Theoriegeschichte Archive – ZfL BLOG https://www.zflprojekte.de/zfl-blog/tag/theoriegeschichte/ Blog des Leibniz-Zentrums für Literatur- und Kulturforschung, Berlin Tue, 05 May 2026 07:39:20 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=6.9.4 https://www.zflprojekte.de/zfl-blog/wp-content/uploads/2019/01/cropped-ZfL_Bildmarke_RGB_rot-32x32.png Theoriegeschichte Archive – ZfL BLOG https://www.zflprojekte.de/zfl-blog/tag/theoriegeschichte/ 32 32 Eva Geulen: ZAUNGAST BEI HABERMAS IN BALTIMORE https://www.zflprojekte.de/zfl-blog/2026/05/04/eva-geulen-zaungast-bei-habermas-in-baltimore/ Mon, 04 May 2026 08:10:33 +0000 https://www.zflprojekte.de/zfl-blog/?p=3931 Das länger erwartete und lange ausgebliebene Ableben des 96-jährigen Jürgen Habermas lässt eher mehr als weniger Leute ratlos zurück.[1] Er fehlt als Feind und als Freund. So oder so hat Habermas für Orientierung gesorgt. Er konnte es, weil er selbst immer zu wissen schien, wo er stand und wo es lang zu gehen hatte. In Weiterlesen

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Das länger erwartete und lange ausgebliebene Ableben des 96-jährigen Jürgen Habermas lässt eher mehr als weniger Leute ratlos zurück.[1] Er fehlt als Feind und als Freund. So oder so hat Habermas für Orientierung gesorgt. Er konnte es, weil er selbst immer zu wissen schien, wo er stand und wo es lang zu gehen hatte. In einer machtpolitisch enthemmten Welt ist er fehl am Platz. Und man kann auch bezweifeln, ob er dem jüngsten Strukturwandel der Öffentlichkeit gerecht geworden ist.[2] Aber wer wird es?

In den 1980er Jahren meiner US-amerikanischen akademischen Sozialisation war Habermas ein Orientierung stiftender Gegner. Kenntnis des 1962 erschienen Strukturwandels der Öffentlichkeit war obligatorisch, aber die Studie galt als idealisierend. Es gehörte zum guten Ton, sich über Habermas’ Glauben an eine räsonierende Öffentlichkeit und die vermeintliche Zwanglosigkeit des besseren Arguments zu mokieren. Groß war die Entrüstung, als 1985 Der philosophische Diskurs der Moderne erschien. Der Reihe nach wurden dort all die Autoren verworfen, die in meinen Augen damals das ›bessere‹ Argument hatten: Benjamin, Adorno, Derrida und Foucault. Habermas’ unnachgiebiger Umgang mit ihnen war herrisch – und ich wusste, wo ich stand. Erst später, vor allem nach 1989, haben mir seine zeitbezogenen und offensiv politischen Interventionen wegen ihrer Hellsichtigkeit und Präzision nicht immer, aber häufig Bewunderung abgerungen – nicht jedoch die gemeinsam mit anderen verfasste Stellungnahme zu Israel und Gaza.[3] Und noch einmal später lernte ich seine frühen Essays kennen und schätzen. Zum Freund wurde er durch die glänzenden Aufsätze des Edition-Suhrkamp-Bandes Technik und Wissenschaft als »Ideologie« (1968).

Die Feindjahre kamen zuerst, die Freundjahre danach. Sie überlappten sich nicht. Mit einer Ausnahme. Im September 1988 fand im Vortragssaal der Milton S. Eisenhower Library der Johns Hopkins University ein Symposion mit dem Titel »The Contemporary German Mind« statt. Derselbe Raum war 1966 Austragungsort der legendären Tagung »The Languages of Criticism and the Sciences of Man« gewesen, an der u.a. Jacques Lacan und Jacques Derrida teilgenommen hatten und auf die üblicherweise der Beginn des Poststrukturalismus datiert wird.[4] Diesem Erbe war man in Baltimore treu geblieben. Neben der Yale School war dort seit den späten 1970er Jahren ein akademisches Zentrum dessen entstanden, was man deconstruction zu nennen begann: Derrida war regelmäßig zu Gast, Carol Jacobs, Rodolphe Gasché, auch Samuel Weber, der gemeinsam mit Neil Hertz jeden Herbst eine Einführung in die Psychoanalyse anbot. Werner Hamacher war 1984 ans German Department berufen worden. Im Spätsommer 1987 hatte der belgische Literaturwissenschaftler Ortwin de Graef zum Teil antisemitische Artikel entdeckt, die der 1983 verstorbene Paul de Man während des Zweiten Weltkriegs für eine regimetreue belgische Zeitschrift verfasst hatte. Die Entdeckung dieser Texte löste sofort weltweit heftige Kontroversen aus, auch in Baltimore. Alle Texte de Mans aus der Kriegszeit wurden in den folgenden zwei Jahren von Kolleg:innen an Hopkins ediert und kommentiert.[5]

Zu jener Tagung über ›den deutschen Geist‹ ein Jahr später im September 1988, die unter der Schirmherrschaft des American Institute for Contemporary German Studies und der ZEIT stattfand, hatte Steven Muller, der deutschstämmige Präsident der Johns Hopkins University, geladen. Wir nannten den stets gebräunten Mann, der die Geschicke der JHU von 1972 bis 1990 so ambitioniert wie erfolgreich leitete, »The Man with the Tan«. Seine Gäste waren Hans Magnus Enzensberger, Peter Sloterdijk, Wolf Lepenies, Hartmut von Hentig, Marion Gräfin Dönhoff – und Jürgen Habermas. Von amerikanischer Seite war Fritz Stern dabei. Die deutschen Intellektuellen waren nicht zum freien Räsonieren gekommen, sondern hatten eine Frage zu beantworten, die der Präsident ihnen in seinem Einladungsschreiben gestellt hatte: »Gemessen an der großen Wirkung deutschen Denkens in der Vergangenheit läßt sich heute eine gewisse Erosion des deutschen intellektuellen Einflusses beobachten. […] Gibt es heute in Deutschland überhaupt intellektuelle Trends von Bedeutung? Wenn nicht, warum nicht?«[6]

Das Symposion fand auf Deutsch statt. Nicht geladen waren wir, die Promovierenden des German Departments. Es bedurfte einer Intervention des damaligen Chair Rainer Nägele, damit uns Zutritt zu der eigentlich geschlossenen Veranstaltung gewährt wurde. Habermas hielt die Keynote. Es war das erste und das letzte Mal, dass ich ihn persönlich erlebt habe.

Die ganze Sache war ein starkes Stück: Der Universitätspräsident wollte von der Suhrkamp-Lobby (die damals noch nicht so hieß, es aber war) und ihren Gegnern (denn Sloterdijk und Enzensberger standen in meinen Augen schon damals keineswegs da, wo Habermas, von Hentig oder Dönhoff standen) wissen, wo denn das intellektuelle deutsche Wirtschaftswunder geblieben sei. Dass es tatsächlich genau so gemeint war, belegt der einen Monat später in der mitorganisierenden ZEIT erschienene Tagungsbericht von Dönhoff. Unter dem Titel »Ob unser Geist noch weht? So übel fällt die Antwort deutscher Intellektueller nicht aus«[7] beugte sie sich noch einmal Mullers ursprünglicher Fragestellung, rückte jedoch die Spannungen und Generationskonflikte innerhalb dieser Gruppe wieder ins Licht, die in der Situation vor Ort verblasst waren: Sloterdijk fand sie unverständlich, Enzensbergers vergiftetes Lob der Mittelmäßigkeit war ihr auch nicht geheuer. Aber in Baltimore hatten sie gemeinsam geradezustehen für die Frage nach der Erosion des deutschen Geistes nach 1945.

Uns als der ganz jungen Generation vor Ort stand glasklar vor Augen, dass die uns anachronistisch anmutende Frage nach den erbrachten oder nicht erbrachten Leistungen ›des deutschen Geistes nach 1945‹ einen sehr aktuellen Hintergrund hatte, der durch den sogenannten ›de Man-Skandal‹ im Vorjahr eine gewisse Brisanz gewonnen hatte, worüber aber niemand der Anwesenden sprach, auch nicht über den Historikerstreit 1986/87. Muller wusste, dass seine Hopkins-Humanities-Leute lieber französische Autoren lasen, Nietzsche aus Frankreich[8] bevorzugten, Hegel, Marx und Heidegger via Derrida in englischer Übersetzung rezipierten. Und er wollte wissen, warum.

Meiner Erinnerung nach hat sich Habermas Mullers Frage devot angenommen und sie apologetisch beantwortet. Pflichtschuldig versammelte sein Referat, was die Nachkriegskultur geleistet haben sollte, die ein Jahr später endgültig zu Ende ging. Grass, Walser, Weiss, Johnson und Enzensberger, der neue deutsche Film, Internationalisierung der Geisteswissenschaften, Abschied vom deutschen Sonderweg, Normalisierung.

Sowohl gegen diese Unterwürfigkeit wie gegen diese ›Erfolgsgeschichte‹ begehrte ein mit Rest-Teutonentum versetztes und sehr gemischtes Gefühl in mir auf: Ob Freund oder Feind, ein Jürgen Habermas hatte es nicht nötig, dem befremdlichen Ansinnen dieses amerikanischen Präsidenten zu Willen zu sein, auch wenn Hopkins die erste nach deutschem Modell organisierte Forschungsuniversität in den Staaten war! Einerseits. Andererseits war Habermas’ Geschichte vom Ankommen der Bundesrepublik im Westen auch nicht akzeptabel: Was maßte er sich eigentlich an, für wen sprach er, und wie konnte er so viel weg- und auslassen? Dass es zwischen Mullers Fragestellung und Habermas’ Antwort eine schräge Konvergenz zu geben schien, brachte meine im Verlauf des Vortrags etwas durcheinander geratene Welt der klaren Standpunkte vorläufig wieder ins Lot.

Aber dann ereignete sich mitten im Habermas-Vortrag eine Unterbrechung, die alles wieder verwirrte. Der Universitätspräsident Muller rollte einen Fernsehapparat in den Raum, auf dem jetzt, gleich, sofort, der Start der Raumfähre Discovery zu sehen sein würde. Nach der Challenger-Katastrophe 1986 waren die Space-Shuttle-Flüge der NASA vorübergehend auf Eis gelegt worden. Für Hopkins bedeutete das einen Rückschlag, denn dort wurde in einer Kooperation von Universität und Verteidigungsministerium das Hubble-Weltraumteleskop gebaut, das seine ersten Bilder 1990 sandte. Die Wiederaufnahme der Flüge Ende September 1988 war das Zeichen dafür, dass es endlich wieder weiterging.

Es war nicht viel zu sehen, und schon gar nicht von den hinteren Plätzen des Saals, aber der Enthusiasmus des Präsidenten war nicht zu bremsen. Habermas war bereits vom Pult zurückgetreten, als Muller sich strahlend an ihn und das Publikum wandte: »I feel like applauding!« Und alle applaudierten, auch der mitten im Satz unterbrochene Habermas. Von wegen deutscher Geist! Da war sie, die Kehrseite der Verwestlichung, der militärisch-akademische Komplex in Reinform! Wie konnte er nur applaudieren? Aber weil die Situation so grotesk war, blieb ihm nichts anderes übrig. Mein gemischtes Gefühl ging über in eine Welle von Solidarität mit diesem Habermas.  

So ist es in meiner Erinnerung. Aber so war es nicht. Die Fakten stimmen, aber mein Eindruck vom Vortrag stimmt nicht. 1990 erschienen vier der Beiträge des Symposions im Bonner Bouvier Verlag.[9] Wie Dönhoff nimmt auch Habermas kritisch Stellung zu einzelnen Referaten, aber die Binnenkritik ist sehr viel komplizierter und steht zunächst auch nicht im Vordergrund. Stattdessen kann man nachlesen, wie sich Habermas auf Mullers Fragestellung einlässt. Er zitiert sie eingangs wörtlich und kommentiert trocken: »Dieser Stachel sitzt – wenn schon nicht im satten Fleisch des ›deutschen Geistes‹, so doch in der dünnen Haut eines Wissenschaftlers« (11). Die ominöse Formel vom deutschen Geist, Mullers Bezug auf 1945 als »Schlag der Niederlage und der Okkupation«[10] [sic!] spiegelt Habermas in dem ein Jahr vor seinem Vortrag erschienenen Buch der früheren NS-Propagandistin und späteren Allensbacher Demoskopin Elisabeth Noelle-Neumann, Die verletzte Nation (13):[11] »In dunklen Farben malt sie das Bild einer verunsicherten Nation, die tief getroffen ist durch militärische Niederlage, Verlust der nationalen Einheit und Wechsel des politischen Systems. Der deutsche Geist – hier haben wir ihn – ist demnach charakterisiert durch ein vergleichsweise schwaches Nationalbewußtsein, mangelnde Arbeitsfreude, gelockerte religiöse Bindung, gebrochenen Selbstbehauptungswillen, pazifistische Neigung, antiautoritäre Einstellung und hadernde Selbstkritik« (ebd.). Dass dieses Buch 1987 erscheinen konnte, bezeugt, wie intakt NS-Kontinuitäten im konservativen Lager damals noch waren. Habermas’ »Gegenrechnungen« (11) waren keine apologetische Erfolgsgeschichte der Bundesrepublik, sondern er wandte sich damit gegen ältere Beharrungskräfte.

Auch Mullers Wort von der »Erosion des deutschen intellektuellen Einflusses« nimmt Habermas auf, um es aber auf das endlich gelungene »[Z]erbröseln« (19) der verbliebenen Kontinuitäten zu beziehen. Erst nach 1968, als die rigorose Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit in die akademische Welt eindrang, »beobachten wir das Ende dieses Erosionsprozesses« (ebd.). Deshalb wendet er gegen Enzensberger ein, »auch in der Verherrlichung der neuen Oberflächlichkeit steckt noch etwas von einer Reaktion auf den zerronnenen Traum vom Triumph der Tiefe« (15). Auch Habermas’ Bemerkung »Kluge und Schlöndorff sind typischer als Syberberg und Herzog« (ebd.) muss man vor dem Hintergrund seiner Gegner sehen. Diese ältere Front des 1927 Geborenen hatte ich damals nicht im Blick.

Für die Zeit »Nach der Revolte« von 1968 identifiziert Habermas »Zwei Reaktionen« (19), zum einen den konservativen »Wiederbelebungsversuch« der Geisteswissenschaften (20), von der Einrichtung einer entsprechenden FAZ-Rubrik unter Joachim Fest bis zur Gruppe Poetik und Hermeneutik. Habermas verzichtet auf deren namentliche Nennung, aber man weiß, was gemeint ist, wenn es heißt: »Diesem Trend verdankt sich beispielsweise die öffentliche Aufmerksamkeit, die das bedeutende Werk von H. Blumenberg schon in den sechziger Jahren verdient hätte« (ebd.). Immerhin.

Und die zweite Reaktion, das waren wir vor Ort: »Hierzulande treffen der französisch verfremdete Nietzsche und der aus dem Westen reimportierte Heidegger auf vertraute Vorurteile gegen Technik und Massenzivilisation« (ebd.). Dass der Poststrukturalismus in den USA so populär war, wundert Habermas keineswegs, »denn das Geschäft einer radikal selbstbezüglichen Vernunftkritik, das für Frankreich ebenso neu ist wie für die angelsächsische Welt, wird bei uns schon seit den Tagen Hegels betrieben« (21). Der deutsche Geist, hier haben wir ihn. Und es ist was dran. In Deutschland blühe derweil »auf dem Sockel einer relativ hohen akademischen Arbeitslosigkeit – ein intellektuelles Kleingewerbe, das es in dieser Vitalität seit den zwanziger Jahren nicht mehr gegeben haben dürfte« (ebd.). Habermas sortiert, ordnet an und teilt aus.

Auch und gerade die Binnen-Feinde haben ihren Ort in seinem mit zahlreichen Namen und Texten gespickten Abriss von der Zwischenkriegszeit bis zur Gegenwart. Für die 1920er Jahre nennt Habermas Ludwig Wittgensteins Tractatus (1921), Georg Lukács’ Geschichte und Klassenbewußtsein (1923) und Martin Heideggers Sein und Zeit (1927) (vgl. 12), und er fügt hinzu: »Ein zeitgenössischer Beobachter Anfang der dreißiger Jahre hätte wohl eher Husserl, Scheler und Jaspers genannt. Wie dem auch sei, nach dem Niedergang des weltweit anerkannten Neukantianismus gab es jedenfalls glanzvolle Leistungen« (ebd.). Wie dem auch sei? Die ersten drei Bücher werden zuerst angeführt, weil sie sich in der Rezeption bis in die jüngste Gegenwart durchsetzen konnten. Daran zeigt sich, dass Habermas eben nicht nur von seinem Standpunkt aus oder für seine Generation spricht. Zwar gilt: »Jeder Blick ist durch historische Erfahrungen imprägniert. Das heißt noch nicht, daß er getrübt ist« (ebd.). Darin steckt auch der Sinn für die historischen Erfahrungen anderer. Der Satz enthält eine mir damals ebenfalls entgangene Konzession an Muller, den deutschen Emigranten, dessen jüdischer Vater 1938 verhaftet worden war und der dann mit der Familie in die USA floh. Auch deshalb macht Habermas, zwei Jahre jünger als Muller, die Rolle der Emigranten stark, an die seine eigene Generation anschließen konnte.

Aber gleichberechtigt mit im Fokus stehen die nach 1945 bundesrepublikanisch Sozialisierten und damit das, was sich mit der »einsetzenden Dämmerung der Adenauer-Zeit« (17) herauskristallisierte: u.a. Ernst Tugendhat, Michael Theunissen, Dieter Henrich in der Philosophie, Claus Offe in der Soziologie, Hans-Ulrich Wehler in der Geschichtswissenschaft und natürlich der Antipode Niklas Luhmann,[12] dessen »ingeniöse Umformung der Systemtheorie« hier einmal »auf Husserls Schultern« (ebd.) stehen darf. Aus der nächsten Generation finden Renate Lachmann und Hans-Ulrich Gumbrecht lobende Erwähnung. Der letzte Name, der fällt, ist Christoph Menke, dessen Dissertation Die Souveränität der Kunst im selben Jahr 1988 erschien. Fraglich ist, ob dieser mit Habermas’ Charakterisierung einverstanden wäre, dass die Arbeit »Derridasche Argumente benutzt, um Adornos Ästhetik eine Lesart zu geben, in deren Licht Derrida seinerseits als ›umgekehrter Romantiker‹ kritisiert werden kann« (22). Aber Habermas hatte die damals Jüngsten auf dem Schirm. Er kannte sich aus.

12 Abschnitte auf 12 Druckseiten. Was er zu sagen hatte, war weder devot noch apologetisch, sondern sehr kenntnisreich, überraschend großzügig und im Rückblick auch weitsichtig, während ich nur hörte, was ich damals hören wollte. Polemischer Verkürzungen ungeachtet hat seine damalige Bestandsaufnahme bis heute Bestand. Mein Respekt vor dem sich nicht verbiegenden Eigensinn, mit dem er Mullers Frage beantwortete, kommt spät, aus einer anderen Welt ohne Orientierung.

Die Literaturwissenschaftlerin Eva Geulen ist die Direktorin des ZfL. 

[1] Eine Kurzfassung dieses Texts ist am 13. April 2026 in der Online-Ausgabe der Zeitschrift Texte zur Kunst erschienen.

[2] Vgl. Jürgen Habermas: Ein neuer Strukturwandel der Öffentlichkeit und die deliberative Politik, Berlin 2022.

[3] Vgl. hierzu Philipp Felsch: »Der Teufelskreis des Partikularismus – Habermas und die deutsche Erinnerungskultur«, in: Berlin Review 18 (2026), 6.4.2026.

[4] Vgl. Richard Macksey/Eugenio Donato (Hg.): The Structuralist Controversy. The Languages of Criticism and the Sciences of Man, Baltimore/London 1972.

[5] Vgl. Paul de Man: Wartime Journalism, 1939–1943, hg. von Werner Hamacher, Neil Hertz und Thomas Keenan, Lincoln 1988; sowie dies. (Hg.): Responses. On Paul de Man’s Wartime Journalism, Lincoln 1989.

[6] Zit. nach Jürgen Habermas: »Zur Stellung der Sozial- und Geisteswissenschaften. Ein Blick auf die Nachkriegsentwicklung«, in: Der deutsche Geist der Gegenwart. Mit Beiträgen von Jürgen Habermas, Peter Sloterdijk, Wolf Lepenies, Hartmut von Hentig, hg. vom American Institute for Contemporary German Studies, Bonn 1990, S. 11–23, hier S. 11. Dieser Text wird im Folgenden in runden Klammern im Fließtext zitiert.

[7] Vgl. Marion Gräfin Dönhoff: »Ob unser Geist noch weht? So übel fällt die Antwort deutscher Intellektueller nicht aus«, in: DIE ZEIT 42 (1988).

[8] Vgl. Werner Hamacher (Hg.): Nietzsche aus Frankreich, Berlin 1986.

[9] Vgl. Der deutsche Geist der Gegenwart (Anm. 6).

[10] So Steven Muller in seiner Einleitung zu Der deutsche Geist der Gegenwart (Anm. 6), S. 7–10, hier S. 9.

[11] Habermas hat sich beim Titel vertan, er nennt das Buch »Die verwundete Nation«.

[12] Vgl. Jürgen Habermas/Niklas Luhmann: Theorie der Gesellschaft oder Sozialtechnologie, Frankfurt a.M. 1971.

 

VORGESCHLAGENE ZITIERWEISE: Eva Geulen: Zaungast bei Habermas in Baltimore, in: ZfL Blog, 4.5.2026, [https://www.zflprojekte.de/zfl-blog/2026/05/04/eva-geulen-zaungast-bei-habermas-in-baltimore/].
DOI: https://doi.org/10.13151/zfl-blog/20260504-01

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Aurore Peyroles: FOR OR AGAINST POLITICAL LITERATURE. A French Controversy https://www.zflprojekte.de/zfl-blog/2025/04/02/aurore-peyroles-for-or-against-political-literature-a-french-controversy/ Wed, 02 Apr 2025 07:25:53 +0000 https://www.zflprojekte.de/zfl-blog/?p=3735 In January 2024, a small volume with a deliberately provocative title was published in France: Contre la littérature politique[1] – against political literature. The title, which suggests yet another attack on littérature engagée or message-oriented literature, is remarkable not only because it features contributions by a number of French authors known for the critical power Weiterlesen

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In January 2024, a small volume with a deliberately provocative title was published in France: Contre la littérature politique[1] – against political literature. The title, which suggests yet another attack on littérature engagée or message-oriented literature, is remarkable not only because it features contributions by a number of French authors known for the critical power of their texts, their radicalism, and/or their commitment,[2] but also because the book was published by one of the most left-wing publishers on the French literary scene, La fabrique éditions. It is not surprising, therefore, that the contributors do not target political literature as a whole, but a certain kind of political literature, a certain way in which texts that they consider innocuous are labelled political. They criticize the depoliticization of literature at a time when its political significance is being elevated and call for a rethinking of the relationship between literature and politics, renewing the tensions between these two components rather than taking their interrelationship for granted.

Repair the world

The book’s cover claims that the word “politics” is omnipresent in contemporary literature, “perhaps to such an extent that its meaning is diffused and its scope attenuated.” Indeed, asserting its political significance seems to justify literary activity, the “usefulness” of which has been vigorously contested by the political authorities in France since the presidency of Nicolas Sarkozy (2007–2012) and the subsequent neoliberal policies.[3] This led to a certain anxiety in the literary field that sought to justify its existence by claiming a necessary socio-political mission; namely, that literature contributes to the common good.

