Kritik Archive – ZfL BLOG https://www.zflprojekte.de/zfl-blog/tag/kritik/ Blog des Leibniz-Zentrums für Literatur- und Kulturforschung, Berlin Wed, 19 Mar 2025 14:42:03 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=6.9.4 https://www.zflprojekte.de/zfl-blog/wp-content/uploads/2019/01/cropped-ZfL_Bildmarke_RGB_rot-32x32.png Kritik Archive – ZfL BLOG https://www.zflprojekte.de/zfl-blog/tag/kritik/ 32 32 Falko Schmieder: SOZIODIZEE DES KAPITALISMUS https://www.zflprojekte.de/zfl-blog/2024/04/17/falko-schmieder-soziodizee-des-kapitalismus/ Wed, 17 Apr 2024 08:12:09 +0000 https://www.zflprojekte.de/zfl-blog/?p=3262 In den vergangenen Jahren sind zahlreiche Glossare zu Leitvokabeln der Gegenwart entstanden, auffällig oft konzipiert von Soziolog*innen. Mit diesem flexiblen Genre lässt sich auf die rasanten gesellschaftlichen Veränderungen reagieren, die auch in der Sprache ihren Niederschlag finden. Die Transformationen der Semantik indizieren tiefgreifende Wandlungen kollektiver Wahrnehmungsweisen, Erwartungshaltungen sowie Zeitvorstellungen; ihre Analyse dient so einer historischen Weiterlesen

Der Beitrag Falko Schmieder: SOZIODIZEE DES KAPITALISMUS erschien zuerst auf ZfL BLOG.

]]>
In den vergangenen Jahren sind zahlreiche Glossare zu Leitvokabeln der Gegenwart entstanden, auffällig oft konzipiert von Soziolog*innen. Mit diesem flexiblen Genre lässt sich auf die rasanten gesellschaftlichen Veränderungen reagieren, die auch in der Sprache ihren Niederschlag finden. Die Transformationen der Semantik indizieren tiefgreifende Wandlungen kollektiver Wahrnehmungsweisen, Erwartungshaltungen sowie Zeitvorstellungen; ihre Analyse dient so einer historischen Selbstaufklärung der Gegenwart, die sich mit wachsender Geschwindigkeit selbst überholt und ins Präzedenzlose vorstößt. Armin Nassehis Buch zu gesellschaftlichen Grundbegriffen setzt diese Reihe soziologischer Standortbestimmungen im Medium der Sprachreflexion fort (Armin Nassehi: Gesellschaftliche Grundbegriffe. Ein Glossar der öffentlichen Rede, München: Beck 2023).

In seiner Einleitung nimmt der Münchner Soziologe Bezug auf die großen, bereits in den 1960er Jahren konzipierten begriffsgeschichtlichen Lexika, die Geschichtlichen Grundbegriffe und das Historische Wörterbuch der Philosophie, die er als Dokumente »einer historischen Situation« versteht, »in der womöglich zum letzten Mal eine kanonisierbare Bestandsaufnahme gemacht werden konnte« (15). Die Gegenwart sieht er im Unterschied dazu durch eine wachsende Beliebigkeit und »geradezu programmatische Fluidität und Freihändigkeit« (ebd.) charakterisiert, der er mit seinem Buch entgegenwirken möchte. Zu diesem Zweck nimmt er sich in eigenständigen Essays insgesamt 19 Begriffe vor, die in der öffentlichen Kommunikation den Status von Grundbegriffen erlangt haben: Demokratie, Freiheit, Fremdheit/der Fremde, Gesellschaft, Gleichheit/Ungleichheit, Handeln, Identität, Kommunikation, Konflikt, Krise, Kritik, Kultur, Lebenswelt, Macht, Natur, Öffentlichkeit, Populismus, Technik, Wissen. Seine soziologische Begriffsarbeit verfolgt das Ziel, die gesellschaftlichen Debatten über sich selbst aufzuklären und auf ein höheres Niveau zu heben. Diesem Anspruch liegt die These zugrunde, dass die gesellschaftlichen Grundbegriffe theoriehaltig und die öffentlichen Debatten, in denen sie Verwendung finden, daher theoriebedürftig sind. Theoriehaltig sind die Begriffe, weil sie Nassehi zufolge ihren Ursprung in der Soziologie haben und von hier in allgemeinere Diskurse eingewandert sind. Im Zuge dieser Diffusion seien die theoretischen Gehalte sukzessive in die Latenz abgedrängt worden oder ganz in Vergessenheit geraten.

Mittels einer soziologischen »Rückholaktion« (9), die er zugleich als »Wiedereinführung von Selbsteinschränkungen« (15) oder auch als »begriffshygienische Maßnahme« (22) versteht, möchte Nassehi nun prüfen, ob die Begriffe noch angemessen funktionieren, bzw. sie durch eine Neubestimmung ihres jeweiligen theoretischen Gehalts schärfen. In einiger Spannung zu diesem normativen Anliegen steht Nassehis Behauptung, es solle keineswegs darum gehen, »irgendjemanden auf einen richtigen oder legitimen Begriffsgebrauch festzulegen« (9). Vielmehr gehe es um eine funktionalistische Analyse, die danach fragt, welche Funktion der jeweilige Begriff im öffentlichen Gebrauch hat, für welches Problem er die Lösung ist und worin sich das wissenschaftliche vom außerwissenschaftlichen Bezugsproblem der Begriffe unterscheidet.

Aus der Perspektive der historischen Semantik erscheinen einige Grundannahmen aus der Einleitung Nassehis problematisch. Zum einen ist es erstaunlich, dass Nassehi den Ursprung der von ihm behandelten Begriffe in der Soziologie verortet. Denn etliche von ihnen haben ihre Wurzeln bereits in der Antike, während die Soziologie doch, wie er selbst zeigt, erst um die Wende zum 20. Jahrhundert als eigenständige akademische Disziplin entstanden ist. Statt von einer »Rückholaktion« der Begriffe zu sprechen, wäre es demnach wohl angemessener, nach den spezifischen soziologischen Perspektivierungen in der Geschichte der Begriffe und nach ihrer Relevanz für die Orientierungsversuche in der Gegenwart zu fragen. Damit verbunden erscheint es nicht unproblematisch, den wissenschaftlichen (soziologischen) Sprachgebrauch derart strikt vom öffentlichen Sprachgebrauch abzusetzen. Diese Entgegensetzung ist auch insofern unplausibel, als Nassehi selbst nicht die Perspektive der Soziologie im Allgemeinen, sondern mit der Systemtheorie einen Ansatz unter vielen anderen vertritt. Nassehi versteht dann auch sein Buch »als eine (Selbst-)Kritik der Soziologie« (17), als Einsatz, »der einen Unterschied machen« soll, der sich »aus einer bestimmten Art des soziologischen Argumentierens« (18, Hervorhebungen im Original) ergibt – des systemtheoretischen nämlich. Gerade hier, in der kritischen Auseinandersetzung mit konkurrierenden soziologischen Deutungen, besteht ein großer Reiz von Nassehis begrifflicher Aufklärungsarbeit.

Jeder Begriffsessay folgt demselben Schema und ist an der Leitfrage orientiert, für welches Problem der jeweilige Begriff die Lösung ist. Wenn das Buch im Untertitel als Glossar der öffentlichen Rede vorgestellt wird, dann ist das missverständlich, denn Nassehi ist nicht am Facettenreichtum und den verschiedenen, je nach Sprechergruppen differierenden Bedeutungen, sondern eher an allgemeineren Argumentationsfiguren interessiert, ohne dass allerdings klar wird, für wen diese Argumentationen charakteristisch sein sollen. Idiosynkratisch erscheinen auch die Rückgriffe auf soziologische Theorietraditionen. Eine durchgehende Konstante ist der Rekurs auf eigene Arbeiten, deren Befunde zuweilen als Versatzstücke übernommen werden. Der organisierende Zentralbegriff Nassehis, von dem her Licht auf viele andere Begriffsanalysen fällt, ist der der Gesellschaft, dem ein eigener Essay gewidmet ist. Nassehi macht vielen soziologischen Ansätzen, etwa dem Konstruktivismus oder der Akteur-Netzwerk-Theorie Bruno Latours, den Vorwurf, keinen Sinn für die Form des Gesellschaftlichen zu haben (vgl. 287). In der öffentlichen Debatte setze sich dieses Defizit fort. Einen Tiefpunkt, der Nassehi schaudern lässt, markiert die Wendung »Wir als Gesellschaft«, die immer dann strapaziert wird, wenn ein großer Problemdruck konstatiert und ein entsprechender Veränderungsbedarf angemahnt wird (vgl. 94). An dieser Wendung deutet sich bereits an, zur Bewältigung welches Problems der Gesellschaftsbegriff verwendet wird – nämlich des Problems, einem abstrakten, in verschiedene autonome Teilsysteme mit jeweils eigener Logik ausdifferenzierten System eine Adresse zu geben, die es erlaubt, strukturelle Probleme zurechenbar zu machen:

»Gesellschaft dient zumeist als Imaginationsbegriff für eine soziale Einheit, der begrifflich mehr Einheit unterstellt wird, als tatsächlich vorzufinden ist.« (71)

Mit dieser Lösung, die eine Scheinlösung sei, werde verdeckt, dass es in der Gesellschaft kein Zentrum gibt und dass auf allgemeine Probleme keine Antwort aus einem Guss möglich ist. Hier wie auch in etlichen anderen Begriffsessays führt Nassehi das Beispiel des Klimawandels an, der zwar als allgemeine Bedrohung der Überlebensbedingungen erscheint, aber dennoch nicht zentral und nach Maßgabe der besten wissenschaftlichen Einsichten angegangen werden kann, weil es eben kein einheitliches, mit sich identisches Handlungssubjekt gibt. Die Reduktion der Gesellschaft auf ein kollektives Wir muss somit ein ums andere Mal die von der Systemtheorie exponierte Komplexität der Gesellschaft verfehlen und bleibt so im Wiederholungszwang von Forderungen fixiert, die sich nicht einlösen lassen.

Der Vorwurf der Komplexitätsreduktion zieht sich leitmotivisch durch das ganze Buch. In der Analyse des Begriffs Handeln wird als ein zentrales Problem herausgestellt, dass das Handeln von vorgelagerten Bedingungen abhängig ist, die durch den Handlungsakt selber nicht kontrolliert oder bestimmt werden können – ebenso wenig wie die Konsequenzen, die sich aus den Handlungen ergeben. Gerade die für aktivistische Bewegungen charakteristische emphatische Beschwörung, endlich ins (transformative) Handeln zu kommen, täuscht für Nassehi über die Bedingtheit und die begrenzte Reichweite des Handelns hinweg. Im Pathos des Handelns sieht Nassehi eine Soziodizee par excellence. Er versteht darunter kognitive Formen,

»die dabei helfen, die Komplexität der Welt bzw. der Gesellschaft durch semantische Anker und Signale gewissermaßen unsichtbar zu machen. Solche begrifflichen Soziodizeen verdecken die Komplexität ihres Bezugsproblems und erzeugen […] illusorische Vorstellungen darüber, wie die Dinge funktionieren.« (139)

Ähnlich gelagert ist die Argumentation im Essay zum Begriff Konflikt. Der Konfliktbegriff hat für Nassehi in den öffentlichen Debatten die Funktion, in komplexen Verhältnissen durch die Konzentration auf eine Konfliktlinie oder einen binären Grundkonflikt eine Eindeutigkeit zu generieren und damit die wahren, vielfach überdeterminierten Konfliktverhältnisse zu simplifizieren. Auch der Einsatz des Begriffs Öffentlichkeit evoziere mehr Einheit, als empirisch nachvollziehbar sei. Seine performative Funktion sieht Nassehi darin, die funktional ausdifferenzierte Gesellschaft kommunikativ adressierbar zu machen und eine Sphäre zu simulieren, in der sich die Gesellschaft über sich selbst verständigen kann (vgl. 310). In Bezug auf seinen eigenen Ansatz muss sich Nassehi allerdings fragen lassen, ob er in seiner Gegenüberstellung von soziologischem und öffentlichem Diskurs nicht selber eine krasse Simplifizierung vornimmt, wenn er die öffentlichen Diskurse auf zentrale Argumentationsstränge reduziert und die Vielstimmigkeit der Semantiken in den diversen Begriffsstreitigkeiten einebnet.

Die Spezifik des kritischen Einsatzes Nassehis tritt vielleicht am deutlichsten in seinem Essay zum Begriff der Kritik selbst hervor. Als eine Art argumentativer Leitfaden dient hier Reinhart Kosellecks Dissertationsschrift Kritik und Krise, an der Nassehi vor allem die Diagnose der fortschreitenden Abstraktion von den konkreten Anlässen und Verhältnissen und der daraus resultierenden Verselbständigung der Kritik hervorhebt, ohne jedoch ein Wort über die verschwörungsmythischen und aufklärungsfeindlichen Dimensionen dieser Arbeit zu verlieren. Wenn Nassehi zustimmend Wendungen Kosellecks zitiert wie diejenige von der sich selbst Absolution erteilenden Kritik, die »alles und jedes in den Strudel der Öffentlichkeit« ziehe mit der Konsequenz, dass die Kritik zu einer »geheimnisvollen Herrschaft« anwachse, »die alle Lebensäußerungen verfremdet« (214), dann schreibt er diesen Verschwörungsmythos fort. Kosellecks Ausführungen dienen Nassehi als Blaupause für seine eigene Kritik an kapitalismuskritischen Protestbewegungen, denen er die Abstraktifizierung der Kritik zum Vorwurf macht. Der kritische Habitus habe sich hier verselbständigt und gerate zur selbstgefälligen Pose, bei der Kritik sich gegen alles richte und dabei jeden Bezug verliere. Die Protestierenden könnten sich darin umso bequemer einrichten, als sie keine Probleme lösen müssten. Sachlich begründet Nassehi die Verselbständigung der Kritik mit dem Umstand, dass die aufs Ganze des Kapitalismus zielende Kritik keinen Angriffspunkt findet. Dies ergebe sich zwangsläufig, da der Kapitalismus, den er als »Chiffre für die Struktur der modernen Gesellschaft« oder als »Platzhalter für das Unbehagen an der Unübersichtlichkeit der Moderne« (220) versteht, kein Gegenstand für emanzipatorisches Handeln sein kann.

Kritik, so Nassehi, müsse konstruktiv sein und brauche stets eine konkrete Adresse, sonst laufe sie ins Leere. Der frei flottierenden Kritik, die sich von konkreten Gegenständen ablöse, hält Nassehi die im Zuge der Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft breit ausdifferenzierten institutionalisierten Formen der Kritik und des Widerspruchs entgegen, die etwa in politischen und rechtlichen Verfahren, in der Bildung, in der Kultur und Kulturkritik etabliert sind und die sich um die Bewältigung konkreter Probleme bemühen. Nassehi weist aber auch darauf hin, dass die Protestbewegungen ihre radikalisierte Kritik nicht zuletzt damit begründen, dass die institutionalisierten Formen der Kritik angesichts der immer drängender werdenden Probleme versagen (vgl. 217). Der Konflikt, der sich hier abzeichnet, ist ein politischer und kann auf dem Papier nicht gelöst werden. Mit Bezug auf die Klimakrise als wohl größte Herausforderung räumt Nassehi ein, dass es gerade die Erfolge der Moderne sind, die zur Gefährdung der Überlebensbedingungen geführt haben:

»Daraus aber abzuleiten, dass es sich um geradezu notwendige Entwicklungen handelt, wäre insofern naiv, als es die Möglichkeit von Selbstkorrekturen ausschlösse. Die Entwicklung des Kapitalismus ist jedenfalls eindeutig ein Gegenbeispiel, weil er eben stets und immer wieder zu Selbstanpassungen in der Lage war, und für die ökologische Krise sollten wir dies zumindest hoffen.« (194)

Mit Blick auf die ungebrochenen Trends der Großen Beschleunigung erscheint Nassehis Position allerdings reichlich naiv. Sie lädt dazu ein, seinen Kampfbegriff der Soziodizee auf seinen Ansatz selbst anzuwenden, als semantische Form der Naturalisierung und Sakralisierung der Gesellschaft. Eine sachliche Ursache liegt paradoxerweise in Nassehis Gesellschaftsbegriff, dessen Unzulänglichkeit schon darin zum Ausdruck kommt, dass er ›Kapitalismus‹ lediglich als Chiffre statt als adäquaten wissenschaftlichen Begriff ansehen kann, der die spezifische Form der modernen Gesellschaft erfasst. Ein Grundcharakteristikum dieser Gesellschaft ist der mit dem Profitmotiv verbundene permanente Wachstumszwang. In den 1970er Jahren erschien es den Kritikern der politischen Ökologie noch als Binsenweisheit, dass auf endlicher Grundlage kein unendliches Wachstum möglich ist. Es wurde ein notwendiger Zusammenhang zwischen kapitalistischem Wachstum und Naturzerstörung konstatiert. Hans Magnus Enzensberger, der Begründer des Kursbuchs, dessen heutiger Herausgeber Nassehi ist, war nur einer unter vielen, die daraus das existenzielle Erfordernis der Überschreitung der kapitalistischen Wirtschaftsweise abgeleitet haben. Selbst Niklas Luhmann hatte in den 1980er Jahren die Möglichkeit erwogen, dass das System so auf seine Umwelt einwirkt, dass es später in dieser Umwelt nicht mehr existieren kann. Nassehi hält unter deutlich verschärften Gefährdungsbedingungen an der Illusion einer ökologischen Selbstkorrektur der Gesellschaft fest. Von vielen Aktivist*innen der Protestbewegungen wird diese Illusion eines grünen Kapitalismus nicht mehr geteilt. Nicht wenige scheinen resigniert und den Glauben an eine Veränderung der Gesellschaft verloren zu haben. In diesem Sinne lässt sich vielleicht auch die allgemeinere Wende zur Identitätspolitik und die Konzentration auf Identitätsfragen deuten, die Nassehi einmal mehr als Kompensation für die »Nicht-Erreichbarkeit« von strukturellen gesellschaftlichen Problemen ansieht (vgl. 157).

