Eva Geulen: FÜR DIE EINZELSPRACHLICHKEIT DER LITERATUR. Nebenbemerkung zum jüngsten Streit um die Germanistik

Daß gepfleget werde / Der feste Buchstab, und Bestehendes gut / Gedeutet. Das ist aus der letzten Strophe von Hölderlins »Patmos« (Nah ist / und schwer zu fassen … etc.). Die Hymne schließt mit: Dem folgt deutscher Gesang. Was daraus zu Zeiten gemacht wurde und wie schlecht es gedeutet wurde, ist bekannt. Es gibt also gute Gründe zu fragen: Hat das irgendetwas mit uns heute, unseren politischen und medialen Umwelten und Umbrüchen zu tun? Darf man so anfangen, oder auch: so weitermachen? Haben wir Germanisten, vor allem die der vorangegangenen Generation, nicht hart an der Befreiung unseres Faches aus den Verstrickungen der Nationalphilologie einschließlich aller Idealismen, Romantizismen, Nationalismen gearbeitet? Und ist Hölderlin nicht auch irgendso’n Toter und so überforscht wie die Nordsee überfischt?

Dass soeben eine Welt in Stücke geht, ist kein hinreichender Grund, sich nicht mit dem Stand der Germanistik zu beschäftigen. Vielleicht hat den Autor des sechsseitigen Spiegel-Artikels Trumps Tweet-Taktung bewogen, sich vorübergehend der Germanistik als vertrautem Gegenstand einer Dauerempörung zuzuwenden, dem man im Unterschied zum Präsidenten der USA routiniert zu Leibe rücken kann.[1] Warum nun ausgerechnet Germanisten zum öffentlichen Protest gegen Rechtspopulismus und einen unsäglichen US-Präsidenten berufen sein sollen, erschließt sich allerdings nicht so leicht. Die Absetzung des (männlichen) Großordinarius als Hüter des Wissens und Gewissens der Nation gehört doch zu den Errungenschaften erfolgreicher Distanzierung von der Germanistik als Nationalphilologie. Die Kolleginnen und Kollegen sind der Aufforderung des Spiegel-Redakteurs, sich bemerkbar zu machen, jedenfalls nachgekommen.

Steffen Martus hat die im Artikel allzu rasch abgeurteilten Digital Humanities in Schutz genommen und dem Autor die Unvereinbarkeit der an eine eierlegende Wollmilchsau gestellten Ansprüche gelassen vor Augen geführt.[2] Die drei interviewten Kollegen (Albrecht Koschorke, Susanne Komfort-Hein und Heinz Drügh) haben sich etwas lauter gewehrt mit einer gemeinsamen Gegendarstellung in der FAZ. Unter der Überschrift Wir Todgeweihten grüßen euch haben sie Einspruch erhoben gegen die Diagnose eines sterbenskranken Faches, das nur drastisch gesundgeschrumpft Überlebenschancen habe.[3] Albrecht Koschorke, der den Leichenbestatter geben sollte, hat mit einem Radiointerview im Deutschlandfunk nachgelegt.[4] Und in der NZZ hat Frauke Berndt das Fach verteidigt. Der sich regende Unmut ist gewiss berechtigt. Man kann sich denken, was der Spiegel-Redakteur aus den Aussagen seiner Interviewpartner und dem übrigen Material gemacht hat. Nun ja, der Spiegel wäre nicht der Spiegel, wenn er anders verführe. Es waren übrigens Germanisten, Helmut Arntzen und Winfried Nolting, die einer Spiegel-Nummer des Jahres 1972 eine Analyse gewidmet haben, die sich noch heute sehen lassen kann, weil sich die journalistischen Darstellungspraktiken dieser Zeitschrift nicht wesentlich geändert haben.[5] Deshalb hat sie überlebt, und wir möchten sie nicht missen. Was dem Spiegel recht ist, sollte der Germanistik und ihren Praktiken billig sein. Doch im ungebremsten Affekt gegen die Nationalphilologie wird ohne Not an dem Ast gesägt, auf dem alle Literaturwissenschaften sitzen. Die Nationalphilologie ist das Feindbild, auf das man sich offenbar rasch einigen kann. Und wo die Geschichte der heroischen Selbstbefreiung der Germanistik aus ihren politischen Desastern nicht ausreicht,[6] ist das Argument ihrer Obsoleszenz im Zeitalter der Globalisierung rasch zur Stelle.

