Ernst Müller: WENDE

I. Wer heute bezogen auf die deutsche Geschichte von ›der Wende‹ spricht, meint die im Herbst 1989 in der DDR beginnenden und mit deren Anschluss an die Bundesrepublik endenden politischen Umwälzungen. Zwar favorisieren damalige Akteure und manche Historiker dafür pathetischere Bezeichnungen wie ›Freiheitsrevolution‹ oder das vom damaligen Westberliner Bürgermeister Walter Momper am Tage nach der Maueröffnung geprägte, etwas sperrige Oxymoron ›friedliche Revolution‹.[1] Doch gerade die ostdeutsche Alltagssprache hat diese nie übernommen, vielleicht, weil im DDR-Sprachgebrauch ›Revolution‹ mit sozialem Fortschritt, mit etwas grundsätzlich Neuem verbunden war.

Dass ›Wende‹ zur nahezu neutralen Bezeichnung dieser Prozesse werden würde, war zeitgenössisch keineswegs absehbar. Denn es war Egon Krenz, der als Nachfolger Erich Honeckers in der Funktion des Generalsekretärs des Zentralkomitees der SED bei seiner Antrittsrede am 18. Oktober 1989 zunächst verkündete:

»Mit der heutigen Tagung werden wir eine Wende einleiten, werden wir vor allem die politische und ideologische Offensive wieder erlangen.«[2]

Der Ausdruck war wohl weder in seiner vor allem im Sport (beim Schwimmen) verwendeten Bedeutung der einfachen Kehre noch im Sinne einer moralisch-religiösen Umkehr gemeint, sondern sollte offenbar sehr spät noch die Bedeutung des russischen Wortes perestroika (Umgestaltung) aufnehmen.

Der durchaus reflektierte Versuch, die Deutungs- und Handlungshoheit durch ein vages Schlagwort mit nicht explizierter Metaphorik wiederzuerlangen, war sogleich umstritten. Die eigenen Leute musste Krenz’ Formulierung irritieren, weil das Wort ›Wende‹ politisch durch die CDU Helmut Kohls besetzt war, der für den liberal-konservativen Regierungswechsel 1983 mit der Formel der ›geistig-moralischen Wende‹ geworben hatte. Christa Wolf interpretierte in ihrer Rede vor etwa einer Million Demonstranten am 4. November 1989 ›Wende‹ als Metapher der Seglersprache:

»Mit dem Wort ›Wende‹ habe ich meine Schwierigkeiten. Ich sehe da ein Segelboot, der Kapitän ruft ›Klar zur Wende!‹, weil der Wind sich gedreht hat, und die Mannschaft duckt sich, wenn der Segelbaum über das Boot fegt. Stimmt das Bild? Stimmt es noch in dieser täglich vorwärtstreibenden Lage? Ich würde von ›revolutionärer Erneuerung‹ sprechen.«[3]

In der gleichen Rede nimmt Wolf die polemische Metapher des Wendehalses als Bezeichnung für diejenigen auf, die sich nur aus taktischer Berechnung zu den Umbrüchen bekannten. Und auf Plakaten der Demonstrierenden war zu lesen: »Harte Wende ist jetzt Pflicht, Kurve kriegen reicht jetzt nicht«.[4] Im gleichen Sinne argumentierte retrospektiv der Bürgerrechtler Jens Reich:

»›Wende‹ für die bedeutendste geschichtswirksame Handlung, die jemals in Deutschland nicht als Diktat von oben, sondern als spontane Bürgerbewegung hervorgebracht wurde – das ist nun tatsächlich eine Freudsche Verdrängung. […] ›Wende‹ macht die Sache klein und verleiht ihr den Geruch einer von oben mit Weisheit und Einsicht eingeleiteten Maßnahme.«[5]

