Biodiversität Archive – ZfL BLOG https://www.zflprojekte.de/zfl-blog/tag/biodiversitaet/ Blog des Leibniz-Zentrums für Literatur- und Kulturforschung, Berlin Tue, 04 Mar 2025 13:43:30 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=6.9.1 https://www.zflprojekte.de/zfl-blog/wp-content/uploads/2019/01/cropped-ZfL_Bildmarke_RGB_rot-32x32.png Biodiversität Archive – ZfL BLOG https://www.zflprojekte.de/zfl-blog/tag/biodiversitaet/ 32 32 Mona Körte, Georg Toepfer & Stefan Willer: Einleitung zur ZfL-Jahrestagung »Diversität darstellen« (11./12. Januar 2018) https://www.zflprojekte.de/zfl-blog/2018/05/24/mona-koerte-georg-toepfer-stefan-willer-einleitung-zur-zfl-jahrestagung-diversitaet-darstellen-11-12-januar-2018/ Thu, 24 May 2018 07:59:15 +0000 http://www.zflprojekte.de/zfl-blog/?p=735 Diversität – und mehr noch das englische diversity – ist ein Zauberwort, das für die verschiedensten Anliegen verwendet werden kann: vom bloßen Lobpreis der Vielfalt über den Appell bis hin zur regulativen Idee globalen politischen Handelns. Der Anthropologe Steven Vertovec sieht in diesem Wort Potential für ein »organizing concept« der Sozial- und Lebenswissenschaften.[1] In der Weiterlesen

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Diversität – und mehr noch das englische diversity – ist ein Zauberwort, das für die verschiedensten Anliegen verwendet werden kann: vom bloßen Lobpreis der Vielfalt über den Appell bis hin zur regulativen Idee globalen politischen Handelns. Der Anthropologe Steven Vertovec sieht in diesem Wort Potential für ein »organizing concept« der Sozial- und Lebenswissenschaften.[1] In der Tat ist Diversität nicht nur ein Bezugspunkt verschiedener Wissenschaften. Auch Körperschaften wie Schule und Universität regeln Chancengleichheit und Zugang im Namen von Diversität, und Unternehmen betreiben ein sogenanntes Diversitätsmanagement, bei dem heterogene Belegschaften zu einer wirtschaftlichen Ressource funktionalisiert werden. Vermutlich ist es gerade der vielfachen Adressierbarkeit geschuldet, dass wir es bei ›Diversität‹ mit einem politisch hochgradig überformten, theoretisch jedoch weithin unterbestimmten Begriff zu tun haben.

Dabei fehlt es nicht an Versuchen, ihn zu konzeptionalisieren, so etwa in der Gleichung »Diversität = Differenz plus Inklusion« oder in der Formel, Diversität sei »Individualität im Plural«. Letztere hat der Soziologe Stefan Hirschauer auf der Sommerakademie des ZfL zu »Genealogien der Diversität« vorgeschlagen. Seine Formel enthält den Vorschlag, Individualität gerade nicht nur als Singuläres (Unveräußerliches/von anderen Unterschiedenes), sondern in der Mehrzahl, als ein Mehr- oder gar Vielfaches zu denken. Damit liegt der Akzent auf Individualisierung als einem Vorgang in actu. Diversität wäre demnach vor allem als Diversifizierung zu verstehen: eine offene, womöglich unendliche Bewegung, die eine Essentialisierung von Individualität gerade zu vermeiden sucht.

In diesem Zusammenhang wäre an philosophische Theorien über die Vervielfältigung von Unterschieden zu denken, auch wenn diese in aktuellen Diversitätsdebatten eher vernachlässigt werden. So plädiert Jean-Luc Nancy in seinem Buch mit dem sprechenden Titel Être singulier pluriel (dt. Singulär plural sein) angesichts einer Welt, die nur noch bloße »Aufzählung« sei, für eine »offene Artikulation«, die sich unmöglich wieder zu einer Identität verschließen lasse, und optiert für ein Gemeinsames und für die Gemeinschaft als ein »Mit-ein-ander-sein«.[2]

Hirschauers Formel von Diversität als »Individualität im Plural« erinnert aber auch an ein anderes Erbe aktueller Debatten: an Beschreibungen soziopolitischer Ungleichheit, an das Vokabular der Antidiskriminierungsbewegungen und an wirkungsmächtige Differenzen wie class, gender und race. Es ist in letzter Zeit bereits kritisch angemerkt worden, dass solche Differenzen im Begriff Diversität neutralisiert werden, dass sie sich geradezu darin auflösen. Vorsichtiger könnte man sagen, dass sich in Diversität als politischem Programm identitätspolitische Forderungen mit jenen der Antidiskriminierungsbewegungen vermengen, ohne dass beide Stränge hinreichend auseinandergehalten würden.