Falko Schmieder leitet am ZfL das Schwerpunktprojekt »Das 20. Jahrhundert in Grundbegriffen. Lexikon zur historischen Semantik in Deutschland«.

 

VORGESCHLAGENE ZITIERWEISE: Falko Schmieder: Soziodizee des Kapitalismus, in: ZfL Blog, 17.4.2024, [https://www.zflprojekte.de/zfl-blog/2024/04/17/falko-schmieder-soziodizee-des-kapitalismus/].
DOI: https://doi.org/10.13151/zfl-blog/20240417-01

Der Beitrag Falko Schmieder: SOZIODIZEE DES KAPITALISMUS erschien zuerst auf ZfL BLOG.

]]>
Benjamin Kohlmann/Ivana Perica: DER POLITISCHE GEBRAUCH UND NUTZEN VON LITERATUR https://www.zflprojekte.de/zfl-blog/2024/02/21/benjamin-kohlmann-ivana-perica-der-politische-gebrauch-und-nutzen-von-literatur/ Wed, 21 Feb 2024 09:52:31 +0000 https://www.zflprojekte.de/zfl-blog/?p=3194 »Erst der neue Zweck macht die neue Kunst«, erklärte Bertolt Brecht in seinem kurzen Essay Über Stoffe und Formen von 1929.[1] Formuliert als Begründung für die Entwicklung seiner Lehrstücke um 1930, liefert Brechts Äußerung einen Zugang zu den Debatten über den politischen Nutzen von Literatur nicht nur in der Zwischenkriegszeit, sondern auch in unserer Gegenwart. Weiterlesen

Der Beitrag Benjamin Kohlmann/Ivana Perica: DER POLITISCHE GEBRAUCH UND NUTZEN VON LITERATUR erschien zuerst auf ZfL BLOG.

]]>
»Erst der neue Zweck macht die neue Kunst«, erklärte Bertolt Brecht in seinem kurzen Essay Über Stoffe und Formen von 1929.[1] Formuliert als Begründung für die Entwicklung seiner Lehrstücke um 1930, liefert Brechts Äußerung einen Zugang zu den Debatten über den politischen Nutzen von Literatur nicht nur in der Zwischenkriegszeit, sondern auch in unserer Gegenwart. Obwohl die Äußerung den Anschein eines unerschütterlichen künstlerischen Dogmas hat, verbleibt sie in einer ambivalenten Schwebe zwischen zwei scheinbar konträren Positionen in Bezug auf die eigentlichen Verpflichtungen engagierter Kunst. Einerseits scheint Brechts Satz auf dem absoluten Vorrang des politischen Engagements vor ästhetischen Belangen zu bestehen, indem er suggeriert, dass die inneren Funktionsweisen der Literatur notwendigerweise einem äußeren (d.h. politischen oder gesellschaftlichen) Zweck untergeordnet sind; andererseits behauptet er, dass Politik für den Künstler nur insofern von Wert ist, als sie eine radikale Umgestaltung der Muster und Formen der Kunst ermöglicht. Anders ausgedrückt: Künstlerische Innovationen scheinen ohne eine vorherige Verpflichtung auf (politische oder gesellschaftliche) Zwecke, die als außerhalb der Kunst liegend vorgestellt werden, undenkbar zu sein. Doch gleichzeitig muss, was die Arbeit des Schriftstellers betrifft, der Wert dieser ›vorherigen‹ Verpflichtungen an ihrem Vermögen gemessen werden, neue ästhetische Formen hervorzubringen. Brecht zufolge birgt die Frage nach den Verpflichtungen der Kunst eine unauflösbare Dialektik: Kunst und politischer Zweck sind einander nicht äußerlich, ihre Beziehung ist nicht durch Konflikt oder gegenseitigen Ausschluss gekennzeichnet, sondern vielmehr durch das Versprechen schöpferischer Reibung und gegenseitiger Bereicherung.

Dies entspricht nicht der Art und Weise, in der die Literaturwissenschaft traditionell über die Beziehung der Literatur zur Sphäre der Politik nachgedacht hat. Sie hat vielmehr dazu geneigt, den Versuch, Kunst als politische Arbeit zu begreifen, als Kategorienfehler zu betrachten – als eine von außen herangetragene Zumutung, die beiden schadet: der Kunst und der Politik. Um nur ein besonders prominentes Beispiel zu nennen: Der marxistische Literatur- und Kulturkritiker Fredric Jameson prägte die These, dass die Politik literarischer Werke auf der Ebene eines textuellen Unbewussten angesiedelt sei. Er plädierte dafür, Politik nicht im Sinne einer manifesten oder expliziten Zielsetzung zu denken, sondern argumentierte, dass die Politik ästhetischer Gegenstände am besten anhand der Beziehungen zwischen den verschiedenen formalen und Gattungsmerkmalen eines Textes beschrieben werden kann. Das politische Unbewusste zeigt sich ihm zufolge »not by abandoning the formal level for something extrinsic to it – such as some inertly social ›content‹ [or political ›purpose‹] – but rather immanently, by construing purely formal patterns as a symbolic enactment of the social within the formal and the aesthetic«.[2] Demnach wäre die Politik eng mit der Textur des literarischen Werks selbst verwoben. Indem die Literatur die Politik in die Form sublimiert, trägt sie sie als ihren immanenten oder intrinsischen Subtext in sich.

Wenn wir verschüttete literaturgeschichtliche Genealogien wiederherstellen, um der theoretischen Untersuchung alternative Wege aufzuzeigen, orientieren wir uns an neueren Bemühungen, ausgewählte Episoden politisierten Schreibens nicht als literaturgeschichtliche Anomalien zu betrachten, sondern als Schlüsselmomente in der Konfiguration der Beziehung zwischen Literatur und Politik – als einflussreiche Epizentren interventionistischer Kunst, von denen aus Debatten über Literaturpolitik und Praktiken engagierten Schreibens in neue und global ausgedehnte Kontexte ausstrahlen können.[3] Die von uns vorgeschlagene Periodisierung verbindet experimentell drei Perioden intensiv politisierter und aktivistischer Kunst und Schriftstellerei: die Zwischenkriegszeit, die langen 1960er Jahre und die Gegenwart. Damit sollen alternative Traditionen sichtbar gemacht werden, die Raymond Williams zufolge oft an den Rändern des Jahrhunderts zurückgelassen wurden.[4] Diese Periodisierung verzichtet auch bewusst darauf, eine einzige oder eindeutige Geschichte politisierter Literatur nachzuzeichnen. Die Verknüpfung der Zwischenkriegszeit mit den langen 1960er Jahren und unserer Gegenwart macht jedoch sichtbar, was der Künstler und Kunsttheoretiker Gregory Sholette kürzlich als »fragmented and boisterous reservoir of past interventions« bezeichnet hat.[5] Sholette betont die unautorisierte und nicht formalisierte Qualität dieses Reservoirs. Er spricht auch von einem nichtkanonisierten »phantom archive of activist art, overflowing with interventions, experiments, repetitions, compromises, minor victories and outright failures«.[6] Und er vermutet, dass die Gründe für die Fragmentierung dieses verschütteten Archivs – und auch für einen großen Teil seiner Ungebärdigkeit – in der hochgradig partikularen Natur der aktivistischen Kunst liegen, d.h. in der Intensität, mit der sie auf die spezifischen Situationen und historischen Momente eingeht, in die sie zu intervenieren versucht.

Gerade in dem letztgenannten Sinne bietet Brechts Bemerkung einen wertvollen Einblick in die umfassendere Problematik, die uns beschäftigt. Denn sie scheint zwar eine allgemeine Wahrheit über die Beziehung zwischen Literatur und Politik zu verkünden, dürfte aber wohl besser als unmittelbare Reaktion auf die sich verdüsternde politische Atmosphäre der späteren Weimarer Republik zu verstehen sein – den Aufstieg des Faschismus, die ›Klasse-gegen-Klasse‹-Politik der Kommunistischen Partei (KP), das Verbot des Roten Frontkämpferbundes (der paramilitärischen Organisation der KP) durch die regierenden Sozialdemokraten und die anschließende Denunziation der Sozialdemokraten als Sozialfaschisten durch die KP. In den Augen Brechts und seiner Mitstreiter*innen erforderten diese Entwicklungen eine neue Art von interventionistischer, aktivistischer Kunst, die in der Lage wäre, die Massen zu erziehen – eine pädagogisch-künstlerische Waffe, die zu der neuen Phase des politischen Kampfes passte und die seine Lehrstücke liefern sollten.

Der Fall Brecht zeigt, dass bestimmte literarisch-politische Konstellationen nicht ohne Berücksichtigung ihrer unmittelbaren (historischen, geographischen, sozialen, politischen, aber auch ästhetischen) Kontexte zu verstehen sind. Ausgehend von der Einsicht, dass Kunst ohne ihre konstitutive Ausrichtung auf einen bestimmten Ort oder eine bestimmte historische Situation, in die sie zu intervenieren versucht, unverständlich bleibt, argumentieren wir, dass eine neuerliche wissenschaftliche Debatte über den politischen Gebrauch und Nutzen von Literatur nicht davon absehen kann, die Logik der Ortsbezogenheit offenzulegen, die Kunst kennzeichnet, die im weitesten Sinne politisch ›nützlich‹ sein will. Dies verlangt von der wissenschaftlichen Arbeit, sich intensiv mit spezifischen lokalen Situationen auseinanderzusetzen und Werke zu untersuchen, die in breitere historische Zusammenhänge intervenieren. Ein Beispiel: Während der kanonische Sartre’sche Begriff der littérature engagée eine dezisionistische Betonung impliziert – d.h. die Fähigkeit des Menschen, sich aus freien Stücken für diese oder jene Sache zu engagieren[7] –, vermittelt Antonin Artauds Konzept der culture orientée (entwickelt in seinen Messages révolutionnaires) eine unauslöschliche anthropologische Orientierung gegenüber der Welt, eine quasi physische Positionierung, die auch für alle Arten von literarisch-politischem Engagement grundlegend ist. In diesem letztgenannten Sinne kann die lokale Erkundung des politischen Nutzens von Literatur zu einem umfassenderen Verständnis ihres interventionistischen Potentials führen, nicht als historische Sackgasse oder Verirrung, sondern als grundlegende Modalität künstlerischer Produktion als solcher.

Neue Verpflichtungen: Literaturwissenschaft und der politische Nutzen von Literatur

Die Literaturwissenschaft interessiert sich seit Langem für die Politik des Schreibens. Vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit wurde dabei allerdings Werken zuteil, die explizit versuchen, in ihre jeweiligen historischen Produktions- oder Rezeptionskontexte einzugreifen –  als ob diese einen zu engen Fokus auf einen bestimmten, fremden ›Zweck‹ hätten, um künstlerisch von Bedeutung zu sein. Viele der Wissenschaftler*innen, die den politischen Nutzen von Literatur verteidigen, greifen auf bewährte Argumente aus dem 20. Jahrhundert zurück, in denen es um die Art und Weise geht, wie politische Verpflichtungen literarischer Texte in ihren formalen Merkmalen kodiert werden. Andere gehen davon aus, dass die Auseinandersetzung von Literatur mit der Politik am besten als eine Form der Metapolitik zu verstehen sei, d.h. dass literarische Werke insofern politisch sind, als sie die hegemonialen gesellschaftlichen Protokolle verfremden, Formen politischer Sichtbarkeit schaffen oder politische Unsichtbarkeit erzwingen.[8] Zwar haben einige Wissenschaftler*innen in jüngster Zeit damit begonnen, spezifischer über den ›Nutzen‹ nachzudenken, den Literatur in den verschiedensten Kontexten hat, doch operieren sie dabei in der Regel mit einem pragmatischen Verständnis des Konzepts ›Nutzen‹. Wissenschaftler*innen wie Rita Felski argumentieren, dass Literatur in dem Maße nützlich sei, wie sie ein individuelles (affektives oder intellektuelles) Bedürfnis befriedigt. Aus diesen Überlegungen sind zwar viele wichtige Arbeiten hervorgegangen, doch diese haben dazu geführt, dass die Frage nach dem explizit politischen Nutzen von Literatur in den Hintergrund gedrängt wurde. Durch die Ablehnung der Binarität zwischen der Skylla des politischen Funktionalismus und der Charybdis der Kunst um der Kunst willen[9] haben Wissenschaftler*innen in jüngerer Zeit die unterschiedlichen Zwecke aus den Augen verloren, denen literarische Texte im Kontext der zahllosen sozialen und politischen Bewegungen gedient haben, die sich ›da draußen‹ entwickeln.

Die Literaturtheorie hat ein umfangreiches kritisches Vokabular entwickelt, um die Frage des direkten Handelns oder der instrumentellen Nutzbarmachung aus der akademischen Beschäftigung mit Literatur zu verdrängen. So schreibt Gabriel Rockhill in einer bemerkenswerten neueren Studie, es sei »crucial to rethink the operative logic of political efficacy outside of the instrumentalist framework«; stattdessen müssten wir die Handlungsversuche der Literatur im Kontext einer komplexen »conjuncture of determinants with multiple tiers, types, and sites of agency« verstehen.[10] Dem zweiten Teil dieser Aussage stimmen wir vollkommen zu: Politisches Handeln ist immer komplex, und was es für einen Text bedeutet, ›zu intervenieren‹ und politisch aktiv zu werden, hängt von dem jeweiligen historischen Zeitpunkt und der jeweiligen Situation ab. Den ersten Teil dieser Aussage möchten wir jedoch noch etwas komplexer fassen, da wir der Meinung sind, dass die Literaturwissenschaft es versäumt hat, über die Anziehungskraft nachzudenken, die der instrumentalistische Rahmen auf Schriftsteller*innen ausübt, die versuchen, ihren Werken politische Wirksamkeit und Absicht zu verleihen. Mit den folgenden Fragen muss sich die zeitgenössische Literaturwissenschaft daher auseinandersetzen: Wie verhalten sich bestimmte literarische Werke zur machtvollen und attraktiven Vorstellung einer direkten instrumentellen Handlungsfähigkeit? Wie versuchen manche, diese umzusetzen, während andere sich bemühen, ihrer Anziehungskraft zu widerstehen?

