Mareike Schildmann / Patrick Hohlweck: AUF DEM BODEN DER TATSACHEN

Die Lage ist ernst, ja dramatisch, doch ihr liegt ein Sachverhalt zugrunde, der keineswegs neu ist. Dies könnte man als die Quintessenz einer Ausgabe der Zeitschrift für Medien- und Kulturforschung (ZMK) verstehen, die sich in einem Schwerpunkt den Alternativen Fakten widmet (Heft 9/2, 2018, hg. von Lorenz Engell und Bernhard Siegert, Hamburg: Felix Meiner Verlag). Sie greift damit eine bereits in Heft 9/1 geführte Diskussion um den Verlust sicher geglaubter Kriterien für die Bestimmung von Objektivität auf, dessen politische Brisanz Donald Trumps Beraterin Kellyanne Conway im Januar 2017 medienwirksam vorführte: Sie hatte bekanntlich erklärt, der Pressesprecher des Weißen Hauses, Sean Spicer, habe mit der Behauptung, bei der Amtseinführung Trumps seien mehr Zuschauer zugegen gewesen als bei derjenigen Barack Obamas, nicht etwa die Unwahrheit gesagt, sondern ›alternative Fakten‹ dargestellt. Im Kontext einer Selbstreflexion der Geistes- und Kulturwissenschaften ist diese Debatte von Bruno Latour bereits 2004 angestoßen worden; sein Aufsatz »Why Has Critique Run Out of Steam? From Matters of Facts to Matters of Concern«[1] gehört in den fünf Beiträgen des Heftschwerpunkts dann auch zu den am häufigsten zitierten.

Dramatisch – vielleicht sogar »elend«, wie es der Titel der deutschen Übersetzung von Latours Text will [2] – ist die gegenwärtige Lage, weil die großzügige Ausweitung der Kriterien dessen, was als gesicherte oder belastbare Tatsache gelten kann, bekanntlich nicht nur die Leugnung unliebsamer Sachverhalte wie etwa des Klimawandels erlaubt, sondern auch die Verunmöglichung einer Diskussionskultur als Kern demokratischer Praxis bedeutet. Wenn wirklich nichts an sich wahr sein kann, weil – wie es eben der Begriff der ›alternativen Fakten‹ nahelegt – Wahrheit immer nur eine Frage der Perspektive oder des Glaubens ist, zielen Argumente und Kritik per se ins Leere. Dramatisch ist die Lage daher auch speziell für die Geisteswissenschaften, die ihre Rolle in der Öffentlichkeit traditionell in jenem Modus der Kritik ausgefüllt haben, der seit Latours Intervention selbst in Verdacht steht, die derzeitige Krise ausgelöst zu haben. Nach Latours Einschätzung – deren polemische Zuspitzung in Form eines veritablen ›Postmoderne‹-Bashings in jüngerer Zeit geneigtes Gehör gefunden hat – sind es dabei vor allem durch französische Denker*innen popularisierte Spielarten des Konstruktivismus, die eine massive Skepsis gegenüber scheinbar ideologisch gefärbtem wissenschaftlichem Wissen bewirkt und damit Wissenschaftsskepsis und Verschwörungstheorien verschiedenster Provenienz ein Einfallstor geboten haben.

Man kann es als Einsatz des Themenschwerpunkts der ZMK begreifen, auf dieses Problem eine Antwort zu finden. Strategisch nicht ungeschickt geschieht dies, indem mit Albrecht Koschorkes Aufsatz Linksruck der Fakten dem (Selbst-)Vorwurf an die ›Postmoderne‹ (und einen äußerst schwach konturierten Postkolonialismus)[3] zunächst einmal Raum gegeben wird. Im Zeichen einer Theoriegeschichte, die sich – wie zuletzt etwa auch bei Philipp Felsch und Ulrich Raulff – zunehmend der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zuwendet, widmet sich Koschorke nicht nur jenen historischen wie politischen Möglichkeitsbedingungen, unter denen die Prämissen des Poststrukturalismus überhaupt erst formuliert werden und reüssieren konnten, sondern auch deren vermeintlich immanenten Aporien. Neben bekannten Argumenten, die bereits in einer publizierten Kurzform des vorliegenden Aufsatzes in der Neuen Zürcher Zeitung diskutiert wurden, findet sich hierbei auch durchaus Überraschendes: Etwa wenn Koschorke die Herausbildung isolierter communities und der Echokammern des Internets nicht nur mit dessen neuer techno-kommunikativer Ordnung in Verbindung bringt, sondern auch mit dem durch ein antizentralistisches und antiinstitutionelles Gemeindeprinzip charakterisierten Protestantismus seit Luther. Indem Koschorke schließlich darauf besteht, das »emanzipatorische Potential und die Erkenntnisleistungen der poststrukturalistischen Theorien mitsamt ihren globalen Fortentwicklungen« nicht »preiszugeben« (S. 118), formuliert er gleichsam den Auftakt für die folgenden Beiträge, die als kritische Reflexion wie auch als Weiterführung dieses Anliegens verstanden werden können.

