{"id":823,"date":"2018-07-02T11:45:49","date_gmt":"2018-07-02T09:45:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/?p=823"},"modified":"2025-03-03T15:08:53","modified_gmt":"2025-03-03T13:08:53","slug":"falko-schmieder-reinhart-koselleck-und-die-begriffsgeschichte-des-20-jahrhunderts-ein-tagungsbericht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2018\/07\/02\/falko-schmieder-reinhart-koselleck-und-die-begriffsgeschichte-des-20-jahrhunderts-ein-tagungsbericht\/","title":{"rendered":"Falko Schmieder: REINHART KOSELLECK UND DIE BEGRIFFSGESCHICHTE DES 20. JAHRHUNDERTS. Ein Tagungsbericht"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Die Tagung <a href=\"http:\/\/www.dla-marbach.de\/forschung\/tagungen\/archiv-der-tagungen\/archiv-tagungen-detail\/news\/donnerstag-14-juni-bis-freitag\/?tx_news_pi1%5Bcontroller%5D=News&amp;tx_news_pi1%5Baction%5D=detail&amp;cHash=4dd5cccf16441aa06dacc28f8ec8ca4f\">\u00bbReinhart Koselleck und die Begriffsgeschichte des 20. Jahrhunderts\u00ab<\/a> am Deutschen Literaturarchiv Marbach (14.\/15.6.2018) reiht sich ein in eine Kette von Veranstaltungen, die dem Werk Reinhart Kosellecks und den Perspektiven der begriffsgeschichtlichen Forschung speziell im Hinblick auf das 20. Jahrhundert gewidmet sind. Mit ihr feierte die Gesellschaft der American Friends of Marbach ihr zehntes Jubil\u00e4um. Wie der Gastgeber <span style=\"color: #e63348;\">Ulrich Raulff<\/span> (Marbach) bei der Er\u00f6ffnung betonte, ist das Literaturarchiv Marbach ein besonderer Ort f\u00fcr die Begriffsgeschichte, da es die Nachl\u00e4sse bedeutender Vertreter oder Stichwortgeber wie Hans Blumenberg, Hans-Georg Gadamer, Hans Robert Jau\u00df, Joachim Ritter oder Dolf Sternberger aufbewahrt. Im Jahre 2008 wurden der schriftliche Nachlass sowie die Bibliothek von Reinhart Koselleck angekauft, k\u00fcrzlich kam dann auch der Nachlass von Karlheinz Barck, dem Mitherausgeber des W\u00f6rterbuchs der <em>\u00c4sthetischen Grundbegriffe <\/em>(und ehemaligen Kollegen am ZfL) hinzu. Das Literaturarchiv Marbach beherbergt damit eine F\u00fclle von Materialien, die bislang noch kaum erschlossen sind und die f\u00fcr die leitende Fragestellung einer Begriffsgeschichte des 20. Jahrhunderts eine wichtige Forschungsquelle bilden.<!--more--><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><span style=\"color: #e63348;\">Harry Liebersohn<\/span> (Urbana-Champaign) und <span style=\"color: #e63348;\">Paul Michael L\u00fctzeler<\/span> (St. Louis) konstatierten in ihren er\u00f6ffnenden Beitr\u00e4gen, dass das von Koselleck mitherausgegebene W\u00f6rterbuch der <em>Geschichtlichen Grundbegriffe<\/em> [im Folgenden abgek\u00fcrzt: <em>GG<\/em>] das 20. Jahrhundert oft nur in Ausblicken verhandele. Aufgrund der Ver\u00e4nderung der Begriffe, Kontexte und politischen Problemlagen im letzten Jahrhundert stelle sich aber grunds\u00e4tzlich die Frage, wie eine Begriffsgeschichte heute im Anschluss an Koselleck, aber auch \u00fcber Koselleck hinaus aussehen k\u00f6nnte. Daf\u00fcr sei, so Liebersohn, eine Kontextualisierung der Arbeiten Kosellecks unerl\u00e4sslich. L\u00fctzeler wies darauf hin, dass sich das Werk Kosellecks nicht in der Begriffsgeschichte ersch\u00f6pfe. Er erinnerte an den Ansatz zu einer Theorie historischer Zeiten, den Koselleck kurz vor dem Mauerfall entwickelt habe, sowie an den \u00f6ffentlichen Intellektuellen Koselleck und dessen Interesse an Fragen der politischen Ikonologie. Passend zu einer Jubil\u00e4umsveranstaltung wurde zudem Anekdotisches \u00fcber Begegnungen mit Koselleck pr\u00e4sentiert, den viele Referenten noch pers\u00f6nlich gekannt haben und von dessen Intellektualit\u00e4t und Streitlust sie fasziniert waren.