Matthias Schwartz: PROSA DER VERSTÖRUNG. Zum 100. Geburtstag von Stanisław Lem

I.

Als Stanisław Lem am 27. März 2006 im Alter von 85 Jahren in Krakau starb, schien sein Stern bereits im Sinken zu sein. Seine Bücher hatten Millionenauflagen erzielt und er war neben Ryszard Kapuściński der weltweit erfolgreichste polnische Autor, mit Übersetzungen in mehr als 40 Sprachen. Aber angesichts des Zusammenbruchs des Realsozialismus, einer krisenhaften neuen Weltordnung sowie der sich abzeichnenden Klimakatastrophe wirkten seine Spekulationen über die fantastischen Irrungen der Menschheit seltsam anachronistisch. Konnte er noch in den 1970er Jahren als erster Science-Fiction-Autor auf den Literaturnobelpreis hoffen, hatte der selbsterklärte Prophet der ›Phantomologie‹ in Zeiten der digitalen Revolution und virtuellen Realität einem Publikum, das in erster Linie mit der neoliberalen Sorge um das emanzipierte Selbst und der radikalen Infragestellung aller tradierten Identitäts- und Geschlechterordnungen beschäftigt war, anscheinend nichts mehr zu sagen. Der alte weiße Mann aus Polen hatte den Anschluss an die Gegenwart verloren. „Matthias Schwartz: PROSA DER VERSTÖRUNG. Zum 100. Geburtstag von Stanisław Lem“ weiterlesen

Hanna Hamel: SENSIBEL AUF ABSTAND

Abstand kann schwer zu ertragen sein, vor allem dann, wenn er unfreiwillig eingehalten werden muss. Sollten Abstandsregeln und Masken in näherer Zukunft fallen, gibt es trotzdem gute Gründe, immer wieder auf Distanz zu seinen Nächsten zu gehen. Das lässt sich zum Beispiel nachlesen bei Nietzsche. Unter dem Titel »Von der Nächstenliebe« fällt Zarathustra ein wenig schmeichelhaftes Urteil über jene Motive, die die Menschen zueinander treiben:

»Der Eine geht zum Nächsten, weil er sich sucht, und der Andre, weil er sich verlieren möchte. Eure schlechte Liebe zu euch selber macht euch aus der Einsamkeit ein Gefängniss.
Die Ferneren sind es, welche eure Liebe zum Nächsten bezahlen; und schon wenn ihr zu fünfen mit einander seid, muss immer ein sechster sterben.«[1]

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Eva Geulen: ›ARCHIVIEREN IN DIE ZUKUNFT‹

Eva Geulens Text dokumentiert ihren Beitrag zu der vom Deutschen Literaturarchiv Marbach am 24. März 2021 virtuell veranstalteten Tagung »#LiteraturarchivDerZukunft«. Er wurde ursprünglich als Replik auf die dort diskutierte These 3 entworfen: »Literaturarchive schaffen den literarischen und intellektuellen Kanon mit: Das Archivieren in die Zukunft setzt die stetige Diskussion der Entwicklungen in Literatur und den öffentlich wirksamen Bereichen von Wissenschaft und ein Diskutieren der Kriterien dessen voraus, was es zu archivieren gilt – und was nicht.« „Eva Geulen: ›ARCHIVIEREN IN DIE ZUKUNFT‹“ weiterlesen

Ross Shields: THE WORK OF ART IN THE AGE OF TRUMP

In the age of mechanical reproducibility, the ‘aura’ surrounding works of art undergoes a crisis. The contemporary relevance of Walter Benjamin’s thesis—in its societal, aesthetic, and media-theoretical significance—is illustrated by former U.S. president Donald Trump’s purported ownership of Les deux sœurs (Two Sisters), also known as Sur la terrasse (On the Terrace), by Pierre-Auguste Renoir. Journalist Mark Bowden, who caught a glimpse of the painting when he was invited to Trump’s jet in 1997, describes the event in an article for Vanity Fair: “He showed off the gilded interior of his plane—calling me over to inspect a Renoir on its walls, beckoning me to lean in closely to see … what? The luminosity of the brush strokes? The masterly use of color? No. The signature. ‘Worth $10 million,’ he told me.”[1] Of course, this is the attitude that one might expect from a real-estate mogul turned art collector (although not from a future president). In ignorance of both form and content—to say nothing of their unity—the painting is reduced to its sheer exchange value, concentrated in the signature guaranteeing its authenticity. „Ross Shields: THE WORK OF ART IN THE AGE OF TRUMP“ weiterlesen

