DER ELEFANT IM RAUM. Ein Gespräch von Pola Groß mit Kathrin Röggla

Noch bis einschließlich 2. Juni ist in der Berliner Akademie der Künste das Ausstellungsprojekt Der Elefant im Raum der Schriftstellerin Kathrin Röggla zu sehen. Es ist Teil der großen künstlerisch-experimentellen Werkstatt wo kommen wir hin, die sie zusammen mit dem Komponisten Manos Tsangaris und der bildenden Künstlerin Karin Sander initiiert hat. Durch die Kontrastierung verschiedener Medien und Materialien und die labyrinthische Bewegung der Besucher*innen im Gebäude schafft die Ausstellung Räume, in denen Spannungsfelder zwischen Sicht- und Unsichtbarkeit, zwischen Sprechen, Gespräch und Unterbrechung sowie zwischen An- und Abwesenheit spürbar werden. Mit Kathrin Röggla sprach darüber Pola Groß.

PG: Was war der Ausgangspunkt eures gemeinsamen Projekts wo kommen wir hin?

KR: Wir haben darüber diskutiert, wie man über ästhetische Formen und Formierungen heute überhaupt noch sprechen kann. Wir erleben es so, dass, wenn es um das Verhältnis von Politik und Kunst geht, im Kunstbetrieb vor allem Themenausstellungen gemacht werden – wie beispielsweise zur Flüchtlingskrise, zum Klimawandel – und uns war das zu illustrativ. Wir wollten das umkehren und als politisch denkende Menschen von unserer künstlerischen Arbeit her, mit unseren Werkzeugkästen, darüber nachdenken, wie sich die Politik der Ästhetik bedient und wie sie Formen und Sachverhalte instrumentalisiert. Zugleich wollten wir nach der Verbindung von Form und politischem Inhalt fragen und herausfinden, ob Kunst noch widerständig sein kann und was der Zukunftsbegriff damit zu tun hat. Wir haben in drei verschiedenen Projekten unsere jeweiligen Zugangsweisen gewählt und meine ist der Elefant im Raum.

Und wie bist du auf den Elefanten gekommen?

Eigentlich bin ich sehr früh schon auf den Gedanken gekommen, dass für mich diese Redewendung einen Knotenpunkt darstellt. ›Der Elefant im Raum‹ ist ein Problem, das alle Anwesenden wahrnehmen, aber keiner traut sich, es anzusprechen. Der Elefant ist eine formale Figur, eine ästhetische Figur, er wird aber auch als rhetorische Figur politisch missbraucht. Sie hat hohen politischen Gehalt und ist als solche eine Art Bruchstelle des öffentlichen Diskurses. Und sie bezeichnet eine soziale und kommunikative Krise gleichermaßen. Damit ist sie auch eine sehr gegensätzliche und in sich widersprüchliche Figur, denn der Elefant hat Masse, ist eine große, präsent wirkende Figur, ist aber gleichzeitig nicht wirklich da. Wir wissen, wir müssten, und trotzdem können wir nicht drüber reden. Er taucht auf, und in dem Moment, wo er voll da ist, verschwindet er.

Das ist paradox, denn eigentlich ist der Elefant ja ein sehr raumeinnehmendes Tier. Welche Rolle spielt der Raum in deinem Projekt?

Die Künstler Mark Lammert, Eran Schaerf, Leopold von Verschuer und ich, wir haben diesen Elefant im Raum gemeinsam entwickelt und viele andere Künstler*innen, unter anderem Alexander Kluge, mit ins Boot geholt. Dadurch dass wir nicht einen Raum alleine bespielen, sondern verschiedene Räume miteinander verknüpfen, kann es den einen Raum gar nicht geben. Gerade im Akademiegebäude am Hanseatenweg kann man das gut zeigen. Wir konnten das halbprivate Atelier, in dem Samuel Beckett zeitweilig gewohnt hat, mit dem öffentlichen Ausstellungsraum und einem halböffentlichen Produktionsraum verbinden, um zu zeigen, dass es für den Elefanten immer ein Netzwerk aus Räumen gibt – öffentliche Räume werden konstruiert und immer wieder neu hergestellt, sie existieren nie alleine.

In vielen deiner früheren Arbeiten, wie beispielsweise in den Texten aus die alarmbereiten, thematisierst du bewusst produzierte Dynamiken medialer Katastrophendiskurse. Steht diese Diagnose nicht im Widerspruch zum Elefanten im Raum? Oder gibt es Berührungspunkte?

Im Widerspruch würde ich nicht sagen. Die Katastrophengrammatiken werden ja zu einem gewissen Teil instrumentell benutzt. Wenn man politisch etwas durchsetzen will, benutzt man bestimmte Narrative, gewisse Dynamiken, um etwas zu lancieren und durchzubringen. Der Elefant wird auch rhetorisch instrumentalisiert. Aber er ist so vielschichtig! Deswegen ist es schwer, da eine eindeutige Antwort zu geben. Er lebt auf politischem, sozialem und psychologischem Gebiet.

