Eva Geulen: STREIT UND SPIEL

Von den vielen Vorwürfen an die Adresse der Geisteswissenschaften trifft derjenige ins Herz unserer Fächer, der behauptet, dass wir das Streiten verlernt haben und diskussionsmüde den Konsens suchen. Wenn die Diagnose wirklich zutreffen sollte, dass wir uns nicht mehr streiten können oder wollen, dann wäre das in der Tat ein Armutszeugnis. Denn wir sind es doch, die sich Kritik und Dissens auf die Fahnen geschrieben haben. Deshalb und weil es in unseren Kontexten zwar gute und weniger gute Argumente gibt, aber keinen letzten Beweis, ist der Streit so etwas wie unser Lebenselixier.

Streit im produktiven Sinne kann sich jedoch nur dort entfalten, wo bestimmte Aspekte oder Bedingungen ihm entzogen bleiben. Dem Streit muss ein begrenztes Feld bereits eingeräumt worden sein, oder die Kontrahenten haben es streitend erst abzustecken. So oder so gibt es jenseits der Grenzen des strittigen Feldes eine unmarkierte Zone: sei es, dass der Streit diese erst hervorbringt, sei es, dass dem Dissens bereits Konsens über substanziell Un-bestreibares vorangeht. Die wissenschaftliche Kontroversenforschung – und die gibt es sowohl in disziplinärer, fachgeschichtlicher wie in interdisziplinärer Perspektive – führt das u.a. auf die lutherische Theologie zurück, wo seit dem 16. Jhd. nicht bestreitbare Gegenstände, sog. Fundamentalartikel, von dem abgegrenzt wurden, worüber gestritten werden durfte.

Aber was für Normwissenschaften wie Theologie und Recht noch heute gilt, ist in den übrigen Geisteswissenschaften zunehmend unter Druck geraten. Schon die quasi autonome Gelehrtenrepublik der Frühen Neuzeit war durchzogen von Spannungen, die immer auch die Abgrenzung des legitimen vom illegitimen Streit betrafen. Das verschärft sich mit der Ausdifferenzierung der Wissenschaften und der Emergenz neuer Disziplinen. Die Grenze zwischen Bestreitbarem und Unbestreitbarem gerät selbst in den Einzugsbereich von Auseinandersetzungen. Für die historisch-hermeneutischen Wissenschaften seit dem 18. Jahrhundert steht zwar nicht faktisch, aber theoretisch, dem Anspruch nach, immer schon alles, auch die Rahmenbedingungen, auch die Person, beim Streiten auf dem Spiel. Ihr Ideal ist denn auch nicht der Konsens, sondern die Selbstverpflichtung, alles, aber auch restlos alles, immer wieder als bestreitbar zu erweisen. Nichts anderes heißt Kants sapere aude; nichts anderes heißt kritisches Bewusstsein unter den Bedingungen einer geschichtlichen Vernunft. Die permanente Selbstverpflichtung zum Dissens – Streitbereitschaft als zweite Natur – war zwar nie absolut, sondern immer eingeschränkt, etwa durch Verfahren und Methoden oder, bei Kant, durch die Unterscheidung zwischen privatem und öffentlichem Vernunftgebrauch. Aber der streitbare Habitus gehört seit der Aufklärung zur Signatur unserer Fächer.

Er scheint sich in den letzten Jahrzehnten erschöpft zu haben. Den Effekt könnte man so beschreiben: Je mehr gestritten und bestritten wird, desto größer wird paradoxerweise der Bereich dessen, was unbestritten liegen geblieben ist;  nicht, weil es heute ein Analogon der theologischen Fundamentalartikel gäbe, sondern weil sich der habituell kritische Streitimpuls zu einem Automatismus unter dem Diktat des Innovationsdruckes verselbständigt hat. So wird beispielsweise aus der Bestreitung disziplinärer Grenzen die sich beschleunigende Serie der als kritische Paradigmenwechsel der Wissenschaft ausgewiesenen turns, linguistic, iconic, spatial, material, transhuman etc. Zwischen den akademischen ›turns‹ einerseits und den Pseudodebatten der Feuilletonskandale häuft sich Streitwürdiges, das unter diesen Umständen aber keinen Streit mehr zeitigt. Stimmt es also, dass wir nicht mehr streiten mögen?

