{"id":816,"date":"2018-07-09T09:00:27","date_gmt":"2018-07-09T07:00:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/?p=816"},"modified":"2025-03-03T15:07:32","modified_gmt":"2025-03-03T13:07:32","slug":"georg-toepfer-verzauberung-der-welt-durch-nachdichtung-der-naturwissenschaft-zu-raoul-schrotts-erste-erde-epos","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2018\/07\/09\/georg-toepfer-verzauberung-der-welt-durch-nachdichtung-der-naturwissenschaft-zu-raoul-schrotts-erste-erde-epos\/","title":{"rendered":"Georg Toepfer: VERZAUBERUNG DER WELT DURCH NACHDICHTUNG DER NATURWISSENSCHAFT? Zu Raoul Schrotts \u00bbErste Erde. Epos\u00ab"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">\u00bbThere is grandeur in this view of life\u00ab, so beginnt der letzte Satz von Charles Darwins<em> On the Origin of Species<\/em>. In der ersten Auflage verzichtete Darwin noch auf einen Bezug zu Gott. Ab der zweiten Auflage von 1860 f\u00fcgte er ihn dann allerdings doch ein (\u00bbseveral powers, having been originally breathed by the Creator into a few forms or into one\u00ab).<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Gro\u00dfartig und erhaben ist die Ansicht aber doch vielleicht gerade ohne Gott. Darauf jedenfalls scheint Raoul Schrotts <em>Erste Erde<\/em> <em>Epos<\/em> hinauszulaufen. Es ist eine von den Naturwissenschaften beeindruckte Erz\u00e4hlung, die diese nicht als n\u00fcchtern und seelenlos inszeniert, sondern die Bedeutsamkeit naturwissenschaftlichen Wissens f\u00fcr uns feiert, indem sie neue Formen und sprachliche Bilder f\u00fcr dieses Wissens sucht. Das Ergebnis ist eine eigene dichterische Verzauberung der Welt durch naturwissenschaftliches Wissen und zugleich eine Verzauberung der Naturwissenschaften. <em>Reenchanting Science<\/em>, <em>Wiederverzauberung der Naturwissenschaft<\/em> \u2013 auf diese Formel lie\u00dfe sich das Programm Schrotts bringen.<!--more--><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Diese Verzauberung vollzieht Schrott ausdr\u00fccklich ohne Bezug auf Gott, dieser wird sogar in Anlehnung an Thomas Nagels \u00bbAngst vor der Religion\u00ab deutlich abgelehnt. Bekenntnishaft hei\u00dft es an einer Stelle:<\/span><\/p>\n<blockquote><p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">\u00bbich glaube nicht nur nicht an gott \u2013 ich hoffe dass es keinen gibt \/ ich will nicht dass es gott gibt: ich mag nicht dass das universum \/ ihn erlaubt \u2e33 die natur ist mir genug\u00ab.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a><\/span><\/p><\/blockquote>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Trotz dieser Gottesscheu weist das Werk eine N\u00e4he zu religi\u00f6sen Texten auf, formal sichtbar bereits an der Gliederung in sieben B\u00fccher in Anlehnung an die sieben Tage der biblischen Sch\u00f6pfung. Es war sogar Schrotts erkl\u00e4rtes Ziel, \u00bbeine neue Genesis zu schreiben\u00ab und zu untersuchen, \u00bbwas in einer modernen Genesis alles drinstehen m\u00fcsste und was man verstehen m\u00fcsste, um es begreifen, fassen, denken, sich vorstellen zu k\u00f6nnen\u00ab.<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\"><sup>[3]<\/sup><\/a> Die entscheidende Rolle zum Ausdruck religi\u00f6ser Gef\u00fchle kommt in dieser modernen Genesis, in der die \u00bbBehelfskonstruktionen des G\u00f6ttlichen \u00fcberwunden\u00ab sind (21), der Dichtung zu. Sie erm\u00f6gliche es, Religion und Wissenschaft miteinander zu vermitteln, sie \u00bbineinander \u00fcbergehen\u00ab zu lassen (20). Der Wissenschaft entspreche die Dichtung dabei in ihrer Suche nach Genauigkeit und Koh\u00e4renz, religi\u00f6s sei sie insofern, als sie alles auf den Menschen zur\u00fcckf\u00fchre, uns damit an die Welt binde, nach der Bedeutung des Wissens frage und f\u00fcr dieses Wissen anschauliche Bilder suche.