{"id":832,"date":"2018-07-16T13:25:12","date_gmt":"2018-07-16T11:25:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/?p=832"},"modified":"2025-03-03T15:05:50","modified_gmt":"2025-03-03T13:05:50","slug":"david-kaldewey-in-the-name-of-diversity-zur-neuformierung-studentischen-protests-an-amerikanischen-unversitaeten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2018\/07\/16\/david-kaldewey-in-the-name-of-diversity-zur-neuformierung-studentischen-protests-an-amerikanischen-unversitaeten\/","title":{"rendered":"David Kaldewey: \u00bbIn the Name of Diversity\u00ab: ZUR NEUFORMIERUNG STUDENTISCHEN PROTESTS AN AMERIKANISCHEN UNIVERSIT\u00c4TEN"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Diversit\u00e4t scheint auf den ersten Blick ein wenig umstrittener gesellschaftlicher Wert zu sein. Die j\u00fcngeren Entwicklungen in der politischen Landschaft der USA haben in den letzten Jahren jedoch gezeigt, dass \u203aDiversit\u00e4t\u2039 als hochgradig umk\u00e4mpfter Begriff verstanden werden muss. Einen Tag nach der Wahl von Donald Trump am 8. November 2016 kursierte an der Texas State University folgender Flyer:<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"https:\/\/www.statesman.com\/news\/local\/texas-state-university-police-looking-into-trump-vigilante-fliers\/jhWSmmhNxxuTXZaQJiYhNI\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-833 aligncenter\" src=\"http:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/Kaldewey-300x143.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"143\" srcset=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/Kaldewey-300x143.jpg 300w, https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/Kaldewey-768x367.jpg 768w, https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/Kaldewey.jpg 800w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 85vw, 300px\" \/><\/a>Diese triumphierende Geste von Studierenden, die sich vom linksliberalen Konsens der amerikanischen Colleges und Universit\u00e4ten distanzieren, macht die Spannung sichtbar zwischen einem im universit\u00e4ren Raum seit den 1990er Jahren stabilisierten identit\u00e4tspolitischen Diskurs, f\u00fcr den Diversit\u00e4t und Multikulturalismus zentrale Werte sind, und einer alten sowie neuen Rechten, die sich, durchaus genussvoll, gegen die etablierte Political Correctness und angebliche Einschr\u00e4nkungen der Meinungsfreiheit wendet. <!--more-->Die Kritik an gewissen Formen des identit\u00e4tspolitischen Diskurses kam in den Jahren vor der Wahl Trumps aber nicht nur von rechts, sondern auch aus dem linksliberalen Milieu: \u00bbI\u2019m a liberal professor, and my liberal students terrify me\u00ab.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\"><sup>[1]<\/sup><\/a> Was damit gemeint ist, l\u00e4sst sich an Studierendenprotesten an unz\u00e4hligen Colleges und Universit\u00e4ten der USA zeigen. Die dort mittlerweile selbstverst\u00e4ndlich gewordenen Forderungen nach <em>trigger warnings<\/em> bei der Lekt\u00fcre von klassischen Texten mit potenziell belastenden Inhalten und nach <em>safe spaces<\/em>, in denen insbesondere Minderheiten sicher sind vor jeglicher Diskriminierung, bereiten sowohl konservativen als auch liberalen Professoren Sorgen um die Rede- und Meinungsfreiheit im universit\u00e4ren Raum. Dass diese Problematik sich auch im Begriff der Diversit\u00e4t b\u00fcndeln kann, zeigt ein Brief, den die Hochschulleitung des Oberlin College im Dezember 2015 erhielt und in dem eine Gruppe schwarzer Studierender 50 nicht verhandelbare Forderungen aufstellte und folgenden Vorwurf formulierte:<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\"><sup>[2]<\/sup><\/a><\/span><\/p>\n<blockquote><p><span style=\"font-family: helvetica;\">\u00bbYou include Black and other students of color in the institution and mark them with the words \u203aequity, inclusion and diversity\u2039, when in fact this institution functions on the premises of imperialism, white supremacy, capitalism, ableism, and a cissexist heteropatriarchy.