Diese Fragen stehen durchaus im Widerspruch zu einigen der Leitideen, die die Literaturwissenschaft des zwanzigsten Jahrhunderts im Allgemeinen und die Weltliteraturforschung im Besonderen geprägt haben. Die Idee der Weltliteratur – von der ersten Formulierung des Konzepts durch Johann Wolfgang von Goethe bis hin zu ihren verschiedenen Nachleben, z.B. in den nach wie vor sehr einflussreichen Arbeiten von Pascale Casanova, Gayatri Chakravorty Spivak oder David Damrosch – hat allzu oft dazu gedient, die komplexe lokale Verstrickung der Literatur in die praktische Politik in den Hintergrund zu drängen oder ganz zu verneinen. In diesem Zusammenhang haben Teile der Forschung die Möglichkeit einer »ästhetischen Bildung im Zeitalter der Globalisierung« – d.h. die Erweiterung der ethischen Vorstellungskraft der (›westlichen‹) Leser*innen – in den Vordergrund gestellt, was auf Kosten einer detaillierteren Betrachtung der Art und Weise ging, wie sich radikale Politik in einer Vielzahl historischer Situationen und geographischer Gegebenheiten abspielt.[11]

Diese ›Säuberung‹ des aktivistischen, explizit politischen Wirkens von Literatur hat im Übrigen auch in selbsterklärt linken Theoriekreisen stattgefunden, vor allem in der festgefahrenen Konfrontation zwischen Formalismus und Marxismus bzw. zwischen Avantgarde und Realismus, für die Theoriegrößen wie Theodor W. Adorno und Georg Lukács stehen. Mit der Kanonisierung dieser Konfrontation erstarrten die Pole, und in der Folge vergaß man, wie problematisch und historisch kontingent diese Binaritäten von Anfang an gewesen waren. Wie Joe Cleary feststellte, wurden Modernismus und Realismus ab den 1930er Jahren als verdinglichte Kategorien und als unhinterfragbare Bezeichnungen für die moderne ›Weltliteratur‹ zugleich produziert: Während die Sowjetunion den Realismus für sich beanspruchte, nahm New York sich (mit großzügiger Unterstützung aus Washington) des Modernismus an.[12] Wenn wir Clearys Weltsystem-Perspektive erweitern, wird deutlich, wie das Vorgehen, einen formal innovativen, aber weitgehend selbstbezogenen Modernismus gegen einen künstlerisch rückwärtsgewandten, aber gesellschaftlich aktiven Realismus auszuspielen, in wichtigen linken Beiträgen zur Debatte über Literatur und Politik implizit bestätigt wird. Hierfür gilt Aesthetics and Politics, die wegweisende Anthologie von 1977, die Schlüsseltexte zur Realismus-Modernismus-Debatte der 1930er Jahre (unter anderem von Ernst Bloch, Adorno und Lukács) versammelt, als Paradebeispiel. Der Band ist zwar das Standardwerk für mehrere Generationen von Literaturwissenschaftler*innen zu diesem Thema, hat aber unser Verständnis der literaturhistorischen Landkarte, die wir hier wiederherstellen wollen, dramatisch verengt. Es ist ein unbeabsichtigter Effekt der Sedimentierung und Kanonisierung solcher theoretischer Konstrukte, dass sie dazu neigen, bestimmte Gegensätze zu enthistorisieren und sie als natürlich oder als ontologisch gegeben und nicht als gesellschaftlich produziert darzustellen. Infolgedessen hat die strenge Dichotomisierung der künstlerischen Debatten, die die Jahre des Kalten Krieges kennzeichnete, viele Wissenschaftler*innen dazu verleitet, irreführende oder verkürzte Ansichten über den politischen Nutzen von Literatur zu übernehmen. Obwohl wir die zentralen Konzepte Realismus und Modernismus hier keiner systematischen oder umfassenden Revision unterziehen wollen und können, schlagen wir eine alternative Konfiguration der Beziehung zwischen ihnen vor: Einerseits erscheint der literarische Realismus nicht als eine einzelne Form, sondern definiert sich vielmehr durch das, was er in der Welt zu leisten vermag;[13] andererseits wurden formale Experimente, wie sie oft mit der Moderne in Verbindung gebracht werden, selbst allzu oft im Dienste des ›realistischen‹ Projekts zur Kartierung und Befragung gesellschaftlicher Totalität benutzt.

Vor diesem Hintergrund schlagen wir vor, die Diskussion über das politische und aktivistische Potential der Literatur neu zu eröffnen, indem wir sowohl einzelne literarische Werke betrachten als auch breitere theoretische Debatten über die Fähigkeit der Literatur, in die gesellschaftliche Realität einzugreifen, wieder aufnehmen. Wir sehen unseren Vorschlag von einer wachsenden Zahl wissenschaftlicher Arbeiten bestätigt, die sich mit dem langen kulturellen (Nach-)Leben und den globalen Verflechtungen der Literaturproduktion in der transnationalen Welt der Komintern sowie in den kolonialen Peripherien in Vergangenheit und Gegenwart befassen.[14] So haben wir große Sympathie für die jüngsten Bemühungen der Autor*innen des von Amelia Glaser und Steven Lee herausgegebenen Sammelbandes Comintern Aesthetics, »[to] unearth a lost genealogy for present-day activism, demonstrating ways of connecting the local and the global, the personal-as-political and world revolution«.[15] Ähnlich inspirierend sind Forschungsarbeiten zu antikolonialer Literatur, darunter z.B. jene von J. Daniel Elam, der versucht, den Geist eines egalitären Internationalismus wiederzubeleben,[16] und Sonali Perera, die in ihrer Untersuchung eines literarischen Internationalismus der Arbeiterliteratur feststellt, dass die Schriften der Arbeiterklasse aus verschiedenen Teilen der Welt mehr Gemeinsamkeiten aufweisen, als zumeist angenommen wird.[17] Offenbar haben wir es heute mit einer Art nichtformalisierter Internationale engagierter Schriftsteller*innen zu tun, deren Werke zu einem gemeinsamen Projekt des politischen Wandels und der Erneuerung beitragen. In den Händen dieser Schriftsteller*innen erscheint Literatur nicht in erster Linie als Ware, die mit anderen Waren um die begrenzte Aufmerksamkeit potentieller Konsument*innen konkurriert – wie es beispielsweise in Casanovas Modell des weltliterarischen Systems der Fall ist –, sondern als ein Medium der Weltgestaltung, das sich für größere politische Projekte gemeinschaftlicher Weltgestaltung öffnet.

Diese Projekte sind literarisch, wissenschaftlich und politisch. Sie können sich auf wichtige neue Studien stützen, die die Aufmerksamkeit auf interventionistische Künste lenken, die in den Räumen zwischen den ›westlichen‹ Literaturen und den Literaturen des antikolonialen Widerstands auf der ganzen Welt entstehen. Uns ist klar, dass die Literatur des Globalen Südens oftmals direkte Allianzen mit politischen Bewegungen gesucht hat (und immer noch sucht) – und dass solche Allianzen für jede Darstellung des politisierten Schreibens im Kontext der Globalisierungsprozesse des 20. und 21. Jahrhunderts zentral sind.[18] Wie wir bereits festgestellt haben, sollte diese horizontale Ausdehnung über verschiedene geographische Räume und Schauplätze hinweg stets durch die Hervorhebung von Affinitäten ergänzt werden, die sich diachron, d.h. über mehrere markante historische Momente hinweg manifestieren (wofür das oben erwähnte revolutionäre Schreiben der Zwischenkriegszeit und die engagierte Literatur der langen 1960er Jahre nur die prominentesten Beispiele sind). Anstatt jedoch anzunehmen, dass sich diese lokalen Affinitäten und diachronen Korrespondenzen zu ununterbrochenen historischen Kontinuitäten oder einheitlichen Teleologien verfestigen, möchten wir sie im Sinne einer Konstellation oder Montage begreifen: Mit Blick darauf, wie linke Filmemacher wie Chris Marker auf die Montage zurückgegriffen haben, um die (Dis-)Kontinuität revolutionärer Traditionen zu vermitteln, sollten die einzelnen literaturwissenschaftlichen Bereiche jene lokalen Ausprägungen aktivistischer Kunst untersuchen, die in der Lage sind, über die Zeit hinweg miteinander zu sprechen.[19] Die literarisch-aktivistischen Konstellationen, die ein solches wissenschaftliches Vorgehen aufzudecken vermag, sollten sich einer Verfestigung zu starren Genealogien widersetzen. Nur dann bleiben sie offen und formbar und bieten neue Anknüpfungspunkte für zukünftige politische Zwecke.

Eingreifendes Denken: Literatur und Politik jenseits linker Melancholie

Diese neuen kritischen Interventionen lassen sich, so unsere These, entlang dreier miteinander verbundener Achsen organisieren: Erstens könnte eine erneuerte Aufmerksamkeit für besonders intensive Momente radikaler literarischer Produktion Öffnungen für neue, zukunftsorientierte Genealogien aktivistischer Literatur schaffen. Diese pluralen Geschichten, wie wir sie uns vorstellen, widerstehen der Tendenz, die Rückbesinnung auf revolutionäre Vergangenheiten mit der nostalgisch-retrospektiven (und politisch ohnmächtigen) Form ›linker Melancholie‹ zu verbinden.[20] Wenn man die Diskussion über solche radikalen Momente bis in die Gegenwart verlängert, sollte man nachverfolgen, wie die vitalen literarischen und theoretischen Interventionen, die zwischen den beiden Weltkriegen formuliert wurden, im Lichte neuer und aufkommender politischer Forderungen (einschließlich feministischer und antikolonialer Kämpfe) in den langen 1960er Jahren wie auch in unserem eigenen historischen Moment neu artikuliert wurden. Die politische Wirksamkeit der Literatur ist sicherlich auch heute noch eine offene Frage – was nicht zuletzt mit der anhaltend unsicheren Position der politisierten Literatur zwischen ihren großen, revolutionären Horizonten und ihrer Verpflichtung zur Konstituierung einer marginalisierten oder untergründigen »Gegenöffentlichkeit« zusammenhängt.[21] Die kritische Analyse der Jetztzeit lässt sich dadurch stärken, dass zeitgenössische Interventionen in einen Dialog mit früheren historischen Momenten gebracht werden, in denen Literatur und Politik einander entscheidend beeinflussten. In diesem Zusammenhang kommt der Theorieproduktion selbst eine radikale Rolle zu, indem sie die Rolle dessen übernimmt, was Brecht einst als »eingreifendes Denken« bezeichnete (eine Formulierung, die er mit leuchtendem Rot in sein Notizbuch von 1931–1932 eintrug).[22]

Zweitens möchten wir hervorheben, dass bei der Erforschung des politischen Gebrauchs und Nutzens von Literatur die globale Übertragbarkeit der Praktiken und Debatten berücksichtigt werden muss, die sich ja in einem breiten Spektrum von geographischen Kontexten und historischen Situationen entwickelt haben. So blieben die Konfigurationen des Verhältnisses zwischen Literatur und Politik im Europa der Zwischenkriegszeit auf die besonderen Artikulationen dieses Verhältnisses in anderen, weit entfernten (›peripheren‹) geographischen Kontexten abgestimmt und umgekehrt. Die Literaturwissenschaftlerin Snehal Shingavi schreibt dazu: »[A]esthetic and political notions put forward through various organs of the Communist Party were translated, reinterpreted, reimagined, and refigured«.[23] Dieser kritische Blick auf kulturelle Übersetzungs- und Umgestaltungsprozesse zeigt, dass wir besser daran täten, uns mit genauer bestimmten Formen des Politischen zu befassen, anstatt den Begriff des Politischen als unspezifisches Label zu verwenden. In den Worten von Sholette ist jede aktivistische Kunst, ob sie nun einen Gefängnisausbruch, eine Revolution oder lediglich die Neukonzeptionierung bestehender Institutionen in Betracht zieht, »haunted by the elusive dream of historical agency and its unceasing hunger for total emancipation«.[24]

Drittens: Zeitgenössische Untersuchungen zum politischen Aktivismus in der Literatur führen zu neuen Konzeptualisierungen des ›Nutzens‹ der Literatur für Literaturgeschichte und Literaturtheorie. In der Tat ist die Beschäftigung mit der Frage nach dem offenkundig politischen Nutzen von Literatur eine sowohl notwendige als auch dringende Aufgabe. Mit dem Fokus auf Politik als bewusstes Engagement und prinzipiengeleitetes Handeln müssen Untersuchungen über die modische (und politisch schwache) Behauptung der literarischen ›Affordanzen‹ der Form hinausgehen, indem sie untersuchen, wie literarische Werke als Momente der aktivistischen Intervention eingesetzt werden.[25] Dies bedeutet nicht, literarische Handlungsfähigkeit auf naive Weise als unvermittelt anzunehmen – im Gegenteil, es gilt, darauf zu bestehen, dass selbst das flachste und flüchtigste Pamphlet (um W. H. Audens berühmten Satz von 1937 zu adaptieren)[26] eine hochgradig vermittelte Form politischen Engagements ist. Um dieser Erkenntnis Rechnung zu tragen, ist stets ein breites Spektrum an literarischen Gattungen, Textformen und künstlerischen Darstellungen zu berücksichtigen. Gleichzeitig sollte man eine entscheidende Akzentverschiebung wagen: weg von der Auffassung, dass die Frage des ›Nutzens‹ in erster Linie von den Eigenschaften des Objekts (literarische Formen, ästhetische Strukturen usw.) abhängt, und hin zu der Ansicht, dass Künstler*innen aktiv auf bestimmte Formen zugreifen (make use), um bestimmte Ziele zu erreichen. Der Kunsttheoretiker Stephen Wright hat unlängst festgestellt, dass die ›Nutzbarmachung‹ künstlerischer Formen ein aktives ›Umrüsten‹ und ›Umfunktionieren‹ dieser Formen selbst beinhaltet.[27] Der Versuch, Literatur zu einem Mittel des gesellschaftlichen und politischen Wandels zu machen, bedeutet nicht, auf Fragen der spezifisch ästhetischen Vermittlung gänzlich zu verzichten. Vielmehr, und das wusste schon Brecht, bringt diese aktivistische Umgestaltung von Formen unser Annahme ins Wanken, dass die Arbeit der ästhetischen Vermittlung das Einzige ist, worauf wir achten sollten, insbesondere wenn sie im modernistischen Gewand der künstlerischen ›Komplexität‹ oder ›Schwierigkeit‹ des ästhetischen Anspruchs daherkommt.

Wie wir bereits festgestellt haben, wurde die Forderung, dass Literatur politisch aktiv sein solle, stets von situativen und konjunkturellen Zwängen vorangetrieben. Zweifellos ist der ›kapitalistische Realismus‹ (Mark Fishers Begriff für die zeitgenössische Schließung revolutionärer Horizonte) ein solcher Zwang, und trotz einer Vielzahl miteinander verbundener Krisen – Wirtschafts-, Klima-, Hunger-, Migrations- und Kriegskrisen – erweist er sich immer noch als kraftvoll genug, um jede Form des Handelns zu blockieren, die in der Lage sein könnte, seinen global herrschenden Status quo grundlegend infrage zu stellen.[28] Wie die Mitglieder des Endnotes Collective kürzlich festgestellt haben, produziert unsere gegenwärtige historische Situation »revolutionaries without revolution, as millions descend onto the streets and are transformed by their collective outpouring of rage and disgust, but without (yet) any coherent notion of transcending capitalism«.[29] Manche meinen, dass wir uns nicht die Mühe machen sollten, in der Literatur nach Lösungen für diese zutiefst politischen Probleme zu suchen. Aktivistische Literatur und Kunst stellen jedoch nicht bloß ein totes oder verknöchertes Archiv dar – sie liefern vielmehr die notwendigen Werkzeuge, um radikale politische Impulse zu bewahren und in neuen Konstellationen erneut aufzugreifen. Insofern stellen sie ein Reservoir zukunftsorientierter Denk-, Fühl- und Lebensweisen dar, das wir heute dringender denn je benötigen.

Übersetzung: Dirk Naguschewski

Die Literaturwissenschaftlerin Ivana Perica arbeitet am ZfL in dem Projekt »Kartographie des politischen Romans in Europa«. Benjamin Kohlmann ist Heisenberg-Professor für Anglistik / British Studies an der Universität Regensburg.

[1] Bertolt Brecht: »Über Stoffe und Formen«, in: ders.: Schriften I (Werke, Bd. 21), Frankfurt a.M. 1992, S. 302–304, hier S. 303f. – Dieser Beitrag ist die gekürzte und angepasste Übersetzung der Einleitung des von den Autoren herausgegebenen Bandes The Political Uses of Literature. Global Perspectives and Theoretical Approaches, 1920–2020 (New York: Bloomsbury Academic 2024). Der Abdruck der Übersetzung erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Bloomsbury Academic.

[2] Fredric Jameson: The Political Unconscious: Narrative as a Socially Symbolic Act, Ithaca 1981, S. 63.

[3] Zu Theorien über die »langen 1930er Jahre« und ihr Erbe politisierter Kunst vgl. Leo Mellor/Glyn Salton-Cox: »Introduction: The Long 1930s«, in: Critical Quarterly 57.3 (2015), S. 1–9; und Benjamin Kohlmann/Matthew Taunton: «Introduction«, in: dies. (Hg.): A History of 1930s British Literature, Cambridge 2019, S. 1–13.

[4] Raymond Williams: »When Was Modernism?«, in: The Politics of Modernism: Against the New Conformists, London 2006, S. 131–135, hier S. 135.

[5] Gregory Sholette: The Art of Activism and the Activism of Art, London 2022, S. 18.

[6] Ebd.

[7] Vgl. Jean-Paul Sartre: »What is Literature?«, in: ders.: What Is Literature? And Other Essays, Cambridge, MA 1988, S. 21–245.

[8] Eine einflussreiche Version hiervon liefert Jacques Rancière: Die Aufteilung des Sinnlichen. Die Politik der Kunst und ihre Paradoxien, übers. von Maria Muhle, Sabet Buchmann und Jürgen Link, Berlin 2006.

[9] Rita Felski: The Uses of Literature, Oxford 2008, S. 9.