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Schrotts Absicht, das Sinn- und Anschauungsdefizit der Wissenschaften mittels Dichtung wettzumachen, geht von einer sechzig Jahre alten Aufforderung des Physikers Richard Feynman aus, die Schrott dem Anhang seines Buches als Motto voranstellt: Dichter sollten schreiben \u00fcber die \u00bbbesondere Art von religi\u00f6ser Erfahrung, die Wissenschaftler machen\u00ab, um \u00bbderen staunenerregende Erkenntnisse anschaulich werden zu lassen\u00ab (685). Die eigentliche \u00bbwissenschaftliche Zeit\u00ab beginne erst, wenn der \u00bbWert der Wissenschaft\u00ab nicht \u00bbunbesungen\u00ab bleibe. Schrotts Verzauberungsprogramm antwortet darauf mit einer Suche nach \u00bbSprachformeln, um all die Formen des neuen Wissens auszudr\u00fccken\u00ab, und Bildern, \u00bbum die Erkenntnisse figurativ zu gestalten\u00ab (23). Die Leistung der Literatur solle, wie Schrott in einem Interview erl\u00e4uterte, darin bestehen,<\/span><\/p>\n<blockquote><p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">\u00bbdass sie aus der grossartigen Gleichg\u00fcltigkeit des Universums etwas menschlich G\u00fcltiges macht. Indem sie dabei nach existenzieller Bedeutung fragt \u2013 und somit Grundlagen liefert f\u00fcr Ethik und Sinn.\u00ab<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\"><sup>[4]<\/sup><\/a><\/span><\/p><\/blockquote>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Es gehe ihm um \u00bbR\u00fcck\u00fcbersetzung in die menschliche Lebenswelt\u00ab, \u00bbmenschliche Relevanz\u00ab, \u00bbMoral\u00ab und den \u00bbSinn des Lebens\u00ab sowie dar\u00fcber hinaus darum, selbst Erkenntnisse hervorzubringen, \u00bbdie metaphysischen Dimensionen wissenschaftlicher Erkenntnisse auszuloten\u00ab (ebd.), \u00bbWissen mit menschlicher Relevanz zu versehen\u00ab und zu fragen, wie naturwissenschaftliches Wissen f\u00fcr uns \u00bbdenkbar\u00ab und \u00bbf\u00fcr unsere Verortung in der Welt\u00ab<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\"><sup>[5]<\/sup><\/a> bedeutsam wird.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Diese Suche nach Anschauung und Bedeutung vollzieht sich in einem Erz\u00e4hlstrom ohne Punkt und Komma. Auf der Makroebene ist sie gegliedert in sieben B\u00fccher gebundener Sprache und ein achtes Buch in Prosa. Die Erz\u00e4hlung ist gr\u00f6\u00dftenteils linear aufgebaut und folgt dem aktuellen Wissen von Kosmogonie und Biogenese: eine Geschichte der Entstehung von Universum, Erde, Leben und Mensch. Die Geschichte endet, wo die eigentliche Geschichte beginnt, mit der Entstehung der Schrift. Es ist also die Erz\u00e4hlung der Vorgeschichte im umfassenden Sinne, dem eigentlichen Gegenstandsbereich der Naturwissenschaften, die Schrott pr\u00e4sentiert. Konzentriert ist sie, wie die biblische Genesis, auf Fragen des Ursprungs und der Entstehung: Es geht um erstes Licht, erste Elemente, erste Sonnen, erste Materie, erste Planeten usw. Hervorgehoben wird mit diesen Ursprungssuchen ein bestimmter Aspekt des naturwissenschaftlichen Wissens, von dem allerdings fraglich ist, ob er derjenige mit der gr\u00f6\u00dften Relevanz f\u00fcr uns ist. Schrotts Interesse ist nicht auf die Frage gerichtet, wie das Bestehende sich erh\u00e4lt und von uns zu erhalten ist, also nicht auf \u00d6kologie, sondern auf Genealogie. Nur am Rande widmet sich Schrott der theoretischen Gestalt der Naturwissenschaften in Form ihrer gro\u00dfen erkl\u00e4renden