Matthias Schwartz: MÄNNLICHKEIT IM SCHATTEN DES KRIEGES. Neue Kinofilme aus Russland

Vier Jahre dauert der Krieg Russlands gegen die Ukraine inzwischen. Ein Zermürbungskrieg ohne absehbares Ende, während gleichzeitig die staatlichen Repressionen in Russland zunehmen. Offene Diskussionen über den Krieg oder gar Proteste dagegen sind nicht mehr möglich.[1] Fortwährend neue Gesetze stellen »Propaganda für nicht-traditionelle sexuelle Beziehungen« oder zuletzt die Verleugnung des »Völkermords am sowjetischen Volk« unter Strafe und schränken die Meinungsfreiheit zusätzlich ein.[2] Im April 2026 wurde die Menschenrechtsorganisation Memorial zur »extremistischen« Organisation erklärt. Viele aus der Medien- und Kunstszene sind inzwischen emigriert, die wenigen verbliebenen unabhängigen Stimmen sind staatlicher Verfolgung ausgesetzt.[3]

Wenn nur noch patriotische Rhetorik erlaubt ist, welche Freiräume bleiben dann, um sich mit den Folgen des Krieges auseinanderzusetzen? Wie gehen die Künste, die Populärkultur, die Medien unter den Bedingungen staatlicher Zensur mit dem Krieg um? Gibt es jenseits der Propaganda Stimmen und Sichtweisen, die ein differenzierteres Bild der Wirklichkeit sowie der mit dem Krieg verbundenen Ängste und Aggressionen ermöglichen? Die aufzeigen, wie Feind- und Freundschaftsbilder produziert werden?

Schaut man sich exemplarisch die jüngsten Kinoproduktionen an, ergibt sich ein uneinheitliches Bild. 2025 kamen über 200 neue, in Russland produzierte Filme in die Kinos. Das macht zwar nur etwas mehr als ein Drittel der Kinostarts insgesamt aus – hier dominieren allen Sanktionen zum Trotz weiterhin westliche Filme –, ist aber mehr als in den Jahren zuvor.[4] Am kommerziell erfolgreichsten sind wie überall auf der Welt populäre Genres – Fantasy, Komödien und Liebesromanzen, Märchen- und Kinderfilme, Actionfilme und Historiendramen, Biopics und Literaturverfilmungen, die eher eskapistisch als realitätsnah sind. Die Kriegsfolgen werden selten adressiert, und wenn, dann zumeist indirekt in der Wahl der Geschichten und Bilder.

Auch in der Filmkritik findet eine Auseinandersetzung darüber statt, wie mit der schwierigen Lage umzugehen ist. Auf dem Onlineportal Kritikanstwo, das über 150 in Russland gedruckte und online erschienene Publikationen in Hinsicht auf Spiele- und Filmkritiken auswertet, befinden sich unter den zwölf bestbewerteten Kinostarts des ersten Quartals 2026 drei russische Produktionen: Kartiny druschestwennych swjasej (Bilder freundschaftlicher Verbindungen), Den roschdenija Sidni Ljumeta (Sidney Lumets Geburtstag) und Sdes byl Jura (Hier war Jura).[5] Oberflächlich betrachtet haben diese drei Filme wenig mit dem Krieg zu tun, sie erwähnen die »Spezielle Militäroperation« mit keinem Wort. Und doch lohnt ein genauerer Blick, zeigen sie doch, wie man sich jenseits von Zensur und Politik mit den Kriegsfolgen auseinandersetzen kann. In allen drei Filmen ist die Darstellung von Männlichkeit im Verhältnis zu Gewalt, Kriminalität und Alterität besonders bedeutsam. Denn Krieg ist auch im 21. Jahrhundert weiterhin Männersache, egal auf welcher Seite der Front: Soldaten werden im Einsatz gestählt, getötet, traumatisiert, sind Helden, Verräter oder Mörder. Doch wie zeigt man all die Männer, die niemals das Ziel hatten, fürs Vaterland zu sterben, nun aber in diesem vom Krieg gezeichneten Land zurechtkommen müssen? Von genau diesen Männern erzählen die drei von der Kritik gefeierten Regiedebüts.

Kartiny druschestwennych swjasej (Bilder freundschaftlicher Verbindungen)

Sonja Raismans Erstlingswerk Kartiny druschestwennych swjasej (2025) wurde im Oktober 2025 beim Filmfestival zur Förderung des jungen Autorenkinos »Majak« (Leuchtturm) in Gelendschik an der russischen Schwarzmeerküste unter anderem mit dem Preis für die beste Regie ausgezeichnet. Im März 2026 hatte der Film seinen landesweiten Kinostart. Die Kritik ist von dem Schwarz-Weiß-Film begeistert, feiert den »Festivalhit«[6] als ein »zweifelsohne unerwartetes Ereignis«,[7] als »polyphones Drama«,[8] »Epochenporträt«[9] und »trauriges Omen der heutigen Zeit«.[10] Anna Filippowa schreibt in ihrer Rezension:

Wenn man über das »Ereignis« nicht sprechen darf, kann man versuchen, laut darüber zu schweigen oder es mit belanglosen Gesprächen zu übertönen – was im Grunde genommen auf dasselbe hinausläuft. So bestimmt das Verfahren (und das Budget) das Genre: einen schwarz-weißen Mumblecore. Der Schauplatz ist Russland, irgendwo zwischen 2022 und der Endlosigkeit.[11]