In this respect, Jacques Rancière’s definition of the politics of literature seems particularly relevant – and indeed useful. By separating the politics of literature from “the politics of writers and their commitments,” but also from “the modes of representation of the political issues and struggles of their times,” he asserts that literature practices politics by overturning the configuration of the given, and by creating a new “distribution of the sensible.”[4] With this expression, Rancière refers to the configuration of places and the position to which each person or group is assigned within a hierarchically structured common space: Who occupies the center and who is relegated to the margins? Literature, through its ability to disrupt the established distribution of the sensible and the hierarchies of subjects worthy of attention, reaches the heart of politics as Rancière understands it, “mak[ing] visible what had no business being seen, mak[ing] understood as discourse what was once only heard as noise” and shifting “a body from the place assigned to it.”[5]

Literature directs attention to subjects and objects that are often excluded from the public discourse. It represents people who are not (or no longer) politically represented within the usual democratic processes. It redefines what is important and what isn’t. And, by introducing the voice of the voiceless into the public arena, literature sometimes aims to not only break the political and medial silence surrounding certain groups and individuals, but to “repair the world.”[6] The title chosen by academic Alexandre Gefen to describe “French Literature in the 21st Century” sums up the (good) intentions of this kind of reparative literature:

“The beginning of the twenty-first century has seen the emergence of a notion of writing and reading I would describe as ‘therapeutic’ – of a literature that heals, that cares for, that helps, or at least that ‘does good.’ It appears to me that, in our democracies lacking in major collective hermeneutical or spiritual frameworks, literary narrative holds the promise of considering the singular, of making sense of pluralized identities, of reweaving geographies through the formation of communities: these programs are not so much emancipatory as reparative.”[7]

It is precisely this association of reparative literature with the adjective “political” and the equation of politics with the laudable goal of reparation that the authors of Contre la littérature politique challenge. They spot a double redefinition: literature is no longer primarily defined as a linguistic operation with an aesthetic goal, but as a social and transitive act of consolation; politics is no longer understood as a collective project of emancipation, but as an awareness of otherness with the aim to appease, coexist, and reconcile.

Beaucoup d’intentions, peu de crimes (many intentions, few crimes)[8]

The idea that literature fulfills a political function mainly by ensuring the representation of the marginalized and thereby achieving a redistribution of attention must be questioned from both a literary and a political point of view.

First, is it enough to want to see the least visible, to hear the voiceless, in order to actually see or hear them? Is it enough to open one’s eyes or to go out into the “field”?[9] Such an approach would lead to a misunderstanding of the deeper causes of social invisibility. The subaltern is inaudible not primarily because they lack a voice, but due to economic, material, and symbolic configurations that prevent them from being heard.[10] Second, what form should the representation of the invisible take? By what syntactic, lexical, or linguistic means? By mobilizing which specific emotions? The narrative form is not neutral; it reformulates experiences and inscribes them into certain frames. What are these frames? Finally, can we really assume that the literary representation of the marginalized leads to better political representation? Does representation (Darstellung) necessarily lead to mandate (Vertretung) and political recognition? To deliberately confuse the two meanings of the term “representation” is to postulate that injustices in the distribution of attention, or injustices as such, could be solved by simply becoming aware of their existence. However, if we look at the number of works that have dealt with such representations for decades, works that are read and (by their own admission) even appreciated by political leaders, and if we then look at the policies pursued by these same leaders, there seems to be no logical progression from exposure to awareness and to more equitable policies.[11] The profound injustice in the distribution of attention, and, by extension, of wealth, cannot be explained with ignorance, but by looking at structures that are maintained in full knowledge of the facts.

This raises the question of the political reach of a literature that redistributes the sensible by focusing on individual scale and empathy, while ignoring the causes that actively marginalize and render invisible certain groups and individuals. By engaging in a non-confrontational redefinition of the political and by suggesting that marginalization can be resolved through representation, which would in turn require a degree of reparation and consolation, what the author Sandra Lucbert derisively calls “la-littérature-politique”[12] would definitively depoliticize the very social issues it seeks to explain.

Contre la littérature politique does not oppose the politics of literature in Rancière’s understanding, but its potential “weak interpretation.” It is not enough to give a voice to the unheard in order to write political literature or to make literature political.

“Faire politiquement de la littérature / pas de la littérature politique” (make literature politically / not political literature)[13]

In her contribution, Leslie Kaplan calls for “making literature politically / not political literature.”[14] This turns the articulation between literature and politics into an act that is never given as such but must always be performed anew. The political dimension of literature lies less in the choice of certain topics than in the way it is practised. Literature, then, becomes a means of disturbance and disquiet (which need not be agonizing) that actively and effectively disturbs what is presented as self-evident and unchangeable. In this way, everything can be politicized, i.e. questioned, including the purchase of a tomato plant and the narrative therein. The narrator of Nathalie Quintane’s Tomates (2010) struggles to choose between unusual tomato seeds and plants with more certain results, wondering how she can properly serve herself and her convictions:

“The prospect of nothing to come or of stunted tomatoes prevailed: I did not buy seeds from Kokopelli, but plants from Jardiland, thus arranging a transition between a life without my own tomatoes and a life with rare tomatoes. I am well aware that this kind of precision is amusing, but the word Tomato should not take precedence over the others and their seriousness. The problem of choosing between a non-industrial seed and a plant derived from an industrial seed is akin to the dilemma of the activist who wonders whether to stay in the Socialist Party or leave it out of loyalty to a beloved past, and it hurts.”[15]

This is a far cry from justifying literature with its ability to compensate for the shortcomings of representative democracy. Quintane openly questions the political efficacy of her own practice and refuses to enter the predetermined terrain of a fixed definition of what political (literature) means. She represents no one but herself and is faced with a dilemma that, while not tragic, is nonetheless important: which tomatoes should she pick? Eventually,

“the tomatoes, which in the meantime had become my tomatoes, were growing, that is to say, their stems, after the suckers had been removed, had widened and grown all the way down, and from the flowers little balls had sprouted, little peas that were getting rounder by the day, their skin shiny and firm. […] It is certain that this does not make a community, much less a couple, but a kind of art, the art of touching, of feeling, of grasping, of circumventing, of sensitive intellection.”[16]

The art form promoted here pays attention to contours and materials, processes and choices according to the principle of trial and error, while being firmly rooted in the sensitive world. It does not aim to depict the “real world,” but to make it the object/subject of a (far-fetched) questioning, or to give it the disturbance of attention and astonishment. The text does not necessarily reveal the magic of the world or the extraordinary dimension of the most ordinary gestures. It merely invites us to take a different look at it.

The other contributions to Contre la littérature politique also take this approach. Not only are they remarkably heterogenous, they also overwhelmingly reject the essay form and refuse to offer theories that question and subsequently redefine what is called political literature. Without a preface or epilogue providing a theoretical understanding of the issues at stake, each contribution explores what is practically raised by reflecting on the two terms in combination. We have not learned what a “real,” “authentic” political literature should look like when we close the book, but it does present us with a range of possibilities. This way of practising literature does not hope to fulfill an important mission and reveal a part of reality that has remained invisible to an indifferent world. It acknowledges the fact that literature “is undoubtedly not much and yet not nothing,” “[n]either demiurgic, nor heroic, nor rigorously worthless”—just like choosing a tomato plant. As Sandra Lucbert writes:

“To say that literature can work on politics is not to say that its texts can raise the world by their power alone. […] The uprising of the world is a collective work: literature takes its place in it. Neither prodigious nor null. But it should at least take its place.”[17]

Not believing in telluric powers of revelation and not hoping that it can change the world, literature can potentially offer a different perspective, a perspective situated closely to the ground and to the tomatoes growing from it.

 

Romance literary scholar Aurore Peyroles works at the ZfL on the project “The Cartography of the Political Novel in Europe.” This contribution is an abridged and adapted version of her article “Against Political Literature: What’s Next?,” in: Open Library of Humanities 11.1 (2025). 

 

[1] Pierre Alferi, Leslie Kaplan, Nathalie Quintane, Tanguy Viel, Antoine Volodine and Louisa Yousfi: Contre la littérature politique, Paris 2024.

[2] Nathalie Quintane makes serendipitous and sharp remarks on so-called “political literature”; Louisa Yousfi rewrites extracts from the Iliad in her powerful “Chant pour des armes splendides”; Pierre Alferi dismantles the self-appointed celebrities of French intellectual life in sharp missives; Leslie Kaplan mixes observations and collected words in poetic fragments, insisting on how literature opens up a distance from the dominant languages; Tanguy Viel dreams of a literature that reconciles individual poetry and collective utopia; and, finally, Antoine Volodine invents a “moral tale” that features a character who is expected to give a speech to an audience but ends up only repeating “propagandist nonsense.”

[3] The question of the usefulness of literature and literary studies has been raised with particular urgency in France in 2006, when Nicolas Sarkozy, then Minister of the Interior, criticized the inclusion of Madame de Lafayette’s Princesse de Clèves (1678) in the syllabus of an administrative exam. Not only did Madame de Lafayette’s novel sell very well as a result, but many academics and writers came to the defence of literature in the name of its “usefulness,” especially in social terms. Cf. the overview of reactions in literary studies by Annick Louis: Sans objet. Pour une épistémologie de la discipline littéraire, Paris 2021.

[4] Jacques Rancière: “The Politics of Literature,” in: SubStance 33 (2004), p. 10–24.

[5] Jacques Rancière: Disagreement: Politics and Philosophy (translated by Julie Rose), Minneapolis 1999, p. 30.

[6] Alexandre Gefen: Repair the World. French Literature in the 21st Century (translated by Tegan Raleigh), Berlin/Boston 2024.

[7] Ibid., p. 1. While Gefen only mentions Eve Kosofsky Sedgwick once, referring to her important essay Touching Feeling: Affect, Pedagogy, Performativity (2002), he takes up the notion of the “reparative turn” (ibid., p. 85) to make it a feature of “the bibliotherapeutic dream” (ibid., p. 83) he exposes. By contrasting reparation with emancipation, he creates an opposition that Kosofsky Sedgwick might not have endorsed.

[8] This is the title of Quintane’s contribution to Contre la littérature politique.

[9] Terrain has become a central concept in contemporary literary studies. Dominique Viart proposes the category of field literatures (littératures de terrain) to describe works that “borrow some of their practices from the social sciences: surveys, excavations in archives, interviews, in-situ research, [and] initiate a new kind of relationship with the social sciences, based on what the latter call ‘fieldwork’, whose difficulties they narrate and report rather than deliver or fictionalise” (Dominique Viart: “Les littératures de terrain,” in: Revue critique de fixxion française contemporaine 18 (2019), my translations).

[10] See Gayatri Chakravorty Spivak’s seminal essay “Can the Subaltern Speak?,” in: Cary Nelson and Lawrence Grossberg (eds.): Marxism and the Interpretation of Culture, London 1988, p. 271–313.

[11] Advisers to the presidential palace have revealed that Emmanuel Macron has read the book Qui a tué mon père (2018) by Édouard Louis. Louis, who lists those he blames for the damage done to his father’s body, namely all those in political power who have implemented reforms that affect the lives of the most disadvantaged, reacted very strongly to this revelation on Twitter: “Emmanuel Macron, my book is against what you are and what you do. Do not try to use me to disguise the violence you embody and practice. I write to shame you. I write to give weapons to those who fight against you” (my translation).

[12] Sandra Lucbert: Défaire voir. Littérature et politique, Paris 2024, p. 18.

[13] Leslie Kaplan: “Donnez-moi un mot, juste un mot,” in: Contre la littérature politique, p. 108.

[14] Kaplan paraphrases Jean-Luc Godard inviting “to make cinema politically, not political cinema” in an interview published in Les Lettres françaises, 19 April 1992, p. 20.

[15] Nathalie Quintane: Tomates, Paris 2014, p. 17, my translation: “La perspective de ne rien voir venir, ou du rachitique, l’a emporté: je n’ai pas acheté de graines à Kokopelli mais des plants à Jardiland, ménageant ainsi une transition entre une vie sans tomates personnelles et une vie avec tomates rares. Je sais bien que ce type de précision amuse, pourtant le mot Tomate ne doit pas l’emporter sur les autres et leur gravité. Transposé, le problème du choix entre une graine non industrielle et un plan issu d’une graine industrielle équivaut au dilemme du militant se demandant s’il reste au Parti socialiste par fidélité pour un passé doux ou s’il le quitte, et cela le violente.”

[16] Ibid., p. 96: “les tomates, devenues entre-temps mes tomates, poussaient, c’est-à-dire que leur tige, surgeons ôtés, s’était dilatée et munie d’un duvet tout du long, et qu’aux fleurs de petites boules avaient crû, petits pois plus ronds de jour en jour, peau brillante et bien tendue. […] C’est sûr que cela ne forme pas une communauté, encore moins un couple, mais une sorte d’art, l’art du toucher, du tâter, du cerner, du circonvenir, de l’intellection sensible.”

[17] Sandra Lucbert: Défaire voir, p. 36, my translation: “Maintenir que la littérature peut travailler le politique n’implique nullement que ses textes pourraient soulever le monde par leurs seuls pouvoirs. […] Le soulèvement du monde est une œuvre collective : la littérature y prend sa place. Ni prodigieuse, ni nulle. Mais que du moins elle la prenne.”

 

VORGESCHLAGENE ZITIERWEISE: Aurore Peyroles: For or Against Political Literature. A French Controversy, in: ZfL Blog, 2.4.2025, [https://www.zflprojekte.de/zfl-blog/2025/04/02/aurore-peyroles-for-or-against-political-literature-a-french-controversy/].
DOI: https://doi.org/10.13151/zfl-blog/20250402-01

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Sarah Kiani: DIE VIELEN GESICHTER DES HUGO MARCUS https://www.zflprojekte.de/zfl-blog/2024/12/09/sarah-kiani-die-vielen-gesichter-des-hugo-marcus/ Mon, 09 Dec 2024 09:45:08 +0000 https://www.zflprojekte.de/zfl-blog/?p=3470 Eine kürzlich erschienene Studie von Marc David Baer über den weitgehend vergessenen Schriftsteller Hugo Marcus (1880–1966) widmet sich dessen vielfältigen, scheinbar widersprüchlichen Identitäten: deutsch, erst jüdisch, dann muslimisch, homosexuell.[1] Es besteht kein Zweifel daran, dass sich in Hugo Marcus’ Biographie Welten kreuzten, die nicht unbedingt dazu bestimmt waren. Doch obwohl er in vielerlei Hinsicht eine Weiterlesen

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Eine kürzlich erschienene Studie von Marc David Baer über den weitgehend vergessenen Schriftsteller Hugo Marcus (1880–1966) widmet sich dessen vielfältigen, scheinbar widersprüchlichen Identitäten: deutsch, erst jüdisch, dann muslimisch, homosexuell.[1] Es besteht kein Zweifel daran, dass sich in Hugo Marcus’ Biographie Welten kreuzten, die nicht unbedingt dazu bestimmt waren. Doch obwohl er in vielerlei Hinsicht eine erstaunliche Persönlichkeit war, passte er perfekt in seine Zeit: er war das ›Produkt‹ einer besonderen Epoche im späten 19., frühen 20. Jahrhundert in Deutschland und der Schweiz, geprägt durch das intellektuelle Klima der Weimarer Republik, in der die Frage der homosexuellen Emanzipation ebenso im Raum stand wie die Vision eines im Dialog mit Europa stehenden rationalen Islam.[2]

›Schwul‹

Für den Historiker Robert Beachy ist Deutschland, insbesondere Berlin im späten 19. Jahrhundert, der Geburtsort der »modernen Identität« des Homosexuellen.[3] Zwar war der § 175 des deutschen Strafgesetzbuches, der »widernatürliche Unzucht« unter Strafe stellt – d.h. sexuelle Beziehungen zwischen Menschen und Tieren oder zwischen Männern (aber nicht zwischen Frauen) – noch in Kraft. Doch das Kaiserreich und mehr noch die Weimarer Republik waren Orte intensiver Neuaushandlungen sexueller Identitäten, zwischen der ersten Homosexuellenbewegung, einer Explosion des gleichgeschlechtlichen Soziallebens in Bars, Wäldern und Parks und der Herausbildung eines wissenschaftlichen Nachdenkens über Homosexualitäten. Im Umfeld des Wissenschaftlich-humanitären Komitees (WhK, gegründet 1897) und besonders des von Magnus Hirschfeld geleiteten Instituts für Sexualwissenschaft (gegründet 1919) ging es darum, dank der Erklärung von Homosexualität durch ›natürliche‹ Ursachen ihre Entkriminalisierung und die Abschaffung des § 175 zu erreichen. (Tatsächlich wurden alle Artikel des deutschen Strafgesetzbuches, die homosexuelle Beziehungen unter Strafe stellten, erst 1994 vollständig abgeschafft.)

In jener Zeit ging es der Homosexuellenbewegung um eine Balance zwischen radikalen Ansätzen und dem aktivistischen Bedürfnis, sich zu zeigen, ohne die Öffentlichkeit zu sehr zu irritieren. Die erste Homosexuellenbewegung sprach lieber von Männerfreundschaften, die durchaus hoch angesehen waren, oder von Homoerotik, weniger gern von Homosexualität. Die Bezeichnung ›schwul‹ wurde von den meisten Männern der Hirschfeld-Generation abgelehnt. Auch Hugo Marcus verwendete im Gegensatz zu seinem Freund Kurt Hiller das Wort nicht zur Selbstbeschreibung, obwohl er sich sein ganzes Leben lang für die Rechte der Homosexuellen einsetzte. Um die Jahrhundertwende standen seine Schriften zur Männerfreundschaft und Spiritualität im Kontext einer fortschreitenden Etablierung des Islam in Deutschland.[4] Diese wurde von Intellektuellen vorangetrieben, die nicht nur Texte in Umlauf brachten, sondern gerade in Berlin auch Kulturzentren gründeten.[5]

Nachdem Marcus das Gymnasium in Posen (dem heutigen Poznań) abgeschlossen hatte, kam er 1898 nach Berlin und schloss sich dem WhK an, wo er sich für die Abschaffung des § 175 einsetzte. Fast täglich arbeitete er an Texten, die von »exaltierten Männerfreundschaften« erzählen, in seiner Novelle Das Frühlingsglück (1900) etwa wird die Überlegenheit homoerotischer gegenüber heterosexuellen Beziehungen behauptet. Seine Dissertation Die Philosophie des Monopluralismus (1907) fand nicht nur Zustimmung, Gerdien Jonker zitiert einige wenig schmeichelhafte Rezensionen.[6] Viele seiner Schriften wurden aber erst nach dem Zweiten Weltkrieg veröffentlicht.

Hugo Marcus hatte, wie auch Kurt Hiller, zwischen 1903 und 1906 die Vorlesungen Georg Simmels an der Friedrich-Wilhelms-Universität in Berlin besucht. Marc David Baer sieht den Einfluss Simmels auf seine Studenten offenbar vor allem in seinen progressiven, antibürgerlichen, pazifistischen, ja feministischen Stellungnahmen. Marcus teilte Simmels Überlegungen zur peripheren, aber heuristisch bedeutsamen Position, die durch den Blick des »Fremden« auf seine Aufnahmegesellschaft erzeugt wird, und insbesondere zur Stellung der Juden innerhalb der deutschen Gesellschaft. Der Religionsphilosoph Abraham Rubin geht davon aus, dass Marcus ebenso wie Simmel die strukturelle Position der Juden in ihrer jeweiligen Gesellschaft als Ort einer eigenen Wissensproduktion verstand, die für die Marginalität des Fremden wesentlich sei.[7] Auch vergleicht er die in Simmels Text Der Fremde entwickelte Auffassung des Fremden mit den Überlegungen, die Marcus 1929 in einem Vortrag in der Wilmersdorfer Moschee in Berlin vorstellte, deren Geschäftsführer er von 1923 bis 1938 war. Zwölf Jahre nach Hirschfeld und fünf Jahre vor Hiller geboren, war Hugo Marcus – Dichter, Philosoph und Aktivist – ein Mann seiner Zeit, der Teil an den Kämpfen für die sexuelle Gleichberechtigung und der Ausformung einer »modernen Identität« hatte, auch wenn er im Gegensatz zu Hiller und Hirschfeld weder Revolutionär, Sozialist noch Sozialdemokrat war, sondern ein Liberaler.

Hamid Marcus

Während Marcus das Judentum nur selten direkt beim Namen nennt, schrieb er viel über den Islam, hauptsächlich in der Moslemischen Revue und der Islamic Review. Marcus gehörte der »Lahore-Ahmadiyya-Bewegung zur Verbreitung islamischen Wissens« an, die 1923 in Berlin die erste Moschee in Deutschland errichtete. Seine Nähe zu muslimischen Studenten, die er als Tutor betreute, führte ihn zur Konversion. Für eine Neuinterpretation des Denkens von u.a. Goethe, Nietzsche, Kant und Spinoza bezog er den Islam mit ein. Seine Konversion zum Islam stellte indessen keinen Akt der radikalen Abkehr von seiner jüdischen und deutschen Identität dar, sondern ist vielmehr als Kontinuität zu verstehen. In seinem unveröffentlichten, 1951 geschriebenen Text Warum ich Moslem wurde beschreibt er den Islam als eine fortschrittliche Religion, die den Gläubigen große Freiheit lässt.

Marcus verortete seine Idee eines deutschen Islam im 18. Jahrhundert der Aufklärung. Für ihn verfolgen Islam und Demokratie ein gemeinsames Projekt der Toleranz und der geistigen Freiheit. Indem er sich von Goethes Denken inspirieren ließ und eine Vision des Islam vertrat, die auf den Werten der Freiheit und Autonomie, aber auch wissenschaftlicher Rationalität beruht, gelang es ihm, eine Kontinuität zwischen seinem deutsch-jüdischen Erbe und dem Islam herzustellen. Der Goethe des West-östlichen Divans ist für Marcus der beste Muslim seiner Zeit:

»Wenn Islam bedeutet, sich dem Willen Gottes zu ergeben, dann leben und sterben wir alle im Islam«.[8]

Die Schweiz

Nach einer Inhaftierung in Sachsenhausen 1938, über die relativ wenig bekannt ist, ging Marcus 1939 ins Exil in die Schweiz, die in seinen Augen »unter dem Banner der Menschlichkeit und nicht im Zeichen des Schwertes« stand. Zunächst führte es ihn in die französischsprachige Schweiz, dann in die Nähe von Basel. Marcus spürte den Verbindungen zwischen Calvins religiöser Vision und der Vision des Korans nach, insbesondere in Bezug auf Fragen der moralischen Strenge und einer sozialen Ordnung nach religiösen Grundsätzen. Diese Verbindungen hatte Marcus bereits früher in Form einer »deutsch-islamistischen« Synthese zwischen dem Weimarer Deutschland und dem Islam hergestellt, einem Projekt zur massiven Islamisierung Deutschlands, das er mit den Ähnlichkeiten zwischen deutschen Werten, deutschen Denkern (vor allem Nietzsche und Goethe) und den Werten des Islams rechtfertigte.

In der Schweiz veröffentlichte Marcus sowohl in der Moslemischen Revue, als auch regelmäßig in der Zürcher Homosexuellenzeitschrift Der Kreis, die vielerorts nur unter dem Ladentisch gehandelt werden konnte. Seine Geschichten über Männerfreundschaften mit gelegentlichen Bezügen zum Islam veröffentlichte er dort unter dem Pseudonym Hans Alienus. Allerdings herrschte in dieser Zeitschrift ein anderer Geist als in den Kreisen um Hirschfeld, sie setzte sich viel radikaler für die Rechte von Homosexuellen ein und distanzierte sich vom ›Dritten Geschlecht‹ und den ›Uraniern‹ des WhK. Da Marcus’ »Männerfreundschaften« nicht zu dieser redaktionellen Linie passten, wurden seine Texte nach 1956 nicht mehr veröffentlicht.

Seine letzten Lebensjahre verbrachte Hugo Marcus einsam in der Schweiz. Als er 1966 starb, war es um ihn still geworden. Da es in dem Land keine Ahmadiyya-Gemeinde gab, wurde er ohne religiöse Zeremonie bestattet.

Übersetzung: Dirk Naguschewski

 

Die Historikerin Sarah Kiani ist Maître-assistante in Gender Studies an der Maison d’Analyse des Processus Sociaux (MAPS) der Universität Neuchâtel und assoziierte Forscherin am Centre Marc Bloch in Berlin.

Der Text geht zurück auf Sarah Kianis Beitrag »Les multiples visages d’Hugo Marcus« in dem von Denis Thouard herausgegebenen Band »Les enfants de Simmel« (Belval: les éditions Circé 2024). Das Buch wird am 10.12.2024 unter Beteiligung von Sarah Kiani und Denis Thouard im ZfL bei der Veranstaltung »Nach Simmel, mit Simmel« präsentiert.

Die Übersetzung erfolgt mit freundlicher Genehmigung der éditions Circé.

 

[1] Marc David Baer hat die erste umfangreiche historische Studie zu Hugo Marcus veröffentlicht. Für ihn ist Marcus ein Prisma, durch das sich die Verbindungen des Islam zum Nationalsozialismus, zum Judentum und zur Homosexualität denken lassen: German, Jew, Muslim, Gay. The Life and Times of Hugo Marcus, New York 2020. Vgl. außerdem Marc David Baer: »Muslim Encounters with Nazism and the Holocaust: The Ahmadi of Berlin and Jewish Convert to Islam Hugo Marcus«, in: American Historical Review 120.1 (2015), S. 140–171 (zur Konvertierung vgl. insb. S. 140 ff.); ders.: »Protestant Islam in Weimar Germany: Hugo Marcus and ›the message of the holy prophet Muhammad to Europe‹«, in: New German Critique 44.2, 131 (2017), S. 163–200, hier S. 164.

