{"id":962,"date":"2018-12-10T10:49:25","date_gmt":"2018-12-10T08:49:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/?p=962"},"modified":"2025-03-03T13:39:58","modified_gmt":"2025-03-03T11:39:58","slug":"falko-schmieder-verbraucher","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2018\/12\/10\/falko-schmieder-verbraucher\/","title":{"rendered":"Falko Schmieder: VERBRAUCHER"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Das Wort \u203aVerbraucher\u2039 hat einen vertrauten Klang und erfreut sich besonders in Form verschiedener Komposita wie \u203aVerbraucherschutz\u2039 oder \u203aVerbraucherpolitik\u2039 gro\u00dfer Wertsch\u00e4tzung. Seit dem Jahr 2001 gibt es sogar ein Bundesministerium, das das Wort im Titel tr\u00e4gt. Abgeleitet ist es vom Verb \u203averbrauchen\u2039. Es scheint damit verwurzelt in einem anthropologischen Grundtatbestand, denn der Mensch ist nun einmal, als gesellschaftliches Naturwesen, auf den Verbrauch bestimmter Dinge angewiesen. Allerdings ist bereits das Verb \u203averbrauchen\u2039 keineswegs so selbstverst\u00e4ndlich, wie es zun\u00e4chst scheint.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a>\u00a0<!--more--><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Wer vom Verbrauchen redet, abstrahiert n\u00e4mlich schon von den konkreten Formen und Zwecken der Aneignung der Dinge und stellt allein den Aspekt des Verlusts oder Endes ihrer Brauchbarkeit heraus. Dazu passt es, dass das Wort \u203averbrauchen\u2039 oft zur Beschreibung elementarer Erhaltungsvorg\u00e4nge verwendet wird: wir verbrauchen Energie, Sauerstoff, Nahrung, Rohstoffe. Auf dieser Ebene stellen wir uns semantisch den Motoren gleich, f\u00fcr die wir dieselbe Vokabel verwenden, wenn wir danach fragen, wie viel Benzin sie verbrauchen \u2013 oder, salopp: wie viel Sprit sie fressen. Wohin die Reise geht und ob der Fra\u00df auch schmeckt, ist unter dem Label des Verbrauchens gleichg\u00fcltig.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Auch der Blick auf den Komplement\u00e4rausdruck des Gebrauchens zeigt, dass es sich beim Verb \u203averbrauchen\u2039 um eine Schwundform handelt. Eine weitere Reduktion wird vollzogen, wenn aus ihm das Substantiv \u203aVerbraucher\u2039 abgeleitet wird. Anhand der g\u00e4ngigen Unterscheidung von Gebrauchs- und Verbrauchsg\u00fctern l\u00e4sst sich das verdeutlichen. Im Vergleich zu den Gebrauchsg\u00fctern ist der Anteil der Verbrauchsg\u00fcter, also der Dinge, die zum unmittelbaren Verzehr zur Erhaltung der Existenz bestimmt sind, sehr gering. Wenn nun der Mensch als Verbraucher angesprochen wird, dann wird gerade diese elementare Erhaltungsfunktion totalisiert und zur Wesensbestimmung aufgebl\u00e4ht. Was umgekehrt hei\u00dft: Im \u203aVerbraucher\u2039 ist der Mensch als kulturelles Wesen ausgel\u00f6scht. Wie ist es dazu gekommen?<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Zur Bizarrerie des Verbrauchers geh\u00f6rt, dass seine Konjunktur gerade in jene Zeit gravierender Ver\u00e4nderungen der kapitalistischen Produktionsweise f\u00e4llt, die Soziologen als \u00dcbergang vom Industrie- zum Konsumkapitalismus fassen. Nicht Mangel also, sondern \u00dcberfluss steht am Beginn seiner Karriere. Sie basiert auf Methoden der Massenproduktion, durch die sich das schon im 19. Jahrhundert bekannte Problem der \u00dcberproduktion drastisch versch\u00e4rft hat. Als Reaktion darauf entstanden in den 1920er Jahren die moderne Werbung sowie neue Formen des <em>human engineering<\/em>. Der Kunde und die Kundin wurden zum Objekt systematischer Beforschung und Bearbeitung. Das Ziel war die Erzeugung eines neuen Sozialcharakters, der die anschwellenden Warenberge absorbieren sollte. Charakteristika dieser neuen Sozialmodellierung waren griffige Slogans zur Kaufstimulation, die Ridik\u00fclisierung