Hannes Bajohr: BLUMENBERGS MÖGLICHKEITSGESCHICHTEN

Als Hans Blumenberg 1974 den Kuno-Fischer-Preis für Philosophiegeschichte erhält, fällt in seiner Dankesrede der Satz: »Ich habe den Vorwurf des ›Historismus‹ immer als ehrenvoll empfunden.«[1] Aus dem Mund eines Philosophen muss diese Aussage verwundern, denn polemisch verwendet meint ›Historismus‹ schließlich das glatte Gegenteil von Philosophie: reines positivistisches Faktensammeln ohne alle Wertung. Die Genese der Phänomene klären zu wollen, ohne ihre Geltung bestimmen zu können – so ließe sich der »Vorwurf« zusammenfassen –, endet in einem aussagefreien Relativismus. Als philosophische Haltung löst der Historismus Philosophie in Geschichte auf. Dass er dennoch »ehrenvoll« sein kann, lässt sich für Blumenberg aber durchaus philosophisch begründen. Verstanden als Korrektur falscher Geschichtsverständnisse nämlich ist der Historismus für ein ganzes geschichtstheoretisches Programm nutzbar zu machen: Blumenberg nannte es einmal die »Destruktion der Historie«.[2]

Welche Art der Historie destruiert werden soll, verdeutlicht Blumenberg an verschiedenen Stellen seines Werks, zentral aber in Die Genesis der kopernikanischen Welt. Dort polemisiert er gegen etwas, das er »temporale Nostrozentrik« nennt, eine ›Wir-Zentriertheit‹ in der Zeit.[3] Er meint damit die Neigung, die Geschichte allein vom Heute her zu betrachten und ihrem wie auch immer gewundenen Verlauf eine Notwendigkeit zu verleihen, die alle Abzweigungen, die sie auch hätte nehmen können, willentlich ignoriert. Die Vergangenheit wird so zu einer Reihe von Durchgangsstadien auf dem Weg zur Gegenwart, die entweder ihr Ziel ist oder selbst wieder nur eine Zwischenstation hin zu einer als Telos gesetzten Zukunft. Was dabei auf der Strecke bleibt, ist sowohl der Sinn für die Komplexität von Geschichte als auch der Eigenwert des derart Durchschrittenen. Die Chiffre »Historismus« dient Blumenberg also vor allem zur Korrektur allzu gradliniger und allzu gegenwartsbezogener Geschichtstheorien. Als Gegenstrategie fordert er, die Geschichte der Vergangenheit als Geschichte von Möglichkeiten zu schreiben, und plädiert für einen nichtlinearen Geschichtsverlauf, der Sprünge und Ungleichzeitigkeiten zulässt. Beides schließlich – und das ist erstaunlich für einen Philosophen, der nicht eben für normative Einlassungen bekannt ist – ist eng an ein historistisches Ethos geknüpft.

In der Genesis der kopernikanischen Welt richtet sich Blumenbergs Kritik am nichthistoristischen Denken gegen die Annahme, Kopernikus’ Entdeckung wäre zu jeder Zeit möglich gewesen. Diese Sicht argumentiere nämlich schon aus dem Bewusstsein der kopernikanischen Welt, für die das Band zwischen dem Jetzt und dem Vergangenen nur über andere Stationen gespannt werden muss, um zum selben Ergebnis zu gelangen. Doch nicht nur Kopernikus’ These selbst, sondern vor allem die Bereitschaft zu ihrer Rezeption sei »eingebaut und eingebettet in einen Zusammenhang von Prämissen« (165). Dass die Erde sich um die Sonne drehe, habe schließlich bereits Aristarch von Samos im vierten vorchristlichen Jahrhundert postuliert, der damit aber keine bleibende Wirkung erzielte, weil eine solche Kosmologie nicht mit dem antiken Weltbild vereinbar war (24). Zu untersuchen sei also weniger, welche Vorläufer das kopernikanische System hatte, sondern grundsätzlicher die »Bedingung der Möglichkeit, dass es überhaupt eine Wirkungsgeschichte des Kopernikus gibt.« Statt um die Rekonstruktion des Kopernikus geht es Blumenbergs Analyse also um die »Eröffnung der Möglichkeit eines Kopernikus« (158).[4]