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Das erste Panel stand im Zeichen der theoretischen und praktischen Reflexion der Begriffsgeschichte. <span style=\"color: #e63348;\">Ernst M\u00fcller<\/span> (ZfL) er\u00f6ffnete seine \u00dcberlegungen zu einer Geschichte von Grundbegriffen des 20. Jahrhunderts mit der Beobachtung, dass Koselleck die Untersuchung der Historizit\u00e4t der methodischen Leitbegriffe der <em>GG<\/em> abgelehnt habe; das betrifft auch die heuristischen Vorgriffe Demokratisierung, Politisierung, Ideologisierbarkeit und Verzeitlichung. Im ersten Teil seines Vortrages nahm M\u00fcller die Ausblicke der <em>GG<\/em> auf das 20. Jahrhundert in den Blick, die sich zumeist auf den Sprachgebrauch im Nationalsozialismus und\/oder die Divergenzen der Begriffsentwicklungen in den beiden deutschen Staaten bezogen. M\u00fcller kam zu dem Befund, dass die meisten Artikel die gegen Ende der \u203aSattelzeit\u2039 (um 1850) gebildete Semantik keineswegs bruchlos in die Gegenwart des 20. Jahrhunderts hineinf\u00fchren, wie Koselleck angenommen hatte. Er wertete dies als Best\u00e4tigung der von Christian Geulen 2010 vorgebrachten These eines nochmaligen Strukturwandels der gesellschaftlich-politischen Sprache im 20. Jahrhundert, zu dessen Erforschung neue Leithypothesen und Methodiken entwickelt werden m\u00fcssten.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Im zweiten Teil skizzierte M\u00fcller dann einen Ansatz f\u00fcr ein solches Projekt, das derzeit hier am ZfL konzipiert wird. Im Einklang mit Neuzeit- und Zeithistorikern betrachtet er dabei die Verwissenschaftlichung des Politischen bzw. Kulturellen als eine \u00fcbergreifende Signatur des zu untersuchenden Jahrhunderts. Da die Verwissenschaftlichungsdiskurse begriffsf\u00f6rmig sind, sei die Begriffsgeschichte tats\u00e4chlich die Methode der Wahl zur Erforschung der historischen Semantik. Fraglich sei allerdings, ob sie dann noch, wie es bei Koselleck geschieht, zentral auf dem Erfahrungsbegriff fundiert werden sollte. F\u00fcr die Erschlie\u00dfung des 20. Jahrhunderts schl\u00e4gt M\u00fcller vor, nicht nur von mehreren Umbr\u00fcchen der Semantik auszugehen, sondern ihre jeweilige Eigenart durch unterschiedliche Begriffstypen verschiedener historischer Reichweite und Tiefenstaffelung zu erfassen. Das Spektrum reicht hier von klassischen historischen Grundbegriffen mit l\u00e4ngerer Vorgeschichte \u00fcber Begriffe mittlerer Reichweite bis hin zu Kunstw\u00f6rtern der Wissenschaftssprache, die in kurzer Zeit eine allgemeine gesellschaftspolitische Relevanz erlangt haben (wie etwa \u203aCode\u2039).