Der Film erzählt von sechs Männern und zwei Frauen, die gemeinsam Schauspiel und Regie in Moskau studiert haben. Sie sind alle mittlerweile um die 30 Jahre alt. Als einer von ihnen das Land verlassen will, feiern sie den letzten gemeinsamen Abend miteinander, zuletzt in der Wohnung des Abreisenden, ehe sie ihn nach viel Alkohol und wenig Schlaf am Morgen zum Flughafen bringen. Nur einer der acht Freunde hat in seinem gelernten Beruf einen Job gefunden und schreibt Drehbücher für Kinderfilme, in denen aber möglichst weder Krieg noch Politik vorkommen sollen. Alle anderen schlagen sich mit Gelegenheitsjobs durch, der eine arbeitet als Fahrradkurier, der andere muss sein Auto verkaufen, um sich über Wasser zu halten. Die Freunde kennen sich schon lange, der Umgang miteinander ist vertraut und zärtlich, die Blicke sind intim und ungezwungen. Immer wieder werden Erinnerungssequenzen in Farbe eingeblendet: glückliche Momente der Vergangenheit.

Während des Abschiedsabends werden Belanglosigkeiten ausgetauscht, Alltagssorgen, flüchtig und ironisch, en passant und ausgelassen. Der Abend beginnt mit einem spontanen Besuch in der ehemaligen Filmhochschule, wo gerade frei inszenierte Abschiedsszenen auf der Bühne geprobt werden. Anschließend zieht man ein letztes Mal durch einige Lieblingsbars, feiert schließlich in der Küche noch einmal eine wilde Party. Dass der Freund nicht ohne Grund verreist, sondern vermutlich emigriert, möglicherweise aus politischen Gründen, vielleicht aber auch einfach nur, weil er als schwuler Mann keine Zukunft im Land sieht, wird nirgends gesagt. Man kann es aber sehen.

Die Kamera ist immer dicht dabei, mal in Bewegung, mal stehend, mal frontal, mal aus schräger Perspektive versucht sie die »freundschaftlichen Verbindungen« im Raum auszumessen. Aufgrund seiner poetischen Bildsprache wurde der Film in der Kritik häufig mit den berühmten sowjetischen Tauwetterfilmen Ja schagaju po Moskwe von (Zwischenlandung in Moskau, 1963) und Mne dwadzat let von Marlen Chuzijew (Ich bin zwanzig Jahre alt, 1965) verglichen, die ebenfalls das Lebensgefühl einer jungen Generation einzufangen versuchten.[12] Allerdings zeigen diese Filme eine hoffnungsfrohe Generation, die zehn Jahre jünger ist, und die sommerliche Aufbruchstimmung ist durch das Ende der Stalinzeit geprägt. Bei Raisman hat die Zoomer-Generation der Gegenwart ihre besten Jahre schon hinter sich: Es ist Winter und man weiß nicht, ob der Frühling überhaupt noch kommt, sprich: der Krieg irgendwann enden wird. Größere Ähnlichkeiten gibt es zu Chuzijews nachfolgendem Generationen-Film Ijulski doschd (Juliregen, 1966), hier sind die Protagonisten ebenfalls etwa 30 Jahre alt. Doch wo bei Chuzijew gerade die freundschaftlichen Beziehungen zerbrechen, während gesellschaftspolitische Fragen offen diskutiert werden, verhält es sich bei Raisman umgekehrt. Die intimen Verbindungen sind das Einzige, was hält. Wie Jana Telowa in ihrer Rezension schreibt:

Raisman schafft, ohne direkte politische Aussagen zu machen, einen Raum voller Andeutungen und Nuancen. Die Figuren sprechen nichts direkt an (auch nichts Persönliches), doch ihre alltäglichen Handlungen und Entscheidungen zeugen vom Druck der äußeren Umstände. Raisman gelingt es, den richtigen Ton zu treffen, indem sie Humor zu einer Lebensweise macht. Der komödiantische Ansatz zerstört die dramatische Spannung nicht, sondern verstärkt sie im Gegenteil und unterstreicht die Zerbrechlichkeit des Augenblicks: Lachen geht einher mit dem Bewusstsein des Verlusts.[13]

Dmitri Jelagin erkennt in diesem Ansatz von Raisman ein künstlerisches Verfahren, das wegweisend für die aktuelle Kinopoetik in Russland werden könnte. So schreibt er am Ende seiner Besprechung:

»Den sowjetischen Regisseuren [der 1960 Jahre] ist es gelungen, ihren eigenen Weg zu finden und zu verstehen, welche Themen sie unter solch widrigen künstlerischen Bedingungen aufgreifen konnten – den heutigen russischen Regisseuren steht dies noch bevor.«[14]

Den roschdenija Sidni Ljumeta (Sidney Lumets Geburtstag)

Raul Gejdarow hat mit seinem ersten Kinofilm Den roschdenija Sidni Ljumeta (2025) diesen eigenen Weg gefunden. Er war bereits im August 2025 auf dem 33. Kinofestival »Okno w Jewropu« (Fenster nach Europa) zur Förderung des jungen russischen Films in der Ostseestadt Wyborg begeistert aufgenommen worden. Dort gewann er den Hauptpreis für den besten Spielfilm sowie den Kritikerpreis, seine Kinopremiere folgte im Januar 2026. Hervorgehoben von der Kritik wurden an dieser »hitzigen, vor Leidenschaft brodelnden Tragikomödie«[15] unter anderem die »Aufrichtigkeit und der frische Blick eines Neulings, gepaart mit einem Gespür für Nuancen«,[16] seine »Sentimentalität ohne Kitsch« und »Strenge ohne Grausamkeit«.[17] Der Film wurde als »lyrisches Drama« bezeichnet, das »wie eine klassische Sommersinfonie« wirke, »die elegant jeden falschen Ton vermeidet«.[18]

