Henning Trüper: Taube oder Flughuhn? ÜBER PHILOLOGIE

Mein Buch über Orientalismus, Philologie und die Unlesbarkeit der modernen Welt nahm seinen Ausgang von einem allgemeinen, mir selbst nur vage fassbaren Unbehagen über Lesen als Methode.[1] Zuvor hatte ich mich mit der Praxis des Schreibens in der Geschichtswissenschaft beschäftigt und dieses Projekt mit einem leichten Bedauern darüber abgeschlossen, dass ich es versäumt hatte, darin eine irgendwie tiefergehende Untersuchung des Lesens zu unternehmen. Die verfügbaren theoretischen und kulturhistorischen Untersuchungen über das Lesen zeigen kaum Neigung, sich mit dem Problem der Abgrenzung wissenschaftlichen Wissens von anderen Wissensbeständen zu beschäftigen; vielleicht, weil es so selbstverständlich scheint, dass die Fähigkeit zu lesen keine Domäne bildet, die exklusives Eigentum einer Wissenschaft sein könnte. Da jedoch viele geisteswissenschaftliche Disziplinen der Vorstellung verhaftet bleiben, dass sie über besondere Methoden des Lesens verfügen, die ansonsten unerreichbares Wissen hervorbringen, klafft hier eine epistemologische Lücke. „Henning Trüper: Taube oder Flughuhn? ÜBER PHILOLOGIE“ weiterlesen

Ross Shields: THE WORK OF ART IN THE AGE OF TRUMP

In the age of mechanical reproducibility, the ‘aura’ surrounding works of art undergoes a crisis. The contemporary relevance of Walter Benjamin’s thesis—in its societal, aesthetic, and media-theoretical significance—is illustrated by former U.S. president Donald Trump’s purported ownership of Les deux sœurs (Two Sisters), also known as Sur la terrasse (On the Terrace), by Pierre-Auguste Renoir. Journalist Mark Bowden, who caught a glimpse of the painting when he was invited to Trump’s jet in 1997, describes the event in an article for Vanity Fair: “He showed off the gilded interior of his plane—calling me over to inspect a Renoir on its walls, beckoning me to lean in closely to see … what? The luminosity of the brush strokes? The masterly use of color? No. The signature. ‘Worth $10 million,’ he told me.”[1] Of course, this is the attitude that one might expect from a real-estate mogul turned art collector (although not from a future president). In ignorance of both form and content—to say nothing of their unity—the painting is reduced to its sheer exchange value, concentrated in the signature guaranteeing its authenticity. „Ross Shields: THE WORK OF ART IN THE AGE OF TRUMP“ weiterlesen

Rabea Kleymann: ÜBER DAS ERZÄHLWÜRDIGE DER THEORIE IN DEN DIGITAL HUMANITIES

Unter dem Label »Digital Humanities« (DH) werden unterschiedliche Themen, Gegenstände und Erkenntnisansprüche subsumiert. Vielen gelten die DH als Erweiterung des klassischen Methodenkanons, da sie computergestützte Verfahren für die Geisteswissenschaften in Aussicht stellen. Gleichzeitig verstärken die DH, indem sie unter anderem neue Werkzeuge anbieten, auch praxeologische Tendenzen innerhalb der Geisteswissenschaften. Infolgedessen haben sich die Rede von der Theorielosigkeit der DH sowie Erzählungen vom »Ende der Theorie«[1] in den Diskussionen über digitale Methoden, Praktiken und Forschungsinfrastrukturen als Hauptnarrative etabliert. Dem Status der Theorie in den DH widmete sich die Tagung Theorytellings: Wissenschaftsnarrative in den Digital Humanities, die am 8. und 9. Oktober 2020 in Leipzig stattfand und von der Arbeitsgruppe »Digital Humanities Theorie« des Verbandes »Digital Humanities im deutschsprachigen Raum« und dem »Forum für Digital Humanities Leipzig« organisiert wurde. „Rabea Kleymann: ÜBER DAS ERZÄHLWÜRDIGE DER THEORIE IN DEN DIGITAL HUMANITIES“ weiterlesen