<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><span style=\"color: #e63348;\">Carsten Dutt<\/span> (Notre Dame) strich in seinem Beitrag die gro\u00dfe Bedeutung der Pragmatik f\u00fcr Kosellecks begriffsgeschichtlichen Ansatz heraus. Geschichtliche Grundbegriffe sind f\u00fcr Dutt theoriehaltige Elemente umfassenderer Sinnzusammenh\u00e4nge, die nicht isoliert, sondern in ihren weiteren diskursiven und au\u00dferdiskursiven Kontexten zu analysieren sind. Die Begriffsgeschichte f\u00fchre so zwangsl\u00e4ufig in die Diskursanalyse, und die historische Semantik in die historische Pragmatik. Eine Begriffsgeschichte des 20. Jahrhunderts m\u00fcsse diesen pragmatischen Dimensionen verst\u00e4rkt Beachtung schenken. Dazu geh\u00f6ren nach Dutt unter anderem die Analyse verschiedener Begriffstypen, Begriffsfunktionen und Begriffsleistungen sowie der Adressierungsformen und Explikationsgrade von Begriffen. Im zweiten Teil widmete sich Dutt dann den von Christian Geulen vorgeschlagenen neuen historischen Leitkategorien (Popularisierung, Verfl\u00fcssigung, Verr\u00e4umlichung und Verwissenschaftlichung) und verdeutlichte den pragmatischen Ansatz anhand der Kategorie der Verwissenschaftlichung. Diese sei nicht zu hypostasieren, sondern k\u00f6nne selber noch nach verschiedenen Formen und Funktionen differenziert und historisch ausgelegt werden. Insbesondere in der zweiten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts beobachtet Dutt das Entstehen eines Modus der Objektivierung von Begriffen, mit dem die klassischen Prozesse der Verwissenschaftlichung gleichsam reflexiv werden. Eine historische Grenze Kosellecks sieht Dutt in der unzureichenden Beachtung von Begriffsfunktionen, die sich aus Systemen ergeben.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Das zweite Panel war spezieller auf das Werk von Koselleck bezogen. <span style=\"color: #e63348;\">Jeffrey Barash<\/span> (Paris) verglich verschiedene Modelle temporaler Einheit von Geschichte und Konzeptionen des kollektiven Ged\u00e4chtnisses miteinander, dessen j\u00fcngere Konjunktur er auf historische Diskontinuit\u00e4tserfahrungen zur\u00fcckf\u00fchrt. Er betonte in der Auseinandersetzung mit Maurice Halbwachs und Koselleck vor allem die Bedeutung der modernen Massenmedien und formulierte das Desiderat einer angemessenen Symboltheorie. Der Koselleck-Sch\u00fcler <span style=\"color: #e63348;\">Lucian H\u00f6lscher<\/span> (Bochum) lieferte eine detaillierte Interpretation eines im Januar 1953 verfassten Briefes von Koselleck an Carl Schmitt und f\u00fchrte damit an einem praktischen Beispiel vor, wie die von ihm geforderte Historisierung und Kontextualisierung von Kosellecks Werk aussehen kann. H\u00f6lscher sieht in Koselleck einen wichtigen Referenzautor der neueren historischen Zeitforschung, die sich aber in mancher Hinsicht von Koselleck abgesetzt habe, etwa in Bezug auf das Theorem der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen. Koselleck selber habe zwar eine Theorie historischer Zeiten skizziert, sich aber einer systematischeren Untersuchung entzogen \u2013 in privaten Gespr\u00e4chen zuweilen mit Hinweisen der Art, dass die Auseinandersetzung mit Reiterdenkm\u00e4lern interessanter sei. In Gegenstellung zu dem verbreiteten Bed\u00fcrfnis, den Ansatz der <em>GG<\/em> nun \u00fcber Koselleck hinaus auch auf das 20. Jahrhundert zu beziehen, pl\u00e4dierte <span style=\"color: #e63348;\">Stefan-Ludwig Hoffmann<\/span> (Berkeley) f\u00fcr eine Perspektivenumkehr und vertrat die These, dass Kosellecks Begriffsgeschichte eine Reaktion auf die Erfahrungen des 20. Jahrhunderts war. Zugespitzt k\u00f6nne Kosellecks gesamte Theorieproduktion als eine Form von Zeitgeschichte angesehen werden, was sich auch in den Ausblicken seiner <em>GG<\/em>-Artikel zeige. Anregend sei Koselleck auch in seinem Bestreben, durch seine begriffsgeschichtlichen Studien eingeschliffene Periodisierungen zu unterlaufen. Das 20. Jahrhundert zum Beispiel sei mit Koselleck weder formal-chronologisch nach Jahrhundertschritten noch auch als Zeitalter der Extreme zu fassen, das den Zeitraum von 1914 bis 1989 umspannt, sondern eher als die Epoche zwischen 1860 und 1970. Die Bedeutung der eigenen Kriegserfahrungen als Epizentrum von Kosellecks Arbeiten werde schlie\u00dflich auch an dessen Interesse deutlich, im \u00dcbergang von der Begriffsgeschichte zur Ikonologie die Grenzen des Sagbaren auszuloten.