[10] Gabriel Rockhill: Radical History and the Politics of Art, New York 2014, S. 53f.

[11] Vgl. Gayatri Chakravorty Spivak: An Aesthetic Education in the Era of Globalization, Cambridge, MA 2013.

[12] Joe Cleary: »Realism after Modernism and the Literary World System«, in: Modern Language Quarterly 73.3 (2012), S. 255–268, hier S. 262f.

[13] Steven S. Lee: »Introduction: Comintern Aesthetics–Space, Form, History«, in: Amelia M. Glaser/Steven Lee (Hg.): Comintern Aesthetics, Toronto 2020, S. 3–29, hier S. 17.

[14] Zur verlorenen Welt der Komintern vgl. z.B. Michael Denning: Culture in the Age of Three Worlds, London 2004; Katerina Clark: Moscow, the Fourth Rome: Stalinism, Cosmopolitanism, and the Evolution of Soviet Culture, 1931–1941, Cambridge, MA 2011; und Glaser/Lee: Comintern Aesthetics (Anm. 13). Zur komplexen Stellung antikolonialer Kämpfe innerhalb internationalistischer politischer Projekte siehe z.B. Sonali Perera: No Country: Working-Class Writing in the Age of Globalization, New York 2014; Rossen Djagalov: From Internationalism to Postcolonialism: Literature and Cinema between the Second and the Third World, Montreal 2020; und J. Daniel Elam: World Literature for the Wretched of the Earth: Anticolonial Aesthetics, Postcolonial Politics, New York 2020.

[15] Lee: »Introduction« (Anm. 13), S. 14.

[16] Elam: World Literature (Anm. 14), S. xiii.

[17] Perera: No Country (Anm. 14), S. 5.

[18] Vgl. zum lateinamerikanischen Kontext Sophie Esch: Modernity at Gunpoint: Firearms, Politics, and Culture in Mexico and Central America, Pittsburgh 2018; zum künstlerischen Aktivismus im Mittleren Osten Ryan Watson: Radical Documentary and Global Crises: Militant Evidence in the Digital Age, Bloomington 2021; und zum afrikanischen Kontext Alexander Fyfe/Madhu Krishnan (Hg.: African Literatures as World Literature, London 2022.

[19] Markers eindrucksvoller Film Le Fond de l’air est rouge (1977) verbindet Artikulationen des revolutionären Impulses im 20. Jahrhundert, indem er Szenen aus verschiedenen radikalen Momenten wie der Revolution von 1917 und den antikolonialen Protesten der 1960er und 70er Jahre miteinander zusammenschneidet.

[20] Der Begriff der linken Melancholie geht auf Walter Benjamin zurück. Vgl. Walter Benjamin: »Linke Melancholie. Zu Erich Kästners neuem Gedichtbuch« (1931), in: ders: Gesammelte Schriften III, hg. von Hella Tiedemann-Bartels, Frankfurt 1972, S. 279–283. Eine neuere vergleichbare Darstellung liefert Enzo Traverso: Left-Wing Melancholia: Marxism, History, and Memory, New York 2016.

[21] Oskar Negt/Alexander Kluge: Öffentlichkeit und Erfahrung: zur Organisationsanalyse von bürgerlicher und proletarischer Öffentlichkeit, Frankfurt a.M. 1972.

[22] Bertolt Brecht: »Eingreifendes Denken«, in: ders: Schriften I (Werke, Bd. 21), Frankfurt a.M. 1992, S. 524f. Im Gegensatz dazu haben neuere Darstellungen des Aufstiegs der Literaturtheorie und der Institutionalisierung der Ideologiekritik betont, dass sich die Kritik als intellektueller Ersatz für ›echte‹ revolutionäre Aktivitäten entwickelte: Nach dieser Lesart stellte die Theorie eine kompensatorische Antwort auf das Scheitern der linken politischen Revolutionen im Westen in den 1920er und 30er Jahren dar, vgl. etwa Joseph North: Literary Criticism: A Concise Political History, Cambridge, MA 2017.

[23] Snehal Shingavi: »India–England–Russia: The Comintern Translated«, in: Glaser/Lee: Comintern Aesthetics (Anm. 13), S. 109–132, hier S. 109.

[24] Sholette: The Art of Activism (Anm. 5), S. 151.

[25] Zum Konzept der Affordanzen, das seine Wurzeln in der Designtheorie hat, vgl. Caroline Levine: Forms: Whole, Rhythm, Hierarchy, Network, Princeton, NJ 2015.

[26] Audens Worte »To-day the expending of powers/ On the flat ephemeral pamphlet« stammen aus seinem Bürgerkriegsgedicht Spain 1937, in: The English Auden: Poems, Essays and Dramatic Writing, 1927–1939, hg. von Edward Mendelson, London 1986, S. 210–212, hier S. 212.

[27] Vgl. Stephen Wright: Toward a Lexicon of Usership, 2013.

[28] Zum kapitalistischen Realismus vgl. Mark Fisher: Capitalist Realism: Is There No Alternative?, London 2009.

[29] Endnotes Collective: »Onward Barbarians, in: Endnotes 2020.

 

VORGESCHLAGENE ZITIERWEISE: Benjamin Kohlmann/Ivana Perica: Der politische Gebrauch und Nutzen von Literatur, in: ZfL Blog, 21.2.2024, [https://www.zflprojekte.de/zfl-blog/2024/02/21/benjamin-kohlmann-ivana-perica-der-politische-gebrauch-und-nutzen-von-literatur/].
DOI: https://doi.org/10.13151/zfl-blog/20240221-01

Der Beitrag Benjamin Kohlmann/Ivana Perica: DER POLITISCHE GEBRAUCH UND NUTZEN VON LITERATUR erschien zuerst auf ZfL BLOG.

]]>
Kirk Wetters: The Short Spring of German Theory (II): WE HAVE ALWAYS BEEN POSTCRITICAL https://www.zflprojekte.de/zfl-blog/2023/03/07/kirk-wetters-the-short-spring-of-german-theory-ii-we-have-always-been-postcritical/ Tue, 07 Mar 2023 08:59:10 +0000 https://www.zflprojekte.de/zfl-blog/?p=2940 Theory, Critique, Critical Theory In the retrospect of almost a decade, the year 2015 seems to offer at least two openings which can help us better understand and localize the “end of theory” narratives that began to take hold sometime around the end of the millennium. Rita Felski’s much-discussed and much-maligned 2015 book, The Limits Weiterlesen

Der Beitrag Kirk Wetters: The Short Spring of German Theory (II): WE HAVE ALWAYS BEEN POSTCRITICAL erschien zuerst auf ZfL BLOG.

]]>
Theory, Critique, Critical Theory

In the retrospect of almost a decade, the year 2015 seems to offer at least two openings which can help us better understand and localize the “end of theory” narratives that began to take hold sometime around the end of the millennium. Rita Felski’s much-discussed and much-maligned 2015 book, The Limits of Critique, construed the long history of “critique” as largely continuous with the more recent (postwar) idea of “theory,” which allowed her to question the presupposed progressivity and utility of the dominant critical-theoretical discourses of late 20th-century North American academia. In the same year, Philipp Felsch’s Der lange Sommer der Theorie (which was recently published in English as The Summer of Theory) went so far as to assign specific dates, 1960–1990, and tended to define theory not as a purely academic product, but as a much wider cultural movement.[1]  Between the two books, questions of the difference between theory and critique, their specific institutional locus within and beyond academia, became objects of acute concern.

Academic Asynchronies

Because this particular conjuncture simultaneously emerged on both sides of the Atlantic, in Germany and North America, its full dimensions may only be perceived retrospectively. Thus, it now appears that by 2015 the movement of historicization, as well as its results, had acquired their own irresistible momentum, already prior to the multiple post-2015 global crises, which produced even more urgent and ongoing reconsiderations. A future realignment is anticipated in the historical accounts that reveal deep divides between different national, institutional, and disciplinary traditions of theory and critique. New chances of synchronization can proceed from the recognition that theory was always out of sync with itself, governed by the complex asynchronies (Eigenzeiten) of reception, dissemination, and institutionalization, which make it always potentially “current” and aktuell at the same time as it always remains dated and historical.

Critique and Crisis (Felski and Koselleck)

Felski’s The Limits of Critique includes an obligatory nod to Koselleck’s 1959 Critique and Crisis. Felski, in a manner typical of a certain mode of Koselleck reception, offers a de-fanged version of his thesis, focusing on its conceptual history: “Critique and crisis are intertwined historically as well as etymologically.”[2] Such a “timeless” evocation of the theoretical source ignores Koselleck’s wider argument and its particular postwar/Cold War context, as well as the book’s strangely impassioned and almost strident tone. The central claim that Felski omits, here reduced to its sharpest point, is the argument that we have always been postcritical, ever since the end of the Enlightenment. “Critique,” for Koselleck, was the original “wokeness”—a misguided and self-misunderstood movement on behalf of a supposedly apolitical idea of critical reason, which, as an unintended side effect, never stopped producing oppositional, politicized concepts of collective action, instrumental Kampfbegriffe, and ultimately bloody revolutions in which the future of humanity was at stake.[3] Thus Felski follows, apparently naively, in the wake of a claim that was often perceived as anti-Enlightenment, if not outright conservative.

The Postcritical University

However, Koselleck’s thesis remains important and, in its own time, remained without an immanent sequel. The historical irony of Felski’s affective affinity with Koselleck lies in the fact that she seems to share many of his goals, transposed onto the critical excesses of the U.S. humanities, graduate education, and English departments. Felski’s evidently cathartic assault on critical narcissism, hypocrisy, and academia’s industrial reproduction of clichés is not unjustified, but it leaves unanswered countless questions concerning the wider historical situation of theory, critique (and ultimately also postcritique) as legacies of the European Enlightenment, which were problematically institutionalized within the modern university (whose mandate is, one might argue, science and truth, with critique as a possible secondary effect). Regarding the location of critique, the degree to which Felski’s analyses are salient depends on the very different disciplinary inheritances and critical practices of the humanities and social sciences. Philosophy, English, American Studies, Sociology, Political Science, Classics—to name just a few random examples—would each have a different story to tell about their relation to Felski’s Koselleckian concept of “critique and crisis.”

French and German Pre-Histories

Felski takes it for granted that she primarily focuses on the institutionalized academic reading practices of (literary) hermeneutics, without offering a thesis on how this might relate to a longer and broader history developed by Koselleck (who focused primarily on the French Enlightenment). Whereas Koselleck identified critique as a revolutionary political force, Felski questions the role of critique in institutions of higher education. Felski follows Ricoeur in attributing the rise of “the hermeneutics of suspicion” to German thought (Marx-Nietzsche-Freud). Though this is not an incorrect ascription, it does reinforce misapprehensions insofar as it associates German-language scholarship and German literary studies (Germanistik, deutsche Philologie) primarily with left-leaning and leftist traditions. Certainly it can look that way in North America (where every German department teaches a Marx-Nietzsche-Freud class), but it is also not the case that Germanistik or the North American field of German Studies have consistently or predominantly pursued the modes of Ideologiekritik that Felski is keen to unmask. As a result, Felski’s book appeared to be more anti-Left than it probably intended to be, while also proposing a German story that doesn’t fully fit the facts.

German Theory

The situation of theory in the BRD is the central topic of Felsch’s book, which also led some commentators to invoke Koselleck’s famous 1959 thesis: to the effect that Koselleck may have overrated the degree to which critique (now as a pseudonym for theory) was the actual motor of a “historical megatrend” (Hartmut Böhme). Responding to his critics, Felsch elsewhere also names Koselleck in order to make the point that the exorbitant promise of critique as a real political force now appears more improbable than ever. But he also adds: “Vielleicht kann die Erinnerung an diese Ausgangssituation dabei helfen, die Lage der Theorie in der Gegenwart besser einzuschätzen.”[4] The reference to Koselleck complicates the “initial situation” (Ausgangssituation) of theory and critique, which simultaneously overlaps with the “megatrend” of the Enlightenment and the very possibility of historical progress at the same time as it locates the stalling or derailment of that trend, its turning against itself, not only in the twenty-first century, but also within the Enlightenment itself, and in the decades following the Second World War.

Theoretical Microclimate

In Felsch’s account of the rise of theory, cutting-edge West German academia of the 1960s was represented by recuperative projects such as: Gadamer’s Wahrheit und Methode (notably a positive touchstone for Felski); conceptual history (initially under Gadamerian supervision); the foundation of the research group Poetik und Hermeneutik; Hans Robert Jauss’s reception aesthetics; Habermas’s succession of Horkheimer in Frankfurt; Blumenberg, Habermas, Henrich, and Taubes as the editorial team behind Suhrkamp’s “Theorie” series. Far from reflecting the dominance of critical theory or the critique of ideology, the German 1960s retrospectively appear as a troublingly peaceful, pseudo-idyllic decade of unsuspicious hermeneutics in which the relation of meaning and intention is supposed to be, if not completely stable, at least potentially stabilizable.

At any rate, this is often the surface impression of the years leading up to 1968. Rather than working with a concept of critique that seeks to overtly challenge the status quo by speaking truth to power, this period has a relatively quietist self-understanding (even in the Frankfurt of Adorno and Horkheimer). It understands itself as a time of critical-methodological refoundation, cross-disciplinary collaboration, and rebuilding academic and theoretical infrastructure in the wake of Nazism (a background which was at the same time intensely repressed and disavowed). As Felsch shows, the theory of the period was a nascently popular phenomenon, as in the case of the literary success of Adorno’s Minima Moralia. However, its primary locus was academia and academic publishing. These initial German developments of the 1950s and 1960s were transformed by the overwhelming success of theory as a post-68 French import. Felsch shows that the wave of French theory, though important within academia, was also a first-order cultural event, which touched on countless aspects of everyday life and society.

The “long summer” metaphor thus does not suggest an “end of theory,” but a change in its status and institutional setting after 1960—and again after 1990. It further implies that there was a “short spring” of West German theory, which preceded the French heat wave. If this wave has indeed ebbed (or been contained, purged of its excesses), then the most crucial implication of the seasonal metaphors is the need for a more serious reconnection of present-day academia with the status quo ante. To put it unmetaphorically: With the rise of social media, the “positivism” of the digital humanities, and, perhaps most of all, in reaction to the overwhelming global success of theory as a mode of cultural-critical public discourse (and accompanying concerns about ideology, radicalization, and “conspiracy theories”), academia was forced to rethink its role as a producer and consumer of theory in relation to a rapidly changing medial and discursive landscape. This, in part, means the re-academicization of theory within academia, and not as a defeat or “end” or “death,” but in a way that is largely consistent with the way that theory has always been academically handled: not as a dogmatic or strictly methodological input to be “followed,” “adopted,” or “applied,” but as a genre with its own specific poetics and rhetorical moves, accessible to literary-critical, philological, philosophical, and historical reconstruction. The radical absolutism of the claim to “pure” or autonomous theory is thereby offset—but not eliminated—by scholarly industriousness (and the risk of “scholasticism”) which, for better or worse, very much resembles that of the German 1960s. At the same time, it allows for the re-entry of French theory and new theory hybrids into the slower moving paradigms of academic disciplinarity—and it makes it possible to identify many “current debates” precisely as re-entries in relation to older problems and different contexts.

Kirk Wetters is Professor of Germanic Languages & Literatures at Yale University. Sponsored by the Alexander von Humboldt Foundation, he is a visiting scholar at the ZfL and the Deutsches Literaturarchiv Marbach from April to August 2023.

[1] Philipp Felsch: Der lange Sommer der Theorie: Geschichte einer Revolte 1960 bis 1990. Munich 2015; The Summer of Theory: History of a Rebellion, 1960–1990. Translated by Tony Crawford. Cambridge & Medford MA 2022.

[2] Rita Felski: The Limits of Critique. Chicago and London 2015, p. 44.

[3] The key elements of this rather stylized reading are indirectly confirmed by Jürgen Habermas’s response, first in a sharply worded review (“Verrufener Fortschritt – Verkanntes Jahrhundert: Zur Kritik an der Geschichtsphilosophie.” Merkur 14.5 (1960), pp. 468–477) and then in his 1962 classic, Der Strukturwandel der Öffentlichkeit—which essentially adopts and inverts Koselleck’s central thesis while defending the progressive core of the Enlightenment conception of critical reason.

[4] Eva Horn, Philipp Felsch, Diedrich Diederichsen, Hartmut Böhme, Karin Harrasser, Rembert Hüser, Arnd Wedemeyer: “Debatte.” Zeitschrift für Kulturwissenschaften 1 (2016), pp. 120–145: 130 (Böhme), 123 (Felsch).

