ÜBER KUNST, WISSENSCHAFT UND DAS ENDE DER NATUR. Judith Elisabeth Weiss im Gespräch mit Regine Rapp und Christian de Lutz von Art Laboratory Berlin

Die Natur steckt in einer doppelten Krise: Die ökologische Forschung sagt ihr angesichts des menschengemachten Klimawandels und des dramatischen Artensterbens düstere Aussichten voraus. Gleichzeitig stimmen gegenwärtige Theoriediskurse den Abgesang auf die Natur an, indem sie gängige philosophisch und politisch untermauerte Natur-/Kultur-Konzepte aufkündigen. Mit dem Schlagwort vom ›Ende der Natur‹ ist die Forderung verbunden, Natur nicht mehr als das Andere der Kultur zu begreifen, das es qua Verfügungsgewalt zu beherrschen gilt. Jean-Jacques Rousseau befand schon im 18. Jahrhundert, dass der Mensch die Natur verlassen habe und es keinen Weg zurück gebe, die Wirkungen eines ursprünglichen Naturzustandes aber noch spürbar seien. Die aktuellen Diskurse radikalisieren diese Ansicht und versuchen den Begriff der Natur durch neue Wortprägungen zu ersetzen. Diese sollen die Verwicklungen des Menschen deutlich machen, indem sie die Trennlinie zwischen Natur und Kultur aufheben.

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Claude Haas: DONALD TRUMP ALIAS MACBETH? Zu Stephen Greenblatts neuem Shakespeare-Buch

Nicht dass der Name Donald Trump in Stephen Greenblatts neuem und immerhin bereits fünften Buch über Shakespeare auch nur ein einziges Mal fallen würde.[i] Es trägt den Untertitel »Shakespeares Machtkunde für das 21. Jahrhundert« und gefällt sich in seitenlangen Anspielungen wie dieser:

»Er [Richard III.] ist ein pathologischer Narzisst und in höchstem Maße arrogant. Er verfügt über eine groteske Anspruchshaltung und hat nie einen Zweifel daran, dass er tun kann, was er will. Er brüllt gern Befehle und sieht, wie seine Untergebenen sie hastig ausführen. Er erwartet unbedingte Loyalität, ist aber unfähig zur Dankbarkeit. Die Gefühle anderer bedeuten ihm nichts. Er hat keinen natürlichen Anstand, keine Vorstellung von Mitmenschlichkeit, kein Schamgefühl.

[…] Er teilt die Welt in Sieger und Verlierer ein. Die Sieger erwecken seine Anerkennung, sofern er sie für seine Zwecke nutzen kann; die Verlierer erregen nur seinen Spott. Das Gemeinwohl ist etwas, von dem nur Verlierer reden. Er redet lieber vom Gewinnen. Er war immer von Reichtum umgeben, er wurde in ihn hineingeboren und macht ausgiebig von seinem Vermögen Gebrauch.« (65f.)

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Lutz Greisiger: STRASSENKÄMPFE, LICHTBILDER, FOXTROTT. Zur Ausstellung »Berlin in der Revolution 1918/19: Fotografie, Film, Unterhaltungskultur«

Im Herbst und Winter 2018/2019 jähren sich zum hundertsten Mal die epochalen Ereignisse, die als Novemberrevolution und Spartakusaufstand in das kollektive Gedächtnis der Deutschen eingegangen sind. Die Stadt Berlin, Hauptschauplatz der damaligen Vorgänge, begeht das Jubiläum mit einem »Themenwinter«, offenbar bestrebt, deren historischem Gewicht gerecht zu werden (bzw. es für das Stadtmarketing zu mobilisieren): »Über 250 Ausstellungen und Veranstaltungen« werden aufgeboten und im Podewil in der Klosterstraße gar ein »Revolutionszentrum« betrieben. Die zum Jahrestag der doppelten Ausrufung der Republik durch Philipp Scheidemann und Karl Liebknecht am 9. November eröffnete Ausstellung im Museum für Fotografie nimmt die Ereignisse zwischen November 1918 und Mai/Juni 1919 aus verschiedenen Richtungen in den Blick und befasst sich neben der Dokumentarfotografie mit dem Kino und der Unterhaltungskultur, mit Operette, Revue, Kabarett und Tanz. „Lutz Greisiger: STRASSENKÄMPFE, LICHTBILDER, FOXTROTT. Zur Ausstellung »Berlin in der Revolution 1918/19: Fotografie, Film, Unterhaltungskultur«“ weiterlesen