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Zum Abschluss des ersten Konferenztages hatten die Veranstalter ein besonderes Highlight zu bieten. Die Familie Koselleck hatte n\u00e4mlich im Haus noch eine alte Zigarrenkiste entdeckt, deren Inhalt von <span style=\"color: #e63348;\">Ulrich Raulff<\/span> <span style=\"color: #e63348;\">und Jan Eike Dunkhase<\/span> (Marbach) im Rahmen der am Literaturarchiv gut etablierten Veranstaltungsreihe mit dem Titel \u00bbZeitkapsel\u00ab an diesem Abend zum ersten Mal der \u00d6ffentlichkeit vorgestellt wurde. Das Material entstammt den Vorarbeiten zum Dissertationsprojekt <em>Kritik und Krise<\/em> und umfasst 150 Zettel mit Ausf\u00fchrungen zu 66 Lemmata. Es dokumentiere Kosellecks Schwerpunktverlagerung von Martin Heidegger zu Carl Schmitt; das angewendete Verfahren charakterisierte Raulff als ein geschichtsbegriffliches \u2013 im Unterschied zum sp\u00e4teren begriffsgeschichtlichen.<\/span><\/p>\n<h3 style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #e63348; font-family: helvetica;\">*<\/span><\/h3>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Der zweite Veranstaltungstag begann mit der Pr\u00e4sentation von drei amerikanischen Dissertationsprojekten. <span style=\"color: #e63348;\">Disha Karnad Jani<\/span> (Princeton) ging im Paradigma der Globalgeschichte einer intellektuellen Geschichte des Anti-Imperialismus nach; <span style=\"color: #e63348;\">Jonathon Catlin<\/span> (Princeton) widmete sich unter dem Stichwort \u203apolitics of catastrophe\u2039 einem Vergleich der Ans\u00e4tze von Koselleck und Theodor W. Adorno; <span style=\"color: #e63348;\">Zachary Riebeling<\/span> (Urbana-Champaign) pr\u00e4sentierte \u00dcberlegungen zur Nachkriegsgeschichtswissenschaft anhand eines Vergleichs der Arbeiten von Karl L\u00f6with, Reinhart Koselleck und Eric Voegelin. Alle drei Projekte sind Ausdruck der Internationalisierung der Begriffsgeschichte, die l\u00e4ngst keine \u203aGerman Begriffsgeschichte\u2039 mehr ist. Dabei wenden sich die amerikanischen Arbeiten Themen zu, die man l\u00e4ngst in Deutschland erwartet h\u00e4tte, die aber erstaunlicherweise hierzulande bislang nicht angegangen worden sind. Die Arbeiten zeigen auch, dass die Verbindung der Begriffsgeschichte mit anderen Ans\u00e4tzen wie den <em>postcolonial studies<\/em> oder der <em>global history<\/em> zugleich R\u00fcckwirkungen auf das Methodenverst\u00e4ndnis und die Praxis der Begriffsgeschichte hat.