Die Bezeichnung hat sich offensichtlich erst durchgesetzt, nachdem der kurze Versuch einer demokratischen Erneuerung der DDR mit der Maueröffnung abgebrochen war. Der (nachvollziehbare) Ruf nach Reisefreiheit, die Sehnsucht nach harter Währung und schneller Wiedervereinigung kündeten weniger von unbändigem Freiheitswillen als vielmehr vom postheroischen Konsumenten. Zwar gab es diejenigen, die sich Erosion und Zusammenbruch der DDR als Resultat eigener Handlungen zuschrieben. Gerade der Prozess der deutschen Wiedervereinigung löste aber bei vielen das Gefühl aus, einer Veränderung ausgesetzt zu sein, die sie nicht intendiert und nicht in der Hand hatten. Die Erfahrung eines durch Marktlogiken anonymisierten oder ›von oben‹ gesteuerten Prozesses hat sicher dazu beigetragen, dass ›Wende‹ als angemessenerer Ausdruck empfunden wurde. Die Befürworter einer demokratischen Revolution der DDR standen dieser ›Wende in der Wende‹, wie es später auch genannt wurde, im Wege.

Die Auseinandersetzung um den Wendebegriff taugt bis heute, um starke politische Differenzen auszutragen. Dreißig Jahre nach 1989 stritten in der FAZ die beiden Ostdeutschen Ilko-Sascha Kowalczuk und Detlef Pollock darum, ob Bürgerrechtler eine Revolution oder aber die eher unpolitischen Ausreisewilligen eine Implosion ausgelöst hätten. Dem Mythos zu widersprechen, dass der Freiheitsrevolution konsequenterweise die deutsche Einheit folgte, erschien aber beiden Seiten nicht opportun: Die eine Seite tabuisiert, dass kaum einer der Bürgerrechtler im Herbst 1989 die deutsche Einheit gewollt hatte, die andere, dass es eine Kontinui­tät gibt von der damals im Westen eifrig begrüßten, die demokratische Erneuerung abbrechenden nationalistischen Wende zu heutigen rechtspopulistischen Aufrufen einer sogenannten Wende 2.0 oder dem Slogan ›Vollende die Wende‹.

II. ›Wende‹ gehört zu den modernen Verzeitlichungsbegriffen und bestätigt die These Reinhart Kosellecks, dass zeitliche Begriffe räumlichen Metaphern entspringen. Sprach man lange, fern jeglicher Überhöhung, von der ›Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert‹, ist hier wiederum ein Zeitbegriff selbst zum Subjekt geworden, ähnlich dem Fortschritt, der Geschichte oder der Beschleunigung. Gängige Formulierungen wie ›konstantinische Wende‹ für den Übergang zum Staatskirchentum oder ›kopernikanische Wende‹ für die Abkehr vom heliozentrischen Weltbild sind nachträgliche Zuschreibungen. Auch Immanuel Kants Transzendentalphilosophie wurde – als Metapher der Metapher – erst im 19. Jahrhundert als ›kopernikanische Wende‹ bezeichnet, er selbst hat diesen Ausdruck nicht gebraucht. Diese Interpretationen beziehen sich meist auf die zweite Auflage der Kritik der reinen Vernunft, in der sich zwar der Ausdruck »Revolution der Denkart« findet, nicht aber bezogen auf Kopernikus, dessen Theorie Kant als »Umänderung der Denkart« bezeichnet. Schon für Kant-Exegeten scheint ›Wende‹ also ein Revolutionsvermeidungsbegriff zu sein.

Wie auch ›Umbruch‹ ist der Ausdruck ›Wende‹ Zeichen einer postheroischen Perspektive. Das Wort lässt zunächst keine Wertung erkennen, sie muss expliziert werden (die ›Wende zum Besseren‹/­›zum Schlechteren‹). Im Unterschied zum modernen Begriff der Zeitenwende, den insbesondere der deutsch-israelische Historiker Richard Koebner als Merkmal der Moderne seit Francis Bacon herausgestellt hat,[6] hat ›Wende‹ keine Richtung – anders als etwa ›Fortschritt‹. ›Wende‹ hat aber zugleich die doppelte Dimension von Ereignis und Handlung, die sich die Politik situationsgerecht zurechnen kann. Je nach Kontext lassen sich unterschiedliche Bedeutungen abrufen, unterschiedliche Adressaten einbinden.