Eva Geulen: WAS STIL SAGT

Seit der Aufdeckung der Fälschungen des Journalisten Claas Relotius im Dezember vergangenen Jahres rauscht es im betroffenen Blätterwald. Viele Stimmen beharren auf verbindlichen Abgrenzungen zwischen Fakt und Fiktion, Journalismus und Literatur. Das geschieht auf mal mehr und mal weniger intelligente Weise. In der Frankfurter Rundschau wurde der Hang des jüngeren Journalismus zum ›Geschichtenerzählen‹ insgesamt verdammt, denn seine Aufgabe sei doch, »der Wirklichkeit auf die Spur zu kommen«. Subtiler wies Lothar Müller in der Süddeutschen Zeitung nach, dass die jedem Faktencheck standhaltenden Details einer Hafenszene bei Flaubert gleichwohl Literatur bleiben, weil es ein episches Präteritum und einen unsichtbaren Erzähler gibt. Im Journalismus müsse man aber wissen, ob der Autor wirklich dabei gewesen sei oder nicht. Augenzeugenschaft bezeugt Wirklichkeit; literarische Erzähler bezeugen sie auch, aber anders. Eine Grenze bleibt, aber sie verläuft nicht entlang von Faktualität und Fiktionalität. „Eva Geulen: WAS STIL SAGT“ weiterlesen

PREMEC: DER NACHLASS NACHMAN BLUMENTALS. Eine außergewöhnliche Sammlung zur Geschichte der Shoah

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Abb. 1: Nachman Blumentals Nachlass, © Katrin Stoll/UBC Vancouver

Schon 1944 begannen einige Überlebende der Shoah – ein Verbrechen, das damals noch nicht so genannt wurde –, Wissen über die Vernichtung der europäischen Juden durch NS-Deutschland zusammenzutragen: Dokumente zu sichern, Zeugenaussagen zu sammeln, Bücher zu veröffentlichen. Nachman Blumental (geboren 1902 in Borszczów, gestorben am 8. November 1983 in Tel Aviv) ist einer dieser Überlebenden-Gelehrten. Sein Nachlass ist kürzlich in Vancouver von der Historikerin Katrin Stoll im Rahmen ihrer Arbeiten für das durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) und die französische Agence Nationale de la Recherche (ANR) geförderte Forschungsprojekt PREMEC (PREMiers ÉCrits de la Shoah) gesichtet und gesichert worden. Die 32 Kartons, die Archivmaterial und Bücher enthalten, sollen im Februar 2019 dem Institute for Jewish Research (YIVO) übergeben werden. „PREMEC: DER NACHLASS NACHMAN BLUMENTALS. Eine außergewöhnliche Sammlung zur Geschichte der Shoah“ weiterlesen

Eva Axer, Werner Michler, Marjorie Levinson: DIE ›NEUEN FORMALISMEN‹ – FORM, GESCHICHTE, GESELLSCHAFT. Drei Beiträge

Während man in Deutschland die Debatte um eine mögliche ›Rephilologisierung‹ der Literaturwissenschaft abermals zu entzünden sucht, ist in den USA der ebenfalls seit Ende der 1990er Jahre geführte Methodenstreit um die ›neuen Formalismen‹ in der Literaturtheorie bereits neuerlich entbrannt. Hier wie dort steht (nochmalig) zur Diskussion, wie Literatur als wissenschaftlicher Gegenstand konstituiert werden solle, was das ›Kerngeschäft‹ der Literaturwissenschaft sei und wie sie sich zu anderen Disziplinen ins Verhältnis zu setzen habe. Zwar sind die Zeiten vorbei, in denen sich eine immanent operierende, auf formale Aspekte fokussierte Lektürepraxis und eine historisch-kontextualisierende Herangehensweise so antagonistisch gegenüberstehen wie etwa im Fall von New Criticism und New Historicism. Gleichwohl bleibt der Stellenwert von Formfragen ein gewichtiges, vielleicht entscheidendes Moment der Debatten. Von Belang ist die aktuelle Diskussion in den USA zum einen, weil die neuen formalistischen Ansätze eben nicht mehr nur unter Ausschließung historischer oder kulturwissenschaftlicher Problemstellungen verfahren; zum anderen, weil dort eine (wissenschafts‑)politische Dimension dieser Fragen ins Licht rückt. In den folgenden Beiträgen, die im Anschluss an den ZfL-Workshop »Die ›neuen Formalismen‹ – Form, Geschichte, Gesellschaft« entstanden sind, diskutieren Eva Axer, Werner Michler und Marjorie Levinson die Konjunktur des Formbegriffs und der ›neuen Formalismen‹. „Eva Axer, Werner Michler, Marjorie Levinson: DIE ›NEUEN FORMALISMEN‹ – FORM, GESCHICHTE, GESELLSCHAFT. Drei Beiträge“ weiterlesen

Daniel Weidner: ZWEI NEUE BIOGRAPHIEN VON GERSHOM SCHOLEM. Oder: Was kann eigentlich eine intellektuelle Biographie?