Modelle, etwa Newtons Gravitationstheorie, Darwins Evolutionstheorie oder Einsteins Relativit\u00e4tstheorie. Der 160-seitige Prosa-Anhang ist formal deutlich von den voranstehenden B\u00fcchern der Genesis unterschieden: zweispaltig, in konventioneller Gro\u00dfschreibung und Interpunktion. Es ist ein sachlicher Bericht ohne Wertung und Kommentar. Formuliert in einer den Naturwissenschaften nahestehenden distanzierten Sprache, erweist er auch dieser Ausdrucksform Anerkennung und Respekt (und macht deutlich, dass die vermeintlich n\u00fcchterne Sprache der Naturwissenschaften selbst reich an Bildern ist). Schrott hat sein ganzes genealogisches Wissen, das sich auf dem neuesten Stand der Forschung bewegt, in einem bewundernswerten Rechercheaufwand zusammengetragen. Dokumentiert ist sein Erkenntnisgewinn in 17 langen Gespr\u00e4chen mit Wissenschaftlern (nur M\u00e4nnern) im <a href=\"http:\/\/www.br.de\/radio\/bayern2\/sendungen\/hoerspiel-und-medienkunst\/hoerspiel-pool\/raoul-schrott-erste-erde-forum100.html\">\u00bbErste Erde Forum\u00ab<\/a>, das in den Jahren vor Erscheinen des Buches ausgestrahlt wurde und Schrott nach eigenem Bekunden auch dazu diente, sein Verst\u00e4ndnis zu \u00fcberpr\u00fcfen.<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\"><sup>[6]<\/sup><\/a><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Als \u203aEpos\u2039 kann Schrotts Werk trotz der selbstgew\u00e4hlten Gattungsbezeichnung nur bedingt gelten. Sein Verfahren erzeugt weniger eine \u00fcberschaubare Koh\u00e4renz und \u00bbgeschlossene Lebenstotalit\u00e4t\u00ab, die Georg Luk\u00e1cs f\u00fcr das klassische Epos konstatierte<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\"><sup>[7]<\/sup><\/a>, als ein punktuelles Eintauchen in Wissen von Entstehungsprozessen. Es ist also keine Synthese, die er leistet, sondern eine \u00dcbersetzung partikularen wissenschaftlichen Wissens in einzelne poetische Bilder. Aus diesem Partikularismus kann kein \u00fcbergreifender Sinn entstehen, sondern nur Bedeutung f\u00fcr einen je einzelnen Kontext. Schrott stellt dies sehr deutlich selbst heraus, indem er als sein Ziel angibt, in Bildern, Metaphern und Vergleichen Themen zu \u00bbpointieren\u00ab;<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\"><sup>[8]<\/sup><\/a> er will \u00bbDinge in stringenten Formulierungen auf den Punkt bringen\u00ab.<a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\"><sup>[9]<\/sup><\/a> Darin liegt Schrotts \u00bbPoesie\u00ab, die er im Gegensatz zum Erz\u00e4hlen in Prosa nicht als Geflecht versteht, das sich fl\u00e4chig \u00fcber Wissensbest\u00e4nde ausbreitet, sondern als Kunst der punktuellen Zuspitzung. Nicht selten entlehnt Schrott dabei allerdings die pr\u00e4gnantesten Bilder der Sprache der Naturwissenschaften selbst, etwa dann, wenn er die Entstehung der Sonne als Zusammenballung im Staubnebel beschreibt (124), den Ursprung des Lebens als Autopoiese illustriert (205) oder das Charakteristikum unserer Art als Superorganismus bestimmt (616).<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Zur Schw\u00e4che des erz\u00e4hlerischen Gro\u00dfrahmens von Schrotts sogenanntem Epos geh\u00f6rt es, dass dieses seinem Gegenstand nicht recht vertraut: Immer wieder werden einzelne menschliche Schicksale herangezogen, um die Gro\u00dfartigkeit der Naturerkenntnis zu bezeugen. F\u00fcr sich allein spricht die Natur auch bei Schrott nicht. Seine Erz\u00e4hlung von der Entstehung der Welt und der Dinge in ihr ist die Summe vieler kleiner Erz\u00e4hlungen von Menschen, die sie entdeckten; es geht um deren pers\u00f6nliche Erwartungen und