Eva Geulen: Editorial

Das ZfL meldet sich mit einem Interim zurück. Wo die Leserschaft ein weiteres Exemplar der von der Designerin Carolyn Steinbeck stets wunderbar gestalteten Trajekte erwartet haben mag, gibt es im Augenblick nur Nachrichten von einer Baustelle, Neues aus der laufenden Arbeit und beides in entsprechend bescheidener Aufmachung.

Nach meinem Amtsantritt im August 2015 und einem dreimonatigen Moratorium haben wir gemeinsam den Stand der Dinge im Hause behutsam geprüft und künftige Weichenstellungen gemeinsam diskutiert. Erste Resultate – wie die Konturierungen der neuen Forschungsschwerpunkte Theoriegeschichte, Weltliteratur und Lebenswissen sowie  Arbeitsformen und Denkstile – sind bereits auf der Webseite des ZfL nachzulesen. Als Ersatz für die Trajekte arbeiten wir an neuen Formaten, sowohl gedruckten wie digitalen. Wir haben im vergangenen Wintersemester auch neue Veranstaltungsformate entwickelt und erfolgreich erprobt. Dazu gehört das Werkstatt-Gespräch, in dem die Eingeladenen ihre Berliner Gästeliste in Absprache mit uns zusammenstellen, so dass für produktiven und kompetenten Austausch gesorgt ist. Barbara Vinken (LMU München) und Michèle Lowrie (University of Chicago) haben in diesem Format das Augustinus-Kapitel aus ihrem gemeinsamen Buch über den Bürgerkrieg gleichermaßen gewinnbringend für Vortragende wie Zuhörende vorgestellt. Im Februar waren (unter starkem Publikumsandrang) Juliane Rebentisch (HFG Offenbach) und Alexander García Düttmann (UdK Berlin) Gäste auf einem Podium zur Gegenwartskunst, das unser neues Beiratsmitglied Peter Geimer und ich moderiert haben. Seit Beginn des Wintersemesters gibt es nun in jedem Semester einen von den Promovierenden im Hause gestalteten Promovierenden-Tag. Und wir haben auch beschlossen, unsere Aktivitäten künftig stärker auf ein übergreifendes Semester- oder Jahresthema hin auszurichten. Im letzten Semester ging es um Krise und Wissenschaft.

Realismus lautet das Rahmenthema für das Sommersemester 2016, dem auch unsere Internationale Sommerakademie gewidmet sein wird. Als Keynote Speakers konnten Markus Gabriel (Uni Bonn) und Moritz Baßler (Uni Münster) gewonnen werden. Was es mit der gegenwärtig zu beobachtenden Rückkehr des Realismus, der mit der Flüchtlingskrise zum neuen Schlagwort wurde, in der Literatur und über sie hinaus auf sich haben könnte, habe ich in der Ankündigung des Semesterthemas „Realismus Revisited“ kursorisch zusammengefasst.

Die beiden anderen Beiträge dieses Interims stammen von Natalie Moser und Ulrich Plass, die erst seit kurzer Zeit am ZfL forschen und dafür Stipendien vom Schweizer Nationalfonds bzw. der Alexander von Humboldt-Stiftung erhalten haben. Natalie Moser von der Universität Basel arbeitet in ihrer Habilitationsschrift zum Verhältnis von altem Realismus des 19. Jahrhunderts und neuem Realismus in der deutschen Gegenwartsliteratur. Ulrich Plass ist Professor für German Studies an der US-amerikanischen Wesleyan University und forscht zur Darstellung des Spätkapitalismus in der Gegenwartsliteratur. In ihren Auseinandersetzungen mit Texten von Josef Haslinger und Roberto Bolaño loten beide das Verhältnis zwischen dem Selbstverständnis und den Verfahren älterer realistischer Literatur und einem neuen realistischen Erzählen aus. Weder bei Moser noch bei Plass geht es um die Überwindung oder Verabschiedung realistischer Erzählmuster oder realistischer Ansprüche, sondern um Interferenzen und Modifikationen zwischen altem und neuem Realismus.

In beiden Fällen hängt der Realismus der Texte an einer Frage, die uns derzeit alle in ganz anderen Zusammenhängen beschäftigt und beschäftigen muss: Gewalt im Allgemeinen, und im Besonderen Gewalt an Frauen – und das meint nicht nur, aber auch die Kölner Silvesternacht. Der Realismus literarischer Texte zeigt sich nicht allein an ihrer (bei Bolaño besonders drastischen) Thematisierung von Gewalt, sondern an den Verfahren ihrer Darstellung, einschließlich dessen, was nicht dargestellt oder erzählt werden kann und gerade dadurch zur Form der Texte beiträgt. Im besten Falle gelingt es realistischer Literatur, uns unsere Wirklichkeit vor Augen zu führen. Wirklichkeit umgibt uns zwar täglich, wir sehen sie am Rechner, in der Zeitung oder mit eigenen Augen, aber damit ist sie noch längst nicht als Wirklichkeit erkannt.

Eva Geulen