Zu den Besonderheiten aller Literatur (im Unterschied zur Malerei oder zur Musik) gehört jedoch unverzichtbar ihre jeweilige Einzelsprachlichkeit, was Experimente mit innertextueller Mehrsprachigkeit nicht in Frage stellen, sondern markieren und unterstreichen. Nationalphilologien gibt es, weil es deutschsprachige, englischsprachige, französischsprachige, russischsprachige Literaturen gibt. Wenn dieser Umstand ideologisch instrumentalisiert werden konnte (etwa im übrigens gescheiterten Projekt einer deutschen Nationalliteraturgeschichtsschreibung[7]), ist das noch kein Einwand gegen die Nationalphilologien als separate Fächer, deren Existenzberechtigung die Sprache und nicht die Nation ist. Zur deutschen Nation hat die Schweiz niemals gehört, aber auch dort gibt es seit langem Institute für deutsche Philologie. Die Literatursprache existiert nicht nur räumlich jenseits der Nation, sondern auch zeitlich. Auch wenn der Ungeübte das Mittelhochdeutsche wie eine fremde Sprache erlernen muss, wird niemand bezweifeln, dass es sich beim Iwein, bei Parzival oder dem Nibelungenlied um deutschsprachige Texte handelt. Auch derjenige, dem afroamerikanischer Slang, Tennisjargon und (fiktives) Quebecer Englisch unvertraut sind, wird Foster Wallaces Infinite Jest als einen englischsprachigen Text behandeln. Bei den anderen Nationalphilologien tritt die territoriale Zerstreuung und innere Vielsprachigkeit der einen Sprache häufig offensichtlicher hervor; die Anglistik etwa kennt nicht nur das Englische, sondern auch das US-Amerikanische und die Anglophonie. Andere Nationalphilologien wie Romanistik oder Slawistik vereinen verschiedene Sprachen zu einem Fach.

Die Einsprachigkeit aller Literatur ist natürlich gar nicht denkbar ohne die Vielfalt der Sprachen, von denen die eine sich unterscheiden muss, damit das endlose Feld der Verflechtungen, der Übersetzungen und Absetzungen, der wechselseitigen Beeinflussungen, intertextuellen Bezüge und der Plastizität einer jeden Sprache überhaupt beobachtbar wird. Gerade auf diesem Gebiet ist seit Deleuzes und Guattaris Studie zu den »kleinen Literaturen«, seit Saids Orientalismus-Arbeit viel geforscht worden[8] – und noch immer reichlich zu tun, wie etwa das Berliner Projekt »Zukunftsphilologien« deutlich macht.[9] Das alles gerät aber nicht in den Blick, wenn man so tut, als gäbe es irgendwo eine Literatursprache, die nicht einzelsprachlich ist, oder als gäbe es eine Existenzberechtigung der Literaturwissenschaften jenseits der jeweiligen Einzelsprachlichkeit. Wenn Geschichte und Deutung der sprachlichen Formen und Verfahren unser Geschäft ist, dann muss es weiterhin deutsche und andere Philologien geben. Dass die Sprachen, die in ihnen abgefassten literarischen Gebilde und auch die ihnen gewidmeten Wissenschaften der Zeit und damit dem Wandel unterworfen sind, schützt sie vor Überforschung. Bestehendes ist immer neu gut zu deuten. Aber nicht alles Bestehende ist beständig. Die Prüfung des Bestandes des Bestehenden, seine Reduktion und seine Erweiterung, ist auch unsere Aufgabe. Das heißt Kanonbildung. Der Überdruss, der sich im Vorwurf der Überforschung ausdrückt, hat wohl eher mit dem Ungenügen an Moden und Maschen, Trends und Turns des Betriebs zu tun, der wir auch sind.