Wenn der polemische Hinweis auf eine unter Wissenschaftlern grassierende Beißhemmung und Streitunlust das Ziel haben sollte, erloschenes Feuer neu zu schüren, dann bezieht man als streitbarer Geist erst einmal die Gegenposition und fragt zurück: Ist es denn wirklich zu bedauern, dass man einander nicht mehr beißt? Ist ein Abebben des Streitens notwendig ein Verfallssymptom? Ein Historiker-Kollege, der in den oft bitterbösen Debatten der Hans Ulrich Wehler-Schule sozialisiert wurde, äußerte jüngst Erleichterung darüber, nun endlich auch mit Kolleginnen und Kollegen ins Gespräch kommen zu können, ohne dass gleich wild gebissen würde. In die Zeit meiner eigenen Sozialisation in den USA fallen die Debatten zwischen den cultural studies und der Dekonstruktion sowie zahllose inner-feministische Fehden. Im Rückblick muss ich sagen, dass da zwar mächtig gekämpft, gestritten und gebissen wurde, aber um ›sachdienliche Wahrheitsfindung‹ ging es kaum. Etwas schärfer: die Böswilligkeit der oft auch persönlichen Streitereien verhielt sich proportional umgekehrt zu ihrer allgemeinen Relevanz. Dick Macksey, Professor und hochgeschätzter Lehrer am Humanities Center der Johns Hopkins University, pflegte mit einer Kissinger-Anleihe zu sagen: battles in the humanities are so bloody because the stakes are so low.

Lässt man die Skandale einmal außen vor, sind die sog. Kontroversen und Debatten des letzten Vierteljahrhunderts wohl kaum gewesen, was sie in der frühen Neuzeit, der Aufklärung und bis in das 19. Jahrhundert gewesen sein mögen, sondern meistens ideologische Grabenkämpfe zwischen Schulen, die einander umso heftiger angingen, je weniger Effekt sie hatten und je mehr das Bewusstsein ihres allgemeinen Geltungsschwundes um sich griff.

Mit dem Ende bundesrepublikanischen Lagerdenkens hat sich ein entsprechender Debattentypus verabschiedet, dem man nicht nachzuweinen braucht. Die Nachfolgeformationen der Gegenwart – etwa der shitstorm im Netz oder die Feuilleton-Diskussionen – sind meistens auch keiner Abendrede wert. Damit ist nicht gesagt, dass es da nichts zu diskutieren gab oder gibt, aber Feuilleton-Debatten sind meistens so wenig ersprießlich oder ertragreich wie wüste Internet-Einträge.

Auch die Einbuße angemaßter Geltungshoheit der professoralen Elite kann man kaum bedauern. Damit war es schon 1966 im Zürcher Literaturstreit zwischen Emil Staiger und Max Frisch über die (damalige) Gegenwartsliteratur vorbei. Vor einigen Jahren fand am KWI in Essen eine Veranstaltung zur Zukunft der Geisteswissenschaften statt. Eine Journalistin gab damals die Parole aus »Keiner versteht die Welt mehr – Und die Geisteswissenschaften sind dazu da, sie zu erklären«. Gegen derartige Zumutungen würde ich mich auch heute wehren. Spezialisten fürs allgemein Menschliche waren wir lange genug, mit bekanntermaßen problematischen Folgen. Nein, aufs Ganze gesehen ist der Rückgang dieser sog. Streitkultur zu begrüßen.

Ein anderes ist freilich der Verlust der Formen des Streitens, die Fähigkeit, der Wille, ja auch und vor allem die Lust, sich zu streiten. Das setzt freilich intakte persönlich-kollegiale oder vergleichbare Verhältnisse voraus, die in der gegenwärtigen gezwungenermaßen von bitterem Konkurrenzkampf um viel zu wenig sichere Stellen geprägten Wissenschaftslandschaft immer seltener werden. Das erklärt jedoch nicht die Streitunlust der Jüngeren. In einem Seminar zu Kontroversen der Literaturwissenschaft in Frankfurt vor ein paar Jahren waren die Studierenden entweder nicht willens oder nicht fähig, den jeweils behandelten Streit auszutragen, Position zu beziehen, Argumente dafür oder dagegen zu finden, sei es auch nur pro forma. Das intellektuelle Vergnügen, diese oder jene Position zu schärfen, aus Neugierde, um herauszufinden, wohin das führt und dabei die eigene Überzeugung vorläufig zu suspendieren, war ihnen schlechterdings unmöglich. Verdächtig und regelrecht unheimlich erschien ihnen, was in der anglo-amerikanischen Tradition in debate clubs eingeübt wird und ehemals ins Ressort alteuropäischer Rhetorik fiel. Manche Dinge sieht man aber erst, wenn man sich ihnen streitbar nähert. Im Medium des Streits verändert sich der Aggregatzustand einer Sache; es zeigen sich Dinge, die man bei der distanziert bleibenden Beobachtung gar nicht bemerken kann. Eigentlich hätte der Abbau von Dogmen, Lagern und Autoritäten nach 1989 einer solchen, sozusagen enthemmten Streitlust zugutekommen können, aber das Gegenteil scheint der Fall zu sein. Warum ist das so? Und was könnte es für Gründe haben? Jenseits von verschulter Universität und akademischem bottle-neck?

