{"id":793,"date":"2018-06-07T10:02:15","date_gmt":"2018-06-07T08:02:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/?p=793"},"modified":"2025-03-03T15:12:19","modified_gmt":"2025-03-03T13:12:19","slug":"jutta-mueller-tamm-ordnung-des-diversen-typeneinteilungen-um-1900","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2018\/06\/07\/jutta-mueller-tamm-ordnung-des-diversen-typeneinteilungen-um-1900\/","title":{"rendered":"Jutta M\u00fcller-Tamm: ORDNUNG DES DIVERSEN. Typeneinteilungen um 1900"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Mit einiger Berechtigung k\u00f6nnte man das 19. Jahrhundert nicht nur als Jahrhundert nationaler Einheitstendenzen, sondern auch als Jahrhundert der Diversit\u00e4t beschreiben: einerseits der biologischen Diversit\u00e4t, insofern die Anzahl der bekannten Arten exponentiell zunimmt und die Evolutionslehre den Naturprozess selbst als Entstehung organischer Diversit\u00e4t bestimmt, andererseits aber auch als Jahrhundert der kulturellen und sozialen Diversifizierung: Un\u00fcbersehbarkeit des empirischen Wissens, Differenzierung der Disziplinen, Vervielf\u00e4ltigung der kulturellen Tendenzen, Pluralisierung der Lebensformen und Weltanschauungen, die \u2013 mit Nietzsches Formulierung \u2013 \u00bbunkr\u00e4ftige Vielseitigkeit des modernen Lebens\u00ab,<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> all das geh\u00f6rt jedenfalls zu den g\u00e4ngigen Selbstbeschreibungen der Zeit. Dabei taucht Diversit\u00e4t in den Gegenwartsdiagnosen um 1900 weniger als Wert oder gar Forderung auf, sondern vor allem als krisenhaft oder ambivalent wahrgenommenes Ph\u00e4nomen:<!--more--><\/span><\/p>\n<blockquote><p><span style=\"font-family: helvetica;\">\u00bbDie geistigen Verh\u00e4ltnisse sind unendlich viel reicher, mannigfaltiger, verwickelter geworden. Das geistige Erbe der V\u00e4ter ist gewaltig gewachsen. Die Bev\u00f6lkerung hat ungemein zugenommen, in relativ noch viel st\u00e4rkerem Ma\u00dfe aber die Schicht h\u00f6herer Bildung und die literarische Produktion. Die Kulturnationen stehen in enger Ber\u00fchrung miteinander. Telegraph und Presse \u00fcbersch\u00fctten von einem Ende der Welt bis zum andern die Menschheit tagt\u00e4glich mit dem Neuesten des Neuen.<\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: helvetica;\">Dadurch ist eine solche Vielheit und Verschiedenartigkeit gleichzeitiger Tendenzen, ein solches Neben- und Durcheinander diskrepantester Interessen entstanden, da\u00df es k\u00fcnftigen philosophischen Systemen kaum mehr gelingen wird, ihrer Zeit in dem Ma\u00dfe den Stempel ihres Geistes aufzupr\u00e4gen, wie etwa Kant und Hegel es vermochten.\u00ab<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a><\/span><\/p><\/blockquote>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Wo Diversit\u00e4t herrscht (bzw. als beherrschend wahrgenommen wird), w\u00e4chst auch das Streben nach \u00dcbersicht und Ordnung. Der f\u00fcr die gro\u00dfr\u00e4umig gefasste Zeit um 1900 charakteristische Umgang mit dem \u2013 wie man sagen k\u00f6nnte \u2013 <em>Diversit\u00e4tsdruck<\/em> ist das Typisieren und Typologisieren. Um 1900 haben Typenbildungen aller Art Konjunktur. Typenlehren kursieren nicht nur in naturwissenschaftlichen Disziplinen, sondern auch in Philosophie, Soziologie, Psychologie, Medizin, Anthropologie, Geschichte, Literatur- und Kunstwissenschaften sowie im popul\u00e4ren kulturtheoretischen Schrifttum der Zeit. Dabei unterscheiden sich diese Typologien nicht nur nach ihrem Gegenstandsbereich, sondern auch nach dem zugrunde gelegten Typuskonzept und nach dem Verh\u00e4ltnis der Typologie zu Diversit\u00e4t und Differenz.