\u00ab<\/span><\/p><\/blockquote>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Unterst\u00fctzung fanden die Forderungen keineswegs nur bei einer Minderheit, etwa den schwarzen Studierenden; vielmehr wurde eine entsprechende Petition im Internet von 700 Studierenden unterzeichnet. Anders als der eingangs erw\u00e4hnte (anonyme) Flyer, der an der Texas State University kursierte, stehen solche (\u00f6ffentlichen) Aussagen f\u00fcr die g\u00e4ngige Wahrnehmung und Darstellung von Diversit\u00e4t auf Seiten von Studierenden, insbesondere in den Elite-Colleges. Die Begrifflichkeit der Diversit\u00e4t erscheint also als gleicherma\u00dfen relevant f\u00fcr die Selbstbeschreibung von Protagonisten des neueren studentischen Protests wie auch f\u00fcr zynische bis feindliche Fremdbeschreibungen eben dieser identit\u00e4tspolitisch motivierten Bewegungen. Auffallend ist, dass der Begriff der Diversit\u00e4t, anders als etwa der der \u203aIdentit\u00e4t\u2039 oder der des \u203aPrivilegs\u2039 durch die Rechte nur selten \u00fcbernommen und neu besetzt, sondern schlicht als Feindbegriff verwendet wird.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Im Juli 2016 ver\u00f6ffentlichte DIE ZEIT ein Dossier, dem zufolge sich derzeit weltweit die \u00bbgr\u00f6\u00dfte Studentenbewegung seit 1968\u00ab formiere.<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\"><sup>[3]<\/sup><\/a> Das ist sicherlich \u00fcberzogen, und aus soziologischer Sicht ist es fraglich, ob und inwieweit man hier \u00fcberhaupt sinnvoll von einer neuen sozialen Bewegung sprechen kann. Dennoch bleibt die Frage, was das eigentlich f\u00fcr ein Ph\u00e4nomen ist, das offensichtlich seit Jahren den Alltag an US-amerikanischen Colleges pr\u00e4gt. Die Sozial- und Kulturwissenschaften bleiben bislang einigerma\u00dfen stumm und \u00fcberlassen die Beobachtung weitgehend den Journalisten und Intellektuellen, die allerdings angesichts der teilweise absurden Forderungen und Ereignisse nur verwundert oder am\u00fcsiert den Kopf sch\u00fctteln \u2013 man denke nur an die Ereignisse in Yale, wo Ende 2015 eine Diskussion dar\u00fcber, ob es zu begr\u00fc\u00dfen ist, wenn die Verwaltung den Studierenden Vorschriften zu angemessenen Halloweenkost\u00fcmen macht, zum R\u00fccktritt des Masters des Silliman College f\u00fchrte.<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Vor diesem Hintergrund ist es hilfreich, sich dem Ph\u00e4nomen zun\u00e4chst von der diskursiven und performativen Seite her zu n\u00e4hern. Damit er\u00f6ffnet man ein Spielfeld insbesondere f\u00fcr die Begriffsgeschichte, die das Vokabular der Bewegung historisieren und auf m\u00f6glicherweise implizit bleibende akademische Quellen hin untersuchen kann. An die Stelle polemischer Kommentierung k\u00f6nnte dann etwa eine Art <em>Historisches W\u00f6rterbuch des neuen studentischen Protests<\/em> treten, das Eintr\u00e4ge zu Leitbegriffen wie <em>cultural appropriation<\/em>, <em>identity politics<\/em>, <em>intersectionality<\/em>, <em>microaggression<\/em>, <em>political correctness<\/em>, <em>rape culture<\/em>, <em>safe space<\/em>, <em>trigger warning<\/em> oder <em>white privilege<\/em> enthielte. Nat\u00fcrlich d\u00fcrfte in einer solchen Liste auch der Begriff der Diversit\u00e4t nicht fehlen. Allerdings handelt es sich bei \u203aDiversit\u00e4t\u2039 nicht um einen spezifisch mit der neuen Form studentischen Protests verkn\u00fcpften Begriff. Zu verorten ist \u203aDiversit\u00e4t\u2039 zun\u00e4chst in einem \u00fcbergeordneten semantischen Feld, das beispielsweise auch die Begriffe \u203aMultikulturalismus\u2039, \u203aIdentit\u00e4tspolitik\u2039 und, auch wenn das