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Das letzte Panel zur Begriffsgeschichte des 20. Jahrhunderts er\u00f6ffnete <span style=\"color: #e63348;\">Petra Gehring<\/span> (Darmstadt) mit einer Methodenkritik, die Kosellecks Ansatz in eine kritische Distanz r\u00fccken sollte. Ihren Ausgangspunkt bildete Hans Blumenbergs R\u00fcckgriff auf das Motiv der Dunkelkammer zur Veranschaulichung der Genese von Begriffen bzw. der Arbeit des Begriffshistorikers. Gehring betonte die Relevanz dieses Motivs f\u00fcr die Methodologie: Das Modell verweise auf den prozessualen Charakter der Begriffsentstehung und die Verdichtungsleistungen von Begriffen; dar\u00fcber hinaus konzipiere das Bild die Entwicklung von Begriffen unter Absehung von au\u00dfertextlichen Realit\u00e4ten. Gehring nahm das Bild dann auch in den Dienst ihrer Kritik an Kosellecks programmatischer Verklammerung von Begriffs- und Sachgeschichte, die sie nicht nur f\u00fcr praktisch unzul\u00e4nglich eingel\u00f6st, sondern bereits ihrem methodischen Anspruch nach f\u00fcr prinzipiell fragw\u00fcrdig h\u00e4lt. Foucaults Diskursanalyse scheint ihr alternativ dazu in der Lage zu sein, den Fallstricken des Begriffsrealismus methodisch reflektiert zu entgehen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><span style=\"color: #e63348;\">Joshua Derman<\/span> (Hongkong) widmete sich der Entwicklung des Begriffs \u203aGro\u00dfraum\u2039 mit Blick auf die Zeit von 1930 bis 1950. Sein wichtigster Referenzautor ist Ferdinand Fried, der zum <em>Tat<\/em>-Kreis um Hans Zehrer geh\u00f6rte und im Nationalsozialismus mit Beitr\u00e4gen zur Au\u00dfenhandelspolitik und zum v\u00f6lkischen Antisemitismus hervortrat. Nach dem Krieg wurde er von den Alliierten als Mitl\u00e4ufer eingestuft, so dass er seine Karriere weitgehend bruchlos fortsetzen konnte. Wie Derman ausf\u00fchrte, war der Begriff des Gro\u00dfraums \u00fcber den gesamten Untersuchungszeitraum hinweg von zentraler Bedeutung f\u00fcr Fried, der ihn in seinen Schriften jeweils mit den ver\u00e4nderten gesellschaftlich-politischen Rahmenbedingungen zu vermitteln suchte. <span style=\"color: #e63348;\">Anson Rabinbach<\/span> (Princeton) kn\u00fcpfte in seinem Vortrag an seine viel diskutierten Studien zu Begriffen aus dem Kalten Krieg an und konzentrierte sich hierbei vor allem auf das zentrale Problem politischer Theoretiker wie Hannah Arendt oder Juristen wie Raphael Lemkin, eine Sprache f\u00fcr die als pr\u00e4zedenzlos angesehenen Herrschaftsformen und Gewaltpraktiken der totalit\u00e4ren Systeme des 20. Jahrhunderts zu finden. Aufschlussreich ist, dass die einschl\u00e4gigen Stichworte \u203aTotalitarismus\u2039 und \u203aGenozid\u2039 in den <em>GG<\/em> jeweils nur ein einziges Mal auftauchen. Rabinbach thematisierte damit ein Begriffsfeld und eine historische Diskontinuit\u00e4tserfahrung, die in die \u00dcberlegungen zur Spezifik einer Begriffsgeschichte des 20. Jahrhunderts einbezogen werden m\u00fcssen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">In den Diskussionen geh\u00f6rten dann die zeitliche Eingrenzung des 20. Jahrhunderts und die Frage nach einer \u203azweiten Sattelzeit\u2039 zu den Schwerpunktthemen. Viele Diskutanten sahen die Zeit um 1970 als eine Umbruchzeit an, die sich unter Stichworten wie Neoliberalismus, \u00d6kologie, Poststrukturalismus oder Post-68er konkretisieren lie\u00dfe. Dar\u00fcber hinaus wurde diskutiert, ob wir uns heute noch in dieser Zeit oder in einer Abl\u00f6sungs- und \u00dcbergangsphase befinden, deren Eigenart sich aber noch nicht zureichend bestimmen lasse. Weitgehende Einigkeit bestand darin, dass es zu kurz greift, dem Ansatz der <em>GG<\/em> eine Begriffsgeschichte des 20. Jahrhunderts aufzusatteln, da die <em>GG<\/em> durch die Erfahrungen dieses Jahrhunderts gepr\u00e4gt sind und auf dessen Problemstellungen reagierten. Genauer zu kl\u00e4ren