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Grob gesprochen gibt es zwei Extreme: Typologien, die Diversit\u00e4t tendenziell aufheben, eliminieren, und solche, die Diversit\u00e4t eher arrangieren, perspektivieren und in diesem Sinn bewahren. Letzteres tritt dann in den Vordergrund, wenn der Gegensatz der Typologie zur Klassifikation hervorgehoben wird, wenn es also darum geht, dass der Typus Wandlungen, Abstufungen und Intensit\u00e4tsgrade kennt und dass flie\u00dfende \u00dcberg\u00e4nge zwischen Typen existieren. Das andere Ende des Spektrums markieren solche Typologien, die Systematizit\u00e4t beanspruchen, die essentialistisch angelegt sind, deren Einteilungen alle logischen (psychologischen, anthropologischen oder auch k\u00fcnstlerischen) M\u00f6glichkeiten ersch\u00f6pfend erfassen wollen. An zwei ma\u00dfgeblichen Denkern des typologischen Booms um 1900, Nietzsche und Dilthey, lassen sich diese verschiedenen Richtungen des Umgangs mit Diversit\u00e4t bzw. Perspektiven auf das Verh\u00e4ltnis von Typologie und Diversit\u00e4t ablesen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Nietzsche ist in der Tat ein gro\u00dfer Typisierer: Historische Personen werden ihm zu Typen, von Sokrates als \u00bbTypus des theoretischen Menschen\u00ab<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> oder Jesus als dem \u00bbpsychologischen Typus des Erl\u00f6sers\u00ab<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> bis zum \u00bbVerbrecher-Typus\u00ab als dem \u00bbTypus des starken Menschen unter ung\u00fcnstigen Bedingungen\u00ab.<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a> Diese Typen sind, obwohl Nietzsche sie als bleibende bzw. wiederkehrende M\u00f6glichkeiten beschreibt, jeweils aus spezifischen historisch-kulturellen Konstellationen entstanden, ihr Miteinander bildet keine geschlossene Einteilung eines nach einem \u00fcbergeordneten Kriterium klassifizierten Bestandes, die Typen selbst sind nicht unwandelbar. Man hat Nietzsches Denken in Typen plausibel als eine Alternative zur \u00bbverallgemeinernden Form des Philosophierens \u00fcber den Menschen\u00ab gelesen; im Gegensatz zu anthropologischen Definitionen sollen diese Typenbildungen \u00bbdie spontane und differenzierte Selbstgestaltung des Menschen offenhalten\u00ab.<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Eine der bekanntesten von Nietzsche entworfenen Typologien betrifft das Feld der Geschichtsbetrachtung. Ausgangspunkt ist die Kritik an der Verwissenschaftlichung der Historiographie, die dem modernen Menschen \u00bbeine ungeheure Menge von unverdaulichen Wissenssteinen\u00ab beschert habe; Historismus und Positivismus haben demnach die Geschichte in ein \u00bbun\u00fcberschaubares Schauspiel\u00ab verwandelt.<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a> Der durch wissenschaftliche \u203aObjektivit\u00e4t\u2039 erzeugten, gleich-g\u00fcltigen und lebensfeindlichen Anh\u00e4ufung historischer Daten setzt Nietzsche drei dem Leben dienliche Arten von Geschichtsbetrachtung entgegen, die er wiederum drei Menschentypen zuordnet und nach ihren unterschiedlichen Funktionen bestimmt: die monumentalische, die antiquarische und die kritische Historie.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">F\u00fcr die hier interessierende Frage nach dem Verh\u00e4ltnis von Diversit\u00e4t und Typologie ist entscheidend, dass Nietzsches Typologie zu einer Pluralisierung der Historie f\u00fchrt. Auf die Un\u00fcberschaubarkeit der Wissensbest\u00e4nde antwortet Nietzsche mit einer doppelten Beziehungsstiftung der Geschichtsbetrachtung in der Typologie: Deren eine Achse bildet \u00bbdie Constellation von Leben und Historie\u00ab;<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">[8]<\/a> jede lebensdienliche Geschichtsbetrachtung, hei\u00dft das, ist perspektivisch auf eine Lebensform bezogen. Geschichte wird dadurch notwendig plural und steht \u2013 dies ist die zweite Achse \u2013 immer im Verh\u00e4ltnis zu anders perspektivierten Gestaltungen von Geschichte. Die Wahrheit der einen Geschichte l\u00f6st sich auf in unterschiedliche Arten der Geschichtsbetrachtung.