[2] Zu den erwähnten Texten von Hugo Marcus gehören: Hugo Marcus: Das Frühlingsglück. Die Geschichte einer ersten Liebe, Dresden/Leipzig 1900; Hugo Marcus: »The Message of the Holy Prophet Muhammad to Europe« (drei Teile), in: The Islamic Review 20 (1932), June–July, S. 222–239; August, S. 268–279; September, S. 281–286. Marcus’ Schriften über den Islam sind größtenteils in der Islamic Review erschienen, einer Ahmadiyya-Zeitschrift, deren Archiv online zugänglich ist. Seine Hommage an die Schweiz, »Switzerland and its relation to Islam«, erschien in: The Islamic Review 37.6 (June 1949), S. 26–28. Seine Erinnerungen an Simmel finden sich in: Kurt Gassen/Michael Landmann (Hg.): Buch des Dankes an Georg Simmel. Briefe, Erinnerungen, Bibliographie. Zu seinem 100. Geburtstag am 1. März 1958, Berlin 1958, S. 273–276; dort erinnert er sich unter anderem an einen Vortrag Simmels über japanische Kunst vor der Gesellschaft für ästhetische Forschung.

[3] In seiner klassischen Studie über die erste Homosexuellenbewegung im kaiserlichen Deutschland und in der Weimarer Republik definiert Robert Beachy Deutschland und insbesondere Berlin als Ort der Erfindung einer homosexuellen Identität, vgl. Robert Beachy: Gay Berlin, Birthplace of a Modern Identity, New York 2014; zur ersten Homosexuellenbewegung in Deutschland und zum esoterischen Denken der Homophilie vgl. auch Adrian Daub: »From Maximin to Stonewall: Sexuality and the Afterlives of the George Circle«, in: The Germanic Review: Literature, Culture, Theory 87.1 (2012), S. 19–34 (zu den Schriften von Marcus vgl. insb. S. 30).

[4] Gerdien Jonker nennt es eine »Theologie der Männerfreundschaft«, in: Gerdien Jonker: On the Margins. Jews and Muslims in Interwar Berlin, Leiden 2020, S. 34; vgl. besonders das Kapitel »The Sting of Desire: Hugo Marcus’s Theology of Male Friendship«, S. 129–151.

[5] Nile Green spricht von Bemühungen, aus dem Deutschen »a new Islamic language« zu machen, zit. nach Marc David Baer: German, Jew, Muslim, Gay (Anm. 1), S. 63.

[6] Vgl. Jonker: On the Margins (Anm. 4), S. 151.

[7] Abraham Rubin: »Hugo Hamid Marcus (1880–1966): The Muslim Convert as German Jew«, in: Jewish Quarterly Review 109.4 (2019), S. 598–630, hier wird auch Warum ich Moslem wurde zitiert, S. 608.

[8] Zit. nach Hugo Marcus: »Message of the Prophet to Europe « (Anm 2), S. 285.

 

VORGESCHLAGENE ZITIERWEISE: Sarah Kiani: Die vielen Gesichter des Hugo Marcus, in: ZfL Blog, 9.12.2024, [https://www.zflprojekte.de/zfl-blog/2024/12/09/sarah-kiani-die-vielen-gesichter-des-hugo-marcus/].
DOI: https://doi.org/10.13151/zfl-blog/20241209-01

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Benjamin Kohlmann/Ivana Perica: DER POLITISCHE GEBRAUCH UND NUTZEN VON LITERATUR https://www.zflprojekte.de/zfl-blog/2024/02/21/benjamin-kohlmann-ivana-perica-der-politische-gebrauch-und-nutzen-von-literatur/ Wed, 21 Feb 2024 09:52:31 +0000 https://www.zflprojekte.de/zfl-blog/?p=3194 »Erst der neue Zweck macht die neue Kunst«, erklärte Bertolt Brecht in seinem kurzen Essay Über Stoffe und Formen von 1929.[1] Formuliert als Begründung für die Entwicklung seiner Lehrstücke um 1930, liefert Brechts Äußerung einen Zugang zu den Debatten über den politischen Nutzen von Literatur nicht nur in der Zwischenkriegszeit, sondern auch in unserer Gegenwart. Weiterlesen

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»Erst der neue Zweck macht die neue Kunst«, erklärte Bertolt Brecht in seinem kurzen Essay Über Stoffe und Formen von 1929.[1] Formuliert als Begründung für die Entwicklung seiner Lehrstücke um 1930, liefert Brechts Äußerung einen Zugang zu den Debatten über den politischen Nutzen von Literatur nicht nur in der Zwischenkriegszeit, sondern auch in unserer Gegenwart. Obwohl die Äußerung den Anschein eines unerschütterlichen künstlerischen Dogmas hat, verbleibt sie in einer ambivalenten Schwebe zwischen zwei scheinbar konträren Positionen in Bezug auf die eigentlichen Verpflichtungen engagierter Kunst. Einerseits scheint Brechts Satz auf dem absoluten Vorrang des politischen Engagements vor ästhetischen Belangen zu bestehen, indem er suggeriert, dass die inneren Funktionsweisen der Literatur notwendigerweise einem äußeren (d.h. politischen oder gesellschaftlichen) Zweck untergeordnet sind; andererseits behauptet er, dass Politik für den Künstler nur insofern von Wert ist, als sie eine radikale Umgestaltung der Muster und Formen der Kunst ermöglicht. Anders ausgedrückt: Künstlerische Innovationen scheinen ohne eine vorherige Verpflichtung auf (politische oder gesellschaftliche) Zwecke, die als außerhalb der Kunst liegend vorgestellt werden, undenkbar zu sein. Doch gleichzeitig muss, was die Arbeit des Schriftstellers betrifft, der Wert dieser ›vorherigen‹ Verpflichtungen an ihrem Vermögen gemessen werden, neue ästhetische Formen hervorzubringen. Brecht zufolge birgt die Frage nach den Verpflichtungen der Kunst eine unauflösbare Dialektik: Kunst und politischer Zweck sind einander nicht äußerlich, ihre Beziehung ist nicht durch Konflikt oder gegenseitigen Ausschluss gekennzeichnet, sondern vielmehr durch das Versprechen schöpferischer Reibung und gegenseitiger Bereicherung.

Dies entspricht nicht der Art und Weise, in der die Literaturwissenschaft traditionell über die Beziehung der Literatur zur Sphäre der Politik nachgedacht hat. Sie hat vielmehr dazu geneigt, den Versuch, Kunst als politische Arbeit zu begreifen, als Kategorienfehler zu betrachten – als eine von außen herangetragene Zumutung, die beiden schadet: der Kunst und der Politik. Um nur ein besonders prominentes Beispiel zu nennen: Der marxistische Literatur- und Kulturkritiker Fredric Jameson prägte die These, dass die Politik literarischer Werke auf der Ebene eines textuellen Unbewussten angesiedelt sei. Er plädierte dafür, Politik nicht im Sinne einer manifesten oder expliziten Zielsetzung zu denken, sondern argumentierte, dass die Politik ästhetischer Gegenstände am besten anhand der Beziehungen zwischen den verschiedenen formalen und Gattungsmerkmalen eines Textes beschrieben werden kann. Das politische Unbewusste zeigt sich ihm zufolge »not by abandoning the formal level for something extrinsic to it – such as some inertly social ›content‹ [or political ›purpose‹] – but rather immanently, by construing purely formal patterns as a symbolic enactment of the social within the formal and the aesthetic«.[2] Demnach wäre die Politik eng mit der Textur des literarischen Werks selbst verwoben. Indem die Literatur die Politik in die Form sublimiert, trägt sie sie als ihren immanenten oder intrinsischen Subtext in sich.

Wenn wir verschüttete literaturgeschichtliche Genealogien wiederherstellen, um der theoretischen Untersuchung alternative Wege aufzuzeigen, orientieren wir uns an neueren Bemühungen, ausgewählte Episoden politisierten Schreibens nicht als literaturgeschichtliche Anomalien zu betrachten, sondern als Schlüsselmomente in der Konfiguration der Beziehung zwischen Literatur und Politik – als einflussreiche Epizentren interventionistischer Kunst, von denen aus Debatten über Literaturpolitik und Praktiken engagierten Schreibens in neue und global ausgedehnte Kontexte ausstrahlen können.[3] Die von uns vorgeschlagene Periodisierung verbindet experimentell drei Perioden intensiv politisierter und aktivistischer Kunst und Schriftstellerei: die Zwischenkriegszeit, die langen 1960er Jahre und die Gegenwart. Damit sollen alternative Traditionen sichtbar gemacht werden, die Raymond Williams zufolge oft an den Rändern des Jahrhunderts zurückgelassen wurden.[4] Diese Periodisierung verzichtet auch bewusst darauf, eine einzige oder eindeutige Geschichte politisierter Literatur nachzuzeichnen. Die Verknüpfung der Zwischenkriegszeit mit den langen 1960er Jahren und unserer Gegenwart macht jedoch sichtbar, was der Künstler und Kunsttheoretiker Gregory Sholette kürzlich als »fragmented and boisterous reservoir of past interventions« bezeichnet hat.[5] Sholette betont die unautorisierte und nicht formalisierte Qualität dieses Reservoirs. Er spricht auch von einem nichtkanonisierten »phantom archive of activist art, overflowing with interventions, experiments, repetitions, compromises, minor victories and outright failures«.[6] Und er vermutet, dass die Gründe für die Fragmentierung dieses verschütteten Archivs – und auch für einen großen Teil seiner Ungebärdigkeit – in der hochgradig partikularen Natur der aktivistischen Kunst liegen, d.h. in der Intensität, mit der sie auf die spezifischen Situationen und historischen Momente eingeht, in die sie zu intervenieren versucht.

Gerade in dem letztgenannten Sinne bietet Brechts Bemerkung einen wertvollen Einblick in die umfassendere Problematik, die uns beschäftigt. Denn sie scheint zwar eine allgemeine Wahrheit über die Beziehung zwischen Literatur und Politik zu verkünden, dürfte aber wohl besser als unmittelbare Reaktion auf die sich verdüsternde politische Atmosphäre der späteren Weimarer Republik zu verstehen sein – den Aufstieg des Faschismus, die ›Klasse-gegen-Klasse‹-Politik der Kommunistischen Partei (KP), das Verbot des Roten Frontkämpferbundes (der paramilitärischen Organisation der KP) durch die regierenden Sozialdemokraten und die anschließende Denunziation der Sozialdemokraten als Sozialfaschisten durch die KP. In den Augen Brechts und seiner Mitstreiter*innen erforderten diese Entwicklungen eine neue Art von interventionistischer, aktivistischer Kunst, die in der Lage wäre, die Massen zu erziehen – eine pädagogisch-künstlerische Waffe, die zu der neuen Phase des politischen Kampfes passte und die seine Lehrstücke liefern sollten.

Der Fall Brecht zeigt, dass bestimmte literarisch-politische Konstellationen nicht ohne Berücksichtigung ihrer unmittelbaren (historischen, geographischen, sozialen, politischen, aber auch ästhetischen) Kontexte zu verstehen sind. Ausgehend von der Einsicht, dass Kunst ohne ihre konstitutive Ausrichtung auf einen bestimmten Ort oder eine bestimmte historische Situation, in die sie zu intervenieren versucht, unverständlich bleibt, argumentieren wir, dass eine neuerliche wissenschaftliche Debatte über den politischen Gebrauch und Nutzen von Literatur nicht davon absehen kann, die Logik der Ortsbezogenheit offenzulegen, die Kunst kennzeichnet, die im weitesten Sinne politisch ›nützlich‹ sein will. Dies verlangt von der wissenschaftlichen Arbeit, sich intensiv mit spezifischen lokalen Situationen auseinanderzusetzen und Werke zu untersuchen, die in breitere historische Zusammenhänge intervenieren. Ein Beispiel: Während der kanonische Sartre’sche Begriff der littérature engagée eine dezisionistische Betonung impliziert – d.h. die Fähigkeit des Menschen, sich aus freien Stücken für diese oder jene Sache zu engagieren[7] –, vermittelt Antonin Artauds Konzept der culture orientée (entwickelt in seinen Messages révolutionnaires) eine unauslöschliche anthropologische Orientierung gegenüber der Welt, eine quasi physische Positionierung, die auch für alle Arten von literarisch-politischem Engagement grundlegend ist. In diesem letztgenannten Sinne kann die lokale Erkundung des politischen Nutzens von Literatur zu einem umfassenderen Verständnis ihres interventionistischen Potentials führen, nicht als historische Sackgasse oder Verirrung, sondern als grundlegende Modalität künstlerischer Produktion als solcher.

Neue Verpflichtungen: Literaturwissenschaft und der politische Nutzen von Literatur

Die Literaturwissenschaft interessiert sich seit Langem für die Politik des Schreibens. Vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit wurde dabei allerdings Werken zuteil, die explizit versuchen, in ihre jeweiligen historischen Produktions- oder Rezeptionskontexte einzugreifen –  als ob diese einen zu engen Fokus auf einen bestimmten, fremden ›Zweck‹ hätten, um künstlerisch von Bedeutung zu sein. Viele der Wissenschaftler*innen, die den politischen Nutzen von Literatur verteidigen, greifen auf bewährte Argumente aus dem 20. Jahrhundert zurück, in denen es um die Art und Weise geht, wie politische Verpflichtungen literarischer Texte in ihren formalen Merkmalen kodiert werden. Andere gehen davon aus, dass die Auseinandersetzung von Literatur mit der Politik am besten als eine Form der Metapolitik zu verstehen sei, d.h. dass literarische Werke insofern politisch sind, als sie die hegemonialen gesellschaftlichen Protokolle verfremden, Formen politischer Sichtbarkeit schaffen oder politische Unsichtbarkeit erzwingen.[8] Zwar haben einige Wissenschaftler*innen in jüngster Zeit damit begonnen, spezifischer über den ›Nutzen‹ nachzudenken, den Literatur in den verschiedensten Kontexten hat, doch operieren sie dabei in der Regel mit einem pragmatischen Verständnis des Konzepts ›Nutzen‹. Wissenschaftler*innen wie Rita Felski argumentieren, dass Literatur in dem Maße nützlich sei, wie sie ein individuelles (affektives oder intellektuelles) Bedürfnis befriedigt. Aus diesen Überlegungen sind zwar viele wichtige Arbeiten hervorgegangen, doch diese haben dazu geführt, dass die Frage nach dem explizit politischen Nutzen von Literatur in den Hintergrund gedrängt wurde. Durch die Ablehnung der Binarität zwischen der Skylla des politischen Funktionalismus und der Charybdis der Kunst um der Kunst willen[9] haben Wissenschaftler*innen in jüngerer Zeit die unterschiedlichen Zwecke aus den Augen verloren, denen literarische Texte im Kontext der zahllosen sozialen und politischen Bewegungen gedient haben, die sich ›da draußen‹ entwickeln.

Die Literaturtheorie hat ein umfangreiches kritisches Vokabular entwickelt, um die Frage des direkten Handelns oder der instrumentellen Nutzbarmachung aus der akademischen Beschäftigung mit Literatur zu verdrängen. So schreibt Gabriel Rockhill in einer bemerkenswerten neueren Studie, es sei »crucial to rethink the operative logic of political efficacy outside of the instrumentalist framework«; stattdessen müssten wir die Handlungsversuche der Literatur im Kontext einer komplexen »conjuncture of determinants with multiple tiers, types, and sites of agency« verstehen.[10] Dem zweiten Teil dieser Aussage stimmen wir vollkommen zu: Politisches Handeln ist immer komplex, und was es für einen Text bedeutet, ›zu intervenieren‹ und politisch aktiv zu werden, hängt von dem jeweiligen historischen Zeitpunkt und der jeweiligen Situation ab. Den ersten Teil dieser Aussage möchten wir jedoch noch etwas komplexer fassen, da wir der Meinung sind, dass die Literaturwissenschaft es versäumt hat, über die Anziehungskraft nachzudenken, die der instrumentalistische Rahmen auf Schriftsteller*innen ausübt, die versuchen, ihren Werken politische Wirksamkeit und Absicht zu verleihen. Mit den folgenden Fragen muss sich die zeitgenössische Literaturwissenschaft daher auseinandersetzen: Wie verhalten sich bestimmte literarische Werke zur machtvollen und attraktiven Vorstellung einer direkten instrumentellen Handlungsfähigkeit? Wie versuchen manche, diese umzusetzen, während andere sich bemühen, ihrer Anziehungskraft zu widerstehen?

Diese Fragen stehen durchaus im Widerspruch zu einigen der Leitideen, die die Literaturwissenschaft des zwanzigsten Jahrhunderts im Allgemeinen und die Weltliteraturforschung im Besonderen geprägt haben. Die Idee der Weltliteratur – von der ersten Formulierung des Konzepts durch Johann Wolfgang von Goethe bis hin zu ihren verschiedenen Nachleben, z.B. in den nach wie vor sehr einflussreichen Arbeiten von Pascale Casanova, Gayatri Chakravorty Spivak oder David Damrosch – hat allzu oft dazu gedient, die komplexe lokale Verstrickung der Literatur in die praktische Politik in den Hintergrund zu drängen oder ganz zu verneinen. In diesem Zusammenhang haben Teile der Forschung die Möglichkeit einer »ästhetischen Bildung im Zeitalter der Globalisierung« – d.h. die Erweiterung der ethischen Vorstellungskraft der (›westlichen‹) Leser*innen – in den Vordergrund gestellt, was auf Kosten einer detaillierteren Betrachtung der Art und Weise ging, wie sich radikale Politik in einer Vielzahl historischer Situationen und geographischer Gegebenheiten abspielt.[11]

Diese ›Säuberung‹ des aktivistischen, explizit politischen Wirkens von Literatur hat im Übrigen auch in selbsterklärt linken Theoriekreisen stattgefunden, vor allem in der festgefahrenen Konfrontation zwischen Formalismus und Marxismus bzw. zwischen Avantgarde und Realismus, für die Theoriegrößen wie Theodor W. Adorno und Georg Lukács stehen. Mit der Kanonisierung dieser Konfrontation erstarrten die Pole, und in der Folge vergaß man, wie problematisch und historisch kontingent diese Binaritäten von Anfang an gewesen waren. Wie Joe Cleary feststellte, wurden Modernismus und Realismus ab den 1930er Jahren als verdinglichte Kategorien und als unhinterfragbare Bezeichnungen für die moderne ›Weltliteratur‹ zugleich produziert: Während die Sowjetunion den Realismus für sich beanspruchte, nahm New York sich (mit großzügiger Unterstützung aus Washington) des Modernismus an.[12] Wenn wir Clearys Weltsystem-Perspektive erweitern, wird deutlich, wie das Vorgehen, einen formal innovativen, aber weitgehend selbstbezogenen Modernismus gegen einen künstlerisch rückwärtsgewandten, aber gesellschaftlich aktiven Realismus auszuspielen, in wichtigen linken Beiträgen zur Debatte über Literatur und Politik implizit bestätigt wird. Hierfür gilt Aesthetics and Politics, die wegweisende Anthologie von 1977, die Schlüsseltexte zur Realismus-Modernismus-Debatte der 1930er Jahre (unter anderem von Ernst Bloch, Adorno und Lukács) versammelt, als Paradebeispiel. Der Band ist zwar das Standardwerk für mehrere Generationen von Literaturwissenschaftler*innen zu diesem Thema, hat aber unser Verständnis der literaturhistorischen Landkarte, die wir hier wiederherstellen wollen, dramatisch verengt. Es ist ein unbeabsichtigter Effekt der Sedimentierung und Kanonisierung solcher theoretischer Konstrukte, dass sie dazu neigen, bestimmte Gegensätze zu enthistorisieren und sie als natürlich oder als ontologisch gegeben und nicht als gesellschaftlich produziert darzustellen. Infolgedessen hat die strenge Dichotomisierung der künstlerischen Debatten, die die Jahre des Kalten Krieges kennzeichnete, viele Wissenschaftler*innen dazu verleitet, irreführende oder verkürzte Ansichten über den politischen Nutzen von Literatur zu übernehmen. Obwohl wir die zentralen Konzepte Realismus und Modernismus hier keiner systematischen oder umfassenden Revision unterziehen wollen und können, schlagen wir eine alternative Konfiguration der Beziehung zwischen ihnen vor: Einerseits erscheint der literarische Realismus nicht als eine einzelne Form, sondern definiert sich vielmehr durch das, was er in der Welt zu leisten vermag;[13] andererseits wurden formale Experimente, wie sie oft mit der Moderne in Verbindung gebracht werden, selbst allzu oft im Dienste des ›realistischen‹ Projekts zur Kartierung und Befragung gesellschaftlicher Totalität benutzt.

Vor diesem Hintergrund schlagen wir vor, die Diskussion über das politische und aktivistische Potential der Literatur neu zu eröffnen, indem wir sowohl einzelne literarische Werke betrachten als auch breitere theoretische Debatten über die Fähigkeit der Literatur, in die gesellschaftliche Realität einzugreifen, wieder aufnehmen. Wir sehen unseren Vorschlag von einer wachsenden Zahl wissenschaftlicher Arbeiten bestätigt, die sich mit dem langen kulturellen (Nach-)Leben und den globalen Verflechtungen der Literaturproduktion in der transnationalen Welt der Komintern sowie in den kolonialen Peripherien in Vergangenheit und Gegenwart befassen.[14] So haben wir große Sympathie für die jüngsten Bemühungen der Autor*innen des von Amelia Glaser und Steven Lee herausgegebenen Sammelbandes Comintern Aesthetics, »[to] unearth a lost genealogy for present-day activism, demonstrating ways of connecting the local and the global, the personal-as-political and world revolution«.[15] Ähnlich inspirierend sind Forschungsarbeiten zu antikolonialer Literatur, darunter z.B. jene von J. Daniel Elam, der versucht, den Geist eines egalitären Internationalismus wiederzubeleben,[16] und Sonali Perera, die in ihrer Untersuchung eines literarischen Internationalismus der Arbeiterliteratur feststellt, dass die Schriften der Arbeiterklasse aus verschiedenen Teilen der Welt mehr Gemeinsamkeiten aufweisen, als zumeist angenommen wird.[17] Offenbar haben wir es heute mit einer Art nichtformalisierter Internationale engagierter Schriftsteller*innen zu tun, deren Werke zu einem gemeinsamen Projekt des politischen Wandels und der Erneuerung beitragen. In den Händen dieser Schriftsteller*innen erscheint Literatur nicht in erster Linie als Ware, die mit anderen Waren um die begrenzte Aufmerksamkeit potentieller Konsument*innen konkurriert – wie es beispielsweise in Casanovas Modell des weltliterarischen Systems der Fall ist –, sondern als ein Medium der Weltgestaltung, das sich für größere politische Projekte gemeinschaftlicher Weltgestaltung öffnet.

Diese Projekte sind literarisch, wissenschaftlich und politisch. Sie können sich auf wichtige neue Studien stützen, die die Aufmerksamkeit auf interventionistische Künste lenken, die in den Räumen zwischen den ›westlichen‹ Literaturen und den Literaturen des antikolonialen Widerstands auf der ganzen Welt entstehen. Uns ist klar, dass die Literatur des Globalen Südens oftmals direkte Allianzen mit politischen Bewegungen gesucht hat (und immer noch sucht) – und dass solche Allianzen für jede Darstellung des politisierten Schreibens im Kontext der Globalisierungsprozesse des 20. und 21. Jahrhunderts zentral sind.[18] Wie wir bereits festgestellt haben, sollte diese horizontale Ausdehnung über verschiedene geographische Räume und Schauplätze hinweg stets durch die Hervorhebung von Affinitäten ergänzt werden, die sich diachron, d.h. über mehrere markante historische Momente hinweg manifestieren (wofür das oben erwähnte revolutionäre Schreiben der Zwischenkriegszeit und die engagierte Literatur der langen 1960er Jahre nur die prominentesten Beispiele sind). Anstatt jedoch anzunehmen, dass sich diese lokalen Affinitäten und diachronen Korrespondenzen zu ununterbrochenen historischen Kontinuitäten oder einheitlichen Teleologien verfestigen, möchten wir sie im Sinne einer Konstellation oder Montage begreifen: Mit Blick darauf, wie linke Filmemacher wie Chris Marker auf die Montage zurückgegriffen haben, um die (Dis-)Kontinuität revolutionärer Traditionen zu vermitteln, sollten die einzelnen literaturwissenschaftlichen Bereiche jene lokalen Ausprägungen aktivistischer Kunst untersuchen, die in der Lage sind, über die Zeit hinweg miteinander zu sprechen.[19] Die literarisch-aktivistischen Konstellationen, die ein solches wissenschaftliches Vorgehen aufzudecken vermag, sollten sich einer Verfestigung zu starren Genealogien widersetzen. Nur dann bleiben sie offen und formbar und bieten neue Anknüpfungspunkte für zukünftige politische Zwecke.

