Sigrid Weigel: CARLO GINZBURG – Erinnerung an einen Grandseigneur der Kulturwissenschaft

Gruppenfoto: Autor:innen des Wagenbach-Verlags mit der Verlegerin, auf der Leinwand im Hintergrund ist ein Buchcover von Carlo Ginzburg zu sehen
Abb. 1. »100 Bände Kleine Kulturwissenschaftliche Bibliothek im Wagenbach Verlag«, 16. Juni 2026, © Annekathrin Kohout

Als habe er sich noch einmal zu Wort melden wollen, bevor er die Welt der Lebenden für immer verlassen würde, um an sein Plädoyer für den Wahrheitsanspruch der historischen Wissenschaft zu erinnern: Bei der Veranstaltung zur Kleinen Kulturwissenschaftlichen Bibliothek (KKB) des Wagenbach Verlags am 16. Juni in der Berliner Staatsbibliothek war es von den 100 Titeln der KKB, die im Laufe des Abends auf die Leinwand projiziert wurden, ausgerechnet das Cover eines seiner Bücher, das über den Köpfen der Redner zu sehen war, als diese sich zum Abschlussfoto auf der Bühne versammelt hatten (Abb. 1). Übergroß prangte da der Titel Faden und Fährten: Wahr falsch fiktiv. Am nächsten Morgen erfuhren wir, dass Carlo Ginzburg in der Nacht zum Mittwoch, den 17. Juni, mit 87 Jahren verstorben war. Es fällt schwer, bei einem Historiker, der das Hexenwesen und den frühneuzeitlichen Volksglauben der Benandanti mit ihren Totenprozessionen erforscht hat, angesichts dieser Koinzidenz an einen Zufall zu glauben.

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Lukas Schemper: Retten, Töten oder Sterbenlassen? SCHIFFBRUCH UND SEENOTRETTUNG IN »DAS BOOT«

Seit Kurzem kann man die Serie Das Boot, deren letzte Staffel bereits im vergangenen Herbst auf dem TV-Sender Sky ausgestrahlt wurde, auch auf Netflix sehen. Sie lehnt sich frei an Romane Lothar-Günther Buchheims an, allen voran den 1973 erschienenen gleichnamigen Bestseller und dessen Verfilmung von 1981.[1] Sowohl Buchheims Bücher als auch die aktuelle Serie thematisieren die Atlantikfront des U-Boot-Kriegs im Zweiten Weltkrieg sowie den Kontext der deutschen Besatzung Frankreichs, welche die Voraussetzung für die Errichtung deutscher U-Boot-Stützpunkte an der französischen Atlantikküste war. Wie Babylon Berlin oder Der Pass ist Das Boot eine Serienproduktion, die aus der deutschen Geschichte bzw. dem deutschen Identitätsverständnis nicht nur ein deutsches Serienerlebnis, sondern einen internationalen Streaming-Erfolg machen sollte. Umso erstaunlicher, dass die Serie bislang kaum von Historiker:innen diskutiert wurde, zumal sie den Nationalsozialismus thematisiert und Buchheims Romanvorlage bei Erscheinen eine Kontroverse in der deutschen Öffentlichkeit ausgelöst hatte. „Lukas Schemper: Retten, Töten oder Sterbenlassen? SCHIFFBRUCH UND SEENOTRETTUNG IN »DAS BOOT«“ weiterlesen

Henning Trüper: HUMANITÄRE UND HISTORISCHE BRÜCHE

I. Dass die Zeit kontinuierlich verläuft, dass ihre Unterteilung stets ein bloßer Akt der Willkür ist, dass bei jeder Veränderung, gleich wie tief der Einschnitt erscheint, vieles auch unverändert bleibt – diese und ähnliche Annahmen gehören zu den kaum verrückbaren geschichtswissenschaftlichen Grundüberzeugungen, denen gegenüber sich jede kulturwissenschaftliche Frage nach Diskontinuitäten oder Brüchen im historischen Geschehen von vornherein im Nachteil befindet. Um diesen Nachteil auszugleichen, bietet es sich an, eine Art Umgehungsmanöver zu veranstalten, indem man sich darüber Gedanken macht, wie sich historische Akteure zum Problem des Bruchs mit der Vergangenheit verhalten. „Henning Trüper: HUMANITÄRE UND HISTORISCHE BRÜCHE“ weiterlesen