Ich würde auch die Berührungspunkte betonen. Denn der Elefant im Raum steht ja gerade auch für dieses permanente Reden, während zugleich kleingehalten wird, worüber man eigentlich reden müsste. Und das korrespondiert mit dem medialen Katastrophendiskurs, in dem ständig geredet – oder wie du schreibst – nur noch „alarmiert“ wird, das tatsächliche Leid aber überhaupt nicht mehr zur Sprache kommt.

Ja genau, das gehört zusammen. Es wird über die falschen Dinge gesprochen. Obwohl oder indem man permanent spricht, wird etwas anderes unterdrückt. Daher verbinde ich mit dem Elefanten im Raum auch das Reden über Ängste. Das sind nicht unbedingt die großen Zukunftsängste, sondern situative, alltägliche. Der Elefant kann überall und permanent auftauchen. Diese Angst hat ein anderes Tempo oder einen anderen Rhythmus als die Panik der Katastrophenerzählung. Es gehört aber zusammen, ist schwer zu trennen, aber es ist auch eine andere Perspektive, mehr aus der Situation heraus. Natürlich spielt beim Elefanten auch eine Rolle, darauf ist auch Mark Lammert sofort angesprungen, dass dieses Tier ein koloniales Zeichen ist. Die Redewendung bezeichnet ja nicht zufällig einen Elefanten, sondern die Ursprungsgeschichte ist auch eine koloniale Geschichte. Da spielt etwas rein, was vielleicht unser gesellschaftlich Unbewusstes angeht.

Darauf hast du ja auch in deiner Eröffnungsrede und in der szenischen Lesung von George Orwells Essay Einen Elefanten erschießen verwiesen. Die Verbindung von Elefant und Politik ist mir darüber klarer geworden.

Ja, genau, das hängt zusammen.

Die Ausstellung umfasst nicht nur verschiedene Räume und Perspektiven, ihr arbeitet alle auch multi- und transmedial, das heißt, ihr setzt unterschiedliche Medien parallel ein oder eure Arbeiten selbst wechseln das Medium. Ich habe das als einen Versuch verstanden – und ich glaube die Formulierung stammt von Alexander Kluge –, Zusammenhang herzustellen. Und zwar einen Zusammenhang, der sich der einfachen Erklärung oder eines schnell konsumierbaren Newsflash verweigert. Wie würdest du das beschreiben?

Absolut. Für mich war unser gemeinsames Auftreten und Arbeiten sehr wichtig. Und es hat eine Form gefunden, die sehr schwer zu kommunizieren ist. Sie ist vielschichtig und weit entfernt von Ausstellungen, wie man sie meist erleben kann. Es ist nicht so, dass man irgendwo reingeht und dann sieht man drei Installationen und dann ist gut. Wir haben viele performative Elemente drin, es war und ist etwas zwischen Festival und Ausstellung, man hört sehr viel, sieht auch viel – es ist wirklich eine eigene Sache geworden und darum ging es uns auch. Und es war uns ein Anliegen, in diesem Miteinander-Nachdenken gemeinsam ein Stück weiterzukommen und nicht irgendwie nur egoshootermäßig das auszustellen, was man auch woanders gemacht hätte.

In der Ausstellung gibt es vier von euch gestalteten Zeitungen, die man sich einfach mitnehmen kann und die noch mal einen weiteren Zusammenhang eröffnen. Hier finden sich Texte, Interviews und Briefe, aber auch Bildmaterial, Zeichnungen und Fotos, die miteinander kombiniert sind, die aufeinander und auf die Ausstellung verweisen. Meiner Ansicht nach ist aber doch der Text dominierend. Sind die Zeitungen deine literarische Antwort auf den Elefanten im Raum?

Das würde ich so nicht sagen, wir haben sechs Stunden Audiomaterial, da habe ich im Grunde wahnsinnig viel Text für geschrieben. Daher ist eigentlich die Audioinstallation meine literarischste Antwort. Ich würde sagen, die Zeitschriften decken Verschiedenes ab. Meine ist sicher textbasiert, Eran Schaerf hat sich auch für einigen Text entschieden, er arbeitet ja auch zwischen den Medien. Mark Lammert hat sich für reine Bildstrecken entschieden. Und ja, es stimmt schon, die vierte Zeitschrift, die Anthologie, die ich herausgegeben habe, die ist komplett auf meinen Mist gewachsen, die ist dann wieder sehr textbasiert. Da wollte ich dann gezielt Schriftstellerkolleg*innen einbinden.

Ich meine mit dem Literarischen vielleicht auch zweierlei, zunächst recht profan den textbasierten Zugang, dann aber vor allem deine ganze Herangehensweise, die ich als literarisch beschreiben würde – ganz klar auch bei deinen Hörproduktionen. Und bei den Zeitungen fällt ja sofort auf, dass das keine Zeitungen im üblichen Sinne sind, sondern literarisch gestaltete Publikationen.

