Eva Geulen/Ernst Müller: REDEN ZUR VERLEIHUNG DES CARLO-BARCK-PREISES AN KEVIN LIGGIERI

Am 31. Januar fand am ZfL die Verleihung des Carlo-Barck-Preises an Kevin Liggieri statt. Liggieri erhielt den Preis für seine Dissertation Zur Kultur- und Begriffsgeschichte der ›Anthropotechnik‹. Eine Untersuchung programmatischer Diskurse zwischen ›Menschenzucht‹ und ›Menschenbehandlung‹.

Wir dokumentieren hier die beiden Reden von Eva Geulen und Ernst Müller anlässlich der Preisverleihung.

Eva Geulen: Begrüßung

Sehr geehrte Mitglieder der Barck-Familie, sehr geehrter Preisträger, liebe Kolleginnen und Kollegen, verehrte Gäste,

sehr herzlich begrüße ich Sie zum heutigen Abend, an dem wir zum ersten Mal den künftig alle zwei Jahre zu vergebenden Carlo-Barck-Preis für eine Dissertation verleihen. Unser Preisträger heißt Kevin Liggieri, und Ernst Müller hat sich freundlicherweise bereit erklärt, die Laudatio zu halten. Mir erlauben Sie vorher einige einführende Worte.

Mit der Stiftung eines Carlo-Barck-Preises ehren wir eine Person und ein weit gespanntes Werk, die, was der Namensgeber im Nachwort zu Werner Krauss’ Roman Die nabellose Welt nicht ohne Ironie und in Anführungszeichen die weltgeschichtliche ›Wende‹ des Jahres 1989 nannte, in doppelter Richtung überschreiten: Person und Werk reichen in die Zeit zurück, als es kein ZfL gab, wohl aber ein Zentralinstitut für Literaturgeschichte der DDR, und Carlo Barck dort Leiter eines Bereichs für Theorie war. Werk und Person reichen aber auch hinüber in die Zeit danach, denn er war lange Jahre Ko-Direktor des ZfL und arbeitete noch bis zu seinem Tod 2012 als Berater im Projekt Begriffsgeschichte, war also im Hause, am Hause tätig, und das Werk wuchs weiter: mit der Zeit, an der Zeit, weil immer zeit- und gegenwartsbezogen, aber auch sehr verlässlich gegen jeweils herrschende Zeitgeister gerichtet, vor ’89, als in vielen Texten noch von ›uns‹ die Rede ist, und genauso unnachgiebig, kritisch, interventionsfreudig, als die erste Person Plural nicht nur aus seinem Diskurs zunehmend verschwand.

Zu den Projekten, den Arbeiten und Leistungen, die jene Zeitenwende überdauert haben, gehört das siebenbändige Wörterbuch Ästhetische Grundbegriffe, dessen Geschichte Petra Boden, auch sie damals vor Ort, in ihrer Studie So viel Wende war nie zu erzählen begonnen hat. Mit dem vom ZfL gemeinsam mit dem Deutschen Literaturarchiv Marbach in Arbeit befindlichen Antrag zur Erschließung des Carlo-Barck-Archivs wird diese Geschichte weitererzählt werden können.  

Am wissenschaftlichen Ertrag von Carlo Barcks Werk – den romanistischen Beiträgen im engeren Sinne, der Avantgardeforschung, den Editionen und den Beiträgen zu dem, was wir nun Theoriegeschichte nennen und der wir (wieder) einen Forschungsbereich gewidmet haben – kann kein Zweifel sein, aber es geht darin nicht auf. Es gibt nämlich einen schwer zu beschreibenden Überschuss, auch Querschüsse, Kurzschlüsse, vornehmlich in Gestalt von manchmal diskursiv zunächst schier unbegreiflichen, aber immer aufregenden Verschaltungen ganz verschiedener Autoren, Gegenstände und Perspektiven.

