Eva Axer: #KleineFormen. Ein Sammelband eröffnet neue medien- und wissensgeschichtliche Perspektiven

Als Blogeintrag darf man diesen Text zu den sogenannten kleinen Formen zählen, die Wert auf Kürze und Prägnanz legen. Allerdings beklagte bereits Alfred Polgar, der den Begriff der kleinen Form in den 1920er Jahren prägte, das folgenreiche Missverständnis, dass ein Text, der sich in fünf Minuten lesen lässt, eine geeignete Lektüre sei, wenn man nur fünf Minuten Zeit hat (in der Straßenbahn etwa oder in der Mittagspause). Kleine Formen seien, so Polgar, keineswegs literarische ›Leichtgewichte‹, sondern zeitgemäße Literatur für ein hektisches Zeitalter. Dass literarische Verfahren der Verkürzung gerade auch gegenteilige Effekte für die Rezeption haben können, die dann sehr viel mehr Zeit in Anspruch nimmt als die bloße Lektüre, war ihm natürlich bewusst.

Mittlerweile gehört der Begriff der kleinen Form (wie auch André Jolles’ ›Einfache Formen‹) ganz selbstverständlich zum Begriffsrepertoire der Literaturwissenschaften. Insofern hat eine wissenschaftliche Nobilitierung dieser Formen stattgefunden, die, wenn sie auch nicht alle Außenseiter eines lange behüteten disziplinären Kanons sind, doch eine Tendenz zur Randständigkeit haben. Kleine Formen sind eben keine etablierten Gattungen. Der Begriff erlaubt daher, ein weites Feld gerade auch neuer oder emergierender Formen zum Gegenstand der literatur-, medien- und kulturwissenschaftlichen Untersuchung zu machen. In diesem Sinne betrachtet der Sammelband Kurz & Knapp. Zur Mediengeschichte kleiner Formen vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart (hg. v. Michael Gamper und Ruth Mayer, Bielefeld: Transcript 2017) nicht nur Apophthegmata, Aphorismen und Rätsel, sondern auch Tweets oder Smartphone-Videos.

Kürze gilt dabei als »exemplarische Figur der Moderne« (S. 9). Zwar hat sie mit der rhetorischen Kategorie der brevitas eine lange Tradition, und der Band greift bis in die Frühe Neuzeit zurück (vgl. Maren Jäger). Aber erst seit der Moderne steht Kürze im Zeichen einer krisenhaften Beziehung von Subjekt und Zeit, die aktuell unter dem Stichwort Beschleunigung verhandelt wird. Auf Zeitknappheit und Beschleunigung haben Literatur- und Kunstschaffende in sehr verschiedenen Formaten und Medien reagiert und so die damit verbundenen gesellschaftlichen Prozesse mitgestaltet. Es ist daher sinnvoll, die kleinen Formen, wie hier geschehen, in eine breitere literatur- wie mediengeschichtliche Perspektive zu rücken.

Verschiedene Beiträge zeigen dabei auf, dass in kleinen Formen häufig auch Praktiken anderer Medien oder anderer kultureller Bereiche in den Blick genommen wurden, um deren zeitsensible und zeitsensibilisierende Verfahren zu emulieren, zu affirmieren oder sich davon abzusetzen. So hatte etwa die Chronofotografie gegen Ende des 19. Jahrhunderts eine Segmentierung von (Bewegungs-)Prozessen in einzelne Phasen möglich gemacht (mit Auswirkungen u.a. auf die industrielle Produktion, die sich eine Rationalisierung der Arbeitsabläufe versprach). Die Prinzipien der Serialisierung und Wiederholung adaptierte auch Gertrude Stein für ihre Prosa (vgl. Heike Schäfer). Über die Reihung zumeist kurzer und minimal variierter Sätze rückte sie den gegenwärtigen Moment in den Fokus. Kürze tritt so in den Dienst eines gedehnten und erweiterten Augenblicks.

Gleich mehrere der 17 Beiträge verhandeln das Verhältnis bzw. die Konkurrenz von Literatur und dem sehr viel schneller zu rezipierenden Bild. Während im 18. Jahrhundert lange Debatten über die medialen Besonderheiten von Bild und Literatur geführt wurden (vgl. dazu Janine Firges), zeigt der Band, dass Verfahren wie die Serialisierung in sehr unterschiedlichen Medien Anwendung finden und nicht nur ästhetische, sondern auch gesellschaftliche Effekte erzeugen. Heutzutage spielen dabei vor allem die sozialen Medien und ihre Möglichkeiten zur Interaktion und Verknüpfung sowie zur weiten Verbreitung von schnell konsumierbaren Inhalten eine besondere Rolle, die uns zu ›rezipierenden Prosumern‹ machen (vgl. Elke Rentmeister).

Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit diesen aktuellen Formen ist zu begrüßen, und Ruth Mayer und Michael Gamper heben in ihrer erfreulich instruktiven Einleitung gerade auch auf die Frage ab, wie kleine Formen unsere kulturellen Wissensbestände erzeugen, verbinden oder trennen und distribuieren. Neben der mediengeschichtlichen Perspektive rücken Mayer und Gamper einen spezifischen Zusammenhang von Wissen und Erzählen in den Vordergrund. Der Begriff des Erzählens wird von ihnen einerseits recht weit gefasst, andererseits auf die Verfahren der Verknappung und Verdichtung verpflichtet, die zur »Wissenskondensation« (S. 12) beitragen. Besonders einleuchtend sind ihre Beobachtungen dazu, wie dies zu einer Verzeitlichung und Dynamisierung von Wissen in kleinen Formen beiträgt.

Dass allerdings die Untersuchung von Formen vor dem Hintergrund eines starken Formbegriffs in eine ganz andere Richtung führen kann als ausgehend von einem medienübergreifenden Begriff des Erzählens, zeigt der (gewiss angejahrte) Ansatz von André Jolles, der die je spezifischen formalen Eigenheiten seiner verschiedenen Gegenstände en détail zu beschreiben suchte. Anders gesagt: Es ist fraglich, ob der Fokus auf das Erzählen in allen Fällen geeignet ist, die literarische bzw. mediale Spezifik des jeweiligen Gegenstandes herauszustellen. Positiv vermerkt sei jedoch, dass der Fokus auf die Beziehung von Erzählen und Wissen einen roten Faden durch die Beiträge zieht, den man in vielen Sammelpublikationen vermisst.

Das Fazit (kurz & knapp): Der Band eröffnet sowohl in historischer wie in medialer Perspektive eine breitere Auseinandersetzung mit dem Feld der kleinen Formen und erweitert damit Gegenstandsbereich und methodischen Zugang.

Die Germanistin Eva Axer  leitet seit 2017 am ZfL das Forschungsprojekt Formen und Funktionen von Weltverhältnissen.