Ernst Müller/Falko Schmieder: DIVERSITÄT, begriffsgeschichtlich

Bei ›Diversität‹ handelt es sich um einen sehr jungen politischen Schlüsselbegriff. Parallelausdrücke wie Verschiedenheit, Vielfalt, Vielheit, Mannigfaltigkeit sowie die Komplementärbegriffe Einheit, Ganzheit, Allgemeinheit verweisen zwar auf ein Wortfeld mit weit längerer Vorgeschichte. Doch eine Begriffsgeschichte, der es um die soziale Reichweite von Begriffen und ihre kommunikativen Funktionen geht, interessiert sich besonders für diskursive Knotenpunkte und Zäsuren, an denen sich bislang weitgehend getrennte Begriffsstränge vereinigen oder wo durch neue semantische Prägungen ältere Bedeutungen aufgesogen, umgeschmolzen und neu perspektiviert werden. Der Begriff zirkuliert heute in verschiedensten Feldern (Politik, Kultur, Ökonomie, Biologie, Ökologie, Chemie) und verschränkt diese zugleich miteinander. In die wechselseitigen Übertragungen fließen dabei jeweils die Bedeutungen einer Fülle von Nachbarkonzepten ein, so dass ›Diversität‹ als interdisziplinärer Verbundbegriff in seinen jeweiligen Vernetzungen mit anderen (wie Anerkennung, Multikulturalismus, Integration, Inklusion, Identität, Political Correctness) rekonstruiert werden muss. Obwohl sein Aufstieg sich der Artikulation von sozialen Konflikten und Krisen der gesellschaftlichen Naturbeziehungen verdankt und sich mit seiner Verwendung sehr unterschiedliche Interessen verbinden, imponiert er doch als ein Begriff, der vor allem positiv besetzt wird und, ähnlich wie etwa der parallele Schlüsselbegriff Nachhaltigkeit, spontan Plausibilität und eine geradezu naturwüchsige Konsensualität findet.

Die Karriere von ›Diversität‹ beginnt im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts, wobei sich deutliche nationale Besonderheiten und Ungleichzeitigkeiten verzeichnen lassen. In Deutschland wurde der Begriff in der öffentlichen Diskussion um die Einwanderungs- und Asylpolitik am Ende der 1980er Jahre bekannt und den sozialpolitischen Modellen der Integration (Assimilation) und der ›deutschen Leitkultur‹ entgegengesetzt. Statt von ›Diversität‹ wird bis heute meist von (kultureller) ›Vielfalt‹ gesprochen. Noch der Große Brockhaus von 2006 verzeichnet nicht die sozialen und politischen Bedeutungen des Begriffs. Dabei hatte die Allgemeine Erklärung zur kulturellen Vielfalt der Vereinten Nationen schon 2001 festgehalten, dass kulturelle Vielfalt – als Quelle des Austauschs, der Erneuerung und der Kreativität – für die Menschheit ebenso wichtig wie die biologische Vielfalt für die Natur sei. Solche heute weit verbreiteten Leitlinien sind in ihrer selbstverständlich scheinenden Neutralität bereits das Resultat einer Geschichte der Verdrängung zugrundeliegender Widerspruchserfahrungen und Konfliktpotentiale.

Eine kritische Behandlung des Diversitätsbegriffs hätte die Umdeutungen und vor allem auch die Gegen- oder Alternativbegriffe zu erfassen, die auf den Wandel von Einstellungen und Wahrnehmungsweisen oder auch auf veränderte politische Kräfteverhältnisse hindeuten. Denn Profil gewonnen hat ›diversity‹ in den Vereinigten Staaten der 1960er Jahre zunächst im Rahmen der antirassistischen Bürgerrechts- und der Frauenbewegung. Seine Voraussetzungen liegen damit in Diskriminierungs- und Ausgrenzungserfahrungen ethnischer und sozialer Gruppen, die mit seiner Hilfe um öffentliche Anerkennung und Repräsentation kämpften. Eine wichtige Inspirationsfigur und Ikone der US-amerikanischen 1968er-Bewegung war die Ethnologin Margaret Mead. Bereits in den 1930er Jahren leitete sie aus den Ergebnissen ihrer Erforschung von Lebensweisen auf Samoa die Forderung ab, andere Kulturen als gleichberechtigt anzuerkennen und als Bereicherung zu sehen:

