Hannes Bajohr: Ein Anfang mit der Sprache. HANS BLUMENBERGS ERSTE PHILOSOPHISCHE VERÖFFENTLICHUNG

Wollte man sagen, mit welchem Text Hans Blumenbergs Laufbahn als Philosoph begann, wäre der ›erste‹ unter ihnen nicht leicht zu bestimmen: Ist es Blumenbergs enthusiastische Rezension von Hannah Arendts Sechs Essays von 1948[1] oder doch eher der Aufsatz »Atommoral« von 1946 über die Hiroshima-Bombe?[2] Dieser blieb allerdings, von den Frankfurter Heften abgelehnt, ebenso unveröffentlicht wie der Essay »Über Dostojewskis Novelle Die Sanfte« von 1945, den die Wandlung nicht druckte.[3] Und freilich wäre für den jungen Blumenberg, der hier an die Öffentlichkeit drängt, auch vor 1945 ein Anfang zu vermuten: Wenn man einen kürzlich veröffentlichten Jugendaufsatz hinzunimmt, verschiebt er sich gar ins Jahr 1938, als der achtzehnjährige Oberprimaner einen länglichen Text über Hans Carossa verfasste.[4]

Doch es gibt einen besseren Kandidaten für den Anfang. An ein philosophisches Fachpublikum richtete sich Blumenberg zuerst mit »Die sprachliche Wirklichkeit der Philosophie«, geschrieben 1946 und veröffentlicht im Jahr darauf in der Hamburger Akademischen Rundschau. Die HAR gehörte zu jenen Publikationen der unmittelbaren Nachkriegszeit, die neben der intellektuellen Selbstverständigung auch als Organ demokratischer Reeducation dienen sollten. Gegründet von Karl Ludwig Schneider, Germanist und ehemals Mitglied der Widerstandsgruppe Weiße Rose, wurden viele ihrer Redakteure – Walter Jens, Ralf Dahrendorf oder Walter Boehlich – später zu bundesrepublikanischen Größen. Die leichte Linksneigung mag, anders als bei ähnlichen Gründungen, statt eines Pathos des Neuanfangs gedämpftere Töne begünstigt haben: Man werde »keine geistige Erneuerung aus dem Boden stampfen«, heißt es im Editorial.[5]

Das steht ganz in Übereinstimmung mit dem Tenor der Blumenberg’schen Skizze, die selbst von den Schwierigkeiten handelt, einen Anfang zu machen. Der Essay von nur vier Seiten zeugt von Blumenbergs Hadern mit allen Versuchen, die Philosophie von Grund auf neu zu errichten. Erstaunlich daran ist nun, dass Blumenberg dabei nicht als Vertreter der Phänomenologie und Anthropologie auftritt, als der er heute vor allem gelesen wird. Stattdessen erscheint er in diesem Anfangstext als Sprachtheoretiker.

Dieser Ansatz geht direkt aus seiner Kritik am Anspruch der Phänomenologie als »strenger Wissenschaft« hervor.[6] Denn die frühe Hoffnung ihres Gründers Edmund Husserl, durch die Klärung von Begriffen die Grundlagen einer exakten Beschreibungssprache zu schaffen, hält Blumenberg für illusorisch. Husserl verstricke sich in seinem Projekt in ein unauflösliches Problem: Sobald der Weg von einem sprachlichen Ausdruck zum damit gemeinten Phänomen genommen ist, eröffnen sich in dessen Analyse immer feinere Unterphänomene, die es wiederum zu beschreiben und zu benennen gilt. Der Prozess der Beschreibung muss immer wieder ansetzen und kommt an kein Ende. Das desavouiert ihn in Blumenbergs Augen zwar nicht – Beschreibung bleibt ein zentrales Motiv und Instrument in seinem Werk –, macht aber alle Hoffnungen auf eine exakte Sprache zunichte. So sehr es die Philosophie auch versucht, dieses »Verfehlen sprachlicher Objektivität« kann sie nicht abwenden (429).