Zur bitteren Ironie der Attacken auf den bösen Buben der Germanistik als Nationalphilologie gehört ihre Blindheit für die Situation unserer Kolleginnen und Kollegen der sogenannten Auslandsgermanistik, ohne die wir ein gutes Stück ärmer wären. Nicht erst seit Trump die Parole »America First« ausgegeben hat, droht den German Departments der USA wie allen dortigen Humanities eine wirkliche Krise. Nur zu gerne würden die Administrationen der Universitäten der USA die Nationalphilologien abschaffen und gleich alle Literaturen in einem einzigen Department versammeln, vielleicht für Weltliteratur oder europäische Literaturen, was es vielerorts bereits gibt. So wichtig und bereichernd die Bemühungen um das Konzept der Weltliteratur wie übrigens auch alle anderen jüngeren Gegenstandserweiterungen in den Geisteswissenschaften (einschließlich neuer Fächer wie Medien- oder Kulturwissenschaften) sind, so wenig dürfen und können die Philologien von der Einzelsprachlichkeit ihrer Gegenstände absehen. Wer sich von der polyglotten Lebendigkeit der (National-)Philologien überzeugen möchte, lese den soeben im Journal of the History of Ideas erschienen Rezensionsessay von Andrew Hui, »The Many Returns of Philology. A State of the Field Report«.[10] Mit dem dort versammelten Material könnte man einige Lehrveranstaltungen bestücken. Es müssen ja nicht immer Netflix-Serien sein.

Gerade weil die Wissenschaftspolitik derzeit eine Katastrophe ist (was die Kollegin Komfort-Hein sehr deutlich gesagt und der Spiegel auch gedruckt hat) und die Verschulung im BA ein Fehler bleibt, gerade weil die ›digital disruption‹ auch uns betrifft und gerade weil derzeit eine politische Welt in Stücke geht, dürfen wir die selbstverständlichen Voraussetzungen unserer Fächer, in diesem Fall: der Germanistik, nicht preisgeben.

Vielleicht ist die Unverzichtbarkeit der vielen verschiedenen ›Nationalphilologien‹, einschließlich noch gar nicht entdeckter, geschweige denn institutionalisierter ›Zukunftsphilologien‹, auch ein Lehrstück über Interdisziplinarität im Allgemeinen. Inter- und Transdisziplinarität darf nicht heißen, die jeweilige Einzelsprachlichkeit als Voraussetzung unserer Arbeit zu negieren. Auch Fachsprachen sind zunächst Einzelsprachen. Interdisziplinarität kann sich nur entfalten, solange es Disziplinen und die Konkurrenz unter ihnen gibt. Alles andere wäre entweder vormoderne Universalwissenschaft oder fiele unter das bereits erreichte wissenschaftliche Niveau. Im Unterschied zu anderen sehr viel stärker ausdifferenzierten Wissenschaften verfügen die Philologien mit der jeweiligen Einzelsprachlichkeit bereits über ein Fundament. Nationalphilologie heißt: Wir sind Legion. Das ist nicht wenig, und wir dürfen es umso weniger aufgeben, als derzeit um das Überleben kleinerer philologischer Fächer gerungen wird (etwa der Germanistik in den USA oder einzelner osteuropäischer Philologien hierzulande).