Barbara Picht: ABY WARBURG, DIE REPRODUKTION UND DAS ORIGINAL

Abb. 1: Aby Warburg: Bilderatlas Mnemosyne – Das Original, 04.09.–30.11.2020, Ausstellungsansicht, © Silke Briel / HKW

Bis Ende Oktober 2020 waren in Berlin zwei bemerkenswerte, aufeinander bezogene Ausstellungen zu sehen.[1] Unter dem Titel »Aby Warburg: Bilderatlas Mnemosyne. Das Original« zeigte das Haus der Kulturen der Welt Warburgs Bilderatlas, wie ihn die Kuratoren Roberto Ohrt und Axel Heil anhand der letzten dokumentierten Version vom Herbst 1929 unter Nutzung von Warburgs originalem Bildmaterial wieder hergestellt haben. Eindrucksvoll wurden die 63 großen Tafeln mit insgesamt 971 Abbildungen in dem abgedunkelten Ausstellungsraum präsentiert, in der Aufstellung an die charakteristische Ellipsenform des Lesesaals der Kulturwissenschaftlichen Bibliothek Warburg (KBW) erinnernd (Abb. 1). Wer sich nach dem Besuch dieser Ausstellung auf einen spätsommerlichen Gang durch den Tiergarten machte, konnte anschließend in der Gemäldegalerie 50 der insgesamt etwa 80 Werke, die Warburg in den Bilderatlas aufgenommen hatte und die sich im Besitz der Staatlichen Museen zu Berlin befinden, im Original sehen. Darunter neben Gemälden auch Skulpturen, Münzen, Briefmarken und ein Reklameplakat. „Barbara Picht: ABY WARBURG, DIE REPRODUKTION UND DAS ORIGINAL“ weiterlesen

Eva Geulen / Claude Haas: HÖLDERLIN UND HEGEL HEUTE

Freundschafft

Wenn Menschen sich aus innrem Werthe kennen,
So können sie sich freudig Freunde nennen,
Das Leben ist den Menschen so bekannter,
Sie finden es im Geist interessanter.

Der hohe Geist ist nicht der Freundschafft ferne,
Die Menschen sind den Harmonien gerne
Und der Vertrautheit hold, daß sie der Bildung leben,
Auch dieses ist der Menschheit so gegeben. „Eva Geulen / Claude Haas: HÖLDERLIN UND HEGEL HEUTE“ weiterlesen

A “MODEST MONUMENT” AWAITING COMPLETION. Gianna Zocco talks to Jean-Ulrick Désert and Dorothea Löbbermann about the W. E. B. Du Bois Memorial at the Humboldt University of Berlin

W. E. B Du Bois in Berlin
Fig. 1: W. E. B. Du Bois in Berlin, ca. 1894 © Department of Special Collections and University Archives, W. E. B. Du Bois Library, University of Massachusetts Amherst, reproduced by permission

A picture from the late nineteenth century showing about one-hundred students (fig. 1) – all of them male and similarly dressed in suits and neckties, some of them wearing hats. They display a degree of homogeneity unusual by today’s standards. An attentive observer will nonetheless detect that one of the students differs from his colleagues: he has significantly darker skin. The young man, seated in the second row from the top, is the African-American W. E. B. Du Bois (1868–1963), who was enrolled at the University of Berlin from 1892 to 1894.[1] When, in the hopefully not too distant future, the bustling university life resumes, when students cram into crowded lecture halls again, push through full corridors, past perhaps intimidating, perhaps inspiring sculptures, portraits, and other visual reminders of the apparently glorious past their alma mater is connected to, students of the Humboldt University will come across a memorial for Du Bois, one of the first American sociologists, co-founder of Pan-Africanism, civil rights activist, and prolific author of books such as The Souls of Black Folk (1903). „A “MODEST MONUMENT” AWAITING COMPLETION. Gianna Zocco talks to Jean-Ulrick Désert and Dorothea Löbbermann about the W. E. B. Du Bois Memorial at the Humboldt University of Berlin“ weiterlesen