<a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\">[9]<\/a><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">In diesem Sinn hat Gilles Deleuze Nietzsche als Typologen gew\u00fcrdigt und die Typologie \u00fcberhaupt als \u00bbMeisterst\u00fcck der Philosophie Nietzsches\u00ab bezeichnet.<a href=\"#_ftn10\" name=\"_ftnref10\">[10]<\/a> Mit Deleuze lassen sich Nietzsches Typologien als perspektivische Ordnungen begreifen, die Heterogenit\u00e4ten gruppieren, statt Gegenst\u00e4nde nach einem \u00fcbergeordneten Gesichtspunkt zu klassifizieren und sie dadurch zu homogenisieren. Festzuhalten bleibt auch, dass Nietzsches typologische Methode keine anthropologische Fixierung beinhaltet, sie zielt \u00bbauf das Aufsp\u00fcren anderer Typen, die andere Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse ausdr\u00fccken, auf die Entdeckung einer anderen Qualit\u00e4t des Willens zu Macht, die imstande ist, deren allzumenschliche Nuancen umzuwandeln\u00ab.<a href=\"#_ftn11\" name=\"_ftnref11\">[11]<\/a><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Nietzsches Denken der Vielfalt im Zeichen der Typologie l\u00e4sst sich der morphologischen Typenlehre Diltheys und ihrer Rezeption durch die geistesgeschichtliche Schule des fr\u00fcheren 20. Jahrhunderts gegen\u00fcberstellen. Besonders folgenreich war Diltheys Abhandlung <em>Die Typen der Weltanschauung<\/em> aus dem Jahr 1911, in der seine typologischen Bem\u00fchungen gipfeln. Ausgangspunkt ist auch hier die Beobachtung von Diversit\u00e4t: Die chaotische \u00bbMannigfaltigkeit der philosophischen Systeme\u00ab<a href=\"#_ftn12\" name=\"_ftnref12\">[12]<\/a> und der kulturellen Erscheinungen aller Zeiten f\u00fchrt laut Dilthey zu einem Verlust allgemeiner Geltungsanspr\u00fcche und zieht zwingend die Typologie als einzige Denkm\u00f6glichkeit nach sich. Alle vorgefundenen Religionen und Philosophien lassen sich demnach ausnahmslos drei unterschiedlichen Weltanschauungstypen oder \u00bbLebensstimmungen\u00ab<a href=\"#_ftn13\" name=\"_ftnref13\">[13]<\/a> zuordnen: dem Naturalismus, dem Idealismus der Freiheit oder dem objektiven Idealismus. In jeder dieser Grundhaltungen herrscht einer der drei fundamentalen Aspekte unseres Weltbezugs \u2013 Verstand, Wille oder Gef\u00fchl \u2013 vor.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Diltheys Weltanschauungslehre inspirierte typologische Bem\u00fchungen der Kunst- und Literaturwissenschaften im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts, etwa bei Oskar Walzel, Wilhelm Worringer, Robert Unger, Hermann Nohl oder Fritz Strich. Deren stiltypologische Ordnungsversuche markieren einen vorgeschobenen Posten in der geisteswissenschaftlichen Beherrschung von Diversit\u00e4t: Sie zeugen von dem Bed\u00fcrfnis, den beschleunigten Wechsel der Kunstrichtungen und die empirische F\u00fclle der vorgefundenen k\u00fcnstlerischen Gestaltungen als gesetzm\u00e4\u00dfige Wiederkehr elementarer Formen bzw. anthropologischer Gegebenheiten erkl\u00e4ren zu k\u00f6nnen. Die Anh\u00e4ufung des historischen Materials wie die verwirrende Vielfalt und schnelle Folge gegenw\u00e4rtiger Kultur- und Kunsttendenzen reduziert sich damit auf eine \u00fcberschaubare Polarit\u00e4t: von Klassik und Romantik, Abstraktion und Einf\u00fchlung, Renaissance und Barock, klassischem und orientalischem Menschen; der historische Prozess erscheint als eine aus typologischen Bedingungen zu erkl\u00e4rende gesetzm\u00e4\u00dfige Folge, in deren Verlauf Kunststr\u00f6mungen und ganze Kulturen aufkommen und untergehen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Eine dritte Variante des Verh\u00e4ltnisses von Diversit\u00e4t und Typologie k\u00f6nnte man schlie\u00dflich dort erkennen, wo sich Diversit\u00e4t gegen den Willen zur typologischen Ordnung behauptet, so etwa in der Studie zu <em>Pers\u00f6nlichkeit und Weltanschauung<\/em> des Philosophen und Psychologen Richard M\u00fcller-Freienfels. In seiner vor dem Krieg verfassten, aber erst 1919 publizierten Studie beabsichtigt er, \u00bbdie Riesenmassen von Tatsachen, die insbesondere die historischen Wissenschaften aufgespeichert haben, unter psychologischen Gesichtspunkten zu ordnen und neue Synthesen zu schaffen\u00ab.