Daniel Weidner: ZWEI NEUE BIOGRAPHIEN VON GERSHOM SCHOLEM. Oder: Was kann eigentlich eine intellektuelle Biographie?

Gershom Scholem (1897–1982) gehört immer noch zu den wichtigsten deutsch-jüdischen Intellektuellen des 20. Jahrhunderts. Der Begründer der modernen Erforschung der Kabbala, der engagierte und kritische Zionist, der Zeitgenosse und Freund Walter Benjamins und vieler anderer Intellektueller war eine komplexe Gestalt. Die in den letzten Jahrzehnten erschienenen Brief- und Tagebuchbände haben sein Bild noch reicher und vielschichtiger gemacht – und offensichtlich attraktiv für Biographen. Fast zeitgleich sind nun zwei Biographien Scholems erschienen, die sich an dieser Gestalt und dem sie umgebenden Nimbus abarbeiten: Amir Engels Gershom Scholem. An Intellectual Biography (Chicago University Press 2017, 240 Seiten) und Noam Zadoffs Gershom Scholem. From Berlin to Jerusalem and Back (Brandeis University Press 2018, 344 Seiten).[1]

Engels Buch, als Dissertation am German Department der Stanford University entstanden, ist dezidiert skeptisch und möchte eine »demystified figure of Scholem« (S. 200 f.) präsentieren bzw. einen »disenchanted view« (S. 202) auf seinen Gegenstand werfen. Einleitend (Kap. 1) betont Engel, es sei »important to carefully distinguish between what Scholem said he wanted to do and what he actually did« (S. 15). Nicht die wenigen ›metaphysischen‹ Andeutungen Scholems sollen im Zentrum stehen, sondern sein umfassendes historiographisches Werk. Zugleich müsse man Scholem als »poet« (S. 18) lesen, dessen Werk wie »fiction« (S. 19) eine Sinnstiftung eigenen Rechts sei. Was zunächst vage klingt, charakterisiert das Vorgehen der Biographie, »to place Scholem’s history in the context of his life story, and, in turn, to put his life story in his own historical context« (S. 22). Scholems Lebensgeschichte und seine Forschung seien Teile einer einzigen Geschichte, die in drei Schritten erzählt wird.

Die Darstellung beginnt (Kap. 2) mit Scholems Jugendzeit, der Abwendung vom assimilierten Milieu seiner Herkunft, der Auseinandersetzung mit Jugendbewegung, Sozialismus und Weltkrieg. Im Zentrum steht dabei das Interesse für den Mythos – hier wird weit ausgeholt über »the idea of myth in Germany« (S. 47) bis zum deutschen Idealismus, überraschenderweise aber kaum auf die viel spezifischeren Überlegungen zur Kritik des Mythos, zu Sprache und Tradierbarkeit eingegangen, die der junge Scholem in seinen Tagebüchern entwickelt und die auch in den späteren Texten oft zitiert werden. Im Werk entsprechen dieser frühen Sehnsucht nach Mythos die – allerdings erheblich späteren – Forschungen zum Mythos in der Kabbala (Kap. 3). Besonders die lurianische Kabbala lasse sich unter Rekurs auf neuere Forschung vor allem als Mythos der Gemeinschaft lesen, nach dem der junge Scholem gesucht hatte: »Scholem’s study of the lurianic myth of exile brings his mature work full circle by fulfilling his fanciful youthful aspirations« (S. 64). So erkläre etwa die Lehre vom Tikkun die Juden zu »active participants in the formation of World history« und transformiere sie daher »into a nation in the modern sense« (S. 75).

Das folgende Kapitelpaar behandelt die biographische und politische Krise, die mit Scholems Einwanderung nach Palästina einhergeht. Engel zeigt (Kap. 4), dass Scholem »relatively little in common with most members of the Yishuv« (S. 107) hatte und dass sein politisches Engagement im Brit Schalom »marginal« (S. 108) geblieben sei. Letztlich sei er Außenseiter geblieben: »he had felt more at home in exile than he felt now in Zion« (S. 115). Seine Lebensgeschichte sei daher viel weniger teleologisch verlaufen, als er im Rückblick behauptete: »Scholem had lost not merely his influence, but, more important, that which facilitates influence, namely, a sense of belonging. His thoughts and ideas had lost their relevance« (S. 114). Im Werk entspreche dieser Krisenerfahrung und der damit einhergehenden Kritik des Zionismus die Erforschung des häretischen Messianismus der sabbatianischen Bewegung (Kap. 5), »arguably his most provocative and compelling work« (S. 182). Engel zeichnet – erneut mit Rekurs auf die jüngere Forschung – nach, dass sich Scholems Auffassung des Sabbatianismus durchaus wandelte und jeweils verstehen lasse als »reflection on the political situation in Palestine and his disappointment at what he had discovered there«, aber auch als Versuch »to describe the roots of the spiritual confusion that he himself had experienced as a young man« (S. 128).