dauerhafter Dingbeziehungen sowie der Einsatz tiefenpsychologischer Methoden. Unter dem Wachstums- und Innovationszwang verwandelten sich immer mehr Dinge von Gebrauchsg\u00fctern in Verbrauchsg\u00fcter. Dazu passt es, dass der g\u00e4ngige \u00f6konomische Ma\u00dfstab des Bruttonationaleinkommens eine schnelle Zerst\u00f6rung von Waren gegen\u00fcber einer l\u00e4ngerfristigen Nutzung privilegiert. Der Verbraucher entpuppt sich damit als \u00f6konomische Charaktermaske, als Wirtschaftsmotor und Schwungrad des Verwertungsprozesses. Eine Welt, die seinem Begriff vollkommen entspr\u00e4che, w\u00e4re eine Wegwerfwelt, in der Gebrauchen und Verbrauchen zur Deckung kommen. Der Verbraucher ist der von der Welt abgefallene Mensch, der Abfallmensch, der die Welt in einen M\u00fcllberg verwandelt. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Dass der Begriff des Verbrauchers an die Grundlagen menschlicher Existenz r\u00fchrt, aber nicht im Sinne einer anthropologischen Konstante, sondern im Sinne eines dezidiert gesellschaftlichen Problems, zeigt sich an der sogenannten \u00f6kologischen Krise. Der Aufstieg des Verbraucherbegriffs war eng gekn\u00fcpft an das Schlagwort der Wohlstandsgesellschaft. Kaum eine Verbrauchergeneration sp\u00e4ter war dann aber bereits von der globalen Gef\u00e4hrdung der \u00dcberlebensbedingungen der Menschheit die Rede. Vertreter von Emanzipationsbewegungen pr\u00e4gten Begriffe wie Konsumterror oder Brandrodungswirtschaft, um den Zusammenhang von Verbraucherwirtschaft und (Natur-)Zerst\u00f6rung zu reflektieren. Der Verbraucher musste unter diesen Vorzeichen nachbearbeitet, gewisserma\u00dfen reflexiv modernisiert werden. Es entstanden staatliche und au\u00dferstaatliche Institutionen der F\u00fcr- und Vorsorge, des Schutzes, der Beratung und Betreuung, und mit ihnen neue Bezeichnungen wie der kritische, der m\u00fcndige, der selbstbestimmte oder der \u00f6kologiebewusste Verbraucher. Diese neuen Verbraucherleitbilder sind nicht zuletzt auch eine Antwort auf Industrieskandale, an denen der Status menschlicher Bed\u00fcrfnisse in der Profitwirtschaft ablesbar ist. Die Politik bekennt diesen Status ein, wenn die Forderung erhoben wird, die Wirtschaft m\u00fcsse wieder in den Dienst des Menschen gestellt werden. Man m\u00f6chte fragen, wann denn die Wirtschaft zuletzt in diesem Dienst gestanden hat. Wenn die Institution des Verbraucherschutzes die Interessen der Einzelnen gegen\u00fcber der Industrie vertritt, dann schreibt sie zugleich den Menschen in der Rolle des Verbrauchers fest. Der m\u00fcndige Verbraucher aber ist ein Widerspruch in sich, das Wunschbild einer \u00d6konomie, die permanent wachsen und zugleich nachhaltig sein soll.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Komplement\u00e4r zur Arglosigkeit seines allt\u00e4glichen Gebrauchs ist auch frappierend, dass es den Begriff \u203aVerbraucher\u2039 \u00fcberhaupt noch gibt und dass er nicht l\u00e4ngst von den PR-Strategen und politischen Newspeakern abgeschrieben wurde, weil er zu viel \u00fcber das herrschende Sozial- und Weltverh\u00e4ltnis verraten k\u00f6nnte. So ist es j\u00fcngst dem Begriff des Lagers ergangen, an dessen Stelle Euphemismen wie Transitzone, Begr\u00fc\u00dfungszentrum oder Hotspot getreten sind. Der Begriff des Verbrauchers ist ein Denkmal f\u00fcr ein Problem, das im Zeichen des Anthropoz\u00e4ns versch\u00e4rft zu Leibe r\u00fcckt. Wenn es geschliffen und ersetzt wird, dann wird das, was nachfolgt, vielleicht nur mehr Sprachschrott sein, leere Worth\u00fclsen, Plastikworte ohne Geschichte, die keine Realit\u00e4t und Erfahrung mehr transportieren. Deshalb geh\u00f6rt der Begriff des Verbrauchers, solange Menschen unter seinem Namen und in staatlicher Obhut ein ruin\u00f6ses Unwesen treiben, auf die Goldwaage \u2013 als Signum f\u00fcr