Sigrid Weigel: CARLO GINZBURG – Erinnerung an einen Grandseigneur der Kulturwissenschaft

Gruppenfoto: Autor:innen des Wagenbach-Verlags mit der Verlegerin, auf der Leinwand im Hintergrund ist ein Buchcover von Carlo Ginzburg zu sehen
Abb. 1. »100 Bände Kleine Kulturwissenschaftliche Bibliothek im Wagenbach Verlag«, 16. Juni 2026, © Annekathrin Kohout

Als habe er sich noch einmal zu Wort melden wollen, bevor er die Welt der Lebenden für immer verlassen würde, um an sein Plädoyer für den Wahrheitsanspruch der historischen Wissenschaft zu erinnern: Bei der Veranstaltung zur Kleinen Kulturwissenschaftlichen Bibliothek (KKB) des Wagenbach Verlags am 16. Juni in der Berliner Staatsbibliothek war es von den 100 Titeln der KKB, die im Laufe des Abends auf die Leinwand projiziert wurden, ausgerechnet das Cover eines seiner Bücher, das über den Köpfen der Redner zu sehen war, als diese sich zum Abschlussfoto auf der Bühne versammelt hatten (Abb. 1). Übergroß prangte da der Titel Faden und Fährten: Wahr falsch fiktiv. Am nächsten Morgen erfuhren wir, dass Carlo Ginzburg in der Nacht zum Mittwoch, den 17. Juni, mit 87 Jahren verstorben war. Es fällt schwer, bei einem Historiker, der das Hexenwesen und den frühneuzeitlichen Volksglauben der Benandanti mit ihren Totenprozessionen erforscht hat, angesichts dieser Koinzidenz an einen Zufall zu glauben.

Verfahren der Wahrheitsfindung und Spurensuche, Fallstudien und Methoden der Beweisführung gehörten zu den Leitmotiven von Carlo Ginzburgs Arbeiten. Als eine zentrale erkenntniskritische Frage hat sich dieser Motivkomplex allmählich aus seinem intensiven Studium von Prozessdokumenten – von den Verhörprotokollen des Müllers Menocchio (um 1600) über die Prozessakten der Inquisition zum Hexenwesen bis zum Prozess gegen Mitglieder der Lotta Continua in den 1990ern – herausgebildet. Diese Studien führten ihn wiederholt zur Erörterung von Verfahren, Quellen und Schlüsselbegriffen der Wahrheitsfindung im Verhältnis von Richter und Historiker. Zunächst jedoch widmete Carlo Ginzburg sich diesen Dokumenten mit philologischer Akribie, um aus den Aussagen der Angeklagten ein detailreiches Bild von Volkskulturen der Frühen Neuzeit zu gewinnen. Auf dem Umweg über Prozessakten erforschte er so das Weltbild, den (Aber-)Glauben, die Kulte und Praktiken von Kulturen, deren Lebens- und Vorstellungswelt aus den traditionellen Quellen der Historiker ausgeblendet blieb. Damit ist er als Begründer der Mikrohistorie in die Wissenschaftsgeschichte eingegangen.

Persönlich kennengelernt hatte ich Carlo Ginzburg durch die Arbeit über/mit Aby Warburg bei einer Tagung im Zentrum für Kunst und Medien in Karlsruhe. Dort präsentierte er seine berühmte Fallstudie zur politischen Ikonographie des »I want you for U.S. Army«-Rekrutierungsposters aus dem Jahre 1917, dessen Bild von Uncle Sams ausgestrecktem, auf den Betrachter zielendem Zeigefinger er mit Warburgs Konzept der Pathosformel diskutierte. Da mein Vortrag sich den Wissensfiguren von Tableau und Stammbaum in Warburgs Aufzeichnungen widmete, kamen wir schnell ins Gespräch. Und dieser angeregte Austausch über Warburg wurde zum Beginn einer langen Reihe von Begegnungen, teils bei verschiedenen Tagungen in London und anderswo, vor allem aber bei Carlo Ginzburgs bald regelmäßigen Vorträgen und Aufenthalten am ZfL, dessen Honorary Member er 2006 wurde.

