{"id":954,"date":"2018-12-17T16:21:08","date_gmt":"2018-12-17T14:21:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/?p=954"},"modified":"2025-03-03T13:38:42","modified_gmt":"2025-03-03T11:38:42","slug":"daniel-weidner-zwei-neue-biographien-von-gershom-scholem-oder-was-kann-eigentlich-eine-intellektuelle-biographie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2018\/12\/17\/daniel-weidner-zwei-neue-biographien-von-gershom-scholem-oder-was-kann-eigentlich-eine-intellektuelle-biographie\/","title":{"rendered":"Daniel Weidner: ZWEI NEUE BIOGRAPHIEN VON GERSHOM SCHOLEM. Oder: Was kann eigentlich eine intellektuelle Biographie?"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Gershom Scholem (1897\u20131982) geh\u00f6rt immer noch zu den wichtigsten deutsch-j\u00fcdischen Intellektuellen des 20. Jahrhunderts. Der Begr\u00fcnder der modernen Erforschung der Kabbala, der engagierte und kritische Zionist, der Zeitgenosse und Freund Walter Benjamins und vieler anderer Intellektueller war eine komplexe Gestalt. Die in den letzten Jahrzehnten erschienenen Brief- und Tagebuchb\u00e4nde haben sein Bild noch reicher und vielschichtiger gemacht \u2013 und offensichtlich attraktiv f\u00fcr Biographen. Fast zeitgleich sind nun zwei Biographien Scholems erschienen, die sich an dieser Gestalt und dem sie umgebenden Nimbus abarbeiten: Amir Engels <em>Gershom Scholem. <\/em><em>An Intellectual Biography<\/em> (Chicago University Press 2017, 240 Seiten) und\u00a0Noam Zadoffs <em>Gershom Scholem. From Berlin to Jerusalem and Back <\/em>(Brandeis University Press 2018, 344 Seiten).<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a><!--more--><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><a href=\"http:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/Engel_Scholem.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-955 alignleft\" src=\"http:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/Engel_Scholem-199x300.jpg\" alt=\"\" width=\"199\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/Engel_Scholem-199x300.jpg 199w, https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/Engel_Scholem-768x1159.jpg 768w, https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/Engel_Scholem-678x1024.jpg 678w, https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/Engel_Scholem.jpg 848w\" sizes=\"auto, (max-width: 199px) 85vw, 199px\" \/><\/a>Engels Buch, als Dissertation am German Department der Stanford University entstanden, ist dezidiert skeptisch und m\u00f6chte eine \u00bbdemystified figure of Scholem\u00ab (S. 200 f.) pr\u00e4sentieren bzw. einen \u00bbdisenchanted view\u00ab (S. 202) auf seinen Gegenstand werfen. Einleitend (Kap. 1) betont Engel, es sei \u00bbimportant to carefully distinguish between what Scholem said he wanted to do and what he actually did\u00ab (S. 15). Nicht die wenigen \u203ametaphysischen\u2039 Andeutungen Scholems sollen im Zentrum stehen, sondern sein umfassendes historiographisches Werk. Zugleich m\u00fcsse man Scholem als \u00bbpoet\u00ab (S. 18) lesen, dessen Werk wie \u00bbfiction\u00ab (S. 19) eine Sinnstiftung eigenen Rechts sei. Was zun\u00e4chst vage klingt, charakterisiert das Vorgehen der Biographie, \u00bbto place Scholem\u2019s history in the context of his life story, and, in turn, to put his life story in his own historical context\u00ab (S. 22). Scholems Lebensgeschichte und seine Forschung seien Teile einer einzigen Geschichte, die in drei Schritten erz\u00e4hlt wird.