eher eine polemische Fremdbeschreibung des Diskurses ist, \u203aPolitical Correctness\u2039 enth\u00e4lt. Dieses Feld verweist auf politische Leitplanken, die nicht nur den Aktivismus der Studierenden, sondern den politischen Diskurs der USA insgesamt pr\u00e4gen. Eine kursorische Analyse mit dem Google Ngram Viewer best\u00e4tigt dabei die Eindr\u00fccke, die sich auch von der Literaturlage her aufdr\u00e4ngen. Ende der 1980er Jahre kommt es demnach \u00fcber einen Zeitraum von etwa zehn Jahren zur parallelen Karriere dieser vier zentralen Begriffe: Die Verwendungsh\u00e4ufigkeiten von <em>diversity<\/em> und <em>multiculturalism<\/em> steigen markant an; die Ausdr\u00fccke <em>identity politics<\/em> und <em>politial correctness<\/em> tauchen in diesem Zeitraum gewisserma\u00dfen aus dem Nichts auf.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Nat\u00fcrlich ist hier nicht der Ort, der Vielzahl der m\u00f6glichen Eintr\u00e4ge eines solchen W\u00f6rterbuches nachzugehen. Die folgenden Erl\u00e4uterungen beschr\u00e4nken sich auf den Begriff der Diversit\u00e4t und beleuchten dessen Funktion und Verwendungsweise in vier verschiedenen Kontexten, die letztlich auch den Hintergrund abgeben f\u00fcr die gegenw\u00e4rtigen Formen studentischen Protests an amerikanischen Hochschulen.<\/span><\/p>\n<h4><span style=\"color: #e63348; font-family: helvetica;\"><strong>Diversit\u00e4t im US-amerikanischen Alltag <\/strong><\/span><\/h4>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">In \u00bbAmerican Mosaic Project\u00ab wurden zwischen 2003 und 2014 Alltagskonzeptionen und Wahrnehmungen von Diversit\u00e4t in vier US-amerikanischen Metropolregionen untersucht. Dabei konnten verschiedene Widerspr\u00fcche, Ambivalenzen und Spannungen sichtbar gemacht werden: Einerseits, so die Autoren der Studie, seien Amerikaner offen und euphorisch, wenn sie darauf angesprochen werden, was Diversit\u00e4t f\u00fcr sie bedeute. Andererseits zeige sich insbesondere in der Face-to-face-Kommunikation, dass die meisten Befragten trotz dieser grunds\u00e4tzlich positiven Einstellung Schwierigkeiten haben, zu erkl\u00e4ren, was genau sie an Diversit\u00e4t als positiv und n\u00fctzlich erachten. Wenn nach konkreten Erfahrungen gefragt wurde, drehten sich diese meist um die Interaktion mit Angeh\u00f6rigen anderer Ethnien (\u00bbracial others\u00ab). Entsprechend beschreibt Douglas Hartmann, einer der Projektleiter, den US-amerikanischen Diversit\u00e4tsdiskurs als \u00bbdeeply structured and informed [&#8230;] by the language and experiences with race.\u00ab<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\"><sup>[5]<\/sup><\/a> Diese Diagnose deckt sich mit der des Literaturwissenschaftlers Walter Benn Michaels, der dar\u00fcber hinaus die These formulierte, dass die identit\u00e4tspolitische Zelebrierung von kultureller Diversit\u00e4t \u2013 sowie die Engf\u00fchrung von Diversit\u00e4t auf die Kategorie \u00bbrace\u00ab \u2013 die latente Funktion habe, nicht \u00fcber \u00f6konomische Ungleichheit sprechen zu m\u00fcssen.<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\"><sup>[6]<\/sup><\/a><\/span><\/p>\n<h4><span style=\"font-family: helvetica;\"><strong><span style=\"color: #e63348;\">Diversit\u00e4t in den US-amerikanischen Sozial- und Kulturwissenschaften<\/span> <\/strong><\/span><\/h4>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Im den US-amerikanischen Sozial- und Kulturwissenschaften ist Diversit\u00e4t untrennbar verbunden mit der Trias von <em>race<\/em>, <em>class<\/em> und <em>gender<\/em>. In einem 1992 erschienenen Band zur Political-Correctness-Debatte hatte Paul Berman die These formuliert, dass die seit den 1960er Jahren aus Frankreich und Deutschland importierte Philosophie und kritische Theorie in eine spezifisch US-amerikanische Melange transponiert wurde: An die Stelle von Marx, Nietzsche, Saussure, Heidegger, Foucault, Marcuse, Derrida etc. sei ein \u00bbrace\/class\/gender-ism\u00ab getreten. Bemerkenswert ist, dass Berman hier eine Theorie ohne Autor pr\u00e4sentiert. Es gebe keinen Klassiker, keine Autorit\u00e4t, keine verbindliche Definition, so dass der neue theoretische \u00dcberbau nur als Karikatur zug\u00e4nglich sei: \u00bbculture and language are themselves only reflections of various social groups, which are defined by race, gender, and sexual orientation.