Sehns\u00fcchte, Frustrationen, Umwege und Erfolge. Auch wenn der Mensch als Erkenntnisgegenstand erst sp\u00e4t im Text erscheint, bezeichnet Schrott sein Buch daher zu Recht als \u00bbanthropozentrisch\u00ab (26). Die Anthropozentrik ist unausweichlich, weil die Veranschaulichung und Bedeutung der Erkenntnisse von der Natur f\u00fcr den Menschen das Ziel der Darstellung ist. Am Ende ist der Mensch aber nicht nur Adressat der poetischen Bilder, sondern wird selbst erst im Durchgang durch die Naturerkenntnis zu dem, was er ist: <\/span><\/p>\n<blockquote><p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">\u00bbdas humane mir gerettet das haben einsichten ins wesen der natur\u00ab (500). <\/span><\/p><\/blockquote>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Offen bleibt dabei allerdings, welches Humane hier gemeint ist und worin es besteht. In dem Kontext, in dem das Zitat steht, w\u00e4re es ein Humanes, das wir mit den fr\u00fchesten, Hunderte von Jahrmillionen alten S\u00e4ugetieren teilen: Wesen mit einem harten Gaumen und Nasengang, der ein Atmen beim Saugen erm\u00f6glicht, und einem verbesserten Geruchs- und H\u00f6rsinn f\u00fcr ein nachtaktives Leben.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Schrotts erz\u00e4hlerisches Langgedicht vom Wissen der Naturwissenschaften f\u00fchrt direkt von den Berichten der Wissenschaftler zur Poesie. Funktion der Dichtung ist dabei die Feier des Gegenstandes: <em>Poetry is praise<\/em>, Dichtung ist R\u00fchmen \u2013 diesem Diktum Shelleys und Rilkes folgt Schrott in seiner Darstellung der Naturwissenschaften und ihrer Inhalte. Er leistet auf diese Weise zweifellos in manchen F\u00e4llen einen Beitrag zur \u00bbAkkulturation der Naturwissenschaften\u00ab,<a href=\"#_ftn10\" name=\"_ftnref10\"><sup>[10]<\/sup><\/a> d.h. zur \u00dcbersetzung des abstrakten naturwissenschaftlichen Wissens in lebensweltlich verstehbare und bedeutungsvolle Bilder. Diese \u00dcbersetzungsleistung scheint wichtig und notwendig, besonders in der gegenw\u00e4rtigen Situation, in der die Natur- und Lebenswissenschaften in dem Ma\u00dfe an Einfluss auf die Lebenswelt gewinnen, in dem sie sich in ihren Modellen und Praktiken von dieser Lebenswelt entfernen. Um \u00bbdas humane zu retten\u00ab, reicht es nur sicher nicht aus, \u00bbeinsichten ins wesen der natur\u00ab durch Dichtung anschaulich werden zu lassen. Um naturwissenschaftliches Wissen zu verstehen und einordnen zu k\u00f6nnen, es in seinen Voraussetzungen und seiner Reichweite zu beurteilen, bedarf es anderer Wissenschaften, die in Schrotts Langgedicht keine Erw\u00e4hnung finden.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">In einem Gespr\u00e4ch schildert Schrott seine \u00bb\u00dcberraschung\u00ab dar\u00fcber, dass auch die naturwissenschaftlichen Daten noch nicht die ganze Geschichte liefern, sondern sie sich \u00bbimmer konfiguriert in kulturellen Konstrukten\u00ab finden, etwa der Idee des Urknalls, die schon bei Augustinus zu finden sei. Es gebe \u00bbkeine M\u00f6glichkeit Strukturen zu denken, die nicht bereits in unserem kulturellen Repertoire vorhanden sind. Erstellt werden diese jedoch von der Kunst, der Dichtung, der Philosophie oder der Religion\u00ab.