Eingreifendes Denken: Literatur und Politik jenseits linker Melancholie

Diese neuen kritischen Interventionen lassen sich, so unsere These, entlang dreier miteinander verbundener Achsen organisieren: Erstens könnte eine erneuerte Aufmerksamkeit für besonders intensive Momente radikaler literarischer Produktion Öffnungen für neue, zukunftsorientierte Genealogien aktivistischer Literatur schaffen. Diese pluralen Geschichten, wie wir sie uns vorstellen, widerstehen der Tendenz, die Rückbesinnung auf revolutionäre Vergangenheiten mit der nostalgisch-retrospektiven (und politisch ohnmächtigen) Form ›linker Melancholie‹ zu verbinden.[20] Wenn man die Diskussion über solche radikalen Momente bis in die Gegenwart verlängert, sollte man nachverfolgen, wie die vitalen literarischen und theoretischen Interventionen, die zwischen den beiden Weltkriegen formuliert wurden, im Lichte neuer und aufkommender politischer Forderungen (einschließlich feministischer und antikolonialer Kämpfe) in den langen 1960er Jahren wie auch in unserem eigenen historischen Moment neu artikuliert wurden. Die politische Wirksamkeit der Literatur ist sicherlich auch heute noch eine offene Frage – was nicht zuletzt mit der anhaltend unsicheren Position der politisierten Literatur zwischen ihren großen, revolutionären Horizonten und ihrer Verpflichtung zur Konstituierung einer marginalisierten oder untergründigen »Gegenöffentlichkeit« zusammenhängt.[21] Die kritische Analyse der Jetztzeit lässt sich dadurch stärken, dass zeitgenössische Interventionen in einen Dialog mit früheren historischen Momenten gebracht werden, in denen Literatur und Politik einander entscheidend beeinflussten. In diesem Zusammenhang kommt der Theorieproduktion selbst eine radikale Rolle zu, indem sie die Rolle dessen übernimmt, was Brecht einst als »eingreifendes Denken« bezeichnete (eine Formulierung, die er mit leuchtendem Rot in sein Notizbuch von 1931–1932 eintrug).[22]

Zweitens möchten wir hervorheben, dass bei der Erforschung des politischen Gebrauchs und Nutzens von Literatur die globale Übertragbarkeit der Praktiken und Debatten berücksichtigt werden muss, die sich ja in einem breiten Spektrum von geographischen Kontexten und historischen Situationen entwickelt haben. So blieben die Konfigurationen des Verhältnisses zwischen Literatur und Politik im Europa der Zwischenkriegszeit auf die besonderen Artikulationen dieses Verhältnisses in anderen, weit entfernten (›peripheren‹) geographischen Kontexten abgestimmt und umgekehrt. Die Literaturwissenschaftlerin Snehal Shingavi schreibt dazu: »[A]esthetic and political notions put forward through various organs of the Communist Party were translated, reinterpreted, reimagined, and refigured«.[23] Dieser kritische Blick auf kulturelle Übersetzungs- und Umgestaltungsprozesse zeigt, dass wir besser daran täten, uns mit genauer bestimmten Formen des Politischen zu befassen, anstatt den Begriff des Politischen als unspezifisches Label zu verwenden. In den Worten von Sholette ist jede aktivistische Kunst, ob sie nun einen Gefängnisausbruch, eine Revolution oder lediglich die Neukonzeptionierung bestehender Institutionen in Betracht zieht, »haunted by the elusive dream of historical agency and its unceasing hunger for total emancipation«.[24]

Drittens: Zeitgenössische Untersuchungen zum politischen Aktivismus in der Literatur führen zu neuen Konzeptualisierungen des ›Nutzens‹ der Literatur für Literaturgeschichte und Literaturtheorie. In der Tat ist die Beschäftigung mit der Frage nach dem offenkundig politischen Nutzen von Literatur eine sowohl notwendige als auch dringende Aufgabe. Mit dem Fokus auf Politik als bewusstes Engagement und prinzipiengeleitetes Handeln müssen Untersuchungen über die modische (und politisch schwache) Behauptung der literarischen ›Affordanzen‹ der Form hinausgehen, indem sie untersuchen, wie literarische Werke als Momente der aktivistischen Intervention eingesetzt werden.[25] Dies bedeutet nicht, literarische Handlungsfähigkeit auf naive Weise als unvermittelt anzunehmen – im Gegenteil, es gilt, darauf zu bestehen, dass selbst das flachste und flüchtigste Pamphlet (um W. H. Audens berühmten Satz von 1937 zu adaptieren)[26] eine hochgradig vermittelte Form politischen Engagements ist. Um dieser Erkenntnis Rechnung zu tragen, ist stets ein breites Spektrum an literarischen Gattungen, Textformen und künstlerischen Darstellungen zu berücksichtigen. Gleichzeitig sollte man eine entscheidende Akzentverschiebung wagen: weg von der Auffassung, dass die Frage des ›Nutzens‹ in erster Linie von den Eigenschaften des Objekts (literarische Formen, ästhetische Strukturen usw.) abhängt, und hin zu der Ansicht, dass Künstler*innen aktiv auf bestimmte Formen zugreifen (make use), um bestimmte Ziele zu erreichen. Der Kunsttheoretiker Stephen Wright hat unlängst festgestellt, dass die ›Nutzbarmachung‹ künstlerischer Formen ein aktives ›Umrüsten‹ und ›Umfunktionieren‹ dieser Formen selbst beinhaltet.[27] Der Versuch, Literatur zu einem Mittel des gesellschaftlichen und politischen Wandels zu machen, bedeutet nicht, auf Fragen der spezifisch ästhetischen Vermittlung gänzlich zu verzichten. Vielmehr, und das wusste schon Brecht, bringt diese aktivistische Umgestaltung von Formen unser Annahme ins Wanken, dass die Arbeit der ästhetischen Vermittlung das Einzige ist, worauf wir achten sollten, insbesondere wenn sie im modernistischen Gewand der künstlerischen ›Komplexität‹ oder ›Schwierigkeit‹ des ästhetischen Anspruchs daherkommt.

Wie wir bereits festgestellt haben, wurde die Forderung, dass Literatur politisch aktiv sein solle, stets von situativen und konjunkturellen Zwängen vorangetrieben. Zweifellos ist der ›kapitalistische Realismus‹ (Mark Fishers Begriff für die zeitgenössische Schließung revolutionärer Horizonte) ein solcher Zwang, und trotz einer Vielzahl miteinander verbundener Krisen – Wirtschafts-, Klima-, Hunger-, Migrations- und Kriegskrisen – erweist er sich immer noch als kraftvoll genug, um jede Form des Handelns zu blockieren, die in der Lage sein könnte, seinen global herrschenden Status quo grundlegend infrage zu stellen.[28] Wie die Mitglieder des Endnotes Collective kürzlich festgestellt haben, produziert unsere gegenwärtige historische Situation »revolutionaries without revolution, as millions descend onto the streets and are transformed by their collective outpouring of rage and disgust, but without (yet) any coherent notion of transcending capitalism«.[29] Manche meinen, dass wir uns nicht die Mühe machen sollten, in der Literatur nach Lösungen für diese zutiefst politischen Probleme zu suchen. Aktivistische Literatur und Kunst stellen jedoch nicht bloß ein totes oder verknöchertes Archiv dar – sie liefern vielmehr die notwendigen Werkzeuge, um radikale politische Impulse zu bewahren und in neuen Konstellationen erneut aufzugreifen. Insofern stellen sie ein Reservoir zukunftsorientierter Denk-, Fühl- und Lebensweisen dar, das wir heute dringender denn je benötigen.

Übersetzung: Dirk Naguschewski

Die Literaturwissenschaftlerin Ivana Perica arbeitet am ZfL in dem Projekt »Kartographie des politischen Romans in Europa«. Benjamin Kohlmann ist Heisenberg-Professor für Anglistik / British Studies an der Universität Regensburg.

[1] Bertolt Brecht: »Über Stoffe und Formen«, in: ders.: Schriften I (Werke, Bd. 21), Frankfurt a.M. 1992, S. 302–304, hier S. 303f. – Dieser Beitrag ist die gekürzte und angepasste Übersetzung der Einleitung des von den Autoren herausgegebenen Bandes The Political Uses of Literature. Global Perspectives and Theoretical Approaches, 1920–2020 (New York: Bloomsbury Academic 2024). Der Abdruck der Übersetzung erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Bloomsbury Academic.

[2] Fredric Jameson: The Political Unconscious: Narrative as a Socially Symbolic Act, Ithaca 1981, S. 63.

[3] Zu Theorien über die »langen 1930er Jahre« und ihr Erbe politisierter Kunst vgl. Leo Mellor/Glyn Salton-Cox: »Introduction: The Long 1930s«, in: Critical Quarterly 57.3 (2015), S. 1–9; und Benjamin Kohlmann/Matthew Taunton: «Introduction«, in: dies. (Hg.): A History of 1930s British Literature, Cambridge 2019, S. 1–13.

[4] Raymond Williams: »When Was Modernism?«, in: The Politics of Modernism: Against the New Conformists, London 2006, S. 131–135, hier S. 135.

[5] Gregory Sholette: The Art of Activism and the Activism of Art, London 2022, S. 18.

[6] Ebd.

[7] Vgl. Jean-Paul Sartre: »What is Literature?«, in: ders.: What Is Literature? And Other Essays, Cambridge, MA 1988, S. 21–245.

[8] Eine einflussreiche Version hiervon liefert Jacques Rancière: Die Aufteilung des Sinnlichen. Die Politik der Kunst und ihre Paradoxien, übers. von Maria Muhle, Sabet Buchmann und Jürgen Link, Berlin 2006.

[9] Rita Felski: The Uses of Literature, Oxford 2008, S. 9.

[10] Gabriel Rockhill: Radical History and the Politics of Art, New York 2014, S. 53f.

[11] Vgl. Gayatri Chakravorty Spivak: An Aesthetic Education in the Era of Globalization, Cambridge, MA 2013.

[12] Joe Cleary: »Realism after Modernism and the Literary World System«, in: Modern Language Quarterly 73.3 (2012), S. 255–268, hier S. 262f.

[13] Steven S. Lee: »Introduction: Comintern Aesthetics–Space, Form, History«, in: Amelia M. Glaser/Steven Lee (Hg.): Comintern Aesthetics, Toronto 2020, S. 3–29, hier S. 17.

[14] Zur verlorenen Welt der Komintern vgl. z.B. Michael Denning: Culture in the Age of Three Worlds, London 2004; Katerina Clark: Moscow, the Fourth Rome: Stalinism, Cosmopolitanism, and the Evolution of Soviet Culture, 1931–1941, Cambridge, MA 2011; und Glaser/Lee: Comintern Aesthetics (Anm. 13). Zur komplexen Stellung antikolonialer Kämpfe innerhalb internationalistischer politischer Projekte siehe z.B. Sonali Perera: No Country: Working-Class Writing in the Age of Globalization, New York 2014; Rossen Djagalov: From Internationalism to Postcolonialism: Literature and Cinema between the Second and the Third World, Montreal 2020; und J. Daniel Elam: World Literature for the Wretched of the Earth: Anticolonial Aesthetics, Postcolonial Politics, New York 2020.

[15] Lee: »Introduction« (Anm. 13), S. 14.

[16] Elam: World Literature (Anm. 14), S. xiii.

[17] Perera: No Country (Anm. 14), S. 5.

[18] Vgl. zum lateinamerikanischen Kontext Sophie Esch: Modernity at Gunpoint: Firearms, Politics, and Culture in Mexico and Central America, Pittsburgh 2018; zum künstlerischen Aktivismus im Mittleren Osten Ryan Watson: Radical Documentary and Global Crises: Militant Evidence in the Digital Age, Bloomington 2021; und zum afrikanischen Kontext Alexander Fyfe/Madhu Krishnan (Hg.: African Literatures as World Literature, London 2022.

[19] Markers eindrucksvoller Film Le Fond de l’air est rouge (1977) verbindet Artikulationen des revolutionären Impulses im 20. Jahrhundert, indem er Szenen aus verschiedenen radikalen Momenten wie der Revolution von 1917 und den antikolonialen Protesten der 1960er und 70er Jahre miteinander zusammenschneidet.

[20] Der Begriff der linken Melancholie geht auf Walter Benjamin zurück. Vgl. Walter Benjamin: »Linke Melancholie. Zu Erich Kästners neuem Gedichtbuch« (1931), in: ders: Gesammelte Schriften III, hg. von Hella Tiedemann-Bartels, Frankfurt 1972, S. 279–283. Eine neuere vergleichbare Darstellung liefert Enzo Traverso: Left-Wing Melancholia: Marxism, History, and Memory, New York 2016.

[21] Oskar Negt/Alexander Kluge: Öffentlichkeit und Erfahrung: zur Organisationsanalyse von bürgerlicher und proletarischer Öffentlichkeit, Frankfurt a.M. 1972.

[22] Bertolt Brecht: »Eingreifendes Denken«, in: ders: Schriften I (Werke, Bd. 21), Frankfurt a.M. 1992, S. 524f. Im Gegensatz dazu haben neuere Darstellungen des Aufstiegs der Literaturtheorie und der Institutionalisierung der Ideologiekritik betont, dass sich die Kritik als intellektueller Ersatz für ›echte‹ revolutionäre Aktivitäten entwickelte: Nach dieser Lesart stellte die Theorie eine kompensatorische Antwort auf das Scheitern der linken politischen Revolutionen im Westen in den 1920er und 30er Jahren dar, vgl. etwa Joseph North: Literary Criticism: A Concise Political History, Cambridge, MA 2017.

[23] Snehal Shingavi: »India–England–Russia: The Comintern Translated«, in: Glaser/Lee: Comintern Aesthetics (Anm. 13), S. 109–132, hier S. 109.

[24] Sholette: The Art of Activism (Anm. 5), S. 151.

[25] Zum Konzept der Affordanzen, das seine Wurzeln in der Designtheorie hat, vgl. Caroline Levine: Forms: Whole, Rhythm, Hierarchy, Network, Princeton, NJ 2015.

[26] Audens Worte »To-day the expending of powers/ On the flat ephemeral pamphlet« stammen aus seinem Bürgerkriegsgedicht Spain 1937, in: The English Auden: Poems, Essays and Dramatic Writing, 1927–1939, hg. von Edward Mendelson, London 1986, S. 210–212, hier S. 212.

[27] Vgl. Stephen Wright: Toward a Lexicon of Usership, 2013.

[28] Zum kapitalistischen Realismus vgl. Mark Fisher: Capitalist Realism: Is There No Alternative?, London 2009.

[29] Endnotes Collective: »Onward Barbarians, in: Endnotes 2020.

 

VORGESCHLAGENE ZITIERWEISE: Benjamin Kohlmann/Ivana Perica: Der politische Gebrauch und Nutzen von Literatur, in: ZfL Blog, 21.2.2024, [https://www.zflprojekte.de/zfl-blog/2024/02/21/benjamin-kohlmann-ivana-perica-der-politische-gebrauch-und-nutzen-von-literatur/].
DOI: https://doi.org/10.13151/zfl-blog/20240221-01

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Henning Trüper: AKTIVISMUS UND KULTURGESCHICHTE DES MORALISCHEN https://www.zflprojekte.de/zfl-blog/2023/11/21/henning-trueper-aktivismus-und-kulturgeschichte-des-moralischen/ Tue, 21 Nov 2023 09:41:02 +0000 https://www.zflprojekte.de/zfl-blog/?p=3151 ›Aktivismus‹ wird heute kontextabhängig in vielen Bedeutungen verwendet: als deskrip­tive Bestimmung, positiver Identifikationsbegriff, Begriff der polemischen Abwertung oder Zielscheibe jargonkritischen Spotts.[1] Im Kern des Begriffs behauptet sich aber stets die individuelle Partizipation am kollektiven gesellschaftlichen Handeln, ins­beson­dere an der Politik. Meist wird als Aktivismus die emphatische Teilnahme an sozialen Bewegungen emanzipatorischer Art bezeichnet. Es geht Weiterlesen

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›Aktivismus‹ wird heute kontextabhängig in vielen Bedeutungen verwendet: als deskrip­tive Bestimmung, positiver Identifikationsbegriff, Begriff der polemischen Abwertung oder Zielscheibe jargonkritischen Spotts.[1] Im Kern des Begriffs behauptet sich aber stets die individuelle Partizipation am kollektiven gesellschaftlichen Handeln, ins­beson­dere an der Politik. Meist wird als Aktivismus die emphatische Teilnahme an sozialen Bewegungen emanzipatorischer Art bezeichnet. Es geht dabei häufig um marginalisierte Gruppen und Anliegen. For­derungen nach Ermächtigung und Gleichberechtigung sowie die Herausstellung besonderer Schutzbedürftigkeit stehen im Zentrum. Auch im aktivistischen Umgang mit dem Klimawandel bleibt der Grundgedanke des Schutzes – nun nicht mehr nur menschlicher Akteure, sondern einer ihrer Rechte beraubten Natur – erkennbar.

Bedeutungskonstituierende Kriterien für ›Aktivismus‹ wären demnach erstens politische Partizipation jenseits einer bloß passiven, handlungsfernen Zustimmung oder Ablehnung sowie zweitens das Vorhandensein eines kollektiven Handlungsmusters, das im Hinblick auf Rechte und deren Beschränkungen lesbar ist. Der Begriff setzt drittens ein Grundverständnis von Asymmetrien innerhalb der politischen Partizipation voraus. Damit fallen aus dem gewöhnlichen Verständnis von Aktivismus solche Formen von politischen Bewegungen heraus, in denen es nur um Pseudomarginalisierungen und den Schutz bestehender Privilegien geht. Wenn man etwa auf die Frage antworten will, ob Aktivismus zum Beispiel von (neo-)faschistischen Bewegungen ausgeübt werden könne, lässt sich darauf verweisen, dass dort die elementaren Merkmale Ermächtigung, Gleichberechtigung, Schutzbedürftigkeit nicht oder nur in verzerrter Form auftreten, insofern es vornehmlich um Bemächtigung, Entrechtung und Schädigung anderer geht.

Allerdings erlegen diese drei Kriterien den historischen Konstellationen eine allzu große Einfachheit auf. Schon bei der Arbeiterbewegung, in deren Umfeld der im Umfeld des Expressionismus entstandene Aktivismusbegriff nach dem Ersten Weltkrieg erst­mals politisch Fuß fasste,[2] handelte es sich keineswegs um eine Bewegung am untersten Ende sozialer Hierarchien, wie etwa die relative Nachrangigkeit der Anliegen der Frauenbewegung in den Ideengebäude der sozialistischen Parteien belegt. Zudem haben politische Bewegungen der Moderne stets ein Problem der Repräsentation. »Frei­schwebende« (Karl Mannheim), nicht vorrangig durch ihre Gruppenzugehörigkeit gekennzeichnete Intellektuelle sollen für andere sprechen oder eine intellektuelle ›Führung‹ der ›Massen‹ anstreben. Stellvertreter- und Fürsprecherschaft, einschließlich der Asymmetrien, die eine solche Position mit sich bringt, sind also ein viertes Merkmal des Aktivismusbegriffs.

Die Frage nach der Teilhabe am politischen Gemeinwesen ist kein ausschließlich mo­dernes Phänomen. Es gibt eine bedeutende frühneuzeitliche Tradition des heute so ge­nannten republikanischen politischen Denkens, für das die Frage nach der Par­ti­zipation immer auch eine Frage der Aus­schluss­kriterien war. Zu den Voraussetzungen legi­timer Teilhabe gehörte die persönliche Tugend, eine erworbene Disposition zum Gutsein. Dieses Gutsein betraf ursprünglich die natürliche Bestimmung des Menschen als eines zoon politikon (Aristoteles): der Mensch, der dieser Bestimmung am nächsten kam, partizipierte am Gemeinwesen. Die militärische Tugend, die aus der Übung im Krieg herstammt, gehörte ebenso zu diesem Gutsein wie diejenige Tugend, die aus dem Besitz, dessen Führung und Erhaltung herrührt. Diese – keineswegs geschlechtsneutralen – Tugenden sind genuin sozial und folglich nur innerhalb der Gemeinschaft erlernbar. Und weil die Tugend der politischen Natur des Menschen entspringt und Tugend das Wesen des Moralischen ausmacht, hat in dieser Tradition das Politische Vorrang vor dem Moralischen.[3]

In der Moderne ändert sich das Verhältnis von Politischem und Moralischem. Die ältere Tugendethik verschwindet oder wird in eng umgrenzte Bereiche zurückgedrängt. Stattdessen entstehen Moraltheorien und moralische Praktiken, in denen die moralischen Subjekte als fundamental gleich angesehen werden und die konkrete Hand­lung zum Hauptgegenstand des mora­lischen Urteils erhoben wird. Parallel dazu entwickelt sich im 18. Jahrhundert eine neue kulturelle Form der moralischen Partizipation in Form des humanitären Engagements, das sich über den sozialen und politischen Nahbereich hinaus auf die Abstellung eines »entfernten Leidens« richtet.[4] Dabei geht es also nicht mehr um eine zur Teilhabe im eigenen Gemeinwesen berechtigende Tugendhaftigkeit, sondern um ein Rettungshandeln, das sich auf einen konkreten, aber institutio­nell adressierbaren Notstand richtet. Das humanitäre Engagement begründet zwar noch eine Tugend, nämlich den retterlichen Heroismus, doch diese Tugend stiftet keine politische Person mehr, sondern bleibt auf einen engen Wirkungskreis beschränkt. Mit der Vervielfachung von Situationstypen des fernen Leidens entstehen Aktivismen (und Heroismen) in unüberschaubarer Zahl, die sich mit den politischen Formen von Aktivismus verschränken. Aktivismus stützt sich dabei auf die gute Tat als wichtigstes Paradigma moralischer Beurteilung.

Wenn heute irgendeinem Aktivismus, wie es oft in polemischer Absicht geschieht, Moralismus unterstellt wird, ist damit auch diese historische Dimension angesprochen und zugleich eine spezifisch moderne Prägung benannt, die neben der vormodernen besteht. Denn der Aktivismus – im Franzö­sischen heißen Aktivist:innen militant-e-s – trägt nach wie vor mehr oder weniger verkappte Züge jener vormodernen Denkfigur der kämpferischen Tugend, die die politische Partizipation ermöglicht und die einen Freiheitsbegriff voraussetzt, der Freiheit als Befähigung zum partizipatorischen Handeln versteht. In der Moderne dominiert hingegen ein anderes Freiheitsverständnis: Rechte konstituieren eine allgemeine, gleiche Frei­heit von bestimmten Beschränkungen.[5] Das oftmals elitäre Selbstverständnis aktivistischer Avantgarden deutet aber an, dass die ermächtigende und privilegierende Tugend keineswegs völlig aus dem politischen Denken verschwunden ist. Im Aktivismus ist die ›alte‹ Freiheit enthalten, die gegenüber anderen Mitmenschen ein Privileg vorzüglicher Teilhabe am politischen Handeln begründet. Das wirft die wichtige Frage nach dem Fortbestand älterer politischer Sprachen innerhalb derjenigen der Moderne auf – und nach anachronistischen Spannungen, die das heutige Denken mitprägen.

Hier kann ein Ansatzpunkt gefunden werden, um das Verhältnis von Aktivismus und Wissenschaft genauer zu fassen. Es ist nämlich auffällig, dass einige der gesellschaftlichen Gruppen, mit denen sich die Rede vom Aktivismus am häufigsten verbindet, an solche institutionellen Zusammenhänge geknüpft sind, in denen man Überreste der vormodernen, ständischen Gesellschaftsordnung entdecken kann: die Universitätsangehörigen, die Akademiker:innen, die Künstler:innen (von denen viele in irgendeiner Form an Akademien gebunden sind). Der Umstand, dass es in diesen Gruppen Ehrverbrechen gibt – man sieht es zum Beispiel deutlich am wissenschaftlichen Plagiat –, die in anderen gesellschaftlichen Zusammenhängen, zumal juristischen, kaum Relevanz besitzen, ist ein Symptom. Es zeigt an, dass sich bis heute eine Verbindung zwischen Stand und Tugend hält, die wir nur zumeist ignorieren. Und wenn etwa von der Pflicht von Wissenschaftler:innen zum Aktivismus die Rede ist, geht es durchaus noch um einen Typus ständischer Erwartung. Der Stand muss als solcher seine Berechtigung in der sozialen Ordnung erweisen, indem er seine Aufgabe und Bestimmung bestmöglich realisiert. Die Wissenschaft soll nicht einfach aus staatsbürgerlicher Perspektive partizipieren, sondern von ihr wird erwartet, im Funktions­gefüge des staatlichen Baus, der sie finan­ziert, eine wichtige partizipatorische Aufgabe zu erfüllen. Auch privat finanzierte Universitäten wie die bekannten nordamerikanischen, die allesamt auf Steuerprivilegien der Gemeinnützigkeit aufbauen, gehören in dieses staatlich-ständische Funktionsgefüge. Ohne den Staat gibt es in der Moderne keine Wissenschaft.