Koschorkes nicht unstrittige Annahme, beim französischen Poststrukturalismus habe es sich um ein genuin ›linkes‹ Projekt gehandelt (das folglich auch als solches zur Rechenschaft zu ziehen wäre), spielt in den folgenden Beiträgen freilich keine Rolle. Gemeinsam ist diesen vielmehr das Bestreben, die ›Postmoderne‹ von dem – den Einfluss geisteswissenschaftlicher Theorie zweifelsohne überschätzenden – Vorwurf freizusprechen, verantwortlich für die Misere eines vermeintlich postfaktischen Zeitalters zu sein. Gemeinsam ist ihnen zugleich das Verfahren, mit dem sie diese Freisprechung zu bewerkstelligen versuchen, nämlich das der Historisierung. Wenn damit eine Kernkompetenz der Geistes- und Kulturwissenschaften zum Zuge kommt, wird zugleich die Leistungsfähigkeit der (nicht nur) postkritisch in Legitimationskrisen geratenen Disziplinen performativ und, wie vorwegzunehmen ist, überzeugend vorgeführt. So historisieren die Autor*innen das laxe Wahrheitsverständnis, das derzeit sowohl dies- als auch jenseits des Atlantiks von Politiker*innen populistischer Couleur in Anspruch genommen wird, bzw., unmissverständlicher formuliert, jenes Verhältnis von Politik und Lüge, das Ethel Matala de Mazza als Grundelement einer Politik der Staatsräson seit der Frühen Neuzeit beschreibt. Historisch kontextualisiert wird aber auch der Umstand, dass Fakten – wie es ihre in den Beiträgen immer wieder leicht variiert herangezogene Etymologie (lat. das Gemachte‹) vor Augen führt – keineswegs eine vorgängige, neutrale, selbstevidente Entität darstellen, sondern immer schon, in den Worten Cornelius Borcks, als »sozial konstruiert, technisch hergestellt und medial vermittelt« (S. 167) verstanden und damit auf menschliches wie nichtmenschliches Handeln unter konkreten historischen Bedingungen zurückbezogen werden müssen.

Speziell für den deutschsprachigen Kontext ließe sich dies um die begriffsgeschichtlichen Erläuterungen von Johannes F. Lehmann ergänzen [4], der im Anschluss an Lorraine Daston auf den genuin erzählenden Charakter des Fakts hingewiesen hat. Damit ist die inhärente Verbindung von Fiktion und Narration adressiert, die schon die aktenförmigen Darstellungen der species facti seit dem späten 17. Jahrhundert, aber auch die kuriosen Faktensammlungen in den Zeitungen am Ende des 19. Jahrhundert auszeichnete und die Personalunion von Literat und Journalist in der realistischen Literatur verbürgte. Narrativ organisierte Medien verfügen über keinen Begriff des Faktums, der einem Verständnis von der unverrückbaren Objektivität von Informationen und Tatsachen das Wort reden würde: Fiktion und Fakt stehen vielmehr, wie Eva Geulen jüngst mit Seitenblick auf den Fall Relotius im ZfL BLOG gezeigt hat, stets in einem intrikaten Verhältnis, das des analytischen Supplements bedarf.