<a href=\"#_ftn14\" name=\"_ftnref14\">[14]<\/a> Unter den Typen, die M\u00fcller-Freienfels als Veranlagungen psychischer oder psychophysischer Art fasst, unterscheidet er Typen des Affektlebens und solche des Intellektlebens. Zu ersteren z\u00e4hlt er die Typen des herabgesetzten und des gesteigerten Ichgef\u00fchls, der negativen, aggressiven und der positiven, sympathischen sozialen Affekte, dann die Typen der erotischen Gef\u00fchle. Im Bereich des Intellektlebens unterscheidet er die Typen der Stellungnahme (Gef\u00fchls-, Willens- und Verstandesmenschen), Statiker und Dynamiker, abstrakten und konkreten Denktypus; den konkreten Denktypus gliedert er wiederum in Sinnesmenschen und Phantasiemenschen. Aus diesen typologischen Bedingungen heraus erkl\u00e4rt er k\u00fcnstlerische Stile, Religionen und philosophische Weltanschauungen, immer in der \u00dcberzeugung, \u00bbdass wir in solchen Typen ein Mittel haben, in die un\u00fcbersehbar flutende F\u00fclle des Geisteslebens eine Ordnung zu bringen\u00ab.<a href=\"#_ftn15\" name=\"_ftnref15\">[15]<\/a> Konsequenterweise findet sich in diesen typologischen Zusammenhang nun auch die Wahrnehmung und Darstellung von Diversit\u00e4t und das typologische Denken selbst eingeordnet:<\/span><\/p>\n<blockquote><p><span style=\"font-family: helvetica;\">\u00bbMit dem Vorwiegen des konkreten Denkens verbunden ist in der Regel ein ausgesprochener Sinn f\u00fcr die Besonderheit und Mannigfaltigkeit des Seins. Dagegen pflegt der Abstrakte mehr die Gemeinsamkeiten und die jenseits aller Verschiedenheiten bestehende Einheit des Gegebenen zu beachten. [&#8230;] So unterscheiden wir zun\u00e4chst den \u203a<em>Spezielldenker<\/em>\u2039 einerseits und den \u203a<em>Typendenker<\/em>\u2039 andrerseits. [&#8230;] Mit der konkreten, speziellsehenden Eigenart h\u00e4ngt meist ein lebhafter Sinn f\u00fcr <em>Vielheit<\/em> und <em>Mannigfaltigkeit<\/em> zusammen, w\u00e4hrend umgekehrt der abstrakte, typisch denkende Kopf nach M\u00f6glichkeit <em>vereinheitlicht<\/em>. [\u2026] Ich f\u00fchre f\u00fcr den ersteren Typus die Bezeichnung \u203a<em>Pluralisten<\/em>\u2039, f\u00fcr den zweiten die Bezeichnung \u203a<em>Vereinheitlicher<\/em>\u2039 ein. Der Zusammenhang mit den vorigen Typen ist offensichtlich.\u00ab<a href=\"#_ftn16\" name=\"_ftnref16\">[16]<\/a><\/span><\/p><\/blockquote>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Gerhart Hauptmann \u2013 und mit ihm den ganzen Naturalismus \u2013 ordnet M\u00fcller-Freienfels dem konkret-spezielldenkenden Mannigfaltigkeitstypus zu; Racine, Goethe und Schiller hingegen werden dem typisierenden Vereinheitlichungstypus zugeschlagen. Allerdings fragt man sich nicht nur, was mit dieser Kategorisierung gewonnen ist, sondern wundert sich \u2013 unter anderem \u2013 \u00fcber die verworrene Vielgliedrigkeit dieser Typologie insgesamt (deren Kategorien hier nur unvollst\u00e4ndig wiedergegeben wurden). Wollte man die psychologische Perspektive von M\u00fcller-Freienfels \u00fcbernehmen, w\u00fcrde man sagen, es handelt sich um den typologischen Entwurf eines spezielldenkenden Mannigfaltigkeitsfanatikers. Die Leserin von heute ist eher geneigt, darin weniger einen Kampf zwischen den psychischen Dispositionen des Autors zu sehen als vielmehr den Widerstand des Materials gegen die typologische Zurichtung, sozusagen die Rache der Diversit\u00e4t gegen den Versuch ihrer typologischen Beherrschung.