 

VORGESCHLAGENE ZITIERWEISE: Kirk Wetters: The Short Spring of German Theory (II): We Have Always Been Postcritical, 7.3.2023, [https://www.zflprojekte.de/zfl-blog/2023/03/07/kirk-wetters-the-short-spring-of-german-theory-ii-we-have-always-been-postcritical/].
DOI: https://doi.org/10.13151/zfl-blog/202300307-01

Der Beitrag Kirk Wetters: The Short Spring of German Theory (II): WE HAVE ALWAYS BEEN POSTCRITICAL erschien zuerst auf ZfL BLOG.

]]>
Kirk Wetters: The Short Spring of German Theory (I): POSITIVISMUSSTREIT VS. POETIK UND HERMENEUTIK https://www.zflprojekte.de/zfl-blog/2023/02/28/kirk-wetters-the-short-spring-of-german-theory-i-positivismusstreit-vs-poetik-und-hermeneutik/ Tue, 28 Feb 2023 09:24:58 +0000 https://www.zflprojekte.de/zfl-blog/?p=2935 Transatlantic Theory Canons In present-day Germany, research on postwar academia, up through the 1960s and beyond, requires no special justification. But from the North American side, the point of this scholarly activity—including the many new editions and a flood of archive-based publications—is much less obvious. For the most well-established figures of the period, the primary Weiterlesen

Der Beitrag Kirk Wetters: The Short Spring of German Theory (I): POSITIVISMUSSTREIT VS. POETIK UND HERMENEUTIK erschien zuerst auf ZfL BLOG.

]]>
Transatlantic Theory Canons

In present-day Germany, research on postwar academia, up through the 1960s and beyond, requires no special justification. But from the North American side, the point of this scholarly activity—including the many new editions and a flood of archive-based publications—is much less obvious. For the most well-established figures of the period, the primary international canonizations were already part of the first waves of the reception, the theoretical tectonics established themselves accordingly, and the theories were established as theories—which are in many quarters presumed to be just as reliable today as they were decades ago. One might say that the international and North American reception of European theory has manifested an overall tendency toward sedimentation, while the dynamic of scholarly research about theory, including the archival unearthing of new sources, tends to complicate and undermine the established corpus of “primary texts.” For example, not only does the quantity of new German publications on (and by) figures like Hans Blumenberg or Siegfried Kracauer widen the rift and amplify the asynchrony between North American and German academic cultures, it also heightens awareness for the fact that these somewhat “second tier” figures were extremely important all along.

Poetik und Hermeneutik

Especially problematic from the North American perspective is the research group Poetik und Hermeneutik, which in German scholarship has been a subject of increasing attention in the past two decades. Among other aspects, the group arguably provides the crucial context for understanding the development of Blumenberg’s work in the 1960s and beyond. Its publications—seventeen volumes of “findings” (Arbeitsergebnisse) spanning more than thirty years—were never translated into English, though many individual contributions were republished or anthologized, and many went on to become classics within their disciplines. Though undoubtedly influential, especially as an organizational model, the group’s publications and intellectual network had limited international reach.[1] Even in Germany, as Carlos Spoerhase has argued, “P&H” was more an object of “fascination” within the intra- and extra-academic public spheres (e.g., as a highly touted example of interdisciplinarity) rather than a producer of demonstrably influential new paradigms or theories.[2]

Reception Theory and Jauss

The most significant “product” that did emerge from P&H was the Constance School of reception theory. However, this school also never made it to North America, certainly not as an actual school, even if the approach itself was (as it is sometimes said) represented by homegrown equivalents, for example by the “anxiety of influence” and “reader response theory,” up to Franco Moretti’s literary evolutionism and, most prominently, Bruno Latour’s Actor-Network-Theory (which was the inspiration for Rita Felski’s 2015 The Limits of Critique).[3] In any case, one might argue that reception aesthetics has been a dominant critical mode for many decades. But which version does one choose? And: does an effective critical practice even require such a choice? In retrospect and in the context of P&H (as has been unfolded in Julia Amslinger’s 2017 book, Eine neue Form von Akademie),[4] Jauss’s German success story appears to have been primarily a result of successful branding, while the fundamental questions concerning the dynamic relation of production and reception were common to all of the group’s participants and, indeed, to countless theoretical and hermeneutic traditions of the 20th century.[5]

The Positivism Dispute

Another fascinating and perhaps even more mysterious object of the 1960s is the so-called Positivismusstreit (“positivism dispute”). In German-speaking academia, everyone has at least heard the name, whereas, in the international context, it is considered part of the history of the Frankfurt School. To a great extent, this afterlife as a vaguely recognized context resulted from the memorable title of the 1969 Luchterhand volume, Der Positivismusstreit in der deutschen Soziologie. The problem with the title is that it is almost entirely misleading, retrospectively naming an event that never happened, in which none of the participants involved in the dispute were actually “positivists,” and which was not even primarily a debate about positivism in any clearly defined sense. The title of the original 1961 discussion between Adorno and Popper, “The Logic of the Social Sciences,” was retained in various publications up to the Luchterhand edition. Although it is much drier and more academic, this title is more accurate in its broad framing of epistemological-methodological questions. And in this regard it did not raise false expectations. The dispute was not confined to sociology, but is better described as a general conversation about the boundaries between empirical science and philosophy, in which members of the Frankfurt School asserted that the tradition of social and philosophical critique must be retained as the framework of all scientific research in the natural, social, and human sciences. The book, however, despite its famous title, remained semi-canonical at best and is only very infrequently read in any disciplinary context.

The Common Enemy (Feindbild Positivismus)

There is much that still has to be better understood even in the most famous intellectual constellations of the period. Also, the existing scholarship, though fundamental, has for the most part defined its objects (“Positivismusstreit,” “P&H,” many individual authors) in a way which, especially in the North American and international context, appears overly narrow. It is a misnomer, for example, to think that the Frankfurt School possessed a monopoly on anti-positivism. By the 1950s, in the wake of Heidegger and Husserl, positivism did not unambiguously refer to any specific philosophical, theoretical, or methodological schools. In general parlance, it referred to a vast syndrome of modernity.[6] Within and between the famous names and titles, there is a vast network of connectivity that remains to be uncovered, not only in correspondences and archival sources, but also in published texts. By weaving together larger and smaller strands, it is possible to ask somewhat broader and more speculative questions: What is the implicit stance of Metaphorologie and Begriffsgeschichte with regard to the question of positivism? What was “literary positivism”—the kind that Jauss and Szondi, Heidegger and Adorno polemized against? To what extent did Gadamer’s 1960 Wahrheit und Methode provide an implicit background and framework for all the subsequent debates about positivism (not a huge leap, considering its recognized importance for Habermas)? How did the Positivismusstreit relate to other attempts (such as P&H) to establish new institutional forms of (inter)disciplinarity, academic culture, and institutionality? I would argue that these various strands are held together by their (still unfinished) renegotiation of the troubled boundaries between the humanities, natural sciences, social sciences, and philosophy.

Permanent Crisis of University and Society

The tripartite disciplinary architecture of the university—humanities, natural sciences, social sciences—is still very much alive, as are its problems. These days, the question of the disciplinary place of philosophy, for example, which was absolutely paramount in the 1960s, is mostly taken for granted as a part of the institutional status quo. Despite the notorious latencies (Haverkamp),[7] repressions, silences, and the highly subtextual “cryptographic” writing style (Ette) of the period —aspects which require fine-grained and attentive analysis—it may be the case that certain fundamental questions concerning academic institutionality and the social function of the university were more askable then than they are now. Along similar lines, the important recent book by Paul Reitter and Chad Wellmon argues that the present crisis can only be understood through its historicization within the “permanent crisis” of the relation of the human and social sciences.[8] A look at the intellectual culture of the West German 1960s certainly confirms the point while also offering a reminder that the oxymoron “permanent crisis” (like the state of exception that becomes the rule) is the privileged topos of the “verkehrte Welt” of revolutionary modernity—which is open to both progressive and regressive interpretations. In other words: the critical awareness of the permanence of the crisis should not deceive us into thinking that there is no crisis.

 

Kirk Wetters is Professor of Germanic Languages & Literatures at Yale University. Sponsored by the Alexander von Humboldt Foundation, he is a visiting scholar at ZfL and Deutsches Literaturarchiv Marbach from April to August 2023.

 

[1] See especially Petra Boden and Rüdiger Zill: Poetik und Hermeneutik im Rückblick. Interviews mit Beteiligten. Paderborn 2017; Renate Lachmann: “Poetics and Hermeneutics (Poetik und Hermeneutik).” Theoretical Schools and Circles in the Twentieth-Century Humanities: Literary Theory, History, Philosophy. Eds. Marina Grishakova and Silvi Salupere. New York and London 2015, pp. 216–234; Anselm Haverkamp: “Nothing Fails like Success: Poetics and Hermeneutics – A Postwar Initiative by Hans Blumenberg.” MLN 130:5 (2015), pp. 1221–1241.

[2] Carlos Spoerhase. “Rezeption und Resonanz. Zur Faszinationsgeschichte der Forschungsgruppe ‘Poetik und Hermeneutik.’” Internationales Archiv für Sozialgeschichte der deutschen Literatur 35:1 (2010), pp. 122–142.

[3] Robert C. Holub: “Ergebnisse einer Grenzüberschreitung: Zur Rezeption der Rezeptionstheorie in den Vereinigten Staaten.” Zur Rezeption der Rezeptionstheorie. Eds. Dorothee Kimmich and Bernd Stiegler. Berlin 2003, pp. 127–141. See also Ottmar Ette: Der Fall Jauss: Wege des Verstehens in eine Zukunft der Philologie. Berlin 2016; and Hans Ulrich Gumbrecht: The Powers of Philology: Dynamics of Textual Scholarship. Urbana, IL 2003.

[4] Julia Amslinger: Eine neue Form von Akademie: ‘Poetik und Hermeneutik’ – die Anfänge. Paderborn 2017.

[5] On consensus and divergence within the group, see Walter Erhart. “‘Wahrscheinlich haben wir beide Recht’: Diskussion und Dissens unter ‘Laboratoriumsbedingungen’: Beobachtungen zu ‘Poetik und Hermeneutik’ 1963–1966.” Internationales Archiv für Sozialgeschichte der deutschen Literatur 35:1 (2010), pp. 77–102.

[6] See especially the book of the Heideggerian Walter Bröcker: Dialektik, Positivismus, Mythologie. Frankfurt am Main 1958, reviewed by Jürgen Habermas: “Der befremdliche Mythos: Reduktion oder Evokation?” Philosophische Rundschau 6:3/4 (1958), p. 215.

[7] Anselm Haverkamp: Latenzzeit: Wissen im Nachkrieg. Berlin 2003.

[8] Paul Reitter and Chad Wellmon: Permanent Crisis: The Humanities in a Disenchanted Age. Chicago and London 2021. See also, in close historical and theoretical proximity to Koselleck’s Critique and Crisis, Nicolaus Sombart: Krise und Planung: Studien zur Entwicklungsgeschichte des menschlichen Selbstverständnisses in der globalen Ära. Vienna, Frankfurt and Zurich 1965; and another much more famous crisis theory of the 1960s, Thomas S. Kuhn: The Structure of Scientific Revolutions. Chicago 1962.

 

VORGESCHLAGENE ZITIERWEISE: Kirk Wetters: The Short Spring of German Theory (I): Positivismusstreit vs. Poetik und Hermeneutik, 28.2.2023, [https://www.zflprojekte.de/zfl-blog/2023/02/28/kirk-wetters-the-short-spring-of-german-theory-i-positivismusstreit-vs-poetik-und-hermeneutik/].
DOI: https://doi.org/10.13151/zfl-blog/20230228-01

Der Beitrag Kirk Wetters: The Short Spring of German Theory (I): POSITIVISMUSSTREIT VS. POETIK UND HERMENEUTIK erschien zuerst auf ZfL BLOG.

]]>
Eva Stubenrauch: DIE KRISE DER ZEITDIAGNOSTIK. Reckwitz, Rosa und die Gesellschaftstheorie der Gegenwart https://www.zflprojekte.de/zfl-blog/2022/09/20/eva-stubenrauch-die-krise-der-zeitdiagnostik-reckwitz-rosa-und-die-gesellschaftstheorie-der-gegenwart/ Tue, 20 Sep 2022 07:29:30 +0000 https://www.zflprojekte.de/zfl-blog/?p=2687 Die Gegenwart wurde in den vergangenen Jahrzehnten so oft diagnostiziert wie nie zuvor. Seit den 1980er Jahren, angefangen bei Ulrich Becks ›Risikogesellschaft‹, häufen sich entsprechende Zuschreibungen:[1] ›Erlebnisgesellschaft‹, ›Informationsgesellschaft‹, ›Postdemokratie‹, ›breite Gegenwart‹, ›Retrotopia‹ und dergleichen mehr. Wie der Begriff und die in ihm angelegte medizinische Semantik schon andeuten, geht mit der Zeitdiagnostik immer eine Kritik an Weiterlesen

Der Beitrag Eva Stubenrauch: DIE KRISE DER ZEITDIAGNOSTIK. Reckwitz, Rosa und die Gesellschaftstheorie der Gegenwart erschien zuerst auf ZfL BLOG.

]]>
Die Gegenwart wurde in den vergangenen Jahrzehnten so oft diagnostiziert wie nie zuvor. Seit den 1980er Jahren, angefangen bei Ulrich Becks ›Risikogesellschaft‹, häufen sich entsprechende Zuschreibungen:[1] ›Erlebnisgesellschaft‹, ›Informationsgesellschaft‹, ›Postdemokratie‹, ›breite Gegenwart‹, ›Retrotopia‹ und dergleichen mehr. Wie der Begriff und die in ihm angelegte medizinische Semantik schon andeuten, geht mit der Zeitdiagnostik immer eine Kritik an der Gegenwart einher.

Bereits am Ende des 18. Jahrhunderts, als sie noch nicht so genannt, aber in geschichtsphilosophischen Abhandlungen schon praktiziert wurde, fiel die Diagnose der Gegenwart meistens schlecht aus. Von Rousseau über Kant bis hin zu Görres und Fichte wurde die eigene Zeit als Phase der Unordnung, Übergärung und Erschöpfung wahrgenommen – allerdings auch als Grundbedingung für einen Umschwung zum Besseren. Die Zukunft sollte Chaos in Ordnung, Fäulnis in Klarheit und Müdigkeit in Tatkraft transformieren, dessen waren sich die Gegenwartsdeuter der Aufklärung noch sicher. Auch um 1900, als Karl Mannheim den Terminus ›Zeitdiagnostik‹ prägte,[2] ging es darum, die zerrissene, stagnierende Zeit zu tadeln. Äquivalent zum Arzt, der eine Krankheit feststellt, sollte die noch junge Disziplin der Soziologie die Patientin ›Zeit‹ als »unsere gesamte Seins- und Denklage im Querschnitt« auf ihre Fehlstellungen überprüfen.[3] Anders als in der Aufklärung schien der Wandel zum Besseren im Fin de Siècle weniger wahrscheinlich und nur mehr mit radikalen Mitteln erreichbar zu sein, wie die Aufrufe zum Umsturz der Verhältnisse bei Nietzsche oder der Klassischen Avantgarde zeigen.

Die Zeitdiagnostik der Moderne hat also einen Hang zur Totalisierung und Defizitorientierung: Die ›Diagnose‹ war in den vergangenen Jahrhunderten dazu da, die Krankheit der gesamten Gesellschaft festzustellen, um im besten Falle in einem nächsten Schritt Therapiemöglichkeiten vorzuschlagen, auf jeden Fall aber durch die Kritik am Ist-Zustand verborgene Missstände und auch Fehlmedikationen zu entlarven. Diese Form der Kritik ist heute zunehmend in Verruf geraten. So unterzog Bruno Latour den modernen Gestus der kritischen Entlarvung einer grundlegenden Revision. Indem die Gesellschaftstheorie in einem selbstgerechten Herrschaftsmodus die Bedeutsamkeit, die Menschen den Dingen verleihen, entweder als Fetisch oder als physiologischen Zwang abgetan habe, sei sie ihrer sozialen Geltung verlustig gegangen: »Is it so surprising, after all, that with such positions given to the object, the humanities have lost the hearts of their fellow citizens, that they had to retreat year after year, entrenching themselves always further in the narrow barracks left to them by more and more stingy deans? The Zeus of Critique rules absolutely, to be sure, but over a desert.«[4] Für andere Stimmen, vornehmlich aus den Gender, Postcolonial und Queer Studies, ist es an der Zeit, die Kombination aus Verdacht, Selbstvertrauen und Entrüstung, die die Tradition der Kritik mit sich bringt,[5] zugunsten einer stärkeren Involviertheit und Nähe zu den besprochenen Gegenständen abzuschwächen, emotionale Reaktionen zuzulassen und Überforderungen einzugestehen.[6] Nicht nur die der Kritik inhärente Differenz von Subjekt und Objekt, sondern auch der Versuch einer Gesamtansicht muss heute – angesichts der gesteigerten Sensibilität für die gewaltsame Seite von Homogenisierung und Repräsentation – mit starkem Gegenwind rechnen. Wie ist, so kann man fragen, Zeitdiagnostik im ›Zeitalter der Postkritik‹ überhaupt noch möglich?[7]

Dieser Herausforderung stellten sich unlängst die beiden Soziologen Andreas Reckwitz und Hartmut Rosa mit ihrem Buch Spätmoderne in der Krise. Was leistet die Gesellschaftstheorie?.[8] Ausgehend von der Beobachtung, dass aktuell und ausgelöst von den Krisen der letzten Jahre ein großes öffentliches Bedürfnis nach Gegenwartsdeutung herrsche, die Soziologie aber erstaunlich nachlässig mit ihrer Aufgabe der Zeitkritik umgehe, formulieren Reckwitz und Rosa in einer gemeinsamen Einleitung ihren Anspruch, ein »big picture« zu entwerfen (S. 11). Dazu dient ihnen die Gesellschaftstheorie, die dann auch die Soziologie in ihre angestammte Position als »Krisenwissenschaft« zurückrücken soll (S. 15). Ihrem Vorhaben widmen Reckwitz und Rosa jeder ein großes Kapitel, in dem sie zuerst ihre Theoriebegriffe klären, dann ihre jeweiligen Deutungsansätze vorstellen und im Anschluss die Reichweite ihres Ansatzes reflektieren bzw. – »therapeutisch-transgressiv« – Alternativen zum kritikwürdigen Zustand der Gegenwartsgesellschaft formulieren (S. 224).