Eva Geulen: »JEDER BEKOMMT SEINE KINDHEIT ÜBER DEN KOPF GESTÜLPT …«

Die Redaktion von »leibniz« hat für die Ausgabe ihres Magazins zum Thema »Anfänge« (Heft 3, 2020) dreizehn Menschen aus der Leibniz-Gemeinschaft gebeten, ihre liebsten ersten Sätze kurz zu kommentieren. Eva Geulen, Direktorin des ZfL, hat hierfür einen Satz aus Heimito von Doderers Roman »Ein Mord den jeder begeht« ausgewählt. Wir veröffentlichen auf unserem Blog die Langfassung ihres Textes. „Eva Geulen: »JEDER BEKOMMT SEINE KINDHEIT ÜBER DEN KOPF GESTÜLPT …«“ weiterlesen

Moritz Neuffer: PREKÄRE THEORIE, oder: Wer ist Hildegard Brenner?

»What makes a great magazine editor?«, fragte der britische Literaturwissenschaftler Matthew Philpotts kürzlich in einem Essay für Eurozine und stellte eine Typologie von Herausgebertypen auf, die in der Intellektuellengeschichte des 20. Jahrhunderts bedeutende Rollen spielten. In dieser Typologie finden sich charismatische und ›performative‹ Leitfiguren wie Herwarth Walden (Der Sturm) oder Karl Kraus (Die Fackel), nüchterne und bescheidene Verwalter wie Carl von Ossietzky (Die Weltbühne) oder Herbert Steiner (Corona), aber auch Jongleure zwischen diesen Extremen wie Peter Suhrkamp (Neue Rundschau) oder Jean Paulhan (Nouvelle Revue Française). Der einzelgängerische Criterion-Herausgeber T.S. Eliot wird dem ›kollektiven‹ Stil von Sartres Les Temps Modernes gegenübergestellt, während Thomas Mann als Co-Herausgeber von Mass und Wert wiederum dazwischen steht. Der Kanon der ›großen‹ verlegenden Männer legt den Gedanken nahe, dass Hildegard Brenner (*1927) in der intellektuellen Öffentlichkeit des 20. Jahrhunderts eine Ausnahmeerscheinung darstellte. „Moritz Neuffer: PREKÄRE THEORIE, oder: Wer ist Hildegard Brenner?“ weiterlesen

VOM GEIST DER EPOCHENWENDE. Marita Tatari im Gespräch mit Jean-Luc Nancy

Marita Tatari: Lieber Jean-Luc, du sprichst seit Jahren nicht nur von einer Epochenwende*, sondern von einer tiefgreifenden Transformation unserer westlich-globalen Zivilisation, sogar von einer Mutation, in ihren Ausmaßen dem Ende der antiken Welt vergleichbar. Auf dem Spiel stehe bei dieser Mutation demnach ein Geist, ein neuer Geist. „VOM GEIST DER EPOCHENWENDE. Marita Tatari im Gespräch mit Jean-Luc Nancy“ weiterlesen

Barbara Picht: ABY WARBURG, DIE REPRODUKTION UND DAS ORIGINAL

Abb. 1: Aby Warburg: Bilderatlas Mnemosyne – Das Original, 04.09.–30.11.2020, Ausstellungsansicht, © Silke Briel / HKW