<a href=\"#_ftn11\" name=\"_ftnref11\"><sup>[11]<\/sup><\/a> Die Experten f\u00fcr diese Fragen finden sich nicht in den Naturwissenschaften, sondern es sind Historikerinnen und Literaturwissenschaftler, Wissenschaftsgeschichtler und Philosophinnen \u2013 nicht die Gespr\u00e4chspartner, die Schrott sich suchte. Er zieht es vor, von Naturwissenschaftlern zu lernen und sich von ihnen die Geschichte so erz\u00e4hlen zu lassen, als ob es ein \u00bbkulturelles Repertoire\u00ab nicht g\u00e4be und alle Erz\u00e4hlungen direkt aus den empirischen Daten str\u00f6mten. Seine Dichtung zehrt von der Selbstdarstellung und vom kulturellen Kapital der Naturwissenschaften, ist diesen damit aber auch in ihrer Geschichtsvergessenheit und <em>intentio recta<\/em> ausgeliefert. Religi\u00f6s aufgeladen ist der Text daher auch insofern, als die Dichtung als Offenbarung erscheint und sich damit vom Geist des Gegenstandes entfernt, den sie feiert: den Naturwissenschaften, deren Kern nicht Ursprungssuche ist, sondern Kritik und Revision.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Am Ende sei aber auch zugegeben, dass es ein schwieriges und geradezu paradoxes Unterfangen war, dem sich Schrott verschrieben hat. Denn die Radikalit\u00e4t und \u00dcberzeugungskraft der Naturwissenschaften erw\u00e4chst ja gerade daraus, nicht im Hinblick auf Anschaulichkeit und Bedeutung \u203af\u00fcr uns\u2039 konzipiert zu sein, sondern ganz im Gegenteil noch das f\u00fcr uns Liebste und Teuerste \u2013 Liebe, Moral und Kunst \u2013 zu entkulturalisieren und als evolution\u00e4r stabile Verhaltensstrategien zu deuten. Diesem methodischen Reduktionismus begegnet Schrott nicht mit der Suche nach Bildern, sondern mit einem Bekenntnis zu Glaube und Hoffnung:<\/span><\/p>\n<blockquote><p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">\u00bbich glaube nicht nur nicht an das einzelne \u2013 ich hoffe das gegenteil besteht: das solidarische in dem ein ich g\u00e4nzlich aufgeht \u2e33\u00a0 das ist die antwort auf den tod: von sich abzusehen \u2e33\u00a0 allem ringsum eine beachtung zu schenken sich in unpers\u00f6nliches einzudenken und den blick auszudehnen das ich auszublenden <strong>\u2e33<\/strong>\u00a0 sich an die natur und menschen zu binden an das worum wir uns sorgen: nur so leben wir in anderem weiter in einem kollektiv an dem wir sosehr anteil nehmen wie teilhaben\u00ab (94).<\/span><\/p><\/blockquote>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Charles Darwin: <em>On the Origin of Species<\/em>, 2. Aufl. London 1860, S. 490.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Raoul Schrott: <em>Erste Erde. Epos<\/em>, M\u00fcnchen 2016, S. 94. Alle Seitenangaben im Text beziehen sich auf dieses Werk. Vgl. auch Thomas Nagel: <em>Das letzte Wort<\/em>, Stuttgart 1999, S. 191.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Raoul Schrott im Gespr\u00e4ch mit Annegret Arnold, ausgestrahlt am 14.6.2013 im Bayrischen Rundfunk.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Raoul Schrott im Gespr\u00e4ch mit Gerd Folkers und Roman Bucheli, <a href=\"https:\/\/www.nzz.ch\/feuilleton\/buecher\/raoul-schrott-und-gerd-folkers-uns-verbindet-die-bricolage-ld.123159\">Neue Z\u00fcrcher Zeitung, 22.10.2016<\/a>.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> Im Gespr\u00e4ch mit Annegret Arnold (s. Anm. 3).<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> Die Erstausstrahlung erfolgte von September 2011 bis Juni 2016.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> Georg Luk\u00e1cs: <em>Die Theorie des Romans<\/em> (1920), Darmstadt 1971, S. 51.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> Raoul Schrott: Sokratische Dialoge [Gespr\u00e4ch mit Klaus Mecke und Aura Heydenreich am 14. Mai 2012], in: <em>Physik und Poetik. Produktions\u00e4sthetik und Werkgenese. Autorinnen und Autoren im Dialog<\/em>, hg. v. Aura Heydenreich und Klaus Mecke, Berlin 2015, S. 228\u2013261, hier S. 261.