{"id":789,"date":"2018-05-31T12:28:11","date_gmt":"2018-05-31T10:28:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/?p=789"},"modified":"2025-03-03T15:14:11","modified_gmt":"2025-03-03T13:14:11","slug":"claude-haas-zur-aktualitaet-des-dreissigjaehrigen-krieges-ii-denn-es-ist-alles-nicht-lang-her-daniel-kehlmanns-roman-tyll","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2018\/05\/31\/claude-haas-zur-aktualitaet-des-dreissigjaehrigen-krieges-ii-denn-es-ist-alles-nicht-lang-her-daniel-kehlmanns-roman-tyll\/","title":{"rendered":"Claude Haas: ZUR AKTUALIT\u00c4T DES DREISSIGJ\u00c4HRIGEN KRIEGES (II): \u00bbDenn es ist alles nicht lang her\u00ab? Daniel Kehlmanns Roman \u00bbTyll\u00ab"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: helvetica;\">\u00bbDer Krieg war bisher nicht zu uns gekommen.\u00ab Mit diesem lakonischen Satz er\u00f6ffnet Daniel Kehlmann seinen Roman \u00bbTyll\u00ab (Berlin: Rowohlt 2017, 477 S.). Till Eulenspiegel, den ber\u00fchmtesten Narren der deutschen Kulturgeschichte, nennt Kehlmann zwar altert\u00fcmelnd Tyll Ulenspiegel, doch er verleiht ihm zugleich einen fast schon futuristischen Anstrich, wenn er ihn als Hauptfigur seines Buches vom 14. in die erste H\u00e4lfte des 17. Jahrhunderts vorverlegt. Mit dem Krieg im ersten Satz ist der Drei\u00dfigj\u00e4hrige Krieg gemeint. So stellt Eulenspiegel f\u00fcr Tyll denn auch lediglich eine unter anderen n\u00e4rrischen Vorlagen dar, eine weitere hat man teuflisch rasch in Grimmelshausens Simplicissimus ausgemacht. Denn Kehlmann nutzt dessen Kunstgriff, die Tradition des Schelmenromans anzuzapfen, um die Schrecken des Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Kriegs in gespielter Naivit\u00e4t und weitgehend \u203avon unten\u2039 in den Blick nehmen zu k\u00f6nnen.<!--more--> Anders als Grimmelshausen w\u00e4hlt er allerdings keine Ich-Perspektive. Tyll ist nicht selbst der Erz\u00e4hler von \u00bbTyll\u00ab, \u00bbSimplicissimus\u00ab schon aus diesem Grund eher ein Reservoir f\u00fcr Anspielungen als eine Art Muster.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"http:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2018\/05\/Kehlmann.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-790 alignleft\" src=\"http:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2018\/05\/Kehlmann-184x300.jpg\" alt=\"\" width=\"184\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2018\/05\/Kehlmann-184x300.jpg 184w, https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2018\/05\/Kehlmann.jpg 500w\" sizes=\"auto, (max-width: 184px) 85vw, 184px\" \/><\/a><\/span><span style=\"font-family: helvetica;\">Insbesondere die Narrwerdung Tylls gemahnt \u00fcberdeutlich an jene bekannte Episode aus dem zweiten Buch des barocken Romans, in dem Simplicissimus in einem Kalbsfell und mit Eselsohren in seinem \u00bbG\u00e4nsekerker\u00ab erwacht, auch wenn die Szene bei Kehlmann in der freien Natur um einiges brutaler und unheimlicher ausf\u00e4llt als im \u203aOriginal\u2039. Selbstverst\u00e4ndlich kommen in \u00bbTyll\u00ab sp\u00e4ter an zentraler Stelle auch noch eine Gans \u2013 und davor auch schon ein Kerker \u2013 vor; und selbstverst\u00e4ndlich hat Kehlmann \u00fcber Grimmelshausen l\u00e4ngst eine Poetikvorlesung gehalten, in der die erw\u00e4hnte Episode und der gesamte Roman versiert und akkurat analysiert worden sind.