Intellektuellengeschichte Archive – ZfL BLOG https://www.zflprojekte.de/zfl-blog/tag/intellektuellengeschichte/ Blog des Leibniz-Zentrums für Literatur- und Kulturforschung, Berlin Mon, 03 Mar 2025 11:44:44 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=6.9.1 https://www.zflprojekte.de/zfl-blog/wp-content/uploads/2019/01/cropped-ZfL_Bildmarke_RGB_rot-32x32.png Intellektuellengeschichte Archive – ZfL BLOG https://www.zflprojekte.de/zfl-blog/tag/intellektuellengeschichte/ 32 32 Gianna Zocco: 100 JAHRE JAMES BALDWIN. Zu René Aguigahs Baldwin-Porträt https://www.zflprojekte.de/zfl-blog/2025/02/12/gianna-zocco-100-jahre-james-baldwin-zu-rene-aguigahs-baldwin-portraet/ Wed, 12 Feb 2025 15:49:41 +0000 https://www.zflprojekte.de/zfl-blog/?p=3507 Claude Haas hat kürzlich anlässlich des Kafka-Jahres bemerkt, dass die intellektuelle Ausbeute literarischer Gedenkjahre in der Regel mager ausfalle und zu solchen Anlässen »viel Nippes« auf den Markt geworfen werde.[1] Im Fall des afroamerikanischen Schriftstellers und Aktivisten James Baldwin, der 2024 seinen 100. Geburtstag gefeiert hätte, ist die Lage glücklicherweise eine andere. Denn sein Jubiläum Weiterlesen

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Claude Haas hat kürzlich anlässlich des Kafka-Jahres bemerkt, dass die intellektuelle Ausbeute literarischer Gedenkjahre in der Regel mager ausfalle und zu solchen Anlässen »viel Nippes« auf den Markt geworfen werde.[1] Im Fall des afroamerikanischen Schriftstellers und Aktivisten James Baldwin, der 2024 seinen 100. Geburtstag gefeiert hätte, ist die Lage glücklicherweise eine andere. Denn sein Jubiläum fiel in eine schon seit einigen Jahren andauernde ›Baldwin-Renaissance‹, die maßgeblich durch Filme wie Raoul Pecks I Am Not Your Negro (2016) und Barry Jenkins’ If Beale Street Could Talk (2018) angestoßen wurde und im Zuge der Internationalisierung der Black Lives Matter-Bewegung nach der Ermordung von George Floyd 2020 weiter an Fahrt gewann.

Dabei galt Baldwin, der 1987 starb, schon zu seinen Lebzeiten vielen als nicht mehr zeitgemäß. Stand er 1963 – im Jahr des Marschs auf Washington und des Erscheinens von The Fire Next Time – im Zenit seiner Berühmtheit, so verbreitete sich bereits ein paar Jahre später ein »narrative of decline« um ihn und vor allem sein Spätwerk.[2] Seit den späten 1990ern wuchs das wissenschaftliche Interesse an Baldwin wieder, doch noch 2014 schrieb die New York Times, dass sein Werk aus vielen schulischen Curricula und Leselisten verschwunden sei.[3] Zwei Jahre später hieß es hingegen im Time Magazine:

»James Baldwin is everywhere. […] His words inspire on social media; his phrases speak from T-shirts; his face covers a throw pillow on Etsy.«[4]

Neben Baldwins popkultureller Ikonisierung und der Aneignung von Baldwin-Zitaten durch politische Bewegungen von Black Lives Matter bis hin zu propalästinensischen Aktivist:innen stellen heute auch zahlreiche zeitgenössische Autor:innen über literarische Anspielungen, Motti in ihren Werken oder Interviews eine Verbindung zu ihm her. Die Liste reicht von Ta-Nehisi Coates und Teju Cole über Didier Eribon und Colm Tóibín bis hin zu Sasha Marianna Salzmann, Mithu Sanyal und Fatma Aydemir. Angesichts dieses reichen und globalen ›Nachlebens‹ von James Baldwin tut sich auch in der Forschung einiges[5] – zumal diese davon profitiert, dass seit 2017 Baldwins umfangreicher Nachlass am New Yorker Schomburg Center for Research in Black Culture zugänglich ist.

Rechtzeitig vor Baldwins 100. Geburtstag am 2. August 2024 erschien die erste deutschsprachige Monographie zu Baldwin in einem Publikumsverlag:[6] René Aguigahs James Baldwin: Der Zeuge (München: C. H. Beck 2024).[7] Aguigah, Kulturjournalist und Ressortleiter bei Deutschlandfunk Kultur, war schon zuvor als Vermittler von Baldwins Werk in Deutschland in Erscheinung getreten: als Autor des Nachworts der deutschsprachigen Neuausgabe von Another Country (Ein anderes Land, 2021), als Berater der Übersetzerin Miriam Mandelkow zur Wiedergabe rassistischer Begriffe sowie als Sprachrohr Baldwins auf Twitter.[8] Sein Buch kann sich den Erfolg der Neuausgaben von Baldwins Werk zunutze machen, die seit 2018 bei dtv erschienen sind. Mehrere dieser Werke – fünf Romane und drei Essaybände, allesamt neu übersetzt von Miriam Mandelkow – haben es in die Bestsellerlisten des Magazins Der Spiegel geschafft. Und tatsächlich fand Aguigahs Buch nicht nur große Berücksichtigung bei der Literaturkritik, sondern stand im September 2024 auch auf der Sachbuch-Bestenliste.

James Baldwin: Der Zeuge beschreibt sich selbst als »weder Forschungsarbeit noch Biographie«, sondern will ein Porträt von James Baldwin zeichnen, indem es ihn ›liest‹:  »Dieses Buch liest James Baldwin in seiner Zeit – und stellt ihm Fragen aus der Gegenwart« (12). Dadurch ergibt sich eine zentrale Spannung zwischen dem Heute der Lektüre und dem Damals des 20. Jahrhunderts, in dem sich Baldwins Leben ereignete und von dem auch die Welten seiner Romane geprägt sind.

Dass Aguigah den Akt der Lektüre ins Zentrum seiner Ausführungen stellt, bildet sich auch in der elaborierten und insgesamt sehr eleganten Struktur des Buches ab. Jedes Kapitel trägt ein aussagekräftiges Baldwin-Zitat im Titel und beginnt mit einem Filmbeispiel, wodurch die Bedeutung von Baldwins rhetorischer Schärfe und Telegenität für sein Nachleben als Social-Media-Star unterstrichen wird. Gleichzeitig sind drei der vier Hauptkapitel über Gegensatzpaare strukturiert, die auf aktuelle Spannungsfelder verweisen und für die Baldwins Werke einen »Reflexions- und Resonanzraum« (133) darstellen. Mit ›Resonanz‹ verwendet Aguigah dabei einen Begriff, der derzeit oft im Zusammenhang mit Schwarzer deutscher Literatur zirkuliert und dem von Sharon Dodua Otoo begründeten Schwarzen deutschen Literaturfestival »Resonanzen« seinen Namen gegeben hat. Für Aguigah steckt in dem Begriff eine »nicht ganz so direkte Gegenwärtigkeit«, eine Form des Widerhallens oder Mitschwingens, die Präsentismus vermeidet und Baldwins »sperrige Seiten« nicht kleinredet.[9] Schließlich ergibt sich aus seiner Fokussierung auf die Akte des Lesens und Mitschwingens ein Verfahren, das es ihm erlaubt, unterschiedliche Lesarten und Bedeutungsebenen von Baldwins Werken nebeneinanderzustellen. Die biographische Perspektive, die gerade für ein mit Baldwins Leben noch nicht allzu vertrautes deutschsprachiges Publikum interessant sein dürfte, erscheint damit glücklicherweise als nur eine von mehreren möglichen Lesarten. Insgesamt vermeidet Aguigah sehr geschickt, dass diese Perspektive zur einengend-reduktiven »Trüffelsuche im Leben des Autors« führt, die insbesondere bei der Literatur marginalisierter Autor:innen allzu oft als Selbstzweck betrieben wird (58).

Autor und Aktivist

Dem ersten Gegensatzpaar »Autor und Aktivist« nähert sich Aguigah auf drei unterschiedliche Weisen an: erstens über den Film Take This Hammer (1964) und Baldwins Rolle darin als »Aktivist vor der Fernsehkamera in San Francisco« (38), zweitens über Baldwins Kindheit und Jugend im New Yorker Stadtteil Harlem und die Nachwirkungen dieser Zeit in seinem Schreiben und drittens über Baldwins Verhältnis zum eine knappe Generation älteren afroamerikanischen Schriftsteller Richard Wright und somit zu der »Szene, wie der Autor als junger Mann die Bühne der US-amerikanischen Literatur betritt«, inklusive dem symbolischen Vatermord an Wright in frühen Essays wie Everybody’s Protest Novel (1949). Diese unterschiedlichen Zugänge ermöglichen es Aguigah nicht nur, unterschiedliche Lesarten von Baldwins erstem Roman Go Tell It On The Mountain (1953) zu präsentieren; er zeichnet darüber auch das Bild eines Menschen, der seinem Selbstverständnis nach mehreres zugleich ist – telegener Aktivist, mit seiner Herkunft aus ärmlichen Verhältnissen zeitlebens verbundener Schwarzer Amerikaner, Autor mit literarischen Ambitionen jenseits von reiner ›Protestliteratur‹.

Aguigah ordnet Baldwin als »spezifischen Intellektuellen« im Sinn Michel Foucaults ein, d.h. als jemanden, der anders als der ›universale‹ Intellektuelle nur zu jenen Dingen öffentlich Stellung nimmt, über die er dank spezifischer Kenntnisse zu sprechen befähigt ist. In Baldwins Fall waren das vor allem die race relations, für die er – geschult durch »eigene Betroffenheit und Fachkompetenz« – in doppelter Hinsicht Experte war (28). Außerdem verdeutlicht Aguigah, wie Baldwin Zeit seines Lebens die Eigengesetzlichkeit von Literatur betonte. Er kritisierte ›Protestromane‹ wie Harriet Beecher Stowes Uncle Tom’s Cabin und eben auch Richard Wrights Native Son dafür, dass die ›Wahrheit‹ hier gegenüber der ›politischen Botschaft‹ zu kurz komme, wobei mit Wahrheit in erster Linie die Anerkennung menschlicher Komplexität gemeint ist. Deren Vernachlässigung führe zu einem Fehlen von Lebensechtheit und Ambivalenz und zu einer Tendenz zum Bedienen von Stereotypen.