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">[9]<\/a> Im <a href=\"https:\/\/www.nzz.ch\/feuilleton\/buecher\/raoul-schrott-und-gerd-folkers-uns-verbindet-die-bricolage-ld.123159\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Gespr\u00e4ch mit Gerd Folkers und Roman Bucheli<\/a>.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><a href=\"#_ftnref10\" name=\"_ftn10\">[10]<\/a> Michael Hagner und Hans-J\u00f6rg Rheinberger: Die Zukunft der Geisteswissenschaft und die Wissenschaftsgeschichte, in: <em>Wissenschaftsgeschichte und Geschichtswissenschaft. Aspekte einer problematischen Beziehung. Wolfgang K\u00fcttler zum 65. Geburtstag<\/em>, hg. v. Stefan Jordan und Peter Th. Walther, Waltrop 2002, S. 17\u201323, hier S. 21.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><a href=\"#_ftnref11\" name=\"_ftn11\">[11]<\/a> Im <a href=\"https:\/\/www.nzz.ch\/feuilleton\/buecher\/raoul-schrott-und-gerd-folkers-uns-verbindet-die-bricolage-ld.123159\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Gespr\u00e4ch mit Gerd Folkers und Roman Bucheli<\/a>.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #e63348; font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><em>Der Philosoph und Biologe <a href=\"http:\/\/www.zfl-berlin.org\/person\/toepfer.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Georg Toepfer<\/a> leitet am ZfL gemeinsam mit Stefan Willer den Forschungsschwerpunkt \u00bb<a href=\"http:\/\/www.zfl-berlin.org\/lebenswissen.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Lebenswissen<\/a>\u00ab.<\/em> <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Sein Beitrag ist der zweite Teil einer Reihe von Einlassungen zu Raoul Schrotts <em>Erste Erde. Epos<\/em> aus den jeweiligen Perspektiven der drei Forschungsschwerpunkte am ZfL, \u00bbWeltliteratur\u00ab, \u00bbLebenswissen\u00ab und \u00bbTheoriegeschichte\u00ab. F\u00fcr die \u00bbWeltliteratur\u00ab hat sich bereits <a href=\"http:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2017\/04\/11\/mona-koerte-raoul-schrotts-erste-erde-epos-die-geburt-des-universums-in-einer-untoten-gattung\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Mona K\u00f6rte<\/a> ge\u00e4u\u00dfert, f\u00fcr die \u00bbTheoriegeschichte\u00ab folgt demn\u00e4chst Eva Geulen.<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><span style=\"font-weight: 400;\">VORGESCHLAGENE ZITIERWEISE: Georg Toepfer: Verzauberung der Welt durch Nachdichtung der Naturwissenschaft? Zu Raoul Schrotts \u00bbErste Erde. Epos\u00ab, in: ZfL BLOG, 9.7.2018, [<a href=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2018\/07\/09\/georg-toepfer-verzauberung-der-welt-durch-nachdichtung-der-naturwissenschaft-zu-raoul-schrotts-erste-erde-epos\/\">https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2018\/07\/09\/georg-toepfer-verzauberung-der-welt-durch-nachdichtung-der-naturwissenschaft-zu-raoul-schrotts-erste-erde-epos\/<\/a><\/span><span style=\"font-weight: 400;\">].<\/span><span style=\"font-weight: 400;\"><br \/>\n<\/span><span style=\"font-weight: 400;\">DOI:<\/span> <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20180709-01\">https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20180709-01<\/a><\/span><\/p>\n<p><script type=\"application\/ld+json\">\n{\n  \"@context\": \"http:\/\/schema.org\",\n  \"@type\": \"CreativeWork\",\n  \"@id\": \"https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20180709-01\",\n  \"url\": \"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2018\/07\/09\/georg-toepfer-verzauberung-der-welt-durch-nachdichtung-der-naturwissenschaft-zu-raoul-schrotts-erste-erde-epos\/\",\n  \"name\": \"VERZAUBERUNG DER WELT DURCH NACHDICHTUNG DER NATURWISSENSCHAFT? 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