Pola Groß: STILISIERUNG ZUM KUSCHEL-PHILOSOPHEN. Zur Rezeption von Adornos »Aspekte des neuen Rechtsradikalismus«

Euphorisch nahm das deutsche Feuilleton im letzten Sommer ein schmales Bändchen auf: Theodor W. Adornos Aspekte des neuen Rechtsradikalismus, vom Suhrkamp-Verlag im Juli 2019 als schwarzer, mit oranger und weißer Schrift ebenso schlicht wie eindringlich wirkender Vorabdruck veröffentlicht.[1] Ihm liegt ein von Adorno ursprünglich 1967 vor Wiener Studierenden gehaltener Vortrag zugrunde, in dem er auf den Einzug der NPD in einige deutsche Landesparlamente Ende der 1960er Jahre reagierte. Vorherrschend in den Besprechungen war der Verweis auf »erstaunliche Parallelen« zwischen dem Rechtsradikalismus der 1960er Jahre und den »gegenwärtigen Entwicklungen«.[2] Die meisten Rezensionen, von der Süddeutschen Zeitung über die Welt bis zur ZEIT, konstatieren in eben diesem Sinne eine verblüffende Aktualität von Adornos Vortrag, die Redaktion von Spiegel Online attestiert Adorno gar hellseherische Fähigkeiten, wenn sie titelt: »Was Adorno 1967 schon über die Neue Rechte wusste

Angeregt wurde diese Rezeption durch das clevere Marketing des Suhrkamp-Verlags, der den Vortrag im Klappentext der handlichen Ausgabe als »Flaschenpost an die Zukunft« bewirbt. Bekräftigt wird diese Analogie zwischen heute und den 1960er Jahren durch den Hinweis auf das Nachwort des Historikers und Publizisten Volker Weiß, der den »Wert« von Adornos Überlegungen »für unsere Gegenwart« herausarbeite.[3] Dieses Nachwort beginnt tatsächlich mit der Feststellung, dass sich Adornos Vortrag »passagenweise wie ein Kommentar zu aktuellen Entwicklungen« lesen lasse.[4] Damit ist es dem Verlag geschickt gelungen, die Dringlichkeit des schmalen Bändchens zu behaupten – in kaum einer Buchhandlung, die etwas auf sich hielt, stand es letzten Sommer nicht an verkaufsstrategisch prominenter Stelle.

Magnus Klaue ist einer der wenigen Rezensenten, der in die Jubelrufe nicht einstimmt. In seiner Besprechung in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung kritisiert er nicht Adornos Vortrag selbst, sondern die aus seiner Sicht »um den Preis der Enthistorisierung« allzu munter betriebene Parallelisierung der damaligen mit aktuellen politischen Entwicklungen. Klaue plädiert für die Einordnung von Adornos Vortrag in seinen zeitgeschichtlichen Entstehungskontext, da sich die Situation Ende der 1960er Jahre von der heutigen deutlich unterscheide. Insbesondere kritisiert er eine tatsächlich recht lapidar anmutende Formulierung aus dem Nachwort:

»Zu einer Historisierung Kritischer Theorie besteht also kein Anlass« (S. 86).[5]

Ausgehend von dieser Formulierung weist Klaue Weiß in durchaus polemischem Ton eine enthistorisierende Lektüre und falsche historische Gleichsetzungen wie beispielsweise die zwischen Rechtsradikalismus und Nationalsozialismus nach. In weitaus weniger polemischer Manier verdeutlicht er jedoch den Punkt, um den es ihm dabei geht: Gerade wenn Adornos kritische Theorie und Thesen heute noch etwas ausrichten sollen, müssten sie historisiert werden. Es gelte »ihren Zeitkern zu entfalten, um im Licht der Differenz zur Gegenwart die Frage aufzuwerfen, was sie heute erhellen können.« Eine »forcierte Aktualisierung« dagegen, wie Weiß und der Großteil des Feuilletons sie betrieben, hebt nach Klaue »wider Willen jene Momente hervor, in denen ein Denken wirklich historisch geworden ist«, und verfehlt damit das eigentliche Anliegen, nämlich Antworten auf die drängenden Fragen nach dem Umgang mit und der Bekämpfung von rechten Bewegungen und Parteien zu finden.