Deshalb ist es weder überraschend noch neu, dass an staatliche Funktionsträger:innen staatliche Erwartungen gerichtet werden. Das von mancher Aktivismuskritik vorgebrachte Argument, dass Wissenschaft als Beruf und Politik als Beruf so strikt zu trennen seien, wie es die beiden berühmten Vorträge Max Webers zu diesen Themen nahezulegen scheinen,[6] trägt also nicht besonders weit. Vielmehr ist die Frage nach dem Verhältnis von Wissenschaft und Aktivismus stets zugleich eine nach der Bedeutung von Staatlichkeit für die Wissenschaft. Einerseits geht es dabei um das Fortwirken des älteren politischen Denkens in der Moderne. Andererseits aber treffen sich Aktivismus und Wissenschaft in ihrer gemeinsamen, spezifisch modernen Gegenwarts- und Zukunftsorientierung. So entstehen analoge anachronistische Spannungen. Wissenschaft und Aktivismus sind sich insofern nahe, als für beide das forschende und reflexive Nachdenken über diese Spannungen und ihre theoretischen und praktischen Konsequenzen nötig ist. Wissenschaft setzt zuletzt, trotz aller Neigung zum Staatsdienst, dennoch eine Selbstbehauptung gegen gewisse Ansprüche der Nützlichkeit für das Staatswesen voraus. Auch der Aktivismus behauptet sich in einem experimentellen Austesten der Wirksamkeit bekannter und der Entwicklung neuer Handlungsformate, da sich die staatlichen Institutionen beständig auf Protestformen einstellen und sie zu beherrschen lernen.

Der Historiker Henning Trüper leitet am ZfL das ERC-Projekt »Archipelagische Imperative. Schiffbruch und Lebensrettung in europäischen Gesellschaften seit 1800«. Sein Beitrag erschien erstmals auf dem Faltplakat zum Jahresthema des ZfL 2023/24, »Aktivismus und Wissenschaft«.

[1] Dirk Braunstein/Christoph Hesse: Schiffbruch beim Spagat: Wirres aus Geist und Gesellschaft 1, Freiburg/Wien 2022, S. 17f.

[2] Vgl. Wolfgang Rothe: Der Aktivismus 1915–1920, München 1969, S. 721; Helmut Mörchen: Schriftsteller in der Massengesellschaft: Zur politischen Essayistik und Publizistik Heinrich und Thomas Manns, Kurt Tucholskys und Ernst Jüngers während der Zwanziger Jahre, Stuttgart 1973, S. 7–12; Knut Cordsen: Die Weltverbesserer: Wie viel Aktivismus verträgt unsere Gesellschaft? Berlin 2022, S. 23–46.

[3] Vgl. etwa John G. A. Pocock: The Machiavellian Moment: Florentine Political Thought and the Atlantic Republican Tradition [1975], Princeton 22016.

[4] Vgl. Luc Boltanski: La souffrance à distance: Morale humanitaire, médias, politique, Paris 1993.

[5] Die Unterscheidung von positiver und negativer Freiheit nach Isaiah Berlin: »Two Concepts of Liberty«, in: ders.: Four Essays on Liberty, Oxford 1969, S. 118–172.

[6] Max Weber: Wissenschaft als Beruf [1917/19], und ders.: Politik als Beruf [1919], in: Max Weber Gesamtausgabe, Abt. I, Bd. 17, hg. von Wolfgang J. Mommsen/Wolfgang Schluchter, in Zusammenarbeit mit Birgitt Morgenbrod, Tübingen 1992.

 

VORGESCHLAGENE ZITIERWEISE: Henning Trüper: Aktivismus und Kulturgeschichte des Moralischen, in: ZfL Blog, 21.11.2023, [https://www.zflprojekte.de/zfl-blog/2023/11/21/henning-trueper-aktivismus-und-kulturgeschichte-des-moralischen/].
DOI: https://doi.org/10.13151/zfl-blog/20231121-01

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Tobias Wilke: KI, DIE BOMBE. Zu Gegenwart und Geschichte einer Analogie https://www.zflprojekte.de/zfl-blog/2023/10/19/tobias-wilke-ki-die-bombe-zu-gegenwart-und-geschichte-einer-analogie/ Thu, 19 Oct 2023 12:14:46 +0000 https://www.zflprojekte.de/zfl-blog/?p=3117 »A.I. or Nuclear Weapons: Can You Tell These Quotes Apart?« – so fragte die New York Times ihre Leser:innen am 10. Juni dieses Jahres. In Form eines metadiskursiven Ratespiels rückte die Zeitung damit eine Analogie in den Blick, die in den jüngsten Debatten um Künstliche Intelligenz zu erheblicher Prominenz gelangt ist. Wenn derzeit die Risiken Weiterlesen

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»A.I. or Nuclear Weapons: Can You Tell These Quotes Apart?« – so fragte die New York Times ihre Leser:innen am 10. Juni dieses Jahres. In Form eines metadiskursiven Ratespiels rückte die Zeitung damit eine Analogie in den Blick, die in den jüngsten Debatten um Künstliche Intelligenz zu erheblicher Prominenz gelangt ist. Wenn derzeit die Risiken neuester (Sprach-)Technologien beschworen werden, lässt der Vergleich mit dem Vernichtungspotenzial von Atomwaffen nicht lange auf sich warten. Dies gilt für die in Print- und Onlinemedien ausgetragene Diskussion, ist aber auch innerhalb der wissenschaftlichen Community mit ihren Spezialöffentlichkeiten zu beobachten.[1] Warnungen vor den unabsehbaren Folgen der KI-Entwicklung gleichen in ihrer Drastik und teils bis aufs Wort den Mahnrufen und Appellen, mit denen in der Nachkriegszeit auf die damals neue Gefahr eines drohenden globalen Nuklearkonflikts reagiert wurde. Ob sich die von der New York Times anonymisiert präsentierten Aussagen wie »If we go ahead on this, everyone will die« oder »We are drifting toward a catastrophe beyond comparison«[2] auf unsere Gegenwart oder auf die historische Situation der 1950er und 1960er Jahre beziehen, ist daher tatsächlich nicht immer ohne Weiteres auszumachen. Und erst kürzlich berichtete die Zeitung von einem Mitarbeiter des von Google betriebenen DeepMind-Forschungslabors, der einen Vortrag zum maschinellen Lernen mit einem Zitat aus George Orwells Essay You and the Atomic Bomb (1945) eröffnet hatte – ein weiteres Beispiel dafür, wie sehr die zwischen Künstlicher Intelligenz und Nuklearwaffen gezogenen Parallelen zu einem anscheinend unverzichtbaren Topos in der Auseinandersetzung mit neuronalen Netzen und Large Language Models (LLMs) geworden sind.[3]

Erklären lässt sich diese Ubiquität zunächst damit, dass die Atombombenreferenz in der Regel als Teil von Aufmerksamkeitsstrategien fungiert, die auf die Dringlichkeit von Sicherheitsstandards, Risikomanagement und Kontrollmechanismen für die KI-Entwicklung hinweisen sollen. Insofern solche Warnungen und Forderungen jedoch praktisch immer mit der Betonung des schier ›grenzenlosen‹ Problemlösungspotenzials von Künstlicher Intelligenz einhergehen bzw. sich eben daraus allererst begründen, befeuern sie zusätzlich den gegenwärtigen Hype um diese Technologien. Dabei fällt auf, dass es gerade die Protagonisten der Big-Tech-Konzerne sind, die in den Chor der vielzähligen Warnrufe und Regulierungsappelle einstimmen bzw. darin sogar den Ton angeben. Als Ende Mai etwa das Center for AI Safety ein offizielles Statement on AI Risk herausgab, in dem erklärt wurde, »[m]itigating the risk of extinction from AI should be a global priority alongside other society-scale risks such as pandemics and nuclear war«, zählten die CEOs von OpenAi und Google DeepMind, Sam Altman und Demis Hassabis, sowie der Microsoft-Gründer Bill Gates zu den prominentesten Unterzeichnern. Und in einem schon im April veröffentlichten Memorandum zum Thema Governance of Superintelligence schlugen die ChatGPT-Entwickler von OpenAI selbst die Einrichtung einer KI-Kontrollinstanz nach dem Vorbild der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) vor.

Diese Beispiele lassen erkennen, dass in den Diskussionen der vergangenen Monate durchaus verschieden geartete Vorstellungen von einer atombombenhaften Gefährdung der Menschheit durch KI miteinander konkurrieren. Am konkretesten gestalten sich die Inbezugsetzungen dort, wo auf die künftige Integration von Künstlicher Intelligenz in die Steuerung nuklearer Waffensysteme sowie auf eine zu erwartende Automatisierung von militärischen Entscheidungsprozessen insgesamt rekurriert wird. »Never give artificial intelligence the nuclear codes« lautete etwa die Überschrift eines Artikels in der Juni-Ausgabe des Magazins The Atlantic, der mit einem (computergenerierten) Bild eines aus binärem Zahlencode geformten Atompilzes illustriert wurde. Und auch in den Kontexten von Security Studies und internationaler Politik debattiert man mittlerweile intensiv über die Möglichkeit eines globalen »AI arms race«, das die Gefahren des atomaren Wettrüstens nach dem Zweiten Weltkrieg noch weit in den Schatten stellen würde.[4]

Während solche Szenarien also zu antizipieren versuchen, wie sich Künstliche Intelligenz ganz buchstäblich in eine Bombe verwandeln könnte, kreist ein anderer, sehr viel stärker spekulativer Strang der Auseinandersetzung um ein aus Filmen wie Terminator und The Matrix bekanntes Motiv: Die dort noch fiktional verhandelte Auslöschung der Menschheit durch außer Kontrolle geratene ›superintelligente‹ Maschinen wird nun unter dem Stichwort der sogenannten ›rogue AI‹[5] – also einer abtrünnigen, zerstörerischen Variante gegenwärtiger Computertechnologien – in den Raum bald schon möglicher Realitäten verlegt. Unter Rückgriff auf das Imaginationsarchiv der Science-Fiction (die ihrerseits ja gerade im Zeitalter der ersten Atombomben und Digitalrechner breite Popularität erlangte) bilden sich somit prognostische Aussagen darüber heraus, wie Künstliche Intelligenz faktisch zu einer Bedrohung im planetarischen Maßstab avancieren könnte. Entscheidend ist dabei die Annahme, dass sie sich bereits in naher Zukunft – und im Gegensatz zu ›klassischen‹ Atomwaffen – einer nachträglichen Einhegung durch menschliche Akteure auf irreversible Weise entziehen dürfte.

Auf der einen Seite also die Warnung vor Künstlicher Intelligenz als (Teil der) Bombe, auf der anderen Seite die Befürchtung, dass KI letztlich wie die Bombe, oder sogar eher noch als diese, zu einer Quelle von totaler physischer Vernichtung zu werden vermag: Zwischen diesen extremen Polen hat es in den letzten Monaten eine Fülle von äußerst diffusen Beschwörungen der potenziell destruktiven Kräfte von generative artificial intelligence gegeben. In einer der frühesten prominenten Reaktionen auf ChatGPT forderten im März 2023 zahlreiche Vertreter:innen aus US-amerikanischer Wissenschaft, Wirtschaft und Politik in einem offenen Brief ein mindestens sechsmonatiges Moratorium in der KI-Entwicklung. Denn Systeme, die das Problemlösungsvermögen menschlicher Intelligenz besäßen oder gar überträfen, brächten »profound risks to society and humanity« mit sich, darunter die mögliche Auflösung zivilisatorischer Institutionen, soziale Desintegration und die Verdrängung von menschlicher agency aus den Sphären von Ökonomie, Arbeit, Politik und Kultur. Die angesprochenen Gefahren bleiben hier – wie auch in vielen anderen Einlassungen zur Künstlichen Intelligenz – eher vage. (Die automatisierte Produktion und Verbreitung von Fake News und Propaganda durch Chatbots und eine daraus folgende Überflutung gesellschaftlicher Kommunikationskanäle ist noch einer der deutlicher benannten katastrophalen Effekte.) Doch gibt die Vorstellung einer zwischen privaten Konzernen aus ökonomischen Interessen ausgetragenen Konkurrenz um immer leistungsfähigere KI-Systeme eine mindestens implizite historische Referenz zur Dynamik des atomaren Wettrüstens zu erkennen. Zu befürchten bzw. eigentlich schon im Gange sei, so die Autor:innen des Briefs, »an out-of-control race to develop and deploy ever more powerful digital minds that no one – not even their creators – can understand, predict, or reliably control«.

In ihrer kurzen Vorbemerkung weisen die Autoren des eingangs genannten New York Times-Ratespiels darauf hin, dass der von ihnen zum Quizgegenstand gemachte Vergleich durchaus kein gänzlich neues Phänomen, sondern bereits seit Jahren verwendet worden sei. Dabei beziehen sie sich namentlich auf Tesla-Gründer und X-Besitzer Elon Musk, einen der derzeit wohl vernehmbarsten Advokaten einer umfassenden KI-Regulierung, der schon am 3.8.2014 in einem Tweet warnte, »[w]e need to be super careful with AI. Potentially more dangerous than nukes« – um sich dann wenig später selbst an der Gründung von Open AI zu beteiligen.[6] Hervorzuheben ist allerdings, dass nicht erst die beschleunigte Entwicklung von ›Superintelligenz‹ im frühen 21. Jahrhundert zu solchen Vergleichen Anlass gab. Diese bilden vielmehr eine Konstante in der diskursiven Auseinandersetzung mit digitalen Technologien, was sich insbesondere an zwei bereits länger zurückliegenden formativen Phasen des Informationszeitalters beobachten lässt: dem Digitalisierungsschub der 1980er und frühen 1990er Jahre, der durch die Verbreitung erschwinglicher PCs und die Freigabe des World Wide Web (1993) für die öffentliche Nutzung gekennzeichnet war, sowie den Nachkriegsjahrzehnten, die sowohl durch die Anfänge des mainframe computing als auch durch die eskalierende atomare Konfrontation zwischen Ost- und Westmächten geprägt wurden.

 

»La bombe informatique/Die Informatikbombe«: Unter diesem Titel strahlte der deutsch-französische Kultursender ARTE im Herbst 1995 ein Fernsehgespräch zwischen dem Philosophen Paul Virilio und dem Medienwissenschaftler Friedrich Kittler aus.[7] Geführt gleichsam auf halber Strecke zwischen Kittlers frühen Studien zur Mediengeschichte wie Grammophon Film Typewriter (1986) und Virilios später publiziertem Buch The Information Bomb (1999) legt diese Diskussion Zeugnis davon ab, wie der Prozess globaler digitaler Vernetzung erstmals nachhaltig ins Zentrum der geistes- und kulturwissenschaftlichen Theoriebildung zu rücken begann. Für Virilio, den Theoretiker der Geschwindigkeit und ihrer militärischen wie medientechnischen Hintergründe, stellte sich das Heraufziehen einer weltweit synchronisierten Informationsgesellschaft als ultimatives Stadium historischer Beschleunigung mit einem Unfallpotenzial von nie gesehenen Ausmaßen dar:

»[T]his is what Einstein called, very judiciously, ›the second bomb‹. The first bomb was the atomic bomb, the second one is the information bomb, that is, the bomb that throws us into ›real time‹.«[8]

Ausgehend von einer – vermutlich apokryphen[9] – Einstein-Äußerung machte Virilio so eine Reihe von bildlichen Analogien zwischen nuklearer und digitaler Katastrophe geltend: Instantane Datenübertragung und unbegrenzte Interaktivität würden letztlich zu einer »Überhitzung« gesellschaftlicher Kommunikation, zu einer Art von sozialer »Kernspaltung« mit entsprechend destruktiven Folgen führen müssen; geboten seien daher Kontrollen und internationale Präventivmaßnahmen nach dem Vorbild der »nuklearen Abschreckung«.[10]

Kittler hingegen richtete seinen Blick in für ihn charakteristischer Weise auf die historischen Entwicklungszusammenhänge, die Computertechnologie und Atomwaffen seit ihren Anfängen miteinander verbunden haben. Dies klingt bedeutend weniger alarmistisch als Virilios Statements und kommt im Ton eher lakonisch daher. Doch galt das Kommen der Apokalypse auch Kittler als ausgemacht. »Vor dem Ende, geht etwas zu Ende«, hieß es in diesem Sinne schon in der Einleitung zu Grammophon Film Typewriter (das just im Jahr des Reaktorunfalls von Tschernobyl erschienen war).[11] Ehe das nukleare Armageddon eintritt, so sollte dies besagen, vermag die zu militärischen Zwecken entwickelte Datenübertragung per Glasfaserkabel noch den zivilen Funktionsbereich sämtlicher (Unterhaltungs-)Medien zu revolutionieren – und deren Nutzer:innen genau dadurch von der Einschreibung der bevorstehenden Katastrophe in die digitale Technik abzulenken. Denn die Verkabelung von Rechnern, wie sie zunächst im Arpanet des US-Militärs erprobt wurde, hatte ursprünglich dazu gedient, Waffen- und Kommunikationssysteme gegen die elektromagnetischen Auswirkungen möglicher Nuklearschläge zu immunisieren. Für Kittler leitete sich daraus eine materiell verbürgte Komplizenschaft zwischen Digitalisierung und atomarer Aufrüstung her, die hinter den Datenflüssen alltäglicher Computernutzung jedoch verborgen bleibe: »Glasfaserkabel übertragen eben jede denkbare Information außer der einen, die zählt – der Bombe.«[12]

Virilio und Kittler waren noch nicht mit Künstlicher Intelligenz in ihren heute aktuell gewordenen Erscheinungsformen befasst. Doch weisen ihre Reflexionen auf bestimmte Kontinuitäten hin, die sich auch in der forcierten Digitalisierung des frühen 21. Jahrhunderts fortsetzen sollten. So lässt sich eine direkte Entwicklungslinie vom (geschlossenen) Arpanet der 1970er und 80er Jahre über das (offene) Internet der 1990er und 2000er zu den (teils offenen, teils geschlossenen) LLMs der Gegenwart ziehen, die ohne ihre aus dem Netz bezogenen sprachlichen Trainingsdaten schlechthin undenkbar wären. Kittlers Hinweis indes, »that both computers and atomic bombs are an outcome of the Second World War«,[13] erlaubt es zugleich, diese historischen Verbindungen bis an die Anfänge des Computerzeitalters zurück zu verlängern. Eine zentrale Rolle kommt in diesem Kontext dem Mathematiker John von Neumann zu, der während des Kriegs zeitweilig am Los Alamos National Laboratory arbeitete und dort Berechnungen für das Design der ersten Atombombe anfertigte; wenig später entwickelte er im Rahmen des Manhattan-Projekts der US-Regierung ein neues Schaltungskonzept für elektronische Rechner, die sogenannte Von-Neumann-Architektur, die zum bis heute gängigen Bau- und Funktionsplan von Computern avancieren sollte.

Zum Komplex dieser institutionell-genealogischen Verflechtungen gehört aber auch, dass sich die rasch aufkommende Frage nach der Lernfähigkeit und quasimenschlichen Intelligenz solcher Rechen- bzw. Denkmaschinen[14] sehr bald mit Reflexionen über die möglichen Folgen der Atomtechnologie und das nach dem Krieg einsetzende Wettrüsten zwischen den USA und der UdSSR zu verbinden begann. So zu verfolgen etwa bei Norbert Wiener, der die erste Ausgabe seines Buches Cybernetics: Or Control and Communication in the Animal and the Machine (1948) mit einem kurzen, an von Neumann anknüpfenden Ausblick auf die Möglichkeit beschloss, lernfähige Schachcomputer zu konstruieren. In der zweiten Auflage 1961 fügte er diesen Überlegungen dann ein neu verfasstes Kapitel (On Learning and Self-Reproducing Machines) hinzu, in dem er seine Perspektive auf den möglichen Einsatz solcher ›intelligenten‹ Maschinen im Kontext militärischer Konfliktszenarien, vor allem des »new and as yet untried war with atomic weapons«,[15] ausweitete. Kurz vor dem kritischen Höhepunkt der atomaren Konfrontation angesichts der Kubakrise (1962) sah Wiener somit schon die Automatisierung von Waffensystemen und kriegsstrategischen Entscheidungsprozessen mittels Künstlicher Intelligenz voraus, wie sie gegenwärtig unter neuen technischen Vorzeichen diskutiert wird. Und er hob dabei verschiedene mit dieser Entwicklung verbundene Gefahren hervor, die auch in der aktuellen Debatte um KI zentrale Bedeutung (wieder-)erlangt haben: das Problem eines »unguarded use of learning machines«[16] zum Beispiel, das aus einer unkontrollierbaren Eigendynamik solcher Systeme resultiert, sowie die noch weiter reichende Möglichkeit, dass sich diese Systeme aufgrund ihrer »new and real agencies«[17] irgendwann sogar gezielt gegen ihre Schöpfer wenden könnten.

Weniger auf das destruktive Potenzial von Künstlicher Intelligenz gerichtet, doch dafür umso radikaler in der Einschätzung ihrer zivilisatorischen Konsequenzen war wiederum eine Diagnose, die der deutsche Wissenschaftsphilosoph Max Bense bereits 1955 formulierte:

»Nicht die Erfindung der Atombombe ist das entscheidende technische Ereignis unserer Epoche, sondern die Konstruktion der großen mathematischen Maschinen, die man […] gelegentlich auch Denkmaschinen genannt hat. Diese Feststellung begründet sich auf der Tatsache, daß die Technik mit ihnen einen neuen Aufgabenbereich, fast möchte man sagen: einen neuen Sinn gewonnen hat.«[18]

Zehn Jahre nach den ersten Atombombenabwürfen über Japan und inmitten der Eskalationsphase des Kalten Kriegs war diese Einschätzung gewiss (noch) nicht konsensfähig und ersichtlich (auch) als Provokation intendiert. Dennoch war es Bense mit seinem vergleichenden Befund durchaus ernst. Während die Atombombe vor allem eine physische Bedrohung von außen darstellte, waren die ›Denkmaschinen‹ dazu angetan, alle Bereiche des sozialen und geistigen Lebens zu durchdringen und in ihrem innersten Kern zu verändern; und eben dies rechtfertigte es, sie als die eigentliche Grundlage »einer neuen Stufe der Technischen Welt«[19] anzusehen. Benses halb diagnostische, halb prognostische Einschätzung stellt sich im Rückblick als hellsichtige Charakterisierung des (kommenden) Digitalzeitalters dar – ist es doch gerade das mittlerweile eingetretene und sich aktuell stark beschleunigende Vordringen von Künstlicher Intelligenz in die unterschiedlichsten Kommunikations-, Informations- und Kulturtechniken, das zuletzt auch für eine topische Rückkehr der Atombombe in die öffentliche Diskussion gesorgt hat.

Was aber hat eine heutige KI wie ChatGPT selbst zur Konjunktur dieser vergleichenden Bezugnahmen zu sagen? Stellt man dem Chatbot diese Frage (und was läge in der aktuellen Situation näher?), so erzeugt das System eine Liste von generischen Aussagen über ähnliche Risiken, unabsehbare Konsequenzen und ethische Implikationen beider Technologien, ergänzt um den relativierenden Hinweis, es handle sich um »keine perfekte Analogie«.[20] Dieser Einschränkung mag ohne Weiteres zuzustimmen sein. Entscheidend jedoch ist etwas anderes: Die diskursive Rekurrenz des Vergleichs – und seine eben darauf beruhende Erfass- und Reproduzierbarkeit durch statistisch verfahrende LLMs – lässt ideologische constraints sichtbar werden, denen die Bildung von Aussagen über Künstliche Intelligenz unterliegt – wobei ›ideologisch‹ hier im Sinne einer Regulierung des Denk- und Sagbaren durch bestimmte Wahrscheinlichkeiten zu verstehen ist.[21] Eben diese Wahrscheinlichkeiten aber sind es wiederum, die auch und gerade in Zukunft eine Analyse ihrer historischen Bedingtheit notwendig machen.

 

Der Literaturwissenschaftler Tobias Wilke arbeitet am ZfL auf einer Heisenberg-Stelle an dem Projekt »Digitale Sprache. Linguistik, Kommunikationsforschung und Poetik im frühen Informationszeitalter«.