Wie aber ging Baldwin mit der Spannung zwischen der in aktivistischen Zusammenhängen gebotenen Eindeutigkeit und Entschiedenheit und der Verpflichtung von Literatur auf die Sichtbarmachung von Ambivalenz und Komplexität um? Aguigah schlägt hier eine Perspektive auf Baldwin vor, die sich wiederum über mehrere Ebenen erstreckt (ähnlich argumentiert er auch hinsichtlich der später diskutierten Gegensatzpaare). Ein Teil seiner Lesart lautet schlicht: Baldwin ging mit der Spannung um, indem er die durchaus als schmerzhaft erlebten Widersprüche austrug, statt sie vorschnell aufzuheben (vgl. 193). Ein anderer Teil artikuliert sich in der titelgebenden Charakterisierung Baldwins als Zeuge, die Aguigah anderen Zuschreibungen – insbesondere jener als Prophet – entgegensetzt und die ein Gemeinsames der vermeintlichen Gegensätze betont: die Verpflichtung auf »etwas in der Welt« statt auf Kunst um der Kunst willen sowie eine beobachtende Positionierung am Rand der aktivistischen Arena (66f.). Schließlich betont Aguigah, dass Baldwins Romane – wenn sie auch keine ›Protestromane‹ oder ›thesis novels‹ sein wollten – dennoch eindeutig politische Romane sind: Romane, deren politischer Gehalt sich durch die Verpflichtung auf unbequeme Wahrheiten und durch Baldwins Positionierung als Zeuge sowie durch den Fokus auf das »widersprüchlich Menschliche« ergibt:

»Und was wäre die Verbindung zwischen Menschen anderes als die Keimzelle des Politischen?« (54)

Fiction und Nonfiction

Mit der Bestimmung von Baldwins Romanen als ›politisch‹ ist Aguigah dann beim zweiten Gegensatzpaar: »Fiction und Nonfiction«. Baldwin ist heute hauptsächlich für seine Romane und Essays bekannt – weniger für seine beiden Theaterstücke, den Gedichtband Jimmy’s Blues (1983) oder die Erzählungen aus dem Band Going to Meet the Man (1965). Das Verhältnis zwischen diesen beiden wichtigsten Formen seines Schreibens, in denen sich der Konflikt zwischen Autor und Aktivist gewissermaßen manifestiert, war in der Literaturkritik oft Gegenstand durchaus harscher Bewertungen: Namhafte Literaturwissenschaftler wie etwa Harold Bloom oder Schriftsteller wie Mario Puzo zogen Baldwins Essays den Romanen vor; der Interviewer im Kurzfilm Meeting the Man (1970) suggeriert hingegen, dass die fiktionalen Arbeiten stärker als seine Essays seien. Aguigah nun geht davon aus, dass Baldwins Romane und Essays »womöglich wechselseitig [helfen], die jeweils andere Textsorte besser zu verstehen« (72). Unter dieser Prämisse betrachtet er Werke aus Baldwins mittlerer Schaffensperiode: den in Paris spielenden zweiten Roman Giovanni’s Room (1956), das oft als Hauptwerk bezeichnete Another Country (1962) sowie verschiedene Essays, darunter Preservation of Innocence (1949), Stranger in the Village (1953) und The Fire Next Time (1963).

Partikular und universal

Ein gegenwärtig als besonders polarisierend erlebtes Gegensatzpaar, mit dem sich Aguigah vornehmlich Baldwins späterer Schaffensperiode widmet, strukturiert das folgende Kapitel: »partikular und universal«. Im Vordergrund steht hier die Beobachtung, dass in aktuellen Auseinandersetzungen, die unter Stichworten wie ›Identitätspolitik‹ und ›Cancel Culture‹ geführt werden, zur Untermauerung der jeweiligen Sichtweise Baldwin-Zitate von ganz gegensätzlichen Seiten vorgebracht werden. Diejenigen, die die ›Partikularität‹ von Schwarzen (oder, in anderen Zusammenhängen, homosexuellen) Erfahrungen betonen, bezeichnen Baldwin etwa als ›Ahnherr‹ der Intersektionalität, der aufgrund seiner ursprünglich dreifachen Marginalisierung als Schwarz, schwul und arm für unterschiedliche Diskriminierungsformen, ihre Ähnlichkeiten, Verschränkungen und Unterscheidungen besonders sensibilisiert gewesen sei. Aguigah kann an vielen Stellen überzeugend zeigen, wie die von Baldwin entworfenen literarischen Welten Denkweisen vorführen und bloßlegen, die in den letzten Jahren unter Bezeichnungen wie ›Farbenblindheit‹, ›weiße Fragilität‹ oder ›Tokenismus‹ zu etablierten kritischen Konzepten in der Critical Race Theory und den Critical Whiteness Studies geworden sind. Andererseits lassen sich viele von Baldwins Äußerungen universalistisch lesen, etwa wenn er den ethischen, über ein einzelnes Thema hinausweisenden Gehalt seiner Literatur herausstellte, sich gegen den Separatismus der Nation of Islam aussprach oder betonte, dass er für Menschen, nicht für bestimmte soziale Gruppen oder Kollektividentitäten schreibe.

Indem Aguigah Baldwins »Orientierung an partikularen Kollektividentitäten« wie auch seine »Orientierung an der Universalität des Menschseins« (118) ernst nimmt, gelingt ihm ein differenzierter Umgang mit dieser konfliktreichen Polarität. Beispielsweise zeigt er, wie Baldwin in Another Country eindringlich »von der Differenz der Schwarzen Erfahrung« erzählt, ohne dabei jedoch die Auffassung zu vertreten, »dass Leiden unter Rassismus allein von Schwarzen nachvollzogen werden könnte« (101). Aguigah macht somit klar, dass das ›Dazwischen‹, dem Baldwins Position oft entspricht – etwa hinsichtlich der afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung (Martin Luther King) und den Black Muslims (Malcolm X) –, nicht mit einer es sich einfach machenden Versöhnlichkeit verwechselt werden sollte. Es geht vielmehr um ein Wahr- und Ernstnehmen der anderen Perspektive trotz möglicher innerer Abwehrreaktionen. Vor dem Hintergrund gegenwärtiger Bemühungen, Baldwin aufgrund seiner identitätspolitischen Äußerungen zum Theoretiker avant la lettre von Intersektionalität oder strukturellem Rassismus zu erklären, deutet Aguigah in Bezug auf Baldwins Memoir No Name in the Street (1972) auch die Grenzen solcher Aktualisierungen an, etwa wenn es um seine fehlende Kritik am Waffenkult oder der Homophobie der Black Panthers geht.

Erinnerung

Im letzten Kapitel verzichtet Aguigah darauf, sich seinem Thema über ein Gegensatzpaar zu nähern. Stattdessen interessiert er sich für das Erinnern und die Krise des Erinnerns in Baldwins Romanen, insbesondere in seinem von Literaturkritik und Forschung nach wie vor vernachlässigten letzten Roman Just Above My Head (1979), den Aguigah als Baldwins »Fassung einer Great American Novel« betrachtet (168). Die Stärke dieses Kapitels ist zweifelsohne die genaue Textlektüre, die Baldwins Auseinandersetzung mit dem Thema in den Kontext der Beschäftigung mit Erinnerung in vielen Romanen der Moderne einordnet. Aguigah zeigt zum einen, wie sich Baldwins Frage danach, wie an die Bürgerrechtsbewegung zu erinnern sei, mit dem Nachdenken über das Funktionieren des menschlichen Gedächtnisses überschneidet, so dass der Ich-Erzähler zum Erzählten »die Quellenkritik stets als Beigabe« mitbringe und seine eigenen Erinnerungen kritisch reflektiere (vgl. 177). Zum anderen nutzt Aguigah das Thema der Erinnerung auch, um sich einer weiteren Besonderheit von Baldwins Schaffen zu widmen: den vielen Rekursen auf Gospel, Blues und Jazz und der Rolle von Musik als ›Zeitmaschine‹, die »mit einem anderen Zugang zur Vergangenheit als per Geschichtsschreibung« verbunden sei (184).

***

Aguigah ist mit seinem Buch ein vielschichtiges Porträt von James Baldwin und einigen seiner Werke gelungen, dem nicht nur während des Black History Month viele Leser:innen zu wünschen sind. Insbesondere die Lektüren, in denen er verschiedene Lesarten von Baldwins Werken nebeneinanderstellt, sind lesenswert und laden zum Wiederlesen ein. Schade ist lediglich, dass ein weiteres Gegensatzpaar, das für nicht-amerikanische Leser:innen vermutlich besonders interessant gewesen wäre, nur gestreift wird: der Gegensatz zwischen einem ›amerikanischen‹ und einem ›globalen‹ Baldwin; zwischen einer Perspektive, die sein Denken als primär auf US-amerikanische Zusammenhänge bezogen begreift, und einer Sicht, die die globalen, internationalen oder spezifisch europäischen Dimensionen seines Werks stärker berücksichtigt.[10]

So liefert Aguigah Baldwin-Interessierten im Jubiläumsjahr und darüber hinaus weit mehr als bloß ›Nippes‹. Wenn sich daher folgern ließe, dass das Baldwin-Jubiläum von manch anderem literarischen Jubiläum abweicht, so gilt das in anderer Hinsicht gerade nicht. Claude Haas bemerkt nämlich auch, dass Gedenkjahre »stets eine seismographische Funktion« haben, da sich an ihnen ablesen lässt, »wo ihre Jubilar*innen und deren – oder gar die – Literatur öffentlich gerade stehen«.[11] Auf Baldwin bezogen zeigt sich in der Tat, dass der Gewinn an literarischem Renommee, den sein Werk in den letzten Jahren verzeichnet, mit der in der Gegenwart enger gewordenen Koppelung des Literarischen ans Politische zusammenhängt. Für die »Notwendigkeit der Konzeption eines postautonomen oder heteronomen Literaturbegriffs«, die man aus dieser größeren Entwicklung ableiten kann, ist sein Werk ein äußerst produktives Beispiel. Denn es zeigt nachdrücklich, dass ein politisch engagiertes, an der ›Welt‹ orientiertes Schreiben »durchaus mit literarischen Autonomiebestrebungen vereinbar sein kann«.[12]

Die Komparatistin Gianna Zocco leitet am ZfL das ERC-Projekt Schwarze Narrative Transkultureller Aneignung. Literarische Akte des Konstruierens afroeuropäischer Welten und der Infragestellung europäischer Grundlagen. Auf dem ZfL BLOG erschien von ihr zuletzt »A “MODEST MONUMENT” AWAITING COMPLETION. Gianna Zocco talks to Jean-Ulrick Désert and Dorothea Löbbermann about the W. E. B. Du Bois Memorial at the Humboldt University of Berlin«.