Allerdings wird der fehlende Rückbezug mitunter auch als Vorteil betrachtet, da das Konzept der Diversität gewissermaßen noch »in der Mache« sei.[3] »Individualität im Plural« erinnert immerhin an politisch ähnlich aufgeladene Beschreibungsmodelle von Differenz wie den auf Koexistenz setzenden Multikulturalismus bzw. kulturellen Pluralismus oder an den Begriff der Heterogenität, der anders als das affirmative Konzept der Diversität eher neutral die uneinheitliche Zusammensetzung einer Entität (sei es ein Objekt, ein Gebilde, eine Vorstellung) aus verschiedenen Bestandteilen beschreibt.[4] Der Plural, die Vielzahl, Präfixe wie multi oder hetero fokussieren ein Verhältnis zwischen dem Einen oder Einzelnen und seinem Vielen oder Vielfachen und nähren die Vorstellung von etwas Zähl- oder Messbarem, durch die dieses Vielfache gebändigt und unendliche Differenzierung in anschauliche Ordnung überführt werden kann.

Besonders augenfällig ist dieses Verhältnis im Fall der Biodiversität. Sie ist ein interessanter Fall für Fragen der Darstellung von Diversität, weil sich in ihr Quantitativ-Wissenschaftliches mit Qualitativ-Anschaulichem verbunden hat: Der Begriff bezeichnet sowohl eine biologische Messgröße – ›biologische Diversität‹ bezeichnet die Anzahl und Gleichverteilung von Arten in einem Ökosystem – als auch die ökonomische, ethische und ästhetische Dimension des Mensch-Natur-Verhältnisses. Wie jede Form der Diversität beruht auch Biodiversität auf Operationen der Typisierung und Klassifizierung. Keine Diversität ohne Unterscheidungen und Gruppenbildungen, ohne Behauptung von Differenzen zwischen den Gruppen und Homogenität innerhalb der Gruppen.

In zwei wesentlichen Punkten unterscheidet sich Biodiversität aber von sozialer Diversität: Erstens wird in der Biologie davon ausgegangen, dass Gruppenbildungen naturgegeben sind. Natürliche Mechanismen sorgen demnach dafür, dass die Formenvariation der organischen Natur diskontinuierlich in Ähnlichkeitsgruppen gegliedert ist. Klassifikationen von Menschen sind dagegen sozial konstruiert. Sozialwissenschaftler sprechen folglich vom Prozess des doing differences: Manche Humandifferenzierungen wie die nach Geschlecht oder ethnischer Zugehörigkeit, können als Zumutung empfunden werden, weil mit ihr Rollenzuweisungen und Verhaltenserwartungen einhergehen. Oft sind diese Kategorisierungen mit Diskriminierungen verbunden, und für viele gesellschaftliche Prozesse sind sie auch unnötig. Daher ist das doing differences von einem undoing differences begleitet. Für den Diversitätsdiskurs ist allerdings kennzeichnend, dass er an der Aufrechterhaltung von Differenzen hängt – paradoxerweise auch dann, wenn er gegen Diskriminierung gerichtet ist: Um von Rassendiskriminierung zu sprechen, müssen Rasseneinteilungen vorausgesetzt werden. Im schlimmsten Fall perpetuiert und essentialisiert die Rede von Diversität das, was es zu überwinden gilt.

Derartige Paradoxien des doing und undoing von differences finden sich im Biodiversitätsdiskurs nicht. »Abschaffung der Arten« ist kein biologischer Schlachtruf. Biodiversität ist auch nicht – das ist eine zweite Differenz gegenüber der Humandiversität – mit Identitätspolitiken verbunden. Es geht in ihr nicht um binäre Oppositionen des ›Wir‹ versus die ›Anderen‹; überhaupt fehlt der Biodiversität das Andere und Gegenüber. Biodiversität ist maximal inklusiv, allumfassend – der Begriff ist praktisch synonym mit ›Leben‹ in all seiner Vielfalt und Verschiedenheit.

Gemeinsam ist dem Diskurs um Bio- und Humandiversität aber wiederum eine politische Stoßrichtung: die Anerkennung des Anderen in seinem Anderssein. Die Rede von ›sozialer Diversität‹ zielt nicht zuletzt auf den Schutz von Minderheiten. Es geht um das Bewahren der Differenz, nicht um die Integration des Anderen, also um eine Ethik des Respekts, des anerkennenden Nebeneinanders, nicht unbedingt des leidenschaftlichen Miteinanders. Dass auch Biodiversität die Anerkennung und Schutzwürdigkeit von Lebewesen anderer Arten in ihrem Eigenwert bedeuten kann, manifestiert sich besonders in den Formen ihrer Darstellung: Biodiversitätsinstallationen, die man inzwischen in vielen Naturkundemuseen findet, überwinden die Ganzheits- oder Systeminszenierungen, die für klassische Dioramen kennzeichnend sind. Inszeniert wird nicht mehr eine behauptete harmonische Einheit von Pflanzen und Tieren in bestimmten regional typischen, typisierten Landschaftsausschnitten, sondern die offene und egalitäre Nebenordnung von Tieren verschiedener Arten in ihrer nicht selten antagonistischen Individualität.