Gershom Scholem (1897–1982) gehört immer noch zu den wichtigsten deutsch-jüdischen Intellektuellen des 20. Jahrhunderts. Der Begründer der modernen Erforschung der Kabbala, der engagierte und kritische Zionist, der Zeitgenosse und Freund Walter Benjamins und vieler anderer Intellektueller war eine komplexe Gestalt. Die in den letzten Jahrzehnten erschienenen Brief- und Tagebuchbände haben sein Bild noch reicher und vielschichtiger gemacht – und offensichtlich attraktiv für Biographen. Fast zeitgleich sind nun zwei Biographien Scholems erschienen, die sich an dieser Gestalt und dem sie umgebenden Nimbus abarbeiten: Amir Engels Gershom Scholem. An Intellectual Biography (Chicago University Press 2017, 240 Seiten) und Noam Zadoffs Gershom Scholem. From Berlin to Jerusalem and Back (Brandeis University Press 2018, 344 Seiten).[1] „Daniel Weidner: ZWEI NEUE BIOGRAPHIEN VON GERSHOM SCHOLEM. Oder: Was kann eigentlich eine intellektuelle Biographie?“ weiterlesen

Falko Schmieder: VERBRAUCHER

Das Wort ›Verbraucher‹ hat einen vertrauten Klang und erfreut sich besonders in Form verschiedener Komposita wie ›Verbraucherschutz‹ oder ›Verbraucherpolitik‹ großer Wertschätzung. Seit dem Jahr 2001 gibt es sogar ein Bundesministerium, das das Wort im Titel trägt. Abgeleitet ist es vom Verb ›verbrauchen‹. Es scheint damit verwurzelt in einem anthropologischen Grundtatbestand, denn der Mensch ist nun einmal, als gesellschaftliches Naturwesen, auf den Verbrauch bestimmter Dinge angewiesen. Allerdings ist bereits das Verb ›verbrauchen‹ keineswegs so selbstverständlich, wie es zunächst scheint.[1]  „Falko Schmieder: VERBRAUCHER“ weiterlesen

Siarhei Biareishyk: THE OVERDETERMINATION OF THE WHOLE

The conception of the whole as a system, that is, as a totality determined by one principle or idea, has dominated the philosophical tradition from Kant and Hegel to Marxism—and, as Louis Althusser’s critique of Hegelianism shows, not without implicit social, political, and ideological consequences. The possibility of breaking with the idealist tradition in all of these respects rests on the articulation of an alternative conception of the whole. Althusser advances the notion of the social whole as a complex unity that is constituted through its own effects—what he calls “overdetermination.” Such overdetermination of the whole displaces the conception of the whole as totality (Hegel) in favor of Spinoza’s notion of modal unity—the whole as singularity. „Siarhei Biareishyk: THE OVERDETERMINATION OF THE WHOLE“ weiterlesen

Patrick Eiden-Offe/Moritz Neuffer: WAS IST UND WAS WILL KULTURWISSENSCHAFTLICHE ZEITSCHRIFTENFORSCHUNG?

Inmitten der verheerenden Weltwirtschaftskrise fassten Walter Benjamin und Bertolt Brecht 1929/30 den Plan, eine Zeitschrift zu gründen. Sie sollte Krisis und Kritik heißen und sich nicht nur der »Krise auf allen Gebieten der Ideologie« annehmen, sondern selbst, mit den Mitteln der Kritik, Krise produzieren: »Aufgabe der Zeitschrift ist es, diese Krise festzustellen oder herbeizuführen«, schrieb Benjamin an seinen Freund Brecht.[1] Ihr reger Austausch über potentielle Themen, Schreibweisen und Beitragende offenbart, dass Benjamin und Brecht nicht nur die Inhalte, sondern auch die sozialen und operativen Dimensionen ihres – letztlich niemals realisierten – Projektes im Blick hatten. Krisis und Kritik, so ihre Überzeugung, würde »die bisher leere Stelle eines Organs einnehmen, in dem die bürgerliche Intelligenz sich Rechenschaft von den Forderungen und den Einsichten gibt, die einzig und allein ihr unter den heutigen Umständen eine eingreifende, von Folgen begleitete Produktion im Gegensatz zu der üblichen willkürlichen und folgenlosen gestatten«.[2]

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