Diese beiden Kapitel sind der stärkste Teil von Engels Buch, weil hier Leben und Werk wirklich koinzidieren. Demgegenüber ist den späteren Jahren Scholems, in die der Großteil seines wissenschaftlichen Werkes fällt, nur ein einziges eher kurzes Kapitel (Kap. 6) gewidmet. Scholem äußert sich später nur selten über seine Absichten und Motive, aber trotz dieses »lack of hard and clear evidence« (S. 169) meint Engel hier einen »turn form the fringe to the mainstream of Zionist thinking« (S. 168) ausmachen zu können. Schon in den dreißiger Jahren habe es einen »silent withdrawal« (S. 180) Scholems aus der politischen Aktivität gegeben, später zeige etwa die Kontroverse mit Arendt, »that he himself has changed and has now, after so many years of bitter struggle, become an insider« (S. 190). Das bleibt nicht nur aufgrund der schematischen Gegenüberstellung (Insider vs. Outsider) wenig überzeugend, sondern konzentriert sich leider auch auf allzu wenige (und bekannte) Diskussionen wie die mit Arendt und lässt den Leser neugierig zurück, wie denn Scholems intellektuelle Karriere nach dem Krieg verlaufen ist.

Glücklicherweise liegt genau auf dieser Epoche der Schwerpunkt von Noam Zadoffs Gershom Scholem. From Berlin to Jerusalem and Back, als Dissertation an der Universität Jerusalem entstanden und bereits 2014 auf Hebräisch erschienen. Der Untertitel drückt präzise das Problem aus, das jede Biographie von Scholem hat: Sie muss sich mit der mächtigen Selbstdeutung auseinandersetzen, die Scholem in seiner Autobiographie eingeführt hatte. Zadoff setzt konsequenterweise dort ein, wo die Autobiographie endete, bei der Ankunft in Jerusalem, und erzählt vor allem Scholems Leben seit den zwanziger Jahren, einzelne Exkurse greifen weiter zurück. So stellt das erste Kapitel Scholems Immigration dar, die äußerlich problemlos verlaufen sei; es schildert den Einfluss von Chaim Nachman Bialiks Sammelprojekten und Scholems Etablierung der Kabbala als Forschungsthema am Beispiel seiner Mitarbeit an der von Jakob Klatzkin und Ismar Elbogen herausgegebenen Encyclopaedia Judaica, ohne freilich auf den Inhalt dieser Forschungen näher einzugehen, so dass die Behauptung »the ultimate goal of research in Kabbalah is of metaphysical or religious value« (S. 64) eher blass bleibt. Die folgenden Kapitel stellen Scholems politisches und religiöses Engagement in der Zwischenkriegszeit dar, auch hier wird detailliert das Engagement im Brit Schalom dargestellt, der »marginal in the Zionist consensus« geblieben sei (S. 49) und von dem sich Scholem ab 1929 zurückgezogen habe. Seine religiösen Ansichten entwickelt Scholem in Verbindung mit dem Ha-Ol-Kreis, wobei hier 1939 einen »certain turning point« (S. 67) darstelle, nach dem auch sein Interesse an religiösen Fragen nachgelassen habe.

In Zadoffs Geschichte liegt die eigentliche Peripetie allerdings später: Der zweite Teil des Buches, mit »Despair« überschrieben, behandelt die Reaktion auf den Holocaust. Zwar gebe es von Scholem »no direct public reference to the subject«, aber das »does not indicate that it had little influence on him – perhaps just the opposite« (S. 151). Zadoff zeigt (Kap. 4), dass Scholem zwar – anders als manche Zeitgenossen – dem Zionismus nicht vorwirft, zu wenig auf den Holocaust reagiert zu haben, dass dieser aber jenen grundsätzlich problematisch machte, weil die intendierte Rettung des Judentums zu spät kam. Das erkläre den heftigen Pessimismus der Kriegszeit, der etwa Scholems Kritik der Wissenschaft des Judentums präge: »the condition of Jewish studies and its direction can be seen as a metonymy for the situation and direction of Judaism« (S. 91). Im Zentrum dieses Teils und des ganzen Buches stehen die beiden Kapitel über die Europareise, die Scholem 1946 im Rahmen der Versuche der Restitution jüdischer Bibliotheken unternimmt. In diesem auf intensiven Archivrecherchen und der Lektüre von Scholems Tagebuch basierenden Teil – mit fast sechzig Seiten zugleich der umfangreichste des Buches – verringert sich die Distanz der Erzählung extrem und wir bekommen eine fast tägliche Chronik der verschiedenen administrativen, politischen und juristischen Probleme sowie der persönlichen Erlebnisse: das Ringen der verschiedenen jüdischen Institutionen um die Bücher, Scholems Eindrücke vom zerstörten Europa und seiner alten Heimat, seine Begegnung mit den überlebenden Juden, seine Verzweiflung, zu spät zu kommen und nichts mehr ausrichten zu können: »These books could also easily become a symbol of the surviving Jews of Europe, who – like the books – became both a symbol of the hope for the continuity of Jewish existence and a monument to the millions who had been annihilated.« (S. 148)