Nicht nur in seinen Beiträgen zum Wörterbuch zeigt sich, dass Carlo Barck Dinge zusammenbringen, zusammendenken konnte, die auf den ersten Blick gar nichts miteinander zu tun haben. Die wilde Mischung der in dem 1990 bei Reclam Leipzig erschienenen Band Aisthesis. Wahrnehmung heute oder Perspektiven einer anderen Ästhetik versammelten Texte – u.a. Deleuze und Heinz von Foerster, Foucault, Robert Wilson, Philipp Felix Ingold – ist schon ein staunenswertes intellektuelles Feuerwerk. Doch der im Anhang abgedruckte Briefwechsel der beteiligten Herausgeber – Karlheinz Barck, Peter Gente, Heidi Paris und Stefan Richter – gibt noch direkteren Einblick in die Werkstatt. Mit so groben wie treffenden Strichen wird dort das später im Wörterbuch sozusagen gediegen gewordene Projekt einer ›anderen Ästhetik‹ skizziert. Zur Lage damals vermerkt Barck:

Meine Beobachtung ist: wenn die Leute das Wort ästhetisch/Ästhetik hören, schalten sie entweder ab, wie Heiner [Müller], oder sie kriegen einen verzückten Schleier um die Augen und empfinden ein Prickeln in den höheren Körperregionen, das verdrängte Bedürfnisse niederer Regionen sublimiert. Also noch immer Weimar und nicht New York (z.B.). Ich fände es nicht schlecht, wenn wir abschließend dieses miserable deutsche Verständnis von Ästhetik und ästhetisch einmal gründlich locker auf die Schippe nehmen würden.

Gründlich locker, also gründlich UND locker. – So geschah es denn auch in sieben stattlichen Bänden. Allerdings braucht man nur Barcks Eintrag zum Wunderbaren zu lesen, um ermessen zu können, dass Carlo Barck sein Projekt einer anderen Ästhetik auch unter begriffsgeschichtlich gediegenen Bedingungen mitnichten aufgegeben hat. Zwar wird das Wunderbare in seinen verschiedenen Kontexten und Diskussionszusammenhängen seit der Antike sorgfältig und gründlich abgehandelt. Aber die Stoßrichtung des Ganzen lässt an Klarheit auch nichts zu wünschen übrig: Um das Wunderbare gegen den seit der Aufklärung (und mittelbar noch in der gegenläufigen Romantik) dominanten (?) Irrationalismusvorwurf in Schutz zu nehmen, führt er nicht nur »die surrealistischen Revisionen« ins Feld, sondern flicht – so lässig wie gewagt, so gründlich wie locker – in seine eigene Fragestellung ein Luhmannzitat ein: »Ist das ästhetisch Wunderbare«, fragt Barck an der herausgehobenen Stelle eines Schlussabsatzes, »nicht vielmehr als subversiver Störenfried integraler Bestandteil einer Dialektik der Aufklärung und bleibt in der Tradition seiner Doppelbedeutung von Bewunderung und ›Außergewöhnlichem‹ nicht« – und dann das Zitat: »das genaue Gegenstück zu ihrem berühmt gewordenen Bruder, dem methodischen Zweifel des Denkens, vielleicht das weibliche Gegenstück: der Mann denkt, die Frau staunt«? Nun bezog sich Luhmann hier freilich eben nur auf die admiratio … Aber sei’s drum. Wer wollte denn Gründlichkeit gegen Lockerheit ausspielen, wenn Letztere dafür sorgt, dass Luhmann mit seinem antiquierten Vergleich ziemlich alt aussieht! Wenn Passion, die leidenschaftliche Parteinahme der glühende Kern von Carlo Barck, Person und Werk, wäre, dann kristallisiert sie nicht nur in Gründlichkeit und Lockerheit aus, sondern dann gehören zu ihren Formen auch Ironie und Komik.