Die Handlung spielt vornehmlich im südlichen Russland an der Grenze zu Georgien. Der Film erzählt vom Erwachsenwerden eines georgischen 17-jährigen Jungen, der allein mit seiner Großmutter in einer kleinen Siedlung in den kaukasischen Bergen wohnt. Der androgyn wirkende Dato hat soeben die Schule abgeschlossen, es sind Sommerferien, im Herbst soll er nach dem Willen der Großmutter eine Ausbildung zum Bohrarbeiter an der örtlichen Fachhochschule machen, damit jemand in der Heimat bleibt. Sein Onkel, bis vor Kurzem der Einzige, der sonst noch zu Hause wohnte, war ein begabter Klavierspieler, starb aber unlängst an AIDS oder an einer Überdosis. Zum großen Unglück von Datos Großmutter hatte er sich auf die örtlichen Kleinkriminellen und deren Geschäfte eingelassen. Doch Dato träumt heimlich davon, Filmregie in Petersburg zu studieren, niedergeschlagen rezitiert er gegenüber seinem Pferd Gedichte Michail Lermontows:

»Und einsam und traurig, und niemand steht helfend bereit, / Im Leide die Hand dir zu reichen … / Was nützt es, vergebens nur Wünsche zu nähren allzeit, / Indes deine Jahre, die besten, verstreichen!«[19]

Das triste Provinzdasein gerät aus den Fugen, als Datos Mutter nach acht Jahren Lagerhaft zurückkehrt. Sie ist eine lebenslustige und selbstbewusste Frau – nur ihre zahlreichen Tätowierungen weisen auf die kriminelle Vergangenheit hin. Sie bringt einen blonden russischen Liebhaber mit nach Hause, schenkt Dato eine Videokamera und vertreibt mit ihrer dominant-fröhlichen Art allen Kummer. Bereits am nächsten Tag laden sie und ihr Liebhaber Dato zu einem Ausflug ans Schwarze Meer ein. Sie hören russischen Disco-Pop der 1990er Jahre, vergnügen sich auf dem Jahrmarkt und picknicken ausgiebig mit Bier. Doch als der gutherzig und wohlsituiert wirkende Russe seine Männlichkeit beweisen möchte, indem er im kalten Wasser weit ins Meer hinausschwimmt, plündert die Mutter zum Entsetzen Datos dessen Sachen und türmt. Sie will Dato in den nächsten Bus zurück zur Großmutter schicken, doch der besteht darauf, bei ihr zu bleiben. So nimmt sie ihn zu ihrem Freund mit, der ihr das Leben im Gefängnis gerettet habe, ein düsterer tätowierter Kerl mit Goldzähnen. Noch am selben Abend machen sie mit dem Auto einen Ausflug, angeblich zum Schaschlikgrillen. Als Dato klar wird, dass sie zu einem Schmuggeldeal an der georgischen Grenze fahren, dreht er vor Verzweiflung über seine Mutter durch. Er versucht, die Ware in den Abgrund zu werfen, woraufhin der Kerl ihn zusammenschlägt und er allein im Nirgendwo des Grenzgebiets ausgesetzt wird. Zurück bei der Großmutter weiß Dato nicht, wohin mit sich und sucht Trost bei den örtlichen Gaunern, denen er sich anschließen möchte. Bei einem Gelage mit Prostituierten versucht eine blondierte, russisch aussehende Schönheit vergeblich, ihn zu verführen. Doch schon bei seinem ersten Einsatz, einem Raubüberfall auf ein Warenlager mit Elektronikgeräten, wird er geschnappt und mit einer Jugendstrafe belegt.

Vorbestraft scheinen alle Wunschträume Datos geplatzt zu sein. Doch seine ebenso autoritäre wie großherzige Großmutter, die er in seinem geheimen Tagebuch als Stalin charakterisiert, offenbart ihm, dass sie in der Bibel noch Gespartes für ihre Beerdigung verstecke. Mit diesem Geld wolle sie mit ihm nach Petersburg fahren, damit er dort Filmregie studieren könne. Was sie dann auch tun: Die einstige imperiale Hauptstadt erstrahlt in ihren Augen und im Blick durch Datos Videokamera in ihrer ganzen Pracht. An der Kunsthochschule wird er allerdings nicht genommen, da es ihm an »Lebenserfahrung« mangele. Doch die beiden lassen sich die gute Laune nicht verderben und gehen stattdessen ins Kino, wo gerade Datos Lieblingsfilm läuft, 12 Angry Men (1957, Die zwölf Geschworenen) von Sidney Lumet, der am selben Tag Geburtstag hat wie Dato. Während Dato fasziniert auf die Kinoleinwand blickt, schläft die Großmutter glücklich an seiner Schulter ein.

