Hanna Hamel: SENSIBEL AUF ABSTAND

Abstand kann schwer zu ertragen sein, vor allem dann, wenn er unfreiwillig eingehalten werden muss. Sollten Abstandsregeln und Masken in näherer Zukunft fallen, gibt es trotzdem gute Gründe, immer wieder auf Distanz zu seinen Nächsten zu gehen. Das lässt sich zum Beispiel nachlesen bei Nietzsche. Unter dem Titel »Von der Nächstenliebe« fällt Zarathustra ein wenig schmeichelhaftes Urteil über jene Motive, die die Menschen zueinander treiben:

»Der Eine geht zum Nächsten, weil er sich sucht, und der Andre, weil er sich verlieren möchte. Eure schlechte Liebe zu euch selber macht euch aus der Einsamkeit ein Gefängniss.
Die Ferneren sind es, welche eure Liebe zum Nächsten bezahlen; und schon wenn ihr zu fünfen mit einander seid, muss immer ein sechster sterben.«[1]

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Oliver Precht: PORTRAIT OF A PHILOSOPHER (Notes on a New Biography of Jacques Derrida)

Writing a biography of Jacques Derrida is no small task. The biographer is not only confronted with an abundance of personal material, he or she must also confront Derrida’s extensive and notoriously complex oeuvre. Matters become even more complicated when considering the author’s autobiographical writings and his almost obsessive attempt to create his own archive. In the early years of his career, Derrida was extremely reluctant to disclose any biographical information, but once he had revealed the first details on his personal life in a 1983 interview with Catherine David for Le Nouvel Observateur, Derrida intensified his attempts to narrate and thereby control his biography. This biographical turn resulted not only in some of his best known texts,[1] but also in the donation of his personal archive to the Langson Library at the University of California, Irvine, and the Institut Mémoires de l’édition contemporaine (IMEC), close to Caen. However, as Peter Salmon notes (Peter Salmon, An Event, Perhaps. A Biography of Jacques Derrida, London / New York: Verso, 2020), this self-archivisation and self-narration does „not simply record, it produces. By selecting what is important, it rejects what is not“ (270). The same is true of Salmon’s book: it “adds another narrative version of the life of Jacques Derrida” (ibid.). „Oliver Precht: PORTRAIT OF A PHILOSOPHER (Notes on a New Biography of Jacques Derrida)“ weiterlesen

Eva Geulen: ›ARCHIVIEREN IN DIE ZUKUNFT‹

Eva Geulens Text dokumentiert ihren Beitrag zu der vom Deutschen Literaturarchiv Marbach am 24. März 2021 virtuell veranstalteten Tagung »#LiteraturarchivDerZukunft«. Er wurde ursprünglich als Replik auf die dort diskutierte These 3 entworfen: »Literaturarchive schaffen den literarischen und intellektuellen Kanon mit: Das Archivieren in die Zukunft setzt die stetige Diskussion der Entwicklungen in Literatur und den öffentlich wirksamen Bereichen von Wissenschaft und ein Diskutieren der Kriterien dessen voraus, was es zu archivieren gilt – und was nicht.« „Eva Geulen: ›ARCHIVIEREN IN DIE ZUKUNFT‹“ weiterlesen

Claude Haas: WAS IST STIL UND WIE SAGT MAN ES AM BESTEN?

Zu den größten Zumutungen, die uns das 18. Jahrhundert vererbt hat, gehört eine streng individualistische Vorstellung des literarischen Stils. Stil soll keinem erlernbaren Regelwerk entstammen, sondern den Aus- wie Abdruck einer einzigartigen schreibenden Person bilden. In den letzten Jahrzehnten hatte die Literaturwissenschaft diese Provokation in immer neuen Anläufen zurückzuweisen oder wenigstens in Schach zu halten versucht. Mit einer an Roland Barthes oder an Michel Foucault angelehnten Verabschiedung des ›Autors‹ (wie schreibende Personen seinerzeit noch genannt wurden), schien sich auch die Frage nach dem literarischen Stil weitgehend erledigt zu haben. Stil und Autorschaft galten vielen als kulturelle Mystifikation. Nun wurde in der Literaturwissenschaft der letzten Jahre eine »Wiederkehr« nach der anderen ausgerufen, und da dürfen natürlich auch Stil und Autor nicht fehlen. „Claude Haas: WAS IST STIL UND WIE SAGT MAN ES AM BESTEN?“ weiterlesen

