DER FRAGEBOGEN: Wir fragen, Karine Winkelvoss antwortet

Der Proust’sche Fragebogen dient traditionell dazu sich kennenzulernen, sei es in einem französischen Salon, wo er einst entstand, sei es auf der letzten Seite eines deutschen Magazins. Wir haben unseren eigenen Fragebogen für den ZfL BLOG entworfen. Hier antwortet jetzt Karine Winkelvoss, französische Germanistin aus Rouen, die seit 2015 mit einem Forschungsstipendium der Alexander von Humboldt-Stiftung für erfahrene Wissenschaftler zu Gast am ZfL ist.

Meine erste Hausarbeit während des Studiums handelte von …

Ich komme aus Frankreich, da war die Leitgattung im Studium nicht die Hausarbeit, sondern die Klausur – an die einzelnen Themen kann ich mich nicht erinnern, dafür aber an das Gefühl, dass die wenigen Zeilen, mit denen man bis zu sieben Stunden eingeschlossen war, hinterher immer besonders intakt dastanden.

 Das Schreiben der Dissertation war für mich …

das Beste an der Dissertation.

 Mein liebstes wissenschaftliches Buch:

Georges Didi-Huberman, Fra Angelico, dissemblance et figuration. In diesem Buch, auf das ich ganz am Anfang des Studiums gestoßen bin, wird durch eine kleine Verschiebung des Blicks etwas bisher Ungesehenes sichtbar gemacht und eröffnet plötzlich eine ganz andere Dimension – wobei dieses Ungesehene nicht irgendetwas Verstecktes ist, sondern gerade das, was man eigentlich die ganze Zeit schon hätte sehen müssen.

Von allen wissenschaftlichen Autor/inn/en beeindruckt mich am meisten …

Passend zur vorhergehenden Frage: Georges Didi-Huberman, wegen seiner Art, den präzisen, gleichsam unmittelbaren Blick auf Bilder und Texte mit historischer, anthropologischer, politischer Reflexion zu verbinden, ohne jemals das eine an das andere zu verraten.

Meine Lieblingsbibliothek:

Die Bibliothek des ZfL liebe ich sehr: dort habe ich schon viel gefunden, noch bevor ich es suchte.

Die Universität ist ein Ort …

der Freiheit und der Vielfalt, den man auf keinen Fall mit einem Unternehmen verwechseln sollte.

Dürfte ich noch einmal von vorne beginnen, würde ich heute Folgendes studieren:

Literatur, noch einmal ganz von vorne!

Wäre ich von allen Zwängen frei, würde ich gerne folgender Frage nachgehen:

Im Moment bin ich tatsächlich, dank des Forschungsstipendiums der Humboldt-Stiftung, quasi von allen Zwängen frei – und gehe also der Frage nach, wie literarische Formen mit bestimmten Affektkulturen zusammenhängen bzw. in Konflikt geraten – exemplarisch bei W. G. Sebald das Stilideal der leidenschaftslosen Rede mit einer Ethik der Mitleidenschaft.

Meine abseitigste Veröffentlichung?

Vielleicht die letzte – über W. G. Sebalds Ornithologie –, die aber natürlich nur scheinbar abseitig ist! Abseitigkeit ist ja sehr relativ – für mich als Leserin sind jedenfalls die entscheidenden Impulse meistens von ganz unvorhergesehener Seite gekommen.

Ein Wissenschaftler benötigt vor allem …

natürlich Neugierde und Intuition, Leidenschaft und Präzision, kritischen Geist und Imagination, Geduld und Ungeduld. Um sich das alles leisten zu können, benötigt der Wissenschaftler allerdings auch Planungssicherheit und materielle Unabhängigkeit.

 Forschen bedeutet für mich …

Zusammenhängen auf die Spur zu kommen, die uns nicht bewusst sind und uns dennoch prägen; zu verfolgen, wie neue Fragen entstehen und Gedanken sich verschieben; immer wieder bereit zu sein, sich selbst bei undurchdachten Vorannahmen und Gemeinplätzen zu ertappen.

Mein Motto?

Die meisten Probleme entstehen bei ihrer Lösung (Leonardo da Vinci).

 

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