bleibt allerdings, in welchen Formen das 20. Jahrhundert bei Koselleck pr\u00e4sent ist, denn oft sind die Bez\u00fcge nur im Modus historischer R\u00fcckprojektionen (wie im Falle der Dissertationsschrift <em>Kritik und Krise<\/em>), in eklatanten Einseitigkeiten (wie in Kosellecks Genealogie der Begriffsgeschichte) oder signifikanten Aussparungen (wie etwa in Bezug auf das Werk Adornos) pr\u00e4sent. Weitere Diskussionsthemen waren Fragen nach der Korpusbildung und den Kriterien f\u00fcr die Auswahl von Grundbegriffen des 20. Jahrhunderts. In jedem Fall hat die Tagung sichtbar gemacht, dass sich die Begriffsgeschichte selber in einer Schwellen- und Umbruchzeit befindet. Die F\u00fclle neuer Archivmaterialien und das politisch dringende Bed\u00fcrfnis nach historischer Durchdringung und Selbstaufkl\u00e4rung der Gegenwart erzeugen eine produktive Unruhe, die das von Ernst M\u00fcller angek\u00fcndigte Lexikon zu Grundbegriffen des 20. Jahrhunderts hoffentlich befl\u00fcgeln wird.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Vgl. Christian Geulen, <a href=\"https:\/\/zeithistorische-forschungen.de\/1-2010\/id%3D4488\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Pl\u00e4doyer f\u00fcr eine Geschichte der Grundbegriffe des 20. Jahrhunderts<\/a>, in: Zeithistorische Forschungen\/Studies in Contemporary History 7 (2010), H. 1, S. 79-97.<a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\"><\/a><\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><em><span style=\"color: #e63348;\">Der Kulturwissenschaftler <a style=\"color: #e63348;\" href=\"http:\/\/www.zfl-berlin.org\/person\/schmieder.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Falko Schmieder<\/a> arbeitet im ZfL-Forschungsprojekt <a style=\"color: #e63348;\" href=\"http:\/\/www.zfl-berlin.org\/begriffsgeschichte.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Theorie und Konzept einer interdisziplin\u00e4ren Begriffsgeschichte<\/a>.<\/span> <\/em><\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><span style=\"font-weight: 400;\">VORGESCHLAGENE ZITIERWEISE: Falko Schmieder: Reinhart Koselleck und die Begriffsgeschichte des 20. Jahrhunderts. Ein Tagungsbericht, in: ZfL BLOG, 2.7.2018, [<a href=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2018\/07\/02\/falko-schmieder-reinhart-koselleck-und-die-begriffsgeschichte-des-20-jahrhunderts-ein-tagungsbericht\/\">https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2018\/07\/02\/falko-schmieder-reinhart-koselleck-und-die-begriffsgeschichte-des-20-jahrhunderts-ein-tagungsbericht\/<\/a><\/span><span style=\"font-weight: 400;\">].<\/span><span style=\"font-weight: 400;\"><br \/>\n<\/span><span style=\"font-weight: 400;\">DOI: <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20180702-01\">https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20180702-01<\/a><\/span><\/span><\/p>\n<p><script type=\"application\/ld+json\">\n{\n  \"@context\": \"http:\/\/schema.org\",\n  \"@type\": \"CreativeWork\",\n  \"@id\": \"https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20180702-01\",\n  \"url\": \"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2018\/07\/02\/falko-schmieder-reinhart-koselleck-und-die-begriffsgeschichte-des-20-jahrhunderts-ein-tagungsbericht\/\",\n  \"additionalType\": \"Blogpost\",\n  \"name\": \"REINHART KOSELLECK UND DIE BEGRIFFSGESCHICHTE DES 20. 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