Katrin Trüstedt: Im Rücken die Ruinen Europas: OPHELIA IN DER LAUSITZ

»Ich war Emilia. Ich stand an der Küste und sprach mit der Brandung BLABLA, im Rücken die Ruinen von Europa.«[1]

Während Emilia in einer der riesigen Fabrikhallen ihren Auftritt hat, hören wir aus einer anderen Halle Desdemona schreien, die gerade umgebracht wird. Es ist Lausitz Festival 2025 und wir sehen, frei nach Shakespeare (und mit Heiner-Müller-Zitaten gespickt), Othello/Die Fremden.[2] Die »Ruinen von Europa« sind hier weder Nachkriegsruinen noch etwa metaphorische Ruinen, sondern stillgelegte Lausitzer Fabrikanlagen, die keine Gläser und keine Briketts mehr produzieren, sondern nun Kunst. Othello/Die Fremden sehen wir in den Hallen der ehemaligen Telux-Werke in Weißwasser/Běła Wóda (Telux wurde 1899 vom jüdischen Unternehmer Joseph Schweig gegründet und war zehn Jahre später größter Produzent von technischen Gläsern weltweit); die Sonettfabrik nach Shakespeares Sonetten in der ehemaligen Brikettfabrik Louise in Domsdorf; und das Stück Müller & Müller wird am Originalschauplatz aufgeführt, dem ehemaligen Klettwitzer Braunkohletagebau. „Katrin Trüstedt: Im Rücken die Ruinen Europas: OPHELIA IN DER LAUSITZ“ weiterlesen

Chiara Viceconti: EMBLEMATISCHE ORTE UND AUTOR:INNEN DER DDR-SCIENCE-FICTION IN BERLIN

Dass man Berlin heute als Hauptstadt der deutschsprachigen Science-Fiction-Literatur bezeichnen kann, hat vor allem damit zu tun, dass es in der DDR und speziell in Ost-Berlin eine bemerkenswerte Produktion von Wissenschaftlicher Phantastik gab, wie das Genre im Osten genannt wurde. In der Hauptstadt der DDR hatten damals unter anderem die Verlage Neues Leben und Das neue Berlin ihren Sitz, die zu den wichtigsten Publikationsorten von Science-Fiction gehörten.[1] Thematisch befassten sich die Texte vorrangig mit Zukunftsvisionen und Gesellschaftsfragen, aber es ging auch um Themen wie Umweltschutz oder Menschenrechte. Während sich das Genre aufgrund seines Potentials, die Verhältnisse im Realsozialismus unter dem Deckmantel der phantastischen Fiktion zu kritisieren, beim Publikum großer Beliebtheit erfreute, wurde es durch das Regime für die Propagierung einer besseren kommunistischen Zukunft instrumentalisiert. „Chiara Viceconti: EMBLEMATISCHE ORTE UND AUTOR:INNEN DER DDR-SCIENCE-FICTION IN BERLIN“ weiterlesen

Ernst Müller: WENDE

I. Wer heute bezogen auf die deutsche Geschichte von ›der Wende‹ spricht, meint die im Herbst 1989 in der DDR beginnenden und mit deren Anschluss an die Bundesrepublik endenden politischen Umwälzungen. Zwar favorisieren damalige Akteure und manche Historiker dafür pathetischere Bezeichnungen wie ›Freiheitsrevolution‹ oder das vom damaligen Westberliner Bürgermeister Walter Momper am Tage nach der Maueröffnung geprägte, etwas sperrige Oxymoron ›friedliche Revolution‹.[1] Doch gerade die ostdeutsche Alltagssprache hat diese nie übernommen, vielleicht, weil im DDR-Sprachgebrauch ›Revolution‹ mit sozialem Fortschritt, mit etwas grundsätzlich Neuem verbunden war. „Ernst Müller: WENDE“ weiterlesen