Ähnlich wie bei Sonja Raisman der »komödiantische Ansatz« ein Verfahren ist, das »laut darüber zu schweigen« erlaubt, was in dieser Welt alles schiefgeht, sucht Raul Gejdarow in seinen lyrischen Bildern Wege, Unausgesprochenes sichtbar zu machen. Allein Zeit und Ort der Handlung sind symbolisch: Die Geschichte spielt genau ein Jahr nach dem zehntägigen russisch-georgischen Krieg vom August 2008, als Putins Russland seine militärische Macht erstmals nicht nur im Landesinneren – wie bei den Tschetschenienkriegen –, sondern auch im Ausland demonstrierte. Gejdarow schildert nicht nur schonungslos die Machokultur aus Drogen, Gewalt, Kriminalität und Prostitution der 2000er Jahre, in die Dato gerät, er bricht zudem gängige Familien- und Geschlechterklischees: Es ist die leibliche Mutter, die aus dem Straflager nicht geläutert, sondern als kaltblütige Kriminelle zurückkehrt. Allein durch diese mittelbare Verbindung von Kriegsgewalt und Lagerkultur verweist der Film deutlich darauf, dass viele der russischen Soldaten im Krieg gegen die Ukraine direkt in den Gefängnissen rekrutiert werden und ihre anschließende Integration ins Zivilleben große Schwierigkeiten bereitet.

Durch die Lieblingsfilme der beiden wird zudem angedeutet, dass die Verbindung von Lagerkultur und Kriminalität nicht zuletzt eine Krise des Rechtsstaats ist. Denn Datos Großmutter liebt die in der Sowjetunion äußerst populäre Komödie Mimino (1977) von Giorgi Danelia. Angesichts einer Szene, in der ein völlig überforderter armenischer Lastwagenfahrer seinen georgischen Freund vor einem Moskauer Gericht verteidigen möchte, kommen ihr vorm Fernseher vor Lachen die Tränen. In ihrem befreienden Lachen über die groteske Unbeholfenheit des Mannes im Umgang mit dem Gesetz wird zugleich ihr Bedauern kenntlich, dass selbst sie, die ›Diktatorin‹, im eigenen Haus das Gesetz nicht durchsetzen kann. Ganz anders in Mimino, wo durch das abschließende Plädoyer der Pflichtverteidigerin – das in Den roschdenija Sidni Ljumeta allerdings nicht mehr gezeigt wird – der Prozess eine überraschende Wendung nimmt und der zunächst vermeintlich klare Fall zugunsten des Angeklagten entschieden wird.

Diese rechtsstaatliche Revision scheinbarer Gewissheiten verweist direkt auf den titelgebenden Geburtstag von Sidney Lumet und auf die Schlussszene von 12 Angry Men. Denn auch darin – ebenfalls ein Debütfilm, der 1958 gleich drei Oscars gewann – geht es um eine erstaunliche Wendung in einem Gerichtsprozess, in dem der Fall eines jungen Mannes verhandelt wird, der seinen Vater im Affekt ermordet haben soll. Am Anfang halten elf der ›zwölf wütenden Männer‹ den Angeklagten für schuldig, am Ende der Diskussion unter den Geschworenen spricht man ihn einstimmig frei. Dato, von dem wir nicht wissen, was mit seinem Vater geschehen ist, ist fasziniert von diesem Gerichtsfall. Was die Fälle in Mimino und 12 Angry Men verbindet, ist das Einklagen von fairen und funktionierenden rechtsstaatlichen Verfahren. Diese haben über allem zu stehen, selbst über berechtigten Emotionen wie Wut, Hass, Ressentiments und Vorurteilen– eine unausgesprochene Botschaft, die im heutigen Russland, das sich in vielerlei Hinsicht immer weiter von rechtsstaatlichen Normen entfernt, beklemmend aktuell ist.

Insofern die Gesetzlosigkeit von Lager und Krieg in der Tristesse der kaukasischen Peripherie verortet ist, während Gerechtigkeit und Hochkultur in den imperialen Zentren von Moskau (im Fall von Mimino) und Petersburg zuhause sind, triumphiert oberflächlich betrachtet die alte sowjetische Ordnung. In Landna(h)me Georgien. Studien zur kulturellen Semantik schreiben Zaal Andronikashvili, Emzar Jgerenaia und Franziska Thun-Hohenstein über Mimino, dass Danielas Komödie hinter der »scherzhaft verarbeiteten Idee der sowjetischen Völkerfreundschaft« das »ernstere Problem der moralischen Hierarchisierung des imperialen Raumes und des georgischen Verhältnisses zu Russland« behandele[21] (diese Hierarchisierung dürfte auch für Gejdarows Film gelten). Allerdings, so fahren sie fort, suggeriere die Darstellung der Protagonisten in Mimino, dass Integrität »für einen Georgier nur in Georgien möglich« sei: »die Reise in die Ferne führt zu moralischem Verfall, der nur durch die Rückkehr und die Wiedereingliederung in die Heimat geläutert wird«.[22]

