Eva Geulen: REALISMUS REVISITED

Während sich unsere Wirklichkeit medial, technologisch und politisch rasant wandelt, macht Realismus wieder von sich reden. In der Philosophie liest man vom spekulativen oder neuen Realismus, Politiker werben um mehr Realismus, in den Sozialwissenschaften beginnt man am Primat des Konstruktivismus zu zweifeln, und auch in der Literatur hat Realismus Konjunktur. Das Semesterthema des ZfL widmet sich der Rückkehr des Realismus und seinen unterschiedlichen Manifestationen. Dabei geht es uns nicht nur um Sichtung und Analyse der aktuellen Realismus-Diskurse, sondern auch um ihre mehr oder weniger latenten Vorgeschichten. In ihnen spielt der künstlerische Realismus seit langem eine besondere Rolle.

In der philosophischen und theologischen Tradition ging es mit dem Realismus-Problem um die Frage, ob beobachterunabhängige Wirklichkeiten existieren und als solche erkannt werden können. In der Kunst untersteht die Frage ihres Verhältnisses zur Wirklichkeit anderen Bedingungen. Es geht weniger darum, ob Wirklichkeit erkannt oder dargestellt werden könne, sondern wie. Folglich hat der Realismusbegriff in ästhetischen Zusammenhängen ein sehr breites Bedeutungsspektrum entwickelt. Es reicht von Abbildungs-, Nachahmungs- und Verklärungstheoremen über Fragen der Rhetorik (res und verba), Stillehre und Gattungstheorie (genera dicendi, Prosa vs. Poesie, Romanpoetik) bis zu Diskussionen um politisch-gesellschaftliche Möglichkeiten, Aufgaben und Effekte künstlerischer Produktion und Rezeption (etwa in der Expressionismus-Debatte deutscher Exilanten Mitte der 1930er Jahre).

Seit dank Dantes ingeniöser Stilmischung die Literatur gewordenen Toten der „Divina Commedia“ die Lebenden an Wirklichkeit und Lebendigkeit übertrafen,[1] trat Realismus in fast schon regelmäßigen Abständen als Problem oder Programm in Erscheinung: Es geht um den figuralen, poetischen, programmatischen, bürgerlichen, sozialistischen, magischen, neuen, ästhetischen, spekulativen Realismus, ‚border-realism‘ der Peripherien im Zeitalter der Globalisierung; es geht um korrelierende Gegenbegriffe wie Nominalismus, Materialismus, Idealismus, Romantik, Naturalismus, Expressionismus, Konstruktivismus, Virtualität. Im Namen des Realismus wird die Frage nach dem Verhältnis der Literatur und der Künste als einer „Weise des Weltgestaltens“ (Georg Lukács) zu einer Wirklichkeit gestellt, die dann als ihr Vorbild, Abbild oder Gegenbild erscheinen kann, als Stoff, Medium, Möglichkeit, Referenz, Autorität, Telos.

In Zuge der kulturwissenschaftlichen Entgrenzung der Gegenstände und Bereicherung des geisteswissenschaftlichen Fächerkanons sind die Kardinalprobleme des Realismus in den Künsten auf andere Gebiete abgewandert, wo sie unter neuen Voraussetzungen diskutiert werden: Poetologien des Wissens und Wissensgeschichte in der Literatur, New Historicism, Diskursgeschichte, Praxeologie, Evidenz-Theorien, vor allem aber die Bild- und die Medienwissenschaften haben die alten Fragen mit neuen Terminologien weitergeführt, oft ohne zu wissen oder wissen zu wollen, was sie im Gepäck haben.

Deshalb lohnt es sich, nicht nur die neuen, sondern auch die alten Realismus-Debatten, Realismus-Theorien und Realismus-Phänomene in den Blick zu nehmen, ihren Stand und ihre Anschlussfähigkeit unter den Bedingungen des Fächerwandels und interdisziplinärer Schulung zu erproben. Dass das im Ausgang von der Literatur und ihrer Theoriebildung zum Realismus erfolgen soll, verdankt sich nicht nur der außerordentlichen Vielfalt dort entwickelter Realismus-Konzeptionen, sondern hat neben historischen auch systematische Gründe.

In einem auf dem ersten Kolloquium der Gruppe „Poetik und Hermeneutik“ gehaltenen Vortrag über „Wirklichkeitsbegriff und Möglichkeit des Romans“ von 1963 (nachfolgend mit der Sigle WM zitiert) hat Hans Blumenberg der Literatur und den mit ihr beschäftigten Wissenschaften eine Steilvorlage geliefert, deren Potential bis heute unausgeschöpft blieb: Was einer jeweiligen historischen Mitwelt als Wirklichkeit erscheint, kann in dieser weder formuliert noch philosophisch eingeholt werden, weil jeder Versuch schon unter den Bedingungen des selbst-verständlichen Wirklichkeitsverständnisses operiert. Blumenberg zeigt aber, dass in Kunst und ihrer Theorie dieses prädikativ nicht einholbare Selbst-Verständnis den Stand der Implikation verlässt, da seit Platon alle Kunst und ihre Theorie zu dem Satz sich hätten verhalten müssen, „daß die Dichter lügen“:[2]

Also gerade dadurch, daß dem poetischen Gebilde von allem Anfang unserer Tradition an seine Wahrheit bestritten worden ist, ist die Theorie von der Dichtung zu einem systematischen Ort geworden, an dem der Wirklichkeitsbegriff kritisch hereinspielen und aus seiner präformierten Implikation heraustreten muß. (WM, 10)

Gegen das modernitätstheoretische Dogma von der Überwindung des Mimesispostulates setzt Blumenbergs longue durée die Einsicht, dass die moderne Kunst „von dem Zwang zur ständigen Widerlegung ihrer Abhängigkeit von der vorgegebenen Natur nicht freigeworden“ (WM, 26) sei. Gleichzeitig argumentiert er aber auch, dass insbesondere der Roman „zur Aufhebung des Gegensatzes von Realität und Fiktion“ (WM, 27) vorgestoßen sei und sich dabei „seine eigene Möglichkeit nicht als Fiktion von Realitäten, sondern als Fiktion der Realität von Realitäten zum Thema gemacht“ habe (ebd.). Damit hätte der Roman mehr für die Erkennbarkeit der stets nur implizit verfügbaren Wirklichkeitsbegriffe der Moderne geleistet als jedes Philosophem.