Wie berechtigt ist die Kritik an Weiß? Zunächst möchte man ihr vorbehaltlos zustimmen, denn tatsächlich kommt sein Nachwort ein wenig zu leichtfüßig daher, wenn er gegen Adornos Kritik an der Reproduktion mündlicher Vorträge, in denen dieser »ein Symptom jener Verhaltensweise der verwalteten Welt« sieht, »welche noch das ephemere Wort, das seine Wahrheit an der eigenen Vergänglichkeit hat, festnagelt, um den Redenden darauf zu vereidigen«,[6] lediglich einwendet, dass der Inhalt von Adornos Rede eben nicht von flüchtigem Charakter sei (S. 60). Stattdessen hätte Weiß auf die sorgfältig edierte, zwei Monate später erscheinende Gesamtausgabe von Adornos Vorträgen 1949–1968 verweisen können, die der von Adorno benannten Gefahr durch eine ausführliche Kontextualisierung zu begegnen versucht. Auch scheint Klaues Kritik an einer Einebnung der historischen Differenzen berechtigt, wenn man Stellen wie die folgende bei Weiß betrachtet: »Zu seinem [Adornos, PG] historischen Fluchtpunkt, dem Nationalsozialismus, und dem unmittelbaren Redekontext, den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, tritt nun eine Gegenwart, in der sich eine äußerste Rechte erneut zur einflussreichen politischen Kraft entwickelt. Das verleiht Adornos Worten ihre Aktualität.« (S. 61) Kurz darauf betont allerdings auch Weiß, dass Adornos Überlegungen nicht unumwunden auf heute zu übertragen und die »Unterschiede zu beachten« seien (S. 74). Unter Rückgriff auf Adornos berühmte Formulierung vom Zeitkern der Wahrheit [7] fordert Weiß in durchaus ähnlicher Formulierung wie Klaue: »Die hellsichtig wirkende Aktualität ist mit dem historischen Zeitkern ihrer Wahrheit ins Verhältnis zu setzen.« (S. 62) Solche Formulierungen deuten darauf hin, dass die wie in obigem Zitat mitunter etwas vorschnell gezogenen Parallelen zwischen den 1930ern, 1960ern und 2010ern wohl vor allem dem Zweck geschuldet sind, das Nachwort für die sommerliche Ausgabe schnell fertigzustellen. Denn bei allen tatsächlich zu leichtfertigen Vergleichen (wie zum Beispiel von Adornos Erörterungen der Propagandatechnik der NPD mit heutigen medialen Erscheinungsformen wie Bots, Trollen und Fake News), die einer differenzierteren Analyse bedurft hätten, geht es Weiß vor allem darum zu zeigen, dass in einer Gegenwart, in der Politiker*innen, Intellektuelle, Journalist*innen und große Teile der Öffentlichkeit gleichermaßen mit Rat- und Hilflosigkeit auf den Erfolg rechter Parteien blicken, die Texte der Kritischen Theorie wertvolle Einsichten und Analyseinstrumente bereithalten könnten, um der zunehmenden Gefahr von rechts zu begegnen.

Unter diesem Blickwinkel betrachtet scheint es so, als ob Klaue und Weiß grundsätzlich gar nicht so weit voneinander entfernt sind, jedoch gänzlich Unterschiedliches unter Historisierung verstehen: Was Weiß als Historisierung der Kritischen Theorie ablehnt, ist vor allem eine Relativierung ihrer Einsichten und Positionen. Gegen den relativistischen Vorwurf des Veraltetseins hebt er daher bewusst hervor, dass die Arbeiten der Kritischen Theorie für aktuelle gesellschaftstheoretische und -politische Analysen »unverzichtbar« seien (S. 87). Klaue dagegen versteht unter Historisierung die Einbettung von Adornos Überlegungen in ihre jeweiligen historischen und theoretischen Kontexte. Nur aus diesen heraus und mitunter im Widerspruch zur heutigen Situation können sie ihre Sprengkraft entfalten: »Nur ein Denken, das nicht zu jeder Zeit zu allem passt, ist lebendig.« Wollen Klaue und Weiß also letztlich dasselbe, haben aber unterschiedliche Begriffe von Historisierung?

Wie auch immer man diese Frage beantwortet, festzuhalten bleibt, dass Klaue kritischer und deutlicher als die meisten Rezensent*innen darauf hingewiesen hat, dass Adornos Thesen nicht umstandslos auf die Gegenwart zu übertragen sind, wenn sie wirksam sein sollen. Die Einbettung seiner Argumentation in ihren ursprünglichen Kontext ist wichtig, um die heutige Situation nicht herunterzuspielen. Adorno attestiert der NPD beispielsweise Diskursfeindlichkeit und »Theorielosigkeit« (S. 448); beides kann von der Neuen Rechten heute (leider) nicht mehr behauptet werden. Auch Weiß’ Feststellung, dass im Nationalsozialismus »der Rechtsradikalismus […] Staatsraison gewesen« sei (S. 67f.), setzt nicht nur beide Phänomene fälschlich in eins, sondern macht es sich – und vor allem der Neuen Rechten – entschieden zu einfach. Denn genau diese Argumente kennt Letztere mittlerweile nur zu gut und hat gelernt, sie etwa durch den knappen Hinweis, eine demokratische Bewegung zu sein, abzutun. Erst das genaue Auseinanderhalten der historisch unterschiedlichen Zeiten und Sachverhalte ermöglicht eine treffende Analyse der jeweiligen Phänomene. Ansonsten verkennt man, was sich geschichtlich geändert hat: Die Kritik sitzt besser, wenn man unterscheidet.[9]