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Darin liegt allerdings ein Problem. Denn die Bonbons f\u00fcr Kulturbeflissene, die bereits die sensationell erfolgreiche \u00bbVermessung der Welt\u00ab schwer ertr\u00e4glich machen, verabreicht \u00fcberreichlich auch wieder \u00bbTyll\u00ab. Kehlmann bel\u00e4sst es mitnichten bei Grimmelshausen oder Eulenspiegel. So bekommt etwa der universalgelehrte Jesuit Athanasius Kircher zwei forciert hintergr\u00fcndige Auftritte, die f\u00fcr den Verlauf der Handlung entscheidend sind. Kircher ist an einem Hexenprozess gegen Tylls Vater \u2013 einen okkultistisch inspirierten M\u00fcllermeister \u2013 ma\u00dfgeblich beteiligt, und seine Ausf\u00fchrungen v.a. zur Drakontologie, der Drachenkunde, werfen gediegene gelehrtengeschichtliche Pointen ab. Streberwitze, alles in allem.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Auf diese Art schlittert der Roman immer wieder an der Grenze des Kunstgewerblichen entlang, zuweilen gerade dort, wo er vorgibt, diese selbstreflexiv exakt zu vermessen. Greifbar wird das neben gekonnt gesetzten \u00dcberlegungen zu Wahrheit und Trug oder Erfindung beispielsweise in einer in ihrer poetologischen Penetranz gleich mehrfach bem\u00fchten wei\u00dfen Leinwand. Diese \u00fcbergibt Tyll als Hofnarr der Frau jenes unseligen pf\u00e4lzischen Kurf\u00fcrsten, der traditionell als Ausl\u00f6ser des Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Kriegs begriffen wird und der als \u203aWinterk\u00f6nig\u2039 in die Geschichte eingegangen ist, weil er sich bekanntlich nur einen Winter lang auf dem b\u00f6hmischen Thron hatte halten k\u00f6nnen. \u00dcber ihn hei\u00dft es: \u00bbDie Leute nannten ihren armen Friedrich den Winterk\u00f6nig, aber wenn es kalt wurde, fror er ganz f\u00fcrchterlich.\u00ab (258) Man kann dergleichen sicher auch m\u00f6gen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Ungerecht und einf\u00e4ltig w\u00e4re es allerdings, den Roman f\u00fcr eine blo\u00dfe Ansammlung mehr oder weniger gut platzierter Bildungssch\u00e4tze zu halten. Denn gerade mit dem Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieg ist es Kehlmann bitter ernst. \u00bbTyll\u00ab geht von einer vielsagenden Fiktion aus. Das \u00bbuns\u00ab, von dem im ersten Satz die Rede ist \u2013 \u00bbder Krieg war bisher nicht zu uns gekommen\u00ab \u2013 und das als Erz\u00e4hlstimme vor dem ersten Kapitel einen gut 20-seitigen Vorspann dominiert, bezieht sich n\u00e4mlich auf Kriegstote, die sich \u00bbnoch nicht damit abgefunden [haben], nicht zu sein.\u00ab (29) Dort, wo sie umgekommen sind, \u00bbh\u00f6rt man\u00ab sie noch \u00bbmanchmal in den B\u00e4umen\u00ab:<\/span><\/p>\n<blockquote><p><span style=\"font-family: helvetica;\">\u00bbDer Tod ist immer noch neu f\u00fcr uns, und die Dinge der Lebenden sind uns nicht gleichg\u00fcltig. Denn es ist alles nicht lang her.\u00ab (Ebd.)<\/span><\/p><\/blockquote>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Da ausgerechnet Tyll Ulenspiegel diesem Geisterkollektiv als Schausteller eine wahrlich \u00fcble Vorstellung geboten hatte, bevor der Krieg das Dorf heimsuchen sollte, bleibt der Narr \u00bbvielleicht der Einzige [&#8230;], der sich an unsere Gesichter erinnern und wissen w\u00fcrde, dass es uns gegeben hatte.\u00ab (28) Und da Tyll als Wiederg\u00e4nger sowohl Eulenspiegels als auch Simplicissimus\u2019 genau wie die Kriegstoten bereits selbst eine Art Gespenst darstellt, greift Kehlmann mit \u00bbTyll\u00ab am Beispiel des Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Kriegs tats\u00e4chlich zu einer gro\u00df angelegten Gespensterbeschw\u00f6rung aus. Denn Tyll mag zwar den Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieg \u00fcberleben, aber er wird von diesem auch \u00fcberhaupt erst zum Narren gemacht und damit kaum weniger gespenstisch zugerichtet als die Toten selbst. Kehlmann deutet den Narren als solchen in seiner Poetikvorlesung \u00fcber Grimmelshausen \u00fcbrigens als eine \u00bbGestalt aus dem Schattenreich\u00ab.