Daniel Weidner: DIE WELT IST NICHT GENUG. Ottmar Ette über die »Literaturen der Welt«

›Weltliteratur‹ ist heute in aller Munde. Längst bezeichnet der Ausdruck nicht mehr einfach eine Menge von Texten, sondern steht für einen Diskurs über das Selbstverständnis der Literaturwissenschaft jenseits der Nationalphilologien. Vor allem im angloamerikanischen Raum wird world literature heiß diskutiert, und inzwischen nimmt die Diskussion auch in Deutschland Fahrt auf: Das nächste DFG-Symposium der Literaturwissenschaft, Flaggschiff der Disziplin, wird den Titel »Vergleichende Weltliteraturen« tragen. Verhandelt werden dabei wohl kaum die Literaturen verschiedener Welten – Romane der Marsianer … –, auch wird hoffentlich nicht einfach das Thema über den komparatistischen Leisten gezogen, sondern es werden verschiedene Konzepte und Diskurse der Weltliteratur verglichen werden. Ein solches Konzept entwirft auch Ottmar Ettes jüngster Band WeltFraktale. Wege durch die Literaturen der Welt (Stuttgart: Metzler, 2017). Er konzipiert Weltliteratur aus der Perspektive einer Literaturwissenschaft als Lebenswissenschaft – einem Projekt, zu dem der Autor bereits zahlreiche Arbeiten vorgelegt hat. Denn wenn Literatur das Wissen des Lebens und des Lebendigen in ganz besonderer Weise erlebbar machen könne, dann könne sie auch ein Wissen von den Komplexitäten und Asymmetrien der modernen Welt fortgeschrittener Globalisierung vermitteln. In WeltFraktale wird das Lebenswissen der Literaturen der Welt an einer Reihe von Aufsätzen zur Reiseliteratur, zu neuen transnationalen Schreibweisen und zu transnationalen Kulturtheorien exemplifiziert, die sich locker um einige programmatische Überlegungen gruppieren, um die es im Folgenden vor allem gehen soll.

Es ist kein Zufall, dass es sich bei WeltFraktale um einen Beitrag aus der Romanistik handelt, war diese doch in der deutschen Tradition immer schon exzentrisch zum nationalphilologischen Projekt aufgestellt. Ette beruft sich denn auch explizit auf die Tradition großer Romanisten, insbesondere auf Erich Auerbach, dem der erste Aufsatz dieses Buches gewidmet ist. Dabei verschränkt Ette Biographie und Methodenreflexion wie auch Literatur und ihre Wissenschaft: Auerbach habe Literatur in ihrem Bezug zum Leben verstehen wollen und sei dabei einer »Ethik des Philologen« (10) gefolgt, er habe »im Bewusstsein der Ausbürgerung zum Weltbürger geschrieben« (34) und eine ›archipelische Schreibweise‹ entwickelt, die der Pluralität von Literaturen auch in der Darstellung gerecht werde. Das klingt zwar schön, es fällt aber auch auf, wie wenig Ette das wohl bemerkenswerteste Moment von Auerbachs Werk thematisiert: sein weites Ausgreifen in Mittelalter und Antike sowie die Bedeutung religiöser Bezüge für sein Werk, etwa im Rückgang auf die biblischen Texte, im großen Bogen der figuralen Darstellung oder der Ambivalenz der »irdischen Welt« – auf den ersten Blick ein Pleonasmus –, als deren Dichter Auerbach Dante vorstellt.

Während Ette diese Fragen der ›Weltlichkeit‹ von Literatur kaum thematisiert, distanziert er sich an anderer Stelle deutlich von Auerbachs explizitem Konzept einer »Philologie der Weltliteratur«, die sich ausschließlich an europäischen Maßstäben und einem auf Europa hin zentrierten Raum orientiere. Es bedürfe daher einer »Übersetzung und Umstrukturierung für Gegenwart und Zukunft« (37): Ette schlägt daher vor, nicht mehr von ›Weltliteratur‹ zu reden, da dieser Begriff an eine vergangene Phase der Globalisierung gebunden sei, sondern »in einem offeneren, viellogischen Sinne von Literaturen der Welt« (37), die aus einer »Vektorisierung aller Bezüge« (59) hervorgingen und die Raumgeschichte durch eine Bewegungsgeschichte zu ergänzen hätten.