Eine Enthistorisierung von Adornos Vortrag im Sinne einer vorschnellen Aktualisierung dagegen trägt dazu bei, seine Thesen zu entschärfen und Adorno selbst zu einer Art Kuschel-Philosophen zu degradieren. Auf einmal macht man es sich mit dem guten alten Adorno (wer hätte das gedacht?) auf dem Sofa gemütlich, nickt zustimmend zu den so aktuell anmutenden Thesen, legt das Bändchen weg und wähnt sich selbst schon recht widerständig. Einer solchen Rezeption leistet auch die handliche Ausgabe Vorschub, die vor allem die Aktualität des Vortrags betont und dadurch verpasst, die historischen und theoretischen Voraussetzungen und Anlässe von Adornos Denken zu klären.

Kurzum: Trägt nicht gerade die Herauslösung von Adornos Vortrag aus seinem historisch-theoretischen Kontext dazu bei, sich mit der scheinbar so gut aufgehenden Analogie zu begnügen und dabei das (Weiter-)Denken einzustellen? Damit gerät man dann allerdings erst recht in jenes »schlecht zuschauerhafte[] Verhältnis zur Wirklichkeit« (S. 467), vor dem Adorno am Ende von Aspekte des neuen Rechtsradikalismus warnt. Eine Lektüre, die die historischen Differenzen allzu schnell beiseite wischt, stilisiert Adorno zu einem Klassiker (der er nie gewesen ist), dessen einzig kritisches Potential darin besteht, der Gegenwart nahezu prophetisch die politische Analyse abzunehmen. Dass dies genau nicht sein Anliegen war, stellt Adorno selbst am Ende seines Vortrags durch die Weigerung klar, Prognosen über die Zukunft des Rechtsradikalismus zu geben:

»Ich halte diese Frage für falsch, denn sie ist viel zu kontemplativ. In dieser Art des Denkens, die solche Dinge von vornherein ansieht wie Naturkatastrophen, über die man Voraussagen macht wie über Wirbelwinde oder über Wetterkatastrophen, da steckt bereits eine Art von Resignation drin, durch die man sich selbst als politisches Subjekt eigentlich ausschaltet […].« (S. 466f.)

Mit Adorno selbst muss man daher Einspruch erheben gegen die Verklärung seines Vortrags als »Flaschenpost an die Zukunft«.

 

[1] Der Vorabdruck ging dem von Michael Schwarz edierten Band Theodor W. Adorno. Vorträge 1949–1968 voraus, der innerhalb der vom Theodor W. Adorno Archiv herausgegebenen Nachgelassenen Schriften im September 2019 erschien und insgesamt zwanzig bisher unveröffentlichte Vorträge versammelt. Umfassend und ausführlich werden die Vorträge in ihren theoretischen wie zeithistorischen Kontext eingeordnet. Im Folgenden zitiere ich Adornos Aspekte des neuen Rechtsradikalismus aus diesem Band unter Angabe der Seitenzahl im Text.

[2] Raphael Schmaroch: »Theodor W. Adorno. ›Aspekte des neuen Rechtsradikalismus‹«, Deutschlandfunk, 2.9.2019 (zuletzt abgerufen am 16.1.2020).

[3] Klappentext zu: Theodor W. Adorno: Aspekte des neuen Rechtsradikalismus. Ein Vortrag, Berlin 2019.

[4] Volker Weiß: »Nachwort«, in: ebd., S. 59–87, hier S. 59. Im Folgenden zitiert unter Angabe der Seitenzahl im Text.

[5] Diese Aussage zweifelt auch Rudolf Walther in der taz an, allerdings weniger aufgrund einer problematischen Enthistorisierung von Adornos Thesen, sondern weil ihn diese in ihrer Skizzenhaftigkeit enttäuschten; vgl. Rudolf Walther: »Drastische Namen für Propaganda«, in: Die Tageszeitung, 15.7.2019 (zuletzt abgerufen am 16.1.2020).

[6] Theodor W. Adorno: »Zur Bekämpfung des Antisemitismus heute«, in: ders.: Gesammelte Schriften 20.1, hg. v. Rolf Tiedemann, Frankfurt a. M. 1997, S. 360, Fußnote.

[7] Adorno spricht an vielen Stellen in seinem Werk vom Zeitkern der Wahrheit; vgl. exemplarisch Adorno: Der Essay als Form, GS 11, S. 18.

[8] Vgl. hierzu auch die bisherigen Beiträge des ZfL zum Jahresthema »Historisieren heute«.

[9] Diese Formulierung verdanke ich Hendrik Gehlmann.

 

Die Literaturwissenschaftlerin Pola Groß ist seit 2019 wissenschaftliche Mitarbeiterin am ZfL. In diesem Jahr erscheint bei De Gruyter ihre Dissertation unter dem Titel »Adornos Lächeln: Das ›Glück am Ästhetischen‹ in seinen literatur- und kulturtheoretischen Essays«.