{"id":808,"date":"2018-06-14T09:23:22","date_gmt":"2018-06-14T07:23:22","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/?p=808"},"modified":"2025-03-03T15:11:07","modified_gmt":"2025-03-03T13:11:07","slug":"zaal-andronikashvili-georgische-literatur-heute-zwischen-kleiner-literatur-und-weltliteratur","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2018\/06\/14\/zaal-andronikashvili-georgische-literatur-heute-zwischen-kleiner-literatur-und-weltliteratur\/","title":{"rendered":"Zaal Andronikashvili:  GEORGISCHE LITERATUR HEUTE. Zwischen \u203akleiner Literatur\u2039 und \u203aWeltliteratur\u2039"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">2018 ist Georgien Ehrengast der Frankfurter Buchmesse. Zum ersten Mal nach der Wende wird die georgische Literatur damit prominent in einer fremden Sprache pr\u00e4sentiert. Gerade die Literaturen kleiner Nationen sind auf internationale Anerkennung dieser Art besonders angewiesen. Doch gibt es einen qualitativen Unterschied zwischen Literaturen \u203akleiner\u2039 und \u203agro\u00dfer Nationen\u2039? Diese Frage ist im Spannungsfeld zweier Konzepte zu diskutieren, die mit dem der Nationalliteratur als lange dominierendem Ordnungsprinzip literarischer Texte konkurrieren: <em>kleine Literatur<\/em> und <em>Weltliteratur<\/em>. <!--more--><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Der d\u00e4nische Literaturkritiker Georg Brandes, der selbst aus einer kleineren Sprachkultur kam, war sich schon Ende des 19. Jahrhunderts der Ungleichheit der Literatursprachen im Wettbewerb um internationale Anerkennung bewusst. Die unterschiedliche Verbreitung der Sprachen f\u00fchre dazu, dass \u203azweitrangige Werke\u2039 in einer weit verbreiteten Sprache wie Franz\u00f6sisch bessere Chancen h\u00e4tten, unabh\u00e4ngig von ihrem k\u00fcnstlerischen Wert Weltruhm zu erlangen, als erstrangige Werke einer weniger verbreiteten Sprache wie etwa D\u00e4nisch. Da f\u00fcr Brandes die \u00dcbersetzung zwangsl\u00e4ufig einen Qualit\u00e4tsverlust bedeutete, sah er f\u00fcr Autoren aus kleineren Sprachen zwei Gefahren: entweder zu lokal \u203af\u00fcr die eigene Stra\u00dfe\u2039 oder zu global \u203af\u00fcr die ganze Welt\u2039 schreiben zu wollen. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Ist die Literatur einer kleinen Nation nun zwangsl\u00e4ufig eine \u203akleine Literatur\u2039? In seinen Tagebucheintr\u00e4gen vom 25. und 27. Dezember 1911 pr\u00e4gte Kafka diesen Begriff, der insbesondere seit Deleuze und Guattaris Buch <em>Kafka. F\u00fcr eine kleine Literatur<\/em> (1975) in der Literatur- und Kulturwissenschaft etabliert ist. Kafkas kleine Literatur entspricht in etwa dem, was Brandes als Schreiben \u203af\u00fcr die eigene Stra\u00dfe\u2039 bezeichnete, sie dient den Belangen einer \u00fcberschaubaren Gruppe. Kafka z\u00e4hlte dazu die j\u00fcdische Literatur in Warschau oder die tschechische Literatur. Eine kleine Literatur gew\u00e4hrleiste \u00bbdas einheitliche Zusammenhalten des im \u00e4u\u00dferen Leben so oft unt\u00e4tigen und immer sich zersplitternden nationalen Bewusstseins\u00ab und gebe einer kleinen Nation \u00bbde[n] Stolz und de[n] R\u00fcckhalt [\u2026] f\u00fcr sich und gegen\u00fcber der feindlichen Umwelt\u00ab. F\u00fcr Kafka hat kleine Literatur ein enormes emanzipatorisches Potential \u2013 auch hinsichtlich der Formen. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Mit Blick auf das politische Potential kleiner Literatur, verstanden als Literatur einer Minderheit, die in einer anderen Sprache schreibt, erweitern Deleuze und Guattari Kafkas Verst\u00e4ndnis auch auf \u203agro\u00dfe Literaturen\u2039. Die franz\u00f6sische Literaturwissenschaftlerin Pascale Casanova hingegen betrachtet in ihrem Buch <em>La r\u00e9publique mondiale des lettres<\/em> (1999) kleine Literaturen wieder mehr im Kafka\u2019schen Sinne als Literaturen kleiner Nationen. Jedoch sieht sie in der Kongruenz von politischen und literarischen Interessen eher ein Indiz ihrer Provinzialit\u00e4t. Diese sei ein Hindernis f\u00fcr ihre Autoren, die zu weltweiter Geltung nur durch die Abkehr von ihren nationalen Wurzeln gelangen k\u00f6nnten. So bescheinigt sie den kleinen Literaturen eine unbedeutende literarische Tradition sowie einen Hang zu Realismus und Folklore, w\u00e4hrend die Avantgarde \u203agro\u00dfer Literatur\u2039 vorbehalten bleibe. Bei aller Kritik an Casanovas Weltliteraturmodell, das den Literaturen kleiner Nationen jegliches Innovationspotential abspricht: Sie erkennt, dass \u203akleine Literatur\u2039 und \u203aWeltliteratur\u2039 komplement\u00e4re Begriffe sind: Der eine Begriff ist ohne den Bezug auf den anderen kaum zu bestimmen. <\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #e63348; font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">***<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Am Beispiel der georgischen Literatur lassen sich die theoretischen \u00dcberlegungen zu den kleinen Literaturen veranschaulichen. Denn versteht man kleine Literatur als eine Literatur kleiner Nationen, ist die georgische Literatur ihr ohne Zweifel zuzuordnen, da das Georgische nur etwa vier Millionen Sprecher hat. Die beiden Kriterien allerdings, die Kafka f\u00fcr die kleine Literatur hervorhob \u2013 die \u00dcberh\u00f6hung der Literatur innerhalb einer Kultur und die fehlende literarische Tradition als Motor der Entwicklung \u2013, treffen auf die georgische Literatur nicht zu. Denn die 1.500-j\u00e4hrige literarische Tradition hat herausragende Texte hervorgebracht und wurde selbst von den georgischen Avantgarden nie g\u00e4nzlich infrage gestellt. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Die Geschichte der modernen georgischen Literatur ist gepr\u00e4gt von Auseinandersetzungen \u00fcber ihre Geltung: Auf dem 1. All\u00adunionskongress sowjetischer Schriftsteller 1934 ging es unter anderem um die neu zu begr\u00fcndende multinationale Sowjetliteratur. In seinem Vortrag \u00fcber die georgische Literatur verfolgte der Leiter der georgischen Delegation Malakia Toroschelidse (1880\u20131937) die Geschichte der georgischen Literatur bis ins 5. Jahrhundert zur\u00fcck: \u00bbUm die zeitgen\u00f6ssische georgische Literatur zu verstehen\u00ab, m\u00fcsse man \u00bbihre Urspr\u00fcnge kennen. [\u2026] Die altgeorgische Literatur darf man nicht zu den kleinen Literaturen provinzieller, lokaler Gr\u00f6\u00dfe z\u00e4hlen, sondern sie muss zu den gro\u00dfen Literaturen gerechnet werden.\u00ab Dies wurde als Zur\u00fcckweisung von Gorkis These aus dessen Zentralvortrag verstanden, unter den sowjetischen Literaturen besitze allein die russische Literatur Weltrang, die verschiedenen Nationalliteraturen dagegen warteten noch auf ihre Puschkins. W\u00e4hrend Gorki darauf abzielte, die russische Literatur als Richtschnur f\u00fcr die Nationalliteraturen innerhalb der noch zu schaffenden Sowjetliteratur zu etablieren, propagierte Toroschelidse somit einen georgischen Sonderweg. Nicht an der russischen oder anderen Gegenwartsliteraturen habe sich die literaturkritische Bewertung zu orientieren, sondern an der Geschichte der eigenen, der georgischen Literatur. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">F\u00fcr georgische Autoren und Autorinnen kam es kaum je infrage, ihre eigene Sprache als Literatursprache aufzugeben und in einer anderen zu schreiben, zumal der russischen. Die starke literarische Tradition \u2013 dies meine These \u2013 bietet nicht nur eine reiche Palette literarischer Ausdrucksm\u00f6glichkeiten. Vielmehr gew\u00e4hrleistet das Schreiben in und aus der eigenen literarischen Tradition ihre Internationalit\u00e4t. Denn auch wenn georgische Autoren sich als \u203aVertreter\u2039 der georgischen Literatur verstehen, ist ihr Horizont weder inhaltlich noch formal auf Georgien beschr\u00e4nkt, und sie wenden sich nicht nur an eine nationale, sondern an eine internationale Leserschaft. Doch sie stehen vor einem Problem: Sie werden au\u00dferhalb ihres Sprachraumes wenig rezipiert. Das liegt nicht an der Qualit\u00e4t der Texte, sondern an der fehlenden \u00dcbersetzung in andere Sprachen. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">W\u00e4hrend bis ins 20. Jahrhundert hinein georgische Literatur au\u00dferhalb Georgiens nur von Fachleuten gelesen wurde, erh\u00f6hte die sowjetische \u00dcbersetzungspolitik, die auf dem Schriftstellerkongress 1934 initiiert wurde, den Bekanntheitsgrad georgischer Literatur au\u00dferhalb des eigenen Sprachraumes erheblich. So wurde in Georgien \u2013 dies meine zweite These \u2013 die \u00dcbersetzung in eine Sprache der \u203agro\u00dfen\u2039 Literaturen zum bevorzugten Modell der Internationalisierung, und nicht das Aufgeben der eigenen Sprache zugunsten einer \u203agr\u00f6\u00dferen\u2039 Literatursprache. Der Dichter Nikolo Mitsischwili (1896\u20131937) etwa betrachtete die russische Literatur nicht nur als Inspirationsquelle f\u00fcr die georgische Literatur, sondern das Russische auch als M\u00f6glichkeit, eine nationale Grenzen \u00fcberschreitende \u00d6ffentlichkeit zu erreichen. Der Prosaautor Micheil Dschawachischwili (1880\u20131937) hatte dagegen auf dem Kongress moniert, dass georgische Autoren kaum in nichtsowjetische Sprachen \u00fcbersetzt w\u00fcrden. Immerhin kam es nach dem Zweiten Weltkrieg zu \u00dcbersetzungen in verschiedene Sprachen des sozialistischen Lagers (auch ins Deutsche), die der georgischen Literatur zu einem guten Ruf \u00f6stlich des Eisernen Vorhangs verhalfen. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Nach der Wende strebte die georgische Literatur dann auf den internationalen Markt, ohne sich jedoch explizit an englischer oder amerikanischer, deutscher oder \u00f6sterreichischer Literatur zu orientieren. Die Option, auf die eigene Sprache zu verzichten, wie es viele Autoren und Autorinnen der global literature tun, wird im Roman <em>Santa Esperanza<\/em> (2003, dt. 2006) des erfolgreichsten georgischen Nachwendeautors, Aka Mortschiladse (*1966), thematisiert. Santa Esperanza ist ein fiktives georgisches Archipel im Schwarzen Meer, das unter britischem Protektorat steht. Das Problem der Literatursprache wird am Beispiel zweier Inselschriftsteller illustriert. Jessica de Rider ist eine georgische Muttersprachlerin, die in Oxford studiert und deshalb ihre Literatursprache \u00e4ndert. Sie schreibt nunmehr auf Englisch und wird zur Bestsellerautorin, die auf literarische Qualit\u00e4t wenig Wert legt. Ihr Exfreund hingegen schreibt einen anspruchsvollen mehrsprachigen Roman, findet damit allerdings nur eine \u00e4u\u00dferst begrenzte Leserschaft. Im Roman wird georgische Literatur als so tief in der Tradition verwurzelt dargestellt, dass eine Abkehr von der eigenen Sprache und die Hinwendung zu einer Weltsprache mit Qualit\u00e4tsverlust einhergehen m\u00fcssen. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Tats\u00e4chlich sind georgische Autoren und Autorinnen heute im Allgemeinen ebenso wenig wie in der Sowjetzeit bereit, ihre Sprache und literarische Tradition aufzugeben. J\u00fcngere, die in einer Fremdsprache schreiben, wie die in Deutschland sehr erfolgreiche <a href=\"https:\/\/www.boersenblatt.net\/artikel-koenig-literaturpreis_an_nino_haratischwili_.1412040.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Nino Haratischwili<\/a> (*1983), bilden in dieser Hinsicht eher eine Ausnahme. Stattdessen schreiben viele georgische Schriftsteller heutzutage auf eine potentielle \u00dcbersetzung hin, indem sie ihre Ausdrucksformen in der Hoffnung, in \u00dcbersetzung auf dem internationalen Markt besser anzukommen, vereinfachen. So kann es passieren, dass die Ausrichtung am Weltmarkt der Literatur der literarischen Ausdrucksvielfalt eher schadet, wie schon der D\u00e4ne Brandes seinerzeit vermutet hatte.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #e63348; font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">***<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">\u203aKleine Literatur\u2039 und \u203aWeltliteratur\u2039 sollten also nicht als wertende Begriffe verstanden werden, die eine Aussage \u00fcber die Qualit\u00e4t der Texte machen, sondern als Horizonte literarischer Texte, die einander nicht ausschlie\u00dfen m\u00fcssen. Folgt man diesem Verst\u00e4ndnis von Weltliteratur, dann wird man auch zur Pluralisierung des literarischen Kanons durch Texte, die aus vermeintlichen Peripherien kommen, beitragen k\u00f6nnen. Daf\u00fcr ist aber eine verst\u00e4rkte \u00dcbersetzungspolitik insbesondere der Literaturen kleiner Nationen in die Weltsprachen unverzichtbar. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><em><span style=\"color: #e63348;\">Der aus Georgien stammende Literaturwissenschaftler <a href=\"http:\/\/www.zfl-berlin.org\/person\/andronikashvili.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Zaal Andronikashvili<\/a> arbeitet seit 2006 am ZfL. Sein Essay ist ein Originalbeitrag f\u00fcr das Faltplakat zur <a href=\"http:\/\/www.zfl-berlin.org\/forschung\/forschungsthema-georgien.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Georgien-Forschung des ZfL<\/a> (Juni 2018).<br \/>\n<\/span><\/em><\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><span style=\"font-weight: 400;\">VORGESCHLAGENE ZITIERWEISE: Zaal Andronikashvili: Georgische Literatur heute. Zwischen \u203akleiner Literatur\u2039 und \u203aWeltliteratur\u2039, in: ZfL BLOG, 14.6.2018, [<a href=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2018\/06\/14\/zaal-andronikashvili-georgische-literatur-heute-zwischen-kleiner-literatur-und-weltliteratur\/\">https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2018\/06\/14\/zaal-andronikashvili-georgische-literatur-heute-zwischen-kleiner-literatur-und-weltliteratur\/<\/a><\/span><span style=\"font-weight: 400;\">].<\/span><span style=\"font-weight: 400;\"><br \/>\n<\/span><span style=\"font-weight: 400;\">DOI: <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20180614-01\">https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20180614-01<\/a><\/span><\/span><\/p>\n<p><script type=\"application\/ld+json\">\n{\n  \"@context\": \"http:\/\/schema.org\",\n  \"@type\": \"CreativeWork\",\n  \"@id\": \"https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20180614-01\",\n  \"url\": \"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2018\/06\/14\/zaal-andronikashvili-georgische-literatur-heute-zwischen-kleiner-literatur-und-weltliteratur\/\",\n  \"additionalType\": \"Blogpost\",\n  \"name\": \"GEORGISCHE LITERATUR HEUTE. 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