Diese Möglichkeitsgeschichte setzt die Verwobenheit der philosophischen, theologischen und naturwissenschaftlichen Elemente eines Weltbildes voraus. Nicht allein die kopernikanische Theorie, vielmehr ihre Welt soll das Untersuchungsobjekt sein, und anstatt »geschichtlich insulare Phänomene« in den Blick zu nehmen, müsse man »die Frage nach ihrem Rhizom« stellen (159). Das Wurzelnetzwerk ist, fünf Jahre bevor Deleuze und Guattari mit diesem Begriff ein Emblem postmodernen Denkens schaffen, Blumenbergs Bild für jenen »Zusammenhang von Prämissen« einer historischen Epoche, die immer nur im Ganzen zu behandeln sind. Blumenbergs methodischer Anspruch ist, in diesem Netzwerk den je denkbaren »Spielraum« an Möglichkeiten auszumessen, die »Variationsbreite, innerhalb deren bestimmte theoretische Handlungen möglich und andere ausgeschlossen sind« (158). Damit ist diese Möglichkeitsgeschichte eine Absage an bloß kausal-progressivistische Geschichtsmodelle, die in den Stufen Vorgeschichte, Phänomen, Wirkungsgeschichte denken. Gegen die Neigung, jeden historischen Moment als Station auf dem Weg zum nächsten anzusehen, mahnt Blumenberg an, das Möglichkeitspotential einer jeden Zeit selbst und für sich zu kartieren – so, wie auch der Historismus jede Epoche ›für sich‹ betrachten will.

Ist die Rekonstruktion von historischen Möglichkeiten die eine Strategie zur »Destruktion der Historie«, liegt die andere in der Abkehr von einem strikt linearen Fluss der Zeit:

»Die Geschichte verläuft nicht vor allem in diachronen Sequenzen dessen, was noch nicht ist, was ist und was nicht mehr ist, sondern in synchronen Parataxen und Hypotaxen.«[5]

Blumenberg gibt ein Beispiel einer solchen Ungleichzeitigkeit, indem er die kopernikanische Revolution in einem für sie wesentlichen Element als paradoxe Schleife beschreibt – als ein Ergebnis, das sich selbst zur Voraussetzung hat. Dazu bezieht er sich auf das erst von Newton formulierte Trägheitsprinzip, dem zufolge Körper ihre gradlinige und gleichförmige Bewegung beibehalten, sofern keine Kraft auf sie ausgeübt wird. Während das kopernikanische System gemeinhin als Voraussetzung für die Entdeckung der Trägheit betrachtet wird, besteht Blumenberg darauf, dass Kopernikus ohne eine ihr äquivalente Idee seine Theorie gar nicht hätte formulieren können.

Blumenberg rekonstruiert diese merkwürdige Schleife detailliert: Kopernikus griff, um die kontinuierliche Erddrehung ohne die ständige Zufuhr von Energie beschreiben zu können, auf den scholastischen Begriff des impetus zurück. Ursprünglich war er gedacht, den Effekt der Sakramente in Abwesenheit einer direkten Einwirkung Gottes zu erklären, implizierte also metaphorisch bereits die Erhaltung von Energie. Kopernikus zweckentfremdete die »übertragene Kausalität« des impetus und wandte sie auf die Physik der Himmelsobjekte an. Diese »Umbesetzung mittelalterlicher Systemstellen« (182) hatte,[6] so Blumenberg, einerseits die »Lockerung der Systemstruktur« der Scholastik zur Folge, die den Weg zum Bau der kopernikanischen Welt freigab; andererseits gelang Kopernikus damit die »Eröffnung der theoretischen Freiheit« (158), die nicht nur seine Theorie, sondern auch die Newton’sche Formalisierung erst erlaubte. An dieser Stelle ist bei Blumenberg die strikte Unterscheidung zwischen Vor- und Wirkungsgeschichte vollends destruiert und macht einer Temporalität Platz, die Latenzen zulässt. Mit der Idee linearer Geschichtsverläufe und mit allzu unproblematischen, antihistoristischen Fortschrittsannahmen hat das nichts mehr zu tun.