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Friedrich Nietzsche: \u00bbUnzeitgem\u00e4sse Betrachtungen IV\u00ab, in: ders.: <em>S\u00e4mtliche Werke. Kritische Studienausgabe in 15 Einzelb\u00e4nden (= KSA)<\/em>, hg. von Giorgio Colli\/Mazzino Montinari, Bd. 1: <em>Nachgelassene Schriften, 1870\u20131873<\/em>, Berlin\/New York: De Gruyter 1988, S. 436.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Erich Adickes: \u00bbDie Zukunft der Metaphysik. Ein Versuch, aus dem Wesen der Metaphysik und ihrer gegenw\u00e4rtigen Lage die Richtlinien k\u00fcnftiger Entwicklung zu erschliessen\u00ab, in: Max Frischeisen-K\u00f6hler (Hg.): <em>Weltanschauung. Philosophie und Religion<\/em>, Berlin: Reichl &amp; Co. 1911, S. 243.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Friedrich Nietzsche: \u00bbDie Geburt der Trag\u00f6die\u00ab, in: KSA I, S. 98.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Friedrich Nietzsche: \u00bbDer Antichrist\u00ab, in: KSA VI, S. 199.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> Friedrich Nietzsche: \u00bbG\u00f6tzen-D\u00e4mmerung\u00ab, in: KSA VI, S. 146.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> Andrea Christian Bertino: <em>\u00bbVernat\u00fcrlichung\u00ab. Urspr\u00fcnge von Friedrich Nietzsches Entidealisierung des Menschen, seiner Sprache und seiner Geschichte bei Johann Gottfried Herder<\/em>, Berlin\/Boston: De Gruyter 2011, S. 208 f.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> Friedrich Nietzsche: \u00bbUnzeitgem\u00e4sse Betrachtungen II\u00ab, in: KSA I, S. 272.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> Ebd., S. 271.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">[9]<\/a> Vgl. Kathrin Meyer: <em>\u00c4sthetik der Historie. Friedrich Nietzsches \u00bbVom Nutzen und Nachteil der Historie f\u00fcr das Leben\u00ab<\/em>, W\u00fcrzburg: K\u00f6nigshausen &amp; Neumann 1998, S. 155.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref10\" name=\"_ftn10\">[10]<\/a> Gilles Deleuze: <em>Nietzsche und die Philosophie<\/em>, aus dem Frz. von Bernd Schwibs, M\u00fcnchen: Rogner &amp; Bernhard 1976, S. 40.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref11\" name=\"_ftn11\">[11]<\/a> Ebd., S. 87.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref12\" name=\"_ftn12\">[12]<\/a> Wilhelm Dilthey: \u00bbDie Typen der Weltanschauung und ihre Ausbildung in den Metaphysischen Systemen\u00ab, in: Max Frischeisen-K\u00f6hler (Hg.): <em>Weltanschauung, Philosophie und Religion<\/em>, Berlin: Reichl &amp; Co. 1911, S. 4.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref13\" name=\"_ftn13\">[13]<\/a> Ebd., S. 11.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref14\" name=\"_ftn14\">[14]<\/a> Richard M\u00fcller-Freienfels: <em>Pers\u00f6nlichkeit und Weltanschauung<\/em>, Leipzig\/Berlin: B. G. Teubner 1919, S. V f.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref15\" name=\"_ftn15\">[15]<\/a> Ebd., S. VI.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref16\" name=\"_ftn16\">[16]<\/a> Ebd., S. 183 f.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica; color: #e63348;\"><em><a style=\"color: #e63348;\" href=\"http:\/\/www.geisteswissenschaften.fu-berlin.de\/we04\/institut\/mitarbeiter\/muellertamm\/index.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Jutta M\u00fcller-Tamm<\/a> ist Professorin f\u00fcr Neuere Deutsche Literatur an der Freien Universit\u00e4t Berlin.<\/em> <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Dieser Beitrag geht zur\u00fcck auf ihren Vortrag bei der Jahrestagung des ZfL, <a href=\"http:\/\/www.zfl-berlin.org\/veranstaltungen-detail\/items\/diversitaet-darstellen.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u00bbDiversit\u00e4t darstellen\u00ab<\/a> (11.