[1] Für die journalistische Debatte im deutschen Sprachraum vgl. exemplarisch Alexander Grau: »KI-Moratorium? Künstliche Intelligenz ist die Atombombe«, in: Cicero Online, 15.4.2023, und Ursula Scheer: »Ist KI so gefährlich wie die Atombombe?«, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.5.2023. Für den wissenschaftlichen Diskussionskontext vgl. u.a. Dan Hendrycks/Mantas Mazeika/Thomas Woodside: An Overview of Catastrophic AI Risks, in: arXiv, 9.10.2023, S. 4.

[2] Ian Prasad Philbrick/Tom Wright-Piersanti: »A.I. or Nuclear Weapons: Can You Tell These Quotes Apart?«, in: The New York Times, 10.6.2023.

[3] Vgl. Siobhan Roberts: »AI Is Coming for Mathematics, Too«, in: The New York Times, 2.7.2023. Orwells Essay erschien am 19.10.1945 in der Londoner Zeitung Tribune.

[4] So warnte unlängst u.a. Charles Oppenheimer, Enkel des Atombomben-Entwicklers J. Robert Oppenheimer, vor einer entsprechenden Konkurrenz zwischen China und den USA. Vgl. Charles Oppenheimer: »To Avoid an AI ›Arms Race‹, the World Needs to Expand Scientific Collaboration«, in: Bulletin of Atomic Scientists, 12.4.2023. Als einschlägige Publikation aus dem Bereich der Security Studies vgl. auch James Johnson: AI Bomb: Nuclear Strategiy and Risk in the Digital Age, Oxford 2023.

[5] Zu diesem Begriff vgl. Hendrycks(Mazeika/Woodside: Overview (Anm. 1)

[6] Vier Jahre später (11.4.2018) war Musk sich angeblich sicher: »Mark my words – A.I. is far more dangerous than nukes.«

[7] Ein Video der Sendung ist online zugänglich. Eine schriftliche englische Übersetzung von Auszügen des Gesprächs erschien später unter dem (leicht abgewandelten) Titel »The Information Bomb. A Conversation«, in: Angelaki. Journal of the Theoretical Humanities 4.2 (1999), S. 81–90.

[8] Ebd., S. 82.

[9] Vgl. dazu Roger Stahl: »Weaponizing Speech«, in: Quarterly Journal of Speech 102.4 (2016), S. 376–395, hier S. 378.

[10] Vgl. Paul Virilio: The Information Bomb, New York 1999, S. 108.

[11] Friedrich Kittler: Grammophon Film Typewriter, Berlin 1986, S. 7.

[12] Ebd.

[13] »The Information Bomb. A Conversation« (Anm. 7), S. 82.

[14] Prägend hierzu Alan Turing: »Computing Machinery and Intelligence«, in: Mind 59.236 (1950), S. 433–460.

[15] Norbert Wiener: Cybernetics, Or Communication and Control in the Animal and the Machine, Boston 21961, S. 242.

[16] Ebd.

[17] Ebd., S. 244.

[18] Max Bense: »Vorwort«, in: Louis Couffignal: Denkmaschinen, übers. v. Elisabeth Walther und Max Bense, Stuttgart 1955, S. 7.

[19] Ebd., S. 7f.

[20] ChatGPT (May 24 Version), Response auf die Frage »Why is AI so often compared to the atomic bomb?«, generiert am 5.7.2023. Hervorzuheben ist, dass sich die Datenbasis von ChatGPT bislang nur bis Ende 2021 erstreckt und damit (noch) nicht den Zeitraum erfasst, in dem die Freischaltung des Systems selbst maßgeblich zur Renaissance der Atombomben-Referenz beigetragen hat.

[21] Vgl. dazu Leif Weatherby: »ChatGPT is an Ideology Machine«, in: Jacobin, 17.4.2023.

 

VORGESCHLAGENE ZITIERWEISE: Tobias Wilke: KI, die Bombe. Zu Gegenwart und Geschichte einer Analogie, in: ZfL Blog, 19.10.2023, [https://www.zflprojekte.de/zfl-blog/2023/10/19/tobias-wilke-ki-die-bombe-zu-gegenwart-und-geschichte-einer-analogie/].
DOI: https://doi.org/10.13151/zfl-blog/20231019-01

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Oliver Precht: AUCH EINE GESCHICHTE DER THEORIE https://www.zflprojekte.de/zfl-blog/2023/06/12/oliver-precht-auch-eine-geschichte-der-theorie/ Mon, 12 Jun 2023 09:42:07 +0000 https://www.zflprojekte.de/zfl-blog/?p=3052 »Das Folgende«, stellt Morten Paul gleich zu Beginn seiner Studie über Suhrkamps (mehr oder weniger) graue Bände klar, »ist keine Geschichte der Theorie, sondern eine Geschichte der Theorie-Reihe« (Morten Paul: Suhrkamp Theorie. Eine Buchreihe im philosophischen Nachkrieg, Leipzig: Spector Books 2023, 18). Vielleicht hatte er beim Verfassen dieses Warnhinweises noch den Vorwurf im Ohr, den Weiterlesen

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»Das Folgende«, stellt Morten Paul gleich zu Beginn seiner Studie über Suhrkamps (mehr oder weniger) graue Bände klar, »ist keine Geschichte der Theorie, sondern eine Geschichte der Theorie-Reihe« (Morten Paul: Suhrkamp Theorie. Eine Buchreihe im philosophischen Nachkrieg, Leipzig: Spector Books 2023, 18). Vielleicht hatte er beim Verfassen dieses Warnhinweises noch den Vorwurf im Ohr, den Gerhard Poppenberg in seinem Essay Herbst der Theorie an Philipp Felschs viel gelesenes Buch Der lange Sommer der Theorie gerichtet hat: Felsch verenge die komplexe, an eine Vielzahl von Orten, Institutionen, Produktions- und Rezeptionsmilieus gebundene Theoriegeschichte auf die spezifischen von ihm untersuchten Kontexte, nämlich auf »die Verlage Suhrkamp und Merve, die Berliner FU und die Subkultur der Siebziger- und Achtzigerjahre«.[1] Hinter diesem etwas wohlfeilen Vorwurf steht eine Vorstellung von Theoriegeschichte, die sich keineswegs von selbst versteht.

Ob sich eine allgemeine kulturwissenschaftliche Theoriegeschichte überhaupt schreiben lässt, ob sich durch die Einbeziehung der zahlreichen anderen Theoriekontexte inner- und außerhalb der Bundesrepublik überhaupt ein kohärentes Bild von Theorie ergäbe und ob dieses Bild sich schließlich mit dem Selbstverständnis, also mit einem theoretischen Begriff von Theorie in Einklang bringen ließe ­– all das müsste erst einmal gezeigt werden. Anders als das obige Zitat vermuten lässt, beschränkt sich Morten Paul jedenfalls nicht darauf, lediglich die Geschichte einer Buchreihe zu schreiben. Theorie bei Suhrkamp ist für ihn auch ein Gegenstand, der zu grundsätzlichen und sehr gewinnbringenden Reflexionen über die Möglichkeit einer umfassenderen Theoriegeschichte und eines gehaltvollen Theoriebegriffs einlädt. Sein Gegenstand – eine Buchreihe – lässt das Grundproblem vielleicht besonders deutlich hervortreten: Betrachtet man Theorie, wie es kulturwissenschaftliche Ansätze typischerweise tun, »als Genre oder Schreibweise«, dann »können nur bestimmte Aspekte dessen, was Theorie ist, überhaupt in den Blick geraten« – und es ist keineswegs gewiss, dass sich diese verschiedenen Aspekte zu einem Gesamtbild zusammenfügen lassen. Betrachtet man Theorie jedoch theoretisch, zum Beispiel als einen spezifischen Modus der Reflexion von wissenschaftlicher oder philosophischer Tätigkeit, »verschwindet dagegen die Historizität dieses Reflexionsvorgangs« (59).

Anders als bei vielen ähnlich gelagerten Vorhaben, die sich Verlage, Zeitschriften oder (para-)akademische Institutionen zum Gegenstand nehmen,[2] steht bei Paul eine Buchreihe im Fokus, die aus einer einmaligen Konstellation entstanden ist. Von Anfang an sollte Suhrkamps Theorie ein Eigenleben führen – im Unterschied zu vielen anderen Reihen, die in erster Linie Publikationsorgane bestimmter Institutionen, etwa von Parteien oder Forschungseinrichtungen sind, im Gegensatz auch zu solchen, die sich in erster Linie über gattungsspezifische Kriterien definieren, etwa nur Essays oder Dissertationen aufnehmen, oder solchen, die sich vor allem über verlegerische Gesichtspunkte definieren, indem sie etwa ein bestimmtes Buchformat oder ein bestimmtes Layout durchhalten. Mehr noch, sie sollte dem Verlag, wie Paul im ersten Kapitel seiner Untersuchung zeigt, zu allererst theoretisches Leben einhauchen. Für den im »Nachkrieg« (gemeint ist ein langer Nachkrieg, der nicht mit der Gründung der Bundesrepublik 1949 endet, sondern sich bis weit in die 1970er Jahre erstreckt) schnell expandierenden Theoriemarkt fehlte dem Verlag zunächst die Expertise. Der zupackende Verleger Siegfried Unseld, der Suhrkamp seit 1959 führte, kontaktierte also kurzerhand eine Reihe von ausgewiesenen Experten[3] und machte ihnen ein verlockendes Angebot. Mit großzügiger Finanzierung und großer herausgeberischer Freiheit sollten sie eine neuartige Reihe herausgeben, die sich sowohl von den teuren und unhandlichen Produktionen der großen Wissenschaftsverlage als auch von den billigen und oft schlecht gemachten Paperbacks von Rowohlt oder Reclam unterscheiden sollte. Erschwinglich und hochwertig zugleich, so stellte sich Unseld die noch namenlose Reihe vor. Sie sollte Seriosität ausstrahlen, wissenschaftliche Strenge, ohne jedoch einen professoralen Ton anzuschlagen. Ein durchdachter Plan, doch mit der ersten Kontaktaufnahme begannen auch schon die Probleme: Der »Professorenzirkus« (so der Titel von Pauls erstem Kapitel) war eröffnet.

Nach jahrelangen, teils zähen Verhandlungen über Zusammensetzung, Rechte und Pflichten des Herausgeberkreises, über Titel, Ausrichtung und Schlagzahl der Reihe – ein Prozess, den Paul anhand von erstmals systematisch ausgewerteten Archivmaterialien, insbesondere von zahlreichen Briefen und Sitzungsprotokollen rekonstruiert – erschien 1966 der erste von gut 200 Titeln Theorie. Während der mühsame Aushandlungsprozess mit den selbstbewussten Professoren dem Verlag einiges abverlangte, stellte er sich für die Theoriegeschichte als Glücksfall dar. Die einzigartige Konstellation aus einem schnell wachsenden und immer anspruchsvolleren Publikum, einem erwachenden Interesse an Theorie, einem theoretisch eher unbeschlagenen Verlag und einer Herausgebergruppe, die mit Dieter Henrich, Hans Blumenberg, Jürgen Habermas und Jacob Taubes ebenso unterschiedliche wie meinungsstarke Charaktere umfasste, zeigt exemplarisch, wie viele unterschiedliche Kräfte in der Produktion von Theorie wirken.

Die sich in dieser Konstellation herausbildende Theorie ist zunächst nichts anderes als die Schnittmenge der Interessen der beteiligten Akteure. Ernüchtert mussten die vier Professoren immer wieder feststellen, dass sich ihre Reihe nicht so recht auf einen theoretischen Begriff bringen ließ. Vielmehr konnte sie leicht wie eine bloße Aneinanderreihung wirken: Es entstand ein Eindruck von »Kraut und Rüben« ­– »wenn auch von erster Qualität«, wie Karl Markus Michel, der die Reihe verlagsseitig betreute, sogleich beschwichtigend hinterherschob. Das einzige inhaltliche Kriterium, dem die vielen Bücher mehr oder weniger genügten, war eine recht vage Vorstellung von Aufklärung, die man dem Deutschland des ›Nachkriegs‹ angedeihen lassen wollte.

Mit Blick auf einen gehaltvollen Theoriebegriff ist der Prozess also weitaus interessanter als das Endprodukt. In der Kommunikation zwischen dem Verlag, den Herausgebern und zahlreichen außenstehenden, auf die ein oder andere Weise beteiligten Personen zeichnet sich ein Panorama all der unterschiedlichen Erwartungen und Hoffnungen ab, die in der Zeit seit der ersten Kontaktaufnahme 1963 bis zur endgültigen Einstellung der Reihe 1986 mit dem Wort und dem Begriff Theorie verbunden waren. Das schillernde Material lässt erkennen, welchen Interessen Theorie diente, welche Räume sie eröffnete, welche Machtverhältnisse sie aber mitunter auch schuf oder zementierte. Die Entwicklung der Theorie (und der Theorie) erscheint als Spiegel einer Zeit, die von bedeutenden Umbrüchen gezeichnet ist, gesellschaftlichen wie theoretischen. Nicht mit allen Entwicklungen konnte oder wollte die Reihe Schritt halten: Die poststrukturalistische Theorie beispielsweise, die später das Programm der anderen großen Reihen des Verlags, edition suhrkamp und suhrkamp taschenbuch wissenschaft (stw), nachhaltig prägen sollte, war den Herausgebern suspekt, stand gar im Verdacht gegenaufklärerisch zu sein. Der Fall Derrida, der schließlich keine Aufnahme in die Theorie fand, steht im Zentrum des dritten Kapitels von Pauls Buch, das sich mit dem wichtigen und erst in jüngster Zeit mit der nötigen Aufmerksamkeit bedachten Feld der Theorieübersetzung beschäftigt.[4] Hier zeigt sich besonders deutlich, wie wenig das entstehende Genre den theoretischen Theoriebegriffen der Professoren gehorchte – und wie sehr es von der Ausbildung persönlicher und institutioneller Netzwerke abhing. Viele der Übersetzungen, die einen wichtigen Bestandteil der Theoriekonjunktur ausmachten, entstanden beispielsweise zunächst auf eigene Initiative, im Umkreis von Seminaren und Lesekreisen, und wurden erst später dem Verlag zur Veröffentlichung angeboten.

Auch die gesellschaftlichen Umbrüche des Jahres 1968 konnten letztlich keine bleibenden Spuren in der Reihe hinterlassen. Sie führten zwar zu einer Intensivierung der Diskussionen um ein Zeitschriftenprojekt, das die Buchreihe ergänzen und den veränderten gesellschaftlichen Umständen Rechnung tragen sollte. Das in erster Linie von Taubes forcierte Projekt, das im Zentrum des vierten Kapitels steht, konnte jedoch, auch aufgrund des mangelnden Enthusiasmus seiner Mitstreiter, letztlich nicht verwirklicht werden. Im Verlauf des roten Jahrzehnts verlor die Reihe zusehends an Schwung. Sukzessive stiegen erst Blumenberg, dann Jacob Taubes (aufgrund seiner Krankheit) und schließlich auch Habermas aus. Mit dem neu hinzugestoßenen Niklas Luhmann versuchte Henrich noch ein letztes Aufbäumen, doch Mitte der 1980er war die Reihe endgültig Geschichte.

Wirtschaftlich nicht sonderlich erfolgreich, hat sie für den Verlag dennoch ihren Zweck erfüllt: Suhrkamp hatte sich die nötige Expertise angeeignet und war ein renommierter Theorieverlag geworden. Mit der bis heute erfolgreichen stw-Reihe, die zunehmend die Theorie ablöste, sie sogar durch zahlreiche Wiederverwertungen regelrecht auffraß, sollte Siegfried Unseld die Früchte dieses Lern- und Wachstumsprozesses ernten.

Niemand, der sich für die Geschichte von Theorie in Deutschland interessiert, wird um Morten Pauls Geschichte der Theorie herumkommen. Anders als die nüchternen Buchdeckel dieser Reihe vermuten lassen, ist diese Geschichte keineswegs grau: Da sie eng mit der ereignisreichen Theorie- und Gesellschaftsgeschichte der 1960er und 1970er Jahre verwoben ist, da sie sich nicht von dem anhaltenden Gespräch zwischen den faszinierenden, eigenwilligen, mitunter auch narzisstisch agierenden Protagonisten trennen lässt, ist sie unterhaltsam, manchmal sogar witzig, ohne jedoch ins Anekdotische abzurutschen. Dafür sorgen nicht zuletzt die zahlreichen theoretischen Exkurse zum Theoriebegriff, ein Subtext anhaltender Reflexion über den Sinn und die Möglichkeiten von Theorie im 20. Jahrhundert und darüber hinaus.

Theoriegeschichte entsteht hier aus der Wechselwirkung zwischen der kulturwissenschaftlichen Arbeit, die aus dem vorhandenen Material die konkreten Produktions- und Distributionsbedingungen, die Vernetzungsweisen, die Formierung von Szenen, Genres und Stilen untersucht, und einer theoretischen Arbeit, die versucht, den formalen, aber historisch gesättigten Theoriebegriff wieder mit den gehaltvollen, aber tendenziell ahistorischen theoretischen Theoriebegriffen ins Gespräch zu bringen. So betrachtet ist Theorie dann nicht einfach nur die Mode, komplizierte Texte zu lesen, sondern zugleich eine Distanzierung der Wissenschaft und Philosophie von ihrer eigenen Tätigkeit, eine Reflexion auf die politische Dimension ihrer Wirkungsweisen, die nicht selten in eine neue, genuin politische Praxis mündet.

Der Philosoph und Literaturwissenschaftler Oliver Precht arbeitet mit seinem Projekt »Marx in Frankreich. Die Selbstbestimmung der französischen Theorie (1945–1995)« am ZfL.

[1] Gerhard Poppenberg: Herbst der Theorie. Erinnerungen an die alte Gelehrtenrepublik Deutschland, Berlin 2018, S. 35f.; vgl. Philipp Felsch: Der lange Sommer der Theorie. Geschichte einer Revolte 1960–1990, Frankfurt a.M. 2015.

[2] Vgl. in jüngerer Vergangenheit beispielsweise Moritz Neuffer: Die journalistische Form der Theorie. Die Zeitschrift »alternative« 1958–1982, Göttingen 2021; Thomas von Freyberg: Sperrgut. Zur Geschichte des Frankfurter Instituts für Sozialforschung zwischen 1969 und 1999, Frankfurt a.M. 2016.

[3] Es handelt sich ausschließlich um Männer. Wie es für den langen Nachkrieg typisch war, verrichteten Frauen für das Unternehmen Theorie vornehmlich unsichtbare Arbeit – unsichtbar nicht zuletzt, wie Morten Paul schlaglichthaft herausarbeitet, für die Riege der Reihenherausgeber, die sich in diesen Fragen als erstaunlich blind erweisen.

[4] Vgl. dazu beispielsweise Wolfgang Hottner (Hg.): Theorieübersetzungsgeschichte. Deutsch-französischer und transatlantischer Theorietransfer im 20. Jahrhundert, Berlin 2021, sowie die Rezension des Bandes von Anna Förster: Theorie – Übersetzung – Geschichte, in: ZfL Blog, 8.12.2021.

 

VORGESCHLAGENE ZITIERWEISE: Oliver Precht: Auch eine Geschichte der Theorie, in: ZfL Blog, 12.6.2023 [https://www.zflprojekte.de/zfl-blog/2023/06/12/oliver-precht-auch-eine-geschichte-der-theorie/]
DOI: https://doi.org/10.13151/zfl-blog/20230612-01

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Barbara Picht: HANS JONAS IM RADIOINTERVIEW https://www.zflprojekte.de/zfl-blog/2023/05/08/barbara-picht-hans-jonas-im-radiointerview/ Mon, 08 May 2023 07:00:23 +0000 https://www.zflprojekte.de/zfl-blog/?p=3021 Am 10. Mai 2023 jährt sich der Geburtstag des Philosophen Hans Jonas zum 120. Mal, der 5. Februar war sein 30. Todestag. Dies soll Anlass sein, auf ein Interview mit ihm hinzuweisen, das 1988 erstmals im Radio ausgestrahlt wurde und seit kurzem wieder zugänglich ist. Geführt wurde das Gespräch von dem Journalisten Harald von Troschke Weiterlesen

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Am 10. Mai 2023 jährt sich der Geburtstag des Philosophen Hans Jonas zum 120. Mal, der 5. Februar war sein 30. Todestag. Dies soll Anlass sein, auf ein Interview mit ihm hinzuweisen, das 1988 erstmals im Radio ausgestrahlt wurde und seit kurzem wieder zugänglich ist. Geführt wurde das Gespräch von dem Journalisten Harald von Troschke (1924–2009), der für die Aufzeichnung einen Besuch des aus den USA angereisten Hans Jonas’ in Heidelberg nutzte. Von Troschke war vielen Radiohörerinnen und -hörern durch seine rund einstündigen Porträtsendungen bekannt, die in den 1960er bis 1980er Jahren vom Norddeutschen Rundfunk, dem Bayerischen Rundfunk und weiteren Sendern im In- und Ausland ausgestrahlt wurden. Da von Troschke, unterstützt zunächst von seiner Frau, später auch von seinen drei Kindern, seine Beiträge selbst produzierte, behielt er die Rechte an den Sendungen. Seit 2020 kann sein Audionachlass deshalb im digitalen Harald von Troschke-Archiv präsentiert werden, wo sich auch das Interview mit Hans Jonas nachhören lässt.[1]

Von Troschke interessierte sich aus mehreren Gründen für Lebensweg und Werk von Jonas, der nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten 1933 aus Deutschland geflohen war, unter anderem in London und Jerusalem gelebt und sich schließlich in New York niedergelassen hatte. Unter den Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Politik und Kultur im In- und Ausland, mit denen von Troschke sprach, waren viele, die von den Nationalsozialisten in die Emigration gezwungen worden waren. Die Liste der interviewten Emigrantinnen und Emigranten ist beeindruckend: Bruno Bettelheim, Max Born, Géza von Cziffra, Lisa Fittko, Therese Giehse (von Troschke, der selbst einmal Schauspieler werden wollte, befragte viele Prominente aus Theater und Film), René König, Annette Kolb, Hans Sahl, Fritz Stern, Friedrich Torberg, Joseph Weizenbaum und Elsbeth Weichmann sind nur einige von ihnen. Zu den wiederkehrenden Fragen, die von Troschke stellte, gehörte, ob die Zeitzeugen 1933 geahnt hatten, was der Machtantritt Hitlers und der Nationalsozialisten bedeuten werde. Auch der Weg ins Exil und die Emigrationserfahrungen sind Thema dieser Gespräche, ebenso wie das Leben in Deutschland bzw. Österreich vor der Flucht. Wer die Erinnerungen[2] von Hans Jonas gelesen hat, wird in diesem Radiointerview zwar nicht viel Neues erfahren. Es lohnt dennoch, es sich anzuhören, schon der lebendigen und zugleich präzisen Erzählweise wegen, in der Jonas von seinen Erfahrungen und politischen wie philosophischen Ansichten berichtet.

Hans Jonas (re.) und Harald von Troschke (li.), 1985 in Heidelberg, © Andrea von Troschke

Ein weiterer Grund von Troschkes, Hans Jonas um ein Interview zu bitten, war das Interesse des Journalisten an einer gelingenden Friedensordnung nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Beitrag, den die Wissenschaft dazu leisten konnte. Jonas’ umweltethisches Grundlagenwerk Das Prinzip Verantwortung. Versuch einer Ethik für die technologische Zivilisation war 1979 erschienen. Der als Einspruch gegen Ernst Blochs Das Prinzip Hoffnung geschriebene Text war zugleich das erste Buch, das Jonas mehr als vierzig Jahre nach seiner Flucht wieder auf Deutsch geschrieben und das ihn rasch einer breiten Öffentlichkeit bekannt gemacht hatte. Jonas entwickelt darin eine Ethik, die auf das moderne Ausmaß technischen Vermögens mit einer neuen Dimension von Verantwortung reagiert, die den Globus und auch die Nachgeborenen umfasst. Die Frage, ob Jonas’ »Prinzip Verantwortung« und Blochs »Prinzip Hoffnung«, das dieser nicht mit Zuversicht verwechselt wissen wollte, einander widersprechen oder sich ergänzen, beschäftigt die Forschung bis heute.[3] Über wissenschaftliche Kreise hinaus wird Das Prinzip Verantwortung im Kontext von Umweltschutz und Klimawandel rezipiert. Anfang des Jahres hielt die Klimaschutzaktivistin Luisa Neubauer die jüngste Ausgabe des Buches, zu der Robert Habeck das Nachwort verfasst hat, beim Protest in Lützerath in die Kameras

Als von Troschke 1985 in Heidelberg mit Hans Jonas sprach, ging es noch nicht um den Klimawandel, auch wenn Jonas im Prinzip Verantwortung den Treibhauseffekt und die Notwendigkeit sparsamer Energiewirtschaft thematisiert. Als Folge der technologischen Zivilisation stand von Troschke weit mehr die Bedrohung durch die militärische Nutzung der Atomtechnik vor Augen, worüber er mit Max Born, Werner Heisenberg, Robert Jungk, Linus Pauling, Edward Teller, Carl Friedrich von Weizsäcker und anderen sprach. Für alle, die sich für die Stimmen des Exils und die Geschichte der Bundesrepublik interessieren, bieten die etwa 250 Zeitzeugengespräche im Harald von Troschke-Archiv wertvolles Quellenmaterial. Da sich das Archiv nach Namen, Themen, Berufen und Orten durchsuchen lässt, ergeben sich vielfältige Möglichkeiten der Kontextualisierung der Gespräche. Zu zentralen Debatten der Zeit erhält man so einen aufschlussreichen Querschnitt an Stellungnahmen und profitiert dabei davon, dass sich von Troschke sehr sorgfältig auf die Gespräche vorbereitete und die jeweiligen Werke und Positionen seines Gegenübers gut kannte. Gezielt suchte er diejenigen auf, die sich mit drängenden Gegenwartsfragen befassten.