Georg Dickmann: »Zu zweit schreiben ist ein Witz, ein gewolltes Miss­verständnis«. ZU ARMEN AVA­NESSIANS UND ANKE HENNIGS KOLLABORATIVER POETIK

»Schreiben im Werden«, wie es Gilles Deleuze im Dialog mit Claire Parnet definiert hat, ist eine Form radikaler Entgrenzung und Öffnung auf ein neues Schreiben hin, das sich gegen die Einschränkungen linearer Narrative und eines mit sich selbst identischen Schriftsteller*innenbegriffs richtet.[1] Wie wir wissen, haben Deleuze & Guattari lange Jahre versucht, dieses gemeinsame Schreiben im Werden zu praktizieren. Das große Versprechen eines solchen Schreibens zu zweit lag darin, ein flexibles, nomadisches Subjekt hervortreten lassen, das nicht an Gattungs- und Genregrenzen gebunden ist. Die Hoffnungen, damit ein neues Schreiben zu verwirklichen, haben sich jedoch nicht erfüllt, da das Werden und die Vielstimmigkeit in den gemeinsam geschriebenen Büchern letztlich hinter einem souveränen und mit sich selbst identischen Autorensubjekt verschwanden. Insbesondere die postmodernen Erwartungen an subversive Praktiken wie Wandlungsfähigkeit und Flexibilität sind heute von der neoliberalen Maschine verstanden und absorbiert worden. An den Universitäten sind Kreativität und Flexibilität schon längst zu gefragten Soft Skills avanciert. „Georg Dickmann: »Zu zweit schreiben ist ein Witz, ein gewolltes Miss­verständnis«. ZU ARMEN AVA­NESSIANS UND ANKE HENNIGS KOLLABORATIVER POETIK“ weiterlesen

Henning Trüper: Taube oder Flughuhn? ÜBER PHILOLOGIE

Mein Buch über Orientalismus, Philologie und die Unlesbarkeit der modernen Welt nahm seinen Ausgang von einem allgemeinen, mir selbst nur vage fassbaren Unbehagen über Lesen als Methode.[1] Zuvor hatte ich mich mit der Praxis des Schreibens in der Geschichtswissenschaft beschäftigt und dieses Projekt mit einem leichten Bedauern darüber abgeschlossen, dass ich es versäumt hatte, darin eine irgendwie tiefergehende Untersuchung des Lesens zu unternehmen. Die verfügbaren theoretischen und kulturhistorischen Untersuchungen über das Lesen zeigen kaum Neigung, sich mit dem Problem der Abgrenzung wissenschaftlichen Wissens von anderen Wissensbeständen zu beschäftigen; vielleicht, weil es so selbstverständlich scheint, dass die Fähigkeit zu lesen keine Domäne bildet, die exklusives Eigentum einer Wissenschaft sein könnte. Da jedoch viele geisteswissenschaftliche Disziplinen der Vorstellung verhaftet bleiben, dass sie über besondere Methoden des Lesens verfügen, die ansonsten unerreichbares Wissen hervorbringen, klafft hier eine epistemologische Lücke. „Henning Trüper: Taube oder Flughuhn? ÜBER PHILOLOGIE“ weiterlesen

Ross Shields: THE WORK OF ART IN THE AGE OF TRUMP

In the age of mechanical reproducibility, the ‘aura’ surrounding works of art undergoes a crisis. The contemporary relevance of Walter Benjamin’s thesis—in its societal, aesthetic, and media-theoretical significance—is illustrated by former U.S. president Donald Trump’s purported ownership of Les deux sœurs (Two Sisters), also known as Sur la terrasse (On the Terrace), by Pierre-Auguste Renoir. Journalist Mark Bowden, who caught a glimpse of the painting when he was invited to Trump’s jet in 1997, describes the event in an article for Vanity Fair: “He showed off the gilded interior of his plane—calling me over to inspect a Renoir on its walls, beckoning me to lean in closely to see … what? The luminosity of the brush strokes? The masterly use of color? No. The signature. ‘Worth $10 million,’ he told me.”[1] Of course, this is the attitude that one might expect from a real-estate mogul turned art collector (although not from a future president). In ignorance of both form and content—to say nothing of their unity—the painting is reduced to its sheer exchange value, concentrated in the signature guaranteeing its authenticity. „Ross Shields: THE WORK OF ART IN THE AGE OF TRUMP“ weiterlesen