»If we are to achieve a richer culture, rich in contrasting values, we must recognize the whole gamut of human potentialities, and so weave a less arbitrary social fabric, one in which each diverse human gift will find a fitting place.«[1]

Die Übertragung dieser ethnologischen Perspektive auf Konflikte innerhalb der westlichen Gesellschaften lässt einerseits deren immanente Widersprüche schärfer hervortreten, indem die Minderheiten oder diskriminierten Gruppen nun gleichsam als fremde Stämme erscheinen, sie führt aber potentiell auch zu einer Verdinglichung der Identitäten. Die unbestreitbaren Erfolge der Bewegungen, wie sie in den verschiedenen Affirmative-Action-Programmen und den Antidiskriminierungs- und Gleichstellungsgesetzen der 1960er und 1970er Jahre zum Ausdruck kommen, generieren auch dialektische Nebeneffekte, etwa wenn der Kampf gegen Diskriminierung zur besonderen Wertschätzung des Diskriminierten oder zu gruppenspezifischen Sonderbehandlungen führt. Die Anwendung des Begriffs der Diversität auf immer weitere Bereiche (wie Sexualität, Alter, Religion, Sprache) konnte so auch zur Preisgabe der in den frühen Emanzipationsbewegungen noch mit ihm verbundenen universalistischen und solidarischen Ansätze führen.

Bei alldem wird deutlich, dass ›Diversität‹ nicht nur eine Beschreibungskategorie ist, sondern Gegenstände und Differenzen miterzeugt (›Doing Difference‹) oder aufwertet. Zur Dialektik einer Identitätspolitik im Zeichen von Diversität gehört auch die Zurückdrängung anderer Diskurse sowie die Etablierung gegenläufiger Problemwahrnehmungsmuster. So rückte der Fokus auf kulturelle Diversität zugleich die Kritik an sozialer und ökonomischer Ungleichheit oder den Klassengegensätzen aus dem Blick, die nicht konserviert oder gestärkt, sondern aufgehoben werden sollten. Der Leitgedanke des Multikulturalismus und der damit einhergehende Aufstieg von Differenz ist von diesem postmaterialistischen Wertewandel, der Zementierung alter und der Entstehung neuer Formen von Ungleichheit nicht zu trennen. Auch für ›Diversität‹ gilt der soziologische Befund, dass die Leitbegriffe des neoliberalen Diskurses häufig aus der Umfunktionierung der mit einem Emanzipationsversprechen verbundenen Begriffe sozialer Protestbewegungen hervorgegangen sind:

»Konzepte wie Aktivierung, Empowerment, Partizipation und Flexibilität, deren Wurzeln auf die Kämpfe sozialer Emanzipationsbewegungen zurückweisen, haben sich in institutionelle Anforderungen und normative Erwartungen verwandelt – Subversion ist zur Produktivkraft geworden.«[2]

Die Vereinnahmung des Begriffs kommt in den Bemühungen vieler Unternehmen um ein neues ›Diversitätsmanagement‹ zum Ausdruck, also um Maßnahmen und Strategien einer neuen Unternehmenskultur, die Vielfalt als wertsteigernde Ressource entdeckt. Diese Umwertung von ›diversity‹ lässt sich auch an der Instrumentalisierung der zitierten Passage von Margaret Mead erkennen, die seit den 2000er Jahren oft als Motto in Handbüchern zum Thema Effective Leadership auftaucht.