Die »sprachliche Wirklichkeit der Philosophie«, das bezeichnet also ein Problemverhältnis: Wirklichkeit und Sprache lassen sich laut Blumenberg nicht restlos ineinander überführen. Sprache sei zu schwach, zu vage, zu vieldeutig, um exakt zu beschreiben – sei es die Wirklichkeit der Welt oder die der eigenen Gedanken. Und die historische Entwicklung der Philosophie habe diese Tendenz noch verstärkt. Hätten die Griechen ihre Begriffe »in enger Fühlung gerade an die allgemeinsten Elemente des Sprachgebrauchs« geprägt, so habe die Übersetzung des griechischen Denkens ins Lateinische zu einer Verunklarung geführt, an der die Philosophie seither zu laborieren habe (429).

Historisch und systematisch formuliert Blumenberg hier zum ersten Mal ein Leitmotiv, das in seinen späteren Schriften unter dem Titel der egestas verborum, der »Armut der Sprache« firmiert.[7] Dieser Cicero zugeschriebene Stoßseufzer meint bei Blumenberg mehr als die Übersetzungsverlegenheit, vielmehr ist die Armut der Sprache Zeichen einer viel grundsätzlicheren Schwierigkeit: Man kann nicht so viel sagen, wie man denken kann.

Wie folgenreich diese frühe Grundannahme ist, zeigt sich bereits bei der für Blumenberg so wichtigen Frage der Metapher: Weil Sprache nicht exakt beschreibt und das Ideal des reinen Begriffs unerreichbar sei, müsse man gerade den sprachlichen Bildern und Metaphern Aufmerksamkeit schenken, mit denen die Philosophie unbewusst diese Schwäche zu kompensieren suche. Die egestas verborum liegt so unausgesprochen Blumenbergs Metaphorologie zugrunde. Und sie führt, positiv gewendet, überraschenderweise auch zum Komplex der Säkularisierung, dem anderen großen Thema des mittleren Blumenberg. In der Legitimität der Neuzeit zieht er gegen die Annahme zu Felde, bestimmte moderne Phänomene seien bloße »Verweltlichungen« ehemals religiöser Sachverhalte – die Fortschrittsannahme der Wissenschaft nur eine säkularisierte Eschatologie (Löwith), die kapitalistische Ethik nur ein säkularisierter Calvinismus (Weber), die staatliche Souveränität nur eine säkularisierte Gottesallmacht (Schmitt). All das erscheine wie eine direkte Kontinuität der Sache, sei aber nur eine der Worte: »Die Konstanz der Sprache indiziert Konstanz der Bewußtseinsfunktion, aber nicht die Identität des Inhalts.«

Das historische Argument der Legitimität der Neuzeit basiert auf der sprachtheoretischen Annahme der egestas verborum, erkennt aber in dieser Armut einen Anreiz für kreative Umdeutung und so, mittelbar, wieder einen Reichtum, der gerade in der Geschichte immer wieder hervorbricht:

»Daß mehr ausgesprochen wird als im Denken vollzogen werden kann, ist der logisch-ärgerliche Sachverhalt, mit dem wir als einem geschichtsbildenden Faktor ersten Ranges zu rechnen haben. So werden emotionale Intensitäten geschaffen«.

Was die eine Epoche bewegt mag etwas ganz anderes sein als was eine frühere umtrieb, doch die Inkongruenz von Denken und Sprache führt dazu, dass sie »zwar nicht den Inhalt, aber die Dringlichkeit ihres Anspruchs in eben derselben Sprache formuliert, in der dieser Anspruch bis dahin am bewegendsten und nachhaltigsten dargestellt worden ist.«[8]

Erlaubt das Thema der egestas verborum, bereits in »Die sprachliche Wirklichkeit der Philosophie« Linien zu erkennen, die sich konsequent durch das spätere Werk ziehen, gibt es andere Aspekte dieses Textes, die Blumenberg bald wieder fallen lässt. Einer davon ist das Gegensatzpaar dialogisch/monologisch, mit dem Blumenberg die Möglichkeiten der Sprache beschreibt. Der Philosophie müsse es darum gehen, dialogisch zu verfahren: »Hinüberzeugen des Gedankens, Objektivierung zu Gemeinsamkeit und Mitvollzug des Denkens« bezeichnen, der Wortarmut zum Trotz und jenseits aller Exaktheitsideale, Anspruch und Möglichkeit philosophischer Sprache. Dagegen entziehe sich eine monologische Philosophie, die weniger Wert auf das Verstandenwerden als auf das Beschreiben allzu tiefer und unartikulierbarer Einsichten lege, »dem Bereich der Wissenschaftlichkeit schon im Formalen« (428). Ohne Frage hat Blumenberg hier vor allem Martin Heidegger im Sinn, über dessen »monologischen« Stil er sich wiederholt auslässt, ihm geradezu Mystik vorwirft.