Der erste Vortrag von Carlo Ginzburg am ZfL war der Abendvortrag »Family Resemblances and Family Trees« auf der Jahrestagung »Figuren des Europäischen« 2001. Im selben Jahr erschien auf Deutsch Die Wahrheit der Geschichte. Rhetorik und Beweis. Ich erinnere mich noch an den riesigen, voll besetzten Hörsaal der Humboldt-Universität bei der Buchvorstellung, deren Moderation er mir übertragen hatte. 2003 folgte ein Mittwochsvortrag am ZfL mit der mikrohistorischen Studie »Latitude, Slaves, and the Bible«. Darin diskutierte Ginzburg zugleich das theoretische Potential der Mikrogeschichte, indem er gegen das Missverständnis argumentierte, bei den mikrohistorischen Darstellungen, den ausführlichen Einlassungen auf die Verhöre und den detaillierten Schilderungen der darin verhandelten Vorstellungen und Praktiken handele es sich um Erzählungen. In der drei Jahre später erschienenen italienischen Originalausgabe von Faden und Fährten greift er diese Fragen vor dem Horizont der allgegenwärtigen Rede von Narrationen wieder auf, diesmal im Verhältnis von Geschichtsschreibung und Fiktion. Der Vortrag 2003 war ein Plädoyer für die Mikrogeschichte als eine methodisch kontrollierte Historiographie – gleichsam nach dem Motto »Der liebe Gott steckt im Detail«, unter das Aby Warburg 1925 sein Seminar über die italienische Kunst der Frührenaissance gestellt hatte.

Es war gar keine Frage, dass er um den Festvortrag gebeten wurde, wenn es etwas zu feiern gab – so wie etwa 2008 die »Zukunft für die Geisteswissenschaftlichen Zentren Berlin«, nachdem das Bundesministerium für Bildung und Forschung die Förderung für die folgenden zwölf Jahre zugesichert hatte. Die Mittel des ihm im gleichen Jahr auf Vorschlag des ZfL zugesprochenen Humboldt-Forschungspreises nutzte er für mehrere längere Forschungsaufenthalte. So sollten viele Vorträge von ihm folgen, nahezu im jährlichen Rhythmus. Wir haben Carlo Ginzburgs Anwesenheit immer als eine große Ehre und ein außerordentliches intellektuelles Vergnügen erlebt. Jedes Mal überraschte er mit neuen Themen, Gegenständen und Fragen; er sprach über Machiavelli, Hobbes und Hume, über Warburg, Auerbach und de Martino, bezog sich auf schriftliche Quellen und Bilder, analysierte grundlegende ästhetische Verfahren und interessierte sich immer wieder für die Spuren religiöser Traditionen in der politischen Philosophie. Seine imposante Erscheinung und seine wissenschaftliche Brillanz haben stets Eindruck gemacht.

Wenn Carlo Ginzburg sich am ZfL aufhielt, war stets intellektueller Festtag; es herrschte eine inspirierende Atmosphäre. Die Mitarbeiter konnten von der ihm eigenen persönlichen Großzügigkeit profitieren, denn er ließ sich auf die unterschiedlichsten Fragen ein, die an ihn herangetragen wurden, egal ob von Doktoranden oder erfahrenen Kollegen. Und er interessierte sich für viele unserer Forschungsprojekte: selbstverständlich für die Arbeit an unserer Werkausgabe von Aby Warburgs Manuskripten, aber z.B. auch für die Forschung zum Märtyrer in verschiedenen Religionen und säkularen Kulturen, und ganz besonders für unseren Forschungsschwerpunkt zu osteuropäischen Kulturen und die Kooperation mit Georgien. Daraus entstand u.a. eine von Kollegen des ZfL besorgte Edition mit einigen seiner Aufsätze in georgischer Übersetzung.

Carlo Ginzburgs Aufenthalte, Vorträge und Gespräche gehören zu den großen, unvergesslichen Momenten in der Geschichte des ZfL.