Es sind solche Formen der Darstellung von Diversität, für die wir uns interessieren. Dabei geht unser Verständnis von Darstellung nicht im empirischen Sondieren, Messen und Quantifizieren von »Einzelheiten« im Verhältnis zu ihrem Vielfachen auf. Vielmehr möchten wir in einem umfassenden Sinne die Erzählbarkeit von Diversität erkunden und dabei verschiedene literarische, künstlerische, mediale und museale Formen und Formate einbeziehen. Insbesondere stellt sich die Frage, wie das jeweilige Diverse als Diverses, also sich der Universalisierung Widersetzendes, in seiner irreduziblen Vielfalt präsent zu halten und zu repräsentieren ist. Denn ›Diversität‹ heißt zunächst einmal Verschiedenheit: Nicht mehr als diese karge Bestimmung zeigt der lexikalische Befund für das 19. Jahrhundert, etwa in den Enzyklopädien von Pierer und Brockhaus. Mit dem Begriff werden also Differenzen anerkannt – und damit gerade nicht integriert.

Die Frage, ob und wenn ja wie diese Nicht-Integration des Diversen dargestellt werden kann, impliziert auch Erkundungen der Perspektive, also des Standpunkts, von dem aus Diversität überhaupt wahrgenommen wird – ob aus dem Inneren der Vielfalt oder möglicherweise von einem externen Standpunkt. In den Beiträgen zum Thema »Diversität darstellen« werden diese Fragen wiederum auf sehr unterschiedliche Weise perspektiviert: aus diversen Fachdisziplinen, mit Blick auf heterogene Gegenstände und mit ganz verschiedenen theoretischen Voreinstellungen. Da wir das Zentrum für Literatur- und Kulturforschung sind, haben wir uns erlaubt, einen Schwerpunkt auf literatur- und kulturwissenschaftliche Fragestellungen zu legen – wobei ja schon mit dem »und« zwischen Literatur und Kultur eine gewisse Weitläufigkeit der Zugangsweisen gegeben ist. Daraus ergeben sich die weiterführenden Fragen nach sprachlicher, künstlerischer und auch biologischer Diversität.

Nach all dem fragen wir vor dem Hintergrund der sozialen und politischen Dringlichkeit des Themas. Gerade weil es bei Diversität um so viel geht, weil damit so viel auf dem Spiel steht, wird das Problem der Darstellung überhaupt erst akut und virulent. Da Darstellungen auf einem Bündel an Vorentscheidungen beruhen, wirft ihre Analyse ein Licht auf politische Voraussetzungen, historische Anleihen und aktuelle Verwendungszusammenhänge von Diversität. Wir versprechen uns also von dem Fokus auf Darstellungsweisen, ein theoretisch vages, politisch jedoch höchst operatives (und mitunter auf ein Lob der Vielfalt verengtes) Konzept auf seine Unbestimmtheitsstellen untersuchen zu können. Auf diesem Weg begegnen wir möglicherweise auch der einen oder anderen Grenzbestimmung dieses entgrenzenden Konzepts, z.B. Versuchen, Diversität einzuhegen und zu bändigen. Dazu gehören auch Bestimmungen dessen, was nicht divers ist oder sein will, und dazu gehört die Auseinandersetzung mit Gegenbegriffen zu Diversität, z.B. mit auf Vereinheitlichung zielenden Konzepten wie ›System‹ oder ›Ganzheit‹. Gerade Darstellungsfragen – und Darstellungsdilemmata – können uns schließlich Hinweise darauf geben, ob Diversität als analytisches Ordnungsinstrument mit vielen Fragezeichen oder doch als Handlungskonzept mit einem Ausrufezeichen zu versehen ist.

[1] Steven Vertovec: Formulating Diversity Studies, in: Routledge International Handbook of Diversity Studies, New York 2015, S. 1–20, hier S. 4.

[2] Jean-Luc Nancy: singulär plural sein, Berlin 2004 (frz. 1996), S. 11–14 und 57 f.

[3] So in Vertovecs Einleitung Formulating Diversity Studies zum Handbuch: „For many of the interviewers one advantage of the concept is, that diversity, at present, comes without luggage“, S. 4.

[4] Vgl. Glossar, in: Diversität. Geschichte und Aktualität eines Konzepts, hrsg. von André Blum, Nina Zschocke, Hans-Jörg Rheinberger, Vincent Barras, Würzburg 2016, S. 409-412, hier S. 410.