Die sprachliche Anerkennung des Anderen – in dieser Idee der Dialogizität ist eine Minimaltheorie von Intersubjektivität angelegt, die eine Alternative zum Programm der Phänomenologie formuliert. Sprache soll hier nicht exakt sein und einen Anfang von Grund auf ermöglichen, der ohnehin nicht zu haben ist. Vielmehr geht es darum, den Anderen im selben sprachlichen Horizont anzuerkennen und mit den Mitteln einer schwachen Sprache auf ein gemeinsames Verständnis hinzuarbeiten. Weicht das auch vom Husserl’schen Programm ab, ist es dennoch kein anthropologischer Zugriff. Einen solchen wird Blumenberg erst in den Siebzigerjahren formulieren. Dann nämlich ist es die Sichtbarkeit des Leibes, die das Verhältnis von Ich und Anderen erklärt; der Sprache kommt nur noch eine untergeordnete Rolle zu, sie wird zu einem Instrument unter anderen, um dem Mängelwesen Mensch Distanz zur Wirklichkeit zu verschaffen. Es mag symptomatisch für die Kontingenz aller Anfänge sein, dass in der ersten philosophischen Veröffentlichung Optionen lagen, die Blumenberg sich nicht weiterzuverfolgen entschied.

Daneben aber legt »Die sprachliche Wirklichkeit der Philosophie« vielfältige Keime späterer Ideen. Und diese lassen sich besser über das Projekt einer eigenen Blumenberg’schen Sprachphilosophie nachvollziehen als mit Rekurs auf große Erklärungsmuster wie Phänomenologie oder Anthropologie. In ihr ist Sprache einerseits widerständig und schwach, darin aber gleichzeitig stets zu Produktivität und historischen Spontanzeugungen prädisponiert. Ausgeschlossen jedoch bleibt die apriorische Konstruktion von Systemen, die erschöpfend exakte Schilderung der Wirklichkeit, kurz: der absolute Neuanfang.

[1] Hans Blumenberg, »Das Symbol des Paria. Das Problem der mörderischen Familienväter«, in: ders. Rigorismus der Wahrheit, hg. v. Ahlrich Meyer, Berlin: Suhrkamp 2015, S. 73‑75.

[2] Ders., »Atommoral«, in: ders., Schriften zur Technik, hg. v. Alexander Schmitz und Bernd Stiegler, Berlin: Suhrkamp 2015, S. 7-16.

[3] Ders., »Über Dostojewskis Novelle Die Sanfte«, in: ders., Schriften zur Literatur 1945‑1953, hg. v. Alexander Schmitz und Bernd Stiegler, Berlin: Suhrkamp 2017, S. 9‑20.

[4] Hans Blumenberg, »Hans Carossa«, in: ders., Schriften zur Literatur, S. 289‑354.

[5] »Zum Geleit«, in: Hamburger Akademische Rundschau 1 (1946/47) 1, S. 3 (Nachdruck 1991, Berlin: Reimer).

[6] Edmund Husserl, »Philosophie als strenge Wissenschaft«, in: Logos 1 (1910/11), S. 289‑341.

[7] Etwa in Hans Blumenberg, »Sprachsituation und immanente Rhetorik«, in: Ders., Ästhetische und metaphorologische Schriften, Frankfurt am Main: Suhrkamp 2001, S. 120‑135.

[8] Hans Blumenberg, Die Legitimität der Neuzeit, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1966, 57‑58.

 

Der Philosoph und Literaturwissenschaftler Hannes Bajohr arbeitet am ZfL im Forschungsprojekt Negative Anthropologie. Geschichte und Potential einer Diskursfigur