Claude Haas: Omas gegen Rechts. ZUR FINALEN STAFFEL VON »BABYLON BERLIN«

Seit Kurzem ist die fünfte und letzte Staffel von Babylon Berlin in der ARD-Mediathek verfügbar. Babylon Berlin war 2017 als historische Krimiserie gestartet. Als solche lebte sie von der Herstellung eines zeittypischen Ambientes stets fast mehr als von den jeweils aufgebotenen Mordhandlungen. Wie der Titel zu Recht nahelegt, ist die eigentliche Hauptfigur der Serie die Stadt Berlin: das sympathisch verruchte Berlin der 1920er Jahre. In seiner sexuellen Freizügigkeit, zwischenmenschlichen Schnoddrigkeit und technischen Modernität wurde Berlin behutsam romantisiert, aber nicht vollständig verklärt. So spielten soziale Missstände und der aufkeimende Faschismus eine bedeutende Rolle. Die Serie präsentierte das Berlin der Weimarer Republik unterschwellig immer auch als ein Vermächtnis und seinen Untergang 1933 als ein Mahnmal für unsere heutige Zeit. »Arm, aber sexy«, wie das später genannt wurde. „Claude Haas: Omas gegen Rechts. ZUR FINALEN STAFFEL VON »BABYLON BERLIN«“ weiterlesen

Dirk Naguschewski: PARISER RAUBGUT. Zur Bedeutung von Widmungsexemplaren für die Provenienzforschung

Wenn von Provenienzforschung die Rede ist, denkt man zumeist entweder an von Nazis geraubte Kunstwerke, an wertvolle Gegenstände aus jüdischem Besitz oder an solche, die im Zuge des Kolonialismus auf problematische Weise aus aller Welt in europäische Museen und Archive gelangt sind. Bücher, deren materieller Wert in der Regel gering ist, spielen in den aktuellen Debatten nur eine untergeordnete Rolle, zumal es sich bei ihnen um Massenware handelt, deren individuelle Herkunft nur schwer zu bestimmen ist. Es sei denn, es gibt deutliche Provenienzmerkmale, die auf jene Vorbesitzer hinweisen, denen sie unrechtmäßig entzogen wurden: handschriftliche Besitzvermerke, Exlibris, Bibliotheksstempel – oder Widmungen. „Dirk Naguschewski: PARISER RAUBGUT. Zur Bedeutung von Widmungsexemplaren für die Provenienzforschung“ weiterlesen

Sigrid Weigel: CARLO GINZBURG – Erinnerung an einen Grandseigneur der Kulturwissenschaft

Gruppenfoto: Autor:innen des Wagenbach-Verlags mit der Verlegerin, auf der Leinwand im Hintergrund ist ein Buchcover von Carlo Ginzburg zu sehen
Abb. 1. »100 Bände Kleine Kulturwissenschaftliche Bibliothek im Wagenbach Verlag«, 16. Juni 2026, © Annekathrin Kohout

Als habe er sich noch einmal zu Wort melden wollen, bevor er die Welt der Lebenden für immer verlassen würde, um an sein Plädoyer für den Wahrheitsanspruch der historischen Wissenschaft zu erinnern: Bei der Veranstaltung zur Kleinen Kulturwissenschaftlichen Bibliothek (KKB) des Wagenbach Verlags am 16. Juni in der Berliner Staatsbibliothek war es von den 100 Titeln der KKB, die im Laufe des Abends auf die Leinwand projiziert wurden, ausgerechnet das Cover eines seiner Bücher, das über den Köpfen der Redner zu sehen war, als diese sich zum Abschlussfoto auf der Bühne versammelt hatten (Abb. 1). Übergroß prangte da der Titel Faden und Fährten: Wahr falsch fiktiv. Am nächsten Morgen erfuhren wir, dass Carlo Ginzburg in der Nacht zum Mittwoch, den 17. Juni, mit 87 Jahren verstorben war. Es fällt schwer, bei einem Historiker, der das Hexenwesen und den frühneuzeitlichen Volksglauben der Benandanti mit ihren Totenprozessionen erforscht hat, angesichts dieser Koinzidenz an einen Zufall zu glauben.