* * *

Wie zu erwarten war, schlägt Andreas Reckwitz einen praxeologischen Ansatz der Gesellschaftsanalyse vor. Sozialtheorien müssen demnach verschiedene Ebenen kultureller Praktiken mit einbeziehen, vor allem die Interaktion zwischen Körpern und Artefakten, die Prozesse der Subjektivierung sowie die Wissensordnungen, die den Handlungen der Menschen Sinn verleihen (vgl. S. 53–59). Für Reckwitz sind (Gesellschafts-)Theorien keine in sich geschlossenen Systeme, sondern flexible Werkzeuge, die an ihrer »Inspirationsfähigkeit« gemessen werden können (S. 46). Ohne den Anspruch, mit einer einzigen Theorie systematisch alle Aspekte der konkreten gesellschaftlichen Realität erfassen zu können, plädiert er unter dem Leitgedanken ›Theorie als Werkzeug‹ für die Kombination der flexiblen und wandelbaren Praxistheorie mit anderen Theorien (vgl. S. 49). Eine praxeologische Theorie diene vor allem dazu, im Vergleich mit anderen Gesellschaften grundlegende gesellschaftliche Dynamiken zu erkennen, die sich in Praktiken, Diskursen, Subjektkonzepten und Lebensformen materialisieren bzw. in diesen ausgebildet und verstetigt werden. Die Moderne habe drei dominante Grundmechanismen ausgebildet, mit denen sich ihre Ambivalenzen erklären und ihre Transformationen von der bürgerlichen zur Spätmoderne beobachten ließen: die Öffnung und Schließung von Kontingenz, die Spannung zwischen Allgemeinem und Besonderem und die paradoxe Zeitlichkeit, in der sich Fortschrittsglaube und Verlustangst komplementär zueinander verhalten.

(I) In Anlehnung an seine früheren Schriften bestimmt Reckwitz die bürgerliche Moderne anhand dieser drei Grundmechanismen als das dominante Gesellschaftsmodell des langen 19. Jahrhunderts, das industrielles, epistemologisches und technisches Wachstum mit der Normierung einer bürgerlichen Lebensform verknüpft, die wiederum eine sozialistische und gegenkulturelle Kritik hervorruft. Die Bürokratisierung als »doing generality« korreliere mit der Feier des kreativen Subjekts (»doing singularity«), die sich beispielsweise im Geniekult der modernen Literatur ausdrücke (S. 102 f.). Die Zeit der bürgerlichen Moderne sei insofern paradox strukturiert, als sich der Wert von Innovation und Neuigkeit mit einer beharrlichen Verlustangst paare, die durch das Schwinden der Gemeinschaft, der Religion oder der dörflichen Ordnung ausgelöst werde.

(II) Das auf das bürgerliche Gesellschaftsmodell folgende Modell der Industriemoderne habe seit seiner Emergenz im frühen 20. Jahrhundert mehrere Schübe der Kontingenzöffnung, aber auch der Gleichschaltung hervorgebracht. In der nie dagewesenen »Totalrationalisierung und Mobilisierung« der Gesellschaft drückten sich zugleich der Wunsch nach einzelstaatlicher Souveränität und permanenter Erneuerung aus (S. 106). Der auf medientechnologische Fortschritte reagierende Starkult des 20. Jahrhunderts habe einen Ausweg aus der massenkulturellen Konsumästhetik geboten. Und schließlich sei an Gegenkulturen wie der Klassischen Avantgarde am besten abzulesen, wie sich Zeitkritik und ‑emphase wechselseitig befruchteten (vgl. S. 107 f.).

(III) In der Spätmoderne, die sich im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts aus ihren Vorläufermodellen entwickelt habe, sieht Reckwitz eine nochmalige Öffnung der Kreativitäts- und Emotionskultur, die mit der ebenfalls gesteigerten Gleichschaltung im kapitalistischen Wettbewerb in einem Spannungsverhältnis stehe. Insgesamt herrscht im spätmodernen Gesellschaftsmodell nach Reckwitz eine Logik der Komplementarität: Die kreative Selbstentfaltung wird zum kollektiven Zwang; die Bildung einer singulären oder kollektiven politischen Identität wird zum Mainstream (vgl. S. 114–117). Die Zeitlichkeit der Spätmoderne zehrt einerseits von den utopischen Zukunftsversprechungen der Digitalisierung, ist angesichts der drohenden Klimakatastrophe andererseits aber auch von einem Zukunftsverlust geprägt. In einem Unterkapitel bespricht Reckwitz die »Krisenmomente der Spätmoderne« als Verlängerung der modernen »Dauerkrise« (S. 119), er bemerkt jedoch auch, wie sich die Krisenkonstellationen in den letzten Jahrzehnten verdichtet hätten: »Verlusterfahrungen werden in der Gegenwart gleichsam selbst zu einem identitätsstiftenden Element, was dem Fortschrittsnarrativ der Moderne […] eklatant widerspricht.« (S. 128)

Um die Krisen der Spätmoderne zu erklären, sucht Hartmut Rosa im zweiten Teil des gemeinsamen Buches nach dem »Best Account« (S. 165) der Gesellschaftstheorie. Er findet ihn in der Zusammenschau von Sozialformationen und Antriebsenergien. Strukturelle und kulturelle Dynamiken, die Perspektiven der dritten und ersten Person, müssten in einer gesellschaftstheoretischen Metaperspektive immer zusammenwirken, denn nur so seien die Entwicklungen, Paradoxien und Krisen der modernen Formation angemessen beschreibbar (vgl. S. 174 f.). Auch Rosa knüpft an frühere Schriften an und bezieht die Konzepte ›Beschleunigung‹ und ›Resonanz‹ in seine Argumentation mit ein. Reckwitz nicht unähnlich identifiziert er makroepochale Dynamiken der Moderne, wenn er die »dynamische Stabilisierung« als Grundbewegung moderner Gesellschaften vorschlägt (vgl. S. 179). Demnach seien Gesellschaften seit dem späten 18. Jahrhundert darauf verwiesen, sich durch Fortschritt und Innovation permanent zu verbessern, um ihren Status quo zu wahren. Die fortwährende Steigerung sei keine Reaktion auf äußeren Druck, sondern »die endogene Systemlogik selbst« (S. 187). Damit diese gesamtgesellschaftliche Optimierung überhaupt umgesetzt werden könne, bedürfe die moderne Sozialformation bestimmter Antriebsenergien. Nach Rosa vollzieht das moderne Subjekt die permanente Leistungssteigerung, weil es – im Negativen – Angst vor dem Abstieg und dem Überwundenwerden verspürt und – im Positiven – das Begehren nach einer größeren individuellen Reichweite (vgl. S. 191–200).

Die Kosten dieser Steigerungsdynamik bestünden erstens in der potenziellen Überlastung der Systeme, wobei hier Institutionen und Individuen gleichermaßen betroffen seien. Zweitens mache sich früher oder später eine auf die stetige Akkumulation folgende soziale Ungleichheit breit, die zu einer verminderten Zustimmung unter den Subjekten des Fortschritts führe (vgl. S. 204 f.). Und drittens werde die so schmerzlich begehrte ›Weltreichweite‹ mit Ohnmacht und Entfremdung bezahlt, die sich einstellen, wenn moderne Allmachtsfantasien auf die Porosität von Natur und Politik oder auf die Unkontrollierbarkeit technologischer Errungenschaften wie der Atomkraft prallen (vgl. S. 215–220). Bis hierhin liest sich diese Klassifikation der modernen Entwicklungsdynamik wie eine weitere Modernethese, die noch nichts Spezifisches über die Konstellationen der Gegenwart verrät. In Übereinstimmung mit seinem Kollegen beobachtet Hartmut Rosa nun allerdings in der Spätmoderne eine ansteigende Verdichtung struktureller und kultureller Krisen: Die Finanzkrise, die Krise der Demokratie, der Ökologie und der psychischen Gesundheit (Stichwort: Burnout) zeigen, dass die Spätmoderne sukzessive ausbrennt. Sein abschließendes Kapitel widmet er dann auch, in Übereinstimmung mit seinen früheren Erkenntnissen, der Resonanz als einem Modus der Therapie.

Für die strukturelle Dimension schlägt Rosa eine Mentalität des Postwachstums vor: Mit der Erneuerung der Produktionsverhältnisse und der Umpolung der ökonomischen Aufmerksamkeit – von den Konsument:innen auf die Produzent:innen – könne Weltentfremdung bekämpft werden. Hinzukommen müsse dann nur noch die Minderung der Angst als negativer Antriebsenergie des modernen Subjekts durch Modelle wie das bedingungslose Grundeinkommen und die Umwertung der positiven Antriebsenergie, die von Verfügbarmachung auf Resonanz gestellt werden solle. Resonanz anzustreben bedeute dann nämlich, seine Energien auf einen Zustand zwischen aktiv und passiv zu richten, auf einen Zustand der Relationalität mit der Welt und ihren Dingen, der echte und tiefgreifende Erfahrungen zulasse. Mit Rekurs auf Maurice Merleau-Ponty und Bruno Latour bedient sich Rosa der Resonanz zur Plausibilisierung des Unverfügbaren als einer Art post-spätmoderner Utopie. Diese setze »voraus, dass das Gegenüber als Differentes erfahren und akzeptiert wird, und in der Begegnung mit diesem Differenten liegen unaufhebbar auch Spannung und Irritation; in der Berührung liegt das Wagnis des Verletzens und Verletztwerdens, und in der Transformation liegt auch Gefahr: Resonanz ist niemals risikofrei« (S. 246).

Bringt man Rosas Worte in ein Verhältnis zur Performanz seiner Aussagen, vergleicht man also Semantik und Argumentationsstruktur, könnte man stutzig werden: Rosa vertritt in seiner gesamten Argumentation die typische Haltung der modernen Zeitdiagnostik, die im selben Kontext entstand wie die Geschichtsphilosophie und die Kulturkritik[9] und die notwendigerweise von einer Distanz zwischen urteilendem Subjekt und der ›Zeit‹ als Objekt der Beurteilung ausgeht.[10] Seine Blickposition macht er auch mehrfach transparent, etwa wenn er kritikwürdige Zustände, die »Pathologien« der Zeit und das »Leiden der Subjekte« als Ausgangspunkt seiner »Irritation« benennt, die ihn zu »Diagnose« und »Therapie« veranlassen (S. 177 f.). Trotz der problematischen Implikationen sei die Haltung des Diagnostikers notwendig, um den »Best Account« der Gesellschaftsanalyse leisten zu können.

Diese Haltung verbindet er nun jedoch mit dem Sprechmodus der aktuellen Theorieströmungen, die eine Überwindung der modernen Subjekt-Objekt-Differenz und eine Dezentrierung des kritischen Individuums anstreben. Fest verankert in der Tradition der modernen Soziologie, die ja die Zeitdiagnostik als kritische Analyse der gesellschaftlichen Totalität sowie als Entlarvung abzulehnender Zeittendenzen fasste, plädiert Rosa für die Relationalität allen Seins, in der seine beanspruchte souveräne Sprechposition überhaupt nicht eingenommen werden könnte. In anderen Worten: Mit der Referenz auf Latour und die Semantik des ontological turns[11] verstrickt sich Hartmut Rosa in einen performativen Widerspruch, wenn er genau die Prämissen der Kritik umsetzt, gegen die sich Latour so emphatisch zur Wehr setzt.[12]

* * *

Wie lässt sich dieser performative Widerspruch erklären? Meine These lautet, dass er auf eine tiefe gegenwärtige Krise der Zeitdiagnostik verweist. Der Versuch, einen Modus des Urteilens, der auf einer subjektiven Gesamtsicht sowie auf Distanz und Abwertung des Beurteilten aufbaut, in eine Zeit zu integrieren, in der intensiv über Alternativen zum Hochmut, Zynismus und Fatalismus akademischer Kritik diskutiert wird,[13] hat notgedrungen ein Legitimationsproblem. In einer Abwandlung des Böckenförde-Diktums könnte man sagen: Die gegenwärtige Zeitdiagnostik lebt von Voraussetzungen, die sie selbst nicht mehr gutheißen kann.

Dass Andreas Reckwitz und Hartmut Rosa über die aktuellen Revisionen der Kritik gut informiert sind, erklärt ihre stellenweise etwas zögerliche Kombination von Zeitdiagnostik und Postkritik, etwa dort, wo Reckwitz die Kritik an der Kritik mit seinem Interesse für die kritisierten Gegenstände entkräften will. Latours Einwand, statt einer kritischen eine Haltung der Wertschätzung für die ›Dinge von Belang‹ zu kultivieren, begegnet Reckwitz mit der Versicherung, sich seinen Objekten durchaus »mit einer anhaltenden positiven Faszination« zu nähern (S. 141). Mit Bezug auf seine Untersuchungen des spätmodernen Kreativitätskults räumt er ein: »Die kritische Sorge um die Verabsolutierung der Norm der Kreativität geht vielmehr Hand in Hand mit einem prinzipiellen Verständnis für den Wert des Schöpferisch-Originellen in der Moderne.« (Ebd.)

Doch sind »kritische Sorge« und »prinzipielle[s] Verständnis« tatsächlich Haltungen der Kritik, die einer postkritischen Revision standhalten würden? Latour geht es in seiner Kritik an der Kritik schließlich nicht nur um eine Wertschätzung der Gegenstände, sondern um die fundamentale Einsicht in die Relation, die zwischen dem vermeintlich souveränen Kritiker und dem Kritisierten besteht, sowie um die Bedeutsamkeit der kritisierten Gegenstände für die Lebensformen der Menschen um sie herum.[14] Mit seinem im Schlussgespräch geäußerten »Verdacht«, »dass die spätmoderne Kultur zu stark auf Affizierung setzt«, und seinem Plädoyer »für Abkühlung und Entemotionalisierung« verortet sich Reckwitz letztlich doch sehr eindeutig in einer präpostkritischen Tradition, die mit Distanz und Ratio genuine Modi der modernen Zeitdiagnostik reaktiviert (S. 305).

Nach der Lektüre des Buches, inklusive des abschließenden Gesprächs, in dem Reckwitz und Rosa über ihre soziologischen Ziehväter Weber und Durkheim, über die Aktualität der Kritischen Theorie und über die Relevanz Foucaults und Bourdieus sinnieren, drängt sich dann doch der Eindruck auf, dass sich die hier vertretene Gesellschaftstheorie postkritische Argumente anverwandelt, die sich schlichtweg nicht mit ihrem Ansatz vertragen. Die Postkritik ist sicherlich nicht das Maß aller Dinge und Reckwitz’ Postulat einer stärkeren analytischen Distanz in unserer Gegenwart durchaus zu bedenken. Hinzu kommt, dass Vertreter:innen der Postkritik immer wieder betonen, die Kritik nicht bekämpfen, sondern erneuern und damit sogar stärken zu wollen.[15] Was allerdings nicht funktioniert, ist die Einverleibung postkritischer Kritik an der Haltung des Diagnostikers zugunsten seiner Zeitdiagnose, die sich ansonsten jeder postkritischen Transformation verwehrt. Wie die Steine im Bauch des Wolfs klappern die einverleibten Debatten der Gegenwart in einer zeitdiagnostischen Argumentation, die selbst fest im 20. Jahrhundert verankert ist.