Bis Ende Oktober 2020 waren in Berlin zwei bemerkenswerte, aufeinander bezogene Ausstellungen zu sehen.[1] Unter dem Titel »Aby Warburg: Bilderatlas Mnemosyne. Das Original« zeigte das Haus der Kulturen der Welt Warburgs Bilderatlas, wie ihn die Kuratoren Roberto Ohrt und Axel Heil anhand der letzten dokumentierten Version vom Herbst 1929 unter Nutzung von Warburgs originalem Bildmaterial wieder hergestellt haben. Eindrucksvoll wurden die 63 großen Tafeln mit insgesamt 971 Abbildungen in dem abgedunkelten Ausstellungsraum präsentiert, in der Aufstellung an die charakteristische Ellipsenform des Lesesaals der Kulturwissenschaftlichen Bibliothek Warburg (KBW) erinnernd (Abb. 1). Wer sich nach dem Besuch dieser Ausstellung auf einen spätsommerlichen Gang durch den Tiergarten machte, konnte anschließend in der Gemäldegalerie 50 der insgesamt etwa 80 Werke, die Warburg in den Bilderatlas aufgenommen hatte und die sich im Besitz der Staatlichen Museen zu Berlin befinden, im Original sehen. Darunter neben Gemälden auch Skulpturen, Münzen, Briefmarken und ein Reklameplakat. „Barbara Picht: ABY WARBURG, DIE REPRODUKTION UND DAS ORIGINAL“ weiterlesen

Henning Trüper: HUMANITÄRE UND HISTORISCHE BRÜCHE

I. Dass die Zeit kontinuierlich verläuft, dass ihre Unterteilung stets ein bloßer Akt der Willkür ist, dass bei jeder Veränderung, gleich wie tief der Einschnitt erscheint, vieles auch unverändert bleibt – diese und ähnliche Annahmen gehören zu den kaum verrückbaren geschichtswissenschaftlichen Grundüberzeugungen, denen gegenüber sich jede kulturwissenschaftliche Frage nach Diskontinuitäten oder Brüchen im historischen Geschehen von vornherein im Nachteil befindet. Um diesen Nachteil auszugleichen, bietet es sich an, eine Art Umgehungsmanöver zu veranstalten, indem man sich darüber Gedanken macht, wie sich historische Akteure zum Problem des Bruchs mit der Vergangenheit verhalten. „Henning Trüper: HUMANITÄRE UND HISTORISCHE BRÜCHE“ weiterlesen

Pola Groß: SEHNSUCHT NACH STIL (um 1900)

Der Übergang vom 19. ins 20. Jahrhundert wurde von den Zeitgenoss*innen als markante Epochenwende erfahren. Die deutsche Literatur sei »an einem Wendepunkt ihrer Entwicklung angelangt, von welchem sich der Blick auf eine eigenartige bedeutsame Epoche eröffnet«[1] – so sah es die dem Naturalismus nahestehende Berliner Freie litterarische Vereinigung »Durch!« in ihren 1886 im Organ des Allgemeinen Deutschen Schriftstellerverbandes formulierten Thesen zur Moderne. In ähnlich programmatischer Weise beschrieb wenig später der Feuilletonist Friedrich Michael Fels in Wien den Zeitgeist:

»Wir stehen an der Grenzscheide zweier Welten; was wir schaffen, ist nur Vorbereitung auf ein künftiges Großes, das wir nicht kennen, kaum ahnen.«[2] „Pola Groß: SEHNSUCHT NACH STIL (um 1900)“ weiterlesen

Ernst Müller: WENDE

I. Wer heute bezogen auf die deutsche Geschichte von ›der Wende‹ spricht, meint die im Herbst 1989 in der DDR beginnenden und mit deren Anschluss an die Bundesrepublik endenden politischen Umwälzungen. Zwar favorisieren damalige Akteure und manche Historiker dafür pathetischere Bezeichnungen wie ›Freiheitsrevolution‹ oder das vom damaligen Westberliner Bürgermeister Walter Momper am Tage nach der Maueröffnung geprägte, etwas sperrige Oxymoron ›friedliche Revolution‹.[1] Doch gerade die ostdeutsche Alltagssprache hat diese nie übernommen, vielleicht, weil im DDR-Sprachgebrauch ›Revolution‹ mit sozialem Fortschritt, mit etwas grundsätzlich Neuem verbunden war. „Ernst Müller: WENDE“ weiterlesen