Johanna Abel: Calderóns allegorische Statuen. ZUR AKTUALITÄT VON WERNER KRAUSS

Abb. 1. Das Grab von Werner Krauss, Dorotheenstädtischer Friedhof, Sept. 2020, Foto: Dirk Naguschewski

Der rote Ziegelquader zur Markierung eines Ehrengrabs  am Grab des Romanisten Werner Krauss (1900–1976) auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin wurde schon vor einigen Jahren entfernt. Nur der Grabstein und einige Koniferen trotzen der fortschreitenden Verwahrlosung. Hier, wo so viele Künstler*innen und Intellektuelle begraben sind, werden andere Tote lebendiger gehalten. Sollte die Erinnerung an einen der letzten »großen Romanisten«[1] und den »einzige[n] politischen Philologen, der diese Bezeichnung im 20. Jahrhundert wirklich verdiente«,[2] tatsächlich so klanglos verhallen? „Johanna Abel: Calderóns allegorische Statuen. ZUR AKTUALITÄT VON WERNER KRAUSS“ weiterlesen

Oliver Grill: WETTERGESPRÄCHE. Sentimentalische Betrachtungen zu einem Sprachspiel

›Haben Sie heute schon über das Wetter geredet? Gestern oder vorgestern vielleicht? Und was wollten Sie damit sagen?‹ – Würden wir so auf der Straße angesprochen, wären wir vermutlich einigermaßen irritiert. Nicht nur wüssten wir das nicht so genau anzugeben, sondern wären auch von der Frage überrumpelt. Ein unbehagliches Schweigen weckte den Wunsch, eine Bemerkung über das Wetter zu machen, aber das ginge in dem Fall ja nicht. Und dann ist da noch der Trivialitätsverdacht: der Verdacht, im fraglichen Moment nichts anderes zu sagen gehabt zu haben; der Verdacht, eine Person zu sein, die redet, obwohl sie nichts zu sagen hat. Ernstlich fürchten muss man solche Fragen natürlich nicht. Aber interessant sind sie doch. Was und wie wir kommunizieren, wenn wir über das Wetter sprechen, scheint ebenso offen, wie die Frage, was dieser Kommunikationsakt über uns aussagt.[1] „Oliver Grill: WETTERGESPRÄCHE. Sentimentalische Betrachtungen zu einem Sprachspiel“ weiterlesen

Tobias Wilke: DIGITALE SPRACHE. Poetische Zeichenordnungen im frühen Informationszeitalter

1.

In den Literaturwissenschaften ist der Begriff des Digitalen bislang vor allem dort in Erscheinung getreten, wo jüngere literarische Phänomene der letzten ca. 30 Jahre verhandelt werden – Phänomene also, wie sie im Zuge der elektronischen Textverarbeitung am PC und der Nutzung des Internets entstanden sind. Zu denken ist hier etwa an die Diskussionen um neue narrative Strukturen im Kontext von hypertext fiction, um die multimediale Zusammenführung von Bild, Ton und Schrift im Rahmen von sogenannter net poetry oder um die Transformation von Leser-Text-Beziehungen durch die (interaktiven) Rezeptionsbedingungen des reading on screen.[1] Auch wo Literatur- und Medienhistoriker eine archäologische Rekonstruktion der Vorläufer bzw. historischen Wurzeln von (heute so bezeichneter) »digitaler Literatur« unternommen haben, galt das Interesse vornehmlich früheren Formen von »Computer-Dichtkunst« oder »Maschinenpoesie«, die sich ab den späten 1950er Jahren zu entwickeln begannen.[2] „Tobias Wilke: DIGITALE SPRACHE. Poetische Zeichenordnungen im frühen Informationszeitalter“ weiterlesen

Matthias Schwartz: PROSA DER VERSTÖRUNG. Zum 100. Geburtstag von Stanisław Lem

I.