Christina Ernst: DAS LEBEN SCHREIBEN. Annie Ernaux’ Tagebücher

Seit Mitte März werden online vermehrt sogenannte »Corona-Tagebücher« veröffentlicht, in denen Schriftsteller*innen ihre persönlichen Eindrücke der COVID-19-Krise festhalten.[1] Als von vornherein für die Öffentlichkeit konzipierte Textsorte arbeiten sie mit dem Format des »Tagebuchs« in Form von chronologisch sortierten und datierten Einträgen, die sukzessive publiziert werden. Mit diesen Corona-Tagebüchern, die das unmittelbare Zeitgeschehen kommentieren, soll eine Art Archiv der Gegenwart entstehen, das tendenziell auf Unabgeschlossenheit hin angelegt ist. Stilistisch zwischen ironisch-distanzierter Selbstreflexion und politischem Twitterkommentar gehalten, erscheinen sie als neueste Spielart jener Tendenzen zum Autobiographischen in der Gegenwartsliteratur, die seit einiger Zeit unter dem Label der Autofiktion bekannt sind. In diesem Zusammenhang wird häufig der Name der französischen Autorin Annie Ernaux genannt.[2] Allerdings hat der Tagebucheintrag in ihrem Werk eine besondere Funktion, dient er doch der nachzeitigen Stabilisierung ihrer anderen Texte. Sie selbst bezeichnet ihre Texte, die autobiographische Erlebnisse im Kontext der sie bestimmenden sozialen Strukturen erzählen, auch nicht als Autofiktionen, sondern als »Autosoziobiographien«, die sich – anders als die Corona-Tagebücher – ihrem Gegenstand nur im Rückblick annähern können. „Christina Ernst: DAS LEBEN SCHREIBEN. Annie Ernaux’ Tagebücher“ weiterlesen

Matthias Schwartz: DER »DIENER DES VOLKES«. Wolodymyr Selenskyjs Präsidentschaft in der Ukraine

Bevor Wolodymyr Selenskyj vor einem Jahr Präsident der Ukraine wurde, war er dies schon einmal gewesen, und zwar in seiner Rolle in der erfolgreichen Fernsehserie Sluha narodu (Diener des Volkes). Hier zeichnet sich nicht nur ein neues Verhältnis von digitaler Wirklichkeit und politischer Öffentlichkeit ab, sondern auch eine neue Form des Populismus, die nicht auf nationalistische Diskurse und reaktionäre Denkmuster baut, sondern antistaatliche und neoliberale Affekte miteinander verbindet. „Matthias Schwartz: DER »DIENER DES VOLKES«. Wolodymyr Selenskyjs Präsidentschaft in der Ukraine“ weiterlesen

Zaal Andronikashvili: Die Ausnahme vom Ausnahmezustand: DIE CORONA-KRISE IN GEORGIEN

Blickte Carl Schmitt dieser Tage auf Georgien, so müsste er seinen berühmten Anfangssatz aus dem dritten Kapitel der Politischen Theologie ändern. Statt »Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet«, müsste es heißen: Souverän ist, wer sich dem Ausnahmezustand nicht beugt. Denn die Georgische Orthodoxe Kirche hat erklärt, sich notfalls über alle vom Staat im Zusammenhang mit der Corona-Krise verhängten Beschränkungen hinwegzusetzen, um Liturgien und vor allem die Kommunion feiern zu können – so geschehen bei den Ostermessen am letzten Sonntag.

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