 

[1] Claude Haas: »War da was? Bemerkungen zum Kafka-Jahr 2024«, in: ZfL BLOG, 8.10.2024.

[2] Remo Verdickt: Between Aleph and Avatar. James Baldwin’s Twenty-First-Century Career and the Dynamics of Contemporary World Literature, unveröffentlichte Dissertation, KU Leuven, verteidigt am 4.10.2024, S. 2.

[3] Felicia R. Lee: »Trying to Bring Baldwin’s Complex Voice Back to the Classroom«, in: New York Times, 24.4.2014; vgl. auch Verdickt: Between Aleph and Avatar (Anm. 2), S. 3.

[4] Eddie Glaude: »James Baldwin and the Trap of Our History«, in: Time, 18.8.2016.

[5] Frisch erschienen oder von den Verlagen bereits angekündigt sind neue Monographien zu Baldwin von Douglas Field (Walking in the Dark: James Baldwin, My Father, and Me, Manchester University Press 2024), Magdalena Zaborowska (James Baldwin: The Life Album, Yale University Press, angekündigt für März 2025) und Nicholas Boggs (Baldwin: A Love Story, Farrar, Straus and Giroux, angekündigt für August 2025).

[6] Diese Aussage lässt sich mit nur einer Einschränkung machen: 1985 publizierte der Peter Lang Verlag Peter Grädels Dissertation James Baldwins Romane in den USA und in den deutschsprachigen Ländern Europas, 1953–1981. Tendenzen der Rezeption.

[7] Aguigahs Buch ist dabei nur eine von fünf deutschsprachigen Publikationen mit Baldwin-Bezug, die im Jubiläumsjahr erschienen. Bei dtv kamen in diesem Jahr zwei weitere von Baldwins Büchern in neuer Übersetzung heraus, der Roman Wie lange, sag mir, ist der Zug schon fort (Tell Me How Long the Train’s Been Gone, 1968) und der Essayband Kein Name bleibt ihm weit und breit (No Name in the Street, 1972). Zusätzlich erschienen im schweizerischen Kampa Verlag ein Band mit Gesprächen (Ich weiß, wovon ich spreche. Ein Leben in Gesprächen) sowie der Band Fremder im Dorf / Schwarzer Körper, der die Essays von James Baldwin und Teju Cole über ihre Zeit in Leukerbad enthält. Zitate aus James Baldwin: Der Zeuge werden direkt im Text nachgewiesen.

[8] Zu Aguigahs Tweets über Baldwin vgl. Verdickt: Between Aleph and Avatar (Anm. 2), S. 171 und S. 176.

[9] Im Begriff der ›Resonanz‹ drückt sich für Otoo die Intention aus, mit ihrem Festival einen Raum zu schaffen für das, »was Schwarzen Menschen in mehrheitlich weißen Räumen fehlt«. »Mir geht es darum zu überlegen, was sich die Geschichten gegenseitig und im Hinblick auf andere literarische Werke, andere afrodiasporische Texte erzählen. Das ist für mich Resonanz: Wenn eine Schwarze Person einen Text schreibt und Würdigung in einem Raum findet, weil Lesende wissen, was gemeint ist, worauf der Text Bezug nimmt, an was er erinnert.« Vgl. Isabella Caldart: »Türen öffnen – Interview mit Sharon Dodua Otoo über das Schwarze Literaturfestival ›Resonanzen‹«, in: 54books, 12.5.2022. Für Aguigahs Verständnis des Begriffs vgl. ein Gespräch mit ihm in der FAS: Tobias Rüther und Harald Staun: »Versöhnung ist mit ihm nicht zu haben«, in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 7.7.2024, S. 35.

[10] Die spezifisch europäischen Dimensionen von Baldwins Werk und seiner Rezeption sind der Fokus eines Heftes der James Baldwin Revue mit dem Titel »European Baldwins«, dessen Herausgabe ich gerade gemeinsam mit Remo Verdickt und Pieter Vermeulen vorbereite.

[11] Haas: »War da was?« (Anm. 1).

[12] Carlos Spoerhase/Juliane Vogel: »Gegenwartsliteratur als Herausforderung des Literarischen«, in: Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte 97 (2023), hier S. 861.

 

VORGESCHLAGENE ZITIERWEISE: Gianna Zocco: 100 Jahre James Baldwin. Zu René Aguigahs Baldwin-Porträt, in: ZfL Blog, 12.2.2025, [https://www.zflprojekte.de/zfl-blog/2025/02/12/gianna-zocco-100-jahre-james-baldwin-zu-rene-aguigahs-baldwin-portraet/].
DOI: https://doi.org/10.13151/zfl-blog/20250212-01

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Sarah Kiani: DIE VIELEN GESICHTER DES HUGO MARCUS https://www.zflprojekte.de/zfl-blog/2024/12/09/sarah-kiani-die-vielen-gesichter-des-hugo-marcus/ Mon, 09 Dec 2024 09:45:08 +0000 https://www.zflprojekte.de/zfl-blog/?p=3470 Eine kürzlich erschienene Studie von Marc David Baer über den weitgehend vergessenen Schriftsteller Hugo Marcus (1880–1966) widmet sich dessen vielfältigen, scheinbar widersprüchlichen Identitäten: deutsch, erst jüdisch, dann muslimisch, homosexuell.[1] Es besteht kein Zweifel daran, dass sich in Hugo Marcus’ Biographie Welten kreuzten, die nicht unbedingt dazu bestimmt waren. Doch obwohl er in vielerlei Hinsicht eine Weiterlesen

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Eine kürzlich erschienene Studie von Marc David Baer über den weitgehend vergessenen Schriftsteller Hugo Marcus (1880–1966) widmet sich dessen vielfältigen, scheinbar widersprüchlichen Identitäten: deutsch, erst jüdisch, dann muslimisch, homosexuell.[1] Es besteht kein Zweifel daran, dass sich in Hugo Marcus’ Biographie Welten kreuzten, die nicht unbedingt dazu bestimmt waren. Doch obwohl er in vielerlei Hinsicht eine erstaunliche Persönlichkeit war, passte er perfekt in seine Zeit: er war das ›Produkt‹ einer besonderen Epoche im späten 19., frühen 20. Jahrhundert in Deutschland und der Schweiz, geprägt durch das intellektuelle Klima der Weimarer Republik, in der die Frage der homosexuellen Emanzipation ebenso im Raum stand wie die Vision eines im Dialog mit Europa stehenden rationalen Islam.[2]

›Schwul‹

Für den Historiker Robert Beachy ist Deutschland, insbesondere Berlin im späten 19. Jahrhundert, der Geburtsort der »modernen Identität« des Homosexuellen.[3] Zwar war der § 175 des deutschen Strafgesetzbuches, der »widernatürliche Unzucht« unter Strafe stellt – d.h. sexuelle Beziehungen zwischen Menschen und Tieren oder zwischen Männern (aber nicht zwischen Frauen) – noch in Kraft. Doch das Kaiserreich und mehr noch die Weimarer Republik waren Orte intensiver Neuaushandlungen sexueller Identitäten, zwischen der ersten Homosexuellenbewegung, einer Explosion des gleichgeschlechtlichen Soziallebens in Bars, Wäldern und Parks und der Herausbildung eines wissenschaftlichen Nachdenkens über Homosexualitäten. Im Umfeld des Wissenschaftlich-humanitären Komitees (WhK, gegründet 1897) und besonders des von Magnus Hirschfeld geleiteten Instituts für Sexualwissenschaft (gegründet 1919) ging es darum, dank der Erklärung von Homosexualität durch ›natürliche‹ Ursachen ihre Entkriminalisierung und die Abschaffung des § 175 zu erreichen. (Tatsächlich wurden alle Artikel des deutschen Strafgesetzbuches, die homosexuelle Beziehungen unter Strafe stellten, erst 1994 vollständig abgeschafft.)