Gerade diese Konstellation kehrt Den roschdenija Sidni Ljumeta aber um, indem erst die Reise nach Petersburg einen Ausweg aus dem »moralischen Verfall« bietet: Dato und seine Großmutter können ihre ›Integrität‹ erst finden, nachdem sie die Heimat verlassen haben. Heimat ist nicht dort, wo man geboren ist, sondern dort, wo man ungezwungen glücklich sein kann. Mehr noch: Wo seit der Romantik die imperialen Dichter Russlands als Verbannte, Soldaten oder Abenteurer im Kaukasus einen Ort der »sexuell konnotierten Freiheit« und der Begegnung mit schönen Frauen fanden, verhieß in der späten Sowjetunion und auch in Mimino – so nochmals Andronikashvili, Jgerenaia und Thun-Hohenstein – »spätestens ab der Tauwetterperiode Russland für die ›Kaukasier‹ eine Befreiung aus den Zwängen der heimischen Ordnung«, die darin bestand, dass sich Männer aus der Peripherie in schöne Russinnen aus Moskau oder Leningrad verliebten.[23]

Gejdarows Film bricht radikal mit dieser heterosexuell konnotierten Verheißung: Er zeigt das Schicksal eines verträumten Jungen aus dem Kaukasus, der, vaterlos und mit einer vornehmlich abwesenden kriminellen Mutter, in keine ödipale Konstellation passt, der sich aus blonden Frauen nichts macht und zusammen mit der Großmutter in Petersburg »freundschaftliche Verbindungen« sucht, die jenseits tradierter ›heimatlicher‹ russisch-georgischer »Hierarchisierungen des imperialen Raums« liegen. Heroische Männlichkeit und traditionelle Familienwerte findet man in diesem Film nicht, sondern trotz aller Schicksalsschläge, die Dato und seine Großmutter erleiden müssen, das Festhalten an den Kindheits- und Kinoträumen von »unerwarteter Güte und Freiheit«[24] und Gerechtigkeit.

Malysch (Baby) und Sdjes byl Jura (Hier war Jura)

Für heroische Männlichkeit ist die staatliche Propaganda zuständig, und diese hat nach vier Jahren Krieg den ersten offiziell geförderten Spielfilm über die sogenannte Spezielle Militäroperation in der Ukraine produziert. Malysch (2026) in der Regie von Andrei Simonow kam Ende Februar in die Kinos.[25] Der Film spielt im April 2022, als russische Truppen die ukrainische Hafenstadt Mariupol einnahmen. Zwei junge Donezker Rapper wollen sich vor der Einberufung drücken und nach Moskau flüchten, doch als der eine erfährt, dass sein Vater als Soldat der russischen Armee gefallen ist, kehrt er zurück und schließt sich einer örtlichen, auf Russlands Seite kämpfenden Freiwilligeneinheit an. Die multinationale Truppe setzt sich aus besonders harten Männern zusammen, von denen er aufgrund seiner Unerfahrenheit den Spitznamen »Baby« (Malysch) erhält. Seine Mutter und sein älterer Bruder kämpfen jedoch auf der Seite der Ukraine, und so gerät er in einen Loyalitätskonflikt zwischen Familie und Vaterland. Immer wieder versucht er, seine Angehörigen zu retten, weswegen er von seiner Truppe als Verräter geächtet wird. Zwischen den Fronten stößt er auf den Afroamerikaner Johnny, der ebenfalls für die Russen kämpft, gemeinsam geraten sie in Gefangenschaft im Kombinat Asow-Stahl, das noch von den Ukrainern gehalten wird. Als seine Mutter Johnny und ihn beim Versuch, eine Gruppe Zivilisten in Sicherheit zu bringen, ebenfalls retten möchte, geraten sie bei der Flucht in ein Feuergefecht. Dabei stirbt Johnny mit »Russland« auf den Lippen, während »Baby« überlebt und am Ende in Moskau ›authentischen‹ Rap vom Krieg im Donbass performen kann. Der Film suggeriert Authentizität durch extreme Brutalität und dreckigen Jargon, doch statt Realismus bietet er Klischees. Die Ukrainer werden wie typische deutsche Faschisten in sowjetischen Kriegsfilmen dargestellt und der Afroamerikaner Johnny wirkt wie ein antikolonialer Befreiungskämpfer aus den Zeiten der internationalen Solidarität.[26] Hier gibt es kein lautes Schweigen und keine komödiantischen Oberflächen, alles ist voller Gewalt, testosterongeladen, waffenstarrend. Ständig wird geflucht, gewütet und geschossen. Gezeigt wird eine soldatische Männerwelt, für die ›Kultur‹ nur zählt, wenn sie dem Lobgesang ihrer toten Kameraden dient.

Den Gegenentwurf zu diesem patriotischen Blockbuster stellt der Debütfilm von Sergej Malkin Sdjes byl Jura (2025) dar, der auf dem Filmfestival »Majak« 2025 als bester Film ausgezeichnet wurde und Anfang Februar 2026, also kurz vor Baby in die Kinos kam.[27] Auch hier geht es um zwei junge Männer. Die beiden dreißigjährigen Moskauer Punkmusiker Oleg und Serjoga sind seit Jugendzeiten zusammen und leben gemeinsam in einer WG, die sie sich mit einem leicht reizbaren Mitbewohner teilen. Sie leben in den Tag hinein und träumen von ihrem ersten großen Konzertauftritt, bis die Mutter von Oleg sie zwingt, sich um den kognitiv beeinträchtigten Onkel Jura zu kümmern, der sonst von seinem Bruder, Olegs Vater, betreut wird. Dieser hat sich aber bei einem Saufgelage mit einem alten Armeekameraden so sehr geprügelt, dass er für zehn Tage ins Gefängnis muss. Da Jura nicht allein leben kann, nehmen die beiden Musiker ihn in ihrer Mietwohnung auf. Sie müssen ihn waschen, anziehen, füttern. Ein Nicken ist die einzige Reaktion, zu der Jura fähig ist. Man weiß nie, was in seinem Kopf vorgeht, er freut sich an Discokugeln, kriegt nachts Anfälle, verzieht sich weinend in eine Ecke. Oleg und Serjoga sind anfangs überfordert, streiten darüber, wer die Verantwortung übernimmt, doch finden allmählich einen liebevollen Umgang mit Jura. Sie nehmen ihn zu Konzertproben mit und feiern gemeinsam mit ihm seinen Geburtstag. Am Ende aber werden sie wegen des »illegal« bei ihnen wohnenden Jura von der Vermieterin aus der Wohnung geworfen, just in dem Moment, als Olegs Vater endlich aus dem Gefängnis entlassen wird und Jura ihm glücklich in die Arme fällt.