 

VORGESCHLAGENE ZITIERWEISE: Mona Körte, Georg Toepfer & Stefan Willer: Einleitung zur ZfL-Jahrestagung »Diversität darstellen« (11./12. Januar 2018), in: ZfL BLOG, 24.5.2018, [https://www.zflprojekte.de/zfl-blog/2018/05/24/mona-koerte-georg-toepfer-stefan-willer-einleitung-zur-zfl-jahrestagung-diversitaet-darstellen-11-12-januar-2018/].
DOI: https://doi.org/10.13151/zfl-blog/20180524-01

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Georg Toepfer: BIODIVERSITÄT https://www.zflprojekte.de/zfl-blog/2017/05/05/georg-toepfer-biodiversitaet/ Fri, 05 May 2017 14:05:44 +0000 http://www.zflprojekte.de/zfl-blog/?p=394 ›Biodiversität‹ ist ein Schlüsselbegriff unserer Zeit, auf dem Forschungsprogramme, ethische Debatten zum Mensch-Natur-Verhältnis und politische Aktivitäten basieren. In der öffentlichen und politischen Kommunikation funktioniert der Begriff offenbar gut. Er transportiert Achtung und Verantwortung für die Natur, Toleranz gegenüber dem Fremden, Freude an der Heterogenität und Mannigfaltigkeit. Biodiversität steht parallel zur kulturellen Vielfalt und passt in Weiterlesen

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›Biodiversität‹ ist ein Schlüsselbegriff unserer Zeit, auf dem Forschungsprogramme, ethische Debatten zum Mensch-Natur-Verhältnis und politische Aktivitäten basieren. In der öffentlichen und politischen Kommunikation funktioniert der Begriff offenbar gut. Er transportiert Achtung und Verantwortung für die Natur, Toleranz gegenüber dem Fremden, Freude an der Heterogenität und Mannigfaltigkeit. Biodiversität steht parallel zur kulturellen Vielfalt und passt in unsere durch Pluralismen geprägte Gegenwart. Denn der Begriff drückt nicht nur Enthierarchisierung und Pluralisierung der Perspektiven aus, Verzicht auf eine übergreifende, durchgängig gültige Ordnung und den Eigensinn und Eigenwert jedes einzelnen, auch nichtmenschlichen Wesens. Er steht auch für das Zusammenführen von wissenschaftlichen mit ethischen, ästhetischen und ökonomischen Aspekten eines Gegenstands und für die Hoffnung auf den letztlich harmonischen Zusammenklang des vielstimmigen Mit- und Gegeneinanders.

Der Neologismus ›Biodiversität‹ entstand Mitte der 1980er Jahre; als richtungweisend gilt das »National Forum on BioDiversity«, das im September 1986 in Washington D. C. stattfand. Urheber des Begriffs ist der Botaniker Walter G. Rosen, dem es darum ging, das ›Logische‹ aus der ›biologischen Diversität‹ herauszukürzen, um Raum für spirit und emotion zu schaffen. ›Biodiversität‹ wurde seitdem zu einem Leitbegriff lokaler und globaler Initiativen zum Schutz der Natur, er bezeichnet Sammlungs- und Ausstellungsstrategien von Naturkunde­museen, wissenschaftliche Forschungsprogramme und vieles mehr. Der Begriff kann dabei sowohl an eine weit zurückreichende wissenschaftliche Tradition anschließen als auch reiche außerwissenschaftliche Bezüge aufnehmen – allen voran Bilder vom Paradies als einer ebenso mannigfaltigen wie harmonischen Welt. Diese Bezüge erklären überhaupt erst den gegenwärtigen Erfolg des Konzepts.

In unserer kulturellen Tradition erscheint die Vielfalt der Lebewesen meist unmittelbar als schön und wertvoll. So weit reicht die Wertschätzung dieser Vielfalt, dass sie zum zentralen Charakteristikum der Idealvorstellung von der Welt, dem biblischen Paradies, wurde. Und die erste Handlung Adams darin war das Benennen der Tiere, die ihm Gott der Reihe nach vorführte. Benennen und Zählen sind indessen elementare Operationen, mit denen der Mensch der Diversität nicht erst in der Bibel begegnet. Bereits unter den ersten menschlichen Schriftzeugnissen überhaupt, verfasst vor 5.000 Jahren in einer mesopotamischen Keilschrift, finden sich Listen von Bäumen, Haustieren, Vögeln und Fischen. Seit dieser Zeit ist das Studium der Diversität also eine Listenwissenschaft: Ihre bevorzugte Darstellung ist die reihende, eindimensionale Ordnung von Elementen auf gleichem Abstraktionsniveau nach dem Prinzip der Ranggleichheit.

Die Lebenswissenschaften traten im Grunde schon immer als Anwalt der Diversität auf. In der Frühen Neuzeit als ›Naturgeschichte‹ entstanden, machten sie sich zunächst daran, die Vielfalt in ihrer ganzen bunten Fülle zu sammeln, zu beschreiben und zu ordnen. Das Ergebnis waren die großen enzyklopädischen Kompendien der Naturgeschichte von den ›Kräuterbüchern‹ und Gesners großer Tierkunde des 16. Jahrhunderts über Linnés System der Natur und Buffons Naturgeschichte bis hin zu Brehms Illustrirtem Thierleben und Grzimeks Tierleben. Das Anordnungsprinzip all dieser Enzyklopädien ist die reine Nebenordnung, die parataktische Aufzählung, anfangs alphabetisch geordnet, später bevorzugt nach dem »natürlichen System«, aber dennoch eines nach dem anderen. Jedes Wesen wird in seinen Eigenfarben und seiner Eigenlogik dargestellt, der Mensch meist eingeschlossen und damit eingereiht (nur nicht bei Gesner und Brehm).