\u00ab<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\"><sup>[7]<\/sup><\/a> Gegen\u00fcber Berman spitzt Michaels die Kritik an dieser Trias zu und problematisiert die Parallelisierung von <em>racism<\/em>, <em>sexism<\/em> und <em>classism<\/em> \u2013 denn was, so Michaels, kann mit Klassismus in diesem Zusammenhang \u00fcberhaupt gemeint sein? Seine Antwort: In der identit\u00e4tspolitischen Logik sind Individuen nicht deshalb benachteiligt, weil sie arm sind und \u00fcber keine Ressourcen verf\u00fcgen, sondern weil ihre Mitmenschen sie diskriminieren, weil sie arm sind. Michaels stellt entsprechend die Frage, ob der Sache wirklich gedient sei, wenn es nicht mehr darum gehe, Ungleichheiten abzubauen, sondern Armut als eigene Diversit\u00e4tsdimension, letztlich als bewahrenswerten Aspekt von Identit\u00e4t zu begreifen.<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\"><sup>[8]<\/sup><\/a><\/span><\/p>\n<h4><span style=\"font-family: helvetica;\"><strong><span style=\"color: #e63348;\"> Diversit\u00e4t in Urteilen des US Supreme Court<\/span> <\/strong><\/span><\/h4>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Ein dritter wichtiger Bereich, in dem Fragen der Diversit\u00e4t mit hochschulpolitischen Fragen verkn\u00fcpft werden, sind die Urteile des US Supreme Court zur Frage, ob Affirmative Action eine Diskriminierung wei\u00dfer Studierender bedeutet. Das historisch wahrscheinlich wichtigste Urteil hierzu erging im Verfahren <em>Bakke vs. Regents of the University of California<\/em> (1978), in dessen Verlauf die neun Verfassungsrichter insgesamt sechs verschiedene Meinungen vorlegten. Ausschlaggebend war am Ende die Stellungnahme von Richter Lewis P. Powell, die darauf hinauslief, dass zwar das in diesem Fall beanstandete Zulassungssystem nicht verfassungskonform sei, dass es aber grunds\u00e4tzlich legitim sei, wenn Universit\u00e4ten in ihrer Zulassungspolitik die Ethnizit\u00e4t eines Bewerbers als Kriterium verwenden. Als Begr\u00fcndung daf\u00fcr pr\u00e4sentierte Powell die Idee, dass die Diversit\u00e4t des Studierendenk\u00f6rpers insgesamt ein legitimes Interesse der Universit\u00e4t sowie der einzelnen Studierenden sei, da diese alle durch den Kontakt mit anderen Kulturen und Meinungen profitierten. Die Geschichte der Verbindung von Affirmative Action und Diversit\u00e4t ist mit diesem Urteil keineswegs abgeschlossen, eine Reihe von weiteren Prozessen in verschiedenen Bundesstaaten und auch weitere Supreme-Court-Urteile haben die H\u00fcrden f\u00fcr Formen positiver Diskriminierung weiter erh\u00f6ht. Was bleibt, ist eine historisch bedingte Verflechtung des Diversit\u00e4tsdiskurses mit Gerichtsurteilen und einer verfassungsrechtlich durchaus umstrittenen Antwort auf die Frage, weshalb Diversit\u00e4t an Hochschulen ein besonderes und sch\u00fctzenswertes Allgemeingut ist.