Rabea Kleymann: ÜBER DAS ERZÄHLWÜRDIGE DER THEORIE IN DEN DIGITAL HUMANITIES

Unter dem Label »Digital Humanities« (DH) werden unterschiedliche Themen, Gegenstände und Erkenntnisansprüche subsumiert. Vielen gelten die DH als Erweiterung des klassischen Methodenkanons, da sie computergestützte Verfahren für die Geisteswissenschaften in Aussicht stellen. Gleichzeitig verstärken die DH, indem sie unter anderem neue Werkzeuge anbieten, auch praxeologische Tendenzen innerhalb der Geisteswissenschaften. Infolgedessen haben sich die Rede von der Theorielosigkeit der DH sowie Erzählungen vom »Ende der Theorie«[1] in den Diskussionen über digitale Methoden, Praktiken und Forschungsinfrastrukturen als Hauptnarrative etabliert. Dem Status der Theorie in den DH widmete sich die Tagung Theorytellings: Wissenschaftsnarrative in den Digital Humanities, die am 8. und 9. Oktober 2020 in Leipzig stattfand und von der Arbeitsgruppe »Digital Humanities Theorie« des Verbandes »Digital Humanities im deutschsprachigen Raum« und dem »Forum für Digital Humanities Leipzig« organisiert wurde. „Rabea Kleymann: ÜBER DAS ERZÄHLWÜRDIGE DER THEORIE IN DEN DIGITAL HUMANITIES“ weiterlesen

Eva Geulen: »JEDER BEKOMMT SEINE KINDHEIT ÜBER DEN KOPF GESTÜLPT …«

Die Redaktion von »leibniz« hat für die Ausgabe ihres Magazins zum Thema »Anfänge« (Heft 3, 2020) dreizehn Menschen aus der Leibniz-Gemeinschaft gebeten, ihre liebsten ersten Sätze kurz zu kommentieren. Eva Geulen, Direktorin des ZfL, hat hierfür einen Satz aus Heimito von Doderers Roman »Ein Mord den jeder begeht« ausgewählt. Wir veröffentlichen auf unserem Blog die Langfassung ihres Textes. „Eva Geulen: »JEDER BEKOMMT SEINE KINDHEIT ÜBER DEN KOPF GESTÜLPT …«“ weiterlesen

Moritz Neuffer: PREKÄRE THEORIE, oder: Wer ist Hildegard Brenner?

»What makes a great magazine editor?«, fragte der britische Literaturwissenschaftler Matthew Philpotts kürzlich in einem Essay für Eurozine und stellte eine Typologie von Herausgebertypen auf, die in der Intellektuellengeschichte des 20. Jahrhunderts bedeutende Rollen spielten. In dieser Typologie finden sich charismatische und ›performative‹ Leitfiguren wie Herwarth Walden (Der Sturm) oder Karl Kraus (Die Fackel), nüchterne und bescheidene Verwalter wie Carl von Ossietzky (Die Weltbühne) oder Herbert Steiner (Corona), aber auch Jongleure zwischen diesen Extremen wie Peter Suhrkamp (Neue Rundschau) oder Jean Paulhan (Nouvelle Revue Française). Der einzelgängerische Criterion-Herausgeber T.S. Eliot wird dem ›kollektiven‹ Stil von Sartres Les Temps Modernes gegenübergestellt, während Thomas Mann als Co-Herausgeber von Mass und Wert wiederum dazwischen steht. Der Kanon der ›großen‹ verlegenden Männer legt den Gedanken nahe, dass Hildegard Brenner (*1927) in der intellektuellen Öffentlichkeit des 20. Jahrhunderts eine Ausnahmeerscheinung darstellte. „Moritz Neuffer: PREKÄRE THEORIE, oder: Wer ist Hildegard Brenner?“ weiterlesen