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Die Darstellung beginnt (Kap. 2) mit Scholems Jugendzeit, der Abwendung vom assimilierten Milieu seiner Herkunft, der Auseinandersetzung mit Jugendbewegung, Sozialismus und Weltkrieg. Im Zentrum steht dabei das Interesse f\u00fcr den Mythos \u2013 hier wird weit ausgeholt \u00fcber \u00bbthe idea of myth in Germany\u00ab (S. 47) bis zum deutschen Idealismus, \u00fcberraschenderweise aber kaum auf die viel spezifischeren \u00dcberlegungen zur Kritik des Mythos, zu Sprache und Tradierbarkeit eingegangen, die der junge Scholem in seinen Tageb\u00fcchern entwickelt und die auch in den sp\u00e4teren Texten oft zitiert werden. Im Werk entsprechen dieser fr\u00fchen Sehnsucht nach Mythos die \u2013 allerdings erheblich sp\u00e4teren \u2013 Forschungen zum Mythos in der Kabbala (Kap. 3). Besonders die lurianische Kabbala lasse sich unter Rekurs auf neuere Forschung vor allem als Mythos der Gemeinschaft lesen, nach dem der junge Scholem gesucht hatte: \u00bbScholem\u2019s study of the lurianic myth of exile brings his mature work full circle by fulfilling his fanciful youthful aspirations\u00ab (S. 64). So erkl\u00e4re etwa die Lehre vom Tikkun die Juden zu \u00bbactive participants in the formation of World history\u00ab und transformiere sie daher \u00bbinto a nation in the modern sense\u00ab (S. 75).<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Das folgende Kapitelpaar behandelt die biographische und politische Krise, die mit Scholems Einwanderung nach Pal\u00e4stina einhergeht. Engel zeigt (Kap. 4), dass Scholem \u00bbrelatively little in common with most members of the Yishuv\u00ab (S. 107) hatte und dass sein politisches Engagement im Brit Schalom \u00bbmarginal\u00ab (S. 108) geblieben sei. Letztlich sei er Au\u00dfenseiter geblieben: \u00bbhe had felt more at home in exile than he felt now in Zion\u00ab (S. 115). Seine Lebensgeschichte sei daher viel weniger teleologisch verlaufen, als er im R\u00fcckblick behauptete: \u00bbScholem had lost not merely his influence, but, more important, that which facilitates influence, namely, a sense of belonging. His thoughts and ideas had lost their relevance\u00ab (S. 114). Im Werk entspreche dieser Krisenerfahrung und der damit einhergehenden Kritik des Zionismus die Erforschung des h\u00e4retischen Messianismus der sabbatianischen Bewegung (Kap. 5), \u00bbarguably his most provocative and compelling work\u00ab (S. 182). Engel zeichnet \u2013 erneut mit Rekurs auf die j\u00fcngere Forschung \u2013 nach, dass sich Scholems Auffassung des Sabbatianismus durchaus wandelte und jeweils verstehen lasse als \u00bbreflection on the political situation in Palestine and his disappointment at what he had discovered there\u00ab, aber auch als Versuch \u00bbto describe the roots of the spiritual confusion that he himself had experienced as a young man\u00ab (S. 128).<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Diese beiden Kapitel sind der st\u00e4rkste Teil von Engels Buch, weil hier Leben und Werk wirklich koinzidieren. Demgegen\u00fcber ist den sp\u00e4teren Jahren Scholems, in die der Gro\u00dfteil seines wissenschaftlichen Werkes f\u00e4llt, nur ein einziges eher kurzes Kapitel (Kap. 6) gewidmet. Scholem \u00e4u\u00dfert sich sp\u00e4ter nur selten \u00fcber seine Absichten und Motive, aber trotz dieses \u00bblack of hard and clear evidence\u00ab (S. 169) meint Engel hier einen \u00bbturn form the fringe to the mainstream of Zionist thinking\u00ab (S. 168) ausmachen zu k\u00f6nnen. Schon in den drei\u00dfiger Jahren habe es einen \u00bbsilent withdrawal\u00ab (S. 180) Scholems aus der politischen Aktivit\u00e4t gegeben, sp\u00e4ter zeige etwa die Kontroverse mit Arendt, \u00bbthat he himself has changed and has now, after so many years of bitter struggle, become an insider\u00ab (S. 190). Das bleibt nicht nur aufgrund der schematischen Gegen\u00fcberstellung (Insider vs. Outsider) wenig \u00fcberzeugend, sondern konzentriert sich leider auch auf allzu wenige (und bekannte) Diskussionen wie die mit Arendt und l\u00e4sst den Leser neugierig zur\u00fcck, wie denn Scholems intellektuelle Karriere nach dem Krieg verlaufen ist.