Ebenso wenig wie eine Rückkehr zu einem Wahrheitsbegriff wünschenswert wäre, der auf die unbezweifelbare Evidenz und Alternativlosigkeit von Faktizität pocht, wie ihn der »March for Science« eingeklagt hat, ist allerdings die derzeitige Diskussion über ›alternative Fakten‹ lediglich als populistisches Bedrohungsszenario abzutun. Die finstere politische Großwetterlage sollte vielmehr, so stellen es insbesondere Borck und Oliver Fahle heraus, als Anlass zu einer Reflexion über den epistemischen Rang und die Legitimations- wie Vermittlungsstrategien von wissenschaftlichen Aussagen angenommen werden. In diesem Sinne wäre das Verhältnis von Wahrheit, Wissen und Objektivität unter den Bedingungen einer ebenso drastischen wie irreversiblen Transformationen der Wissens- und Informationszirkulation im Kontext neuer Kommunikationsmedien zu bedenken. Dass eine solche Reflexion auf veränderte Medienumwelten produktive Horizonte erschließen kann, machen die in allen Beiträgen vorgestellten mediengeschichtlichen Perspektiven deutlich. Dabei werden nicht nur die Operationsweisen und die Entwicklungsgeschichte neuerer Medien in den Blick genommen, die gemeinhin für die derzeitige Legitimationskrise als mitverantwortlich identifiziert werden – nämlich Computer (Vagt) und Internet (Fahle, Borck) –, sondern auch ältere mediale Transformationsprozesse herangezogen, wie die Verbreitung des Buchdrucks in der Frühen Neuzeit, die Popularisierung (und Politisierung) des Zeitungswesens im 19. Jahrhundert und die Theorie des frühen Dokumentarfilms am Anfang des 20. Jahrhunderts.

Selbst wenn man also darauf bestehen wollte, dass uns die ›postmoderne‹ Theoriearbeit den Boden der Tatsachen unter den Füßen weggezogen hat, ruft der Themenschwerpunkt des Heftes in Erinnerung, dass mit dem »Säurebad der Historisierung«, dem die vermeintlich »überzeitlich gültigen Entitäten«[5] zu unterziehen sind, ein probates Gegenmittel vorliegt. Dass mit derlei historischen Kontextualisierungen keineswegs die Notwendigkeit einer kritischen Selbstreflexion ausgeräumt ist, daran erinnert speziell für die Geisteswissenschaften der Beitrag von Borck. Diese Selbstreflexion führt allerdings weniger in historische Gefilde als in die zeitgenössischen der Politik. Wenn nämlich, wie Vagt zeigt, das gegenwärtige Misstrauen in Faktizität auch einer Auslagerung des Intellekts in technisch-ökonomische Systeme geschuldet ist, deren algorithmische Logik ganz dem Kosten-Nutzen-Kalkül verpflichtet ist, dann hat dies auch immanente Konsequenzen für das Vertrauen in Wissenschaft: Denn eine im Namen von ›Fördern und Fordern‹ vorangetriebene Kommerzialisierung, Ökonomisierung und Prekarisierung der Wissenschaft wird dieser zwangsläufig ein »Qualitätsproblem« einhandeln, das »ihre gesellschaftliche Anerkennung weit mehr gefährdet als populistische Wissenschaftsskepsis« (S. 181).

 

[1] Bruno Latour: Why Has Critique Run Out of Steam? From Matters of Facts to Matters of Concern, in: Critical Inquiry 30 (2004), S. 225–248; dt. Elend der Kritik. Vom Krieg um Fakten zu Dingen von Belang, Zürich/Berlin 2007.

[2] Auf einen ebenso eklatanten wie unfreiwillig aussagekräftigen Fehler in der 2007 erschienen deutschen Übersetzung macht der Beitrag von Christina Vagt aufmerksam.

[3] Vgl. dazu aktuell kenntnisreich Vivek Chibber: Postkoloniale Theorie und das Gespenst des Kapitals, Berlin 2019.

[4] Johannes F. Lehmann: Faktum, Anekdote, Gerücht. Zur Begriffsgeschichte der ›Thatsache‹ und Kleists Berliner Abendblättern, in: DVjs 89 (2015), S. 307–322.

[5] Achim Landwehr: Die anwesende Abwesenheit der Vergangenheit. Essays zur Geschichtstheorie, Frankfurt a.M. 2016, S. 201.

 

Die Literaturwissenschaftlerin Mareike Schildmann und der Literaturwissenschaftler Patrick Hohlweck arbeiten in dem ZfL-Forschungsprojekt »Lebenslehre – Lebensweisheit – Lebenskunst«.