Auch in diesem Film kommt der Krieg nicht vor. Gleichwohl ist es ein Saufgelage mit einem alten Armeekameraden, das das Leben der beiden Freunde gründlich durcheinanderbringt. Homosexualität wird nicht thematisiert, sondern nur angedeutet. Man sieht das unbeschwerte Leben zweier junger Männer, die Ringe im linken Ohr tragen, deren »freundschaftliche Verbindungen« durch den kognitiv beeinträchtigten Onkel auf eine schwere Probe gestellt werden, die dann aber einen zunehmend selbstverständlichen Umgang mit ihm finden. Zum einen ist der Film ein poetisches Drama über Inklusion. Zum anderen wird Onkel Jura von Konstantin Chabenski gespielt, einem Star des russischen Gegenwartskinos, der durch die Verkörperung unerschrockener Helden in Fantasy-, Historien- und Kriegsfilmen wie Notschnoi dosor (Wächter der Nacht, 2004), Admiral (2008) oder Sobibor (2018) berühmt geworden ist.[28] Chabenski vermittelt in seiner Rolle den Eindruck, dass in der Welt, in der er lebt, etwas nicht stimmt.[29]

Als die drei Juras Geburtstag feiern, schreibt Oleg irgendwann zur Erinnerung mit einem Filzstift die Worte »Hier war Jura« auf die Küchenwand. Nun ist es in Zeiten des Massentourismus üblich, dass junge Menschen in der ganzen Welt ihre Initialen, Namen oder Tags hinterlassen, vorzugsweise an viel besuchten öffentlichen Orten. Doch der Ausdruck »Hier war …« ist nicht ohne Geschichte. Er ist vor allem im Zweiten Weltkrieg durch US-amerikanische Soldaten berühmt geworden, als diese mit dem Graffito »Kilroy was here« ihre populärkulturelle Spur an den vom Nationalsozialismus befreiten Orten Westeuropas hinterließen, während auf der anderen Seite der Alliierten die Rotarmisten an Häuserwänden und in Gebäuden mit ihren Eigennamen ein »Ich war hier« markierten, wovon heute noch im Berliner Reichstag erhaltene Inschriften zeugen.[30]

In Russland wird der Krieg gegen die Ukraine häufig mit dem Kampf der Sowjetsoldaten gegen das nationalsozialistische Deutschland verglichen – so auch in Malysch. Indem Sdjes byl Jura die Inschrift »Hier war …« zu seinem Titel macht, sie aber nicht auf einen Soldaten bezieht, sondern auf einen mental besonderen Menschen, der weder schreiben noch sprechen kann, findet er einen Weg anzuzeigen, wie falsch und anmaßend dieser Bezug auf den Zweiten Weltkrieg ist. Die Helden von heute sind nicht die im russisch-ukrainischen Krieg Kämpfenden, sondern diejenigen, die unserer Fürsorge bedürfen. Lautstarkes Schweigen zum »Ereignis« lässt sich nicht eindringlicher inszenieren.

Gegen Ende des Films sehen wir in einer Szene nach der Wohnungskündigung, wie die Nachmieter – eine junge Kleinfamilie – als erstes die Küche renovieren und die Tapete mit der Inschrift von der Wand reißen. Die Szene ist ein Sinnbild für das neue Russland zu Zeiten des Krieges, das durch Tapetenwechsel und Renovierung alle Erinnerung an die Verbrechen der Vergangenheit und Gegenwart unsichtbar zu machen versucht. Wie die anderen beiden Debütfilme aus Russland ist auch dieser ein Menetekel dafür, nicht zu vergessen, dass es ein freundschaftliches Leben jenseits des Krieges geben könnte oder zumindest gegeben hat. Sie erzählen auf ganz unterschiedliche Weise von jungen Männern, »bereit, im Leide die Hand dir zu reichen« (Lermontow), deren Wünsche sich davon nähren, dass die besten Jahre des Lebens nicht einfach vergebens verstreichen mögen.

Der Slawist Matthias Schwartz ist stellvertretender Direktor des ZfL und leitet das Projekt »Anpassung und Radikalisierung. Dynamiken der Populärkultur(en) im östlichen Europa vor dem Krieg«. Zuletzt erschien von ihm auf dem ZfL Blog »In der Finsternis des Krieges. Der ukrainische Bestseller-Autor Illarion Pavliuk«.