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><em><a href=\"http:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/Zadoff_Scholem.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-956 alignright\" src=\"http:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/Zadoff_Scholem-199x300.jpg\" alt=\"\" width=\"209\" height=\"315\" srcset=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/Zadoff_Scholem-199x300.jpg 199w, https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/Zadoff_Scholem.jpg 634w\" sizes=\"auto, (max-width: 209px) 85vw, 209px\" \/><\/a><\/em>Gl\u00fccklicherweise liegt genau auf dieser Epoche der Schwerpunkt von Noam Zadoffs <em>Gershom Scholem.<\/em> <em>From Berlin to Jerusalem and Back<\/em>, als Dissertation an der Universit\u00e4t Jerusalem entstanden und bereits 2014 auf Hebr\u00e4isch erschienen. Der Untertitel dr\u00fcckt pr\u00e4zise das Problem aus, das jede Biographie von Scholem hat: Sie muss sich mit der m\u00e4chtigen Selbstdeutung auseinandersetzen, die Scholem in seiner Autobiographie eingef\u00fchrt hatte. Zadoff setzt konsequenterweise dort ein, wo die Autobiographie endete, bei der Ankunft in Jerusalem, und erz\u00e4hlt vor allem Scholems Leben seit den zwanziger Jahren, einzelne Exkurse greifen weiter zur\u00fcck. So stellt das erste Kapitel Scholems Immigration dar, die \u00e4u\u00dferlich problemlos verlaufen sei; es schildert den Einfluss von Chaim Nachman Bialiks Sammelprojekten und Scholems Etablierung der Kabbala als Forschungsthema am Beispiel seiner Mitarbeit an der von Jakob Klatzkin und Ismar Elbogen herausgegebenen <em>Encyclopaedia Judaica<\/em>, ohne freilich auf den Inhalt dieser Forschungen n\u00e4her einzugehen, so dass die Behauptung \u00bbthe ultimate goal of research in Kabbalah is of metaphysical or religious value\u00ab (S. 64) eher blass bleibt. Die folgenden Kapitel stellen Scholems politisches und religi\u00f6ses Engagement in der Zwischenkriegszeit dar, auch hier wird detailliert das Engagement im Brit Schalom dargestellt, der \u00bbmarginal in the Zionist consensus\u00ab geblieben sei (S. 49) und von dem sich Scholem ab 1929 zur\u00fcckgezogen habe. Seine religi\u00f6sen Ansichten entwickelt Scholem in Verbindung mit dem Ha-Ol-Kreis, wobei hier 1939 einen \u00bbcertain turning point\u00ab (S. 67) darstelle, nach dem auch sein Interesse an religi\u00f6sen Fragen nachgelassen habe.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">In Zadoffs Geschichte liegt die eigentliche Peripetie allerdings sp\u00e4ter: Der zweite Teil des Buches, mit \u00bbDespair\u00ab \u00fcberschrieben, behandelt die Reaktion auf den Holocaust. Zwar gebe es von Scholem \u00bbno direct public reference to the subject\u00ab, aber das \u00bbdoes not indicate that it had little influence on him \u2013 perhaps just the opposite\u00ab (S. 151). Zadoff zeigt (Kap. 4), dass Scholem zwar \u2013 anders als manche Zeitgenossen \u2013 dem Zionismus nicht vorwirft, zu wenig auf den Holocaust reagiert zu haben, dass dieser aber jenen grunds\u00e4tzlich problematisch machte, weil die intendierte Rettung des Judentums zu sp\u00e4t kam. Das erkl\u00e4re den heftigen Pessimismus der Kriegszeit, der etwa Scholems Kritik der Wissenschaft des Judentums