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Alexandra Kolesnik: Is Viktor Tsoi Alive? ON THE MILITARIZATION OF SOVIET ROCK HERITAGE IN CONTEMPORARY RUSSIA

In contemporary Russia, the politics of memory are no longer limited to schoolbooks, museums, and official anniversaries. They also unfold through popular culture, urban space, and heritage. In recent years, the Russian state has increasingly treated the Soviet past as a source of political legitimacy, cultural authority, and patriotic consensus[1]. This has affected not only narratives of World War II and the Soviet victory, but also late Soviet culture, including rock music. One of the clearest and most troubling examples is Viktor Tsoi, the late frontman of the Soviet rock band Kino, who died in 1990. Tsoi is at once a late Soviet icon, a symbol of youth, loss, authenticity, and change, and the center of a wide network of fan memorial practices. Yet in the 2020s—especially after Russia’s full‑scale invasion of Ukraine in 2022—his songs and his image have been increasingly absorbed into patriotic and militarized state narratives. While Tsoi previously stood for openness, ambiguity, and existential freedom, he is now being reframed as a patriotic hero, and his music is being re‑coded for wartime mobilization. „Alexandra Kolesnik: Is Viktor Tsoi Alive? ON THE MILITARIZATION OF SOVIET ROCK HERITAGE IN CONTEMPORARY RUSSIA“ weiterlesen

Aurore Peyroles: THE REVERSAL OF THE GAZE, OR BRITNEY SPEARS’S REVENGE

Had Roland Barthes written his legendary Mythologies at the start of the 21st century, Britney Spears would very likely have found her place among them. Instead, the star features in two books published a decade apart by the prestigious French publishing house P.O.L[1], as well as in a documentary available on arte.tv. Could the singer of “Toxic” be the new muse of the French intelligentsia? „Aurore Peyroles: THE REVERSAL OF THE GAZE, OR BRITNEY SPEARS’S REVENGE“ weiterlesen

Matthias Schwartz: MÄNNLICHKEIT IM SCHATTEN DES KRIEGES. Neue Kinofilme aus Russland

Vier Jahre dauert der Krieg Russlands gegen die Ukraine inzwischen. Ein Zermürbungskrieg ohne absehbares Ende, während gleichzeitig die staatlichen Repressionen in Russland zunehmen. Offene Diskussionen über den Krieg oder gar Proteste dagegen sind nicht mehr möglich.[1] Fortwährend neue Gesetze stellen »Propaganda für nicht-traditionelle sexuelle Beziehungen« oder zuletzt die Verleugnung des »Völkermords am sowjetischen Volk« unter Strafe und schränken die Meinungsfreiheit zusätzlich ein.[2] Im April 2026 wurde die Menschenrechtsorganisation Memorial zur »extremistischen« Organisation erklärt. Viele aus der Medien- und Kunstszene sind inzwischen emigriert, die wenigen verbliebenen unabhängigen Stimmen sind staatlicher Verfolgung ausgesetzt.[3] „Matthias Schwartz: MÄNNLICHKEIT IM SCHATTEN DES KRIEGES. Neue Kinofilme aus Russland“ weiterlesen

Eva Geulen: ZAUNGAST BEI HABERMAS IN BALTIMORE

Das länger erwartete und lange ausgebliebene Ableben des 96-jährigen Jürgen Habermas lässt eher mehr als weniger Leute ratlos zurück.[1] Er fehlt als Feind und als Freund. So oder so hat Habermas für Orientierung gesorgt. Er konnte es, weil er selbst immer zu wissen schien, wo er stand und wo es lang zu gehen hatte. In einer machtpolitisch enthemmten Welt ist er fehl am Platz. Und man kann auch bezweifeln, ob er dem jüngsten Strukturwandel der Öffentlichkeit gerecht geworden ist.[2] Aber wer wird es? „Eva Geulen: ZAUNGAST BEI HABERMAS IN BALTIMORE“ weiterlesen