In jener Zeit ging es der Homosexuellenbewegung um eine Balance zwischen radikalen Ansätzen und dem aktivistischen Bedürfnis, sich zu zeigen, ohne die Öffentlichkeit zu sehr zu irritieren. Die erste Homosexuellenbewegung sprach lieber von Männerfreundschaften, die durchaus hoch angesehen waren, oder von Homoerotik, weniger gern von Homosexualität. Die Bezeichnung ›schwul‹ wurde von den meisten Männern der Hirschfeld-Generation abgelehnt. Auch Hugo Marcus verwendete im Gegensatz zu seinem Freund Kurt Hiller das Wort nicht zur Selbstbeschreibung, obwohl er sich sein ganzes Leben lang für die Rechte der Homosexuellen einsetzte. Um die Jahrhundertwende standen seine Schriften zur Männerfreundschaft und Spiritualität im Kontext einer fortschreitenden Etablierung des Islam in Deutschland.[4] Diese wurde von Intellektuellen vorangetrieben, die nicht nur Texte in Umlauf brachten, sondern gerade in Berlin auch Kulturzentren gründeten.[5]

Nachdem Marcus das Gymnasium in Posen (dem heutigen Poznań) abgeschlossen hatte, kam er 1898 nach Berlin und schloss sich dem WhK an, wo er sich für die Abschaffung des § 175 einsetzte. Fast täglich arbeitete er an Texten, die von »exaltierten Männerfreundschaften« erzählen, in seiner Novelle Das Frühlingsglück (1900) etwa wird die Überlegenheit homoerotischer gegenüber heterosexuellen Beziehungen behauptet. Seine Dissertation Die Philosophie des Monopluralismus (1907) fand nicht nur Zustimmung, Gerdien Jonker zitiert einige wenig schmeichelhafte Rezensionen.[6] Viele seiner Schriften wurden aber erst nach dem Zweiten Weltkrieg veröffentlicht.

Hugo Marcus hatte, wie auch Kurt Hiller, zwischen 1903 und 1906 die Vorlesungen Georg Simmels an der Friedrich-Wilhelms-Universität in Berlin besucht. Marc David Baer sieht den Einfluss Simmels auf seine Studenten offenbar vor allem in seinen progressiven, antibürgerlichen, pazifistischen, ja feministischen Stellungnahmen. Marcus teilte Simmels Überlegungen zur peripheren, aber heuristisch bedeutsamen Position, die durch den Blick des »Fremden« auf seine Aufnahmegesellschaft erzeugt wird, und insbesondere zur Stellung der Juden innerhalb der deutschen Gesellschaft. Der Religionsphilosoph Abraham Rubin geht davon aus, dass Marcus ebenso wie Simmel die strukturelle Position der Juden in ihrer jeweiligen Gesellschaft als Ort einer eigenen Wissensproduktion verstand, die für die Marginalität des Fremden wesentlich sei.[7] Auch vergleicht er die in Simmels Text Der Fremde entwickelte Auffassung des Fremden mit den Überlegungen, die Marcus 1929 in einem Vortrag in der Wilmersdorfer Moschee in Berlin vorstellte, deren Geschäftsführer er von 1923 bis 1938 war. Zwölf Jahre nach Hirschfeld und fünf Jahre vor Hiller geboren, war Hugo Marcus – Dichter, Philosoph und Aktivist – ein Mann seiner Zeit, der Teil an den Kämpfen für die sexuelle Gleichberechtigung und der Ausformung einer »modernen Identität« hatte, auch wenn er im Gegensatz zu Hiller und Hirschfeld weder Revolutionär, Sozialist noch Sozialdemokrat war, sondern ein Liberaler.

Hamid Marcus

Während Marcus das Judentum nur selten direkt beim Namen nennt, schrieb er viel über den Islam, hauptsächlich in der Moslemischen Revue und der Islamic Review. Marcus gehörte der »Lahore-Ahmadiyya-Bewegung zur Verbreitung islamischen Wissens« an, die 1923 in Berlin die erste Moschee in Deutschland errichtete. Seine Nähe zu muslimischen Studenten, die er als Tutor betreute, führte ihn zur Konversion. Für eine Neuinterpretation des Denkens von u.a. Goethe, Nietzsche, Kant und Spinoza bezog er den Islam mit ein. Seine Konversion zum Islam stellte indessen keinen Akt der radikalen Abkehr von seiner jüdischen und deutschen Identität dar, sondern ist vielmehr als Kontinuität zu verstehen. In seinem unveröffentlichten, 1951 geschriebenen Text Warum ich Moslem wurde beschreibt er den Islam als eine fortschrittliche Religion, die den Gläubigen große Freiheit lässt.

Marcus verortete seine Idee eines deutschen Islam im 18. Jahrhundert der Aufklärung. Für ihn verfolgen Islam und Demokratie ein gemeinsames Projekt der Toleranz und der geistigen Freiheit. Indem er sich von Goethes Denken inspirieren ließ und eine Vision des Islam vertrat, die auf den Werten der Freiheit und Autonomie, aber auch wissenschaftlicher Rationalität beruht, gelang es ihm, eine Kontinuität zwischen seinem deutsch-jüdischen Erbe und dem Islam herzustellen. Der Goethe des West-östlichen Divans ist für Marcus der beste Muslim seiner Zeit:

»Wenn Islam bedeutet, sich dem Willen Gottes zu ergeben, dann leben und sterben wir alle im Islam«.[8]

Die Schweiz

Nach einer Inhaftierung in Sachsenhausen 1938, über die relativ wenig bekannt ist, ging Marcus 1939 ins Exil in die Schweiz, die in seinen Augen »unter dem Banner der Menschlichkeit und nicht im Zeichen des Schwertes« stand. Zunächst führte es ihn in die französischsprachige Schweiz, dann in die Nähe von Basel. Marcus spürte den Verbindungen zwischen Calvins religiöser Vision und der Vision des Korans nach, insbesondere in Bezug auf Fragen der moralischen Strenge und einer sozialen Ordnung nach religiösen Grundsätzen. Diese Verbindungen hatte Marcus bereits früher in Form einer »deutsch-islamistischen« Synthese zwischen dem Weimarer Deutschland und dem Islam hergestellt, einem Projekt zur massiven Islamisierung Deutschlands, das er mit den Ähnlichkeiten zwischen deutschen Werten, deutschen Denkern (vor allem Nietzsche und Goethe) und den Werten des Islams rechtfertigte.

In der Schweiz veröffentlichte Marcus sowohl in der Moslemischen Revue, als auch regelmäßig in der Zürcher Homosexuellenzeitschrift Der Kreis, die vielerorts nur unter dem Ladentisch gehandelt werden konnte. Seine Geschichten über Männerfreundschaften mit gelegentlichen Bezügen zum Islam veröffentlichte er dort unter dem Pseudonym Hans Alienus. Allerdings herrschte in dieser Zeitschrift ein anderer Geist als in den Kreisen um Hirschfeld, sie setzte sich viel radikaler für die Rechte von Homosexuellen ein und distanzierte sich vom ›Dritten Geschlecht‹ und den ›Uraniern‹ des WhK. Da Marcus’ »Männerfreundschaften« nicht zu dieser redaktionellen Linie passten, wurden seine Texte nach 1956 nicht mehr veröffentlicht.

Seine letzten Lebensjahre verbrachte Hugo Marcus einsam in der Schweiz. Als er 1966 starb, war es um ihn still geworden. Da es in dem Land keine Ahmadiyya-Gemeinde gab, wurde er ohne religiöse Zeremonie bestattet.

Übersetzung: Dirk Naguschewski

 

Die Historikerin Sarah Kiani ist Maître-assistante in Gender Studies an der Maison d’Analyse des Processus Sociaux (MAPS) der Universität Neuchâtel und assoziierte Forscherin am Centre Marc Bloch in Berlin.

Der Text geht zurück auf Sarah Kianis Beitrag »Les multiples visages d’Hugo Marcus« in dem von Denis Thouard herausgegebenen Band »Les enfants de Simmel« (Belval: les éditions Circé 2024). Das Buch wird am 10.12.2024 unter Beteiligung von Sarah Kiani und Denis Thouard im ZfL bei der Veranstaltung »Nach Simmel, mit Simmel« präsentiert.

Die Übersetzung erfolgt mit freundlicher Genehmigung der éditions Circé.

 

[1] Marc David Baer hat die erste umfangreiche historische Studie zu Hugo Marcus veröffentlicht. Für ihn ist Marcus ein Prisma, durch das sich die Verbindungen des Islam zum Nationalsozialismus, zum Judentum und zur Homosexualität denken lassen: German, Jew, Muslim, Gay. The Life and Times of Hugo Marcus, New York 2020. Vgl. außerdem Marc David Baer: »Muslim Encounters with Nazism and the Holocaust: The Ahmadi of Berlin and Jewish Convert to Islam Hugo Marcus«, in: American Historical Review 120.1 (2015), S. 140–171 (zur Konvertierung vgl. insb. S. 140 ff.); ders.: »Protestant Islam in Weimar Germany: Hugo Marcus and ›the message of the holy prophet Muhammad to Europe‹«, in: New German Critique 44.2, 131 (2017), S. 163–200, hier S. 164.

[2] Zu den erwähnten Texten von Hugo Marcus gehören: Hugo Marcus: Das Frühlingsglück. Die Geschichte einer ersten Liebe, Dresden/Leipzig 1900; Hugo Marcus: »The Message of the Holy Prophet Muhammad to Europe« (drei Teile), in: The Islamic Review 20 (1932), June–July, S. 222–239; August, S. 268–279; September, S. 281–286. Marcus’ Schriften über den Islam sind größtenteils in der Islamic Review erschienen, einer Ahmadiyya-Zeitschrift, deren Archiv online zugänglich ist. Seine Hommage an die Schweiz, »Switzerland and its relation to Islam«, erschien in: The Islamic Review 37.6 (June 1949), S. 26–28. Seine Erinnerungen an Simmel finden sich in: Kurt Gassen/Michael Landmann (Hg.): Buch des Dankes an Georg Simmel. Briefe, Erinnerungen, Bibliographie. Zu seinem 100. Geburtstag am 1. März 1958, Berlin 1958, S. 273–276; dort erinnert er sich unter anderem an einen Vortrag Simmels über japanische Kunst vor der Gesellschaft für ästhetische Forschung.

[3] In seiner klassischen Studie über die erste Homosexuellenbewegung im kaiserlichen Deutschland und in der Weimarer Republik definiert Robert Beachy Deutschland und insbesondere Berlin als Ort der Erfindung einer homosexuellen Identität, vgl. Robert Beachy: Gay Berlin, Birthplace of a Modern Identity, New York 2014; zur ersten Homosexuellenbewegung in Deutschland und zum esoterischen Denken der Homophilie vgl. auch Adrian Daub: »From Maximin to Stonewall: Sexuality and the Afterlives of the George Circle«, in: The Germanic Review: Literature, Culture, Theory 87.1 (2012), S. 19–34 (zu den Schriften von Marcus vgl. insb. S. 30).