Eine Antwort auf diese Frage hört man in jüngster Zeit besonders häufig. Die Hemmungen seien nichts anderes als der Niederschlag der auch hierzulande grassierenden political correctness! Sie sei verantwortlich für die beobachtete Beißhemmung; es traue sich ja keiner mehr, den Mund aufzumachen. Dazu wäre nun viel zu sagen: über die Ursprünge von political correctness in den (fraglos segensreichen!) Kanondebatten an kalifornischen Universitäten Anfang der 80er Jahre, über die Transformation dieser Anfänge in den hate speech-Diskussionen bis zur gegenwärtigen rein subjektiven Befindlichkeitsdoktrin, die mit politischer Ausgrenzung bestimmter Gruppen kaum noch etwas zu tun hat. Und vor diesem US-amerikanischen Hintergrund wäre über die deutsche Rezeption der political correctness zu sprechen … und dabei auch zynisch anzumerken, dass es mit ihrem Einfluss nicht so weit her sein kann, wenn Unternehmen eine Quote brauchen und die Anzahl der Frauen in leitenden Positionen an der Universität immer noch zu gering ist. Des Weiteren wäre darauf zu verweisen, wie rechts- oder linksextreme Gruppen political correctness seit einiger Zeit für ihre Zwecke nutzen. Der ›Münkler-Watch‹ auf der einen Seite und die Kritik an political correctness im rechten Spektrum auf der anderen Seite wären Beispiele für die höchst fragwürdige Instrumentalisierung eines Begriffs, bei dem es einmal um Aushandlung gesellschaftlicher Heterogenität und Machtunterschiede ging. Das reicht vielleicht schon, um anzudeuten, dass political correctness keine stichhaltige Begründung für Streitunlust ist.

Ein anderer auch gerne gebuchter Sündenbock ist die Theoriebildung unserer Fächer. Mit der Theorie,  von der kritischen Theorie bis zu Theorien poststrukturalistischer Provenienz, hätten wir uns systematisch sämtliche Äste abgesägt, auf denen wir vordem saßen: die ›Theorie‹ hätte den Kanon abgeschafft, das Subjekt, die Literatur, den Leser, den Sinn, die Kritik, den Streit. Wir hätten es also mit selbstverschuldeter Hemmung und Lahmlegung zu tun. Diese Behauptung zeugt von maßloser Überschätzung theoretischer Diskurse und ihrer Effekte. Schon vor Jahren hieß es beim US-amerikanischen Literaturwissenschaftler und Theoretiker Jonathan Culler: »Theorie ist verbunden mit dem Wunsch nach Beherrschung: man hofft, dass die Lektüre theoretischer Texte einem die Konzepte zur Verfügung stellt, mit denen sich die für einen wichtigen Phänomene organisieren und verstehen lassen. Aber Theorie macht Beherrschung unmöglich, nicht allein deshalb, weil es stets noch mehr zu wissen gibt, sondern auch, weil, konkreter und schmerzhafter, die Theorie selbst immer wieder ihre vermeintlichen Ergebnisse und Prämissen in Frage stellt. «