Über die Vereinbarkeit technologischen Fortschritts mit dem Schutz der Natur sprach er außer mit Jonas ebenfalls mit dem norwegischen Ethnologen und Umweltaktivisten Thor Heyderdahl, dem es 1947 gelungen war, mit einem nach indigenen Vorbildern gebauten Floß von Peru aus den Pazifischen Ozean zu überqueren. Fragen der Ethik diskutierte er auch mit dem Gründer der Paneuropa-Union Richard Nikolaus Coudenhove-Kalergi, dem Schweizer Anthropologen und Zoologen Adolf Portmann, der Ärztin und Spezialistin für Plastische Chirurgie Ursula Schmidt-Tintemann oder dem Verhaltensforscher Konrad Lorenz. Über Heideggers Rolle im Nationalsozialismus unterhielt sich von Troschke außer mit dem Heidegger-Schüler Jonas mit dem Politologen und Publizisten Dolf Sternberger, der bei Paul Tillich mit einer Arbeit über Heideggers Sein und Zeit promoviert worden war, sowie dem Journalisten Werner Rings, dessen Relegation von der Freiburger Universität Heidegger unterzeichnet hatte. Die im Audioarchiv enthaltenen kurzen Inhaltsangaben zu den Interviews sowie die verlinkten Schlagworte erlauben es, die entsprechenden Gesprächsstellen im direkten Vergleich anzuhören.

Auch in einer weiteren Hinsicht ist Hans Jonas im Troschke-Archiv in aussagekräftiger Gesellschaft. Sein Interesse für die Naturwissenschaften, das in seiner Militärzeit entstand, als er angesichts von Verstümmelung und Tod um ihn herum über das Leben nachzudenken begann,[4] teilt er mit vielen der Interviewpartnerinnen und -partnern von Troschkes. Neben den genannten (Atom-)Physikern sind unter den befragten Naturwissenschaftlern der Begründer der modernen Hormonforschung Adolf Butenandt, der Biophysiker und Nobelpreisträger Bernard Katz und der Evolutionsbiologe Ernst Mayr, um nur diese drei zu nennen. Wie mit Jonas unterhielt sich von Troschke auch mit ihnen unter anderem über wissenschaftsethische Fragen. Ist der Forscher verantwortlich zu machen für das, was mit den Ergebnissen der Wissenschaft geschieht? Welche Grenzen hat sich die wissenschaftliche Forschung selbst aufzuerlegen? Welche ethischen Konzepte hat sie selbst zu entwickeln, welche Folgenabschätzung zu leisten?

Nicht gesprochen hat von Troschke mit Jonas über die Möglichkeit einer Remigration (anders als beispielsweise mit dem Physiker Max Born, der 1954 nach Deutschland zurückgekehrt war). Möglicherweise hätte er sonst erfahren, was in dem 2022 erschienenen Briefwechsel zwischen Hans Jonas, der 1993 in New York starb, und Hans Blumenberg detailliert nachzulesen ist: dass sich Blumenberg wiederholt darum bemüht hatte, Jonas durch einen Ruf an eine deutsche Universität zur Rückkehr zu bewegen. Seine Wertschätzung galt dabei weniger dem Umweltethiker.[5] Blumenberg warb vielmehr um den Religionshistoriker Jonas, der über das Wesen der Gnosis mit summa cum laude bei Martin Heidegger und Rudolf Bultmann promoviert worden war und dessen als Habilitation geplante Schrift Gnosis und spätantiker Geist in ihrem ersten Teil 1934, im Jahr nach seiner Flucht, noch in Deutschland erscheinen konnte. 1945, als er als Soldat der Jüdischen Brigade der britischen Armee nach Deutschland zurückkehrte, erfuhr Jonas, dass der Vandenhoeck & Ruprecht Verlag den bereits gesetzten zweiten Teil aufbewahrt hatte, so dass er 1954 veröffentlicht werden konnte (der geplante dritte Teil ist nie erschienen). Jonas’ Schilderung seines ersten Nachkriegsbesuches bei seinem ehemaligen Lehrer Rudolf Bultmann in Marburg gehört zu den bewegenden Stellen des Interviews. Jonas hielt bei diesem Wiedersehen im Jahr 1945 ein Buch in der Hand, das der Verleger Günther Ruprecht ihm für Bultmann mitgegebenen hatte (der Postverkehr funktionierte noch nicht wieder). Bultmann deutete darauf und fragte: »Darf ich hoffen, dass dies der zweite Teil der Gnosis ist?« Für Jonas war diese Frage der erste Moment der Versöhnung mit Deutschland, die er sich bis dahin nicht hatte vorstellen können. Auch der Neutestamentler Bultmann bemühte sich um eine Berufung des ehemaligen Schülers. Jonas hätte eine Rückkehr nach Deutschland auch nicht grundsätzlich abgelehnt. Seine Verpflichtungen an der New School for Social Research in New York und die Verwurzelung seiner drei Kinder in den Vereinigten Staaten ließen ihn eine geteilte Professur vorschlagen, so dass er im Sommersemester in Deutschland, im Wintersemester in den USA hätte lehren können. Dazu kam es aber nicht.[6]

Zu den Eigenarten der von-Troschke-Interviews gehört die jeweils letzte Frage, die er seinen Interviewpartnerinnen und -partnern stellt. Er verlässt mit ihr das Feld von Zeitgeschichte und Politik und fragt grundsätzlicher nach ihrem Menschenbild, der Rolle des Glaubens in ihrem Leben oder ihren Vorstellungen von einem Leben nach dem Tod. Der Gnosisforscher Hans Jonas, dessen Mutter in Auschwitz ermordet wurde, wollte seine Antwort ausdrücklich als ein persönliches Bekenntnis, nicht als eine Botschaft verstanden wissen. Er habe angesichts der Shoah den jüdischen Allmachtsbegriff fallen gelassen. Er glaube, wie er es in Der Gottesbegriff nach Auschwitz dargelegt hat, stattdessen an einen Gott, der sich der Welt gegenüber seiner Macht begeben habe und der es den Menschen überlasse, die göttliche Sache in der Welt zu vertreten.

 

Die Historikerin Barbara Picht arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin im ZfL-Schwerpunktprojekt »Das 20. Jahrhundert in Grundbegriffen. Lexikon zur politisch-sozialen und kulturellen Semantik in Deutschland«.

 

[1] Das Harald von Troschke-Archiv wurde von Kerstin Schoor und Barbara Picht am Axel Springer-Lehrstuhl für deutsch-jüdische Literatur- und Kulturgeschichte, Exil und Migration an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) eingerichtet.

[2] Hans Jonas: Erinnerungen. Nach Gesprächen mit Rachel Salamander, hg. und mit einem Nachwort versehen von Christian Wiese, Frankfurt a.M./Leipzig 2003.

[3] Vgl. Rainer E. Zimmermann: »Bloch«, in: Michael Bongardt u.a. (Hg.): Hans Jonas Handbuch, Stuttgart 2021, S. 35–39.

[4] Vgl. Lore Jonas: »Geleitwort«, in: Jonas: Erinnerungen (Anm. 2), S. 7–9, hier S. 8.

[5] In Blumenbergs Augen hatte Jonas den kategorischen Imperativ missverstanden. Er hielt auch nicht viel von Jonas’ Heuristik der Furcht, die im Übrigen auch von Robert Habeck als politisches Mittel abgelehnt wird. Vgl. Hans Blumenberg/Hans Jonas: Briefwechsel 19541978 und weitere Materialien, hg. von Hannes Bajohr, Berlin 2022, S. 282; »Robert Habeck über Hans Jonas und ›Das Prinzip Verantwortung‹«, Suhrkamp DISKURS #9.

[6] Vgl. Blumenberg/Jonas: Briefwechsel (Anm. 5), S. 100.

 

VORGESCHLAGENE ZITIERWEISE: Barbara Picht: Hans Jonas im Radiointerview, in: ZfL Blog, 8.5.2023 [https://www.zflprojekte.de/zfl-blog/2023/05/08/barbara-picht-hans-jonas-im-radiointerview/]
DOI: https://doi.org/10.13151/zfl-blog/20230508-01

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Yoko Tawada: ARIADNEFÄDEN ALS HARFENSAITEN DES DENKENS https://www.zflprojekte.de/zfl-blog/2023/04/19/yoko-tawada-ariadnefaeden-als-harfensaiten-des-denkens/ Wed, 19 Apr 2023 07:34:30 +0000 https://www.zflprojekte.de/zfl-blog/?p=2970 Die Ausgabe Nr. 17 vom Oktober 2022 der chilenischen Kulturzeitschrift Papel Máquina ist der Arbeit der ehemaligen Direktorin des ZfL Sigrid Weigel gewidmet. Wir danken der Schriftstellerin Yoko Tawada für die Erlaubnis, ihren dort in spanischer Übersetzung erschienenen Beitrag im ZfL BLOG erstmals in der deutschen Originalfassung veröffentlichen zu dürfen. Neulich nahm ich ein Buch Weiterlesen

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Die Ausgabe Nr. 17 vom Oktober 2022 der chilenischen Kulturzeitschrift Papel Máquina ist der Arbeit der ehemaligen Direktorin des ZfL Sigrid Weigel gewidmet. Wir danken der Schriftstellerin Yoko Tawada für die Erlaubnis, ihren dort in spanischer Übersetzung erschienenen Beitrag im ZfL BLOG erstmals in der deutschen Originalfassung veröffentlichen zu dürfen.

Neulich nahm ich ein Buch von Sigrid Weigel in die Hand, das 1982 erschienen ist. Normalerweise bleiben alle Buchtitel auf einer Publikationsliste brav in einer chronologischen Reihe, und selbst wenn die Schlange sehr lang ist, was bei Weigel zweifellos der Fall ist, springt keiner von ihnen aus der Reihe und rennt nach vorne, in Richtung Zukunft. Aber es kommt doch vor, dass man, zum Beispiel bei einem Umzug, eines der Frühwerke in die Hand nimmt und darin blättert. Man wird überrascht von schillernden Denkbildern, die von heute sein könnten. Ansätze und Zusammenhänge, die man einer späteren Phase zugeordnet hätte, oder solche, die man jetzt erst begreift, stehen bereits in den älteren Büchern schwarz auf weiß. Gerade im digitalen Zeitalter, in dem die historischen Rahmen verschwimmen, gefällt mir die Unbestechlichkeit des Papiers, das die Zeit nie schleichend verfälscht.

In der Forschung gibt es stets Fortschritt, aber wenn ich mir erlaube, Weigels Schriften nicht nur als wissenschaftliche Texte, sondern als Texte in ihrer gattungsfreien Nacktheit zu lesen, gibt es keinen Satz darin, der überholt ist. Die zeitliche Ordnung bleibt, verliert aber ihren hierarchischen Charakter. Wo ich eine alte Erinnerung erwarte, entdecke ich eine neue Möglichkeit, die Gegenwart zu verstehen. So entstand in mir der Wunsch, die jüngere Vergangenheit durch das Fenster der älteren zu betrachten. Ich rede hier nicht von der magischen Glaskugel einer Wahrsagerin, sondern von einer soliden Relektüre.

Das Buch, das ich in der Hand hielt, trug den Titel ›Und selbst im Kerker frei …!‹ Schreiben im Gefängnis. Ich starrte wie gebannt auf das geheimnisvolle Schwarzweißfoto einer Gefängniszelle, das auf dem Umschlag abgebildet war. Benjamins Kleine Geschichte der Photographie kam mir in den Sinn, besonders der dort erwähnte Fotograf Eugène Atget. Benjamins Worte über ihn – »beispielloses Aufgehen in der Sache, verbunden mit der höchsten Präzision«[1] – könnte man leihen, um Weigels Arbeit zu charakterisieren. Aber das war nicht der erste Grund, warum diese Fotografie, die übrigens nicht von Atget stammte, sondern Bakunins Beichte entnommen war, mich nicht losließ. Die Zelle, in die durch ein vergittertes Fenster Licht hineinströmt, ist menschenleer. Das schlichte Bettgestell sowie eine Tischplatte sind kurz davor, vom Häftling, der nicht mehr da ist, zu erzählen, aber sie haben weder eine Stimme noch eine Sprache. Sie strahlen in ihrer Sprachlosigkeit, ein wichtiges Thema, dem man in Weigels weiteren Arbeiten begegnen wird. Es muss einen Zeugen geben, der noch an der Schwelle zwischen der Zelle und dem Flur oder zwischen dem Objekt und seinem Beobachter steht. Ohne diese Schwelle würde dieses Foto nicht existieren. Sie zu finden und zu versuchen, dort zu stehen, gehört zu den schwierigsten Aufgaben der Wissenschaft.

Die Voraussetzung für diese Fotografie ist die Abwesenheit des Häftlings. Eigentlich steht dieser menschenleere Raum im krassen Widerspruch zu Weigels Arbeit, in der zahlreiche Autoren der Gefängnisliteratur untersucht werden.

Die Rolle der Autoren, die darin behandelt oder erwähnt werden, ist heterogen. Zum ersten Mal denke ich über die Präsenz und die Rolle der Autoren in einer Forschungsarbeit nach.

Ich möchte mit einer eher ungewöhnlichen Rolle des Autors beginnen, und zwar der Rolle des Negativs. Gemeint ist hier nicht ein Autor, der negativ bewertet wird, sondern, dass er als Forschungsobjekt aussortiert wird, damit der Umriss der Forschung deutlicher wird.

Der erste Autorname, der im Vorwort des Gefängnis-Buches auftaucht, ist erstaunlicherweise Dostojewski, ein Autor, der meine Jugend prägte, aber in Weigels Forschung kaum eine Rolle spielt. Als ein Autor, der den Freud’schen Ödipuskomplex mitschreibt, steht er im Schatten von Sophokles. Als russischer Gefängnis-Autor steht er weit hinter Warlam Schalamow, dessen Werke ich übrigens dank Weigel kennenlernte und schätze.

Dostojewski war mein Sibirien, wo die europäische Aufklärung aufhört und der Schamanismus beginnt. Sibirien ist ein Riesengebiet zwischen Europa und Japan, das ich nicht ignorieren kann, egal wie lange ich schon in Westeuropa arbeite und außerhalb Japans lebe. Es bietet jedem, der dort in der Kultur gräbt, einen einmaligen Bodenschatz, besitzt eine starke Anziehungskraft. Man kann dort aber verloren gehen.

Wenn Weigel mir nicht immer wieder aufs Neue einen facettenreichen, humanen und intellektuellen Umgang mit Geistern, Rausch, Obsession, Krankheiten oder Traumata gezeigt hätte, hätte meine lange Bindung zu Dostojewski meine Sicht eher beengt als beflügelt.

Das Gefängnis-Buch erschien in dem Jahr, in dem ich aus Tokio nach Hamburg übersiedelte. Wenn ich mir Weigels Arbeit als eine Metropole vorstelle, sehe ich mehrstöckige Gebäude nebeneinander stehen, die mit Straßen und durch die Kanalisation miteinander verbunden sind. Man könnte über jedes Gebäude oder jede Straße einen Aufsatz verfassen, wozu ich nicht fähig bin. So beschloss ich, in dieser Großstadt zu flanieren wie ein Surrealist in Paris. Und wenn ich schon mit meinen Gedanken nicht mehr in Sibirien, sondern in Frankreich bin, kann ich darauf aufmerksam machen, dass die Namen, die in jenem Vorwort Dostojewski folgen, Genet und de Sade sind. Sie spielen hier auch die Rolle des Negativs. Neben den beiden Franzosen gibt es einen dritten, der eine ganz andere Rolle spielt: Michel Foucault, der den Blick der Geisteswissenschaft auf das Gefängnis lenkte. Seine Rolle in Weigels Arbeit ist vielleicht die eines Stadtplaners, der nicht an der Gestaltung der einzelnen Gebäude beteiligt war, aber beim großen Entwurf mitgewirkt hat.

Im Zeitalter der transnationalen Literaturwissenschaft ist es unangemessen, von ›Franzosen‹ zu sprechen. Die Autoren können wie Jacques Derrida in Nordafrika geboren sein oder ihre Muttersprache ist – wie bei Julia Kristeva und Tzvetan Todorov – Bulgarisch. Ich nenne sie trotzdem ›Franzosen‹, weil sie auf Französisch gedacht und geschrieben haben. Jede Sprache hat ihre eigene Kanalisation, die das Geschriebene und das Vergessene unterirdisch weitertransportiert.

Im Wintersemester 1986 besuchte ich zum ersten Mal ein Seminar von Weigel. Das Thema war »Theorien der Fremde/des Fremden«, und wir diskutierten Kristeva und Todorov, also die ›Franzosen‹, auch Roland Barthes und zwar sein Japan-Buch Das Reich der Zeichen, das mir eine produktiv-spielerische Art zeigte, mit einer fremden oder ›unlesbaren‹ Kultur als Schrift umzugehen. Damals kam mir die Arbeitsweise von Barthes singulär und neu vor. Später erfuhr ich, dass es in Frankreich schon eine Tradition (oder besser: eine Kanalisation) gab, eine fremde Kultur als ›Schriftoberfläche‹ wahrzunehmen und damit frei umzugehen. Henri Michaux, Victor Segalen oder Michel Leiris haben auf unkonventionelle Weise eine ›unlesbare‹ Kultur in Asien und Afrika ›gelesen‹ und dadurch ihre eigene Literatur geschaffen. Das Japan-Buch von Barthes gehörte nicht zum neuen Reich der Postmoderne. Er führte die eigene Tradition weiter.

Damals fragte ich mich ab und zu, warum ich in der deutschen Sprache gelandet war und nicht in der französischen. Vor allem gefiel mir eine französische, essayistische Schreibweise, die zugleich literarisch und theoretisch ist. Wenn man im deutschsprachigen Raum die enge Zwangsjacke der Wissenschaftlichkeit auszieht, steht man in einem verwaschenen, ausgeleierten Pullover da. Warum gibt es keinen schicken Pullover wie jenen, mit dem man in Paris flanieren kann?

Ich bereue es schon lange gar nicht mehr, Deutsch und nicht Französisch als meine zweite literarische Sprache gelernt zu haben, und das habe ich der Walter-Benjamin-Forscherin Weigel zu verdanken.

Gleichzeitig mit dem Studium bei ihr begann ich mit der Veröffentlichung eigener literarischer Texte. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich eine sehr schlichte Landkarte der Theorielandschaften in Westdeutschland: Es gab ein profranzösisches und ein antifranzösisches Ufer wie zwei Truppen auf den beiden Seiten des mythologisch sowie historisch belasteten Flusses Rhein. Der Verlag in Tübingen, der meine Texte von Anfang an verlegte und heute noch verlegt, trägt nicht zufällig den Namen konkursbuch Verlag. Als Gegengewicht zur linken Zeitschrift Kursbuch, die damals viel gelesen wurde, wollte die Zeitschrift Konkursbuch neue französische Theorien in Deutschland bekannter machen und dafür den ›profranzösischen‹ deutschen Autoren eine Plattform bieten.

Ich vermutete damals, dass Weigel auf dem französischen Ufer stehe, weil sie in ihrem Seminar oft die französische Theorie behandelte. Aber ich war mir nicht sicher, denn anders als bei den Autoren, die den französischen Stil nachahmten, blieb Weigels Sprache stets klar. Auf der Tanzbühne der ›Postmodernen‹ beobachtete ich damals Epigonen, die Gesten und Mimik der ›Franzosen‹ imitierten. Im schlimmsten Fall legten sie absichtlich einen Kabelsalat in den Aufsatz, der an Stelle der Freiheit des Schreibens einen Kurzschluss produzierte.

Dahingegen behielt Weigels Schreiben durchgehend etwas Ruhiges, Beständiges. Reichliche Materialien für die Fragestellungen standen im Vordergrund und die Forscherin arbeitete von der Seiten- und Hinterbühne die komplexen Zusammenhänge heraus. Ihre Fingerbewegung war feinmotorisch, ihr Schritt leise und selbstsicher. In jedem Bühnenstück war eine große Lust an der Wissenschaft zu spüren, und damit zog Weigel viele junge und alte Menschen mit und an sich.

Nachdem ich die ›Franzosen‹ kennengelernt hatte, belegte ich weitere Seminare bei Weigel. Eine Flut von neuen Themen – Körper, Gedächtnis, Tod, Trauer, Mythologie, Revolution, Übersetzung, Allegorie, Stadt – kam innerhalb eines Jahres über mich.

Im Wintersemester 1987 hielt Weigel zusammen mit Klaus Briegleb eine Vorlesung zu Walter Benjamin, und ab diesem Zeitpunkt verbrachte ich viel Zeit mit der Lektüre dieses Autors, den ich in erster Linie als literarischen Autor aufnahm. Dabei vergaß ich Roland Barthes, und selbst wenn ich in jener Zeit weitere ›Franzosen‹, etwa Derrida oder Lacan, mit Interesse las, war Benjamin der einzige ›Theoretiker‹, der mich eine unmittelbare Nähe zur Sprache spüren ließ. Durch Weigels Vermittlung zeigte er mir die Möglichkeit einer literarischen Sprache, die sich mitten in der arbiträren Kluft zwischen dem Gegenstand und dem Wort bewegt und somit einen großen Bogen zum magischen Ursprung der Wörter zeichnet, ohne die historische Zeit zu leugnen.

Zehn Jahre später las ich in Weigels Benjamin-Buch Entstellte Ähnlichkeiten (1997) einen Versuch, das Verhältnis zwischen den beiden Ufern mit dem Bild der Relektüre zu erklären: »Im Lichte der sogenannten französischen Theorie gewinnen die Schriften Benjamins eine neue Lesbarkeit«.[2] Durch die Relektüre werde eine neue Erkennbarkeit eher möglich als in einem Nach-68-Diskurs.

Weigel erwähnt auch, dass die sogenannten französischen Theorien zum Teil auf der Lektüre von deutschsprachigen Autoren wie Heidegger, Husserl, Freud, Hölderlin oder Kafka basierten.[3] Ein Ufer liest das andere Ufer, und dann wechselt die Leserichtung wieder. Im Spiegelkabinett der gegenseitigen Relektüren erweitern sich permanent die Denkräume, die keiner Nation, aber allen Menschen gehören.

Die Zeiten der Kriege zwischen den Nationen waren damals in Europa längst vorbei. Die Kanalisationen blieben, aber die Ländergrenzen wurden geöffnet, und das Thema Europa wurde immer aktueller. Ostdeutsche Städte bekamen an Stelle des Buchstabens ›O‹ von ›Ost‹ die Zahl Null an den Anfang ihrer Postleitzahl gesetzt. Aus der Sowjetunion wurde das neue Russland, das hauptsächlich aus Sibirien besteht, und viele bunte Republiken. Der japanische Kaiser, der den Zweiten Weltkrieg erlebt hatte, starb, und mit dem Auftritt Chinas auf der Weltbühne wurden die unverarbeiteten historischen Konflikte in Ostasien sichtbar. Der ›Eiserne Vorhang‹ wurde geöffnet, und somit verschwand die alte Aufteilung in Hauptbühne, Hinterbühne und Zuschauerraum. Der Kalte Krieg sollte vorbei sein, aber aus Angst vor der unbekannten Wärme blieb die Welt eingefroren wie der Bildschirm eines Computers, der damals noch keine große Datenmengen verarbeiten konnte.