Nicht nur die Familie, sondern viele ZfL-Kolleginnen und -Kollegen haben Carlo Barck sehr viel besser gekannt als ich selbst. Unsere flüchtige Bekanntschaft geht aber immerhin zurück auf das Jahr 2005, als ich unter Leitung von Helmut Lethen der Kommission des Wissenschaftsrates angehörte, die das ZfL hochoffiziell zu begehen hatte. Wie ausgerechnet ich, erst zwei Jahre zuvor planlos und ungeplant in Deutschland gelandet und mit dem hiesigen Wissenschaftssystem eigentlich komplett unbekannt, in diese Kommission geraten war, weiß ich bis heute nicht. Die Situation war jedenfalls enorm angespannt. Sigrid Weigel berichtete anschaulich und dringlich von den Nöten der Drittmittelfinanzierung am ZfL, dass man schon wenige Monate nach einer Bewilligung einen Fortsetzungsantrag zu stellen habe und wie vor allem die Arbeit an den Ästhetischen Grundbegriffen unter solchen Bedingungen zu leiden habe. Helmut Lethen wälzte beflissen Aktenordner – so kannte ich ihn eigentlich gar nicht –, die anderen Mitglieder der Kommission grübelten ebenfalls über Akten, ich tat eifrig auch mein Bestes, mich hineinzufinden in mir damals ganz unbekannte Lagen, Nöte und Prosaformen (na, das hat sich in der Zwischenzeit geändert …). – Dann sollte das Projekt der Ästhetischen Grundbegriffe in Augenschein genommen werden. Auch da: gespannte, sorgenvolle, nervöse und tiefernste Gesichter. Nach dem Ende der Präsentation raunte mir Carlo Barck zwischen Tür und Angel etwas zu. Ich weiß beim besten Willen nicht mehr, was es war, aber es war so komisch, dass ich mitten in all der angestrengten und anstrengenden Ernsthaftigkeit furchtbar lachen musste. Der düster ernste Begehungsritus war soeben gründlich locker auf die Schippe genommen worden. – Das muss man erst einmal bringen!

Auch mit dieser gewissermaßen rücksichtslosen, jederzeit und unter allen Umständen ausbruchsfähigen Heiterkeit erkläre ich es mir, dass sich die Mienen aller schlagartig erhellten, als ich vor Jahr und Tag nachfragte, ob denn ein Carlo-Barck-Preis eine gute Idee sei. Alle, aber wirklich alle, waren sofort überzeugt, dass das genau das Richtige sei. Und das ist es auch. Aus vielen Gründen und in vielen Hinsichten: wissenschaftlichen, persönlichen, institutionellen, historischen und politischen. Und dass es sich um einen Preis für den Nachwuchs handeln sollte, dem so die Gelegenheit zu einem längeren Aufenthalt gegeben wird, war uns allen ebenfalls sofort klar. Ein Preis wird erst dann wirklich, wenn es einen Preisträger gibt, und den haben wir mit Kevin Liggieri unter vielen Einsendungen glücklich ausgewählt. Und hiermit übergebe ich das Wort an meinen Kollegen Ernst Müller.

 

Ernst Müller: Laudatio

Lieber Kevin Liggieri, liebe Andrea Tralles-Barck, verehrte Familie Barck, liebe Kollegen,

wenn ich es richtig sehe, dann erleben wir heute gleich eine dreifache Premiere: Zum ersten Mal wird in diesem Jahr der Carlo-Barck-Preis verliehen, es ist wohl der erste Preis, den du, Kevin, für deine Dissertation bekommst, und es ist auf jedem Fall meine erste Laudatio für einen Wissenschaftspreis – und ich kann nur hoffen, dass ich diesem Genre irgendwie gerecht werde. Ich beginne mit einem kleinen Umweg.

Aus der Zeit, als Carlo Barck mich 1987 an den damaligen Theoriebereich des Zentralinstituts für Literaturgeschichte der DDR-Akademie holte, um an den Ästhetischen Grundbegriffen mitzuarbeiten, ist mir besonders eine seiner Arbeitsformen in Erinnerung geblieben. Barck notierte seine Funde und Ideen meist handschriftlich, mit roten und schwarzen Stiften, auf DIN-A6-großen Karten, mit Zitaten in einer der vielen von ihm beherrschten Sprachen, mit (oft kryptischen) bibliographischen Angaben und kurzen Kommentaren. Auf ihnen registrierte er seine Beobachtungen, besonders solche, mit denen er die disziplinär zementierten Grenzen zu überschreiten glaubte und die er gern mit der biologischen, auf die Sensillen der Gliederfüßer anspielenden Metapher umschrieb, man müsse seine ›Fühler‹ oder ›Antennen‹ ausstrecken.

