Tatjana Petzer: SYNERGIEWISSEN ALS FREIES WISSEN

Mit ›Synergie‹ werden kooperative Interaktionen bezeichnet, die zu einer neuen Qualität führen bzw. führen sollen. Spätestens im 19. Jahrhundert wurde auf den von synérgeia (›Mitwirkung, Zusammenarbeit‹) abgeleiteten Gräzismus die Bedeutung des aristotelischen Satzes »Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile« übertragen.[1] Nicht nur in den Natur- und Geisteswissenschaften, sondern auch in Ökonomie, Technik und Kunst haben Debatten über Synergien und ihre Effekte seit einiger Zeit Konjunktur. Dabei stellt sich die wissenstheoretische Frage, wie derartige Synergie-Modellierungen in die Generierung und Strukturierung von Wissen eingreifen und welches Innovationspotential sie für die Wissensgesellschaft mit Blick auf die Zukunft haben.

Seit 2010 gehen wir dieser Frage in dem Projekt »Wissensgeschichte der Synergie« aus interdisziplinärer Perspektive nach.[2] Für den fächerübergreifenden Austausch sind digitale Infrastrukturen und eine internetbasierte Wissenskommunikation grundlegend. Von Anfang an wurde die Arbeit am von der VolkswagenStiftung mit einem Dilthey-Fellowship geförderten Projekt transparent und kollaborativ gestaltet. 2011 haben wir die DokuWiki-Plattform SynergieWissen eingerichtet, auf der die laufenden Aktivitäten und Diskussionen im Forschungsnetzwerk sowie die Ergebnisse im Open Access dokumentiert werden. Doch mit der Bereitstellung von Informationen und Texten sind noch lange nicht alle Möglichkeiten erschöpft, die Online-Formate wie Wikis für den Umgang mit wissenschaftlichen Erkenntnissen eröffnen. Wiki-Software basiert auf stark vereinfachten Prinzipien von Wissensmanagementsystemen (KMS) und stellt einer digitalen Community Mittel zur Verfügung, gemeinsam und direkt im Webbrowser Informationen zu sammeln, zu bearbeiten, zu vernetzen und online zu publizieren. Der einfache Einstieg in die Nutzung der ›sozialen Software‹ ist Programm: auf Hawaiisch bedeutet wiki ›schnell‹.

Für acht Monate diente uns das gemeinsam von Wikimedia Deutschland, dem Stifterverband und der VolkswagenStiftung betreute Fellow-Programm »Freies Wissen« als ergebnisorientierter Rahmen, anhand unseres SynergieWikis den eigenen Umgang mit digitaler Kommunikation und offenen Methoden zu überdenken. Open Science basiert auf dem Verständnis von Wissenschaft, die der US-amerikanische Soziologe Robert Merton mit den folgenden vier Prinzipien beschreibt: Universalismus, Kommunismus (im Sinne von Gemeineigentum), Uneigennützigkeit und organisierter Skeptizismus.[3] Die Digitalisierung bietet die Chance, diese Prinzipien konsequent umzusetzen. Wiki-Projekte (wie Wikipedia, WikiData, Wikiversity usw.) erlauben es, Wissen und Wissenschaft offen zu gestalten: d.h. transparent, kollaborativ, nachprüfbar, frei zugänglich und nachnutzbar.[4] Das gilt auch für unser SynergieWiki, dessen Inhalte durch eine überschaubare Wissenschaftscommunity organisiert werden. Vor diesem Hintergrund und mit Blick auf die 2019 bevorstehende Beendigung des Forschungsprojekts stellten wir uns die Aufgabe, das SynergieWiki in ein nachnutzbares Projektarchiv umzuwandeln, wozu eben nicht nur der Zugriff auf Forschungsergebnisse, sondern auch der Zugriff auf die Produktionsprozesse dieser Forschungsergebnisse, d.h. auf die Arbeitsprozesse selbst zählt.

Schon 1958 vertrat der französische Philosoph Gilbert Simondon – digitalen Technologien vorauseilend – die Position, dass die Existenzweise technischer Objekte strukturell nicht länger von einer Funktion her, sondern vielmehr als »Synergie für Synergie«[5], als synergetisches Ensemble von Technik und Umgebung zu verstehen sei. Der systemische Blick auf die Gesamtheit von Wechselwirkungen geht der Neuorientierung der Wissenschaften voraus. Im Zeitalter der Netzwerke ist der Universalbegriff der Synergie relevanter denn je. ›Synergie‹ ist, könnte mit Simondon formuliert werden, charakteristisch für ein Milieu vernetzten Wissens. In einer digitalen Umgebung bezeichnet ›Synergie‹ dann Effekte einer kollaborativen (und konkreativen), Wissen potenzierenden Praxis, die sich zunehmend an Offenheit und Teilhabe orientiert, und ist damit im Raum des Freien Wissens zu verorten.

Wie lassen sich also Syn-Energien mittels einer Open-Science-Ressource freisetzen? Für unser SynergieWiki stellten sich konkret drei Aufgaben:

  1. eine bessere Strukturierung und Verschlagwortung (Tagging) für eine allgemeine (wissenschaftliche) Nutzung sowie für gezielteren Zugriff auf Schlüsselbegriffe und Themenfelder des Projekts durch eine Begriffs- bzw. Themennavigation (TopicList),
  2. die Entwicklung weiterer Rubriken und Tools, die offene Inhalte und damit auch deren Weiterverwendung, vor allem aber kollaborative Methoden der Textbearbeitung unterstützen,
  3. die Einrichtung eines Log-Buchs, um den Arbeitsprozess offen zu legen.