<\/span><\/p>\n<h4><span style=\"font-family: helvetica;\"><strong><span style=\"color: #e63348;\"> Diversit\u00e4t im Blick der Hochschulverwaltungen<\/span> <\/strong><\/span><\/h4>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Ein vierter wichtiger Kontext der Darstellung von Diversit\u00e4t sind die Selbstdarstellungen von Universit\u00e4ten bzw. Universit\u00e4tsverwaltungen. Im Blick auf die Diskussion um Affirmative Action ist es zun\u00e4chst instruktiv, wie amerikanische Universit\u00e4ten offizielle Statistiken und Schaubilder zur ethnischen Zusammensetzung der Studierenden sowie des Lehrk\u00f6rpers publizieren. Differenziert wird in erster Linie nach den auf ethnischer Abstammung beruhenden identit\u00e4tspolitischen Kategorien (\u00bbWhite\u00ab, \u00bbHispanic\u00ab, \u00bbAfrican American\u00ab, \u00bbNative American\u00ab). Insbesondere die hochkompetitiven Colleges und Universit\u00e4ten publizieren Zulassungsstatistiken, die nach Geschlecht und Ethnizit\u00e4t differenzieren, wobei Ethnizit\u00e4t sich jeweils nur auf US-B\u00fcrger bezieht und unterschieden wird von \u00bbinternational students\u00ab. Diversit\u00e4t, so scheint es, wird durch nationale Minderheiten, nicht aber durch internationale Studierende gef\u00f6rdert. Einflussreicher als solche Darstellungen des Studierendenk\u00f6rpers ist die Institutionalisierung des Ideals der Diversit\u00e4t in Form eines Diversity Managements. Zu diesem Ph\u00e4nomen, und eben auch zu diesem Begriff, w\u00e4re mehr zu sagen, als an dieser Stelle m\u00f6glich ist. Erw\u00e4hnt sei nur, dass die Etablierung von Diversity Management an Hochschulen in den USA oft als eine Art Konfliktberuhigung betrieben wird, also unmittelbar auf Forderungen von Studierenden reagiert, w\u00e4hrend es beispielsweise in Deutschland eher eine Top-down-Strategie ist, die auf einen einigerma\u00dfen stabilen politischen Konsens zur\u00fcckgef\u00fchrt werden kann \u2013 den Studierende und Lehrende weitgehend teilen, ohne sich aber sonderlich daf\u00fcr zu engagieren.<\/span><\/p>\n<h4><span style=\"color: #e63348; font-family: helvetica;\"><strong> Diversit\u00e4t der Diversit\u00e4t<\/strong><\/span><\/h4>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Abschlie\u00dfend sei die Frage gestellt, ob dem Diversit\u00e4tsbegriff im Kontext der amerikanischen Studierendenproteste eine verengende oder eine horizonterweiternde Funktion zukommt. Zun\u00e4chst k\u00f6nnte man vermuten, dass der Begriff die identit\u00e4tspolitische Verengung von Identit\u00e4t auf Ethnizit\u00e4t zu korrigieren vermag: Explizite Definitionen von Diversit\u00e4t verweisen ja immer auf die Vielzahl von Unterscheidungen neben der klassischen Kategorie der Ethnizit\u00e4t. Andererseits entsteht genau deshalb aber auch eine diskursive Verengung: Wenn der Begriff der Diversit\u00e4t sehr verschiedene Kategorien in die Form einer Liste bringt, dann kann dies dazu f\u00fchren, dass alle <em>items<\/em> auf der Liste nach der identit\u00e4tspolitischen Logik gedacht werden. Das war der Punkt, den Autoren wie Berman oder Michaels an der akademischen Diversit\u00e4tstrias <em>race<\/em>, <em>class<\/em> und <em>gender<\/em> kritisiert hatten. Liest man vor diesem Hintergrund aktuelle Studien zum studentischen Aktivismus, dann stellt sich durchaus der Verdacht ein, dass g\u00e4ngige Vorstellungen von Diversit\u00e4t gewisserma\u00dfen wenig konzeptionelle Diversit\u00e4t in sich selbst zulassen. So schreibt Robert Rhoads in einem aktuellen Beitrag zur US-amerikanischen studentischen Protestkultur einleitend \u00fcber sein Vorgehen im Text: \u00bbI pay particular attention to race and racial issues, but consider other aspects of diversity as well.\u00ab<a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\"><sup>[9]<\/sup><\/a> \u2013 Die anderen Aspekte klingen damit sehr nach \u203aunter ferner liefen\u2039. Hier m\u00fcsste sorgf\u00e4ltiger reflektiert werden, ob und inwieweit diese anderen Aspekte von Diversit\u00e4t auch anders konzipiert werden k\u00f6nnen als die besagten \u00bbracial issues\u00ab oder ob letztere eben die Vorlage, das Muster sind, nach dem s\u00e4mtliche Diversit\u00e4tskategorien gedacht werden. Wenn dem so w\u00e4re, dann w\u00e4re Diversit\u00e4t eine Semantik, die Kategorien eher vereinheitlicht und gerade nicht diversifiziert.