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> Bezeichnenderweise geistert Tyll denn auch regelrecht durch den Roman, taucht mal hier und mal dort auf, ohne dass sein Kommen und Gehen dem Leser chronologisch und kausal v\u00f6llig transparent w\u00fcrde. Mittels seiner Hauptfigur bezeugt \u00bbTyll\u00ab die ungez\u00e4hlten Untoten des Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Kriegs; hierin liegt vermutlich die wichtigste Intention des ganzen Romans.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Nicht um einen frivolen Totentanz oder Totenkult ist es Kehlmann dabei zu tun, sondern um eine inst\u00e4ndige Form von Totenmemoria, die unabl\u00e4ssig fiktive Figuren umkreist. So scheint bereits der Anfang des Romans ein M\u00e4dchen namens Martha zun\u00e4chst zaghaft zu einer Art Hauptfigur aufbauen zu wollen; dies aber nur, um sie sich nach wenigen Seiten von in ihr Dorf hereinbrechenden S\u00f6ldnern auch schon wieder entrei\u00dfen zu lassen: <\/span><\/p>\n<blockquote><p><span style=\"font-family: helvetica;\">\u00bbMartha starb auch. [&#8230;] [S]ie h\u00f6rte ihre Schwester noch um Hilfe rufen, w\u00e4hrend die Zukunft, die sie eben noch gehabt hatte, sich in nichts aufl\u00f6ste: der Mann, den sie nie haben, und die Kinder, die sie nicht gro\u00dfziehen [&#8230;] w\u00fcrde, all die Menschen, die es nun doch nicht geben sollte.\u00ab (28) <\/span><\/p><\/blockquote>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Es ist dieser Minimalismus, der die Unermesslichkeit vergangenen Leidens und Sterbens beglaubigt, mit dem Kehlmann an die ganz gro\u00dfen Traditionen europ\u00e4ischer Kriegsliteratur anzuschlie\u00dfen vermag. Von solchen und \u00e4hnlichen S\u00e4tzen lebt sein Buch.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Anhand von Schlachten im engeren Sinn wie anhand der seinerzeit g\u00e4ngigen \u00dcberf\u00e4lle, Raubz\u00fcge, Vergewaltigungen und Ermordungen bringt Kehlmann mit wenigen Strichen und ohne den Hauch eines Voyeurismus das gesamte Spektrum der im Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieg zutage tretenden Gewalt in den Blick: \u00bb[U]nd die Frauen starben, wie Frauen eben sterben im Krieg.\u00ab (28) Sein Hauptaugenmerk gilt dabei der v\u00f6lligen Sinnlosigkeit des Geschehens, die er in der Regel in ganz knappen Episoden oder Reflexionen einzufangen sucht. Als der fiktive Graf Martin von Wolkenstein sich im Auftrag des Kaisers auf die Suche nach Ulenspiegel macht und dabei durch das verw\u00fcstete Land zieht, kommt er \u00bbzu einem Dorf, in dem noch Menschen waren.\u00ab (197) Er trifft auf einen Mann und einen kleinen Jungen, die einen leeren Wagen ziehen: \u00bbBenommen fragte er, warum sie den Wagen z\u00f6gen. \u203aEr ist alles, was wir haben.\u2039 \u203aAber er ist leer\u2039, sagte der dicke Graf. \u203aAber er ist alles, was wir haben.\u2039\u00ab (198)<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Solche Dialoge beinahe Beckett\u2019schen Formats deuten bereits darauf hin, dass Kehlmann jeden Versuch einer Moralisierung penibel meidet. Selbst die den Krieg anzettelnden Winterk\u00f6nige sind bei ihm eher unbeholfen als \u203aschuldig\u2039. Sie l\u00f6sen den Krieg wohl eh nur \u00bbnebenbei\u00ab (303) aus, zumindest in der Deutung Gustav Adolfs, der als einziger der wirklich entscheidenden Protagonisten in \u00bbTyll\u00ab zur Figur wird. Alle anderen Feldherren, Monarchen oder Strippenzieher spart er aus. Mit Wallenstein hatte der (ebenfalls nicht direkt auftretende) Vater des Grafen von Wolkenstein immerhin einmal \u00fcber das feuchte Wiener Wetter geredet (vgl. 194).