Vorträge am ZfL

  • Family Resemblances and Family Trees
    Jahrestagung des ZfL »Figuren des Europäischen«, 19.10.2001
  • Latitude, Slaves, and the Bible. An Experiment in Microhistory
    Mittwochsvortrag, 9.7.2003
  • Aping Nature. Reflections on a Medieval Metaphor
    Jahrestagung des ZfL »Fälschungen. Autorschaft und Beweis in Wissenschaften und Künsten«, 1.11.2003
  • Fear, Reverence, Terror. Reading Hobbes Today
    Mittwochsvortrag, 11.7.2007
  • Reproduction/Reproduction. An Experiment in Historical Anthropology
    Festvortrag, Festveranstaltung »Zukunft für die Geisteswissenschaftlichen Zentren Berlin«, 30.6.2008
  • Actors of History. Georges Didi-Huberman und Carlo Ginzburg im Gespräch
    Podiumsgespräch, 7.7.2009
  • Side Glances. A Note on Machiavelli
    Symposium »Gesichter – Faces«, 25.3.2010
  • Pathosformeln – Aby Warburg in Context
    Öffentlicher Abendvortrag, Internationale ZfL‑Sommerakademie »Die ›Erste Kulturwissenschaft‹ und ihr Potential für die Gegenwart«, 12.7.2011
  • A Conversation about Miracles. La Flèche 1735–1737
    Mittwochsvortrag, 4.7.2012
  • On De Martino’s Project The End of the World, and its Genesis
    Konferenz »Mourning, Magic, Ecstatic Healing. Ernesto de Martino«, 9.7.2015
  • Ekphrasis and Connoisseurship. On a Drawing by Bastianino
    Festveranstaltung »ZfL – Das zwanzigste Jahr«, 17.7.2015

Aufsätze von Carlo Ginzburg in Publikationen des ZfL

  • Familienähnlichkeiten und Stammbäume. Zwei kognitive Metaphern
    in: Ohad Parnes u.a. (Hg.): Generation. Zur Genealogie des Konzepts – Konzepte von Genealogie, München 2005, S. 267–289
  • Das Nachäffen der Natur. Reflexionen über eine mittelalterliche Metapher
    in: Anne-Kathrin Reulecke (Hg.): Fälschungen. Zu Autorschaft und Beweis in Wissenschaften und Künsten, Frankfurt a. M. 2006, S. 95–122
  • Auerbach und Dante: Eine Verlaufbahn
    in: Karlheinz Barck/Martin Treml (Hg.): Erich Auerbach. Geschichte und Aktualität eines europäischen Philologen, Berlin 2007
  • Vergegenwärtigung des Feindes. Zur Mehrdeutigkeit historischer Evidenz
    in: Trajekte 16, 2008, S. 7–17
  • The Bond of Shame
    in: Corina Caduff/Anne-Kathrin Reulecke/Ulrike Vedder (Hg.): Passionen. Objekte – Schauplätze – Denkstile, München 2010, S. 19–27
  • Nakvalevebi, mit’ebi, mikroistoria. Eseebi evropis istoriisa da kulturis šesaxeb
    hg. von Zaal Andronikashvili und Giorgi Maisuradze, Tbilissi 2011 (in georgischer Sprache)
  • Seitenblicke. Anmerkungen zu einem Brief von Machiavelli
    in: Sigrid Weigel (Hg.): Gesichter. Kulturgeschichtliche Szenen aus der Arbeit am Bildnis des Menschen, München 2013, S. 245–259
  • Gertrud Bing über Aby Warburg und eine Philologie der Überlieferung
    in: ZfL Blog, 25.2.2020

Sigrid Weigel war von 1999 bis 2015 Direktorin des ZfL.

 

VORGESCHLAGENE ZITIERWEISE: Sigrid Weigel: Carlo Ginzburg – Erinnerung an einen Grandseigneur der Kulturwissenschaft, in: ZfL Blog, 1.7.2026, [https://www.zflprojekte.de/zfl-blog/2026/07/01/sigrid-weigel-carlo-ginzburg-erinnerung-an-einen-grandseigneur-der-kulturwissenschaft].
DOI: https://doi.org/10.13151/zfl-blog/20260701-01