\/12.1.2018), die wir auf dem ZfL Blog in loser Folge dokumentieren. Bislang erschienen ist die <a href=\"http:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2018\/05\/24\/mona-koerte-georg-toepfer-stefan-willer-einleitung-zur-zfl-jahrestagung-diversitaet-darstellen-11-12-januar-2018\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u00bbEinleitung\u00ab<\/a> zu Tagung von Mona K\u00f6rte, Georg Toepfer und Stefan Willer.<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><span style=\"font-weight: 400;\">VORGESCHLAGENE ZITIERWEISE: Jutta M\u00fcller-Tamm: Ordnung des Diversen. Typeneinteilungen um 1900, in: ZfL BLOG, 7.6.2018, [<a href=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2018\/06\/07\/jutta-mueller-tamm-ordnung-des-diversen-typeneinteilungen-um-1900\/\">https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2018\/06\/07\/jutta-mueller-tamm-ordnung-des-diversen-typeneinteilungen-um-1900\/<\/a><\/span><span style=\"font-weight: 400;\">].<\/span><span style=\"font-weight: 400;\"><br \/>\n<\/span><span style=\"font-weight: 400;\">DOI: <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20180607-01\">https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20180607-01<\/a><\/span><\/span><\/p>\n<p><script type=\"application\/ld+json\">\n{\n  \"@context\": \"http:\/\/schema.org\",\n  \"@type\": \"CreativeWork\",\n  \"@id\": \"https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20180607-01\",\n  \"url\": \"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2018\/06\/07\/jutta-mueller-tamm-ordnung-des-diversen-typeneinteilungen-um-1900\/\",\n  \"additionalType\": \"Blogpost\",\n  \"name\": \"ORDNUNG DES DIVERSEN. Typeneinteilungen um 1900\",\n  \"author\": {\n    \"name\": \"Jutta M\u00fcller-Tamm\",\n    \"givenName\": \"Jutta\",\n    \"familyName\": \"M\u00fcller-Tamm\",\n    \"@type\": \"Person\"\n  },\n  \"inLanguage\": \"de\",\n  \"dateCreated\": \"2018-06-07\",\n  \"datePublished\": 2018,\n  \"publisher\": {\n    \"@type\": \"Organization\",\n    \"name\": \"Leibniz-Zentrum f\u00fcr Literatur- und Kulturforschung \"\n  },\n  \"provider\": {\n    \"@type\": \"Organization\",\n    \"name\": \"datacite\"\n  }\n}\n<\/script><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit einiger Berechtigung k\u00f6nnte man das 19. Jahrhundert nicht nur als Jahrhundert nationaler Einheitstendenzen, sondern auch als Jahrhundert der Diversit\u00e4t beschreiben: einerseits der biologischen Diversit\u00e4t, insofern die Anzahl der bekannten Arten exponentiell zunimmt und die Evolutionslehre den Naturprozess selbst als Entstehung organischer Diversit\u00e4t bestimmt, andererseits aber auch als Jahrhundert der kulturellen und sozialen Diversifizierung: Un\u00fcbersehbarkeit <a class=\"read-more-link\" href=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2018\/06\/07\/jutta-mueller-tamm-ordnung-des-diversen-typeneinteilungen-um-1900\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[58],"tags":[60,202,204,203,206,205],"class_list":["post-793","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-jahresthema-diversitaet","tag-diversitaet","tag-friedrich-nietzsche","tag-typologie","tag-typus","tag-weltanschauung","tag-wilhelm-dilthey"],"post_mailing_queue_ids":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/793","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=793"}],"version-history":[{"count":10,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/793\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3657,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/793\/revisions\/3657"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=793"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=793"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=793"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}