pr\u00e4ge: \u00bbthe condition of Jewish studies and its direction can be seen as a metonymy for the situation and direction of Judaism\u00ab (S. 91). Im Zentrum dieses Teils und des ganzen Buches stehen die beiden Kapitel \u00fcber die Europareise, die Scholem 1946 im Rahmen der Versuche der Restitution j\u00fcdischer Bibliotheken unternimmt. In diesem auf intensiven Archivrecherchen und der Lekt\u00fcre von Scholems Tagebuch basierenden Teil \u2013 mit fast sechzig Seiten zugleich der umfangreichste des Buches \u2013 verringert sich die Distanz der Erz\u00e4hlung extrem und wir bekommen eine fast t\u00e4gliche Chronik der verschiedenen administrativen, politischen und juristischen Probleme sowie der pers\u00f6nlichen Erlebnisse: das Ringen der verschiedenen j\u00fcdischen Institutionen um die B\u00fccher, Scholems Eindr\u00fccke vom zerst\u00f6rten Europa und seiner alten Heimat, seine Begegnung mit den \u00fcberlebenden Juden, seine Verzweiflung, zu sp\u00e4t zu kommen und nichts mehr ausrichten zu k\u00f6nnen: \u00bbThese books could also easily become a symbol of the surviving Jews of Europe, who \u2013 like the books \u2013 became both a symbol of the hope for the continuity of Jewish existence and a monument to the millions who had been annihilated.\u00ab (S. 148)<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Die Tatsache, dass \u00bbthe events of the Holocaust touched very intimate and vital levels of Scholem\u2019s soul\u00ab (S. 151) bestimmt auch den dritten Teil des Buches. Denn die bittere Gleichzeitigkeit der Vernichtung der europ\u00e4ischen Juden und der Gewinnung der Staatlichkeit \u00bbparadoxically symbolized the beginning of a process of return to Europe\u00ab (S. 153) f\u00fcr Scholem. Zadoff analysiert diese R\u00fcckkehr \u2013 das \u00bband back\u00ab des Untertitels \u2013 an verschiedenen Beispielen: Die Eranos-Tagungen in der Schweiz (Kap. 7), an denen Scholem trotz einiger Ambivalenzen regelm\u00e4\u00dfig teilnahm, fungierten f\u00fcr ihn als \u00bbintermediary space\u00ab (S. 187) und als \u00bbpersonal intellectual refuge\u00ab (S. 188). Auch hier spielt die Auseinandersetzung mit Arendt eine wichtige Rolle, wobei allerdings eher schematisch Scholems und Arendts Ansichten als \u00bbemotional and tribal\u00ab vs. \u00bbrational grounds\u00ab (S. 191) einander gegen\u00fcbergestellt werden. Besonders wichtig ist Zadoff die vorsichtige und langsame Wiederann\u00e4herung an Deutschland (Kap. 8), die mit Scholems bekannter Zur\u00fcckweisung der Rede vom Dialog beginnt, die von ihm aber bald relativiert wird: \u00bbScholem suggests that academic research in Jewish history can create an opportunity to build a bridge over the chasm and renew relations between Jews and Germans\u00ab (S. 208). Insbesondere manifestiere sich die Ann\u00e4herung in der Zusammenarbeit mit Adorno an der Herausgabe von Benjamins Schriften, dessen Werk Zadoff eigenartig verk\u00fcrzt als durch \u00bbnostalgia and longing for the German empire\u00ab (S. 221) gepr\u00e4gt sieht. Jedenfalls wird \u00fcberzeugend gezeigt, wie Scholem im Laufe der siebziger Jahre in Deutschland zu einer zentralen Gestalt wird: \u00bbThe combination of these three factors \u2013 that Scholem was a German Jew, a Berliner, and an Israeli \u2013 was unique\u00ab (S. 244).