Verstärkt wird diese Betonung der Vielfalt paradoxerweise durch die große vereinheitlichende Theorie der Biologie. Denn für Darwins Evolutionstheorie sind Vielfalt und Variation zentral. Sie bilden die Voraussetzung für die Veränderung der Organismen – keine Selektion ohne Variation –, und sie sind das Ergebnis des jahrmilliardenlangen Differenzierungsprozesses der Evolution. Gegenwärtig ist die Erde von einer unermesslichen Anzahl lebender Individuen besiedelt. Zählt man Bakterien mit, bewegt sich diese Zahl in der gigantischen Größenordnung von 1030; das ist millionenfach mehr, als es Sterne im Universum oder Sandkörner auf der Erde gibt. Auch die Anzahl der Ähnlichkeitsklassen, in die die Biologie ihre Gegenstände gliedert, ist um viele Dimensionen größer als die der Physik und Chemie. Allein die Anzahl der Arten in der Erdgeschichte wird auf 1010 geschätzt, von denen 99,9 % – und damit nach einem Paläontologenwitz in guter Näherung alle – schon wieder ausgestorben sind. Aber bei der Diversität geht es nicht nur um Zahlen. Es geht um qualitative Verschiedenheit, um eine irreduzible Pluralität von Bauplänen und Umwelten, Lebensweisen und Weltentwürfen.

Der Vorzug der reihenden, parataktischen Darstellungsweise, die gleichberechtigte, egalitäre Repräsentation jedes Typs von Wesen, enthält gleichzeitig ihr Problem: Denn wie lässt sich von ihr anschaulich erzählen, wie ein Spannungsbogen erzeugen? Die parataktische Ordnung als Prinzip der Darstellung von Diversität betont gerade die Vielfalt in ihrer Irreduzibilität auf nur eine Perspektive. Narration und Diversität erscheinen somit geradezu als gegensätz­liche Ordnungslogiken. Trotzdem wurde und wird von Diversität erzählt.

Ein Roman, der als Erzählung von biologischer Diversität gelten kann, ist The Sea of Cortez von John Steinbeck und dem Meeresbiologen Ed Ricketts. Das Buch, 1941 erschienen, berichtet von einer Schifffahrt auf einem kleinen Boot im Golf von Kalifornien. Das Ziel der Reise: Meerestiere sammeln und klassifizieren. Erzählt wird die Vorbereitung der Schifffahrt und der Besuch von 21 festgelegten Stationen, bei denen alle auffindbaren Tiere erfasst werden. Die Erzählung schwelgt in dem Reichtum der Tiere in dieser Region. Die Rede ist von »Überschwang« und »Überfluss«, von »Fülle« und »Reichtum«. Die Fülle wird mit Vollständigkeit in Verbindung gebracht und als subjektive Erfüllung erlebt. Der Bericht von der Begegnung mit dieser Fülle ist bereits die ganze Handlung. Zu Recht trägt das Werk daher in einer zweiten Auflage von 1951 den Titel The Log from the Sea of Cortez, in der deutschen Übersetzung von 1953 Logbuch des Lebens. Steinbeck und Ricketts liefern selbst abstrakte Charakterisierungen ihrer Sicht auf diese Fülle des Lebens: Es geht ihnen um ein, wie sie es nennen, »nicht-teleologisches« oder »Ist-Denken«, das sich nicht nur von der »Ursache-Wirkungs-Methode« und der Hinordnung allen Geschehens auf erwünschte Zielzustände befreit, sondern gleich ganz von dem hypothetischen Denken, wie etwas sein könnte. Stattdessen beschränkt es sich auf die Darstellung, wie etwas ist, auf das Was anstelle des Warum.

In diesem dokumentierenden Blick liegt eine Renaissance der Naturgeschichte im Sinne eines Wissens von den Einzeldingen der Natur, das nicht erklärungs- oder begründungsorientiert vorgeht, sondern einfach das Besondere beschreibt. Ihre Einheit gewinnt die Beschreibung nicht aus dem Material selbst, sondern aus der pragmatischen Begrenztheit einer Reise. Darin wirkte Steinbecks Logbuch stilprägend, besonders für das kompensatorisch zum Aussterben von Tierarten aufblühende Genre der Literatur, das von diesem berichtet, wie etwa der Klassiker Last Chance to See (1990, dt. Die Letzten ihrer Art) von Douglas Adams und Mark Carwardine, ein über mehrere Stationen des Reisens verlaufendes melancholisches Erzählen vom Verlust. Die ethische Aufladung der Biodiversität und die ästhetischen Formen, in denen davon erzählt wird, sind nicht nur schmückendes Beiwerk, sondern an der Konstitution des Gegenstands beteiligt. Sie machen deutlich, dass Biodiversität von emotion und spirit erfüllt ist.