Das gibt hinreichend Anlass, die Literatur zum Ausgangspunkt für die Erneuerung der Frage nach dem Realismus zu machen und dabei, im Anschluss an Blumenberg, vor allem nach den Besonderheiten der jeweiligen Form zu fragen, in der das Verhältnis von Kunst und Wirklichkeit gestaltet und umgestaltet wird. In dieser Perspektive lassen sich dann auch Realismus-Konzeptionen anderswo erschließen und vergleichen: in anderen Künsten und Medien, in der Philosophie, aber auch in der Politik, im Recht, in der Ethik und anderen Wissenschaften.

Bei unseren Überlegungen und Nachforschungen zum Realismus im Ausgang von der Literatur darf ein bereits erreichtes Reflexionsniveau allerdings nicht unterschritten werden. Realismus-Theorien und Realismus-Debatten von Auerbach über Lukács bis in die Gegenwart zeichnen sich durch eine doppelte Einsicht aus: Auch die bestimmtesten Verfechter von Kunst als radikaler Gegenwelt bleiben auf eine Wirklichkeit bezogen, der sie sich entziehen oder gegenüberstellen. Umgekehrt wird man noch dem krassesten Abbild-Realismus nachweisen können, dass er die abgebildete Wirklichkeit erst herstellen muss und unvermittelter Wirklichkeitszugang durch die immer auch ästhetischen und rhetorischen Traditionen vermittelt bleibt, denen die Gefolgschaft verweigert wird: Alle Kunstautonomie war stets auch heteronom. Jeder Versuch, sie exklusiv auf ihre Eigen-Wirklichkeit zu verpflichten, blieb so auf Autonomiereserven oder Autonomieversprechen angewiesen wie das autonome Kunstwerk auf die Wirklichkeit als ihr Anderes.

Auf dem Hintergrund der Grundlagenkrise der Physik nach Planck und Einstein, die von den Zeitgenossen als ‚Wirklichkeitszertrümmerung‘ erfahren worden war, beschwört Gottfried Benn (gewiss kein Realist im geläufigen Sinne) noch einmal, ironisch und heroisch zugleich, das Ideal autonomer Kunst:

Eine Wirklichkeit ist nicht vonnöten,
ja es gibt sie garnicht, wenn ein Mann
aus dem Urmotiv der Flairs und Flöten
seine Existenz beweisen kann.[3]

Mit viriler Arroganz setzt sich ein privilegiertes Autorsubjekt in Szene –  und triumphal gleich über alle möglichen Wirklichkeiten hinweg. Aber der Rausch dieses ästhetischen Eigenblutdopings (D. Diederichsen) hält nicht lange vor. Kunst enthüllt sich als Sublimationsakt und hilflos-unbeholfenes Absehen von Wirklichkeiten. Mindestens als Mangel meldet sich die Wirklichkeit im Kunst-Kosmos zurück:

Als ihm graute, schuf er einen Fetisch,
als er litt, entstand die Pietà,
als er spielte, malte er den Teetisch,
doch es war kein Tee zum Trinken da.[4]

Geht man davon aus, dass sich eine entsprechende Dialektik in allen Realismus-Theorien und Realismus-Programmen durchsetzt, dann sind andere Paradigmen und Analysemodelle zu entwickeln. Was könnte oder sollte Realismus unter den Bedingungen reziproker Verwiesenheit von Autonomie und Heteronomie heißen? Und zwar nicht nur in der Kunst, sondern auch in anderen Sphären wie der Politik, der Ethik und der Wissenschaft? Lässt sich die wechselvolle Geschichte dieses Begriffs auch so rekonstruieren, dass man über die ermüdende Dialektik von Autonomie und Heteronomie hinauskommt? Welche Folgen hätte ein reformulierter Realismus für unser Moderneverständnis? Was könnte er für eine globalisierte Welt leisten? Wie verhält sich das Realismus-Postulat zu medientheoretischen, bildwissenschaftlichen, praxeologischen und pragmatischen Perspektiven und Invektiven? Hat Realismus ein Recht (oder gerade kein Recht) zu Kritik, Zeitdiagnostik, zur Politik? Ist ein Realismus vonnöten? Oder keiner da?

Eva Geulen

[1] Vgl. hierzu Erich Auerbach: Farinata und Cavalcante. In: Ders.: Mimesis. Dargestellte Wirklichkeit in der abendländischen Literatur, Tübingen 112015, S. 167–194.

[2] Hans Blumenberg: Wirklichkeitsbegriff und Möglichkeit des Romans. In: Hans Robert Jauß (Hg.): Nachahmung und Illusion. Kolloquium Gießen Juni 1963. Vorlagen und Verhandlungen. 2., durchgesehene Auflage, München 1969, S. 9–27, hier S. 9.

[3] Gottfried Benn: Wirklichkeit. In: Ders.: Sämtliche Werke, hg. v. Gerhard Schuster, Gedichte 1, Stuttgart 1986, S. 267.

[4] Ebd.