Ein Kernstück der Umgestaltung unseres SynergieWikis bildete die Einrichtung eines digitalen Zettelkastens (SlipBox). Die in der Forschung anfallenden Notizen, Befunde, Ideen, kurzum ›Wissensschnipsel‹ konnten nun in ein offenes Ablagesystem integriert werden, das gut Belegbares mit wenig erforschten bzw. noch zu erforschenden Themen, aber auch Disparates, (noch) gänzlich Ungeordnetes oder Unzuordenbares in einer Art Blackbox zusammenführt und durch Tags miteinander verlinkt. Ein derartiger Zettelkasten ist ein Stolperkasten, der stets Neues und Überraschendes bereithält – dafür steht Niklas Luhmanns imposante Notizensammlung Pate. Entscheidend für die SlipBox ist aber die als kollaborative Methode im digitalen Raum angelegte nachhaltige Struktur, die eine offene und gemeinsame Erarbeitung von Inhalten überhaupt erst ermöglicht; dafür zirkuliert ein entsprechender Call for Data.

Der digitale Zettelkasten wird als Methode erprobt, um mit den – trotz der, vielleicht aber auch gerade wegen der gegenwärtigen Konjunktur – erstaunlich vagen Bedeutungen von Synergie (als Begriff, Modell, Methode) umzugehen. Mit seiner Hilfe lässt sich die Genese unterschiedlicher Synergie-Konzepte nachvollziehen, können diese als treibende Kraft der holistischen Modellbildung in interdisziplinären Forschungs- und Praxisfeldern identifiziert werden, kann aber auch die dem Synergie-Begriff immanente Rhetorik des Übersummativen und des damit verbundenen Mehrwerts hinterfragt werden. Daran schließt auch die Rubrik Lab an – ein Raum des Experiments, der die weitere Nachnutzung des Textkorpus SynergieWissen an der Schnittstelle zu Sprachanalyse und Datenvisualisierung anstoßen soll. Verwiesen sei in diesem Zusammenhang auf die Methode einer semiautomatischen digitalen Begriffsgeschichte, wie sie der Philosoph Alexander Friedrich und der maßgeblich an der Entwicklung der Open-Source-Anwendung JoBimText beteiligte Informatiker Chris Biemann vorgeschlagen haben.[6] Damit können nicht nur relative Wortfrequenzen festgestellt, sondern komplexe semantische Cluster bzw. Wortfelder und Bedeutungsrelationen modelliert werden.

Zu Offener Wissenschaft gehört auch, Einsicht in Arbeitsprozesse zu geben, sie nachvollziehbar und wiederholbar zu machen. Das Team des Synergie-Projekts richtete dafür ein LogBook ein, das es erlaubt, in kleinteiligen Schritten Ziele und Versuchsanordnungen, Erprobungen und Ergebnisse festzuhalten. Es liegt sicher nicht nur am Zeitfaktor, dass derartige Formate zu den weniger gängigen Arbeitsmitteln von Geisteswissenschaftlern zählen. Immer wieder stellt sich die Frage, welche Inhalte ohne Einschränkung in der Community verhandelt und zu welchem Zeitpunkt sie unter eine CC-Lizenz gestellt werden können, ohne sich die eigene Forschungsgrundlage zu entziehen. Wesentlicher noch ist aber die Frage nach dem ja ohnehin kaum kalkulierbaren Output webbasierter kollaborativer Arbeit: Hat die offene Sammlung, Rezeption und Nachnutzung von Inhalten überhaupt nennenswerte Bedeutung für das Hervorbringen von Wissen? Werden offene Methoden kurzfristig Forschungsergebnisse zeitigen und neue Forschung anstoßen? Darüber ließe sich im Moment nur spekulieren. Eins ist (digitale) Synergie jedenfalls nicht: ein Automatismus.

[1] Susanne Krasmann: »Synergie«, in: dies./Ulrich Bröckling/Thomas Lemke (Hg.): Glossar der Gegenwart, Frankfurt am Main 2004, S. 251. Hier, wie andernorts auch, wird Aristoteles (Metaphysik, VII, 17 (1041b)), der an dieser Stelle aber nicht von Synergie spricht, verkürzt angeführt. Vgl. Tatjana Petzer: »Einleitung: Begriff und Denkfigur der Synergie«, in: dies./Stephan Steiner (Hg.): Synergie. Kultur- und Wissensgeschichte einer Denkfigur, Paderborn 2016, S. 9–30.

[2] Das Team des Synergie-Projekts einschließlich seiner studentischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter (seit 2016 Hannes Puchta) arbeitet eng mit den Wiki-Administratorinnen des ZfL Berlin, Susanne Hetzer und Ruth Hübner, zusammen, denen an dieser Stelle herzlich gedankt sei.

[3] Robert K. Merton: »Science and Technology in a Democratic Order« (1942), dt.: »Die normative Struktur der Wissenschaft«, in: ders.: Entwicklung und Wandel von Forschungsinteressen. Aufsätze zur Wissenschaftssoziologie, übersetzt und mit einer Einleitung von Nico Stehr, Frankfurt am Main 1985, S. 86–99.

[4] Vgl. Open Science Foundation Deutschland: »Open Science« (letzter Zugriff: 01.09.2018).

[5] Gilbert Simondon: Die Existenzweise technischer Objekte, aus dem Franz von Michael Cuntz, Zürich 2012, S. 32.

[6] Alexander Friedrich/Chris Biemann: »Digitale Begriffsgeschichte? Methodologische Überlegungen und exemplarische Versuche am Beispiel moderner Netzsemantik«, in: Forum Interdisziplinäre Begriffsgeschichte 5 (2016) 2, S. 78–96.

Die Literaturwissenschaftlerin und Slawistin Tatjana Petzer leitet als Dilthey-Fellow am ZfL das Forschungsprojekt Wissensgeschichte der Synergie.