Diese synthetisierende Kraft des Konzepts, die Tatsachenbeschreibung und Wertungen miteinander verknüpft, ist nicht nur eine Stärke, sondern auch eine Schwäche. Darauf hat die Kritik der letzten Jahre wiederholt hingewiesen: Die Integrationskraft des Begriffs verschleiert, wie notwendig es ist, die wissenschaftliche Begründung von der öffentlichen Bewertung des Wissens zu trennen. Bemerkt wird auch, dass wir in der Natur keineswegs immer die Vielfalt schätzen, traditioneller Naturschutz vielmehr oft auf artenarme Lebensräume oder einzelne Lebensformen gerichtet ist, die ein Landschaftsbild prägen oder für die Integrität eines Systems von besonderer Bedeutung sind. Die Vielfalt als solche ist also noch kein Gut, sondern erst ihr rechtes Maß am rechten Ort. Biodiversität erscheint damit als eine Größe, die aus manchen Überlegungen zum Naturschutz gerade herausgekürzt werden könnte. Fraglich wird mit dieser Kritik schließlich auch die vermeintliche Wertfreiheit in der dokumentierenden Erfassung und gleichberechtigt nebenordnenden Darstellung der Biodiversität. Der unhierarchische, parataktische Egalitarismus vieler moderner Biodiversitätsinstallationen (wie der »Biodiversitätswand« im Berliner Museum für Naturkunde) ist doch kein beschreibendes, authentisches Naturbild, sondern eher die Naturalisierung eines politischen Ideals.

Der Philosoph und Biologe Georg Toepfer leitet seit 2017 gemeinsam mit Stefan Willer am ZfL den Forschungsschwerpunkt »Lebenswissen«. Dieser Beitrag wurde ursprünglich für das Faltblatt zum Jahresthema »Diversität« verfasst.

 

VORGESCHLAGENE ZITIERWEISE: Georg Toepfer: Biodiversität, in: ZfL BLOG, 5.5.2017, [https://www.zflprojekte.de/zfl-blog/2017/05/05/georg-toepfer-biodiversitaet/].
DOI: https://doi.org/10.13151/zfl-blog/20170505-01

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Ernst Müller/Falko Schmieder: DIVERSITÄT, begriffsgeschichtlich https://www.zflprojekte.de/zfl-blog/2017/04/01/ernst-muellerfalko-schmieder-diversitaet-begriffsgeschichtlich/ Sat, 01 Apr 2017 12:49:54 +0000 http://www.zflprojekte.de/zfl-blog/?p=345 Bei ›Diversität‹ handelt es sich um einen sehr jungen politischen Schlüsselbegriff. Parallelausdrücke wie Verschiedenheit, Vielfalt, Vielheit, Mannigfaltigkeit sowie die Komplementärbegriffe Einheit, Ganzheit, Allgemeinheit verweisen zwar auf ein Wortfeld mit weit längerer Vorgeschichte. Doch eine Begriffsgeschichte, der es um die soziale Reichweite von Begriffen und ihre kommunikativen Funktionen geht, interessiert sich besonders für diskursive Knotenpunkte und Weiterlesen

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Bei ›Diversität‹ handelt es sich um einen sehr jungen politischen Schlüsselbegriff. Parallelausdrücke wie Verschiedenheit, Vielfalt, Vielheit, Mannigfaltigkeit sowie die Komplementärbegriffe Einheit, Ganzheit, Allgemeinheit verweisen zwar auf ein Wortfeld mit weit längerer Vorgeschichte. Doch eine Begriffsgeschichte, der es um die soziale Reichweite von Begriffen und ihre kommunikativen Funktionen geht, interessiert sich besonders für diskursive Knotenpunkte und Zäsuren, an denen sich bislang weitgehend getrennte Begriffsstränge vereinigen oder wo durch neue semantische Prägungen ältere Bedeutungen aufgesogen, umgeschmolzen und neu perspektiviert werden. Der Begriff zirkuliert heute in verschiedensten Feldern (Politik, Kultur, Ökonomie, Biologie, Ökologie, Chemie) und verschränkt diese zugleich miteinander. In die wechselseitigen Übertragungen fließen dabei jeweils die Bedeutungen einer Fülle von Nachbarkonzepten ein, so dass ›Diversität‹ als interdisziplinärer Verbundbegriff in seinen jeweiligen Vernetzungen mit anderen (wie Anerkennung, Multikulturalismus, Integration, Inklusion, Identität, Political Correctness) rekonstruiert werden muss. Obwohl sein Aufstieg sich der Artikulation von sozialen Konflikten und Krisen der gesellschaftlichen Naturbeziehungen verdankt und sich mit seiner Verwendung sehr unterschiedliche Interessen verbinden, imponiert er doch als ein Begriff, der vor allem positiv besetzt wird und, ähnlich wie etwa der parallele Schlüsselbegriff Nachhaltigkeit, spontan Plausibilität und eine geradezu naturwüchsige Konsensualität findet.