Die Tatsache, dass »the events of the Holocaust touched very intimate and vital levels of Scholem’s soul« (S. 151) bestimmt auch den dritten Teil des Buches. Denn die bittere Gleichzeitigkeit der Vernichtung der europäischen Juden und der Gewinnung der Staatlichkeit »paradoxically symbolized the beginning of a process of return to Europe« (S. 153) für Scholem. Zadoff analysiert diese Rückkehr – das »and back« des Untertitels – an verschiedenen Beispielen: Die Eranos-Tagungen in der Schweiz (Kap. 7), an denen Scholem trotz einiger Ambivalenzen regelmäßig teilnahm, fungierten für ihn als »intermediary space« (S. 187) und als »personal intellectual refuge« (S. 188). Auch hier spielt die Auseinandersetzung mit Arendt eine wichtige Rolle, wobei allerdings eher schematisch Scholems und Arendts Ansichten als »emotional and tribal« vs. »rational grounds« (S. 191) einander gegenübergestellt werden. Besonders wichtig ist Zadoff die vorsichtige und langsame Wiederannäherung an Deutschland (Kap. 8), die mit Scholems bekannter Zurückweisung der Rede vom Dialog beginnt, die von ihm aber bald relativiert wird: »Scholem suggests that academic research in Jewish history can create an opportunity to build a bridge over the chasm and renew relations between Jews and Germans« (S. 208). Insbesondere manifestiere sich die Annäherung in der Zusammenarbeit mit Adorno an der Herausgabe von Benjamins Schriften, dessen Werk Zadoff eigenartig verkürzt als durch »nostalgia and longing for the German empire« (S. 221) geprägt sieht. Jedenfalls wird überzeugend gezeigt, wie Scholem im Laufe der siebziger Jahre in Deutschland zu einer zentralen Gestalt wird: »The combination of these three factors – that Scholem was a German Jew, a Berliner, and an Israeli – was unique« (S. 244).

Der Schluss des Buches schildert detailliert Scholems letzten Aufenthalt am Wissenschaftskolleg kurz vor seinem Tod, den Zadoff interpretiert als »effort to tie together the ends of his life and create a biographical continuity in gestures toward his childhood, whose scenery had been lost« (S. 231). Allerdings scheint diese Lektüre eher der Dramaturgie der Erzählung als den Quellen geschuldet zu sein – wie überhaupt fraglich erscheint, ob man diesen dritten Teil der Geschichte, der durch das Leitmotiv der Nostalgie bestimmt wird (vgl. zu ihrer Theorie S. 186 ff.), wirklich als Rückkehr beschreiben kann. Sicherlich: Scholem hatte viel von Berlin und viel von Jerusalem, aber so wenig es hier eine klare Bewegung von dort nach hier gab, so wenig gab es sie in umgekehrter Richtung. Letztlich bleibt das »and back« eben doch zu sehr dem Modell verhaftet.

Die beiden Bücher unterscheiden sich also inhaltlich, in ihrem Vorgehen und in ihrer Dramaturgie deutlich und stellen gerade dadurch die Frage, was eine Biographie, zumal eine intellektuelle, leisten kann. Engels Buch präsentiert wenig neues Material, umfasst aber Leben und Werk in einer klaren Konstruktion von »two transitions – from Berlin to Jerusalem and from fringe to mainstream« (S. 203), die allerdings nur in der Mitte wirklich überzeugt, wo Leben und Werk konform gehen. Als Geschichte einer Entzauberung präsentiert Engel einen Scholem, der nach einer heftigen Krise schließlich einen ›normalen‹ Weg einschlägt und – gewissermaßen verspätet – dann doch in Jerusalem ankommt. Zadoffs Scholem steht dem fast diametral gegenüber, wird nicht Teil des »mainstream«, sondern wendet sich zunehmend vom politischen Kurs Israels ab: »This attitude developed as he felt a growing closeness to Germany and Berlin, which began to take shape for him as the place of Jewish memory« (S. 257). Zadoffs Biographie ist auch methodisch ganz anders ausgerichtet, sie erhellt viele bisher wenig bekannte Kontexte und auch Quellen wie die Tagebücher des späten Scholem. Allerdings fehlen dabei das Werk und die Jugendgeschichte fast komplett, und die Darstellung des Höhepunkts, der Europareise 1946, ist nicht wirklich mit dem Rest des Lebens ausbalanciert, wie auch die Leitfigur der Nostalgie überzeichnet erscheint. Welches Buch man zur Hand nimmt, wird von den Interessen abhängen; deutlich machen beide, dass weder Leben noch Denken Scholems auserzählt sind und noch einiges für die Zukunft bergen.

Daniel Weidner ist stellvertretender Direktor des ZfL. 2003 erschien von ihm im Fink Verlag »Gershom Scholem. Politisches, esoterisches und historiographisches Schreiben«.

2019 erscheint als Ergebnis des ZfL-Forschungsprojekts »Poetologie und jüdische Philosophie. Gershom Scholem-Edition« im Jüdischen Verlag die Edition »Gerschom Scholem: Poetica. Schriften zur Literatur«, hg. von Herbert Kopp-Oberstebrink, Hannah Markus, Martin Treml und Sigrid Weigel.

[1] Diese Rezension erschien erstmals in PaRDES, Nr. 24, 2018, S. 241–246.