[1] So verlegt sich die politische Diskussion zunehmend in den digitalen Raum, wo noch unabhängige Medien existieren können und dank VPN-Verbindungen auch Zugriff auf Exilmedien besteht. Das führt dazu, dass staatliche Behörden durch Störung des Internets oder Einschränkungen bei sozialen Medien versuchen, auch diesen Raum stärker zu kontrollieren, was in letzter Zeit für Aufregung sorgte. Demonstrationen dagegen wurden von den Behörden in mehreren Städten verboten, vgl. Dar’ja Garmonenko: »Protestnye akcii teper’ ne sootvestvujut zakonu«, in: Nesavisimaja gazeta (19.3.2026). Alle Übersetzungen stammen von mir.

[2] [Red.]: »Putin podpisal zakon o nakazanii za otricanie genocida sovetskogo naroda«, in: Vedomosti (9.4.2026).

[3] [Red.]: »Russland verbietet Menschenrechtsgruppe Memorial«, in: Süddeutsche Zeitung (9.4.2026).

[4] Insgesamt sind im letzten Jahr bei insgesamt fast 600 Kinostarts 217 neue russische Spielfilme in die Kinos gekommen . Das entspricht einem Marktanteil innerhalb Russlands von 36 Prozent, vgl. Aleksej Bezzubikov: »Rossijskoe kino v otečestvennom prokate 2025: vstrečajut po odežke«, in: ProfiCinema (30.12.2025).

[5] [Red.]: »Lučšie fil’my 2026 goda«, in: Kritikanstvo; Stand vom 10. April 2026 (die Seite wird täglich aktualisiert).

[6] Jana Telova: »Recenzija na fil’m ›Kartiny družeskich svjazej‹ – festival’nyj chit, kotoryj zastavit vas smejat’sja i plakat’. O žizni 30-letnych glazami 30-letnych.«, in: Film.ru (19.3.2026). Im Folgenden werde ich bewusst nur in Russland publizierte Kritiken zitieren, da es mir darum geht, deren Sichtweisen und die Grenzen dessen, was gesagt werden kann, aufzuzeigen. Die Perspektive aus der politischen Emigration ist oft eine gänzlich andere, kann doch hier der »Elefant im Raum«, wie es der Filmregisseur und Kritiker Witali Manski formuliert, offen benannt werden. Vitalij Manskij: »›Kino vtorgaetsja v našu žizn’‹: Manskij o dokumentalistike, ›Gospodine Nikto‹, pravde i vojne«, in: The Insider Live (17.3.2026). Eine gute Übersicht über die in Russland produzierten Filme des Jahres 2025, in der auch die hier besprochenen Filme erwähnt werden, gibt der im Exil lebende Kritiker Anton Dolin: »Ot Puškina do Čeburaški: Anton Dolin o novom rossijskom kino«, in: Radio Dolin (11.2.2026). Ich danke Franziska Thun-Hohenstein für diese und weitere hilfreiche Hinweise, insbesondere zu den Reichstagsinschriften.

[7] Michail Trofimenkov: »Odna absoljutno nesčastlivaja kompanija. V kinoteatrach pokazyvajut fil’m ›Kartiny družeskich svjazej‹«, in: Kommersant’ 50 (23.3.2026), S. 11.

[8] Alina Kuvšinnikova: »›Kartiny družeskich svjazej‹: čto obščego meždu millenialami, mamblkorom i Godarom«, in: 2x2.Media (20.3.2026).

[9] Dmitrij Elagin: »Zastojnoe kino 2.0. O fil’me s Aleksandrom Pal’em i Evgeniem Cyganovym ›Kartiny družeskich svjazej‹«, in: Snob.ru (19.3.2026).

[10] Oksana Čertova: »Evgenij Cyganov snova sygral Mastera, a Zulkarnajevu prigotovili rol’ Čipollino«, in: Gazeta metro (18.3.2026).

[11] Anna Filippova: »Mne tridcat’ let: ›Kartiny družeskich svjazej‹ Soni Rajzman«, in: Iskusstvo kino (27.2.2026).

[12] Vgl. Čertova: » Evgenij Cyganov snova sygral Mastera « (Anm. 10); Filippova: »Mne tridcat’ let« (Anm. 11).

[13] Telova: »Recenzija na fil’m ›Kartiny družeskich svjazej‹« (Anm. 6).

[14] Elagin: »Zastojnoe kino 2.0« (Anm. 9).

[15] Larisa Maljukova: »Ja, bebija i ›Mimino‹. ›Den’ roždenija Sidni Ljumeta‹ — pretendent na glavnyj priz festivalja ›Okno v Evropu‹«, in: Novaja gazeta (14.8.2025).

[16] Sergej Obolonkov: »›Den’ roždenija Sidni Ljumeta‹: Kino daet nadeždu«, in: Kino-teatr.ru (29.1.2026).

[17] Michail Trofimenov: »Agregatnoe obajanie. V prokate startuet fil’m ›Den’ roždenija Sidni Ljumeta‹«, in: Kommersant.ru (28.1.2026).

[18] Olja Smolina: »Recenzija na fil’m ›Den’ roždenija Sidni Ljumeta‹ — pronzitel’nuju dramu o ljubvi k kinematografu. Pobeditel’ 33-go igrovogo konkursa kinofestivalja ›Okno v Evropu‹«, in: Film.ru (15.8.2025).