Was bedeutet nun diese Umakzentuierung? Wer die Debatte verfolgt hat, dürfte skeptisch sein gegenüber den allzu verbreiteten Überbietungsgesten, von denen auch Ettes Text alles andere als frei ist. Anderen Positionen vorzuwerfen, sie würden »noch« auf substantielle Identitäten oder auf organologische Metaphern zurückgreifen, hat oft einen leise oberlehrerhaften Ton; noch mehr Bewegung, Differenz, Vielstimmigkeit zu fordern, sorgt ebenfalls kaum für Prägnanz. Interessanter an Ettes Entwurf ist ein anderes, fast im Vorübergehen entwickeltes Moment, das seine Ideen der »Literaturen der Welt« nicht mit einem ›Noch mehr‹, sondern mit einem Mangel assoziiert. Es sei gerade das Problem der Weltliteratur, dass sie essentiell an eine Vorstellung von Fülle gebunden sei – einer Fülle von Texten, Autoren, Literaturen, die auch irgendwie zur Weltliteratur gehören werden, könnten, sollten:

»Die Begrifflichkeit der Literaturen der Welt setzt hingegen eine derartige Fülle nicht voraus. In ihrem viellogischen Denken ist stets präsent, dass eine Vielzahl anderer Logiken noch immer nicht einbezogen sind, ja, dass die Präsenz dieser noch unerforschten, unbekannten Logiken dem eigenen Diskurs und der je eigenen Konzeption von den Literaturen der Welt in grundlegender Weise fehlt. So steht der Diskurs von den Literaturen der Welt nicht im Zeichen der Falle einer Fülle, sondern im Zeichen eines Fehlens, eines Mangels, einer Entbehrung, die durch keinerlei quantitative Anhäufung überspielt werden können. Denn in den nicht abschließbaren und räumlich nicht begrenzbaren Literaturen der Welt eröffnen sich diskontinuierliche Brüche und Lücken« (66)

Das Viellogische bereichert nicht, es weiß um Störung und Mangel. Die Welt dieser Literaturen der Welt ist nicht einfach eine der offenen Vielfalt, sie hat vielmehr eine Horizontstruktur, in der alle momentane Geschlossenheit auf etwas verweist, das noch hinter dem Horizont ist – auf eine andere Welt, wie ja letztlich auch die ›irdische Welt‹ von Auerbachs Dante sich eben nur verstehen ließ als eine Welt, nämlich diejenige, die zurückbleibt, wo jene eigentliche Welt nicht mehr ist. Entscheidend ist freilich, dass dieses Fehlen, dieser Mangel, der eine Welt erst zur Welt macht, für Ette nicht nur im Modus des ›Noch nicht‹ existiert, sondern auch des ›Nicht mehr‹ – erst das gibt seinem Weltbegriff die notwendige Schärfe jenseits einer Beschwörung von noch mehr Vielfalt.

Explizit formuliert wird das freilich nicht, es taucht aber hier und da in den materialen Untersuchungen des Bandes auf, etwa wenn Ette die lateinamerikanischen Autoren José Martí und Fernando Ortiz als Kulturtheoretiker liest. Deren Überlegungen zur Durchdringung von Kulturen in der ›Cubanidad‹ sind schon an sich faszinierend und können den wahrlich nicht großen Kanon der transkulturellen Theorie bereichern. Es ist aber nicht nur die Betonung von Pluralität, Beweglichkeit, Durchdringung und Ambivalenz, die diese Theoreme so fruchtbar macht – Ette unterstreicht auch, dass sie immer auf das grundlegende Ereignis eines Einbruchs einer fremden Kultur bezogen bleiben: Sie erinnern an Zerstörung und Enteignung, an einen Verlust, der womöglich gerade als Verlust eine Welt konstituiert. Europa, so Ortiz, sei wie ein Hurrikan über die Inselwelt hereingebrochen, und Ette kommentiert: »Mit Bedacht entschied sich Ortiz wieder für das Element der Luft und nicht der Erde, wählte den Hurrikan als charakteristisches Element einer tropischen Natur zur Veranschaulichung eines Prozesses der Kultur, der schockartiger und brutaler nicht hätte ausfallen können.« (326)

»Literaturen der Welt«, so gelesen, ist also nicht bloß eine neue und noch ›offenere‹ und weniger ›eurozentrische‹ Fassung des Weltliteraturdiskurses, sondern die Konzeption einer Literatur, die daran erinnert, was fehlt und woran es mangelt in der Welt. Damit gewinnt auch das zentrale Bild des Fraktals eine neue Lesart: Dass die Literaturen der Welt sich unablässig vervielfachen, weiterentwickeln, von schwer zähmbarer Lebendigkeit sind – das ist nicht nur fröhliche Vielfalt, sondern impliziert auch, dass die Ursprünge dieser Literatur verloren sind, zerstört worden sind oder vielleicht selber zerstörerisch waren. Erst wenn dieses Moment des Mangels mitgedacht wird, können die »Literaturen der Welt« dann auch zum »Raum der Selbstbefragung und Selbstkritik« (66) werden, nämlich einer Kritik, die nicht nur ihre Vorgänger des ›Essentialismus‹ zeiht, sondern weiß, dass auch die eigenen Verfahren mit der Welt und ihren Bewegungen zu tun haben und ihnen doch nie Genüge tun können.

Daniel Weidner ist stellvertretender Direktor des ZfL und Professor am Institut für Kulturwissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin. Gemeinsam mit Mona Körte leitet er am ZfL den Forschungsschwerpunkt »Weltliteratur«.

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