<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Wesentlich sind demnach keine Akteure, wesentlich ist, dass der Krieg sich im Lauf der Zeit verselbst\u00e4ndigt und dass Opfer wie T\u00e4ter sich seinen eigenen Gesetzen erst anpassen m\u00fcssen, fatalerweise aber eben auch anpassen k\u00f6nnen. \u00dcber die Brandschatzung Magdeburgs berichtet ein einfacher S\u00f6ldner: <\/span><\/p>\n<blockquote><p><span style=\"font-family: helvetica;\">\u00bbAls die Stadt gefallen ist, haben wir alles genommen, alles verbrannt, alle get\u00f6tet. Macht, was ihr wollt, hat der General gesagt. Man schafft das nicht gleich, wei\u00dft du, muss sich erst daran gew\u00f6hnen, dass man das wirklich darf. Dass das geht. Mit Menschen machen, was man will.\u00ab (409)<\/span><\/p><\/blockquote>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">\u00bbTyll\u00ab imaginiert den Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieg nicht als blindes Geschehen. Der Roman verwahrt sich lediglich gegen stabile Vorstellungen wie Zuschreibungen von Kausalit\u00e4t. Eindeutige Ursachen f\u00fcr alles \u203aB\u00f6se\u2039 haben bei Kehlmann (banalerweise) Religion und Inquisition parat, die (eigene) Literatur kann und darf ein solches Wissen nicht f\u00fcr sich beanspruchen. Das gilt letztlich f\u00fcr jede Dimension von Sinnhaftigkeit. \u00bbNur wenn man sich daran erinnere, habe all das Leiden einen Sinn gehabt\u00ab (206), verr\u00e4t ein Abt dem Grafen von Wolkenstein. Aber trotz und wegen seiner Emphase des Gespenstischen, des Zeugnisses und der Totenmemoria ist dies nicht auch schon das letzte Wort des Romans. \u00bbWas macht eigentlich die Erde mit all dem Blut?\u00ab (265), fragt sich die Winterk\u00f6nigin noch vor der ersten Schlacht beim Anblick der eigenen Truppen. \u00bbTyll\u00ab stellt derartige Fragen mit hoher poetischer Suggestivit\u00e4t, l\u00e4sst sie mit ebensolcher aber auch stehen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Kehlmann beschw\u00f6rt die Toten und leckt die Wunden des Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Kriegs \u2013 nicht um sie zu heilen, sondern um sie offen zu halten. Durchgehend beharrt er auf dem Unabgegoltenen und Unabgeltbaren der Geschichte. Wom\u00f6glich dichtet er aus dem Grund seinen gesamten Roman gegen jede potenzielle Identifikation des Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Kriegs mit der gegenw\u00e4rtigen Weltlage auch f\u00f6rmlich ab. Anspielungen auf den Nahen Osten oder auf Nordafrika \u2013 <a href=\"http:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2018\/04\/04\/claude-haas-zur-aktualitaet-des-dreissigjaehrigen-krieges-i-uebungsplatz-fuer-strategisches-denken-herfried-muenklers-studie-der-dreissigjaehrige-krieg\/\">und in den Parallelen dieser Kriege mit dem Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieg hat j\u00fcngst immerhin Herfried M\u00fcnkler die Bedeutung des Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Kriegs erblickt<\/a> \u2013 sucht man in \u00bbTyll\u00ab vergebens.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Das wirft die simple Frage auf, was der Kehlmann\u2019sche Text unabh\u00e4ngig von seiner offiziellen Poetik und Intention heute eigentlich anzeigt. Denn der Drei\u00dfigj\u00e4hrige Krieg mag jahrhundertelang ein v.a. deutsches Trauma gewesen sein, aber er wurde in dieser Tendenz und Funktion sp\u00e4testens vom Zweiten Weltkrieg gr\u00fcndlich abgel\u00f6st.<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> Im Hinblick auf die nationale Identit\u00e4t oder das nationale wie politische Selbstverst\u00e4ndnis der Deutschen ist der Drei\u00dfigj\u00e4hrige Krieg heute mausetot, und daran wird auch das Gedenkjahr 2018 vermutlich nicht viel \u00e4ndern. Warum also holt \u00bbTyll\u00ab das l\u00e4ngst vergessene Grauen m\u00fchsam aus dem Grab der Geschichte, um anhand angeblicher Untoter auf seiner Best\u00e4ndigkeit zu pochen? Ist vielleicht l\u00e4ngst auch der Zweite Weltkrieg und ist vielleicht l\u00e4ngst jeder Krieg zumindest in Europa heute so fern ger\u00fcckt, dass es beinahe schon anekdotischer historischer Anleihen bedarf, ihn \u00fcberhaupt wieder ins Bewusstsein zerren zu k\u00f6nnen?