Die Karriere von ›Diversität‹ beginnt im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts, wobei sich deutliche nationale Besonderheiten und Ungleichzeitigkeiten verzeichnen lassen. In Deutschland wurde der Begriff in der öffentlichen Diskussion um die Einwanderungs- und Asylpolitik am Ende der 1980er Jahre bekannt und den sozialpolitischen Modellen der Integration (Assimilation) und der ›deutschen Leitkultur‹ entgegengesetzt. Statt von ›Diversität‹ wird bis heute meist von (kultureller) ›Vielfalt‹ gesprochen. Noch der Große Brockhaus von 2006 verzeichnet nicht die sozialen und politischen Bedeutungen des Begriffs. Dabei hatte die Allgemeine Erklärung zur kulturellen Vielfalt der Vereinten Nationen schon 2001 festgehalten, dass kulturelle Vielfalt – als Quelle des Austauschs, der Erneuerung und der Kreativität – für die Menschheit ebenso wichtig wie die biologische Vielfalt für die Natur sei. Solche heute weit verbreiteten Leitlinien sind in ihrer selbstverständlich scheinenden Neutralität bereits das Resultat einer Geschichte der Verdrängung zugrundeliegender Widerspruchserfahrungen und Konfliktpotentiale.

Eine kritische Behandlung des Diversitätsbegriffs hätte die Umdeutungen und vor allem auch die Gegen- oder Alternativbegriffe zu erfassen, die auf den Wandel von Einstellungen und Wahrnehmungsweisen oder auch auf veränderte politische Kräfteverhältnisse hindeuten. Denn Profil gewonnen hat ›diversity‹ in den Vereinigten Staaten der 1960er Jahre zunächst im Rahmen der antirassistischen Bürgerrechts- und der Frauenbewegung. Seine Voraussetzungen liegen damit in Diskriminierungs- und Ausgrenzungserfahrungen ethnischer und sozialer Gruppen, die mit seiner Hilfe um öffentliche Anerkennung und Repräsentation kämpften. Eine wichtige Inspirationsfigur und Ikone der US-amerikanischen 1968er-Bewegung war die Ethnologin Margaret Mead. Bereits in den 1930er Jahren leitete sie aus den Ergebnissen ihrer Erforschung von Lebensweisen auf Samoa die Forderung ab, andere Kulturen als gleichberechtigt anzuerkennen und als Bereicherung zu sehen:

»If we are to achieve a richer culture, rich in contrasting values, we must recognize the whole gamut of human potentialities, and so weave a less arbitrary social fabric, one in which each diverse human gift will find a fitting place.«[1]

Die Übertragung dieser ethnologischen Perspektive auf Konflikte innerhalb der westlichen Gesellschaften lässt einerseits deren immanente Widersprüche schärfer hervortreten, indem die Minderheiten oder diskriminierten Gruppen nun gleichsam als fremde Stämme erscheinen, sie führt aber potentiell auch zu einer Verdinglichung der Identitäten. Die unbestreitbaren Erfolge der Bewegungen, wie sie in den verschiedenen Affirmative-Action-Programmen und den Antidiskriminierungs- und Gleichstellungsgesetzen der 1960er und 1970er Jahre zum Ausdruck kommen, generieren auch dialektische Nebeneffekte, etwa wenn der Kampf gegen Diskriminierung zur besonderen Wertschätzung des Diskriminierten oder zu gruppenspezifischen Sonderbehandlungen führt. Die Anwendung des Begriffs der Diversität auf immer weitere Bereiche (wie Sexualität, Alter, Religion, Sprache) konnte so auch zur Preisgabe der in den frühen Emanzipationsbewegungen noch mit ihm verbundenen universalistischen und solidarischen Ansätze führen.

Bei alldem wird deutlich, dass ›Diversität‹ nicht nur eine Beschreibungskategorie ist, sondern Gegenstände und Differenzen miterzeugt (›Doing Difference‹) oder aufwertet. Zur Dialektik einer Identitätspolitik im Zeichen von Diversität gehört auch die Zurückdrängung anderer Diskurse sowie die Etablierung gegenläufiger Problemwahrnehmungsmuster. So rückte der Fokus auf kulturelle Diversität zugleich die Kritik an sozialer und ökonomischer Ungleichheit oder den Klassengegensätzen aus dem Blick, die nicht konserviert oder gestärkt, sondern aufgehoben werden sollten. Der Leitgedanke des Multikulturalismus und der damit einhergehende Aufstieg von Differenz ist von diesem postmaterialistischen Wertewandel, der Zementierung alter und der Entstehung neuer Formen von Ungleichheit nicht zu trennen. Auch für ›Diversität‹ gilt der soziologische Befund, dass die Leitbegriffe des neoliberalen Diskurses häufig aus der Umfunktionierung der mit einem Emanzipationsversprechen verbundenen Begriffe sozialer Protestbewegungen hervorgegangen sind:

»Konzepte wie Aktivierung, Empowerment, Partizipation und Flexibilität, deren Wurzeln auf die Kämpfe sozialer Emanzipationsbewegungen zurückweisen, haben sich in institutionelle Anforderungen und normative Erwartungen verwandelt – Subversion ist zur Produktivkraft geworden.«[2]

Die Vereinnahmung des Begriffs kommt in den Bemühungen vieler Unternehmen um ein neues ›Diversitätsmanagement‹ zum Ausdruck, also um Maßnahmen und Strategien einer neuen Unternehmenskultur, die Vielfalt als wertsteigernde Ressource entdeckt. Diese Umwertung von ›diversity‹ lässt sich auch an der Instrumentalisierung der zitierten Passage von Margaret Mead erkennen, die seit den 2000er Jahren oft als Motto in Handbüchern zum Thema Effective Leadership auftaucht.

