fcckt der Roman die Grenzstadt Santa Teresa mit ihrer <em>Maquila<\/em>-Industrie ins Zentrum eines \u201einteressanten\u201c realistischen Darstellungsverfahrens. Ihm geht es darum, die serielle Gewalt der Frauenmorde in einen Zusammenhang mit transnationalen postfordistischen Arbeitsverh\u00e4ltnissen und Lebensformen zu bringen. Gerade <em>durch<\/em> narrative Formen wie Wiederholung, Digression und Episodik, also durch die Partikularisierung seiner diegetischen Bestandteile, erweist sich die Gestalt des Romans im Ganzen als \u201eEinheit der gegeneinander verselbst\u00e4ndigten Momente\u201c<a href=\"#_edn10\" name=\"_ednref10\">[10]<\/a> einer sich der Anschauung entziehenden gesellschaftlichen Totalit\u00e4t. <em>Durch<\/em> seine \u00e4sthetisch autonome Formgebung wird Bola\u00f1os Erz\u00e4hlen einer empirischen Wirklichkeit gerecht, die sich nicht, um es mit Georg Luk\u00e1cs zu sagen, durch unmittelbare Widerspiegelung realistisch begreifen l\u00e4sst, sondern nur durch eine Darstellung auch jener objektiven Zusammenh\u00e4nge, die sich hinter den sozialen Erscheinungen verbergen.<a href=\"#_edn11\" name=\"_ednref11\">[11]<\/a><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"font-family: helvetica;\"><em>Ulrich Plass<\/em><a href=\"#_edn12\" name=\"_ednref12\">[12]<\/a><\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ednref1\" name=\"_edn1\">[1]<\/a> Roberto Bola\u00f1o: 2666. Roman, \u00fcbers. von Christian Hansen, Frankfurt a.M. 2011 (im Folgenden zitiert unter Angabe der Seitenzahl). In der deutschen \u00dcbersetzung ist das spanische Verb \u201eapareci\u00f3\u201d f\u00e4lschlicherweise mit \u201elag\u201c anstatt mit \u201eerschien\u201c wiedergegeben. Den Hinweis auf die Fehl\u00fcbersetzung verdanke ich Nataniel Christgau: Tod und Text. Zu Roberto Bola\u00f1os <em>2666<\/em>, Berlin 2016, S. 31.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ednref2\" name=\"_edn2\">[2]<\/a> Sianne Ngai: Our Aesthetic Categories: Zany, Cute, Interesting, Cambridge, Mass. 2012, S. 5.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ednref3\" name=\"_edn3\">[3]<\/a> Ebd., S. 136.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ednref4\" name=\"_edn4\">[4]<\/a> Christian Berndt: An der \u201aPeripherie\u2018 global vernetzter Produktionswelten: Soziale Landschaften der Arbeit in Ciudad Ju\u00e1rez. In: Geographische Zeitschrift 90.3\/4 (2002), S. 212\u2013231, hier S. 222.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ednref5\" name=\"_edn5\">[5]<\/a> Tyron P. Woods: Globalizing Social Violence: Race, Gender, and the Spatial Politics of Crisis. In: American Studies 43.1 (2002), S. 127\u2013153, hier S. 142.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ednref6\" name=\"_edn6\">[6]<\/a> Patrick Dove: Literature and the Secret of the World: <em>2666<\/em>, Globalization, Global War. In: New Centennial Review 14.3 (2014), S. 139\u2013162, hier S. 141.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ednref7\" name=\"_edn7\">[7]<\/a> Von \u201efeminicidio\u201c spricht z. B. Ileana Rodr\u00edguez, um damit das historische spezifische Ph\u00e4nomen der seriellen Ermordung von Frauen im Rahmen des \u00dcbergangs von modernen zu postmodernen Formen industrieller Arbeit zu bezeichnen; siehe Liberalism at its Limits: Crime and Terror in the Latin American Cultural Text, Pittsburgh 2009, S. 153\u2013174. Vgl. auch Julia Estela Mon\u00e1rrez Fragoso: The Victims of Ciudad Ju\u00e1rez Feminicide: Sexually Fetishized Commodities. In: Rosa-Linda Fregoso\/Cynthia Bejarano (Hg.): Terrorizing Women: Feminicide in the Americas, Durham\/London 2010, S. 59\u201369, hier S. 69 Fn 1.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ednref8\" name=\"_edn8\">[8]<\/a> Vgl. Jessica Livingston: Murder in Ju\u00e1rez: Gender, Sexual Violence, and the Global Assembly Line. In: Frontiers: A Journal of Women Studies 25.1 (2004), S. 59\u201376.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ednref9\" name=\"_edn9\">[9]<\/a> Vgl. Sharae Deckard: Peripheral Realism, Millennial Capitalism, and Roberto Bola\u00f1os <em>2666<\/em>. In: Modern Language Quarterly 73.3 (2012), S. 351\u2013372, hier S. 360. Siehe auch Sergio Gonz\u00e1lez Rodr\u00edguez: The Femicide Machine, \u00fcbers. von Michael Parker-Stainback, Cambridge, Mass. 2012.