<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Der Schluss des Buches schildert detailliert Scholems letzten Aufenthalt am Wissenschaftskolleg kurz vor seinem Tod, den Zadoff interpretiert als \u00bbeffort to tie together the ends of his life and create a biographical continuity in gestures toward his childhood, whose scenery had been lost\u00ab (S. 231). Allerdings scheint diese Lekt\u00fcre eher der Dramaturgie der Erz\u00e4hlung als den Quellen geschuldet zu sein \u2013 wie \u00fcberhaupt fraglich erscheint, ob man diesen dritten Teil der Geschichte, der durch das Leitmotiv der Nostalgie bestimmt wird (vgl. zu ihrer Theorie S. 186 ff.), wirklich als R\u00fcckkehr beschreiben kann. Sicherlich: Scholem hatte viel von Berlin und viel von Jerusalem, aber so wenig es hier eine klare Bewegung von dort nach hier gab, so wenig gab es sie in umgekehrter Richtung. Letztlich bleibt das \u00bband back\u00ab eben doch zu sehr dem Modell verhaftet.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Die beiden B\u00fccher unterscheiden sich also inhaltlich, in ihrem Vorgehen und in ihrer Dramaturgie deutlich und stellen gerade dadurch die Frage, was eine Biographie, zumal eine intellektuelle, leisten kann. Engels Buch pr\u00e4sentiert wenig neues Material, umfasst aber Leben und Werk in einer klaren Konstruktion von \u00bbtwo transitions \u2013 from Berlin to Jerusalem and from fringe to mainstream\u00ab (S. 203), die allerdings nur in der Mitte wirklich \u00fcberzeugt, wo Leben und Werk konform gehen. Als Geschichte einer Entzauberung pr\u00e4sentiert Engel einen Scholem, der nach einer heftigen Krise schlie\u00dflich einen \u203anormalen\u2039 Weg einschl\u00e4gt und \u2013 gewisserma\u00dfen versp\u00e4tet \u2013 dann doch in Jerusalem ankommt. Zadoffs Scholem steht dem fast diametral gegen\u00fcber, wird nicht Teil des \u00bbmainstream\u00ab, sondern wendet sich zunehmend vom politischen Kurs Israels ab: \u00bbThis attitude developed as he felt a growing closeness to Germany and Berlin, which began to take shape for him as the place of Jewish memory\u00ab (S. 257). Zadoffs Biographie ist auch methodisch ganz anders ausgerichtet, sie erhellt viele bisher wenig bekannte Kontexte und auch Quellen wie die Tageb\u00fccher des sp\u00e4ten Scholem. Allerdings fehlen dabei das Werk und die Jugendgeschichte fast komplett, und die Darstellung des H\u00f6hepunkts, der Europareise 1946, ist nicht wirklich mit dem Rest des Lebens ausbalanciert, wie auch die Leitfigur der Nostalgie \u00fcberzeichnet erscheint. Welches Buch man zur Hand nimmt, wird von den Interessen abh\u00e4ngen; deutlich machen beide, dass weder Leben noch Denken Scholems auserz\u00e4hlt sind und noch einiges f\u00fcr die Zukunft bergen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #e63348;\"><em><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><a style=\"color: #e63348;\" href=\"http:\/\/www.zfl-berlin.org\/person\/weidner.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Daniel Weidner<\/a> ist stellvertretender Direktor des ZfL. 2003 erschien von ihm im Fink Verlag \u00bbGershom Scholem. Politisches, esoterisches und historiographisches Schreiben\u00ab.<\/span><\/em><\/span><\/p>\n<p><em><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif; color: #e63348;\">2019 erscheint als Ergebnis des ZfL-Forschungsprojekts \u00bb<a href=\"http:\/\/www.zfl-berlin.org\/projekt\/poetologie-und-juedische-philosophie.html\">Poetologie und j\u00fcdische Philosophie. Gershom Scholem-Edition<\/a>\u00ab im J\u00fcdischen Verlag die Edition \u00bbGerschom Scholem: Poetica. Schriften zur Literatur\u00ab, hg. von Herbert Kopp-Oberstebrink, Hannah Markus, Martin Treml und Sigrid Weigel.<\/span><\/em><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Diese Rezension erschien erstmals in <a href=\"https:\/\/v-j-s.org\/zeitschrift-pardes\/heftarchiv-pardes\/\"><em>PaRDES<\/em><\/a>, Nr. 24, 2018, S. 241\u2013246.