{"id":905,"date":"2018-10-16T11:21:01","date_gmt":"2018-10-16T09:21:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/?p=905"},"modified":"2025-03-03T14:53:32","modified_gmt":"2025-03-03T12:53:32","slug":"clara-fischer-der-kiezkoenig-von-berlin-eine-figur-zwischen-ostrock-und-gangsta-rap","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2018\/10\/16\/clara-fischer-der-kiezkoenig-von-berlin-eine-figur-zwischen-ostrock-und-gangsta-rap\/","title":{"rendered":"Clara Fischer: DER KIEZK\u00d6NIG VON BERLIN. Eine Figur zwischen Ostrock und Gangsta-Rap"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: helvetica;\">In den 1970er Jahren erlebten viele DDR-Rockbands eine Bl\u00fcte, die noch zehn Jahre zuvor undenkbar gewesen war. Hatte die Obrigkeit lange Zeit vergeblich versucht, die im Verborgenen gespielte Rockmusik zu verbieten, so gedachte man sie nun durch Anerkennung zu domestizieren. Die ersten Rockbands wurden in die Rundfunksender gelassen, die ersten Ostrock-LPs gepresst. Diese Zugest\u00e4ndnisse waren nat\u00fcrlich mit Auflagen verbunden. Eine davon: Gesungen werden durfte nur auf Deutsch! So etablierte sich in der DDR die erste deutschsprachige Rockmusik und zudem ein spezifischer \u203aliedhafter\u2039 Rock, denn die Musiker verstanden sich keineswegs als Sprachrohre des Regimes, sondern teilten in metaphernreichen, lyrischen Texten ihre Botschaften von Freiheit dem Publikum mit.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><!--more--><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Von Bedeutung blieb dar\u00fcber hinaus eine starke Orientierung an Rockmusik aus dem Westen, was zu einer Vielzahl an Experimenten f\u00fchrte. Das Lied <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=5aSDV-IqHVw\"><em>Der King vom Prenzlauer<\/em> <em>Berg<\/em><\/a> (1978) von der Band City ist beispielsweise am Hard Rock ausgerichtet. Dem entspricht der Songtext: Hier ist nichts verklausuliert, sondern verschlagwortet. Der Protagonist Nobi h\u00e4lt sich f\u00fcr den \u203aKing\u2039 des Prenzlauer Berg, ein Stadtteil, der in dem Song nicht n\u00e4her charakterisiert wird. Das ist offenbar auch nicht n\u00f6tig, denn jeder wei\u00df, wof\u00fcr der legend\u00e4re Prenzlauer Berg steht: Im 19. Jahrhundert siedelten sich hier im Zuge der Industrialisierung zahlreiche metallverarbeitende Firmen an und mit ihnen sprossen dicht gebaute Arbeiterwohnungen aus dem Boden. Schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts stand das Viertel f\u00fcr spekulativen Wohnungsbau und die Ausbeutung der arbeitenden Bev\u00f6lkerung, ein sozialer Brennpunkt. In der DDR blieben Sanierungsprogramme die Ausnahme, das durch den Mauerbau an den Stadtrand gedr\u00e4ngte Gebiet war von Leerstand gepr\u00e4gt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Ein Ort also, der in den 1970ern alles ist au\u00dfer b\u00fcrgerlich und damit ideal f\u00fcr junge M\u00e4nner, die sich am Rande des Gesetzes bewegen. Nobi treibt es aber zu weit, denn er jagt zusammen mit seinen Freunden den Leuten nicht nur Angst und Schrecken ein, sondern h\u00e4lt sich sogar f\u00fcr die Nummer eins \u2013 bis seine Kumpels ihm nach einer Schl\u00e4gerei einheizen und er erkennen muss, dass \u00bbihm der Thron genommen war\u00ab. Nun gilt: \u00bbEr <em>war<\/em> der King vom Prenzlauer Berg\u00ab, denn Solidarit\u00e4t ist wichtiger als die St\u00e4rke des Einzelnen. Wer sich \u00fcber seine Freunde erhebt, steht ganz schnell alleine da.