Falko Schmieder: VON ENGELN UND TOREN. Zu Gloria Gaynors »I will survive«

Es war nicht das erste Mal, dass der Begriff des Überlebens in die Welt des Entertainments eingeführt wurde, aber Gloria Gaynors Disco-Hit I Will Survive aus dem Jahr 1978 markiert doch eine Zä­sur. Wie Titel, Leitmotiv und Formsprache des Songs verweist auch das Vokabular, in dem sein durchschlagender Erfolg be­schrieben worden ist, auf die Aktualität eines unheimlich ge­wordenen Erbes. Der Beginn der modernen Geschichte, die den Konnex von Fun und Survival stiften hilft, lässt sich datieren auf Darwins Ersetzung der Bezeichnung »natural selection« durch den Ausdruck »survival of the fittest«, der ihm »besser und zuweilen ebenso bequem« wie jener erschien. Dies wird für lange Zeit das letzte Mal gewesen sein, dass die Verwendung des Ausdrucks »survival« als »bequem« angesehen wurde. Mit seiner Übertragung auf das Feld der Kultur und des Sozialen wurde er zu einem biopolitischen Kampfbegriff, der im Namen der Vollstreckung natürlicher Gesetze Praxen der Ausgrenzung oder Ausrottung von Menschen legitimieren half.

Die Erben der Geschichtsphilosophie haben das Konzept amüsiert aufgenommen – als indirekte Anerkennung der modernen Gesellschaft als ein »geistiges Tierreich« (Hegel), in dem sich in Form einer »zweiten Natur« die Blindheit der ersten reproduziere. Unmöglich ist eine solche Rezeption ge­worden, seit die Nazis die eliminatorischen Implikationen des Konzepts exekutierten, indem sie die Juden zur ›Gegenrasse‹ erklärten, die der Vernichtung bestimmt war. Doch noch Hans Blumenberg hat nach der Niederschlagung des Nationalsozialismus am Konzept des Survival festgehalten. Dessen Übertragung auf die Menschen als biologische Wesen hat er zwar vehement abgelehnt, aber zur Erklärung der Entwicklung und des Erhalts technischer und kultureller Phänomene schien ihm der Begriff unverzichtbar. Seine ästhetische Anthropolo­gie fasst die Kunst des Überlebens als Gewinn an Distanz ge­genüber dem ›Absolutismus der Wirklichkeit‹ auf. Allerdings unterschlägt die einfache Trennung des Erbes in positive und verwerfenswerte Aspekte die Dialektik und geschichtliche Erb­last des Survival-Begriffs, die auf die Dialektik der Aufklärung insgesamt verweist.

Ein Beispiel im Kleinen liefert Gloria Gaynors I Will Survive, das es bis in die Dance Music Hall of Fame geschafft hat. Der Song erzählt die Geschichte einer Frau, die von ihrem Liebha­ber verlassen wurde und einen psychischen Zusammenbruch erleidet. Die weiteren Strophen handeln von der Selbstbewusstwerdung dieser Frau, die ihre Vergangenheit durcharbeitet, sich auf ihre Stärken besinnt und sich schließlich von dem Mann, der sie wieder zu umgarnen sucht, trennt, um ein neues Leben zu beginnen:

I will survive!

Die selbstbewusst, fast triumphierend vorgetragene Geschichte einer Emanzipation wiederholt sich auf der Ebene der kollektiven Aneignung des Songs. Die Plattenfirma hatte das Stück auf die B-Seite der Single Substitute gesetzt, die DJs in den Clubs aber entschieden sich anders und drehten die Platte um. I Will Survive eroberte im Nu die internationalen Charts. Ein Grund für den Erfolg dieses Songs, in dem sich Elemente von Neg­ro Spiritual, Gospel und Black Music wiederfinden, war seine Tauglichkeit als Projektionsfläche für verschiedene zeitgenössi­sche Emanzipationsbewegungen wie die der schwarzen Frauen, der Schwulen und der Feministinnen. Dass die in dem Lied erzählte Emanzipationsgeschichte zu einer anhaltenden Triumphgeschichte im musikalischen Mainstream werden konnte, verdankt sich der innovativen Reproduktion musikalischer Klischees, ohne die es keinen Popsong geben kann.

Die ästhetische Rohheit beginnt mit der Eröffnungssequenz, die ohne Augenzwinkern präludierende Gesten des Virtuo­sentums klassischer Konzertmusik zitiert, um gleich darauf vom psychischen Zusammenbruch zu handeln. Im Weiteren versüßen die Harfenarpeggios den Genuss des Überlebensmotivs, von dem der Song bis zum Finis nicht lassen kann. Auf diese Weise konstituiert sich ein musikalischer Triumphbogen als ästhetischer Schuldzusammenhang, der das Pendant zum Schuldzusammenhang des Lebendigen – im Sinne Walter Benjamins: des Mythos in Präsenz, der gegenwärtigen Vor­welt – bildet. Wie der Erfolgssong dem Gesetz des seriellen Gewinns gemäß die Echos der Coverversionen nach sich zieht, treibt dieser Schuldzusammenhang immer neu verworfenes Leben – und damit kontinuierlich die Subjekte hervor, die der musikalischen Ermutigungsformeln ebenso bedürfen wie sie den Laufpass verdienen, den das lyrische Ich im Lied dem auto­ritären Typen erteilt. Dass die Mutationen der Musik aber nicht notwendig ins Offene führen, zeigt Gaynor in einer späteren Fassung ihres Songs aus dem Jahr 1983, in dem sie die Zeile »Es brauchte all die Stärke, nicht zu sterben« in den Satz transformiert: »Nur der Herr kann mir die Stärke geben, nicht zu sterben.« Der Frage, ob sie Homo­sexualität als eine Sünde begreife, soll Gaynor, eine Ikone der Schwulen, ausgewichen sein.

Heute lässt sich das Leitmotiv des Songs im Sinne eines Im­perativs konkurrenzökonomischer Fitness (miss-)verstehen: als Formel der Anpassung an eine Gesellschaft, die unter dem Leitbegriff des Überlebens neu konzeptualisiert wird, weil die Einsicht dämmerte, dass die Entwicklung der Gesellschaft in ihren bisherigen Formen nicht zukunftsfähig ist. Zum Modus vivendi dieses neuen Selbstverständnisses gehören die Survival-Touren ebenso wie die Urschrei-Therapien für die Gestressten, die in Dschungelcamps Abwechslung von ihren Alltagsroutinen suchen. Es ist keine feindliche Übernahme, dass die Melodie von I will survive heute in den Fußballarenen zum Standardrepertoire der Schlachtenbummler gehört. Der Song, ich zitiere einen Fan, wird entweder gesungen, »wenn gar nichts mehr nach vorne geht«, oder dann, »wenn ein Tor gefallen ist«. Als der Fan noch kein Fan, sondern ein religiöser Anhänger war, wurde nicht das Fallen eines Tores, sondern die Herabkunft eines Engels erhofft. Ein schön herausgespieltes Tor ist aber immerhin etwas. Das Spiel hat so schlecht angefangen. Wenn aber einmal alle Toren gefallen sein werden, dann hätte die Aufklärung doch noch gesiegt.

Der Kulturwissenschaftler Falko Schmieder arbeitet im ZfL-Forschungsprojekt Theorie und Konzept einer interdisziplinären Begriffsgeschichte. Sein Text erschien erstmals in Trajekte Extra, 2010. Also singen wir. 60 Beiträge zur Kulturgeschichte der Musik.

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