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\"><sup>[1]<\/sup><\/a> Edward Schlosser: I\u2019m a liberal professor, and my liberal students terrify me. Vox, 03.06.2015, <a href=\"https:\/\/www.vox.com\/2015\/6\/3\/8706323\/college-professor-afraid\">https:\/\/www.vox.com\/2015\/6\/3\/8706323\/college-professor-afraid<\/a>.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\"><sup>[2]<\/sup><\/a> Heller, Nathan: The Big Uneasy. What\u2019s roiling the liberal-arts campus? The New Yorker, 30.05.2016, <a href=\"http:\/\/www.newyorker.com\/magazine\/2016\/05\/30\/the-new-activism-of-liberal-arts-colleges\">http:\/\/www.newyorker.com\/magazine\/2016\/05\/30\/the-new-activism-of-liberal-arts-colleges<\/a>.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\"><sup>[3]<\/sup><\/a> Rudi Novotny\/ Pham Khu\u00ea\/ Marie Schmidt: Die neuen Radikalen. DIE ZEIT, 14.07.2016.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> David Kaldewey: Der Campus als \u203aSafe Space\u2039. Zum theoretischen Unterbau einer neuen Bewegung. <em>Mittelweg 36<\/em> (2017), Heft 4\/5, S. 132\u2013153.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\"><sup>[5]<\/sup><\/a> Douglas Hartmann: Reflections on Race, Diversity, and the Crossroads of Multiculturalism. <em>The Sociological Quarterly<\/em> 56 (2015), Nr. 4, S. 623\u2013639, hier S. 631.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\"><sup>[6]<\/sup><\/a> Walter Benn Michaels: The Trouble with Diversity: How We Learned to Love Identity and Ignore Inequality. New York 2006.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\"><sup>[7]<\/sup><\/a> Paul Berman (Hg.): Debating P.C. \u2013 The Controversy over Political Correctness on College Campuses. New York 1992, S. 14.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\"><sup>[8]<\/sup><\/a> Walter Benn Michaels: The Trouble with Diversity: How We Learned to Love Identity and Ignore Inequality, New York 2006, S. 106.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\"><sup>[9]<\/sup><\/a> Robert A. Rhoads: Student Activism, Diversity, and the Struggle for a Just Society. <em>Journal of Diversity in Higher Education<\/em> 9 (2016), Nr. 3, S. 189\u2013202, hier S. 190.<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"https:\/\/www.fiw.uni-bonn.de\/wissenschaftsforschung\/team\/kaldewey\/copy_of_david-kaldewey\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><span style=\"color: #e63348;\"><em>David Kaldewey<\/em><\/span><\/a><span style=\"color: #e63348;\"><em> ist <span id=\"parent-fieldname-description\" class=\"\"> Professor f\u00fcr \u00bbWissenschaftsforschung und Politik\u00ab und Direktor der Abteilung Wissenschaftsforschung am <\/span>Forum Internationale Wissenschaft in Bonn.<\/em><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #e63348; font-family: helvetica;\"><em>Der Text geht zur\u00fcck auf seinen Vortrag bei der Jahrestagung des ZfL, <a style=\"color: #e63348;\" href=\"http:\/\/www.zfl-berlin.org\/veranstaltungen-detail\/items\/diversitaet-darstellen.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u00bbDiversit\u00e4t darstellen\u00ab<\/a> (11.\/12.1.2018), die wir auf dem ZfL BLOG in loser Folge dokumentieren. Bislang erschienen sind die <a style=\"color: #e63348;\" href=\"http:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2018\/05\/24\/mona-koerte-georg-toepfer-stefan-willer-einleitung-zur-zfl-jahrestagung-diversitaet-darstellen-11-12-januar-2018\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u00bbEinleitung\u00ab<\/a> zur Tagung von Mona K\u00f6rte, Georg Toepfer und Stefan Willer und <a style=\"color: #e63348;\" href=\"http:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2018\/06\/07\/jutta-mueller-tamm-ordnung-des-diversen-typeneinteilungen-um-1900\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u00bbOrdnung des Diversen. Typeneinteilungen um 1900\u00ab<\/a> von Jutta M\u00fcller-Tamm<a style=\"color: #e63348;\" href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\"><\/a>.