Diese Karten wanderten aber nicht oder nicht nur, wie bei Luhmann oder Blumenberg, in einen in sich geschlossenen Zettelkasten. Sie waren nicht nur Vorstufen zu eigenen Texten, die dann nicht selten wie eine surreale Montage von Zitaten anmuteten. Die Karten, die man in seinen Fächern fand oder von ihm en passant überreicht bekam, waren vor allem für die freigiebige Zirkulation und Kommunikation bestimmt, sie sollten zugleich wissenschaftliche und freundschaftliche Gemeinschaft stiften. Später wurde mir klar, dass sie vielleicht versinnbildlichten, was Barck mit dem Wörterbuch eher initiieren wollte als die siebenbändigen ›Pyramiden des Geistes‹: ein symphilosophisches, ein lebendiges, ein an den Gegenwartsfragen orientiertes Projekt, eben ein work in progress, wie er das Wörterbuch gern nannte. Eine Geste, die sich weder mit Fünfjahresplänen verträgt noch mit DFG-Fristen, für die Barck nur gesunde anarchische Verachtung übrig hatte, und die bestenfalls so lange ein wenig funktionierte, wie ökonomische Effizienzkriterien und Evaluationsrhythmen sowie das Denken im Überlebensmodus die Wissenschaften noch nicht so unterminierten.

Ich könnte mir nun vorstellen, von Barck eines Tages eine dieser Karteikarten mit der Bemerkung überreicht bekommen zu haben, es gebe da in Bochum einen interessanten ›jungen Vogel‹, zwar Germanist und Philosoph, der aber – dazu bei unserer früheren Kollegin Christina Brandt – eine lesenswerte Dissertation zur ›Anthropotechnik‹ geschrieben habe; zu einem Begriff, der bislang in keinem der begriffsgeschichtlichen Wörterbücher auftauche, bei dem aber zu überlegen wäre, ob wir ihn nicht in unseres aufnehmen sollten. Nahe liegt meine Fiktion nicht nur, weil es sich bei dieser Arbeit um eine Begriffsgeschichte handelt, sondern auch, weil Barck, nachdem er zunächst gegen den engen Literaturbegriff angekämpft hatte, sich mit und nach den Ästhetischen Grundbegriffen zunehmend einer Wissensgeschichte zuwandte, die, wie es dann bei ihm hieß, die Geisteswissenschaften nicht wesentlich als Gegensatz von Geist und Technik dächte, sondern Medien und Technik als Generatoren sozialen Wandels begreife. Bei Barck war dieser Gedanke auch durch Marx’ Bemerkung inspiriert, Darwin habe das Interesse auf die Geschichte der »natürlichen Technologie« gelenkt, man müsse sie nun durch eine »kritische Geschichte« der menschengemachten Technologie ergänzen. Mit Benjamin fasste Barck, der selbst etwa über den Blitzkrieg oder (mit Martin Treml) zum Zusammenhang von Medien- und Kriegsgeschichte geschrieben hatte, diese außer Kontrolle geratene Geschichte nicht als eine des Fortschritts, sondern der Katastrophe.

*

Damit bin ich mitten drin in der hier zu würdigenden Arbeit. Denn solche Parallelisierungen von biologisch-evolutionärer und industrieller Technologie gehören selbst dem untersuchten Diskurs der preisgekrönten Arbeit an. Kevin Liggieri hat mit ›Anthropotechnik‹ einen Begriff untersucht, ihn überhaupt erst in seiner historischen Bedeutung entdeckt, der über den Zeitraum von mehr als 150 Jahren Engführungen der menschlichen Natur und der auf sie gerichteten Techniken anzeigt. Der Gegenwart ist der Begriff vor allem durch Peter Sloterdijk präsent, doch obwohl dieser sich auch auf historische Vorkommen des Begriffs beruft, ist ihm und der durch seine Schriften, etwa der zum Menschenpark, ausgelösten Debatte nur ein verkürztes historisches Bedeutungsspektrum gegenwärtig. Liggieris Begriffsgeschichte leistet hier Aufklärung, und nicht allein aus diesem Grund entspricht seine Arbeit dem Anliegen des Preises auf besondere Weise, eine Dissertation aus den Literatur- und Kulturwissenschaften auszuzeichnen, die durch innovative Fragestellung und originelle Anlage besticht.