[19] Nachdichtung von Barbara Heitkamp, vgl. Michail Lermontow: »Und einsam und traurig…« [1840], in: ders.: Gedichte und Poeme (Ausgewählte Werke, Bd. 1), Berlin 1987, S. 143. Im Original lautet die Strophe: »И скучно и грустно, и некому руку подать / В минуту душевной невзгоды … / Желанья! … Что пользы напрасно и вечно желать? … / А годы проходят – все лучшие годы!«

[20] Vgl. Ekaterina Siroštan: »Pomilovanye zaključennye snova otpravjatsja v zonu SVO: eksperty ocenili posledstvija«, in: Podmoskov’e segodnja  (21.9.2023); Anastasija Senina: »Vaš dom — tjur’ma. Kak byvšie zaključennye vozvrašajutsja v normal’nuju žizn’ i čto proischodit s reabilitaciej v Rossii v epochu SVO«, in: Novaja gazeta (29.8.2025). Zur populärkulturellen Darstellung der Kriegsheimkehrer vgl. auch Matthias Schwartz: »In der Welt der wilden Kerle. Eine populäre Serie im Zeichen des russisch-ukrainischen Krieges«, in: ZfL Blog, 12.7.2024.

[21] Zaal Andronikashvili/Emzar Jgerenaia/Franziska Thun-Hohenstein: Landna(h)me Georgien. Studien zur kulturellen Semantik, Berlin 2018, S. 417.

[22] Ebd., S. 419.

[23] Ebd., S. 418.

[24] Natal’ja Babachina: »›Den’ roždenija Sidni Ljumeta‹ stal dnjom pobedy nad prevratnostjami sud’by«, in: Gazeta metro (13.8.2025).

[25] Die Zuschauerzahlen des Films waren trotz staatlich subventionierter und beworbener Kinobesuche für einen Blockbuster eher mäßig. Während manche Filme schon nach zwei Wochen mehr als eine Million Besucher erreichen, konnte Malysch innerhalb von sechs Wochen gerade mal eine halbe Million ins Kino locken. Vgl. [Red.]: »Sbory: Rossija + SNG / 2026 god. Top-100 — Samye kassovye fil’my goda«, in: Kinopoisk (Stand 10.4.2026). Auch die Kinokritik fiel eher zurückhaltend aus, vgl. Tat’jana Akinšina: »Fil’m ›Malyš‹ o sobytijach specoperacii sobral 53 mln rublej«, in: Vedomosti (4.3.2026); Dmitrij Kuznecov: »Nedetskaja istorija Malyša«, in: Trud (3.3.2026).

[26] Zum Fortwirken dieser sowjetischen, oft antiamerikanisch konnotierten Rhetorik internationaler Solidarität und des antikolonialen Befreiungskampfes vgl. Matthias Schwartz: »Das Ende der Nachkriegszeit. Aleksandr Prochanov und die spätsowjetischen Konzeptionen einer globalen Weltliteratur«, in: Weimarer Beiträge 3 (2023), S. 427–454.

[27] Julija Šagel’man: »Moj djadja neumestnych pravil«, in: Kommersant 19 (4.2.2026), S. 11; Maksim Eršov: »Recenzija na fil’m ›Zdes’ byl Jura‹ — potencial’nyj zritel’skij chit, v kotorom Konstantin Chabenskij ne govorit ni slova«, in: Film.ru (19.10.2025).

[28] Für diese Rolle – eine gänzlich unheroische, in der er kein Wort sagt – hat er bereits zwei große Preise gewonnen. [Red.]: »Fil’m s Chabеnskim ›Zdes’ byl Jura‹ vyigral gran-pri kinofestivalja ›Majak‹«, in: Kommersant’ (9.10.2025); [Red.]: »Konstantina Chabenskogo nazvali lučšim akterom na premii ›Nika 2026‹. Artist polučil premiju za rol’ v fil’me ›Zdes’ byl Jura‹«, in: Kino Mail (26.3.2026).

[29] »Es mag den Anschein haben, als sei die Rolle von Onkel Jura passiv. Er sagt kein Wort, stimmt allen zu, versucht, aus dieser ungewohnten Situation zu fliehen, ist aber insgesamt gehorsam. Konstantin Chabenski vollbringt in dieser Rolle ein Wunder. […] Der Schauspieler hat hier nur minimalen Spielraum, und dennoch vermittelt er Zuneigung, kindliche Neugier, den Wunsch, sich zu verstecken, Beklemmung und Angst … […] Im Verhältnis zu Jura ist jeder gezwungen, eine Entscheidung zu treffen, die die Notwendigkeit voraussetzt, den anderen anzuhören und zu verstehen.« Žanna Vasil’eva: »V prokate idet fil’m ›Zdes’ byl Jura‹ c Chabenskim. Počemu ego stoit posmotret’?«, in: Rossijskaja gazeta 29 (10.2.2026).

[30] Vgl. Charles Osgood: Kilroy Was Here. The Best American Humor from World War II, New York 2001; Karin Felix: Ich war hier – Здесь был. Die Graffitis im Reichstagsgebäude, Berlin 2018.

 

VORGESCHLAGENE ZITIERWEISE: Matthias Schwartz: Männlichkeit im Schatten des Krieges. Neue Kinofilme aus Russland, in: ZfL Blog, 8.5.2026, [https://www.zflprojekte.de/zfl-blog/2026/05/08/matthias-schwartz-maennlichkeit-im-schatten-des-krieges-neue-kinofilme-aus-russland/].
DOI: https://doi.org/10.13151/zfl-blog/20260508-01