[4] Gerdien Jonker nennt es eine »Theologie der Männerfreundschaft«, in: Gerdien Jonker: On the Margins. Jews and Muslims in Interwar Berlin, Leiden 2020, S. 34; vgl. besonders das Kapitel »The Sting of Desire: Hugo Marcus’s Theology of Male Friendship«, S. 129–151.

[5] Nile Green spricht von Bemühungen, aus dem Deutschen »a new Islamic language« zu machen, zit. nach Marc David Baer: German, Jew, Muslim, Gay (Anm. 1), S. 63.

[6] Vgl. Jonker: On the Margins (Anm. 4), S. 151.

[7] Abraham Rubin: »Hugo Hamid Marcus (1880–1966): The Muslim Convert as German Jew«, in: Jewish Quarterly Review 109.4 (2019), S. 598–630, hier wird auch Warum ich Moslem wurde zitiert, S. 608.

[8] Zit. nach Hugo Marcus: »Message of the Prophet to Europe « (Anm 2), S. 285.

 

VORGESCHLAGENE ZITIERWEISE: Sarah Kiani: Die vielen Gesichter des Hugo Marcus, in: ZfL Blog, 9.12.2024, [https://www.zflprojekte.de/zfl-blog/2024/12/09/sarah-kiani-die-vielen-gesichter-des-hugo-marcus/].
DOI: https://doi.org/10.13151/zfl-blog/20241209-01

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Moritz Neuffer/Morten Paul: Periodische Formgebung. ZEITSCHRIFTEN UND ÖFFENTLICHKEIT IN DER FRÜHEN BUNDESREPUBLIK https://www.zflprojekte.de/zfl-blog/2022/06/09/moritz-neuffer-morten-paul-periodische-formgebung-zeitschriften-und-oeffentlichkeit-in-der-fruehen-bundesrepublik/ Thu, 09 Jun 2022 07:03:14 +0000 https://www.zflprojekte.de/zfl-blog/?p=2589 In der Geschichte moderner Gesellschaften sind Zeitschriften und Öffentlichkeit so eng aufeinander bezogen, dass sie nahezu synonym erscheinen. Schließlich soll Öffentlichkeit derjenige Raum sein, in dem freie Menschen sich als Gleiche begegnen und über Belange kommunizieren, die von allgemeinem Interesse sind. In Gemeinwesen, in denen gesellschaftliche Auseinandersetzung und Selbstvergewisserung nicht durch unmittelbaren Kontakt garantiert sind, Weiterlesen

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In der Geschichte moderner Gesellschaften sind Zeitschriften und Öffentlichkeit so eng aufeinander bezogen, dass sie nahezu synonym erscheinen. Schließlich soll Öffentlichkeit derjenige Raum sein, in dem freie Menschen sich als Gleiche begegnen und über Belange kommunizieren, die von allgemeinem Interesse sind. In Gemeinwesen, in denen gesellschaftliche Auseinandersetzung und Selbstvergewisserung nicht durch unmittelbaren Kontakt garantiert sind, helfen Zeitschriften dabei, Öffentlichkeit – oder ausdifferenzierte Teilöffentlichkeiten – herzustellen. Sie tun dies, indem sie Texte und Bilder, Gattungen und Disziplinen, Stimmen und Stimmungen versammeln und bündeln, und indem sie in mal mehr, mal weniger regelmäßiger Folge öffentlichen Austausch auf Dauer stellen.

Unzählige Zeitschriftentitel und -manifeste proklamieren ein Verständnis von Journalen und Magazinen als Medien des Zeitgemäßen bzw. der geistigen Situation ›ihrer‹ oder ›der‹ Zeit. Dieser Zeitbezug wirkt in dem Status nach, den Zeitschriften als Quellen historischer Forschung genießen: Medien, die einmal viel über die eigene Zeit zu sagen hatten, werden auch im historiografischen Rückblick als Zeugen herangezogen. Doch Zeitschriften sind immer auch eigensinnige Akteure und somit Indikatoren und Faktoren historischer Bewegung zugleich. Das Verhältnis von Zeitschriften und Öffentlichkeit(en) ist von Heteronomie und Kontingenz, Interessen, Konflikten und Aushandlungsprozessen geprägt. Was Öffentlichkeit sein soll und darf, ist nicht selbstverständlich, sondern umkämpft und historisch wandelbar. Daher lohnt es sich zu fragen, welche Zeitschriften unter welchen Bedingungen und mit welchen Absichten Öffentlichkeit produzieren: Welche Bilder ›ihrer‹ Zeit entwerfen sie und mit welchen Absichten und Effekten tun sie es?

Am 31. März und 1. April 2022 richtete das Deutsche Literaturarchiv Marbach in Kooperation mit dem Leibniz-Zentrum für Literatur- und Kulturforschung und dem Arbeitskreis Kulturwissenschaftliche Zeitschriftenforschung deshalb die Tagung Wandlungszonen: Zeitschriften und Öffentlichkeit, 1945–1969 aus.[1] Ihr Gegenstand war die Konstitution und Rekonstitution von Öffentlichkeit im Medium Zeitschrift im langen Nachkrieg und vor dem Hintergrund der nationalsozialistischen Vergangenheit. Die Überlegungen galten dabei nicht nur der Frage, wofür oder für wen Zeitschriften Öffentlichkeit (wieder-)herstellten, sondern auch, wie sie das als Zeitschriften taten. Journale, so die Ausgangsthese, sind aufgrund ihrer spezifischen Gestalt und Machart ›Zonen‹, in denen sich etwas ereignen kann: Sie sind mediale Räume, die Wandel und Prozess, Anfang und Aufbruch versprechen und vollziehen.

Folgerichtig gehören Brüche, Kontinuitäten und Übergänge zu den zentralen Figuren, die die Diskussion auf der Tagung dominierten, und die bereits in den Selbstbeschreibungen politisch-intellektueller Zeitschriften nach 1945 angelegt waren. Im Fokus standen Periodika, die sich in Form und Themensetzung teilweise erheblich voneinander unterscheiden und dennoch allesamt an der Neubegründung bundesrepublikanischer Öffentlichkeit mitwirkten: vom Merkur zur Constanze, von der Historischen Zeitschrift zur alternative, von der twen zum studentischen Forum Academicum. Einen historischen Idealtypus für die Untersuchung des Verhältnisses von Zeitschriften und Öffentlichkeit scheint dabei das intellektuelle Kulturjournal zu modellieren, für das auf der Tagung insbesondere die Monatsschrift Die Wandlung stand. Bereits an ihrem Titel ist das Versprechen des Übergangs abzulesen, das ihr die Gründungsmitglieder Dolf Sternberger, Karl Jaspers, Werner Krauss und Alfred Weber einschrieben. Zeitschriften, die sich derart als Foren der Erneuerung präsentierten, erlebten besonders in den Zwischenjahren 1945 bis 1949, also während der Besatzungszeit bis zur Gründung der Bundesrepublik Deutschland, eine Blüte. Sie bauten dabei nicht zuletzt auf Traditionen und Netzwerken auf, die schon das intellektuelle Leben der Weimarer Republik geprägt hatten. Zu den Intellectual Journals, die in der Regel ein weiter Kulturbegriff auszeichnet und in deren Zentrum die Gattung des Essays steht, zählen in dieser Zeit auch Der Ruf, Merkur, die Frankfurter Hefte oder Wiedergründungen wie die Neue Rundschau. Von diesem Modell lassen sich andere Typen absetzen, die auf je unterschiedliche Weise ebenfalls zwischen Tradition und Erneuerung manövrierten: wissenschaftliche Fachzeitschriften, literarische, politische oder breitenwirksamere Publikumszeitschriften mit ihren jeweils eigenen Öffentlichkeiten und Öffentlichkeitskonzepten. Diese Typen, so zeigt sich bei näherer Betrachtung, lassen sich selten klar voneinander trennen bzw. weisen sie vielfach Übergänge und Zwischenformen auf. Damit bestätigen sie nicht zuletzt eine zentrale These kulturwissenschaftlicher Zeitschriftenforschung, nämlich dass Zeitschriften Medien sind, die sich eindeutigen Typologisierungen und Definitionen entziehen und gerade darin ihre spezifische Produktivität finden.[2]

Neben Genredefinitionen standen in Marbach die spezifischen Techniken und Verfahren im Mittelpunkt, mit denen Zeitschriften nach 1945 Bezüge zu ihrer‹ Zeit herstellten. Im Falle wissenschaftlicher Zeitschriften war es nicht selten die Rezension, die es ermöglichte, in ›kleiner Form‹ Position zu Gegenwärtigem und damit auch zur Vergangenheit des Nationalsozialismus zu beziehen – selbst in einem vermeintlich gegen den direkten Gegenwartsbezug abgedichteten fachwissenschaftlichen Journal wie der Historischen Zeitschrift. Besondere Aufmerksamkeit fand die Rolle dokumentarischer Techniken und Strategien. Denn in der Konfrontation mit den deutschen Verbrechen war das Zugänglichmachen von Tatsachenmaterial, etwa in der Wandlung und der Gegenwart, ein aufklärerischer Akt in serieller Folge. Von dieser Politik des Faktischen zehrte noch die linksintellektuelle Publizistik der späten 1950er und 1960er Jahre, die ihre Analyse, Theorie und Kritik mit der ausgestellten Evidenz von sogenannten Dokumentationen verband. Gebündelte Veröffentlichungen von Dokumenten oder Kompilationen von Zitaten schufen die Grundlage der politischen Kritik am Bestehenden, wobei schließlich auch ein naiver Begriff von Tatsachen selbst zum Gegenstand der sich etablierenden Ideologiekritik werden konnte.