Die Kulturgeschichte, die die Arbeit erzählt, ist nicht an einer Idee, nicht an einem Problem, sondern tatsächlich zunächst am Wort orientiert. Das Erstaunliche aber ist, dass es Kevin Liggieri gelingt, anhand dieses scheinbar gar nicht so prominenten Signifikanten eine Geschichte aufscheinen zu lassen, in der gerade über alle Brüche, alle Neueinsätze, alles Vergessen sowie über den Glauben wichtiger Protagonisten hinweg, sie würden mit dem Kompositum einen Neologismus prägen, so etwas wie ein unbewusster Problemzusammenhang aufscheint. Er betrifft die für die Moderne wesentliche Spannung von anthropos und techné, also des (vor allem biologisch) gedachten Menschen und der zur Technik verkürzten techné, sowie Versuche, sie durch »planvolle, durch Wissen vermittelte Zugriffe auf den Menschen« zu synthetisieren. Die Form dieser Synthesen, die Konzepte der Menschenoptimierung, die Semantik von ›Anthropotechnik‹ also ändert sich mit den historischen Kontexten und den jeweiligen Wissensordnungen. Durch ihre Einbeziehung vermeidet der Autor die Gefahr vieler Begriffsgeschichten, den Begriff selbst als Subjekt zu fassen. In seiner durchdachten Verbindung von Begriffs- und Diskursgeschichte (unter Einbeziehung von Praktiken) zeigt Liggieri sehr plausibel, wie sich Begriffe in größeren Sinneinheiten konstituieren bzw. sich in einem sich ändernden Milieu selbst verändern.

Im Mittelpunkt der Arbeit stehen eher unbekanntere Protagonisten. Und wie Liggieri ein anderes Buch den Bad Boys der Philosophie widmete, so interessierten auch den Romanisten Barck eher diejenigen, die den Wissenschaften und Künsten als provozierende Randgestalten galten: Fourier, Blanqui und die frühsozialistisch-anarchistische Tradition, Dichter, die er auch als Epistemologen las, wie Poe, Rimbaud, Franz Jung oder Heiner Müller, Benjamin, vor allem vor seiner kulturwissenschaftlichen Einverleibung, Medientheoretiker wie McLuhan und Harold Innis, Deleuze oder Friedrich Kittler – vielleicht auch Sloterdijk.

Kevin Liggieri hat trotz der Vielzahl der von ihm dargestellten begrifflichen Okkurrenzen, Filiationen, Wechselbeziehungen und semantischen Überschneidungen einen scharfen Blick für epistemische Zäsuren, die auch die Gliederung seiner Arbeit bestimmt: Die erste Phase der Begriffsentwicklung, die er zwischen 1850 und 1950 ansetzt und die er mit der spezifischen Übersetzung von Darwin ins Französische beginnen lässt, ist durch die Übertragung des zoologischen und evolutionstheoretischen Züchtungsmodells auf den Menschen geprägt. Der Darwinismus ist Katalysator der Anthropotechnik, die wesentlich als ›Menschenzucht‹ verstanden und in verschiedenen Diskurse (der Pädagogik, Ethnologie, Demographie, Politik etc.) der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zunehmend praktisch-plastisch gedacht wird.

Die zu würdigende Arbeit ist mit ihrem Gegenstand transnational ausgerichtet. Und wenn Carlo Barck möglicherweise mit work in progress auch den ursprünglichen Titel von James Joyces Finnegans Wake und seine lose verknüpften, in vierzig Sprachen erzählten Einzelgeschichten assoziiert hatte, so untersucht Liggieri vorbildhaft die semantischen Transfers, die Effekte der Übersetzung des Wortes vom Englischen ins Französische, vom Französischen in den deutsch-polnischen, von dort in den russischen Sprachraum. Ihm gelingt es, Missing Links zu finden, etwa zwischen dem Franzosen Georges Vacher de Lapouge und der deutsch-polnischen Soziologie um 1900, zwischen dieser und der Soziologie des polnisch-russischen Raums. Nietzscheaner und nietzscheanische Marxisten (Nikolaj Fedorov, Aleksandr Bogdanov) begriffen unter ›Anthropotechnik‹ zunehmend die plastische Praxis, den ›neuen Menschen‹ zu schaffen. Im Anschluss an andernorts entwickelte Diskurse wird im russisch-sowjetischen Kontext der Züchter zum Sozialingenieur. Wem anthropotechnisch künstliche Insemination zwischen Menschen und zwischen Mensch und Tier als Optimierung erscheint, der kann natürlich Liebe nur als »Perversion des Fortpflanzungsinstinktes« fassen.