Was dabei herauskommt, wenn man eine Überdosis Theorie für allgemeine Lähmung verantwortlich zu machen sucht, konnte man vor zwei Jahren in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung nachlesen. Unter dem unmissverständlichen Titel »Gegen Kritik« führte der Literaturwissenschaftler Armen Avanessian etwas umständlich aus, dass die theoretisch (bei Foucault, Adorno, Bourdieu u.a.) erarbeitete Komplizenschaft jeder Kritik mit dem, was sie kritisiert, einen fatalen Automatismus gezeitigt habe. Jeder Streit sei dazu verurteilt, von der Norm absorbiert zu werden, die zu kritisieren und zu ändern er ursprünglich angetreten sei. Wenn dabei bessere Normen herauskommen, wäre das ja eigentlich kein Problem. Aber der Autor glaubt in der stets aufs Neue enttäuschten Erwartung fundamentaler Änderung eine Eigendynamik des Wissenssystems in soziologischer Perspektive ausmachen zu können. Kritik sei unter diesen Bedingungen nichts als eine  Nobilitierungsstrategie, bei der es um Distinktionszuwachs des Einzelnen, um Aufmerksamkeitsgewinn und kulturelles Kapital, um Posten, Karrieren, Drittmittel gehe. – Eine derart streitbare meta- oder hyperkritische Überbietung des Elends der Kritik hat freilich ihre eigenen Tücken. Hinter die Einsicht, dass Kritik Affirmation oder in der Terminologie des Artikels, Komplizenschaft mit Macht voraussetzt, will der Autor mit gutem Recht nicht zurückfallen (zumal das ja den Umkehrschluss zulässt, dass jede Operation einer Macht auch kritische Gegenmächte auf den Plan ruft). Aber der leidenschaftlich vorgebrachte Vorschlag, »diese Verstricktheit zu nutzen, um eine Bresche in die Zukunft zu schlagen« greift leider etwas zu kurz, ja, er hat eigentlich keine Chance: Denn die Attacke ›gegen Kritik‹ fiel derart bissig und kategorisch aus, dass die verheißungsvollen Breschen in die Zukunft sozusagen auf der Strecke bleiben mussten, weil der Leser ja gelernt hat, Kritik an der Kritik als Nobilitierungsstrategie zu inkriminieren:  Operation erfolgreich, Patient tot. Prinzipielle Überbietung ist keine gute Idee.

Und einen letzten gerne angeführten Begründungszusammenhang für das, was als intellektuelle Beissunlust wahrgenommen wird, möchte ich nennen. Er bietet sich umso eher an, als niemand ihn bestreiten würde oder könnte. Die entsprechende Formel lautet: Überforderung durch enormen Komplexitätszuwachs in einer sich immer rascher und gründlicher wandelnden Welt … . Mit einem militärischen Ausdruck: vuca: volatile, uncertain, complex, ambiguous. Im IT-Bereich, wo diese Abkürzung schon länger heimisch ist, spricht man auch von ›digital disruption‹. Wenn das die neuen Fundamentalartikel sind, das ehemals Bestreitbare nun tatsächlich das schlechthin Unbestreitbare geworden sein sollte, dann gibt es nichts zu streiten und auch gar keine mehr Zeit dazu. – Und genau da müsste man, müssten wir, müssten die Geisteswissenschaften streitbar ansetzen: bei der hilflosen und heillosen Selbstauslieferung an einen sich scheinbar autonom vollziehenden Wandel.

Vielleicht sollten Geistes- und Kulturwissenschaftler sich den Schuh der Streitunlust gar nicht erst anziehen. Jedenfalls nicht auf der Ebene des Grundsätzlichen, die wir, leider, immer auch mitbedienen, wenn wir einen neuen turn ausrufen oder uns prinzipiell darüber streiten, ob wir streitunwillig sind oder nicht. Wir sollten uns weniger um uns selbst und mehr um Gegenstände kümmern. Zu streiten und zu bestreiten gibt es sehr viel, zum Beispiel die Geschichten des Streitens, aber auch die dominanten Beschreibungen des technologischen Wandels. Ein an konkreten Gegenständen orientierter Streit kann seit der Aufklärung und außerhalb der Normwissenschaften immer auch auf Unbestreitbares oder bislang Unbestrittenes ausgreifen und Rahmenbedingungen in Frage stellen. Aber umgekehrt geht es nicht. Prinzipiendebatten ohne Gegenstände bringen wenig. Das braucht man gelegentlich auch, aber nicht im Übermaß, und schon gar nicht zum jetzigen Zeitpunkt, da  …  an diesem Wochenende jemand als 45. Präsident der Vereinigten Staaten eingeschworen wurde, der weder Prinzipien noch Spielregeln kennt, von deren Unterschied ganz zu schweigen.