Den Massenmedien hingegen wird in der von links als restaurativ wahrgenommenen Adenauer-Ära statt der Ausprägung eines kritischen Bewusstseins traditionell eher kulturindustrielle Affirmation zugeschrieben. Doch auch populäre Zeitschriften wie Constanze oder twen lassen sich gewinnbringend auf ihre Produktionsweisen von Öffentlichkeit hin befragen: Im Nebeneinander der Text- und Bildsorten (zum Beispiel der Werbung) fallen dort insbesondere Verfahren auf, mit denen die oft einseitig wirkende Kommunikation zwischen Zeitschriften und Leserschaften erweitert wurde. Die Frage, ob die Einbeziehung von Leserbriefen dabei tatsächlich der Herstellung einer breiteren gesellschaftlichen Diskussion oder nicht doch eher der Inszenierung von Partizipation diente, verweist auf ein Auseinanderfallen von Adressierungsrhetorik und Adressierungsleistung von Zeitschriften.

Der Blick auf die komplexe Kommunikationssituation und Vielstimmigkeit von Zeitschriften steht dabei in einem Spannungsverhältnis zu der Beobachtung, dass in der Intellectual History – aus forschungstechnisch naheliegenden Gründen – starke Herausgeber:innen- und Autor:innenfiguren zentrale Rollen einnehmen. Die Zeitschrift tritt als Verkörperung der Intentionen ihrer Macher:innen auf, die sich der Zeitschrift als Organ der Umsetzung geistig-politischer Programmatiken bedienen. Was sich an den veröffentlichten Heften nicht immer ablesen lässt, zeigt der spätere Blick in die Archive. In Selbstzeugnissen und Briefwechseln werden Aushandlungsprozesse und Spannungsverhältnisse sichtbar, denen nicht zuletzt der Umgang mit der eigenen historischen Erfahrung und Verstrickung eingeschrieben und in denen der positive Bezug auf die neue demokratische Öffentlichkeit keineswegs immer ausgemacht war. Viele Akteure blickten mit Skepsis auf den Entstehungsprozess der zweiten parlamentarischen Demokratie in Deutschland, den sie mit Unsicherheit und Chaos verbanden.[3] Das sollte sich erst im Zuge der Konsolidierung der Bundesrepublik ändern, die sich im Medium Zeitschrift in ihrer Prozesshaftigkeit ebenso nachvollziehen lässt wie der Wandel von Bildungsvorstellungen und öffentlich-intellektuellen Kommunikationsweisen, die vielerorts noch von einem elitären Aufklärungsverständnis geprägt waren.

Die Zentralperspektive auf Intention und Selbstverständnis der »great editors«[4] und ihrer Autor:innen, die bestimmte Zeitschriftentypen wie das intellektuelle Kulturjournal oder Textsorten wie den Essay privilegiert, lässt sich, auch das ist eine Erkenntnis der Marbacher Tagung, durch dezentrierende Forschungen darüber ergänzen, was genau den Text der Zeitschrift hervorbringt bzw. die Möglichkeiten seiner Hervorbringung bestimmt. Dazu gehören nicht zuletzt die materiellen Bedingungen und Abhängigkeiten, die Auswahl, Zirkulation und Transfer von Text – und damit Öffentlichkeit – begünstigen oder einschränken. Die Zeitschrift wird so nicht nur als Dokument und Quelle der geistigen Situation ihrer Zeit, sondern als Akteurin, die dieser Situation periodisch Form gibt, lesbar. Den produktiven Austausch über solche methodischen Perspektiven und Zugriffe auf Dauer zu stellen, ist das fortlaufende Anliegen des Arbeitskreises Kulturwissenschaftliche Zeitschriftenforschung, der allen Interessierten zur Teilnahme offensteht. 

 

Der Historiker Moritz Neuffer ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am ZfL, wo sein Projekt zur »Erforschung des persönlichen Archivs der Germanistin, Publizistin und Kulturhistorikerin Hildegard Brenner« von der DFG gefördert wird.

Der Germanist Morten Paul ist einer der Herausgeber des August Verlags und Lektor im Verlag Matthes & Seitz Berlin..

 

[1] Konzipiert wurde die Tagung von Anna Kinder (DLA Marbach), Barbara Picht (ZfL Berlin), Anke Jaspers (Universität Graz) sowie den Autoren dieses Beitrags. Referent:innen waren Rainer Bayreuther, Jan-Eike Dunkhase, Gunilla Eschenbach, Moritz Neuffer, Barbara Picht, Philipp Pabst, Roman Yos, Jens Hacke, Aleš Urválek und Paweł Zajas. Auf der Abendveranstaltung diskutierten Liliane Weissberg und Udo Bermbach über den Briefwechsel zwischen Hannah Arendt und Dolf Sternberger. Das Programm zum Nachlesen findet sich hier. – Im Rahmen der Tagung fand auch das Jahrestreffen des Arbeitskreises Kulturwissenschaftliche Zeitschriftenforschung statt, der sich methodischen und theoretischen Fragen der Erforschung periodischer Publikationen widmet. Dabei sprach Stefan Reiners-Selbach über die interaktive Erschließung von Zeitschriftenkorpora mithilfe digitaler Methoden und Petra Boden über die Geschichte interdisziplinärer Praxis im Spiegel von Fachzeitschriften. Das nächste Treffen des Arbeitskreises, der seit 2017 Wissenschaftler:innen unterschiedlicher Disziplinen zusammenbringt, findet voraussichtlich im Herbst 2022 statt.

[2] Gustav Frank/Madleen Podewski/Stefan Scherer: »Kultur – Zeit – Schrift. Literatur- und Kulturzeitschriften als ›kleine Archive‹«, in: Internationales Archiv für Sozialgeschichte der deutschen Literatur 34.2 (2009), S. 1–45, hier S. 4.

[3] Zu dezidiert demokratiefeindlicher Publizistik nach 1945, die nicht Gegenstand der Marbacher Tagung war, vgl. Moritz Neuffer/Morten Paul: »Rechte Hefte. Zeitschriften der alten und neuen Rechten nach 1945«, in: Eurozine (Dossier Worlds of Cultural Journals), 7.11.2018.

[4] Matthew Philpotts: »What makes a great magazine editor? Seven theses on editorial plurality«, in: Eurozine, 4.5.2018.

 

VORGESCHLAGENE ZITIERWEISE: Moritz Neuffer/Morten Paul: Periodische Formgebung. Zeitschriften und Öffentlichkeit in der frühen Bundesrepublik, in: ZfL BLOG, 9.6.2022, [https://www.zflprojekte.de/zfl-blog/2022/06/09/moritz-neuffer-morten-paul-periodische-formgebung-zeitschriften-und-oeffentlichkeit-in-der-fruehen-bundesrepublik/].
DOI: https://doi.org/10.13151/zfl-blog/20220609-01

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Moritz Neuffer: PREKÄRE THEORIE, oder: Wer ist Hildegard Brenner? https://www.zflprojekte.de/zfl-blog/2021/01/14/moritz-neuffer-prekaere-theorie-oder-wer-ist-hildegard-brenner/ Thu, 14 Jan 2021 10:29:07 +0000 https://www.zflprojekte.de/zfl-blog/?p=1673 »What makes a great magazine editor?«, fragte der britische Literaturwissenschaftler Matthew Philpotts kürzlich in einem Essay für Eurozine und stellte eine Typologie von Herausgebertypen auf, die in der Intellektuellengeschichte des 20. Jahrhunderts bedeutende Rollen spielten. In dieser Typologie finden sich charismatische und ›performative‹ Leitfiguren wie Herwarth Walden (Der Sturm) oder Karl Kraus (Die Fackel), nüchterne Weiterlesen

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»What makes a great magazine editor?«, fragte der britische Literaturwissenschaftler Matthew Philpotts kürzlich in einem Essay für Eurozine und stellte eine Typologie von Herausgebertypen auf, die in der Intellektuellengeschichte des 20. Jahrhunderts bedeutende Rollen spielten. In dieser Typologie finden sich charismatische und ›performative‹ Leitfiguren wie Herwarth Walden (Der Sturm) oder Karl Kraus (Die Fackel), nüchterne und bescheidene Verwalter wie Carl von Ossietzky (Die Weltbühne) oder Herbert Steiner (Corona), aber auch Jongleure zwischen diesen Extremen wie Peter Suhrkamp (Neue Rundschau) oder Jean Paulhan (Nouvelle Revue Française). Der einzelgängerische Criterion-Herausgeber T.S. Eliot wird dem ›kollektiven‹ Stil von Sartres Les Temps Modernes gegenübergestellt, während Thomas Mann als Co-Herausgeber von Mass und Wert wiederum dazwischen steht. Der Kanon der ›großen‹ verlegenden Männer legt den Gedanken nahe, dass Hildegard Brenner (*1927) in der intellektuellen Öffentlichkeit des 20. Jahrhunderts eine Ausnahmeerscheinung darstellte.