Der zweite Teil der Begriffsgeschichte beginnt in den 1960er Jahren und hat die historische Diskreditierung der eng mit der Eugenik zusammengedachten Anthropotechnik zur Voraussetzung. Es gehört zu den interessanten – für die Verdrängungskultur der frühen Bundesrepublik vielleicht sinnbildhaften – Resultaten der Arbeit, dass Anthropotechnik nun von ihren Verfechtern explizit als Neologismus und ohne Bezug auf seine eugenische Vorgeschichte eingeführt wird. Als Menschenbehandlung erscheint der Begriff in weicheren Diskursen, wie sie uns bis heute als Human Engineering begegnen. Doch auch für diese jüngere Geschichte scheint Benjamins Satz, dass jedes Dokument der Kultur zugleich eines der Barbarei sei, ebenso zuzutreffen wie Kittlers bekanntes Diktum vom »Mißbrauch von Heeresgerät« oder Barcks Hervorhebung der Disziplinierung des Körpers und der Imagination als Bedingung des Fortschritts. Zeigen Kevin Liggieris Archivfunde doch sehr eindrücklich, dass der wirkungsvolle Propagandist dieses Begriffs, Heinz von Diringshofen, ehemals Nazi und hoher Wehrmachtsoffizier, seine Theorie der Schnittstelle zwischen Technik und Mensch, die gegenüber der biologischen Optimierung menschenfreundlich erscheinen mag, im Rüstungskonzern Bölkow (später Messerschmitt-Bölkow-Blohm) am Problem einer optimierten Steuerung von Kampfflugzeugen entwickelte. Von dort wandert Anthropotechnik in Diskurse der Technik- und Arbeitswissenschaft, wobei dann – im Zeichen postfordistischer Produktion – die Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine als Ort der Optimierung erscheint.

Ich denke, es ist deutlich geworden, dass Kevin Liggieris Arbeit zahlreiche Bezüge zu den Forschungsbereichen des ZfL aufweist, zur Theoriegeschichte mit ihrem begriffsgeschichtlichen Schwerpunkt ohnehin, vor allem zum Lebenswissen, aber auch zur Weltliteraturforschung in einem weiten Sinn. Begriffsgeschichtliche Arbeit ist im besten Sinne interdisziplinär, und der Autor bewegt sich in verschiedensten Spezialdiskursen, die vom Rasse- und Eugenikdiskurs und der Thermodynamik über die Psychologie und Medizin bis zur Flugtechnik und Ergometrie reichen. Mit Benjamin hatte Barck gegen die »Lehre vom Gebietscharakter der Künste und Wissenschaften« angeschrieben. Ressortdenken der Disziplinen, die Akzeptanz der Grenzen zwischen Politik und Ästhetik, zwischen Kunst und Wissenschaft, waren für ihn Erkenntnishindernisse, und sein Konzept des ästhetischen Denkens meinte vielleicht vor allem deren schwierige Überwindung. Barck hat Interdisziplinarität nicht als etwas verstanden, das sich erübrigt, wenn neue Lehrstühle mit neuen Gebieten entstehen, als könne sich die Literaturwissenschaft dann wieder beruhigt ihren eigentlichen Gegenständen zuwenden. Mit der Disziplinen überschreitenden Begriffsgeschichte war es ihm ziemlich ernst. Als ich – nicht lange vor 2012 – in einem Aufsatz, eher aus einem Versehen heraus, die Ästhetischen Grundbegriffe unter den disziplinären Wörterbüchern rubrizierte, ihn nach diesem Fauxpas um Absolution bat, bekam ich in einer E-Mail die knurrig-ironische Antwort:

Vielleicht auf dem jenseitigen Stern Syrius, wohin ich reise, um meinen Freund Blanqui zu treffen. Jetzt bin ich erst mal sauer (wäre auch ein transdisziplinärer Begriff!). Carlo.

Lieber Kevin Liggieri, ich beglückwünsche dich herzlich zu diesem Preis und wünsche dir, neben einem erfolgreichen akademischen Fortkommen, dass du, im Sinne des Namensgebers dieses Preises, dessen mokantes Lächeln ich mir vorstellen kann, wenn er davon erfahren hätte, dass ein akademischer Preis nach ihm benannt worden ist, dir deinen interdisziplinären, auch kritischen Ansatz ebenso bewahrst wie den freundlichen und offenen Gestus einer fröhlichen Wissenschaft, den wir in deiner Zeit als Gast am ZfL erlebt haben.