Pola Groß: MUTTERSCHAFT UND POLITIK BEI STEFANIE SARGNAGEL

»Die coolste ›Momfluencerin‹ kommt aus Wien«, titelte kürzlich die österreichische Tageszeitung Die Presse und die Kolumnistin der Wiener Wochenzeitung Falter bestätigte: »Stefanie Sargnagel als Mutter ist genau das, was Frauen 2026 gebraucht haben.«[1] Wer der Wiener Autorin und Satirikerin in den sozialen Medien folgt, hat in der Tat längst mitbekommen, dass Sargnagel[2] Anfang des Jahres Mutter geworden ist. Bereits in der Schwangerschaft postete sie Selfies von sich mit Babybauch; seit das Kind auf der Welt ist, meldet sie sich beinahe täglich in ihren Instagram-Stories zu Wort. Sie lässt ihre Follower:innen teilhaben an ihrem ersten Gang vor die Tür allein mit Baby, der ihr einen immensen Adrenalinschub beschert. Sie präsentiert ausführlich ihre neue Leidenschaft für Rosa- und Pastell-Töne, die das Baby mit seiner Vorliebe für Schwarzweiß-Grafiken völlig durcheinanderbringt. Und sie reflektiert halb ernst, halb ironisch über ihren neuen Alltag mit Säugling: »Höre nur noch Volksmusik und Schlager, weil ich vom Schlafentzug dumm und vom Baby glücklich bin.«[3] Was aber macht Sargnagels Umgang mit ihrer Elternschaft so »cool«? „Pola Groß: MUTTERSCHAFT UND POLITIK BEI STEFANIE SARGNAGEL“ weiterlesen

Katrin Trüstedt: Im Rücken die Ruinen Europas: OPHELIA IN DER LAUSITZ

»Ich war Emilia. Ich stand an der Küste und sprach mit der Brandung BLABLA, im Rücken die Ruinen von Europa.«[1]

Während Emilia in einer der riesigen Fabrikhallen ihren Auftritt hat, hören wir aus einer anderen Halle Desdemona schreien, die gerade umgebracht wird. Es ist Lausitz Festival 2025 und wir sehen, frei nach Shakespeare (und mit Heiner-Müller-Zitaten gespickt), Othello/Die Fremden.[2] Die »Ruinen von Europa« sind hier weder Nachkriegsruinen noch etwa metaphorische Ruinen, sondern stillgelegte Lausitzer Fabrikanlagen, die keine Gläser und keine Briketts mehr produzieren, sondern nun Kunst. Othello/Die Fremden sehen wir in den Hallen der ehemaligen Telux-Werke in Weißwasser/Běła Wóda (Telux wurde 1899 vom jüdischen Unternehmer Joseph Schweig gegründet und war zehn Jahre später größter Produzent von technischen Gläsern weltweit); die Sonettfabrik nach Shakespeares Sonetten in der ehemaligen Brikettfabrik Louise in Domsdorf; und das Stück Müller & Müller wird am Originalschauplatz aufgeführt, dem ehemaligen Klettwitzer Braunkohletagebau. „Katrin Trüstedt: Im Rücken die Ruinen Europas: OPHELIA IN DER LAUSITZ“ weiterlesen

Claude Haas: EIN FACH VON WELT. Zu einem Plädoyer für die Welthaltigkeit der Philologie

Die Welt hatte im 21. Jahrhundert in den Geisteswissenschaften bislang keinen guten Ruf. Philosophen wie Markus Gabriel verkündeten, es gebe sie gar nicht, sondern nur Anschauungen, Vorstellungen und Begriffe von ihr. Diese – und mit ihnen auch die Welt – gelte es im Sinn eines ›Neuen Realismus‹ endlich ad acta zu legen und im Anschluss an ihre Grablegung »den Grundsatz einer neuen Philosophie [zu] entwickeln«.[1] Demgegenüber leuchteten die Literaturwissenschaften die kulturellen und politischen Implikationen von Welt-Begriffen noch einmal akribisch aus. Anders als im neorealistischen Neubeginn der Philosophie entpuppten sich die Zuschreibungen oder Behauptungen von ›Welt‹ in ihren Analysen jedoch als leere Verheißungen nicht etwa von zu viel, sondern als solche von zu wenig Welt. Wo Welt drauf stand, war nur ein Bruchteil Welt drin. „Claude Haas: EIN FACH VON WELT. Zu einem Plädoyer für die Welthaltigkeit der Philologie“ weiterlesen