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ednref10\" name=\"_edn10\">[10]<\/a> Karl Marx: Theorien \u00fcber den Mehrwert, zit. in Georg Luk\u00e1cs: \u201eEs geht um den Realismus\u201c, Werke, Bd. 3: Essays \u00fcber Realismus<em>, <\/em>Neuwied und Berlin 1971, S. 317.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ednref11\" name=\"_edn11\">[11]<\/a> Ebd., S. 319.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ednref12\" name=\"_edn12\">[12]<\/a> Diese \u00dcberlegungen gehen auf die Diskussionen des Bola\u00f1o-Lesekreises am ZfL im Wintersemester 2015\/16 zur\u00fcck. Ich danke meinen Kolleg_innen f\u00fcr ihre Einsichten und Anregungen, insbesondere Natalie Moser und Maria Kuberg; bei Nicol\u00e1s Kwiatkowski bedanke ich mich f\u00fcr einen wertvollen Hinweis.<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">VORGESCHLAGENE ZITIERWEISE: Ulrich Plass: Realismus f\u00fcr das 21. Jahrhundert (II): Serielle Gewalt in Roberto Bola\u00f1os Roman 2666, in: ZfL BLOG, 14.4.2016, [<a href=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2016\/04\/14\/realismus-fur-das-21-jahrhundert-ii-serielle-gewalt-in-roberto-bolanos-roman-2666-ulrich-plass-2\/\">https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2016\/04\/14\/realismus-fur-das-21-jahrhundert-ii-serielle-gewalt-in-roberto-bolanos-roman-2666-ulrich-plass-2\/<\/a>].<\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: helvetica;\">DOI: <\/span><a href=\"https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20160414-04\"><span style=\"font-family: helvetica;\">https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20160414-04<\/span><\/a><\/p>\n<p><script type=\"application\/ld+json\">\n{\n  \"@context\": \"http:\/\/schema.org\",\n  \"@type\": \"CreativeWork\",\n  \"@id\": \"https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20160414-04\",\n  \"url\": \"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2016\/04\/14\/realismus-fur-das-21-jahrhundert-ii-serielle-gewalt-in-roberto-bolanos-roman-2666-ulrich-plass-2\/\",\n  \"additionalType\": \"Blogpost\",\n  \"name\": \"REALISMUS F\u00dcR DAS 21. JAHRHUNDERT (II): Serielle Gewalt in Roberto Bola\u00f1os Roman 2666\",\n  \"author\": {\n    \"name\": \"Ulrich Plass\",\n    \"givenName\": \"Ulrich\",\n    \"familyName\": \"Plass\",\n    \"@type\": \"Person\"\n  },\n  \"inLanguage\": \"de\",\n  \"dateCreated\": \"2016-04-14\",\n  \"datePublished\": 2016,\n  \"schemaVersion\": \"http:\/\/datacite.org\/schema\/kernel-4\",\n  \"publisher\": {\n    \"@type\": \"Organization\",\n    \"name\": \"Leibniz-Zentrum f\u00fcr Literatur- und Kulturforschung \"\n  },\n  \"provider\": {\n    \"@type\": \"Organization\",\n    \"name\": \"datacite\"\n  }\n}\n<\/script><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eDie Tote erschien auf einer kleinen Brache in der Siedlung Las Flores. Sie trug ein wei\u00dfes, lang\u00e4rmeliges Hemd und einen gelben, knielangen Rock h\u00f6herer Konfektionsgr\u00f6\u00dfe.\u201c[1] So beginnt der \u201eTeil von den Verbrechen\u201c in Roberto Bola\u00f1os Roman 2666. Hinter diesen zwei sachlich klingenden S\u00e4tzen verbirgt sich eine ambitionierte realistische Poetik. Durch den unbeirrbaren Blick auf eine <a class=\"read-more-link\" href=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2016\/04\/14\/realismus-fur-das-21-jahrhundert-ii-serielle-gewalt-in-roberto-bolanos-roman-2666-ulrich-plass-2\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[20,19],"tags":[4,2,35],"class_list":["post-78","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-jahresthema-realismus","category-lektueren","tag-4","tag-realismus","tag-roberto-bolano"],"post_mailing_queue_ids":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/78","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=78"}],"version-history":[{"count":15,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/78\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3861,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/78\/revisions\/3861"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=78"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=78"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=78"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}