eine Epoche, der es auf der Stirn geschrieben steht, dass sie ein historischer Sonderfall ist. Den Verbraucher im Genie\u00dfer aufzuheben \u2013 w\u00e4re das nicht ein sch\u00f6nes Gesellschaftsprojekt? \u00bbAuf dem Wasser liegen und friedlich in den Himmel schauen, sein, sonst nichts, ohne alle weitere Bestimmung und Erf\u00fcllung\u00ab \u2013 so hatte sich Theodor W. Adorno einmal die erf\u00fcllte Utopie vorgestellt. Aktuell dagegen scheint es so, dass die Verbraucher sich in den Hamsterr\u00e4dern der Konkurrenz\u00f6konomie selbst zu verbrauchen beginnen, wie die zeittypische Diagnose des Burn-out anzeigt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #e63348; font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><em>Der Kulturwissenschaftler <a style=\"color: #e63348;\" href=\"http:\/\/www.zfl-berlin.org\/person\/schmieder.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Falko Schmieder<\/a> arbeitet im ZfL-Forschungsprojekt \u00bb<a style=\"color: #e63348;\" href=\"http:\/\/www.zfl-berlin.org\/begriffsgeschichte.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Theorie und Konzept einer interdisziplin\u00e4ren Begriffsgeschichte<\/a>\u00ab. 2016 erschien von ihm und Ernst M\u00fcller bei Suhrkamp \u00bbBegriffsgeschichte und historische Semantik. Ein kritisches Kompendium\u00ab.<\/em><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Der Text entstand f\u00fcr die Veranstaltung <em>W\u00f6rter schlafen nicht. Essays, Gespr\u00e4che, Performances<\/em>, die am 29. und 30. November 2018 im Literarischen Colloquium Berlin stattgefunden hat, und wurde erstmals ver\u00f6ffentlicht in: <em>W\u00f6rter schlafen nicht. Essays<\/em>, hg. v. Literarisches Colloquium Berlin, 2018, S. 40\u201343. Er wurde f\u00fcr den ZfL-Blog geringf\u00fcgig gek\u00fcrzt.<br \/>\n<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><span style=\"font-weight: 400;\">VORGESCHLAGENE ZITIERWEISE: Falko Schmieder: Verbraucher, in: ZfL BLOG, 10.12.2018, [<a href=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2018\/12\/10\/falko-schmieder-verbraucher\/\">https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2018\/12\/10\/falko-schmieder-verbraucher\/<\/a><\/span><span style=\"font-weight: 400;\">].<\/span><span style=\"font-weight: 400;\"><br \/>\n<\/span><span style=\"font-weight: 400;\">DOI:<\/span> <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20181210-01\">https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20181210-01<\/a><\/span><\/p>\n<p><script type=\"application\/ld+json\">\n{\n  \"@context\": \"http:\/\/schema.org\",\n  \"@type\": \"CreativeWork\",\n  \"@id\": \"https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20181210-01\",\n  \"url\": \"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2018\/12\/10\/falko-schmieder-verbraucher\/\",\n  \"additionalType\": \"Blogpost\",\n  \"name\": \"VERBRAUCHER\",\n  \"author\": {\n    \"name\": \"Falko Schmieder\",\n    \"givenName\": \"Falko\",\n    \"familyName\": \"Schmieder\",\n    \"@type\": \"Person\",\n    \"@id\": \"https:\/\/orcid.org\/0000-0002-7977-8071\"\n  },\n  \"inLanguage\": \"de\",\n  \"dateCreated\": \"2018-12-10\",\n  \"datePublished\": 2018,\n  \"schemaVersion\": \"http:\/\/datacite.org\/schema\/kernel-4\",\n  \"publisher\": {\n    \"@type\": \"Organization\",\n    \"name\": \"Leibniz-Zentrum f\u00fcr Literatur- und Kulturforschung \"\n  },\n  \"provider\": {\n    \"@type\": \"Organization\",\n    \"name\": \"datacite\"\n  }\n}\n<\/script><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Wort \u203aVerbraucher\u2039 hat einen vertrauten Klang und erfreut sich besonders in Form verschiedener Komposita wie \u203aVerbraucherschutz\u2039 oder \u203aVerbraucherpolitik\u2039 gro\u00dfer Wertsch\u00e4tzung. 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