III. Neben der mit dem bestimmten Artikel akzentuierten Wende von 1989 hat sich in den letzten Jahren die Wendemetapher im politischen Diskurs etabliert. In Komposita führt das Wort eine zwar unauffällige, aber ubiquitäre Existenz; es gibt u. a. die ökologische, die Verkehrs-, die Mobilitäts- und die Klimawende. ›Wende‹ hat hier oft eine doppelte Bedeutung: Mit den Richtlinien der Politik ändert sich auch die zuvor vertretene Position. Die erste dieser Wenden, die in diesem Fall nicht zufällig auch eine Kehrtwendung der Regierenden bezeichnete, war die sogenannte Energiewende, also der maßgeblich von Angela Merkel initiierte Atomausstieg, die ›energiepolitische Kehrtwende‹ nach dem Reaktorunglück von Fukushima. ›Wende‹ ersetzt dabei auch das bei der Vorgängerregierung eher gebräuchliche, offenbar mit der Kritik am Neoliberalismus verschlissen erscheinende Schlagwort der Reform oder den bürokratischen Ausdruck ›Agenda‹. Der permanente Krisenmodus der spätkapitalistischen Gesellschaft erlaubt offenbar nur kurzfristige, situationsbezogene Taktik statt langfristige Strategien.

Ursprünglich war die ökologische Wende ein Schlagwort der Umwelt- und Anti-­Atomkraft-Bewegung der 1970er Jahre,[7] insofern lässt sich die Wende der ehemaligen Umweltministerin Merkel auch als Enteignungsgeschichte erzählen. ›Wende‹ nimmt dabei die postheroischen Attribute ihres Regierungsstils auf: von oben, technokratisch, vermittelnd, alternativlos, eine Kraftanstrengung ohne großes Versprechen. Um die Distinktion zu erhalten, müssen ihre Gegner heute von der ›Klimawende von unten‹ sprechen. Die mit ›Wende‹ zugleich verbundene Änderung der eigenen Politik kann dabei natürlich als Wendigkeit oder Beliebigkeit zum bloßen Machterhalt interpretiert werden. Als käme eine andere Eigenschaft als der sprichwörtliche Opportunismus des unauffälligen und in seiner mitteleuropäischen Existenz bedrohten Wendehalses (Jynx torquilla) zum Tragen: Der Höhlenbrüter, der sich selbst keine Höhlen schaffen kann, ist auf das Vorhandensein von natürlichen Baumhöhlen oder auf Spechthöhlen angewiesen, deren Vorbesitzer er samt Eiern oder Jungen verdrängt.

Der Philosoph Ernst Müller leitet am ZfL das Schwerpunktprojekt »Das 20. Jahrhundert in Grundbegriffen. Lexikon zur politisch-sozialen und kulturellen Semantik in Deutschland«. Sein Beitrag erschien erstmals auf dem Faltblatt zum Jahresthema des ZfL 2020/21, »Epochenwenden«.

 

[1] Vgl. Bernd Lindner: »Begriffsgeschichte der Friedlichen Revolution. Eine Spurensuche«, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 24–26/2014: Aufbruch ’89.

[2] Egon Krenz: »Erklärung des Politbüros des Zentralkomitees der SED«, in: Berliner Zeitung, 19.10.1989.

[3] Christa Wolf: Rede am 4. November 1989.

[4] Dieter Herberg/Doris Steffens/Elke Tellenbach: Schlüsselwörter der Wendezeit. Wörter-Buch zum öffentlichen Sprachgebrauch 1989/90, Berlin/New York 1990.

[5] Jens Reich: »Vereint in der Schlußmusik«, in: Die Zeit, Nr. 43, 21.10.1994.

[6] Richard Koebner: »Die Idee der Zeitwende (1941–1943)«, in: ders.: Geschichte, Geschichtsbewusstsein und Zeitwende. Vorträge und Schriften aus dem Nachlaß, Gerlingen 1990, S. 147–193.

[7] Den Begriff ›Energiewende‹ prägte das Öko-Institut 1980 mit dem in mehreren Auflagen erschienenen Buch Energiewende – Wachstum und Wohlstand ohne Erdöl und Uran, hg. von Florentin Krause/Hartmut Bossel/Karl-Friedrich Müller-Reißmann, Frankfurt a. M. 1981.