Historist zu sein, das heißt für Blumenberg also, in komplexen Potentialitäten zu denken und Eigenzeiten ernst zu nehmen. Damit geht er weit über die bloße Faktenakkumulation hinaus, die dem Historismus des 19. Jahrhunderts vorgeworfen wird – mehr noch, er widerspricht der narrativen Konstruktion einer einzigen Historie, stellt sich gegen die »Verdrängung der Geschichte durch eine Geschichte«.[7] Dazu setzt er auf die Konstruktion von Möglichkeitsräumen und auf einen Sinn für historische Ungleichzeitigkeiten. Das ist zunächst eine historiographisch-methodische Überlegung, die verlangt, den Blick für jene Hintergrundtransformationen zu schärfen, mit denen sich das Verständnis historischer Phänomene ändert, und ihre Kontingenz in ihren Spielräumen zu erkennen und ernst zu nehmen. Sie richtet sich gegen Geschichte als Erzählung »teils interessanter, teils wenigstens liebenswürdiger, wenn auch kaum noch begreiflicher Irrtümer« (272).

Doch Blumenbergs Möglichkeitsgeschichten gehen über die Kritik an der Historie noch hinaus. In ihnen steckt auch ein ethischer Appell, der in seinem Werk eine echte Seltenheit ist. Die Abkehr von der Nostrozentrik und die Entselbstverständlichung der Gegenwart nämlich restituieren jeder Zeit-Raum-Position ihre Würde, die ihr die »Arroganz der Gleichzeitigen« (200) abgesprochen hat. Gegen diese Anmaßung betont Blumenbergs Historismus, »daß alle geschichtlichen Zeitpunkte nach dem je gegenwärtigen hinsichtlich der radikalen Möglichkeiten des Menschen wieder äquivalent sind« (202). In der Rede zum Kuno-Fischer-Preis nennt er die Konsequenz seines Historismus mit einigem Pathos die »elementare Obligation, Menschliches nicht verloren zu geben.« So verstanden wird Historismus zu einem Ethos, das fordert, auch »den obskur Gewordenen Respekt zu erweisen«.[8]

 

[1] Hans Blumenberg: »Ernst Cassirers gedenkend bei Entgegennahme des Kuno-Fischer-Preises der Universität Heidelberg 1974«, in: ders.: Wirklichkeiten in denen wir leben, Stuttgart 1981, S. 163–172, hier S. 170.

[2] Hans Blumenberg: »Paul Valérys möglicher Leonardo da Vinci«, in: Forschungen zu Paul Valéry/Recherches Valéryennes 25 (2012), S. 193–227, hier S. 224.

[3] Hans Blumenberg: Die Genesis der kopernikanischen Welt, Frankfurt a. M. 1975, S. 201. Seitennachweise im Folgenden in Klammern im laufenden Text.

[4] Meine Hervorhebung. – Karin Krauthausen hat gezeigt, wie Blumenberg dieses Modell transzendentaler Geschichtsspekulation aus Paul Valérys Essays über Leonardo da Vinci gewinnt und mit der phänomenologischen Methode der ›freien Variation‹ kurzschließt, vgl. Karin Krauthausen: »Hans Blumenbergs möglicher Valéry«, in: Zeitschrift für Kulturphilosophie 6, 1 (2012), S. 39–63.

[5] Hans Blumenberg: »Wirklichkeitsbegriff und Wirkungspotential des Mythos«, in: Ästhetische und metaphorologische Schriften, Frankfurt a. M. 2001, S. 327–405, hier S. 345.

[6] Blumenberg formuliert seine Theorie der »Umbesetzung« in Die Legitimität der Neuzeit, Frankfurt a. M. 1988, S. 57–60.

[7] Blumenberg: »Ernst Cassirers gedenkend«, S. 171.

[8] Ebd., S. 170.

Der Philosoph und Literaturwissenschaftler Hannes Bajohr arbeitet am ZfL im Forschungsprojekt Negative Anthropologie. Geschichte und Potential einer Diskursfigur. Sein Beitrag erschien erstmals auf dem Faltplakat zum ZfL-Jahresthema 2019/2020, »Historisieren heute«.