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Gleiches gilt f\u00fcr den Rap in Deutschland nach 2000, auch wenn hier die \u203aKings\u2039 zumindest dem Namen nach wie Pilze aus dem Boden sprie\u00dfen. W\u00e4hrend in den 1990er Jahren noch eine Art \u00bbMittelstandsrap\u00ab (Baier) den deutschen Hip-Hop dominierte, etablierte sich nach der Jahrtausendwende der Gangsta-Rap, der sich mit seinen harten Texten am afroamerikanischen Rap und dessen mythischem Ursprungsort, der South Bronx in New York, orientiert. In Deutschland sind es vor allem junge M\u00e4nner mit einer famili\u00e4ren Migrationsgeschichte, die aus einer (vermeintlichen) Randposition heraus typische Narrative von Widerstand, Gewalt und Hypermaskulinit\u00e4t bedienen. Die Gro\u00dfstadt mit ihren Spannungen zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Klassen, regionaler und globaler Kultur, Zentrum und Peripherie ist dabei f\u00fcr den Gangsta-Rap unabdingbar (vgl. Stemmler): Rasch wurde Berlin zur Hauptstadt dieser Stilrichtung in Deutschland<strong>. <\/strong><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Die Vielzahl an Berlin-Songs im Rap zu \u00fcberblicken, ist schier unm\u00f6glich. Typischerweise wird die Stadt als Ort eines t\u00e4glichen \u00dcberlebenskampfs charakterisiert. Sie wird aber auch verherrlicht, denn das \u203arappende Ich\u2039 hat es in dem Untergrund-Milieu ganz nach oben geschafft. Diese Art \u00bbNegatividealisierung\u00ab (Gruber) entfaltet noch mehr Wirkung, wenn nicht die abstrakte Gro\u00dfstadt, sondern der zum \u203aGhetto\u2039 stilisierte Bezirk das Zentrum der Erz\u00e4hlung bildet.<\/span><\/p>\n<blockquote><p><span style=\"font-family: helvetica;\">\u00bbIhr wollt\u2019n Ghettolied? \u2013 Auf einem Ghettobeat?<br \/>\nKomm\u2019 nach Wedding \u2013 dann wisst ihr, wo das Ghetto liegt!\u00ab, <\/span><\/p><\/blockquote>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">rappt Massiv im <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=yQ3FseNQxwc\"><em>Ghettolied<\/em><\/a> (2006). Der geb\u00fcrtige Rheinland-Pf\u00e4lzer muss aber die Verteidigung hinterherschieben: <\/span><\/p>\n<blockquote><p><span style=\"font-family: helvetica;\">\u00bbAch was, ich bin kein Berliner?<br \/>\nChe Guevara war auch kein Kubaner\u00ab.<\/span><\/p><\/blockquote>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"> Denn die \u203aAuthentizit\u00e4t\u2039 oder \u203aRealness\u2039 spielt im Rap eine wichtige Rolle, und wer schon nicht aus Berlin kommt, muss zumindest glaubhaft machen, mit der Stadt verwachsen zu sein.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Entsprechend betonen geb\u00fcrtige Berliner wie Sido in <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=0UKtOhLVeyA\"><em>Mein Block<\/em><\/a> (2003) ihre Herkunft (in diesem Fall das M\u00e4rkische Viertel), um ihre \u203aStreet Credibility\u2039 zu erh\u00f6hen. Solidarit\u00e4t mit dem eigenen Milieu ist aber auch im Gangsta-Rap wichtig: Die \u203aKings\u2039 sind ihren \u00bbBr\u00fcdern\u00ab und \u00bb\u00fcbergeilen Nachbarn\u00ab treu und \u203adissen\u2039 den B\u00fcrger in seinem Einfamilienhaus oder den zugezogenen Rapper. Stets sind es die Problemkieze, die zur Identifikation dienen. Besungen werden das M\u00e4rkische Viertel, Wedding, Kreuzberg, Neuk\u00f6lln \u2013 aber nicht mehr der Prenzlauer Berg. Schon sein Nicht-Auftauchen im Gangsta-Rap weist darauf hin, dass er offenbar einen historischen Wandel durchlaufen hat.