<\/em><\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><span style=\"font-weight: 400;\">VORGESCHLAGENE ZITIERWEISE: David Kaldewey: \u00bbIn the Name of Diversity\u00ab: Zur Neuformierung studentischen Protests an amerikanischen Universit\u00e4ten, in: ZfL BLOG, 16.7.2018, [<a href=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2018\/07\/16\/david-kaldewey-in-the-name-of-diversity-zur-neuformierung-studentischen-protests-an-amerikanischen-unversitaeten\/\">https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2018\/07\/16\/david-kaldewey-in-the-name-of-diversity-zur-neuformierung-studentischen-protests-an-amerikanischen-unversitaeten\/<\/a><\/span><span style=\"font-weight: 400;\">].<\/span><span style=\"font-weight: 400;\"><br \/>\n<\/span><span style=\"font-weight: 400;\">DOI:<\/span> <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20180716-01\">https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20180716-01<\/a><\/span><\/p>\n<p><script type=\"application\/ld+json\">\n{\n  \"@context\": \"http:\/\/schema.org\",\n  \"@type\": \"CreativeWork\",\n  \"@id\": \"https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20180716-01\",\n  \"url\": \"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2018\/07\/16\/david-kaldewey-in-the-name-of-diversity-zur-neuformierung-studentischen-protests-an-amerikanischen-unversitaeten\/\",\n  \"additionalType\": \"Blogpost\",\n  \"name\": \"\u00bbIn the Name of Diversity\u00ab: ZUR NEUFORMIERUNG STUDENTISCHEN PROTESTS AN AMERIKANISCHEN UNIVERSIT\u00c4TEN\",\n  \"author\": {\n    \"name\": \"David Kaldewey\",\n    \"givenName\": \"David\",\n    \"familyName\": \"Kaldewey\",\n    \"@type\": \"Person\"\n  },\n  \"inLanguage\": \"de\",\n  \"dateCreated\": \"2018-07-16\",\n  \"datePublished\": 2018,\n  \"publisher\": {\n    \"@type\": \"Organization\",\n    \"name\": \"Leibniz-Zentrum f\u00fcr Literatur- und Kulturforschung \"\n  },\n  \"provider\": {\n    \"@type\": \"Organization\",\n    \"name\": \"datacite\"\n  }\n}\n<\/script><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Diversit\u00e4t scheint auf den ersten Blick ein wenig umstrittener gesellschaftlicher Wert zu sein. Die j\u00fcngeren Entwicklungen in der politischen Landschaft der USA haben in den letzten Jahren jedoch gezeigt, dass \u203aDiversit\u00e4t\u2039 als hochgradig umk\u00e4mpfter Begriff verstanden werden muss. Einen Tag nach der Wahl von Donald Trump am 8. November 2016 kursierte an der Texas State <a class=\"read-more-link\" href=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2018\/07\/16\/david-kaldewey-in-the-name-of-diversity-zur-neuformierung-studentischen-protests-an-amerikanischen-unversitaeten\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[58],"tags":[59,219,60,215,218,217,216,214],"class_list":["post-832","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-jahresthema-diversitaet","tag-begriffsgeschichte","tag-diskursanalyse","tag-diversitaet","tag-identitaetspolitik","tag-multikulturalismus","tag-political-correctness","tag-universitaet","tag-usa"],"post_mailing_queue_ids":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/832","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=832"}],"version-history":[{"count":10,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/832\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3653,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/832\/revisions\/3653"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=832"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=832"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=832"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}