Ja, die Germanistik ist in Deutschland ein sehr großes Fach. Aber auch ein viel gebrauchtes, ein gerade jetzt notwendiges, wenn man endlich einmal darüber nachzudenken anfinge, was Integration heißt und welche Rolle dabei, weit über den Spracherwerb hinaus, die Literatur spielt, wenn die Unterfinanzierung der Hochschulen aufhörte, die zur Eskalation von Drittmittelanträgen führt, was einerseits die zunehmende Geringschätzung der Lehre und andererseits den bottleneck in der Postdoc-Phase zur Folge hat. Allerdings gibt es auch heute, auch jenseits von Schule und Universität, weiterhin eine Fülle von Berufsfeldern für Germanistikabsolventen. Was wären denn die Feuilletons der großen Zeitungen, die Radiosender, die Onlinemagazine ohne sie? Auch der Autor des Spiegel-Artikels ist (oder war) vom Fach.

Den drei vom Spiegel auch befragten Frankfurter Studierenden scheint es trotz schwieriger Studienbedingungen weder an Mut und Zuversicht noch an Begeisterung für ihr Studium zu mangeln. Solange die nicht verzagen, können wir auch selbstbewusster sein und sollten uns vor allem hüten, das Kind der einzelsprachlichen Literatur mit dem Bade der Nationalphilologie auszuschütten.

Die Germanistin und Kulturwissenschaftlerin Eva Geulen ist die Direktorin des ZfL.

[1] Martin Doerry: »Wer war Goethe? Keine Ahnung, irgendso’n Toter«, in: Spiegel 6 (2017), S. 104ff. (aufgerufen am 14.02.2017).

[2] Steffen Martus: »Der eierlegende Wollmilchgermanist wird dringend gesucht«, in: FAZ, 08.02.2017 (aufgerufen am 14.02.2017).

[3] Heinz Drügh, Susanne Komfort-Hein und Albrecht Koschorke: »Wir Todgeweihten grüßen euch«, FAZ, 09.02.2017 (aufgerufen am 14.02.2017).

[4] Albrecht Koschorke im Gespräch mit Britta Fecke: »Präsenz von Germanisten im öffentlichen Raum ist groß«, Deutschlandfunk, 09.02.2017 (aufgerufen am 14.02.2017).

[5] Helmut Arntzen und Winfried Nolting (Hg.): »Der Spiegel« 28 (1972). Analyse, Interpretation, Kritik, München 1977.

[6] Die einschlägigen Bände liegen schon etwas länger zurück und fallen in die Zeit der Spiegel-Analysen von Arntzen und Nolting. Vgl. Germanistik – eine deutsche Wissenschaft. Beiträge von Eberhard Lämmert, Walter Killy, Karl Otto Conrady und Peter von Polenz, Frankfurt a.M. 1967; Ansichten einer künftigen Germanistik, hg. Jürgen Kolbe, München 1969; Wie, warum und zu welchem Ende wurde ich Literarhistoriker, hg. Siegfried Unseld, Frankfurt a.M. 1972. Die Aufarbeitung dieser Geschichte der Aufarbeiten dann in: Zeitenwechsel. Germanistische Literaturwissenschaft vor und nach 1945, hg. Wilfried Barner u. Christoph König, Frankfurt a.M. 1997.

[7] Jürgen Fohrmann: Das Projekt der deutschen Literaturgeschichte. Entstehung und Scheitern einer nationalen Poesiegeschichtsschreibung zwischen Humanismus und Deutschem Kaiserreich. Stuttgart 1989; vgl. auch Klaus Weimar: Geschichte der deutschen Literaturwissenschaft bis zum Ende des 19. Jahrhunderts. Paderborn 2003 (zuerst München 1989).

[8] Vgl. Gilles Deleuze und Félix Guattari: Kafka. Für eine kleine Literatur. Aus dem Französischen von Burkhart Kroeber, Frankfurt a.M. 1976; Edward W. Said: Orientalismus. Aus dem Englischen von Hans Günter Holl, Frankfurt a.M. 2009.

[9] Aufgerufen am 14.02.2017.

[10] Andrew Hui: »The Many Returns of Philology. A State of the Field Report«, in: Journal of the History of Ideas 78.1 (2017), S. 137–156.

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