Eins war sicher. Weigel ging weiter. Damit meine ich nicht, dass sie nicht mehr in ihrer Heimatstadt Hamburg war, sondern nach Zürich und dann nach Berlin ging. Sie ging mit ihrer Forschung weiter, als hätte sie Siebenmeilenstiefel angezogen. Das Adverb, das ich am häufigsten aus Weigels Mund hörte, war wahrscheinlich ›weiter‹: nicht stehenbleiben, nicht aufgeben, keinen Einsiedler spielen, nicht defensiv werden, jede Regression vermeiden, sich nicht in der Einsamkeit bequem einrichten. Sie ging immer weiter, ihr Denken hatte weder die Unentschlossenheit von Hamlet noch wollte es wie bei Odysseus mit einer Heimkehr enden. Eine Ruhepause gab es nicht, soweit ich weiß, höchstens eine kurze Atempause mit einem tiefen Seufzen, das nichts mit Müdigkeit zu tun hatte. Aber die Erkenntnis, dass die Geisteswissenschaft – selbst wenn sie sich die ganze Zeit um die Umkehrung der Machtverhältnisse bemüht hatte – kaum etwas dazu beigetragen hat, kann jemanden mit großem Verantwortungsbewusstsein bitter enttäuschen.

Bei Weigel war die Wissenschaft schon von Anfang an von sozialem Bewusstsein geprägt. Im Vorwort ihrer Dissertation Flugschriftenliteratur 1848 in Berlin (1979) dankt sie ihren Freunden dafür, dass sie, während sie an der Arbeit schrieb, ihr Bewusstsein der ›Nützlichkeit‹ der Forschung auffrischten. Sonst wäre ihr die Abwesenheit von politischen und sozialen Bindungen während der Promotionszeit schwergefallen.

Übrigens ist dies ihre älteste Buchveröffentlichung, die vor einem bald halben Jahrhundert erschienen ist. In ihrem Ansatz, die Flugschriften als literarische Gattung unter die Lupe zu nehmen, sehe ich eine Seelenverwandtschaft mit Benjamin. Der brach die Hierarchie zwischen den Gattungen auf, indem er alles, was als Spur der Geschichte zu lesen ist oder als Materialisierung des Gedächtnisses erscheint, ernst nahm. Ich denke an die Pariser Passagen, in denen die ›Lesestoffe‹ anders sortiert sind als in einer Bibliothek: Die Gedichtbände von Baudelaire stehen neben antiquarischen Kinderbüchern und Spielzeug, politische Karikaturen neben vergilbten Postkarten und Privatfotos.

Weigels Werkstatt scheint von Anfang an eine Nähe zu Benjamin gehabt zu haben, und in den späteren, wichtigen Büchern wie Grammatologie der Bilder (2015) trägt diese Nähe saftige Früchte. Trotz der Grammatologie im Titel spielt Derrida in diesem Buch die Rolle des Negativs. Was er hätte tun können, aber nicht geschafft hat, ist, über die Schriftbilder hinaus ›Bilder‹ zu ›lesen‹. Hingegen war der wichtigste Gesprächspartner in diesem Buch Walter Benjamin, der das letzte Wort hat.

In Weigels Dissertation und anderen früheren Schriften spürt man den Anspruch, politisch wirksam zu sein, aber nicht auf die Philosophie zu verzichten. Ihre Tätigkeiten standen zwar oft im unmittelbaren Dialog mit dem Weltgeschehen und der Politik, wie im Fall der Anthologie Märtyrer-Porträts. Von Opfertod, Blutzeugen und heiligen Kriegern (2007), die sie herausgab. Die Wissenschaft scheint, egal wie gründlich, vielseitig oder nah an der Realität sie betrieben wird, keinen direkten Einfluss auf das Handeln der Politiker auszuüben. Mir ist aber aufgefallen, dass Weigel in den letzten Jahren auch konkrete politische Vorschläge machte. Ein gutes Beispiel dafür ist die Studie Transnationale Auswärtige Kulturpolitik – jenseits der Nationalkultur. Voraussetzungen und Perspektiven der Verschränkung von Innen und Außen, die im Rahmen des Forschungsprogramms des ifa Institut für Auslandsbeziehungen entstanden ist. Sie erreichte direkt die Ohren der Politiker, anders als kulturwissenschaftliche Arbeiten, die oft in internen Kreisen bleiben.

Weigel war nie dafür, ›unter sich‹ zu bleiben. Das ist eine der kostbaren Spielregeln, die ich von ihr gelernt habe. Sie blieb nie in einer Zunft der Spezialisten, die auf einen Autor, eine Epoche oder ein Thema fixiert sind. Trotz der kritischen Distanz zum Mainstream der Wissenschaft bequemte sie sich nie in eine Nische der ›Alternativen‹, sondern mischte sich bewusst dort ein, wo es ums Ganze ging. Während sie das Zentrum für Literatur- und Kulturforschung in Berlin leitete, brachte sie Menschen aus vielen Disziplinen zusammen, deren Aufzählung mich durch ihre Farben und Formen wie ein Spiel mit einem Kaleidoskop inspiriert: Hirnforscher, Performancekünstler, Orientalisten, Kriminalisten, Historiker, Ethnologen. Ich war nur ab und zu als ein Gast bei einer Veranstaltung dort, und was ich mitbekam, war nur ein kleiner Teil der titanischen Angebote.

Der Begriff ›multikulturell‹, der in den 1980er Jahren mit guter Absicht verwendet wurde, erinnerte mich manchmal an eine Art Stadtteilfestival, auf dem verschiedene Nationen friedlich nebeneinander ihre Spezialitäten anbieten. Wichtiger wäre aber eine anstrengende Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Ansichten über Gender, Demokratie und weitere Themen, die jeweils aus verschiedenen kulturellen Hintergründen stammen. Der Zusammenstoß wird zuerst die idyllische Harmonie in der ›bunten‹ Welt zerstören, jedoch ist er für das Zusammenwachsen einer heterogenen Kultur notwendig. Sonst führt das Nebeneinander zur gesellschaftliche Spaltung und möglicherweise zu Gewalt, wie Terroranschlägen.

Wie kann aber jede Gruppe ihre Andersartigkeit behalten und trotzdem nicht getrennt vom Ganzen sein? Wie kann man eine benachteiligte, manchmal fast unsichtbare Gruppe ins große Boot holen, ohne sie einzuverleiben? Der Begriff der ›Minderheiten‹ verfolgt mich, seitdem ich in Deutschland lebe. Am Anfang meiner schriftstellerischen Karriere profitierte ich unfreiwillig von den steigenden Aktien der ›Minderheiten‹, weil ich als Frau und als Ausländerin kategorisiert wurde. Viel später thematisierte ich die Rolle der Minderheiten in meinem Roman Etüden im Schnee (2014).

Ist die Literatur nur ein Karneval, in dem die Machtverhältnisse auf den Kopf gestellt werden, um die Ordnung im Alltag zu stabilisieren? Oder sollte die Literatur eine reale Revolution zum Ziel haben? Bei der Gattung der Flugblätter war Letzteres tatsächlich der Fall. Aber der rote Faden, der sich durch die Forschung zog, war keine Revolution, sondern eher die Reihe der Probleme, die die Revolution mit sich bringt. Ab jetzt verwende ich deshalb besser das Wort ›Ariadnefaden‹ als ›der rote Faden‹, denn mit der eindeutigen Farbe Rot allein, die für die linke Orientierung steht, kann man den Weg aus dem Labyrinth nicht finden. Minotaurus ist besiegt, aber was nun? Georg Büchners Dantons Tod war einer der besten literarischen Texte, die ich in Weigels Seminaren las. Seine Sprache prägte mich und führte mich weiter zu Heiner Müller. Beide arbeiteten mit den rohen Materialien der Geschichte. Sie zitierten aus nichtliterarischen Quellen und montierten sie so in den eigenen Text, dass das Zitat seinen fremdartigen Charakter nicht verliert und somit eine Plastizität in der Sprache erzeugt. Ein ungeheures Bild wie ›die Revolution frisst ihre Kinder‹, das dadurch zustande kommt, ist so transnational, dass man von Kambodscha bis Rumänien sofort versteht, was gemeint ist.

Die historischen, sprachlichen Materialien gewinnen literarische Kraft, wenn man sie in jenem Augenblick fängt, in dem sie als Wiederkehr des Verdrängten auf der Oberfläche erscheinen und sichtbar werden.

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Ein anderer Ariadnefaden, den ich nicht unerwähnt lassen möchte, betrifft die Stimme. Zum ersten Mal wurde mir das Thema durch Weigels Stimme der Medusa (1987) bewusst. Das Bild der Frau, die im Schrecken erstarrt, wird zum Bild, das den Betrachter erschreckt. Das passt gut zum Begriff des Feminismus, dessen Erwähnung allein uns heute lähmt, langweilt oder sogar erschreckt, obwohl er ursprünglich den vor Schreck eingefrorenen Geist wieder bewegen sollte. Der Feminismus ist zur Medusa geworden, aber zu keiner ungeheuerlichen. Diese ist zur Zeit nur im kleinen Ich-Format der MeToo-Bewegung zu sehen, die ohne jeden theoretischen Anspruch neben den Werbefotos vom retuschierten Frauenkörper steht.

Was mich aber bei der Medusa in unterschiedlichen Zusammenhängen faszinierte, war das Denken zwischen der Stimme und dem Bild. Der weibliche Körper als Allegorie, als Kunst, als Schrift, als Gedächtnis und am Ende als ein Klangkörper für die Stimme. Zwei Autorinnen, die in Weigels Forschung präsent sind, haben bei mir Spuren hinterlassen. Die eine ist Ingeborg Bachmann, nach deren Lektüre ich den Roman Das Bad (1989) schrieb.

Die zweite Autorin ist Unica Zürn, die in ihrer Anagrammdichtung Sätze radikal auseinandernahm und mit ihren Buchstaben arbeitete. Ich muss immer wieder an ihre Zeile »Wir lieben den Tod«[4] denken und wie sie mit den gewonnenen Buchstaben die neue Zeile »Rot winde den Leib« schrieb. Aber am Ende des Gedichtes kam doch wieder die Anfangszeile mit dem Tod. Zürn hat den Tod selbst in ihr Leben eingeleitet. Weigel untersuchte das genderspezifische Verhältnis zwischen dem Körper der Kunstschaffenden und dem Objekt der Kunst.

Neulich nahm ich den Roman von Susan Taubes in die Hand, der 2021 in der deutschen Übersetzung mit dem neuen Titel Nach Amerika und zurück im Sarg wieder verlegt wurde (der alte Titel lautete Scheiden tut weh). Weigel charakterisiert im Vorwort dieser neuen Ausgabe den Roman als Autobiographie einer Toten oder als Antiroman, bei dem »nicht Erinnerung der Lebensgeschichte als Vermächtnis der Erzählerin, sondern deren Tod […] Voraussetzung des Romans« sei.[5] So schlägt sie einen Bogen zu Ingeborg Bachmanns Roman Malina, der in einer anderen Weise auch den Tod als Voraussetzung hatte.

Dieser Ariadnefaden führt mich nicht zur heutigen Genderdebatte, sondern zu Hannah Arendt. 2016 hörte ich Weigels Vortrag mit dem Titel Sounding Through – Poetic Difference – Self-Translation: Hannah Arendt’s Thoughts and Writing Between Different Languages, Cultures, and Fields. Er begann mit der Beschreibung von Arendts Stimme, die ihren Denkrhythmus über die zeitliche und kulturelle Grenze hinaus weiter bewahrt. Nichts ist präsenter als die Stimme, sie ist überhaupt ein Beweis dafür, dass eine bestimmte Person, und keine andere, dort ist. Es ist kein Zufall, dass eines der deutschen Wörter für diversity ›Mehr-Stimmigkeit‹ ist. Als sprechende Stimme kann man aktiv am gesellschaftlichen Leben teilnehmen. Als Stimme ist jeder Mensch er selbst und gleichzeitig ein Teil einer oder mehrerer Kulturen. Hingegen wird man gleich einer Rasse oder einem Geschlecht zugeordnet, wenn man eine bildliche Identität annimmt, die an körperlichen Merkmalen festgemacht wird.

Eine Stimme kann nicht nur ein Gespräch mit Lebenden führen, sondern auch die Verstorbenen ansprechen oder nach einem Verlust klagen oder singen. Eines der Themen, mit denen Weigel sich schon eine Weile beschäftigt, auch wenn es noch keine Monografie dazu von ihr zu lesen gibt, hat sehr viel mit der Stimme zu tun: die Gattung der Oper. Ich freue mich schon auf den Tag, an dem ein Opernbuch ihre lange Veröffentlichungsliste noch länger macht.

 

 

[1] Walter Benjamin: »Kleine Geschichte der Photographie«, in: ders.: Gesammelte Schriften. Aufsätze, Essays, Vorträge, Bd. II, 1, Frankfurt a.M. 1977, S. 377.

[2] Sigrid Weigel: Entstellte Ähnlichkeit: Walter Benjamins theoretische Schreibweise, Frankfurt a.M. 1997, S. 19.

[3] Ebd., S. 21.

[4] Unica Zürn: Anagramme, Berlin 1988, S. 15.

[5] Sigrid Weigel: »Vorwort«, in: Susan Taubes: Nach Amerika und zurück im Sarg, übers. von Nadine Miller, Berlin 2021, S. 6.

 

VORGESCHLAGENE ZITIERWEISE: Yoko Tawada: Ariadnefäden als Harfensaiten des Denkens, in: ZfL Blog, 19.4.2023 [https://www.zflprojekte.de/zfl-blog/2023/04/19/yoko-tawada-ariadnefaeden-als-harfensaiten-des-denkens/]
DOI: https://doi.org/10.13151/zfl-blog/20230419-01

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Kirk Wetters: The Short Spring of German Theory (II): WE HAVE ALWAYS BEEN POSTCRITICAL https://www.zflprojekte.de/zfl-blog/2023/03/07/kirk-wetters-the-short-spring-of-german-theory-ii-we-have-always-been-postcritical/ Tue, 07 Mar 2023 08:59:10 +0000 https://www.zflprojekte.de/zfl-blog/?p=2940 Theory, Critique, Critical Theory In the retrospect of almost a decade, the year 2015 seems to offer at least two openings which can help us better understand and localize the “end of theory” narratives that began to take hold sometime around the end of the millennium. Rita Felski’s much-discussed and much-maligned 2015 book, The Limits Weiterlesen

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Theory, Critique, Critical Theory

In the retrospect of almost a decade, the year 2015 seems to offer at least two openings which can help us better understand and localize the “end of theory” narratives that began to take hold sometime around the end of the millennium. Rita Felski’s much-discussed and much-maligned 2015 book, The Limits of Critique, construed the long history of “critique” as largely continuous with the more recent (postwar) idea of “theory,” which allowed her to question the presupposed progressivity and utility of the dominant critical-theoretical discourses of late 20th-century North American academia. In the same year, Philipp Felsch’s Der lange Sommer der Theorie (which was recently published in English as The Summer of Theory) went so far as to assign specific dates, 1960–1990, and tended to define theory not as a purely academic product, but as a much wider cultural movement.[1]  Between the two books, questions of the difference between theory and critique, their specific institutional locus within and beyond academia, became objects of acute concern.

Academic Asynchronies

Because this particular conjuncture simultaneously emerged on both sides of the Atlantic, in Germany and North America, its full dimensions may only be perceived retrospectively. Thus, it now appears that by 2015 the movement of historicization, as well as its results, had acquired their own irresistible momentum, already prior to the multiple post-2015 global crises, which produced even more urgent and ongoing reconsiderations. A future realignment is anticipated in the historical accounts that reveal deep divides between different national, institutional, and disciplinary traditions of theory and critique. New chances of synchronization can proceed from the recognition that theory was always out of sync with itself, governed by the complex asynchronies (Eigenzeiten) of reception, dissemination, and institutionalization, which make it always potentially “current” and aktuell at the same time as it always remains dated and historical.

Critique and Crisis (Felski and Koselleck)

Felski’s The Limits of Critique includes an obligatory nod to Koselleck’s 1959 Critique and Crisis. Felski, in a manner typical of a certain mode of Koselleck reception, offers a de-fanged version of his thesis, focusing on its conceptual history: “Critique and crisis are intertwined historically as well as etymologically.”[2] Such a “timeless” evocation of the theoretical source ignores Koselleck’s wider argument and its particular postwar/Cold War context, as well as the book’s strangely impassioned and almost strident tone. The central claim that Felski omits, here reduced to its sharpest point, is the argument that we have always been postcritical, ever since the end of the Enlightenment. “Critique,” for Koselleck, was the original “wokeness”—a misguided and self-misunderstood movement on behalf of a supposedly apolitical idea of critical reason, which, as an unintended side effect, never stopped producing oppositional, politicized concepts of collective action, instrumental Kampfbegriffe, and ultimately bloody revolutions in which the future of humanity was at stake.[3] Thus Felski follows, apparently naively, in the wake of a claim that was often perceived as anti-Enlightenment, if not outright conservative.

The Postcritical University

However, Koselleck’s thesis remains important and, in its own time, remained without an immanent sequel. The historical irony of Felski’s affective affinity with Koselleck lies in the fact that she seems to share many of his goals, transposed onto the critical excesses of the U.S. humanities, graduate education, and English departments. Felski’s evidently cathartic assault on critical narcissism, hypocrisy, and academia’s industrial reproduction of clichés is not unjustified, but it leaves unanswered countless questions concerning the wider historical situation of theory, critique (and ultimately also postcritique) as legacies of the European Enlightenment, which were problematically institutionalized within the modern university (whose mandate is, one might argue, science and truth, with critique as a possible secondary effect). Regarding the location of critique, the degree to which Felski’s analyses are salient depends on the very different disciplinary inheritances and critical practices of the humanities and social sciences. Philosophy, English, American Studies, Sociology, Political Science, Classics—to name just a few random examples—would each have a different story to tell about their relation to Felski’s Koselleckian concept of “critique and crisis.”

French and German Pre-Histories

Felski takes it for granted that she primarily focuses on the institutionalized academic reading practices of (literary) hermeneutics, without offering a thesis on how this might relate to a longer and broader history developed by Koselleck (who focused primarily on the French Enlightenment). Whereas Koselleck identified critique as a revolutionary political force, Felski questions the role of critique in institutions of higher education. Felski follows Ricoeur in attributing the rise of “the hermeneutics of suspicion” to German thought (Marx-Nietzsche-Freud). Though this is not an incorrect ascription, it does reinforce misapprehensions insofar as it associates German-language scholarship and German literary studies (Germanistik, deutsche Philologie) primarily with left-leaning and leftist traditions. Certainly it can look that way in North America (where every German department teaches a Marx-Nietzsche-Freud class), but it is also not the case that Germanistik or the North American field of German Studies have consistently or predominantly pursued the modes of Ideologiekritik that Felski is keen to unmask. As a result, Felski’s book appeared to be more anti-Left than it probably intended to be, while also proposing a German story that doesn’t fully fit the facts.

German Theory

The situation of theory in the BRD is the central topic of Felsch’s book, which also led some commentators to invoke Koselleck’s famous 1959 thesis: to the effect that Koselleck may have overrated the degree to which critique (now as a pseudonym for theory) was the actual motor of a “historical megatrend” (Hartmut Böhme). Responding to his critics, Felsch elsewhere also names Koselleck in order to make the point that the exorbitant promise of critique as a real political force now appears more improbable than ever. But he also adds: “Vielleicht kann die Erinnerung an diese Ausgangssituation dabei helfen, die Lage der Theorie in der Gegenwart besser einzuschätzen.”[4] The reference to Koselleck complicates the “initial situation” (Ausgangssituation) of theory and critique, which simultaneously overlaps with the “megatrend” of the Enlightenment and the very possibility of historical progress at the same time as it locates the stalling or derailment of that trend, its turning against itself, not only in the twenty-first century, but also within the Enlightenment itself, and in the decades following the Second World War.

Theoretical Microclimate

In Felsch’s account of the rise of theory, cutting-edge West German academia of the 1960s was represented by recuperative projects such as: Gadamer’s Wahrheit und Methode (notably a positive touchstone for Felski); conceptual history (initially under Gadamerian supervision); the foundation of the research group Poetik und Hermeneutik; Hans Robert Jauss’s reception aesthetics; Habermas’s succession of Horkheimer in Frankfurt; Blumenberg, Habermas, Henrich, and Taubes as the editorial team behind Suhrkamp’s “Theorie” series. Far from reflecting the dominance of critical theory or the critique of ideology, the German 1960s retrospectively appear as a troublingly peaceful, pseudo-idyllic decade of unsuspicious hermeneutics in which the relation of meaning and intention is supposed to be, if not completely stable, at least potentially stabilizable.

At any rate, this is often the surface impression of the years leading up to 1968. Rather than working with a concept of critique that seeks to overtly challenge the status quo by speaking truth to power, this period has a relatively quietist self-understanding (even in the Frankfurt of Adorno and Horkheimer). It understands itself as a time of critical-methodological refoundation, cross-disciplinary collaboration, and rebuilding academic and theoretical infrastructure in the wake of Nazism (a background which was at the same time intensely repressed and disavowed). As Felsch shows, the theory of the period was a nascently popular phenomenon, as in the case of the literary success of Adorno’s Minima Moralia. However, its primary locus was academia and academic publishing. These initial German developments of the 1950s and 1960s were transformed by the overwhelming success of theory as a post-68 French import. Felsch shows that the wave of French theory, though important within academia, was also a first-order cultural event, which touched on countless aspects of everyday life and society.

The “long summer” metaphor thus does not suggest an “end of theory,” but a change in its status and institutional setting after 1960—and again after 1990. It further implies that there was a “short spring” of West German theory, which preceded the French heat wave. If this wave has indeed ebbed (or been contained, purged of its excesses), then the most crucial implication of the seasonal metaphors is the need for a more serious reconnection of present-day academia with the status quo ante. To put it unmetaphorically: With the rise of social media, the “positivism” of the digital humanities, and, perhaps most of all, in reaction to the overwhelming global success of theory as a mode of cultural-critical public discourse (and accompanying concerns about ideology, radicalization, and “conspiracy theories”), academia was forced to rethink its role as a producer and consumer of theory in relation to a rapidly changing medial and discursive landscape. This, in part, means the re-academicization of theory within academia, and not as a defeat or “end” or “death,” but in a way that is largely consistent with the way that theory has always been academically handled: not as a dogmatic or strictly methodological input to be “followed,” “adopted,” or “applied,” but as a genre with its own specific poetics and rhetorical moves, accessible to literary-critical, philological, philosophical, and historical reconstruction. The radical absolutism of the claim to “pure” or autonomous theory is thereby offset—but not eliminated—by scholarly industriousness (and the risk of “scholasticism”) which, for better or worse, very much resembles that of the German 1960s. At the same time, it allows for the re-entry of French theory and new theory hybrids into the slower moving paradigms of academic disciplinarity—and it makes it possible to identify many “current debates” precisely as re-entries in relation to older problems and different contexts.

Kirk Wetters is Professor of Germanic Languages & Literatures at Yale University. Sponsored by the Alexander von Humboldt Foundation, he is a visiting scholar at the ZfL and the Deutsches Literaturarchiv Marbach from April to August 2023.

[1] Philipp Felsch: Der lange Sommer der Theorie: Geschichte einer Revolte 1960 bis 1990. Munich 2015; The Summer of Theory: History of a Rebellion, 1960–1990. Translated by Tony Crawford. Cambridge & Medford MA 2022.

[2] Rita Felski: The Limits of Critique. Chicago and London 2015, p. 44.

[3] The key elements of this rather stylized reading are indirectly confirmed by Jürgen Habermas’s response, first in a sharply worded review (“Verrufener Fortschritt – Verkanntes Jahrhundert: Zur Kritik an der Geschichtsphilosophie.” Merkur 14.5 (1960), pp. 468–477) and then in his 1962 classic, Der Strukturwandel der Öffentlichkeit—which essentially adopts and inverts Koselleck’s central thesis while defending the progressive core of the Enlightenment conception of critical reason.

[4] Eva Horn, Philipp Felsch, Diedrich Diederichsen, Hartmut Böhme, Karin Harrasser, Rembert Hüser, Arnd Wedemeyer: “Debatte.” Zeitschrift für Kulturwissenschaften 1 (2016), pp. 120–145: 130 (Böhme), 123 (Felsch).

 

VORGESCHLAGENE ZITIERWEISE: Kirk Wetters: The Short Spring of German Theory (II): We Have Always Been Postcritical, 7.3.2023, [https://www.zflprojekte.de/zfl-blog/2023/03/07/kirk-wetters-the-short-spring-of-german-theory-ii-we-have-always-been-postcritical/].
DOI: https://doi.org/10.13151/zfl-blog/202300307-01

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