Die Plausibilitätsgeschichte des sozialen und politischen Begriffs der Diversität ist geknüpft an einen zweiten Bedeutungsstrang, nämlich den der biologischen Diversität bzw. Biodiversität. Der Begriff Diversität stammt ursprünglich aus der Biologie und wurde seit den 1960er Jahren zu einem zentralen Thema der Ökologie. Die ökologischen Lehrbücher der 1940er und 1950er Jahre behandeln das Thema noch peripher; ihr Gegenstand ist vielmehr das Verhältnis einzelner Organismen zu ihrer Umwelt. Seit Mitte der 1980er Jahre und besonders nach Erscheinen des von E.O. Wilson und F.M. Peter herausgegebenen Bandes Biodiversity (1986) wird von ›Biodiversität‹ gesprochen. Als Urheber des schlagkräftigen, emotional aufgeladenen und handlungs(an)leitenden Ausdrucks gilt Walter G. Rosen. Das Wort wird nicht in einem rein naturwissenschaftlichen Sinne verwendet, sondern bezeichnet ein Konzept mit wissenschaftlicher und moralischer Autorität, das der Durchsetzung politischer Forderungen dienen sollte. Der Reiz des Begriffs liegt daneben auch darin, dass er eine mathematisch berechenbare Quantifizierung erlaubt; das Maß der Diversität lässt sich nun geradezu dem Fortschrittsparadigma unterwerfen. Im Kontext der ›ökologischen Krise‹ steht das Konzept in enger Verbindung zu Bemühungen des Natur- und Umweltschutzes.

Disziplinengeschichtliche Rekonstruktionen des Begriffs verfehlen die vielen gemeinsamen Problembezüge und ideologiegeschichtlichen Klammern, die beide Bedeutungsstränge verbinden. Erst in einer interdisziplinären Begriffsgeschichte lassen sich der rasante Aufstieg und die allgemeine Verbreitung des Begriffs überhaupt erklären. Eine sowohl für den Natur- wie den Kulturdiskurs relevante Frage ist, ob wirklich alle Formen von Diversität gleichermaßen anzuerkennen oder erhaltenswert sind. Eine Klammer zwischen beiden bildet die seit den 1960er Jahren zu beobachtende ›ökologische Wende des Geistes‹, die zu einer Naturalisierung des Denkens und zur Verschleifung historischer oder sozialer Bestimmungen geführt hat. Zum anderen gehört dazu die Herausbildung des postmodernen Denkens, in dem an die Stelle der großen (Emanzipations-)Geschichten und universalistischen Werte Differenz(en) gesetzt wurden. Der Begriff der Gesellschaft (im Singular) wurde ersetzt durch den Begriff der Kultur(en), dessen Grenze zur Natur zugleich immer fließender wird. Möglicherweise funktioniert ein Begriff wie Diversität auch deshalb so gut, weil sich darin auf der Basis unbefragter oder allgemein akzeptierter Voraussetzungen unterschiedliche oder gegensätzliche soziale Interessen bündeln: Jedem Kind leuchtet ein, dass es schön ist, wenn es viele verschiedene Tierarten gibt. Der Agrarindustrie und dem neoliberalen Denken leuchtet das auch ein, weil die differenten Gene neue Vermarktungsmöglichkeiten versprechen.

Wenn der entgrenzte Markt als Vermittler diversifizierter Individuen und Lebensformen in die Krise gerät und die Gesellschaft in zunehmendem Maße desintegriert, bilden sich neue nationalistische Identitäten (wie Volk oder Religion), deren Dynamik sich nicht zuletzt aus der Abwehr von Toleranz und Vielfalt speist. Sie verweist aber auch auf die Dialektik der identity politics, die auch regressiv in Dienst genommen werden kann, wie die neuen identitären Bewegungen zeigen.

[1] Margaret Mead: Sex and Temperament in Three Different Societies, New York 1963, S. 322.

[2] »Einleitung«, in: Glossar der Gegenwart, hg. v. Ulrich Bröckling, Susanne Krasmann und Thomas Lemke, Frankfurt a.M. 2004, S. 12.

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