Tatsächlich war die 1952 promovierte Germanistin, die zunächst als Journalistin und später als Professorin an der Universität Bremen arbeitete, in der Bundesrepublik Deutschland bis in die 1970er Jahre hinein die einzige Frau, die ein intellektuelles Journal von überregionaler Bedeutung herausgab. Von 1964 bis 1982 leitete sie in West-Berlin die Literatur- und Theoriezeitschrift alternative, die mit Heften zur materialistischen Ästhetik, zum Strukturalismus, zur Literatur der DDR, des Exils und der Arbeiterbewegung eine Auflage von bis zu 10.000 Exemplaren pro Nummer erreichte. Der Erfolg gründete zum einen auf weitreichenden Verbindungen nach Paris und Potsdam, Riga und Rom, hinein in Verlage und Zeitschriftenredaktionen, akademische Institutionen und dissidente Zirkel. Er verdankte sich aber wohl ebenso dem strengen Stil, mit dem Brenner einstigen Redaktionsmitgliedern im Gedächtnis geblieben ist: »Ein Gedanke pro Satz genügt!«, erinnert sich Helmut Lethen, 1966 und 1967 Redakteur der Zeitschrift, in seiner jüngst erschienenen Autobiografie an das oberste Gebot seiner damaligen »Chefin«.[1]

Obwohl Zeitgenossen wie Lethen und sein Mitredakteur Heinz Dieter Kittsteiner gelegentlich an Brenner erinnert haben,[2] ist ihr Name nur wenigen geläufig. Dabei hinterließ sie Spuren in der Geschichte der Kritischen Theorie, als sie in der alternative die Editionspolitik von Theodor W. Adorno, Rolf Tiedemann und Peter Unseld kritisierte und eine »wissenschaftliche Öffentlichkeit« für die nachgelassenen Schriften Walter Benjamins forderte.[3] Ebenso wird in der Forschung zum Nationalsozialismus gelegentlich ihr Buch Die Kunstpolitik des Nationalsozialismus zitiert, das 1963 in der populären Sachbuchreihe rowohlts deutsche enzyklopädie erschien und damaligen Rezensenten als eine der besten Analysen der Zerschlagung und Gleichschaltung der Kultur unter dem Hakenkreuz galt. Andere Arbeiten und Aktivitäten Brenners hingegen sind kaum bekannt, geschweige denn erforscht – was auch der Tatsache geschuldet ist, dass sie sich nach der Einstellung der alternative im Jahr 1982 fast vollständig aus der intellektuellen Öffentlichkeit zurückzog. Auch im Internationalen Germanistenlexikon ist ihr kein Eintrag vergönnt.

Abb. 1, Vorlass Hildegard Brenner; Foto: Dirk Naguschewski/ZfL

In Anlehnung an eine Begriffsprägung aus der Ideengeschichte der Frühen Neuzeit ließe sich Brenners Lebenswerk somit als ein Fall »prekären« Wissens betrachten, dessen Fortbestand unsicher und ungesichert ist.[4] Der umfangreiche persönliche Vorlass, der im Jahr 2019 dem Leibniz-Zentrum für Literatur- und Kulturforschung zur Sichtung übergeben wurde (Abb. 1), ermöglicht es nun, im Rahmen eines von der DFG geförderten Forschungsprojekts Brenners Rolle als Wissenschaftlerin und Herausgeberin erstmals zu ergründen. Die dafür zu erschließenden Materialien umfassen Manuskripte, Korrespondenzen, Verlagsdokumente, Zeitungsausschnitte, Tonbänder und vieles Weitere, was den Redaktionsnachlass der alternative im Deutschen Literaturarchiv Marbach ergänzt.

Wovon aber lässt sich anhand eines intellektuellen Werdegangs wie desjenigen Hildegard Brenners erzählen, wenn er einmal rekonstruiert ist? Ein erster Problemkomplex liegt auf der Hand: Aus geschlechtergeschichtlicher Perspektive lässt sich insbesondere für die alte Bundesrepublik ein eklatanter Mangel an Studien zur Geschichte weiblicher Intellektueller ausmachen. Auffallend ist dabei, dass deren Situation und Repräsentation bereits zu Brenners eigenen Arbeitsinteressen gehörten: Sie gab die bis heute einzige deutschsprachige Edition von Texten der lettischen Dramaturgin und Theatertheoretikerin Asja Lācis (1891–1979) heraus, die ohne diese Publikation hauptsächlich als Co-Autorin Walter Benjamins und aus dessen Essay über das proletarische Kindertheater bekannt wäre. Ebenso war Brenner daran gelegen, das Werk der Kunsttheoretikerin und Schriftstellerin Lu Märten (1879–1970) in Erinnerung zu halten. Der Vorlass zeugt damit von publizistischen und archivischen Möglichkeiten, mit der Marginalisierung von Autorinnen in der Intellektuellengeschichte umzugehen.

In der Generation der Achtundsechziger, deren Traditionsbezüge Brenner maßgeblich mitprägte, nahm sie eine Sonderstellung ein. 1927 geboren, war sie im Schnitt zehn bis fünfzehn Jahre älter als die studentischen Redakteur*innen der alternative, für die sie damals die Funktion einer Mentorin hatte. So vermittelte Brenner zwischen älteren theoretischen Traditionen und den Ansätzen der sich ab ca. 1960 formierenden Neuen Linken. Ihr theoretisches Interesse galt immer auch den historischen Erfahrungen, die Intellektuelle wie Karl Korsch, Carl Einstein oder Walter Benjamin, die in den 1960er Jahren wiederentdeckt wurden, in ihren Theorien verarbeitet hatten. Brenners Erlebnisse in den Kulturbetrieben des geteilten Nachkriegsdeutschland verliehen ihr ein praktisches Wissen über Verquickungen von Ästhetik und Politik, das sie zu einer Instanz im Umfeld der Studentenbewegung werden ließ. Zu ihren prägenden Arbeitserfahrungen, die sie auch mangels akademischer Festanstellung in den 1950er Jahren gemacht hatte, gehörten eine Hospitanz bei Bertolt Brecht am Berliner Ensemble und ihre freie Tätigkeit für den Hessischen und den Süddeutschen Rundfunk, für die sie über die Theater- und Intellektuellenszene in Ostberlin berichtete.

Da Hildegard Brenners Werk in einer außergewöhnlichen Vielfalt akademischer und journalistischer, monografischer und kollaborativer Schreibweisen vorliegt, stellt ihr Vorlass ein wichtiges Quellenkorpus an der Schnittstelle von Medien- und Intellektuellengeschichte dar. Theoretische Schriften zirkulierten ab den 1950er Jahren zunehmend in schnelllebigen, leicht zugänglichen Publikationsformen wie Zeitschriften, Taschenbüchern, Broschüren oder Raubdrucken, und in der Medienlandschaft der Nachkriegsgesellschaften wurden die Zeitung, das Radio und das Fernsehen vermehrt als Orte des Transfers zwischen akademischer Wissenschaft und Öffentlichkeit eingesetzt. Ihr persönliches Archiv dokumentiert, wie Brenner diese Vielfalt medialer Möglichkeiten über Jahrzehnte hinweg nutzte.

Vor diesem Hintergrund lässt sie sich in mehrfacher Hinsicht als Akteurin eines intellektuellen Formenwandels begreifen, dem die Ideen- und Intellektuellengeschichte allerdings noch lange hinterherhinkte: Bei denjenigen Intellektuellen, die sich weniger durch das ›große‹ Werk exponierten als durch editorische, dokumentarische und journalistische Tätigkeiten, verstärkt derartige publizistische Vielseitigkeit die Gefahr der Vernachlässigung durch die Geschichtsschreibung – es sei denn, sie werden irgendwann als ›große‹ Herausgeberfiguren kanonisiert. Wem diese Aufmerksamkeit zuteilwird, ist eine Frage von Interesse und Auswahl. Vor diesem Hintergrund erscheint es geboten, Hildegard Brenners Archiv in zweifacher Absicht zu erschließen: nicht nur, um ihren Platz im Kanon der »great editors« zu bestimmen, sondern auch, um der Geschichte dieses Kanons selbst zu begegnen.

Der Historiker Moritz Neuffer ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am ZfL, wo sein Projekt zur »Erforschung des persönlichen Archivs der Germanistin, Publizistin und Kulturhistorikerin Hildegard Brenner« von der DFG gefördert wird.

[1] Helmut Lethen: Denn für dieses Leben ist der Mensch nicht schlau genug. Erinnerungen, Berlin 2020, S. 382.

[2] Heinz Dieter Kittsteiner: »Unverzichtbare Episode. Berlin 1967«, in: Zeitschrift für Ideengeschichte 2 (2008) 4, S. 31–44, insb. S. 31.

[3] Vgl. Redaktion alternative: »Zu diesem Heft«, in: alternative 56/57 (1968), S. 47.

[4] Mit dem Begriff des »prekären Wissens« erfasst Martin Mulsow (Prekäres Wissen. Eine andere Ideengeschichte der Frühen Neuzeit, Berlin 2012, S. 14f.) den ungesicherten Status von materiellen Wissensträgern, aber auch von gesellschaftlich marginalisierten Gelehrten, ihren Sprecherrollen und Aussagen.

 

VORGESCHLAGENE ZITIERWEISE: Moritz Neuffer: Prekäre Theorie, oder: Wer ist Hildegard Brenner?, in: ZfL BLOG, 14.1.2021, [https://www.zflprojekte.de/zfl-blog/2021/01/14/moritz-neuffer-prekaere-theorie-oder-wer-ist-hildegard-brenner/].
DOI: https://doi.org/10.13151/zfl-blog/20210114-01

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Patrick Eiden-Offe/Moritz Neuffer: WAS IST UND WAS WILL KULTURWISSENSCHAFTLICHE ZEITSCHRIFTENFORSCHUNG? https://www.zflprojekte.de/zfl-blog/2018/11/19/patrick-eiden-offe-moritz-neuffer-was-ist-und-was-will-kulturwissenschaftliche-zeitschriftenforschung/ Mon, 19 Nov 2018 10:01:45 +0000 http://www.zflprojekte.de/zfl-blog/?p=893 Inmitten der verheerenden Weltwirtschaftskrise fassten Walter Benjamin und Bertolt Brecht 1929/30 den Plan, eine Zeitschrift zu gründen. Sie sollte Krisis und Kritik heißen und sich nicht nur der »Krise auf allen Gebieten der Ideologie« annehmen, sondern selbst, mit den Mitteln der Kritik, Krise produzieren: »Aufgabe der Zeitschrift ist es, diese Krise festzustellen oder herbeizuführen«, schrieb Weiterlesen