Die Literaturwissenschaftlerin Eva Stubenrauch arbeitet am ZfL mit dem Projekt »Die Einverleibung der Innovation. Theorie- und Literaturwissenschaftsgeschichte eines Strukturmoments (1870/1970)«.

[1] Vgl. Manfred Prisching: »Die Etikettengesellschaft«, in: ders. (Hg.): Modelle der Gegenwartsgesellschaft, Wien 2003, S. 13–32.

[2] Karl Mannheim: Ideologie und Utopie, Bonn 1929, S. 49.

[3] Ebd.

[4] Bruno Latour: »Why Has Critique Run out of Steam? From Matters of Fact to Matters of Concern«, in: Critical Inquiry 30 (2004), S. 225–248, hier S. 239.

[5] Vgl. Rita Felski: The Limits of Critique, Chicago/London 2015, S. 188.

[6] Vgl. ebd., S. 192.

[7] Siehe dazu Elizabeth S. Anker/Rita Felski: »Introduction«, in: dies. (Hg.): Critique and Postcritique, Durham/London 2017, S. 1–28.

[8] Andreas Reckwitz/Hartmut Rosa: Spätmoderne in der Krise. Was leistet die Gesellschaftstheorie?, Berlin 2021. Alle Zitate hieraus werden direkt im Text unter Angabe der Seitenzahl nachgewiesen.

[9] Vgl. Klaus Lichtblau: Zwischen Klassik und Moderne. Die Modernität der klassischen deutschen Soziologie, Wiesbaden 2017, S. 57–79.

[10] Vgl. Alf Christophersen: »Zeitgenossenschaft – ein geistreiches Phänomen. Überlegungen zu Badiou, Agamben und Sloterdijk«, in: Christian Danz/Michael Murrmann-Kahl (Hg.): Zwischen Geistvergessenheit und Geistversessenheit. Perspektiven der Pneumatologie im 21. Jahrhundert, Tübingen 2014, S. 175–194.

[11] Vgl. Caroline Arni: »Nach der Kultur. Anthropologische Potentiale für eine rekursive Geschichtsschreibung«, in: Historische Anthropologie 26.2 (2018), S. 200–223, hier insb. S. 206.

[12] Vgl. Latour: »Why has Critique Run out of Steam?« (Anm. 4).

[13] Vgl. Anker/Felski: »Introduction« (Anm. 7), S. 12 .

[14] Vgl. Latour: »Why has Critique Run out of Steam?« (Anm. 4), S. 243.

[15] Vgl. Felski: The Limits of Critique (Anm. 5), S. 194.

 

VORGESCHLAGENE ZITIERWEISE: Eva Stubenrauch: Die Krise der Zeitdiagnostik. Reckwitz, Rosa und die Gesellschaftstheorie der Gegenwart, in: ZfL Blog, 20.9.2022, [https://www.zflprojekte.de/zfl-blog/2022/09/20/eva-stubenrauch-die-krise-der-zeitdiagnostik-reckwitz-rosa-und-die-gesellschaftstheorie-der-gegenwart/].
DOI: https://doi.org/10.13151/zfl-blog/20220920-01

Der Beitrag Eva Stubenrauch: DIE KRISE DER ZEITDIAGNOSTIK. Reckwitz, Rosa und die Gesellschaftstheorie der Gegenwart erschien zuerst auf ZfL BLOG.

]]>
Pola Groß: STILISIERUNG ZUM KUSCHEL-PHILOSOPHEN. Zur Rezeption von Adornos »Aspekte des neuen Rechtsradikalismus« https://www.zflprojekte.de/zfl-blog/2020/01/27/pola-gross-stilisierung-zum-kuschel-philosophen-zur-rezeption-von-adornos-aspekte-des-neuen-rechtsradikalismus/ Mon, 27 Jan 2020 14:14:23 +0000 https://www.zflprojekte.de/zfl-blog/?p=1336 Euphorisch nahm das deutsche Feuilleton im letzten Sommer ein schmales Bändchen auf: Theodor W. Adornos Aspekte des neuen Rechtsradikalismus, vom Suhrkamp-Verlag im Juli 2019 als schwarzer, mit oranger und weißer Schrift ebenso schlicht wie eindringlich wirkender Vorabdruck veröffentlicht.[1] Ihm liegt ein von Adorno ursprünglich 1967 vor Wiener Studierenden gehaltener Vortrag zugrunde, in dem er auf Weiterlesen

Der Beitrag Pola Groß: STILISIERUNG ZUM KUSCHEL-PHILOSOPHEN. Zur Rezeption von Adornos »Aspekte des neuen Rechtsradikalismus« erschien zuerst auf ZfL BLOG.

]]>
Euphorisch nahm das deutsche Feuilleton im letzten Sommer ein schmales Bändchen auf: Theodor W. Adornos Aspekte des neuen Rechtsradikalismus, vom Suhrkamp-Verlag im Juli 2019 als schwarzer, mit oranger und weißer Schrift ebenso schlicht wie eindringlich wirkender Vorabdruck veröffentlicht.[1] Ihm liegt ein von Adorno ursprünglich 1967 vor Wiener Studierenden gehaltener Vortrag zugrunde, in dem er auf den Einzug der NPD in einige deutsche Landesparlamente Ende der 1960er Jahre reagierte. Vorherrschend in den Besprechungen war der Verweis auf »erstaunliche Parallelen« zwischen dem Rechtsradikalismus der 1960er Jahre und den »gegenwärtigen Entwicklungen«.[2] Die meisten Rezensionen, von der Süddeutschen Zeitung über die Welt bis zur ZEIT, konstatieren in eben diesem Sinne eine verblüffende Aktualität von Adornos Vortrag, die Redaktion von Spiegel Online attestiert Adorno gar hellseherische Fähigkeiten, wenn sie titelt: »Was Adorno 1967 schon über die Neue Rechte wusste

Angeregt wurde diese Rezeption durch das clevere Marketing des Suhrkamp-Verlags, der den Vortrag im Klappentext der handlichen Ausgabe als »Flaschenpost an die Zukunft« bewirbt. Bekräftigt wird diese Analogie zwischen heute und den 1960er Jahren durch den Hinweis auf das Nachwort des Historikers und Publizisten Volker Weiß, der den »Wert« von Adornos Überlegungen »für unsere Gegenwart« herausarbeite.[3] Dieses Nachwort beginnt tatsächlich mit der Feststellung, dass sich Adornos Vortrag »passagenweise wie ein Kommentar zu aktuellen Entwicklungen« lesen lasse.[4] Damit ist es dem Verlag geschickt gelungen, die Dringlichkeit des schmalen Bändchens zu behaupten – in kaum einer Buchhandlung, die etwas auf sich hielt, stand es letzten Sommer nicht an verkaufsstrategisch prominenter Stelle.

Magnus Klaue ist einer der wenigen Rezensenten, der in die Jubelrufe nicht einstimmt. In seiner Besprechung in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung kritisiert er nicht Adornos Vortrag selbst, sondern die aus seiner Sicht »um den Preis der Enthistorisierung« allzu munter betriebene Parallelisierung der damaligen mit aktuellen politischen Entwicklungen. Klaue plädiert für die Einordnung von Adornos Vortrag in seinen zeitgeschichtlichen Entstehungskontext, da sich die Situation Ende der 1960er Jahre von der heutigen deutlich unterscheide. Insbesondere kritisiert er eine tatsächlich recht lapidar anmutende Formulierung aus dem Nachwort:

»Zu einer Historisierung Kritischer Theorie besteht also kein Anlass« (S. 86).[5]

Ausgehend von dieser Formulierung weist Klaue Weiß in durchaus polemischem Ton eine enthistorisierende Lektüre und falsche historische Gleichsetzungen wie beispielsweise die zwischen Rechtsradikalismus und Nationalsozialismus nach. In weitaus weniger polemischer Manier verdeutlicht er jedoch den Punkt, um den es ihm dabei geht: Gerade wenn Adornos kritische Theorie und Thesen heute noch etwas ausrichten sollen, müssten sie historisiert werden. Es gelte »ihren Zeitkern zu entfalten, um im Licht der Differenz zur Gegenwart die Frage aufzuwerfen, was sie heute erhellen können.« Eine »forcierte Aktualisierung« dagegen, wie Weiß und der Großteil des Feuilletons sie betrieben, hebt nach Klaue »wider Willen jene Momente hervor, in denen ein Denken wirklich historisch geworden ist«, und verfehlt damit das eigentliche Anliegen, nämlich Antworten auf die drängenden Fragen nach dem Umgang mit und der Bekämpfung von rechten Bewegungen und Parteien zu finden.

Wie berechtigt ist die Kritik an Weiß? Zunächst möchte man ihr vorbehaltlos zustimmen, denn tatsächlich kommt sein Nachwort ein wenig zu leichtfüßig daher, wenn er gegen Adornos Kritik an der Reproduktion mündlicher Vorträge, in denen dieser »ein Symptom jener Verhaltensweise der verwalteten Welt« sieht, »welche noch das ephemere Wort, das seine Wahrheit an der eigenen Vergänglichkeit hat, festnagelt, um den Redenden darauf zu vereidigen«,[6] lediglich einwendet, dass der Inhalt von Adornos Rede eben nicht von flüchtigem Charakter sei (S. 60). Stattdessen hätte Weiß auf die sorgfältig edierte, zwei Monate später erscheinende Gesamtausgabe von Adornos Vorträgen 1949–1968 verweisen können, die der von Adorno benannten Gefahr durch eine ausführliche Kontextualisierung zu begegnen versucht. Auch scheint Klaues Kritik an einer Einebnung der historischen Differenzen berechtigt, wenn man Stellen wie die folgende bei Weiß betrachtet: »Zu seinem [Adornos, PG] historischen Fluchtpunkt, dem Nationalsozialismus, und dem unmittelbaren Redekontext, den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, tritt nun eine Gegenwart, in der sich eine äußerste Rechte erneut zur einflussreichen politischen Kraft entwickelt. Das verleiht Adornos Worten ihre Aktualität.« (S. 61) Kurz darauf betont allerdings auch Weiß, dass Adornos Überlegungen nicht unumwunden auf heute zu übertragen und die »Unterschiede zu beachten« seien (S. 74). Unter Rückgriff auf Adornos berühmte Formulierung vom Zeitkern der Wahrheit [7] fordert Weiß in durchaus ähnlicher Formulierung wie Klaue: »Die hellsichtig wirkende Aktualität ist mit dem historischen Zeitkern ihrer Wahrheit ins Verhältnis zu setzen.« (S. 62) Solche Formulierungen deuten darauf hin, dass die wie in obigem Zitat mitunter etwas vorschnell gezogenen Parallelen zwischen den 1930ern, 1960ern und 2010ern wohl vor allem dem Zweck geschuldet sind, das Nachwort für die sommerliche Ausgabe schnell fertigzustellen. Denn bei allen tatsächlich zu leichtfertigen Vergleichen (wie zum Beispiel von Adornos Erörterungen der Propagandatechnik der NPD mit heutigen medialen Erscheinungsformen wie Bots, Trollen und Fake News), die einer differenzierteren Analyse bedurft hätten, geht es Weiß vor allem darum zu zeigen, dass in einer Gegenwart, in der Politiker*innen, Intellektuelle, Journalist*innen und große Teile der Öffentlichkeit gleichermaßen mit Rat- und Hilflosigkeit auf den Erfolg rechter Parteien blicken, die Texte der Kritischen Theorie wertvolle Einsichten und Analyseinstrumente bereithalten könnten, um der zunehmenden Gefahr von rechts zu begegnen.

Unter diesem Blickwinkel betrachtet scheint es so, als ob Klaue und Weiß grundsätzlich gar nicht so weit voneinander entfernt sind, jedoch gänzlich Unterschiedliches unter Historisierung verstehen: Was Weiß als Historisierung der Kritischen Theorie ablehnt, ist vor allem eine Relativierung ihrer Einsichten und Positionen. Gegen den relativistischen Vorwurf des Veraltetseins hebt er daher bewusst hervor, dass die Arbeiten der Kritischen Theorie für aktuelle gesellschaftstheoretische und -politische Analysen »unverzichtbar« seien (S. 87). Klaue dagegen versteht unter Historisierung die Einbettung von Adornos Überlegungen in ihre jeweiligen historischen und theoretischen Kontexte. Nur aus diesen heraus und mitunter im Widerspruch zur heutigen Situation können sie ihre Sprengkraft entfalten: »Nur ein Denken, das nicht zu jeder Zeit zu allem passt, ist lebendig.« Wollen Klaue und Weiß also letztlich dasselbe, haben aber unterschiedliche Begriffe von Historisierung?

Wie auch immer man diese Frage beantwortet, festzuhalten bleibt, dass Klaue kritischer und deutlicher als die meisten Rezensent*innen darauf hingewiesen hat, dass Adornos Thesen nicht umstandslos auf die Gegenwart zu übertragen sind, wenn sie wirksam sein sollen. Die Einbettung seiner Argumentation in ihren ursprünglichen Kontext ist wichtig, um die heutige Situation nicht herunterzuspielen. Adorno attestiert der NPD beispielsweise Diskursfeindlichkeit und »Theorielosigkeit« (S. 448); beides kann von der Neuen Rechten heute (leider) nicht mehr behauptet werden. Auch Weiß’ Feststellung, dass im Nationalsozialismus »der Rechtsradikalismus […] Staatsraison gewesen« sei (S. 67f.), setzt nicht nur beide Phänomene fälschlich in eins, sondern macht es sich – und vor allem der Neuen Rechten – entschieden zu einfach. Denn genau diese Argumente kennt Letztere mittlerweile nur zu gut und hat gelernt, sie etwa durch den knappen Hinweis, eine demokratische Bewegung zu sein, abzutun. Erst das genaue Auseinanderhalten der historisch unterschiedlichen Zeiten und Sachverhalte ermöglicht eine treffende Analyse der jeweiligen Phänomene. Ansonsten verkennt man, was sich geschichtlich geändert hat: Die Kritik sitzt besser, wenn man unterscheidet.[9]

Eine Enthistorisierung von Adornos Vortrag im Sinne einer vorschnellen Aktualisierung dagegen trägt dazu bei, seine Thesen zu entschärfen und Adorno selbst zu einer Art Kuschel-Philosophen zu degradieren. Auf einmal macht man es sich mit dem guten alten Adorno (wer hätte das gedacht?) auf dem Sofa gemütlich, nickt zustimmend zu den so aktuell anmutenden Thesen, legt das Bändchen weg und wähnt sich selbst schon recht widerständig. Einer solchen Rezeption leistet auch die handliche Ausgabe Vorschub, die vor allem die Aktualität des Vortrags betont und dadurch verpasst, die historischen und theoretischen Voraussetzungen und Anlässe von Adornos Denken zu klären.

Kurzum: Trägt nicht gerade die Herauslösung von Adornos Vortrag aus seinem historisch-theoretischen Kontext dazu bei, sich mit der scheinbar so gut aufgehenden Analogie zu begnügen und dabei das (Weiter-)Denken einzustellen? Damit gerät man dann allerdings erst recht in jenes »schlecht zuschauerhafte[] Verhältnis zur Wirklichkeit« (S. 467), vor dem Adorno am Ende von Aspekte des neuen Rechtsradikalismus warnt. Eine Lektüre, die die historischen Differenzen allzu schnell beiseite wischt, stilisiert Adorno zu einem Klassiker (der er nie gewesen ist), dessen einzig kritisches Potential darin besteht, der Gegenwart nahezu prophetisch die politische Analyse abzunehmen. Dass dies genau nicht sein Anliegen war, stellt Adorno selbst am Ende seines Vortrags durch die Weigerung klar, Prognosen über die Zukunft des Rechtsradikalismus zu geben:

»Ich halte diese Frage für falsch, denn sie ist viel zu kontemplativ. In dieser Art des Denkens, die solche Dinge von vornherein ansieht wie Naturkatastrophen, über die man Voraussagen macht wie über Wirbelwinde oder über Wetterkatastrophen, da steckt bereits eine Art von Resignation drin, durch die man sich selbst als politisches Subjekt eigentlich ausschaltet […].« (S. 466f.)

Mit Adorno selbst muss man daher Einspruch erheben gegen die Verklärung seines Vortrags als »Flaschenpost an die Zukunft«.

 

[1] Der Vorabdruck ging dem von Michael Schwarz edierten Band Theodor W. Adorno. Vorträge 1949–1968 voraus, der innerhalb der vom Theodor W. Adorno Archiv herausgegebenen Nachgelassenen Schriften im September 2019 erschien und insgesamt zwanzig bisher unveröffentlichte Vorträge versammelt. Umfassend und ausführlich werden die Vorträge in ihren theoretischen wie zeithistorischen Kontext eingeordnet. Im Folgenden zitiere ich Adornos Aspekte des neuen Rechtsradikalismus aus diesem Band unter Angabe der Seitenzahl im Text.