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Das ist auch dem \u00bbMittelstandsrapper\u00ab Max Herre aufgefallen, der 2004 seinen <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=PvDGwR1do2c\"><em>King vom Prenzlauer Berg<\/em><\/a> ver\u00f6ffentlicht. In diesem Song sampelt er die Refrainzeile \u00bbUnd in seinen Gedanken ist er der King vom Prenzlauer Berg\u00ab von <em>City<\/em>. Max Herre erz\u00e4hlt nicht mehr die Geschichte eines \u00fcberm\u00fctigen Rockers, sondern die des \u00bbkompletten Berlin-Hipsters\u00ab. Das Feindbild mit all seinen Klischees: ein zugezogener Schwabe, in der IT-Branche t\u00e4tig, prahlt vor dem Rapper mit seinen beruflichen Projekten und internationalen Vernetzungen. Kurz: ein Blender, der, wie es in dem Song hei\u00dft, \u00bbwirklich stereotypisch f\u00fcr die anthropologische Entwicklung dieser Region in den letzten Jahren\u00ab steht. Durch seine Artikulationsf\u00e4higkeit disqualifiziert sich das rappende Ich als F\u00fcrsprecher eines Arbeitervierteles allerdings selbst, und auch die eigene Stuttgarter Herkunft bekennt Max Herre in dem Song offen. Die Gentrifizierung wird also ironisch, n\u00e4mlich aus Sicht eines Gentrifizierers, problematisiert, gleichzeitig aber die Verbundenheit mit dem legend\u00e4ren Stadtteil betont. Auch f\u00fcr den \u00bbMittelstandsrap\u00ab ist die Identifikation mit quasimythischen Orten von Bedeutung.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Und die Kiezk\u00f6nigin? Die kommt relativ kurz. Wenn in der Popmusik ohnehin ein M\u00e4nner\u00fcberhang auff\u00e4llt, so gilt dies f\u00fcr den Rap in besonderer Weise. Nur eine <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=Wvsz90XI1Kg\"><em>K\u00f6nigin von Kreuzberg<\/em><\/a> konnte gefunden werden, die Prinz Pi 2011 besingt. Der Rapper preist das Berliner M\u00e4dchen, das sich nicht um Regeln schert und allen Weiblichkeitsklischees widerspricht. W\u00e4hrend andere junge Frauen \u00bbso individuell\u00ab sind, dass \u00bbsie wieder alle gleich\u00ab sind, randaliert die K\u00f6nigin von Kreuzberg am 1. Mai, s\u00e4uft alle unter den Tisch, ist weder sch\u00f6n noch reich, sondern einfach \u00bbfrei\u00ab. Sie ist die einzige Kiezk\u00f6nigin, die diesen Status als unsolidarischer Solit\u00e4r behalten darf, wenn auch nur, weil er ihr vom Mann zugesprochen wurde.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Letztendlich bleibt der Kiezk\u00f6nig ein Paradox. Ob bei City oder in den verschiedenen Rap-Richtungen: Die Identifikation mit dem Problemkiez ist in der Popmusik einerseits ein wichtiges Zeichen f\u00fcr Unabh\u00e4ngigkeit und Widerstand. Andererseits ist sie eine Gratwanderung, denn der Querulant darf sich eben nicht wie ein absolutistischer Herrscher \u00fcber alles und jeden erheben, sondern muss Milieutreue beweisen \u2013 und damit auch seinen Zuh\u00f6rern die M\u00f6glichkeit geben, sich als gleichberechtigten Teil dieses Milieus zu imaginieren. Dabei f\u00e4llt der Milieuschutz auf, den nach 2000 fast jeder Rap-Song betreibt, indem das B\u00fcrgertum und zugezogene Yuppies als sch\u00e4dliche Einfl\u00fcsse diskreditiert werden. Eine solcher Protektionismus war in den 1970er Jahren offensichtlich noch nicht n\u00f6tig. Eines aber haben die unterschiedlichen Erz\u00e4hlungen aus unterschiedlichen Jahrhunderten gemeinsam: Jeder Berliner Kiezk\u00f6nig entpuppt sich als Phantasma.