Die Plausibilitätsgeschichte des sozialen und politischen Begriffs der Diversität ist geknüpft an einen zweiten Bedeutungsstrang, nämlich den der biologischen Diversität bzw. Biodiversität. Der Begriff Diversität stammt ursprünglich aus der Biologie und wurde seit den 1960er Jahren zu einem zentralen Thema der Ökologie. Die ökologischen Lehrbücher der 1940er und 1950er Jahre behandeln das Thema noch peripher; ihr Gegenstand ist vielmehr das Verhältnis einzelner Organismen zu ihrer Umwelt. Seit Mitte der 1980er Jahre und besonders nach Erscheinen des von E.O. Wilson und F.M. Peter herausgegebenen Bandes Biodiversity (1986) wird von ›Biodiversität‹ gesprochen. Als Urheber des schlagkräftigen, emotional aufgeladenen und handlungs(an)leitenden Ausdrucks gilt Walter G. Rosen. Das Wort wird nicht in einem rein naturwissenschaftlichen Sinne verwendet, sondern bezeichnet ein Konzept mit wissenschaftlicher und moralischer Autorität, das der Durchsetzung politischer Forderungen dienen sollte. Der Reiz des Begriffs liegt daneben auch darin, dass er eine mathematisch berechenbare Quantifizierung erlaubt; das Maß der Diversität lässt sich nun geradezu dem Fortschrittsparadigma unterwerfen. Im Kontext der ›ökologischen Krise‹ steht das Konzept in enger Verbindung zu Bemühungen des Natur- und Umweltschutzes.

Disziplinengeschichtliche Rekonstruktionen des Begriffs verfehlen die vielen gemeinsamen Problembezüge und ideologiegeschichtlichen Klammern, die beide Bedeutungsstränge verbinden. Erst in einer interdisziplinären Begriffsgeschichte lassen sich der rasante Aufstieg und die allgemeine Verbreitung des Begriffs überhaupt erklären. Eine sowohl für den Natur- wie den Kulturdiskurs relevante Frage ist, ob wirklich alle Formen von Diversität gleichermaßen anzuerkennen oder erhaltenswert sind. Eine Klammer zwischen beiden bildet die seit den 1960er Jahren zu beobachtende ›ökologische Wende des Geistes‹, die zu einer Naturalisierung des Denkens und zur Verschleifung historischer oder sozialer Bestimmungen geführt hat. Zum anderen gehört dazu die Herausbildung des postmodernen Denkens, in dem an die Stelle der großen (Emanzipations-)Geschichten und universalistischen Werte Differenz(en) gesetzt wurden. Der Begriff der Gesellschaft (im Singular) wurde ersetzt durch den Begriff der Kultur(en), dessen Grenze zur Natur zugleich immer fließender wird. Möglicherweise funktioniert ein Begriff wie Diversität auch deshalb so gut, weil sich darin auf der Basis unbefragter oder allgemein akzeptierter Voraussetzungen unterschiedliche oder gegensätzliche soziale Interessen bündeln: Jedem Kind leuchtet ein, dass es schön ist, wenn es viele verschiedene Tierarten gibt. Der Agrarindustrie und dem neoliberalen Denken leuchtet das auch ein, weil die differenten Gene neue Vermarktungsmöglichkeiten versprechen.

Wenn der entgrenzte Markt als Vermittler diversifizierter Individuen und Lebensformen in die Krise gerät und die Gesellschaft in zunehmendem Maße desintegriert, bilden sich neue nationalistische Identitäten (wie Volk oder Religion), deren Dynamik sich nicht zuletzt aus der Abwehr von Toleranz und Vielfalt speist. Sie verweist aber auch auf die Dialektik der identity politics, die auch regressiv in Dienst genommen werden kann, wie die neuen identitären Bewegungen zeigen.

[1] Margaret Mead: Sex and Temperament in Three Different Societies, New York 1963, S. 322.

[2] »Einleitung«, in: Glossar der Gegenwart, hg. v. Ulrich Bröckling, Susanne Krasmann und Thomas Lemke, Frankfurt a.M. 2004, S. 12.

 

VORGESCHLAGENE ZITIERWEISE: Ernst Müller/Falko Schmieder: Diversität, begriffsgeschichtlich, in: ZfL BLOG, 1.4.2017, [https://www.zflprojekte.de/zfl-blog/2017/04/01/ernst-muellerfalko-schmieder-diversitaet-begriffsgeschichtlich/].
DOI: https://doi.org/10.13151/zfl-blog/20170401-01

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