Als Stanisław Lem am 27. März 2006 im Alter von 85 Jahren in Krakau starb, schien sein Stern bereits im Sinken zu sein. Seine Bücher hatten Millionenauflagen erzielt und er war neben Ryszard Kapuściński der weltweit erfolgreichste polnische Autor, mit Übersetzungen in mehr als 40 Sprachen. Aber angesichts des Zusammenbruchs des Realsozialismus, einer krisenhaften neuen Weltordnung sowie der sich abzeichnenden Klimakatastrophe wirkten seine Spekulationen über die fantastischen Irrungen der Menschheit seltsam anachronistisch. Konnte er noch in den 1970er Jahren als erster Science-Fiction-Autor auf den Literaturnobelpreis hoffen, hatte der selbsterklärte Prophet der ›Phantomologie‹ in Zeiten der digitalen Revolution und virtuellen Realität einem Publikum, das in erster Linie mit der neoliberalen Sorge um das emanzipierte Selbst und der radikalen Infragestellung aller tradierten Identitäts- und Geschlechterordnungen beschäftigt war, anscheinend nichts mehr zu sagen. Der alte weiße Mann aus Polen hatte den Anschluss an die Gegenwart verloren. „Matthias Schwartz: PROSA DER VERSTÖRUNG. Zum 100. Geburtstag von Stanisław Lem“ weiterlesen

Eva Axer: LEBENSZEITSKALIERUNG UND WAHRNEHMUNGSGESCHWINDIGKEIT (bei Karl Ernst von Baer, Richard Powers und anderen)

Acht Pistolenkugeln werden aus nächster Nähe abgefeuert, aber keine trifft ihr Ziel. Denn der Superheld Quicksilver kann sich im Film X-Men: Days Of Future Past (2014) mit einer Geschwindigkeit bewegen, die es ihm erlaubt, die Flugbahn der Kugeln mit kleinen kinetischen Impulsen zu manipulieren. Antizipiert wurde diese Figur der legendären Marvel-Autoren Stan Lee und Jack Kirby bereits im Jahr 1860, als der Naturforscher Karl Ernst von Baer ein Gedankenexperiment anstellte. Baer spekulierte darüber, wie sich die Welt für einen Menschen darstellt, der zwar ebenso viele Sinneseindrücke pro Pulsschlag hat wie ein normaler Mensch, dessen Puls aber 1.000 Mal schneller schlägt.[1] Ein solcher Mensch würde einer vorbeifliegenden Kugel sehr leicht folgen können, schreibt Baer, hätte allerdings aufgrund seines anderen Metabolismus auch eine deutlich geringere Lebensdauer von nur einem Monat. „Eva Axer: LEBENSZEITSKALIERUNG UND WAHRNEHMUNGSGESCHWINDIGKEIT (bei Karl Ernst von Baer, Richard Powers und anderen)“ weiterlesen

Hanna Hamel: SENSIBEL AUF ABSTAND

Abstand kann schwer zu ertragen sein, vor allem dann, wenn er unfreiwillig eingehalten werden muss. Sollten Abstandsregeln und Masken in näherer Zukunft fallen, gibt es trotzdem gute Gründe, immer wieder auf Distanz zu seinen Nächsten zu gehen. Das lässt sich zum Beispiel nachlesen bei Nietzsche. Unter dem Titel »Von der Nächstenliebe« fällt Zarathustra ein wenig schmeichelhaftes Urteil über jene Motive, die die Menschen zueinander treiben:

»Der Eine geht zum Nächsten, weil er sich sucht, und der Andre, weil er sich verlieren möchte. Eure schlechte Liebe zu euch selber macht euch aus der Einsamkeit ein Gefängniss.
Die Ferneren sind es, welche eure Liebe zum Nächsten bezahlen; und schon wenn ihr zu fünfen mit einander seid, muss immer ein sechster sterben.«[1]

„Hanna Hamel: SENSIBEL AUF ABSTAND“ weiterlesen

Oliver Precht: PORTRAIT OF A PHILOSOPHER (Notes on a New Biography of Jacques Derrida)

Writing a biography of Jacques Derrida is no small task. The biographer is not only confronted with an abundance of personal material, he or she must also confront Derrida’s extensive and notoriously complex oeuvre. Matters become even more complicated when considering the author’s autobiographical writings and his almost obsessive attempt to create his own archive. In the early years of his career, Derrida was extremely reluctant to disclose any biographical information, but once he had revealed the first details on his personal life in a 1983 interview with Catherine David for Le Nouvel Observateur, Derrida intensified his attempts to narrate and thereby control his biography. This biographical turn resulted not only in some of his best known texts,[1] but also in the donation of his personal archive to the Langson Library at the University of California, Irvine, and the Institut Mémoires de l’édition contemporaine (IMEC), close to Caen. However, as Peter Salmon notes (Peter Salmon, An Event, Perhaps. A Biography of Jacques Derrida, London / New York: Verso, 2020), this self-archivisation and self-narration does „not simply record, it produces. By selecting what is important, it rejects what is not” (270). The same is true of Salmon’s book: it “adds another narrative version of the life of Jacques Derrida” (ibid.). „Oliver Precht: PORTRAIT OF A PHILOSOPHER (Notes on a New Biography of Jacques Derrida)“ weiterlesen