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><strong>Weiterf\u00fchrende Literatur<\/strong><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">1. <strong>Ostrock<\/strong><br \/>\nChristian Hentschel\/Peter Matzke: Als ich fortging \u2026 Das gro\u00dfe DDR-Rock-Buch, Berlin 2007.<br \/>\nBernd Lindner: DDR Rock &amp; Pop, K\u00f6ln 2008.<br \/>\nMichael Rauhut: Rock in der DDR. 1964 bis 1989, Bonn 2002.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">2. <strong>Deutschsprachiger Rap<\/strong><br \/>\nAngelika Baier: \u00bbIch muss meinen Namen in den Himmel schreiben\u00ab. Narration und Selbstkonstitution im deutschsprachigen Rap, T\u00fcbingen 2012.<br \/>\nJohannes Gruber: Performative Lyrik und lyrische Performance. Profilbildung im deutschen Rap, Bielefeld 2017.<br \/>\nAyla G\u00fcler Saied: Rap in Deutschland. Musik als Interaktionsmedium zwischen Partykultur und urbanen Anerkennungsk\u00e4mpfen, Bielefeld 2012.<br \/>\nSusanne Stemmler: Die Stadt erz\u00e4hlen: Hip-Hop in Berlin, in: Berlin \u2013 Madrid. Postdiktoriale Gro\u00dfstadtliteratur, hg. v. Katja Carrillo Zeiter\/Berit Callsen, Berlin 2011, S. 137\u2013145.<br \/>\nFabian Wolbring: Die Poetik des deutschsprachigen Rap, G\u00f6ttingen 2015.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">3. <strong>Prenzlauer Berg<\/strong><br \/>\nKlaus Grosinski: Prenzlauer Berg. Eine Chronik, 2., erweiterte Auflage, Berlin 2008.<br \/>\nAlexander Haeder\/Ulrich W\u00fcst: Prenzlauer Berg. Besichtigung einer Legende, Berlin 1994.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><em><span style=\"color: #e63348;\">Die Germanistin Clara Fischer promoviert am ZfL in dem Projekt <a style=\"color: #e63348;\" href=\"http:\/\/www.zfl-berlin.org\/projekt\/experimentierfeld-versepos-19181933.html\">Experimentierfeld Versepos (1918\u20131933)<\/a>. Dieser Beitrag war Teil des Programms \u00bbScience is Pop! Kurzvortr\u00e4ge und H\u00f6rbeispiele zur Berliner Musikkultur\u00ab, das am 28.8.2018 vom ZfL im Museum f\u00fcr Kommunikation Berlin im Rahmen der Ausstellung \u00bb<a style=\"color: #e63348;\" href=\"https:\/\/www.mfk-berlin.de\/oh-yeah\/\">Oh Yeah! Popmusik in Deutschland<\/a>\u00ab pr\u00e4sentiert wurde.<\/span><\/em><\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><span style=\"font-weight: 400;\">VORGESCHLAGENE ZITIERWEISE: Clara Fischer: Der Kiezk\u00f6nig von Berlin. Eine Figur zwischen Ostrock und Gangsta-Rap, in: ZfL BLOG, 16.10.2018, [<a href=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2018\/10\/16\/clara-fischer-der-kiezkoenig-von-berlin-eine-figur-zwischen-ostrock-und-gangsta-rap\/\">https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2018\/10\/16\/clara-fischer-der-kiezkoenig-von-berlin-eine-figur-zwischen-ostrock-und-gangsta-rap\/<\/a><\/span><span style=\"font-weight: 400;\">].<\/span><span style=\"font-weight: 400;\"><br \/>\n<\/span><span style=\"font-weight: 400;\">DOI:<\/span> <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20181016-01\">https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20181016-01<\/a><\/span><\/p>\n<p><script type=\"application\/ld+json\">\n{\n  \"@context\": \"http:\/\/schema.org\",\n  \"@type\": \"CreativeWork\",\n  \"@id\": \"https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20181016-01\",\n  \"url\": \"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2018\/10\/16\/clara-fischer-der-kiezkoenig-von-berlin-eine-figur-zwischen-ostrock-und-gangsta-rap\/\",\n  \"additionalType\": \"Blogpost\",\n  \"name\": \"DER KIEZK\u00d6NIG VON BERLIN. 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