<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><span style=\"font-weight: 400;\">VORGESCHLAGENE ZITIERWEISE: Daniel Weidner: Zwei neue Biographien von Gershom Sholem. Was kann eigentlich eine intellektuelle Biographie?, in: ZfL BLOG, 17.12.2018, [<a href=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2018\/12\/17\/daniel-weidner-zwei-neue-biographien-von-gershom-scholem-oder-was-kann-eigentlich-eine-intellektuelle-biographie\/\">https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2018\/12\/17\/daniel-weidner-zwei-neue-biographien-von-gershom-scholem-oder-was-kann-eigentlich-eine-intellektuelle-biographie\/<\/a><\/span><span style=\"font-weight: 400;\">].<\/span><span style=\"font-weight: 400;\"><br \/>\n<\/span><span style=\"font-weight: 400;\">DOI: <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20181217-01\">https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20181217-01<\/a><\/span><\/span><\/p>\n<p><script type=\"application\/ld+json\">\n{\n  \"@context\": \"http:\/\/schema.org\",\n  \"@type\": \"CreativeWork\",\n  \"@id\": \"https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20181217-01\",\n  \"url\": \"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2018\/12\/17\/daniel-weidner-zwei-neue-biographien-von-gershom-scholem-oder-was-kann-eigentlich-eine-intellektuelle-biographie\/\",\n  \"additionalType\": \"Blogpost\",\n  \"name\": \"ZWEI NEUE BIOGRAPHIEN VON GERSHOM SCHOLEM. Oder: Was kann eigentlich eine intellektuelle Biographie?\",\n  \"author\": {\n    \"name\": \"Daniel Weidner\",\n    \"givenName\": \"Daniel\",\n    \"familyName\": \"Weidner\",\n    \"@type\": \"Person\",\n    \"@id\": \"https:\/\/orcid.org\/0000-0002-2214-9346\"\n  },\n  \"inLanguage\": \"de\",\n  \"dateCreated\": \"2018-12-17\",\n  \"datePublished\": 2018,\n  \"schemaVersion\": \"http:\/\/datacite.org\/schema\/kernel-4\",\n  \"publisher\": {\n    \"@type\": \"Organization\",\n    \"name\": \"Leibniz-Zentrum f\u00fcr Literatur- und Kulturforschung \"\n  },\n  \"provider\": {\n    \"@type\": \"Organization\",\n    \"name\": \"datacite\"\n  }\n}\n<\/script><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gershom Scholem (1897\u20131982) geh\u00f6rt immer noch zu den wichtigsten deutsch-j\u00fcdischen Intellektuellen des 20. Jahrhunderts. Der Begr\u00fcnder der modernen Erforschung der Kabbala, der engagierte und kritische Zionist, der Zeitgenosse und Freund Walter Benjamins und vieler anderer Intellektueller war eine komplexe Gestalt. Die in den letzten Jahrzehnten erschienenen Brief- und Tagebuchb\u00e4nde haben sein Bild noch reicher und <a class=\"read-more-link\" href=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2018\/12\/17\/daniel-weidner-zwei-neue-biographien-von-gershom-scholem-oder-was-kann-eigentlich-eine-intellektuelle-biographie\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[19],"tags":[45,257,258,259],"class_list":["post-954","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-lektueren","tag-biographie","tag-gershom-scholem","tag-intellektuelle-biographie","tag-rezension"],"post_mailing_queue_ids":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/954","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=954"}],"version-history":[{"count":12,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/954\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3640,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/954\/revisions\/3640"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=954"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=954"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=954"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}