[2] Raphael Schmaroch: »Theodor W. Adorno. ›Aspekte des neuen Rechtsradikalismus‹«, Deutschlandfunk, 2.9.2019 (zuletzt abgerufen am 16.1.2020).

[3] Klappentext zu: Theodor W. Adorno: Aspekte des neuen Rechtsradikalismus. Ein Vortrag, Berlin 2019.

[4] Volker Weiß: »Nachwort«, in: ebd., S. 59–87, hier S. 59. Im Folgenden zitiert unter Angabe der Seitenzahl im Text.

[5] Diese Aussage zweifelt auch Rudolf Walther in der taz an, allerdings weniger aufgrund einer problematischen Enthistorisierung von Adornos Thesen, sondern weil ihn diese in ihrer Skizzenhaftigkeit enttäuschten; vgl. Rudolf Walther: »Drastische Namen für Propaganda«, in: Die Tageszeitung, 15.7.2019 (zuletzt abgerufen am 16.1.2020).

[6] Theodor W. Adorno: »Zur Bekämpfung des Antisemitismus heute«, in: ders.: Gesammelte Schriften 20.1, hg. v. Rolf Tiedemann, Frankfurt a. M. 1997, S. 360, Fußnote.

[7] Adorno spricht an vielen Stellen in seinem Werk vom Zeitkern der Wahrheit; vgl. exemplarisch Adorno: Der Essay als Form, GS 11, S. 18.

[8] Vgl. hierzu auch die bisherigen Beiträge des ZfL zum Jahresthema »Historisieren heute«.

[9] Diese Formulierung verdanke ich Hendrik Gehlmann.

 

Die Literaturwissenschaftlerin Pola Groß ist seit 2019 wissenschaftliche Mitarbeiterin am ZfL. In diesem Jahr erscheint bei De Gruyter ihre Dissertation unter dem Titel »Adornos Lächeln: Das ›Glück am Ästhetischen‹ in seinen literatur- und kulturtheoretischen Essays«.

 

VORGESCHLAGENE ZITIERWEISE: Pola Groß: Stilisierung zum Kuschel-Philosophen. Zur Rezeption von Adornos »Aspekte des neuen Rechtsradikalismus«, in: ZfL BLOG, 27.1.2020, [https://www.zflprojekte.de/zfl-blog/2020/01/27/pola-gross-stilisierung-zum-kuschel-philosophen-zur-rezeption-von-adornos-aspekte-des-neuen-rechtsradikalismus/].
DOI: https://doi.org/10.13151/zfl-blog/20200127-01

Der Beitrag Pola Groß: STILISIERUNG ZUM KUSCHEL-PHILOSOPHEN. Zur Rezeption von Adornos »Aspekte des neuen Rechtsradikalismus« erschien zuerst auf ZfL BLOG.

]]>
Mareike Schildmann / Patrick Hohlweck: AUF DEM BODEN DER TATSACHEN https://www.zflprojekte.de/zfl-blog/2019/05/13/mareike-schildmann-patrick-hohlweck-auf-dem-boden-der-tatsachen/ Mon, 13 May 2019 07:49:54 +0000 https://www.zflprojekte.de/zfl-blog/?p=1118 Die Lage ist ernst, ja dramatisch, doch ihr liegt ein Sachverhalt zugrunde, der keineswegs neu ist. Dies könnte man als die Quintessenz einer Ausgabe der Zeitschrift für Medien- und Kulturforschung (ZMK) verstehen, die sich in einem Schwerpunkt den Alternativen Fakten widmet (Heft 9/2, 2018, hg. von Lorenz Engell und Bernhard Siegert, Hamburg: Felix Meiner Verlag). Weiterlesen

Der Beitrag Mareike Schildmann / Patrick Hohlweck: AUF DEM BODEN DER TATSACHEN erschien zuerst auf ZfL BLOG.

]]>
Die Lage ist ernst, ja dramatisch, doch ihr liegt ein Sachverhalt zugrunde, der keineswegs neu ist. Dies könnte man als die Quintessenz einer Ausgabe der Zeitschrift für Medien- und Kulturforschung (ZMK) verstehen, die sich in einem Schwerpunkt den Alternativen Fakten widmet (Heft 9/2, 2018, hg. von Lorenz Engell und Bernhard Siegert, Hamburg: Felix Meiner Verlag). Sie greift damit eine bereits in Heft 9/1 geführte Diskussion um den Verlust sicher geglaubter Kriterien für die Bestimmung von Objektivität auf, dessen politische Brisanz Donald Trumps Beraterin Kellyanne Conway im Januar 2017 medienwirksam vorführte: Sie hatte bekanntlich erklärt, der Pressesprecher des Weißen Hauses, Sean Spicer, habe mit der Behauptung, bei der Amtseinführung Trumps seien mehr Zuschauer zugegen gewesen als bei derjenigen Barack Obamas, nicht etwa die Unwahrheit gesagt, sondern ›alternative Fakten‹ dargestellt. Im Kontext einer Selbstreflexion der Geistes- und Kulturwissenschaften ist diese Debatte von Bruno Latour bereits 2004 angestoßen worden; sein Aufsatz »Why Has Critique Run Out of Steam? From Matters of Facts to Matters of Concern«[1] gehört in den fünf Beiträgen des Heftschwerpunkts dann auch zu den am häufigsten zitierten.

Dramatisch – vielleicht sogar »elend«, wie es der Titel der deutschen Übersetzung von Latours Text will [2] – ist die gegenwärtige Lage, weil die großzügige Ausweitung der Kriterien dessen, was als gesicherte oder belastbare Tatsache gelten kann, bekanntlich nicht nur die Leugnung unliebsamer Sachverhalte wie etwa des Klimawandels erlaubt, sondern auch die Verunmöglichung einer Diskussionskultur als Kern demokratischer Praxis bedeutet. Wenn wirklich nichts an sich wahr sein kann, weil – wie es eben der Begriff der ›alternativen Fakten‹ nahelegt – Wahrheit immer nur eine Frage der Perspektive oder des Glaubens ist, zielen Argumente und Kritik per se ins Leere. Dramatisch ist die Lage daher auch speziell für die Geisteswissenschaften, die ihre Rolle in der Öffentlichkeit traditionell in jenem Modus der Kritik ausgefüllt haben, der seit Latours Intervention selbst in Verdacht steht, die derzeitige Krise ausgelöst zu haben. Nach Latours Einschätzung – deren polemische Zuspitzung in Form eines veritablen ›Postmoderne‹-Bashings in jüngerer Zeit geneigtes Gehör gefunden hat – sind es dabei vor allem durch französische Denker*innen popularisierte Spielarten des Konstruktivismus, die eine massive Skepsis gegenüber scheinbar ideologisch gefärbtem wissenschaftlichem Wissen bewirkt und damit Wissenschaftsskepsis und Verschwörungstheorien verschiedenster Provenienz ein Einfallstor geboten haben.

Man kann es als Einsatz des Themenschwerpunkts der ZMK begreifen, auf dieses Problem eine Antwort zu finden. Strategisch nicht ungeschickt geschieht dies, indem mit Albrecht Koschorkes Aufsatz Linksruck der Fakten dem (Selbst-)Vorwurf an die ›Postmoderne‹ (und einen äußerst schwach konturierten Postkolonialismus)[3] zunächst einmal Raum gegeben wird. Im Zeichen einer Theoriegeschichte, die sich – wie zuletzt etwa auch bei Philipp Felsch und Ulrich Raulff – zunehmend der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zuwendet, widmet sich Koschorke nicht nur jenen historischen wie politischen Möglichkeitsbedingungen, unter denen die Prämissen des Poststrukturalismus überhaupt erst formuliert werden und reüssieren konnten, sondern auch deren vermeintlich immanenten Aporien. Neben bekannten Argumenten, die bereits in einer publizierten Kurzform des vorliegenden Aufsatzes in der Neuen Zürcher Zeitung diskutiert wurden, findet sich hierbei auch durchaus Überraschendes: Etwa wenn Koschorke die Herausbildung isolierter communities und der Echokammern des Internets nicht nur mit dessen neuer techno-kommunikativer Ordnung in Verbindung bringt, sondern auch mit dem durch ein antizentralistisches und antiinstitutionelles Gemeindeprinzip charakterisierten Protestantismus seit Luther. Indem Koschorke schließlich darauf besteht, das »emanzipatorische Potential und die Erkenntnisleistungen der poststrukturalistischen Theorien mitsamt ihren globalen Fortentwicklungen« nicht »preiszugeben« (S. 118), formuliert er gleichsam den Auftakt für die folgenden Beiträge, die als kritische Reflexion wie auch als Weiterführung dieses Anliegens verstanden werden können.

Koschorkes nicht unstrittige Annahme, beim französischen Poststrukturalismus habe es sich um ein genuin ›linkes‹ Projekt gehandelt (das folglich auch als solches zur Rechenschaft zu ziehen wäre), spielt in den folgenden Beiträgen freilich keine Rolle. Gemeinsam ist diesen vielmehr das Bestreben, die ›Postmoderne‹ von dem – den Einfluss geisteswissenschaftlicher Theorie zweifelsohne überschätzenden – Vorwurf freizusprechen, verantwortlich für die Misere eines vermeintlich postfaktischen Zeitalters zu sein. Gemeinsam ist ihnen zugleich das Verfahren, mit dem sie diese Freisprechung zu bewerkstelligen versuchen, nämlich das der Historisierung. Wenn damit eine Kernkompetenz der Geistes- und Kulturwissenschaften zum Zuge kommt, wird zugleich die Leistungsfähigkeit der (nicht nur) postkritisch in Legitimationskrisen geratenen Disziplinen performativ und, wie vorwegzunehmen ist, überzeugend vorgeführt. So historisieren die Autor*innen das laxe Wahrheitsverständnis, das derzeit sowohl dies- als auch jenseits des Atlantiks von Politiker*innen populistischer Couleur in Anspruch genommen wird, bzw., unmissverständlicher formuliert, jenes Verhältnis von Politik und Lüge, das Ethel Matala de Mazza als Grundelement einer Politik der Staatsräson seit der Frühen Neuzeit beschreibt. Historisch kontextualisiert wird aber auch der Umstand, dass Fakten – wie es ihre in den Beiträgen immer wieder leicht variiert herangezogene Etymologie (lat. das Gemachte‹) vor Augen führt – keineswegs eine vorgängige, neutrale, selbstevidente Entität darstellen, sondern immer schon, in den Worten Cornelius Borcks, als »sozial konstruiert, technisch hergestellt und medial vermittelt« (S. 167) verstanden und damit auf menschliches wie nichtmenschliches Handeln unter konkreten historischen Bedingungen zurückbezogen werden müssen.

Speziell für den deutschsprachigen Kontext ließe sich dies um die begriffsgeschichtlichen Erläuterungen von Johannes F. Lehmann ergänzen [4], der im Anschluss an Lorraine Daston auf den genuin erzählenden Charakter des Fakts hingewiesen hat. Damit ist die inhärente Verbindung von Fiktion und Narration adressiert, die schon die aktenförmigen Darstellungen der species facti seit dem späten 17. Jahrhundert, aber auch die kuriosen Faktensammlungen in den Zeitungen am Ende des 19. Jahrhundert auszeichnete und die Personalunion von Literat und Journalist in der realistischen Literatur verbürgte. Narrativ organisierte Medien verfügen über keinen Begriff des Faktums, der einem Verständnis von der unverrückbaren Objektivität von Informationen und Tatsachen das Wort reden würde: Fiktion und Fakt stehen vielmehr, wie Eva Geulen jüngst mit Seitenblick auf den Fall Relotius im ZfL BLOG gezeigt hat, stets in einem intrikaten Verhältnis, das des analytischen Supplements bedarf.

Ebenso wenig wie eine Rückkehr zu einem Wahrheitsbegriff wünschenswert wäre, der auf die unbezweifelbare Evidenz und Alternativlosigkeit von Faktizität pocht, wie ihn der »March for Science« eingeklagt hat, ist allerdings die derzeitige Diskussion über ›alternative Fakten‹ lediglich als populistisches Bedrohungsszenario abzutun. Die finstere politische Großwetterlage sollte vielmehr, so stellen es insbesondere Borck und Oliver Fahle heraus, als Anlass zu einer Reflexion über den epistemischen Rang und die Legitimations- wie Vermittlungsstrategien von wissenschaftlichen Aussagen angenommen werden. In diesem Sinne wäre das Verhältnis von Wahrheit, Wissen und Objektivität unter den Bedingungen einer ebenso drastischen wie irreversiblen Transformationen der Wissens- und Informationszirkulation im Kontext neuer Kommunikationsmedien zu bedenken. Dass eine solche Reflexion auf veränderte Medienumwelten produktive Horizonte erschließen kann, machen die in allen Beiträgen vorgestellten mediengeschichtlichen Perspektiven deutlich. Dabei werden nicht nur die Operationsweisen und die Entwicklungsgeschichte neuerer Medien in den Blick genommen, die gemeinhin für die derzeitige Legitimationskrise als mitverantwortlich identifiziert werden – nämlich Computer (Vagt) und Internet (Fahle, Borck) –, sondern auch ältere mediale Transformationsprozesse herangezogen, wie die Verbreitung des Buchdrucks in der Frühen Neuzeit, die Popularisierung (und Politisierung) des Zeitungswesens im 19. Jahrhundert und die Theorie des frühen Dokumentarfilms am Anfang des 20. Jahrhunderts.

Selbst wenn man also darauf bestehen wollte, dass uns die ›postmoderne‹ Theoriearbeit den Boden der Tatsachen unter den Füßen weggezogen hat, ruft der Themenschwerpunkt des Heftes in Erinnerung, dass mit dem »Säurebad der Historisierung«, dem die vermeintlich »überzeitlich gültigen Entitäten«[5] zu unterziehen sind, ein probates Gegenmittel vorliegt. Dass mit derlei historischen Kontextualisierungen keineswegs die Notwendigkeit einer kritischen Selbstreflexion ausgeräumt ist, daran erinnert speziell für die Geisteswissenschaften der Beitrag von Borck. Diese Selbstreflexion führt allerdings weniger in historische Gefilde als in die zeitgenössischen der Politik. Wenn nämlich, wie Vagt zeigt, das gegenwärtige Misstrauen in Faktizität auch einer Auslagerung des Intellekts in technisch-ökonomische Systeme geschuldet ist, deren algorithmische Logik ganz dem Kosten-Nutzen-Kalkül verpflichtet ist, dann hat dies auch immanente Konsequenzen für das Vertrauen in Wissenschaft: Denn eine im Namen von ›Fördern und Fordern‹ vorangetriebene Kommerzialisierung, Ökonomisierung und Prekarisierung der Wissenschaft wird dieser zwangsläufig ein »Qualitätsproblem« einhandeln, das »ihre gesellschaftliche Anerkennung weit mehr gefährdet als populistische Wissenschaftsskepsis« (S. 181).

 

[1] Bruno Latour: Why Has Critique Run Out of Steam? From Matters of Facts to Matters of Concern, in: Critical Inquiry 30 (2004), S. 225–248; dt. Elend der Kritik. Vom Krieg um Fakten zu Dingen von Belang, Zürich/Berlin 2007.

[2] Auf einen ebenso eklatanten wie unfreiwillig aussagekräftigen Fehler in der 2007 erschienen deutschen Übersetzung macht der Beitrag von Christina Vagt aufmerksam.

[3] Vgl. dazu aktuell kenntnisreich Vivek Chibber: Postkoloniale Theorie und das Gespenst des Kapitals, Berlin 2019.

[4] Johannes F. Lehmann: Faktum, Anekdote, Gerücht. Zur Begriffsgeschichte der ›Thatsache‹ und Kleists Berliner Abendblättern, in: DVjs 89 (2015), S. 307–322.

[5] Achim Landwehr: Die anwesende Abwesenheit der Vergangenheit. Essays zur Geschichtstheorie, Frankfurt a.M. 2016, S. 201.

 

Die Literaturwissenschaftlerin Mareike Schildmann und der Literaturwissenschaftler Patrick Hohlweck arbeiten in dem ZfL-Forschungsprojekt »Lebenslehre – Lebensweisheit – Lebenskunst«.

 

VORGESCHLAGENE ZITIERWEISE: Mareike Schildmann / Patrick Hohlweck: Auf dem Boden der Tatsachen, in: ZfL BLOG, 13.5.2019, [https://www.zflprojekte.de/zfl-blog/2019/05/13/mareike-schildmann-patrick-hohlweck-auf-dem-boden-der-tatsachen/].
DOI: https://doi.org/10.13151/zfl-blog/20190513-01

Der Beitrag Mareike Schildmann / Patrick Hohlweck: AUF DEM BODEN DER TATSACHEN erschien zuerst auf ZfL BLOG.

]]>