Das sind Kunstobjekte, ja.

Gerade in der von dir gestalteten Zeitung finden sich sehr viele literarische Bezüge. Du erwähnst die Autoren Thomas Melle, Eugène Ionesco und andere, weist auf Mark Twains Erzählung vom gestohlenen Elefanten hin und nennst Michel Foucault einen Elefantenschriftsteller. Auf der Titelseite deiner – ich nenne sie jetzt so – literarischen Zeitschrift finden sich Ausschnitte von Website-Adressen. Wenn man genau hinschaut, erkennt man den Link zu dem Dokumentarfilm Die Frau mit den 5 Elefanten von 2009. Der Film porträtiert Swetlana Geier, eine der bekanntesten Übersetzerinnen russischer Literatur ins Deutsche. Sie bezeichnete die Neuübersetzung der fünf großen Romane von Fjodor Dostojewskij als ihre »fünf Elefanten«. Daher doch noch einmal: Welche Rolle hat die Literatur in dieser Arbeit gespielt?

Der Elefant ist erstmal eine literarische Figur und er kommt auch aus der Literatur. Es geht um Sprache. Es geht darum, was nicht adressiert werden kann. Und die Frage danach, was nicht kommuniziert werden kann, ist ja verbunden mit Sprache. Es geht um Erzählung und Dramaturgie – das sind sehr viele Fährten, die dann in die Literatur hineinführen und mich interessiert diese Vielschichtigkeit und Ambivalenz. Mit dem Nachdenken über den Elefanten im Raum kommt man auf sehr verschiedene literarische Verfahrensebenen. Die Redewendung verweist auf das Erscheinen und Wieder-Verschwinden, auf Plötzlichkeit, sie hat etwas zu tun mit Thematisieren und Nicht-Thematisieren, mit der Frage, ob man richtig sitzen kann in seiner eigenen Sprache oder nicht, also auch mit der Frage, was Fremdsprache ist.

Auch etwas mit Konstruktion, oder?

Ja. Was sind vorherrschende Narrative, was sind Konstruktionen? Ich habe mir ein Dreivierteljahr Zeit genommen und mit Eran Schaerf und Mark Lammert einen Briefverkehr geführt, der auch in der Zeitung abgedruckt ist, und mich darin auf die Suche nach dem Narrativ des Elefanten im Raum begeben. Da habe ich sehr viel gefunden und das ist schon erstmal ein sehr literarisches Feld. Meine Kolleg*innen aus den anderen Kunstsparten haben so ein bisschen geschmunzelt und ich hörte auch, das ist typisch Schriftstellerin, dass ich diesen Titel auswähle.

Das ist interessant, da man deine Ausstellung auf den ersten Blick ja nicht sofort mit Literatur assoziieren würde. Diese findet sich eher in deinem literarischen Zugang, den Bild-Text-Kombinationen, den Hörstationen und nicht zuletzt in den Zeitschriften. Diese bieten noch einmal eine andere Voraussetzung dafür, Zusammenhang herzustellen, nämlich über die Möglichkeit, sich Zeit zu nehmen. Man kann Texte noch einmal nachlesen, wieder lesen, in Kontext mit seinen Erinnerungen an die Ausstellung bringen.

Die Wiederholung ist drin. Manchmal. Und dann sozusagen immer in veränderter Form. (Lacht)

In der Ausstellung gibt es eine Station, an der man zuhören kann, wie der Schriftsteller Doron Rabinovici dir über eine halbe Stunde lang Witze erzählt. Daher zum Abschluss: Hast du einen Lieblings-Elefantenwitz?

(Lacht) Da muss ich überlegen. Ich hab einen in Erinnerung, den finde ich eigentlich im Rahmen der Ausstellung am lustigsten: Woran erkennt man, dass ein Elefant im Kühlschrank ist?

Mmh, den hab ich wohl nicht mitbekommen ‑ weiß ich nicht.

An den Fußstapfen in der Butterdose.

(Beide lachen.)

Der ist so absurd, deswegen mag ich ihn. Es gibt übrigens Elefantenwitze, die sich Kinder erzählen, wenn sie so zwischen sechs und acht sind, die erzählen sie sich nur in diesem Alter und da gibt’s ganz viele Elefant und Maus-Witze. Weil die Größenverhältnisse irgendwie lustig sind oder eine Rolle spielen.

Ein Witz ist auch, dass der Elefant das politische Wappentier der US-Republikaner ist.

Ja! Die verwenden die Redewendung öfter mal, aber zu rein instrumentellen Zwecken. Und ich will ihn quasi wieder befreien, befreien aus den Fängen der Republikaner!

Das ist ein gutes Schlusswort!

Die Literaturwissenschaftlerin Pola Groß bearbeitet am ZfL das Forschungsprojekt »Stil und Kitsch um 1900«.