Eva Geulen: ÜBER RAOUL SCHROTTS »ERSTE ERDE. EPOS« (zum dritten Mal)

(1) Umgang mit Fülle

Erste Erde hat Vorläufer. Lukrezens vergleichsweise schmales Lehrgedicht De rerum natura nennt Schrott selbst (8).[1] Goethe, der sich für eine Übersetzung des Buches eingesetzt hatte,[2] wollte 1781 einen »Roman über das Weltall« schreiben. Erhalten haben sich aber nur zwei kurze Prosatexte über den Granit, der damals als ältestes Gestein galt. Herder brachte es mit seinen Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit (1784–1791) auf stattliche vier Bände und hatte dabei über Erde und Weltall mindestens ebenso viel zu sagen wie über den Menschen. Alexander von Humboldt stellte seinen fünfbändigen Kosmos zwischen 1845 und 1862 fertig. Auch als die kleine Welt des Berliner Wedding in Arno Holz’ wuchernder Gedichtsammlung Phantasus (ab 1898) zum Universum wurde, wuchs eine große Form heran (in der Nachlassausgabe von 1961/62 ca. 1.600 Seiten). Der Wahnsinn dicker Bücher hat eine lange Geschichte und meistens auch Methode. „Eva Geulen: ÜBER RAOUL SCHROTTS »ERSTE ERDE. EPOS« (zum dritten Mal)“ weiterlesen

Georg Toepfer: VERZAUBERUNG DER WELT DURCH NACHDICHTUNG DER NATURWISSENSCHAFT? Zu Raoul Schrotts »Erste Erde. Epos«

»There is grandeur in this view of life«, so beginnt der letzte Satz von Charles Darwins On the Origin of Species. In der ersten Auflage verzichtete Darwin noch auf einen Bezug zu Gott. Ab der zweiten Auflage von 1860 fügte er ihn dann allerdings doch ein (»several powers, having been originally breathed by the Creator into a few forms or into one«).[1] Großartig und erhaben ist die Ansicht aber doch vielleicht gerade ohne Gott. Darauf jedenfalls scheint Raoul Schrotts Erste Erde Epos hinauszulaufen. Es ist eine von den Naturwissenschaften beeindruckte Erzählung, die diese nicht als nüchtern und seelenlos inszeniert, sondern die Bedeutsamkeit naturwissenschaftlichen Wissens für uns feiert, indem sie neue Formen und sprachliche Bilder für dieses Wissens sucht. Das Ergebnis ist eine eigene dichterische Verzauberung der Welt durch naturwissenschaftliches Wissen und zugleich eine Verzauberung der Naturwissenschaften. Reenchanting Science, Wiederverzauberung der Naturwissenschaft – auf diese Formel ließe sich das Programm Schrotts bringen. „Georg Toepfer: VERZAUBERUNG DER WELT DURCH NACHDICHTUNG DER NATURWISSENSCHAFT? Zu Raoul Schrotts »Erste Erde. Epos«“ weiterlesen

Patrick Hohlweck: Casus und Wirklichkeit – »LEBENS=BESCHREIBUNG« UM 1730

Einer gängigen Periodisierung zufolge stellt das Leben, dem Bereich der Repräsentation entzogen und als Unbestimmtheit, Pluralität oder Vermögen verstanden, die Wissenschaften und die Ästhetik um 1800 vor ähnliche Probleme. Zugleich rückt der arbeitende, sprechende und lebende Mensch, das Subjekt und bevorzugte Objekt der sich etablierenden modernen Wissensordnung, in eine aushandlungsbedürftige Doppelexistenz als Einzel- und Gattungswesen. Diese Doppelexistenz wird von den geschichtsphilosophischen, pädagogischen, anthropologischen, psychologischen und ästhetischen Formen reflektiert, die an der Verfertigung des Wissensobjekts ›Mensch‹ beteiligt sind: Nicht zuletzt etabliert sich ein Roman, der sich am »Seyn des Menschen«[1] anhand einer einzelnen, »innere[n] Geschichte«[2] orientieren soll, dabei aber immer darauf abzuzielen hat, »das Ganze des menschlichen Lebens«[3] zur Darstellung zu bringen. „Patrick Hohlweck: Casus und Wirklichkeit – »LEBENS=BESCHREIBUNG« UM 1730“ weiterlesen

Elisa Ronzheimer: »Poetischer Polyp« – ZUR FORM DES EPOS

Friedrich August Wolfs Prolegomena zu Homer (1795) waren in der intellektuellen Welt des späten 18. Jahrhunderts eine kleine Sensation. Wolf zeigte in seiner Schrift, dass die großen Epen der Antike – die Ilias und die Odyssee – nicht Produkt eines einzigen genialen Schöpfers waren, sondern »dieser kunstvolle Aufbau erst das Werk späterer Jahrhunderte« war.[1] Er konnte nachweisen, dass einzelne Gesänge und ihre Anordnung aus der Zeit nach Homer stammten, womit die Prolegomena einen Angriff auf die Identität des poetischen Übervaters Homer und darüber hinaus auf die einheitliche Form der antiken Epen bedeuteten. „Elisa Ronzheimer: »Poetischer Polyp« – ZUR FORM DES EPOS“ weiterlesen

Eva Geulen: FORMEN DES GANZEN. ZfL-Jahresthema 2018/19

Das neue Jahresthema des ZfL, FORMEN DES GANZEN, knüpft an das vorangegangene Jahresthema der DIVERSITÄT in den Bereichen der Natur, des Sozialen und der Kultur mit einer gewissen Zwangsläufigkeit an. Denn wer sich mit der Vielfalt beschäftigt, kann der Frage nach der Einheit der Vielfalt und damit nach dem Ganzen nicht ausweichen. So ist etwa das Schlagwort von der Biodiversität ein absolut inkludierender Begriff und damit Chiffre eines Ganzen. Allerdings wurden Ganzheitsvorstellungen im 20. Jahrhundert von Regimen in Anspruch genommen, die nicht zufällig ›totalitär‹ heißen. Auch deshalb stehen die heutigen Geisteswissenschaften dem Ganzen kritisch gegenüber. Jener Geist, der sie einmal als Wissenschaften binden und von den Naturwissenschaften unterscheiden sollte, gehört ja selbst zur Sippschaft unifizierender Begriffe, die ein Ganzes meinen oder behaupten.[1] „Eva Geulen: FORMEN DES GANZEN. ZfL-Jahresthema 2018/19“ weiterlesen