Eva Geulen: ›ARCHIVIEREN IN DIE ZUKUNFT‹

Eva Geulens Text dokumentiert ihren Beitrag zu der vom Deutschen Literaturarchiv Marbach am 24. März 2021 virtuell veranstalteten Tagung »#LiteraturarchivDerZukunft«. Er wurde ursprünglich als Replik auf die dort diskutierte These 3 entworfen: »Literaturarchive schaffen den literarischen und intellektuellen Kanon mit: Das Archivieren in die Zukunft setzt die stetige Diskussion der Entwicklungen in Literatur und den öffentlich wirksamen Bereichen von Wissenschaft und ein Diskutieren der Kriterien dessen voraus, was es zu archivieren gilt – und was nicht.« „Eva Geulen: ›ARCHIVIEREN IN DIE ZUKUNFT‹“ weiterlesen

Claude Haas: WAS IST STIL UND WIE SAGT MAN ES AM BESTEN?

Zu den größten Zumutungen, die uns das 18. Jahrhundert vererbt hat, gehört eine streng individualistische Vorstellung des literarischen Stils. Stil soll keinem erlernbaren Regelwerk entstammen, sondern den Aus- wie Abdruck einer einzigartigen schreibenden Person bilden. In den letzten Jahrzehnten hatte die Literaturwissenschaft diese Provokation in immer neuen Anläufen zurückzuweisen oder wenigstens in Schach zu halten versucht. Mit einer an Roland Barthes oder an Michel Foucault angelehnten Verabschiedung des ›Autors‹ (wie schreibende Personen seinerzeit noch genannt wurden), schien sich auch die Frage nach dem literarischen Stil weitgehend erledigt zu haben. Stil und Autorschaft galten vielen als kulturelle Mystifikation. Nun wurde in der Literaturwissenschaft der letzten Jahre eine »Wiederkehr« nach der anderen ausgerufen, und da dürfen natürlich auch Stil und Autor nicht fehlen. „Claude Haas: WAS IST STIL UND WIE SAGT MAN ES AM BESTEN?“ weiterlesen

Georg Dickmann: »Zu zweit schreiben ist ein Witz, ein gewolltes Miss­verständnis«. ZU ARMEN AVA­NESSIANS UND ANKE HENNIGS KOLLABORATIVER POETIK

»Schreiben im Werden«, wie es Gilles Deleuze im Dialog mit Claire Parnet definiert hat, ist eine Form radikaler Entgrenzung und Öffnung auf ein neues Schreiben hin, das sich gegen die Einschränkungen linearer Narrative und eines mit sich selbst identischen Schriftsteller*innenbegriffs richtet.[1] Wie wir wissen, haben Deleuze & Guattari lange Jahre versucht, dieses gemeinsame Schreiben im Werden zu praktizieren. Das große Versprechen eines solchen Schreibens zu zweit lag darin, ein flexibles, nomadisches Subjekt hervortreten lassen, das nicht an Gattungs- und Genregrenzen gebunden ist. Die Hoffnungen, damit ein neues Schreiben zu verwirklichen, haben sich jedoch nicht erfüllt, da das Werden und die Vielstimmigkeit in den gemeinsam geschriebenen Büchern letztlich hinter einem souveränen und mit sich selbst identischen Autorensubjekt verschwanden. Insbesondere die postmodernen Erwartungen an subversive Praktiken wie Wandlungsfähigkeit und Flexibilität sind heute von der neoliberalen Maschine verstanden und absorbiert worden. An den Universitäten sind Kreativität und Flexibilität schon längst zu gefragten Soft Skills avanciert. „Georg Dickmann: »Zu zweit schreiben ist ein Witz, ein gewolltes Miss­verständnis«. ZU ARMEN AVA­NESSIANS UND ANKE HENNIGS KOLLABORATIVER POETIK“ weiterlesen