<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Sollte das zutreffen, w\u00fcrden die beiden Textschichten, die ich hier strikt voneinander zu trennen und gegeneinander auszuspielen versucht habe \u2013 Streberwitz und Kriegsdarstellung \u2013 unbedingt zusammengeh\u00f6ren. Der Krieg w\u00fcrde sich in dem Fall bei aller Intensit\u00e4t in der Darstellung als \u00fcppiger Bildungsschatz entpuppen. Und w\u00e4re derzeit in etwa so brisant wie die Drakontologie eines Athanasius Kircher. DIE These w\u00fcrde aber nicht nur den Kehlmann\u2019schen Roman grotesk verfehlen, sie w\u00e4re auch zu sch\u00f6n, um wahr zu sein.<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Daniel Kehlmann: Kommt, Geister. Frankfurter Vorlesungen, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, S. 99\u2013132.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Kehlmann: Kommt, Geister, S. 105.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Vgl. hierzu Herfried M\u00fcnkler: Der Drei\u00dfigj\u00e4hrige Krieg. Europ\u00e4ische Katastrophe, Deutsches Trauma 1618\u20131648, Berlin: Rowohlt 2017, S. 10\u201339.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #e63348;\"><em><span style=\"font-family: helvetica;\"><span class=\"text\">Der Germanist <\/span><a style=\"color: #e63348;\" href=\"http:\/\/www.zfl-berlin.org\/person\/haas.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><span class=\"text\">Claude Haas<\/span><\/a><\/span><span class=\"text\"><span style=\"font-family: helvetica;\"> leitet seit 2017 am ZfL das Forschungsprojekt <a style=\"color: #e63348;\" href=\"http:\/\/www.zfl-berlin.org\/projekt\/theoriebildung-im-medium-von-wissenschaftskritik.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Theoriebildung im Medium von Wissenschaftskritik<\/a>.<\/span> <\/span><\/em><\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><span style=\"font-weight: 400;\">VORGESCHLAGENE ZITIERWEISE: Claude Haas: Zur Aktualit\u00e4t des Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieges (II): \u00bbDenn es ist alles nicht lang her\u00ab? Daniel Kehlmanns Roman \u00bbTyll\u00ab, in: ZfL BLOG, 31.5.2018, [<a href=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2018\/05\/31\/claude-haas-zur-aktualitaet-des-dreissigjaehrigen-krieges-ii-denn-es-ist-alles-nicht-lang-her-daniel-kehlmanns-roman-tyll\/\">https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2018\/05\/31\/claude-haas-zur-aktualitaet-des-dreissigjaehrigen-krieges-ii-denn-es-ist-alles-nicht-lang-her-daniel-kehlmanns-roman-tyll\/<\/a><\/span><span style=\"font-weight: 400;\">].<\/span><span style=\"font-weight: 400;\"><br \/>\n<\/span><span style=\"font-weight: 400;\">DOI: <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20180531-01\">https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20180531-01<\/a><\/span><\/span><\/p>\n<p><script type=\"application\/ld+json\">\n{\n  \"@context\": \"http:\/\/schema.org\",\n  \"@type\": \"CreativeWork\",\n  \"@id\": \"https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20180531-01\",\n  \"url\": \"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2018\/05\/31\/claude-haas-zur-aktualitaet-des-dreissigjaehrigen-krieges-ii-denn-es-ist-alles-nicht-lang-her-daniel-kehlmanns-roman-tyll\/\",\n  \"additionalType\": \"Blogpost\",\n  \"name\": \"ZUR AKTUALIT\u00c4T DES DREISSIGJ\u00c4HRIGEN KRIEGES (II): \u00bbDenn es ist alles nicht lang her\u00ab? 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