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Inmitten der verheerenden Weltwirtschaftskrise fassten Walter Benjamin und Bertolt Brecht 1929/30 den Plan, eine Zeitschrift zu gründen. Sie sollte Krisis und Kritik heißen und sich nicht nur der »Krise auf allen Gebieten der Ideologie« annehmen, sondern selbst, mit den Mitteln der Kritik, Krise produzieren: »Aufgabe der Zeitschrift ist es, diese Krise festzustellen oder herbeizuführen«, schrieb Benjamin an seinen Freund Brecht.[1] Ihr reger Austausch über potentielle Themen, Schreibweisen und Beitragende offenbart, dass Benjamin und Brecht nicht nur die Inhalte, sondern auch die sozialen und operativen Dimensionen ihres – letztlich niemals realisierten – Projektes im Blick hatten. Krisis und Kritik, so ihre Überzeugung, würde »die bisher leere Stelle eines Organs einnehmen, in dem die bürgerliche Intelligenz sich Rechenschaft von den Forderungen und den Einsichten gibt, die einzig und allein ihr unter den heutigen Umständen eine eingreifende, von Folgen begleitete Produktion im Gegensatz zu der üblichen willkürlichen und folgenlosen gestatten«.[2]

Benjamins und Brechts Theoretisierung des Zeitschriftenmachens zeigt, dass ihre Wahl genau dieser Waffe der Kritik keine willkürliche war. Das Medium Zeitschrift sahen sie nicht als neutralen Container, sondern als ein durchaus vitales »Organ« eigener Bauart und Wirkweise. Der Einsicht, dass die Zeitschrift kein simpler »cargo truck« für intellektuelles Frachtgut ist, wird inzwischen auch in der Forschung Rechnung getragen.[3] Damit wird nachgeholt, was für die history of books schon längst selbstverständlich ist: Zeitschriften weisen Eigenlogiken auf, die kultur- und wissensgeschichtlich untersucht werden können und sollten. Nicht zuletzt sind sie immer auch Interventionen in eine spezifische historische Situation. Davon zeugt das Beispiel Krisis und Kritik eindrücklich: Die »Krise festzustellen oder herbeizuführen« war eine radikale Antwort auf die Frage Was können, was sollen und was wollen Zeitschriften?

Periodika sind in der Geschichte der Ideen und Theorien, der Künste und der Wissenschaften der Neuzeit allgegenwärtig, und gerade deshalb sind sie theoriebedürftig. Der Arbeitskreis Kulturwissenschaftliche Zeitschriftenforschung hat sich 2017 als Initiative von und für Nachwuchsforscher*innen gegründet, die über Perspektiven auf diesen selbstverständlich-unselbstverständlichen Gegenstand nachdenken. In den letzten Jahren hat es methodisch und theoretisch einige Neuansätze zu einer Zeitschriftenforschung gegeben. Der interdisziplinäre Arbeitskreis – die Mitglieder stammen aus den Literatur-, Kunst- und Kulturwissenschaften, aus der Soziologie und Politologie, aus der Geschichts- und der Medienwissenschaft – verzichtet bewusst darauf, die verschiedenen Zugänge zu homogenisieren. Stattdessen wollen wir intellektuellen- und ideengeschichtliche, medien- und wissensgeschichtliche Perspektiven in eine produktive Beziehung setzen. Die bisherigen Jahrestreffen (2017 am Zentrum für Literatur- und Kulturforschung in Berlin, 2018 am Kulturwissenschaftlichen Institut in Essen) boten Raum für erste Diskussionen über theoretische und methodische Grundierungen des Feldes und Einblicke in die Quellenkorpora aktueller Forschungen. Das Spektrum reichte dabei thematisch vom Untergrund der Selbstpublizistik bis zum Höhenkamm akademischer Elitenkulturen, chronologisch von der Aufklärung bis zur Gegenwart.

Als ein erstes Produkt der gemeinsamen Arbeit ist nun auf der Website des internationalen Kulturzeitschriftenverbands Eurozine ein mehrsprachiges Dossier zum Thema The worlds of cultural journals erschienen. Den dort frei abrufbaren Essays ist bei aller Diversität gemeinsam, dass sie die genuin politische Dimension des Zeitschriftenmachens – und vielleicht auch des Zeitschriftenforschens? – ins Zentrum der Aufmerksamkeit rücken. Gerade Kulturzeitschriften – »a somewhat awkward placeholder term for periodicals between the arts, the sciences and politics«, so das Editorial des Dossiers – können als Medien betrachtet werden, in denen sich ein politisches Krisen-, ja vielleicht sogar ein epochales Schwellenbewusstsein formiert und Ausdruck verschafft. Wie dies in konkreten historischen und regionalen Kontexten aussehen kann, zeigt beispielsweise der Beitrag von Yvonne Albers über Mawaqif, die bedeutendste arabische Kulturzeitschrift der 1960er und 1970er Jahre, Diskussionsort französischer Theorie und Forum engagierter Intellektueller in konfliktreichen Zeiten. Auch Sven-Eric Liedmans Essay über Ord & Bild, die älteste schwedische Kulturzeitschrift, die 2017 ihr 125jähriges Jubiläum feierte, und Waldemar Kuligowskis Auseinandersetzung mit der polnischen Zeitschriftenlandschaft nach 1989 zeigen, wie Zeitschriften auf Zeitenwenden reagieren und zugleich ihre eigenen Zeiten – Eigenzeiten – ausbilden.

Zeitschriften, und speziell Kulturzeitschriften, formieren und informieren die Öffentlichkeit, wirken dabei aber nicht nur nach außen. Eine Zeitschrift ist, als intellektueller Produktionszusammenhang, selbst ein prekäres soziales Gebilde, das sehr verschiedene Formen annehmen und seinerseits in Krisen und Zusammenbrüche treiben kann. Die Geschichte der meisten Periodika könnte als eine von Zerwürfnissen und Neuaufbrüchen – »Start, stop, begin again« (Yvonne Albers) – erzählt werden: Das Machen von Zeitschriften ist ein kollektiver Prozess, Kreise von Zeitschriftenmacher*innen sind oft auch Freundschaftsbünde. Dass dies gerade im Kontext der politischen und ästhetischen Avantgarden des 20. Jahrhunderts nicht immer trennscharf zu unterscheiden ist, beschreibt Beatriz Colomina in ihrem Beitrag, in dem sie ›kleine‹, ephemere Architekturzeitschriften der 1960er und 1970er Jahre in den Blick nimmt.

Die unhintergehbare Kollektivität des Denkens und Schreibens, die beim Zeitschriftenmachen sichtbar wird, kann dazu führen, dass Zeitschriftenmacher*innen – oder Macherinnen – sich dezidiert als Kollektiv verstehen und ›ihre‹ Zeitschrift auch zum Austragungsort von Widersprüchen werden lassen. Dies zeigt Katharina Lux an der linken feministischen Zeitschrift Die Schwarze Botin, die von 1976 bis 1987 in Westberlin produziert wurde. Zumeist aber wird Kollektivität eher als ein Problem betrachtet, das von ›großen‹ Machern gelöst wird – von »great editors«, deren intellektuelle Physiognomie Matthew Philpotts in seinem Beitrag nachzeichnet. Dass all diese Fragen, Widersprüche und Dynamiken nicht nur Fragen linker und liberaler Medien sind, liegt auf der Hand: Morten Paul und Moritz Neuffer weisen in ihrem Beitrag nach, dass Zeitschriften, als zumindest mittelfristig stabile Plattformen, Übergänge zwischen alten Nazis und Neuen Rechten in der BRD und über sie hinaus ermöglichten.

Der Arbeitskreis Kulturwissenschaftliche Zeitschriftenforschung wird sich als Forum des Austauschs und der fachübergreifenden Debatte weiterhin einmal jährlich treffen; eine Mailingliste steht allen Interessierten auf Nachfrage offen. Neben dem Austausch über laufende Projekte sehen wir den Arbeitskreis als einen Ort, an dem eine kritische Reflexion geisteswissenschaftlicher Praxis stattfinden kann. Schließlich waren Zeitschriften seit jeher auch Medien der Selbstbefragung und Selbstvergewisserung zwischen intellektuellen Sphären und ihrem Außen – oder, anders ausgedrückt, Medien der Rechenschaft über »Forderungen und Einsichten«, wie es bei der von Benjamin und Brecht geplanten Zeitschrift der Fall sein sollte. Das Dossier The worlds of cultural journals ist ein erster Schritt, um Reflexionsprozesse intellektuellen und politischen Handelns über Zeiten und Räume hinweg aufeinander zu beziehen – und die Zeitschrift als Krisenmedium theoretisch zu erschließen.

[1] Erdmut Wizisla: Benjamin und Brecht. Die Geschichte einer Freundschaft. Frankfurt/M.: Suhrkamp 2004, S. 130. Vgl. auch Roman Léandre Schmidt: »Utopisch scheitern. Zwei Zeitschriftenprojekte«, in: Eurozine, 26.05.2010.

[2] Walter Benjamin: Memorandum zur Zeitschrift ›Krisis und Kritik‹, zitiert nach Wizisla: Benjamin und Brecht, S. 115.

[3] Jeffrey J. Williams: »The Rise of the Theory Journal«, in: New Literary History 40 (2009) 4, S. 683–702, hier S. 687.

Der Germanist Patrick Eiden-Offe arbeitet am ZfL im Forschungsprojekt Theoriebildung im Medium von Wissenschaftskritik, Moritz Neuffer ist Stipendiat des ZfL-Doktorandenprogramms mit dem Projekt Die journalistische Form der Theorie. Zeitschriftenpublizistik und Theoriebildung in den 1950er bis 1970er Jahren. Beide sind Mitglieder des Arbeitskreises Kulturwissenschaftliche Zeitschriftenforschung, an dem sich u. a. das Zentrum für Literatur- und Kulturforschung Berlin (ZfL) und das Kulturwissenschaftliche Institut Essen (KWI) beteiligen.

 

VORGESCHLAGENE ZITIERWEISE: Patrick Eiden-Offe/Moritz Neuffer: Was ist und was will kulturwissenschaftliche Zeitschriftenforschung?, in: ZfL BLOG, 19.11.2018, [https://www.zflprojekte.de/zfl-blog/2018/11/19/patrick-eiden-offe-moritz-neuffer-was-ist-und-was-will-kulturwissenschaftliche-zeitschriftenforschung/].
DOI: https://doi.org/10.13151/zfl-blog/20181119-01

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